Sonntag, 27. August 2023

Siehst du diese Frau?

Von großzügiger Gastfreundschaft und tränenreichen Begegnungen

Predigt zu Lukas 7, 36 - 50
(mit Dank an Anneke Ihlenfeld und Jonathan Overlach für Inspirationen!)

 
Einer der Pharisäer lud Jesus zum Essen ein.
Jesus ging in das Haus des Pharisäers und legte sich zu Tisch.
In der Stadt lebte eine Frau, die als Sünderin bekannt war.
Sie erfuhr, dass Jesus im Haus des Pharisäers zu Gast war.
Mit einem Fläschchen voll kostbarem Salböl ging sie dorthin.
Die Frau trat von hinten an das Fußende des Polsters heran, auf dem Jesus lag.
Sie weinte so sehr, dass seine Füße von ihren Tränen nass wurden.
Mit ihrem Haar trocknete sie ihm die Füße, küsste sie und salbte sie mit dem Öl.
Der Pharisäer, der Jesus eingeladen hatte, beobachtete das alles und sagte sich:
»Wenn Jesus ein Prophet wäre, müsste er doch wissen,
was für eine Frau ihn da berührt – dass sie eine Sünderin ist.«
Da wandte sich Jesus an ihn und sagte: »Simon, ich habe dir etwas zu sagen.«
Er antwortete: »Lehrer, sprich!«
Jesus sagte: »Zwei Männer hatten Schulden bei einem Geldverleiher:
Der eine schuldete ihm fünfhundert Silberstücke, der andere fünfzig.
Da sie es nicht zurückzahlen konnten, schenkte er beiden das Geld.
Welcher von den beiden wird den Geldverleiher dafür wohl mehr lieben?«
Simon antwortete: »Ich nehme an der, dem der Geldverleiher mehr geschenkt hat.“
Da sagte Jesus zu ihm: »Du hast recht.«
Dann drehte er sich zu der Frau um und sagte zu Simon: »Siehst du diese Frau?
Ich kam in dein Haus, und du hast mir kein Wasser für die Füße gebracht.
Aber sie hat meine Füße mit ihren Tränen nass gemacht und mit ihren Haaren getrocknet.
Du hast mir keinen Kuss zur Begrüßung gegeben.
Aber sie hat nicht aufgehört, mir die Füße zu küssen, seit ich hier bin.
Du hast meinen Kopf nicht mit Öl gesalbt. Aber sie hat meine Füße mit kostbarem Öl gesalbt.
Deshalb sage ich dir: Ihre vielen Sünden sind ihr vergeben. Darum hat sie so viel Liebe gezeigt.
Wem aber wenig vergeben wird, der zeigt auch nur wenig Liebe.«
Dann sagte Jesus zu der Frau: »Deine Sünden sind dir vergeben.«
Die anderen Gäste fragten sich: »Wer ist dieser Mann, der sogar Sünden vergibt?«
Aber Jesus sagte zu der Frau: »Dein Glaube hat dich gerettet. Geh in Frieden.«


1.
Siehst du diese Frau? (3)

Du meinst du kennst sie.
Als "Sünderin" ist sie bekannt im Ort.
Die Leute zerreißen sich das Maul über sie.
"Hast du schon gehört, sie soll…."
"Ach ja, und letztens hat man über sie erzählt, dass…"
"Und der Cousin meines Freundes sagt, dass sie…."
Aber was weißt du wirklich?

Ja, auch wir meinen zu wissen, wer sie ist.
Die Ausleger der letzten 2000 Jahre haben aus ihr eine Prostituierte gemacht.
Bei Sünde und Frau denkt man sofort an Sex. An unerlaubten Sex.
Aber vielleicht hat sie ja auch Geld unterschlagen?
Oder ein Kind geschlagen? Oder ein böses Gerücht verbreitet?
Lukas schreibt nichts darüber. Nur "Sünderin".

„Sünderin“ -
Vielleicht ist sie nur eine Frau, die kein Mann absichert;
und die dadurch am Rande der Gesellschaft steht.
„Sünderin“, sagt man über sie und zeigt mit dem Finger auf sie,
so dass sie ihr Gesicht verliert und ihren Namen.
„Sünderin“, so redet man über sie, nicht mit ihr.
Mit jedem Mal gewinnt dieses Wort mehr Gewicht,
es wird immer "richtiger,"
bis niemand mehr hinterfragt, was eigentlich dahintersteckt.
So funktioniert Ausgrenzung, Abgrenzung.
Das Prinzip dahinter ist immer das Gleiche.
Eine „Sünderin“ war es zu Jesu Zeiten, später „die Saujuden“,
die „dreckigen Flüchtlinge“, die „Roten“, die „Schwulen“.
Die Bezeichnungen haben gewechselt,
das Prinzip ist über die Jahrtausende das gleiche geblieben. (1)

2.
Siehst du diese Frau? Du meinst du kennst sie.
Aber das stimmt vielleicht nicht.
Darum sieh hin. Sieh, was sie tut.

Sie kommt in dein Haus. Die Gäste sind schon da und fühlen sich wohl.
Jesus ist auch da. Und auch ihm geht es gut.
Darauf achtest du als guter Gastgeber.
Deinen Gästen soll es an nichts fehlen.
Aber plötzlich ist sie da. Mit einem Fläschchen mit kostbaren Salböl.
Sie geht zu den Füßen von Jesus, fängt an zu weinen,
küsst die Füße von Jesus und dann öffnet dann die Flasche und salbt diese Füße.

Das hast du beobachtet. Mehr nicht. Aber es regt dich auf.
Denn sie gehört ja nicht hierher. Sie nicht. Auf keinen Fall eine wie sie.
Und sie stört die Abläufe. Die Stimmung ist plötzlich umgeschlagen.
Was soll das, denkst du?

3.
Aber du fragst sie nicht. Du sprichst nicht mit ihr. Was hätte sie dir geantwortet?

Ich konnte nicht anders, hätte sie vielleicht gesagt.
Als ich hörte, dass Jesus hier ist, musste ich kommen. 
All meine Ersparnisse hab ich für das Salböl aufgebraucht. 
Die Tür war offen. Mein Herz hat geklopft vor Aufregung.
Jesus zu finden war einfach: Er war der Einzige hier, den ich nicht kannte. 
Aber ehrlich, ich konnte ihn nicht ansprechen.
Wer bin ich schon? Ich konnte mich nur zu seinen Füßen setzen, bloß nicht den Kopf heben.
Und plötzlich kamen die Tränen. Sie schossen mir in die Augen und liefen mein Gesicht hinab.
Sie tropften auf seine Füße. 
„Was tue ich hier eigentlich?“ Fragte ich mich.  (2)
Aber es hat sich was in mir gelöst. Ich fühlte mich besser.
Denn er schickte mich nicht weg. Er sah mich einfach nur an.

Und als ich dann die Flasche öffnete, war da dieser betörende Duft nach Lavendel und Rosmarin.
„Das tut ihm bestimmt gut!“ Dachte ich.
Ich musste die Füße damit einreiben, die mit denen er hierher gekommen ist -
ganz schön dreckig waren sie noch.
Aber das machte nichts. Und als Jesus lächelte, wusste ich, dass es richtig war.
Ich habe ihm einfach alles gegeben, was ich hatte. Mehr hatte ich nicht.

Ich habe nicht so ein großes vornehmes Haus wie du.
Ich habe keinen guten Ruf wie du. Man spricht über mich, das weißt du.
Aber Jesus ist anders. Der schaut mich anders an als ihr.

4.
Siehst du diese Frau?
Rede nicht über sie, sondern mit ihr.
Frag sie nach ihrem Namen. Und wie du ihr vielleicht helfen kannst. 
Was sie von dir braucht. Oder den anderen. Oder von der Gesellschaft.
Ja, sie stört deine Männergesellschaft.
Und sie verstört dich. Aber sieh genau hin.
Sieh auf ihre grenzenlose, verschwenderische Liebe.
Sieh ihre Einsamkeit, ihre Trauer. Ihre Tränen. Ihre Dankbarkeit.
Und erkenne, dass sie zur wahren Gastgeberin wird: Sie, diese Sünderin.
Denn sie tut mehr als die damalige Sitte von einem Gastgeber verlangt:
nicht nur Wasser für die Füße,
sondern Salböl, das eigentlich für die Kopf bestimmt ist.

5.
Und dann schau auf Jesus. Was tut er?
Er kommt in dein Haus. Ist dein Gast.
Aber dann schaut er auf diese namenlose Frau, die ihr alle verurteilt.
Anstandsregeln spielen für ihn keine Rolle.
Was ganz und gar ungehörig daherkommt, bleibt bei Jesus nicht unerhört. (3)
Und auf einmal wird auch er zum Gastgeber. In deinem Haus.
Jesus sieht nur die Liebe dieser Frau, ihr übervolles Herz, und das genügt.
Jesus sieht ihre Einsamkeit, ihre Trauer, ihre Tränen.
Und wie sie sogar seine schmutzigen Füße salbt und küsst.

Und dann gibt ihr seine Liebesgabe:
Er erklärt all die Urteile, auch ihre eigenen über sich selber, für Null und Nichtig.
Befreit sie und macht sie groß.
Mit einem Wort schenkt er ihr den so lang ersehnten Frieden. (1)

6.
Und dann nimmt Jesus auch dich in den Blick.
Spricht dich an. Jetzt bist du dran.
Jesus spricht in deiner Sprache zu dir.
Sodass du erkennst: Liebe ist verschwenderisch.
Gott ist viel großzügiger als du denkst.
Gnädiger als du es gewohnt bist.
Die namenlose Frau hat es erkannt. Und deshalb ist sie selber großzügig.
Sprengt alle Grenzen. Weil Gott sich auch nicht an die Grenzen hält.

7.
So sieh diese Frau, du geliebtes Kind Gottes.
Lerne von ihr. Und von Jesus.
Sei großzügig mit deiner Liebe.
Sei ein noch besserer Gastgeber.
Sei noch gastfreundlicher als du es sowieso schon bist.
Du schaffst das, weil Gott dich liebt.
So wie du bist. Du musst nicht perfekt sein.
Aber genau zu dir ist Jesus gekommen und hat sich an deinen Tisch gesetzt.

Darum öffne dein Haus. Öffne dich.
Lass dich überraschen von diesem Jesus.
Öffne dein Herz für ihn und für die, die wir ausgrenzen und abstempeln.
Und es wird dich aus aller Enge frei machen.
Hole auch die an deinen Tisch, die da nicht hinpassen. Und salbe den Staub auf ihren Füßen.
Es wird dich weiter machen. Und groß.
Sage nicht: Lass mich in Frieden. Sondern: Friede sei mit dir. (1)

Und dann, ja, dann er wird zurück kommen.
Der Friede, welcher höher ist als all unsere Vernunft.
Er bewahre dein Herz und deine Sinne in Christus Jesus. Amen.


Anmerkungen:
(1) diese Passagen habe ich im Wesentlichen von Anneke Ihlenfeld
(2) Das habe ich von Jonathan Overlach
(3) Die Grundidee haben ich von Magdalene Frettlöh (Göttinger Predigtmeditation)



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