Freitag, 25. Dezember 2015

Gott, der Menschenfreund. Vielleicht ganz normal. Und doch anders...

Predigt zu Weihnachten 2015 (Titus 3,4-7)
 
Doch dann erschien die Güte
und die Menschenfreundlichkeit Gottes,
unseres Retters –
und zwar unabhängig von irgendwelchen Taten,
die wir in unserer Gerechtigkeit vollbracht hätten.

Sondern er hat uns seine Barmherzigkeit geschenkt:
Er hat uns gerettet
durch das Bad,
aus dem wir neu geboren werden.
Denn mit diesem Bad erhalten wir
das neue Leben durch den Heiligen Geist.

Den hat er in reichem Maß über uns ausgegossen
durch Jesus Christus, unseren Retter.
Durch diese Gnade
werden wir von Gott als gerecht angenommen.

Und damit werden wir zu Erben des ewigen Lebens  –
so wie es unserer Hoffnung entspricht.

(Titus 3,4-7, Basisbibel)

I.
Müde und verstaubt betreten sie das Haus,
der Mann und die Frau aus Karlsruhe.
Der Weg war schön, das Wetter hat gepasst.
Aber nach der stundenlangen Wanderung
ist es nun gut, dass sie hier essen können.
Sie waren schon einmal hier in Zapfendorf, Oberfranken,
vor ein paar Jahren.
Das Gasthaus hat sich verändert, irgendwie.
Andere Besitzer.
Keine Franken.
Aber freundlich sind sie.
Und sauber.
Tischen Brot und Salat und Käse auf.
Und Tee.
Als die Wanderer bezahlen wollen,
wollen die Gastwirte kein Geld.
Ihr seid unsere Gäste. Wir leben hier.
Syrische Bewohner einer Flüchtlingsunterkunft.

Menschenfreunde.
Ganz normal.
Und doch so anders.

Doch dann erschien die Güte
und die Menschenfreundlichkeit Gottes,
unseres Retters –
und zwar unabhängig von irgendwelchen Taten,
die wir in unserer Gerechtigkeit vollbracht hätten.


II.
Müde und verstaubt betreten sie die Hütte.
Die Hirten vom Feld.
Die Nacht kann auch in Palästina kalt sein.
Einsam ist sie vor allem.
Und dunkel.
Und schweigsam.
Doch heute ist alles anders.
Das Licht hat sie hierher gelockt.
Und ein Himmel voller Glanz.
Der einfach so über sie ausgegossen wurde.
Was erwarten sie?
Was hoffen sie?
Wärme? Brot und Käse?
Oder etwas viel Größeres?
Fürchtet euch nicht, hörten sie.
Aber so ganz trauen sie ihren Augen nicht.
Und ihren Füßen, die sie hierher gebracht haben, auch nicht.

Doch nun treten sie ein.
Müssen sich dafür erstmal bücken.
Und dann sind sie still.
Und wissen nicht, was sie sagen sollen.
Verlegen reiben sie ihre Hände an ihrer Weste.
Denn was soll man schon tun, wenn da ein Kind liegt.
Und sonst nichts.

Ungewohnt ist es.
Sonst scheinen sie immer zu stören.
Mit ihren rauhen Händen.
Und ihren rauhen Sprüchen.
Und ihren rauchen Gerüchen.
Hier aber nicht.
Hier riecht es nach „Willkommen“.
Hier fühlt es sich an nach „Setzt euch“
Hier hören sie „Schön, dass ihr da seid“.

Menschenfreunde.
Vielleicht ganz normal.
Und doch so anders.

Dann erschien die Güte
und die Menschenfreundlichkeit Gottes,
unseres Retters –
und zwar unabhängig von irgendwelchen Taten,
die wir in unserer Gerechtigkeit vollbracht hätten.


III.
(Für Folgendes danke an Michael Greßler)

Der freundliche Gott in einer feindlichen Welt.
Das Kind in der Krippe.
Er ist einfach mittendrin.
Gerade weil die Welt so ist, wie sie ist.

Der menschenfreundliche Gott.
Er kämpft nicht, sondern er kommt einfach.
Er greift nicht an, sondern er wird geboren.
Er wehrt sich nicht. Er trägt alles, was man ihm auflegt.

Das Bethlehemskind ist kein Soldat.
Und kein Attentäter.
Und kein Fremdenhasser.
Gott ist ein Neugeborenes.
Unbewaffnet.
Nur einfach da.
Auf dass er die Welt wasche
von allem, was unmenschlich ist.

IV.
(Danke für das Folgende an Anne Gidion, Göttinger Predigtmeditationen)

Der menschenfreundliche Gott.
Auf der einen Seite.
Auf der anderen Seite: Wir.
Tun, was wir eben so tun.
Verschenken Dinge.
Essen und Trinken zu viel.
Oder:
sind allein.
Wären es gerne nicht.
Bekommen Geschenke.
Hätten gerne andere.
Hätten das Fest gerne anders, irgendwie.
Haben uns verausgabt
und sind jetzt pleite.
Oder ausgelaugt.
Wissen nicht, wie das neue Jahr werden soll.
Sind mit falschen Menschen am falschen Ort
und träumen von Menschen, mit denen wir nicht sein dürfen,
an Orten, die es nicht gibt.
Schon passiert an Heiligabend.

Ja, wir.
An vielen Tagen unfreundlicher als uns gut tut.
Berechnen, ob das Gegenüber mein Lächeln verdient hat.
Setzen Bilder in die Welt, damit die anderen das auch so sehen.
Nein, der hat Freundlichkeit nicht verdient.
Und die da auch nicht.
Denn vielleicht will die mich ja ausnutzen?
Ich lass doch nicht einfach Hirten in meinen Stall!
Und Fremde nicht in mein Herz.
Und Flüchtlinge nicht in meinen Stadtteil.
Mir wurde auch nichts geschenkt.

Ja, wir.
In einer unfreundlichen Welt.
Wo eine Scheidung ein Leben ruinieren kann.
Wo Kinder nicht zu ihrem Vater dürfen, weil die Mutter es nicht will.
Oder Mütter allein gelassen werden
und sehen müssen, wie sie zurecht kommen.
Wo Bomben auf Menschen fallen, deren Häuser sowieso schon kaputt sind.
Wo ein einst blühendes Land zerstört wird.
Und wir leben auch noch gut davon.

Ja, wir - auf der anderen Seite.
Auf den Feldern einer unfreundlichen Welt.
Und Gott mittendrin.
Doch heute treten wir ein in die Hütte.
Staubig und müde vielleicht -
selbst wenn wir die schönsten Kleider anhaben.
Wir treten ein.
Und hoffen, dass wir willkommen sind.
Dass wir auf Menschenfreunde treffen.
Vielleicht ganz normal.
Und doch so anders.

V..
Er hat uns seine Barmherzigkeit geschenkt:
Er hat uns gerettet
durch das Bad,
aus dem wir neu geboren werden.
Denn mit diesem Bad erhalten wir
das neue Leben durch den Heiligen Geist.


Gott ist da - in dieser unordentlichen Hütte.
Im Stall. Mitten im Leben.
Gott ist menschenfreundlich.
Und zwar richtig.
Er sieht dir freundlich ins Gesicht.
Er sagt „Willkommen“ und „Setz dich“ und „Schön, dass du da bist“
Er räumt auch nicht extra für dich auf,
weil er weiß, dass du dich dann nicht schämen musst für deine Unordnung.
Gott füllt dir aber warmes Wasser in die Badewanne,
gibt dir ein großes Handtuch und ein Stück Seife.
Dann lässt er dich allein.
Und du kannst in die Badewanne steigen,
und den ganzen Dreck aufweichen.
Das warme Wasser hüllt dich ein,
macht nicht nur den Dreck weich, sondern auch die Muskeln.

Irgendwann ist dann genug.
Du steigst heraus.
Und obwohl das Wasser so wohlig warm war, bist du erfrischt.
Wie neugeboren halt.
Denn jetzt bist es nur noch du, die da ist.
Du, so wie du bist.
Ohne Schminke. Ohne Maske. Ohne Schmuck.
Und ohne den Schmutz und Staub deines Lebens.

Deine Vergangenheit ist dabei.
Aber die ist weich geworden,
wie die vom Wasser verschrumpelten Finger.

Auch deine Zukunft ist dabei,
die, die dir Sorgenfalten auf die Stirn bringt.
Aber die hast du vor dich abgelegt.
Sie lastet nicht mehr auf den Schultern.

Du richtest dich auf.
Bist ganz da und trittst an den Tisch.
Da sitzt Gott schon.
Mit Menschen, die du kennst.
Und auch welchen, die du noch nicht kennst.
Und Gott gibt dir Brot und Käse.
Und will nicht, dass du dafür bezahlst.

VI.
Ja, Gott ist schon längst da.
Im Stall. In unserem Leben.
In unserer Unordnung.
Gott, der Menschenfreund.
Vielleicht ganz normal.
Und doch so anders.

Gott, der uns liebt.
Der die beste Variante von uns sieht.
Der lächelt, wenn wir straucheln.
Bei ihm sind wir schön.
Durch ihn leben wir neu.
Frisch wie nach einem Bad.
Wie ein Kind, das sich alles vorstellen kann:
Blumen pflücken im Winter,
eine Katze streicheln,
wie der kleine Lord den unfreundlichen Großvater umkrempeln,
der traurigen Verkäuferin einen Lutscher schenken.
So fühlt es sich an, wenn der Geist wirkt.
Und den schenkt uns Gott.
Wie warmes Wasser, das uns umspült.
So viel, wie nötig.
Üppig und immer wieder.

VII.
Die Hirten nehmen die Wärme mit.
Die Freundlichkeit des Kindes.
Den Geist, der sie üppig wie Wasser umspült hat.
Das „Schön, dass ihr da seid“.
Das „Setzt euch“.
Und den Willkommensgeruch.
Sie nehmen es mit.
Und erzählen davon.

Kann man von Gerüchen erzählen?
Und von Wärme, die den ganzen Körper erfasst und die Seele?
Kann man davon erzählen, dass es schön war, da zu sein?
Dass die Welt hinterher anders aussah?
Freundlicher?

Die müden Hirten können es.
Und das staubige Wandererpaar aus Karlsruhe kann es.
Es öffnet uns die Augen für den menschenfreundlichen Gott.
Ja, für eine freundliche Welt,
in der wir leben.
Mit einem Gott, der liebt.
Und heil macht.
Und wärmt.
Einfach so.

Menschenfreund.
Erschienen im Kind.
Vielleicht ganz normal.
Und doch so anders.

Dann erschien die Güte
und die Menschenfreundlichkeit Gottes,
unseres Retters...
Er hat uns gerettet
durch das Bad,
aus dem wir neu geboren werden.


Amen.

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