Dienstag, 24. Oktober 2023

Let it be - Loslassen, woran dein Herz hängt

Predigt im Rahmen der Predigtreihe "Was bleibt"
zu Mt 6, 19 - 34

I. Let it be

1968 ist für Paul McCartney ein unruhiges Jahr:
Die Konflikte innerhalb der Beatles nehmen immer mehr zu.
Wird es bald vorbei sein mit der Band?
Das Herzensprojekt seines Lebens. Die vielen großartigen Songs.
Die unglaublichen Konzerte. Der Riesenerfolg. Das alles soll bald nicht mehr sein?
Der Druck ist jedenfalls riesig.

Doch dann erscheint McCartney seine verstorbene Mutter Mary im Traum.
Paul hatte sie verloren, als er 14 Jahre alt war.
Später erzählt er: Mit sanfter und beruhigender Stimme sagte sie zu mir:
„Let it be!“. Lass es geschehen! Lass es los.
„Als ich aufgewacht bin, habe mich an das Klavier gesetzt und einen Song daraus gemacht“.

Es dauerte noch fast zwei Jahre, bis Let it be von den Beatles veröffentlicht wurde.
Es wurde zum Titellied ihres letzten Albums, sozusagen ihr Abschiedsgruß an die Welt.
Diese zwei Jahren waren kein gutes Ende einer phantastischen Band.
Aber der Song bleibt. Bis heute.
Mit seiner Botschaft: Es gibt schwierige Zeiten. Mit viel Streit und gebrochenen Herzen.
Aber damit bis du nicht allein. Es gibt ein Licht, das auch morgen noch scheint.
Was auch immer passiert. Words of wisdom. Let it be.

Let it be - Refrain instrumental

II. Widerspruch

Let it be - sind es wirklich „weise Worte“?
Words of wisdom in jeder Lebenslage?
Sind es Worte, die wir gerade jetzt brauchen?
Auf israelische Städte fallen Bomben, Zivilisten wurden ermordet.
Die Hamas missbraucht die palästinensische Bevölkerung.
Jüdische Freunde und Freundinnen leben in Angst - auch in Pforzheim.
Und im Netz tobt der Hass.
 Let it be?
Flüchtlinge gelten in Europa nur noch als Bedrohung. Die Rechten gewinnen Oberhand.
Der Golfstrom versiegt und die Gletscher schmelzen unaufhaltsam.
Let it be?

Manche machen das so. Let it be.
Lass mich in Ruhe damit. Hauptsache, mir geht es gut.
Ja, so lebt es sich "gut", bis es einen selber trifft.  

Und ja, diese Art von Let it be kennen wir auch aus unserer christlichen Tradition.
Du kannst ja sowieso nichts ändern. Gib dich zufrieden und sei still.

Und ja, einige, die das so sagen und sagten, berufen sich  sogar auf Jesus, wenn er sagt:

Macht euch keine Sorgen! Fragt euch nicht:
Was sollen wir essen? Was sollen wir trinken? Was sollen wir anziehen?
Um all diese Dinge dreht sich das Leben der Heiden.
Euer Vater im Himmel weiß doch, dass ihr das alles braucht.


Keine Panik. Immer mit der Ruhe. Nichts überstürzen.
So wurden und werden diese Worte zum Vertrösten benutzt.
Oder dafür, dass man ja, nichts ändern muss.
Let it be - heißt dann: Lass uns in Ruhe. Lass uns bloß nichts ändern.
Lass uns so weitermachen wie bisher.

Mich treibt das um. Dich auch?

Let it be - Refrain melancholisch anstimmen

III. Loslassen ist sinnvoll

Jesus will nicht vertrösten.
Jesus macht auch die Sorgenvollen nicht lächerlich.
Es geht gar nicht um die Sorgen, die ich mir um andere mache.
Es geht um die Sorgen, die ich mir um mich mache.
Um mein Hab und Gut. Um meine Gesundheit. Meine Privilegien.
Diese Sorgen kann man groß machen und politisch instrumentalisieren.
Grenzen zu. Mauern hoch. Mit dem Neid spielen.

Lasst es. Sagt Jesus.
Denn dieses Sorgen ist aus Irrtümern geboren.
Es gibt in diesem Leben keine letzte absolute Sicherheit. Punkt.

Es gibt aber auch das andere Sorgen.
Das, das keine Veränderung will. Das Angst davor hat.
Sorge um das, was mir Sicherheit verschafft.
Diese Sorge lässt mich festhalten, was ich kenne und was ich mir erarbeitet habe.
Sie lässt mich an Ideen und Werten und Gedanken klammern.
An Bildern und Normen und Meinungen.
Aber die Welt dreht sich. Die Welt verändert sich.
Und das macht auch mir manchmal Angst.
Wenn ich nicht mehr weiß, wo oben und unten ist
und die Nachrichten sich überschlagen,
wenn ich meine eigenen Kinder nicht mehr verstehe,
weil sie vieles anders leben und anders ausdrücken.
Was bleibt von dem, was mir wirklich wichtig ist?
Ja, diese Frage kenne ich nur zu gut.

Als die Zeit der Beatles zu Ende ging, fiel es Paul McCarthy sehr schwer, das zu akzeptieren. 
Sein Lebenswerk löste sich auf. Das tat weh.

Loslassen ist kein Wellness-Programm a la simplify your life -
jedenfalls nicht, wenn ich loslassen MUSS.
Wenn ich aufgeben muss, was mir lieb und wichtig ist, dann ist das nun mal verdammt schwer. 
In der Kirche erleben wir es gerade.
So vieles, was wir loslassen müssen: womit wir großgeworden sind, was uns vertraut ist.
Und ja, wir haben Sorge, ob die Kirche auch in Zukunft noch für uns da ist. 


Loslassen ist schwer. Gerade viele ältere Menschen wissen davon ein Lied zu singen.
Zu viele Menschen, die man verloren hat.
Und wenn der vertraute Partner stirbt, tut das besonders weh.
Diese riesengroße Lücke.
Die Gedanken: hätte ich ihm doch noch dies gesagt.
Oder warum hab ich damals so viel mit ihm geschimpft?
Loslassen - ja, irgendwann, aber doch noch nicht jetzt. Noch zu vieles, was ungeklärt ist.

Oder wenn der Abschied vom eigenen Haus ansteht.
Wenn klar ist, es geht nicht mehr alleine.
Meine Mutter hat damals Jahre gebraucht,
um sich mit dem Schritt anzufreunden, ins Pflegeheim zu gehen.
Sehr lange konnte sie es nicht akzeptieren, dass sie sich nicht mehr selber versorgen kann.
Irgendwann war dann der Punkt da.
Als sie merkte, wir, ihre Kinder, lassen sie dann nicht allein.
Als sie es spürte, dass wir ihre Angst ernst nahmen.
Wir sind da, Mutti. Wir sind auch dann da.
Aber wir haben dann dort weniger Angst um dich. Verstehst du das?
Ja, das verstehe ich.
Und dann, ja, dann mussten auch wir sie gehen lassen. Ganz gehen lassen.
Sie ließ uns los und wir ließen sie los. Let it be. Lass es geschehen.

Was fällt dir schwer loszulassen, obwohl du merkst: es ist dran?

    Let it be, let it be, let it be, let it be
    There will be an answer, let it be
    Let it be, let it be, let it be, let it be
    Whisper words of wisdom, let it be


IV. Loslassen macht frei

Ach, wenn es doch leichter wäre: das Loslassen.
Wenn mir doch auch meine Mutter im Traum erscheinen würde. Let it be.
Aber Jesus zeigt auf die Vögel unter dem Himmel. Schau hin. Sieh ihre schwerelose Leichtigkeit.
Und sieh die Wiesenblumen auf dem Felde. Ihre verschwenderische Farbenpracht.
Schau dir das an, sagt Jesus. Und lerne: Du bist eingebettet in ein viel Größeres.
Eingebettet in Gott.
Diese Vögel dort - diese Raben. Die werden so oft übersehen. Aber sie sind Gott wichtig.
Diese Blumen da - wie oft lauft ihr achtlos vorbei. Aber sie sind Gott wichtig.
Lerne von ihnen und von Gott:
ihnen traut keiner was zu, aber ihnen wachsen Flügel und bunte Blüten.

Und ich lerne, dass ich fliegen und blühen kann.

Ich lerne, dass es mich freier macht,  wenn ich meine Sorgen um mich loslasse.
Und ich weiß, dass Jesus sie für mich trägt
Es macht mich freier, wenn ich nicht mehr festhalten muss, was mir Sicherheit gibt.
Wenn ich festhalte, sind meine Hände nicht frei.
Wenn ich loslasse, können meine Hände aber Neues empfangen.
Und ich frage mich, was wirklich wichtig ist für mich.

Woran hängt dein Herz, fragt mich Jesus?
An der Sicherheit, am Vertrauten?
An der Fernsehserie, am Kirchengebäude,
an deinem Haus, an deinem Geld?
Oder an denen, die dir ans Herz gewachsen sind?
An Worten, die dir gut tun?
An Worten voller Weisheit? An Musik? Am Frieden?

Luisa Neubauer von Fridays for future hat mal Words of Wisdom gefunden:
„Die großen Schätze der Welt gilt es nicht zu sammeln.
Es gilt sie zu beschützen.
Es ist der Planet, die Schöpfung, die alles bereitstellt, was wir brauchen.
Wir müssen uns, wie die Vögel nicht sorgen - eigentlich - denn es ist alles da,
vorausgesetzt, wir gehen achtsam damit um. Es ist alles da.“ (1)


Es ist alles da. Sagt auch Jesus.
Gott ist da.
Euer Vater im Himmel weiß doch, dass ihr das alles braucht.

Let it be - ganz leichtfüßig….

VI. Woran mein Herz hängt

Ja, das will ich dir glauben, Jesus:
Alles ist da. Und die Ewige ist da.
Ihr überlasse ich meine Sorgen.
Von ihr lerne ich, dass mir die Welt dennoch am Herzen liegen kann.
Dass meine Sorge um sie Ausdruck meiner Liebe ist.
Und auch diese Liebe teile ich mit Gott.
Ich will glauben, dass Gott bei mir ist und mit mir ist,
und egal, was ich loslassen muss: ich bin nicht allein.
Ich sehe die Vögel und die Blumen und höre und sehe mich um in der Welt
und ich entdecke immer mehr Zeichen, dass Gott da ist:

Ein Abschiedssong, der auch nach über 50 Jahren noch tröstet.
Meine Mutter, die in Frieden sterben durfte - und wir waren da.
Ich höre die Geschichten von Geflüchteten, die hier in Sicherheit leben:
Warvan aus dem Irak und Fatima aus Syrien und Olga aus der Ukraine.
Und ich erlebe, dass wir mit unserem Rat der Religionen
an der Seite unserer jüdischen Freunde und Freundinnen stehen.
Gestern waren wir in der Synagoge, haben zusammen geredet und zusammen gebetet.
Ihre Sorgen sind unsere Sorgen.
Das ist nicht viel. Aber es gibt meiner Sehnsucht Flügel.
Weil wir nicht alleine sind.
Und weil unsere jüdischen Freund*innen erfahren, dass sie nicht alleine sind.
Und ich sehe, dass wir beieinander stehen gegen den Hass, der unsere Welt kaputt machen will.

Und ja, bei alledem, was ich auf einmal wieder sehe, spüre ich mein Herz schlagen.
Bei den Menschen, die für mich da sind, und für die ich da bin.
Hörst du mein Herz schlagen, Jesus?

Strebt vor allem anderen nach seinem Reich und nach seiner Gerechtigkeit –
dann wird Gott euch auch das alles schenken.


Ja, ich will dir glauben, Jesus. Trotz alledem, das mir Sorgen macht.
Will Licht für diese Welt sein. Will fliegen und blühen. Zusammen mit den anderen.
Ich lege dir meine Sorgen hin. Und meine Sehnsucht nach Frieden.
Nach Heilung für die Menschen in Israel und in der Ukraine.
Ich lege dir mein Herz hin.
Du hörst es schlagen.  Ich lege es in deine Hände.
Let it be!
Amen.

(1) https://www.berlinerdom.de/fileadmin/user_upload/01_Startseite-Home/Mediathek/Predigten/Predigten_zum_Nachlesen/2021/2021-02-28_Fastenpredigtreihe_Neubauer.pdf?v=1614595629


Danke an Sina Kaiser für die Idee, die Predigt mit dem Song "Let it be" zu gestalen!




Sonntag, 27. August 2023

Siehst du diese Frau?

Von großzügiger Gastfreundschaft und tränenreichen Begegnungen

Predigt zu Lukas 7, 36 - 50
(mit Dank an Anneke Ihlenfeld und Jonathan Overlach für Inspirationen!)

 
Einer der Pharisäer lud Jesus zum Essen ein.
Jesus ging in das Haus des Pharisäers und legte sich zu Tisch.
In der Stadt lebte eine Frau, die als Sünderin bekannt war.
Sie erfuhr, dass Jesus im Haus des Pharisäers zu Gast war.
Mit einem Fläschchen voll kostbarem Salböl ging sie dorthin.
Die Frau trat von hinten an das Fußende des Polsters heran, auf dem Jesus lag.
Sie weinte so sehr, dass seine Füße von ihren Tränen nass wurden.
Mit ihrem Haar trocknete sie ihm die Füße, küsste sie und salbte sie mit dem Öl.
Der Pharisäer, der Jesus eingeladen hatte, beobachtete das alles und sagte sich:
»Wenn Jesus ein Prophet wäre, müsste er doch wissen,
was für eine Frau ihn da berührt – dass sie eine Sünderin ist.«
Da wandte sich Jesus an ihn und sagte: »Simon, ich habe dir etwas zu sagen.«
Er antwortete: »Lehrer, sprich!«
Jesus sagte: »Zwei Männer hatten Schulden bei einem Geldverleiher:
Der eine schuldete ihm fünfhundert Silberstücke, der andere fünfzig.
Da sie es nicht zurückzahlen konnten, schenkte er beiden das Geld.
Welcher von den beiden wird den Geldverleiher dafür wohl mehr lieben?«
Simon antwortete: »Ich nehme an der, dem der Geldverleiher mehr geschenkt hat.“
Da sagte Jesus zu ihm: »Du hast recht.«
Dann drehte er sich zu der Frau um und sagte zu Simon: »Siehst du diese Frau?
Ich kam in dein Haus, und du hast mir kein Wasser für die Füße gebracht.
Aber sie hat meine Füße mit ihren Tränen nass gemacht und mit ihren Haaren getrocknet.
Du hast mir keinen Kuss zur Begrüßung gegeben.
Aber sie hat nicht aufgehört, mir die Füße zu küssen, seit ich hier bin.
Du hast meinen Kopf nicht mit Öl gesalbt. Aber sie hat meine Füße mit kostbarem Öl gesalbt.
Deshalb sage ich dir: Ihre vielen Sünden sind ihr vergeben. Darum hat sie so viel Liebe gezeigt.
Wem aber wenig vergeben wird, der zeigt auch nur wenig Liebe.«
Dann sagte Jesus zu der Frau: »Deine Sünden sind dir vergeben.«
Die anderen Gäste fragten sich: »Wer ist dieser Mann, der sogar Sünden vergibt?«
Aber Jesus sagte zu der Frau: »Dein Glaube hat dich gerettet. Geh in Frieden.«


1.
Siehst du diese Frau? (3)

Du meinst du kennst sie.
Als "Sünderin" ist sie bekannt im Ort.
Die Leute zerreißen sich das Maul über sie.
"Hast du schon gehört, sie soll…."
"Ach ja, und letztens hat man über sie erzählt, dass…"
"Und der Cousin meines Freundes sagt, dass sie…."
Aber was weißt du wirklich?

Ja, auch wir meinen zu wissen, wer sie ist.
Die Ausleger der letzten 2000 Jahre haben aus ihr eine Prostituierte gemacht.
Bei Sünde und Frau denkt man sofort an Sex. An unerlaubten Sex.
Aber vielleicht hat sie ja auch Geld unterschlagen?
Oder ein Kind geschlagen? Oder ein böses Gerücht verbreitet?
Lukas schreibt nichts darüber. Nur "Sünderin".

„Sünderin“ -
Vielleicht ist sie nur eine Frau, die kein Mann absichert;
und die dadurch am Rande der Gesellschaft steht.
„Sünderin“, sagt man über sie und zeigt mit dem Finger auf sie,
so dass sie ihr Gesicht verliert und ihren Namen.
„Sünderin“, so redet man über sie, nicht mit ihr.
Mit jedem Mal gewinnt dieses Wort mehr Gewicht,
es wird immer "richtiger,"
bis niemand mehr hinterfragt, was eigentlich dahintersteckt.
So funktioniert Ausgrenzung, Abgrenzung.
Das Prinzip dahinter ist immer das Gleiche.
Eine „Sünderin“ war es zu Jesu Zeiten, später „die Saujuden“,
die „dreckigen Flüchtlinge“, die „Roten“, die „Schwulen“.
Die Bezeichnungen haben gewechselt,
das Prinzip ist über die Jahrtausende das gleiche geblieben. (1)

2.
Siehst du diese Frau? Du meinst du kennst sie.
Aber das stimmt vielleicht nicht.
Darum sieh hin. Sieh, was sie tut.

Sie kommt in dein Haus. Die Gäste sind schon da und fühlen sich wohl.
Jesus ist auch da. Und auch ihm geht es gut.
Darauf achtest du als guter Gastgeber.
Deinen Gästen soll es an nichts fehlen.
Aber plötzlich ist sie da. Mit einem Fläschchen mit kostbaren Salböl.
Sie geht zu den Füßen von Jesus, fängt an zu weinen,
küsst die Füße von Jesus und dann öffnet dann die Flasche und salbt diese Füße.

Das hast du beobachtet. Mehr nicht. Aber es regt dich auf.
Denn sie gehört ja nicht hierher. Sie nicht. Auf keinen Fall eine wie sie.
Und sie stört die Abläufe. Die Stimmung ist plötzlich umgeschlagen.
Was soll das, denkst du?

3.
Aber du fragst sie nicht. Du sprichst nicht mit ihr. Was hätte sie dir geantwortet?

Ich konnte nicht anders, hätte sie vielleicht gesagt.
Als ich hörte, dass Jesus hier ist, musste ich kommen. 
All meine Ersparnisse hab ich für das Salböl aufgebraucht. 
Die Tür war offen. Mein Herz hat geklopft vor Aufregung.
Jesus zu finden war einfach: Er war der Einzige hier, den ich nicht kannte. 
Aber ehrlich, ich konnte ihn nicht ansprechen.
Wer bin ich schon? Ich konnte mich nur zu seinen Füßen setzen, bloß nicht den Kopf heben.
Und plötzlich kamen die Tränen. Sie schossen mir in die Augen und liefen mein Gesicht hinab.
Sie tropften auf seine Füße. 
„Was tue ich hier eigentlich?“ Fragte ich mich.  (2)
Aber es hat sich was in mir gelöst. Ich fühlte mich besser.
Denn er schickte mich nicht weg. Er sah mich einfach nur an.

Und als ich dann die Flasche öffnete, war da dieser betörende Duft nach Lavendel und Rosmarin.
„Das tut ihm bestimmt gut!“ Dachte ich.
Ich musste die Füße damit einreiben, die mit denen er hierher gekommen ist -
ganz schön dreckig waren sie noch.
Aber das machte nichts. Und als Jesus lächelte, wusste ich, dass es richtig war.
Ich habe ihm einfach alles gegeben, was ich hatte. Mehr hatte ich nicht.

Ich habe nicht so ein großes vornehmes Haus wie du.
Ich habe keinen guten Ruf wie du. Man spricht über mich, das weißt du.
Aber Jesus ist anders. Der schaut mich anders an als ihr.

4.
Siehst du diese Frau?
Rede nicht über sie, sondern mit ihr.
Frag sie nach ihrem Namen. Und wie du ihr vielleicht helfen kannst. 
Was sie von dir braucht. Oder den anderen. Oder von der Gesellschaft.
Ja, sie stört deine Männergesellschaft.
Und sie verstört dich. Aber sieh genau hin.
Sieh auf ihre grenzenlose, verschwenderische Liebe.
Sieh ihre Einsamkeit, ihre Trauer. Ihre Tränen. Ihre Dankbarkeit.
Und erkenne, dass sie zur wahren Gastgeberin wird: Sie, diese Sünderin.
Denn sie tut mehr als die damalige Sitte von einem Gastgeber verlangt:
nicht nur Wasser für die Füße,
sondern Salböl, das eigentlich für die Kopf bestimmt ist.

5.
Und dann schau auf Jesus. Was tut er?
Er kommt in dein Haus. Ist dein Gast.
Aber dann schaut er auf diese namenlose Frau, die ihr alle verurteilt.
Anstandsregeln spielen für ihn keine Rolle.
Was ganz und gar ungehörig daherkommt, bleibt bei Jesus nicht unerhört. (3)
Und auf einmal wird auch er zum Gastgeber. In deinem Haus.
Jesus sieht nur die Liebe dieser Frau, ihr übervolles Herz, und das genügt.
Jesus sieht ihre Einsamkeit, ihre Trauer, ihre Tränen.
Und wie sie sogar seine schmutzigen Füße salbt und küsst.

Und dann gibt ihr seine Liebesgabe:
Er erklärt all die Urteile, auch ihre eigenen über sich selber, für Null und Nichtig.
Befreit sie und macht sie groß.
Mit einem Wort schenkt er ihr den so lang ersehnten Frieden. (1)

6.
Und dann nimmt Jesus auch dich in den Blick.
Spricht dich an. Jetzt bist du dran.
Jesus spricht in deiner Sprache zu dir.
Sodass du erkennst: Liebe ist verschwenderisch.
Gott ist viel großzügiger als du denkst.
Gnädiger als du es gewohnt bist.
Die namenlose Frau hat es erkannt. Und deshalb ist sie selber großzügig.
Sprengt alle Grenzen. Weil Gott sich auch nicht an die Grenzen hält.

7.
So sieh diese Frau, du geliebtes Kind Gottes.
Lerne von ihr. Und von Jesus.
Sei großzügig mit deiner Liebe.
Sei ein noch besserer Gastgeber.
Sei noch gastfreundlicher als du es sowieso schon bist.
Du schaffst das, weil Gott dich liebt.
So wie du bist. Du musst nicht perfekt sein.
Aber genau zu dir ist Jesus gekommen und hat sich an deinen Tisch gesetzt.

Darum öffne dein Haus. Öffne dich.
Lass dich überraschen von diesem Jesus.
Öffne dein Herz für ihn und für die, die wir ausgrenzen und abstempeln.
Und es wird dich aus aller Enge frei machen.
Hole auch die an deinen Tisch, die da nicht hinpassen. Und salbe den Staub auf ihren Füßen.
Es wird dich weiter machen. Und groß.
Sage nicht: Lass mich in Frieden. Sondern: Friede sei mit dir. (1)

Und dann, ja, dann er wird zurück kommen.
Der Friede, welcher höher ist als all unsere Vernunft.
Er bewahre dein Herz und deine Sinne in Christus Jesus. Amen.


Anmerkungen:
(1) diese Passagen habe ich im Wesentlichen von Anneke Ihlenfeld
(2) Das habe ich von Jonathan Overlach
(3) Die Grundidee haben ich von Magdalene Frettlöh (Göttinger Predigtmeditation)



Freitag, 23. Juni 2023

Safe spaces für queere Menschen!


Meine Rede zum 1. Pforzheimer Christopher Street Day (Motto: Pforzheim ist queer)

gehalten am 17.6.2023 auf dem Marktplatz in Pforzheim

Hallo Pforzheim!

Es ist mir eine große Ehre, hier auf der Bühne zu stehen und zum ersten CSD Pforzheims zu sprechen! Als Schirmfrau. Dieses Amt, das ich mir mit Stephanie Aeffner teile.

Es ist mir eine große Ehre, gerade auch als Kirchenfrau hier zu stehen.
Als Dekanin, als Pfarrerin, als Christin. Eine Ehre und eine Verpflichtung.

Eine Ehre ist es, weil ich davon überzeugt bin, dass Jesus auch hier ist. Und weil es von großem Vertrauen des Organisationsteams zeugt.
Eine Verpflichtung ist es, weil wir als Kirche ein safe space werden müssen. Ein safe space für alle, die diskriminiert werden - wegen ihrer Hautfarbe, ihrer Herkunft, ihres Geschlechts oder ihrer queeren Identität.

Ich will, dass unsere Kirchen safe spaces sind. Ich will, dass Pforzheim ein safe space ist.
Aber so weit sind wir noch nicht und darum brauchen wir einen CSD auch in Pforzheim!

Du bist wunderbar gemacht -
Diesen Satz haben wir dort auf den Beachflags stehen.
Er kommt aus der Bibel.
Dort dankt im 139. Psalm ein Mensch und sagt:
Ich danke dir, Gott, dass du mich so wunderbar gemacht hast.

Ich weiß, dass viele von euch das nicht glauben.
Entweder weil es für euch Gott nicht gibt.
Oder auch weil es immer noch zu viele Menschen gibt, die euch verurteilen, die euch sagen, dass ihr nicht wunderbar seid. Auch viele Christ*innen können oder wollen nicht glauben, das jeder Mensch  wunderbar gemacht ist. Dass jeder Mensch ein geliebtes Kind Gottes ist, ob Mann oder Frau oder Non-binär, ob trans oder intersexuell oder asexuell oder a-gender, ob lesbisch oder schwul oder hetero oder bi.

Aber genau das glaube ich: jeder Mensch ist wunderbar gemacht.
Und darum sprechen wir euch diesen Satz heute zu.
Euch allen, die ihr hier seid. In der ganzen Vielfalt des Lebens.
Du bist wunderbar gemacht!

Ich möchte euch aber als Dekanin auch um Verzeihung bitten.
Um Verzeihung für all das Unrecht, dass meine Kirche und die vielen Christ*innen den queeren Menschen angetan haben.
Lesben, Schwule, Trans- und Intersexuelle wurden und werden in unseren Gemeinden und Einrichtungen diskriminiert. Es gibt Menschen, die dadurch ihre geistliche Heimat verloren haben. Ihnen wurden schwere Verletzungen zugefü
gt, sie durften und dürfen nicht mitarbeiten. Viele andere haben sich versteckt. Viel zu lange sah auch meine Kirche in der Vielfalt der Geschlechter, unterschiedlicher sexueller Orientierungen, Lebensweisen und Familienmodelle nicht den großen Reichtum von Gottes Schöpfung, die sie ja ist.
Dafür bitte ich Gott und euch alle um Vergebung!

Du bist wunderbar gemacht - das gilt für jeden Menschen unabhängig vom Geschlecht oder der sexuellen Identität. Die Vielfalt der Menschen ist ein großes Geschenk Gottes an die Welt. Darum feiern wir diese Vielfalt. Auch heute!

Du bist wunderbar gemacht - das darf euch auch niemand absprechen. Darum stellen wir uns an die Seite aller, die wegen ihrer sexuellen Identität diskriminiert, unterdrückt oder gar verfolgt werden. Und darum sind wir hier.

Letzten Sonntag hat in Nürnberg auf dem Kirchentag der Schwarze Pastor Quinton Ceasar eine wichtige und notwendige Zeitansage gemacht: Bisher waren die Kirchen keine sicheren Orte für queere Menschen und People of Colour. Aber jetzt ist die Zeit zu sagen: Gott ist queer!

Darf man das sagen: Gott ist queer?
Ja! Aus 2 Gründen:
1. Gott ist immer größer als wir denken. Gott ist weder Mann noch Frau, sondern immer anders und entzieht sich jeder Norm. Genau das bedeutet queer, schräg zu unseren Normen.

2. Jesus stellt sich an die Seite aller, die verfolgt und unterdrückt werden. Gott identifiziert sich mit ihnen sogar! „Was ihr einem meiner geringsten Geschwister angetan habt, das habt ihr mir angetan,“ sagt Jesus im Matthäusevangelium.
Darum stimmt der Satz: Jetzt ist die Zeit zu sagen: Gott ist queer!

Seitdem Quinton diesen Satz gesagt hat, geht eine Welle der Empörung durch das Land. Quinton wird mit Hass und Morddrohungen überschüttet. Menschen treten deswegen aus der Kirche aus.
Aber es gibt auch die anderen: die, die vor Glück geweint haben, weil sie sich endlich gesehen fühlen. Deren Not endlich beim Namen genannt wurden.
Und die, die froh sind, dass ihnen der Spiegel vorgehalten wird, so wie ich.

 Es werden sich auch hier in Pforzheim Menschen empören, weil ich hier stehe. Weil ich euch zurufe, dass ihr wunderbar gemacht seid, dass wir alle wunderbar gemacht sind. Sie werden sich empören, weil ich glaube, dass Jesus mitfeiert. Weil auch ich sage: Gott ist queer.

Empörung halte ich aus. Wenn Menschen deshalb meine Kirche verlassen, tut mir das weh. Aber meine christliche Überzeugung lässt für mich nichts anderes zu, als hier zu stehen und alles dafür zu tun, dass Pforzheim ein sicherer Ort für alle Menschen wird. Und auch unsere Kirche soll zu einem sicheren Ort, zu einem safe space für alle werden.

Darum stehe ich hier. Darum sind auch meine Kolleg*innen hier.
Pforzheim ist queer.
Gott ist queer.
Und gemeinsam feiern wir die Vielfalt des Lebens.
Gut, dass ihr da seid!

 

 

Montag, 10. April 2023

Frage mich nach der Auferstehung

... und ich erzähle dir...
Predigt am Ostermontagmorgen


 I.
sie fragen mich nach der auferstehung
sicher sicher gehört hab ich davon
daß ein mensch dem tod nicht mehr entgegenrast
daß der tod hinter einem sein kann
weil vor einem die liebe ist
daß die angst hinter einem sein kann
die angst verlassen zu bleiben
weil man selber - gehört hab ich davon
so ganz wird daß nichts da ist
das fortgehen könnte für immer

ach fragt nicht nach der auferstehung
ein märchen aus uralten zeiten
das kommt dir schnell aus dem sinn
ich höre denen zu
die mich austrocknen und kleinmachen
ich richte mich ein
auf die langsame gewöhnung ans totsein
in der geheizten wohnung
den großen stein vor der tür

ach frag du mich nach der auferstehung
ach hör nicht auf mich zu fragen


(Dorothee Sölle (1))

II.
Ach, frag du mich nach der Auferstehung.
Frag, was ich dazu denke, fühle oder auch nicht fühle.
Halte aus, dass ich womöglich nur stammeln kann,
denn das Ganze ist ja viel zu groß und überhaupt nicht zu begreifen.
Und der Widerspruch der Welt ist so mächtig.
Der Tod so stark - nicht nur in der Ukraine oder im Iran oder in Israel.
Aber bitte frag mich. Und ich frage auch dich.
Und wir versuchen Worte zu finden,
die diese Auferstehung irgendwie fassen können.
Lass uns davon erzählen. So wie die vor uns das erzählt haben.

III.
Was hat Maria Magdalena erzählt, als sie vom Grab zurück kam (2)?
Hat sie von ihrer Suche erzählt,
von ihrer Trauer, dass ihr noch nicht mal mehr der Leichnam bleibt?
Wo kann sie ihren Jesus denn noch mal anfassen, spüren, streicheln, salben?
Und dann war da dieser Gärtner und sie hörte Jesus aus seinem Mund.
Und plötzlich wusste sie: mein lieber Jesus lebt. Er ist nicht mehr bei den Toten.
Und alles fängt neu an. Ganz neu. Ganz anders. Mit Jesus.
So wie er einst mit ihr neu angefangen hat.
Ach, frage du Maria nach der Auferstehung und sie wird dir von dem Gärtner erzählen
und davon, dass Jesus sie ins Leben schickt, ins bunte pralle Leben.

Was haben Simon und Thomas erzählt und Nathanael und die Zebedaiden?
Haben sie von dem Morgen am See erzählt, als sie wieder mal nichts gefangen haben (3)?
Und wie Jesus zu ihnen kommt und sie erkennen ihn nicht.
Und dann schickt er sie nochmal raus aufs Wasser und sie fingen so viele Fische wie noch nie!
Haben sie davon erzählt, wie er mit ihnen Brot teilte und Fisch?
Und sie wussten es: er ist es. Er lebt. Er ist da - immer da.
Ach, frage du Simon und Thomas und Nathanael und die Zebedaiden nach der Auferstehung
und sie werden dir von dem Seeufer erzählen und von gegrillten Fischen und geteiltem Brot
(und vielleicht auch davon, dass Simon nackt war und das war irgendwie ein bischen peinlich).

IV.
Und was hat Paulus erzählt?
Lesen wir seine Worte an die Gemeinde in Korinth (4):

Ich erinnere euch aber, Brüder und Schwestern, an das Evangelium, das ich euch verkündigt habe, das ihr auch angenommen habt, in dem ihr auch fest steht, durch das ihr auch selig werdet, wenn ihr’s so festhaltet, wie ich es euch verkündigt habe; es sei denn, dass ihr’s umsonst geglaubt hättet. Denn als Erstes habe ich euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe: Dass Christus gestorben ist für unsre Sünden nach der Schrift; und dass er begraben worden ist; und dass er auferweckt worden ist am dritten Tage nach der Schrift; und dass er gesehen worden ist von Kephas, danach von den Zwölfen. Danach ist er gesehen worden von mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal, von denen die meisten noch heute leben, einige aber sind entschlafen. Danach ist er gesehen worden von Jakobus, danach von allen Aposteln.

Zuletzt von allen ist er auch von mir als einer unzeitigen Geburt gesehen worden. Denn ich bin der geringste unter den Aposteln, der ich nicht wert bin, dass ich ein Apostel heiße, weil ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe. Aber durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin. Und seine Gnade an mir ist nicht vergeblich gewesen, sondern ich habe viel mehr gearbeitet als sie alle; nicht aber ich, sondern Gottes Gnade, die mit mir ist. Ob nun ich oder jene: So predigen wir, und so habt ihr geglaubt.


V.
Frage du Paulus nach der Auferstehung und er wird dir erzählen,
dass Jesus ihn vom hohen Ross herunter geholt hat.
Das war vor Damaskus und plötzlich konnte er nichts mehr sehen.
Aber er hörte die Stimme von Jesus.
Er hat ihn ja nicht kennengelernt, als Jesus als Wanderprediger durch Galiläa streifte
und die Verlorenen suchte und die Kranken heilte.
Als er die Kinder segnete und Zachäus vom Baum holte
und die Jünger und Jüngerinnen losschickte, um es ihm nachzutun:
zu heilen und das Reich Gottes zu predigen.
Paulus lernte Jesus erst rund 20 Jahre nach seinem Tod kennen.

Frag du Paulus nach der Auferstehung und er wird dir erzählen,
dass ihm dieser Jesus ihm die Augen geöffnet hat.
Durch Jesus hat Paulus die Gnade entdeckt. Sie war ja immer schon da.
Gott schaut dich mit liebevollen Augen an.
Du musst ihm nicht beweisen, wie gläubig du bist
oder wie fleißig oder wie klug oder wie erfolgreich.
Alles das zählt nicht. Aber du zählst.
So wie du bist, bist du wertvoll.
So wie du bist, machst du die Welt zu einem wunderbaren Ort.
Und auch wenn du Mist baust oder nicht mehr weiter kannst:
aus dieser Liebe Gottes, aus dieser Gnade kannst du nicht rausfallen.
Niemals.

Frag du Paulus nach der Auferstehung und er wird dir von seinem Staunen erzählen:
dass ausgerechnet er, der sich als unzeitige Geburt betitelt,
dass ausgerechnet er von diesem Jesus und von dieser Gnade erzählen kann.
Dass er den Mut hat, das zu tun.
Paulus wird dir von dem Stachel im Fleisch erzählen, von seinem Stottern
und auch davon, dass er immer wieder in alte Muster zurück fällt,
wenn er doch wieder anfängt, seine Leistungen aufzuzählen.
Paulus wird dir erzählen, dass er enttäuscht wurde
von den Christen und Christinnen, mit denen er zu tun hatte.
Aber auch, dass er sie enttäuscht hat.
Und Paulus wird dir von der Liebe erzählen,
die größer und wichtiger ist als jeder noch so richtige Glaube.

Frag Paulus nach der Auferstehung und er wird dir von den Anfängen erzählen:
von den ersten Jüngern und Jüngerinnen
und wie mit ihnen und Jesus der christliche Glaube begonnen hat.
Als Paulus Jesus kennenlernte, waren die Geschichten von Jesus noch nicht aufgeschrieben.
Paulus kannte die Geschichten von Maria am Grab
und vom großen Fischfang der Jünger vielleicht noch nicht.
Paulus hatte einen anderen Anfang mit Jesus als sie.
Und vielleicht wusste er auch noch nicht, dass doch die Maria die erste war,
die den auferstandenen Jesus gesehen hat. Vielleicht wurde es ihm noch nicht erzählt.

VI.
Aber mir wurden diese Geschichten erzählt - von meiner Mutter und im Kindergottesdienst.
Und später in vielen vielen Gesprächen mit dem Jugendpastor in Hamburg,
der mich inspirierte wie kein anderer,
weil er alle Fragen zu ließ und jeder Zweifel durfte sein.
Und ich hatte viele Fragen.

Fragst du mich nach der Auferstehung,
so erzähle ich von diesem Jesus, der gar nicht anders kann als lieben.
Und der mich so gefangen nimmt
und mit ihm kann ich weinen und lachen und leicht und schwer sein.
Er preist die Sanftmütigen und die Friedensstifterinnen,
lässt sich von einer Ausländerin belehren und weint um den toten Lazarus.
Und selbst der Tod stoppt seine Liebe nicht.

Fragst du mich nach der Auferstehung,
erzähle ich dir von meiner Freundin, die mich in den Arm nahm,
als ich dachte, ich könnte nicht mehr Pfarrerin sein.
Und ich erzähle dir von der Therapeutin:
die schickte mich los, damit ich mir Blumen für mich kaufe, weil ich es wert bin.
Jede Blume für ein wertvolles Stück Christiane. Gnadenblumen.
Und ich erzähle dir von meinen Gnadenliedern - Lieder, die mich aufrichten.
"Der Lärm verebbt" - zum Beispiel.
Oder "My Constellation" von den Lord of the Lost.

VII.
Ach, frage mich nach der Auferstehung,
Frag, was ich dazu denke, fühle oder auch nicht fühle.
Halte aus, dass ich womöglich nur stammeln kann,
denn das Ganze ist ja viel zu groß und überhaupt nicht zu begreifen.
Und der Widerspruch der Welt ist so mächtig.
Der Tod so stark - nicht nur in der Ukraine oder im Iran oder in Israel.
Aber bitte frag mich nach der Auferstehung. Und ich frage auch dich.
Und wir versuchen Worte zu finden, die diese Auferstehung irgendwie fassen.
Wir erzählen von Jesus, dem Gärtner,  und dem leeren Grab
und von geteiltem Brot und gegrillten Fisch.
Wir erzählen davon,
dass auch in unserem unfertigen und unspektakulären Leben Gottes Gnade wirkt,
wie sie bei Paulus und Simon und Maria wirkte.

Wir erzählen von der Auferstehung und wir stehen auf in ein buntes Leben
und wir rollen den Stein des Todes weg.
Wir stehen auf für eine Welt voller Gnade.  Jeden Tag.

VIII.
(noch einmal Dorothee Sölle:)
sie fragen mich nach der auferstehung
sicher sicher gehört hab ich davon
daß ein mensch dem tod nicht mehr entgegenrast
daß der tod hinter einem sein kann
weil vor einem die liebe ist
daß die angst hinter einem sein kann
die angst verlassen zu bleiben
weil man selber - gehört hab ich davon
so ganz wird daß nichts da ist
das fortgehen könnte für immer
(....)
ach frag du mich nach der auferstehung
ach hör nicht auf mich zu fragen


Amen.

(1) Gedicht von Dorothee Sölle, die demnächst ihren 20. Todestag hat

(2) Johannes 20, 1-18

(3) Johannes 21, 1-14

(4) 1. Korinther 15, 1-11

Samstag, 4. März 2023

Aushalten

Von Hiob und unsäglichem Leid und von guten Freunden

Predigt zu Hiob 2
(mit herzlichem Dank an Pfarrer Joachim Römelt aus Solingen, dessen Vorlage mir sehr geholfen hat, meine Worte zu diesem schweren Text zu finden)

 1.
Von heute auf morgen stürzt die Welt ein. Ein Erdbeben begräbt die Liebsten unter den Trümmern des Hochhauses. Ein russischer Despot schickt Panzer in das eigene Land. Bomben überziehen die eigene Stadt mit Feuer.
Und immer wieder diese Frage: Warum?
In 1000 Sprachen. Why? Neden? Chomu? Warum?
Ein Klageruf in den Himmel, der nur noch Zerstörung bringt.
Eine Klageruf, der älter als die Bibel ist.
Der Versuch, eine Logik dahinter zu finden.
Eine Erklärung für all dieses ungerechte Leiden.
Hören wir auf das Buch Hiob (Kapitel 2):

2.
Eines Tages geschah es, dass die Götterwesen kamen, um vor den Ewigen zu treten; da kam auch der Satan in ihre Mitte, vor den Ewigen zu treten. Da sprach der Ewige zum Satan: »Wo kommst du her?«  Der Satan antwortete dem Ewigen und sprach:
»Vom 'Rumschweifen auf der Erde und vom Hin-und-Her-Wandern auf ihr.«
Da sprach der Ewige zum Satan: »Hast du Acht gehabt auf meinen Knecht Hiob?  Ja, so wie er ist keiner auf der Erde –
ein Mann, so ohne Tadel und geradlinig, so fromm und dem Bösen feind! Auch jetzt noch hält er fest an seiner Frömmigkeit –
und du hast mich gegen ihn gereizt ihn umsonst zu verderben.«

Da antwortete der Satan dem Ewigen und sprach:
»Haut für Haut! Alles, was ein Mensch hat, gibt er für sein Leben.
Recke doch einmal deine Hand aus und rühre sein Gebein an und sein Fleisch  –  ob er dir dann nicht ins Angesicht den Abschiedssegen geben wird?«  Da sprach der Ewige zum Satan: »Da! Er ist in deiner Hand, nur sein Leben bewahre!«

Da ging der Satan weg vom Angesicht des Ewigen und schlug den Hiob mit bösem Geschwür von seiner Fußsohle bis zu seinem Scheitel.  Der nahm sich eine Tonscherbe, um sich damit zu kratzen, und er saß mitten im Schutthaufen.

Da sagte seine Frau zu ihm: »Auch jetzt noch hältst du fest an deiner Frömmigkeit. Gib Gott den Abschiedssegen und stirb!«
Da sprach er zu ihr: »Wie ein dummer Mensch redet, redest auch du.
Das Gute nehmen wir doch auch an von  Gott und das Böse sollten wir nicht annehmen?« Mit all dem versündigte sich Hiob nicht mit seinen Lippen.

Es hörten aber die Freunde Hiobs von dem ganzen Unheil, das über ihn gekommen war. Da kamen sie, jeder von seinem Ort: Elifas, der Temaniter, Bildad, der Schuachiter, und Zofar, der Naamatiter.
Die verabredeten sich hinzugehen, ihm zuzunicken und ihm Trost zu geben. Sie erhoben von ferne ihre Augen und erkannten ihn nicht wieder. Da erhoben sie ihre Stimmen und weinten. Sie zerrissen ein jeder sein Obergewand und streuten Aschenstaub auf ihr Haupt zum Himmel hin. Dann setzten sie sich zu ihm auf die Erde – sieben Tage lang und sieben Nächte lang. Keiner sprach ein Wort, denn sie sahen, dass der Schmerz sehr groß war.


3.
Ich stelle mir Hiob vor, wie er da in der Asche sitzt. Und seine kaputte, geschundene, juckende Haut kratzt, mit einer Tonscherbe.
Und ich werde ganz still, wenn ich mir vorstelle, was dieser Mann kurz vorher erlebt hat. Seine Kinder sind alle ums Leben gekommen – in einem eingestürzten Haus. Aus dem Nachbarland sind bewaffnete Gruppen eingefallen, haben sein ganzes Vieh geraubt und seine Knechte umgebracht. Den Rest hat das Feuer erledigt. Das war jetzt im Text eben nicht zu hören, das findet ihr im Kapitel davor.
Und ich höre das Schluchzen der Ukrainerin am Freitag Abend in der Altstadtkirche als sie von ihrem Onkel erzählt und der ihr so sehr fehlt.
Ich höre die Geschichte von der Pforzheimerin, die ihren Bruder im brennenden Keller vor 78 Jahren verloren hat.
Ich sehe diesen Vater aus der Türkei vor mir, der die Hand seiner unter den Trümmern des Erdbeben verschütteten 15-jährigen Tochter hält.
Und frage mich: Wie hält man das aus? Wie viele Menschen sitzen da in der Asche ihres Lebens und kratzen ihre Wunden?

4.
Und es trifft wieder einmal die, die am wenigsten dafür können. Die einfachen Leute in der Ukraine, in der Türkei, in Syrien trifft keine Schuld an dem, was da passiert. Da haben ganz andere Menschen Entscheidungen getroffen, Befehle erteilt oder am Bau gepfuscht. Und die, die nichts dafür können, müssen es ausbaden.

Ich halte das schwer aus. Zu tief ist in mir der Wunsch, dass es in dieser Welt irgendwie gerecht zugeht. Dass Menschen, die niemandem was zu Leide tun, auch selbst in Frieden leben können. Und dass auf der anderen Seite die Kriegsverbrecher dieser Welt alle vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag landen.
Das wäre doch nur fair! Und manchmal ist das ja auch so. Manchmal ernten Menschen genau das, was sie gesät haben, im Guten wie im Schlechten. Aber oft eben auch nicht. Meistens nicht.

5.
Warum? Warum ist das so? Warum lässt Gott das zu?  
Ich wünschte, ich könnte euch jetzt die Antwort präsentieren. Aber ich habe sie nicht. Überhaupt nicht.

Und ich glaube, es gibt Leid, das darf man gar nicht deuten oder erklären.
In den folgenden Kapiteln des Hiobbuches versuchen es die Freunde von Hiob: eine Erklärung zu finden.
Sie deuten sein Leiden als Strafe Gottes. Wie das so oft in der Geschichte gemacht wurde.
„Irgendwas musst Du doch getan haben, dass Dich das mit voller Wucht trifft!“
Aber Hiob wehrt sich mit aller Kraft, die er noch hat, gegen diese Deutungen. Und gegen die Vorwürfe, die darin stecken.  Am Ende bekommt er von Gott recht. Aber so weit sind wir hier noch nicht.
Hier ist ein Mensch gerade am Boden zerstört - mit Haut und Haaren. Und ja: vielleicht gibt es das, dass ein Leiden eine Botschaft enthält, die wir verstehen sollen. Aber es gibt auch Leid, das einfach nur schrecklich ist. Das keinen tieferen „Sinn“ enthält. Jedenfalls nicht für uns.

6.
Vielleicht ist das die größte Versuchung für uns heute: dass wir möglichst schnell viele Antworten geben. Dass wir wissen, was richtig und falsch ist. Dass wir zu wissen meinen, was jemand in seiner Not braucht.

Viele finden ja, dass Hiobs Frau hier die größte Versuchung für Hiob ist, weil sie ihn angeblich überreden will, sich von Gott abzuwenden. Aber das tut sie nicht. Sie versucht nur - wie seine Freunde auch - einen Grund zu finden. Im Gegensatz zu den Freunden sieht sie den Grund aber bei Gott.
Und so falsch ist das ja auch nicht, wie wir wissen.
Hiob versteht das noch nicht. Auch das ist auszuhalten.
Und weder er noch seine Frau haben eine Antwort auf dieses Warum.

7.
Und dann sind da noch die drei Freunde von Hiob.
Die hören von all dem, was ihm zugestoßen ist.  Und sie zögern keinen Moment, sondern machen sich sofort auf den Weg.
Allein das ist schon toll. Wie viele Menschen tun das nicht! Sondern ziehen sich eher zurück, wenn jemand im Freundeskreis schwer erkrankt oder etwas anderes Schlimmes erlebt.
Das machen die Freunde hier nicht. Sie ziehen sofort los.
Vielleicht legen sie sich Worte zurecht, die sie sagen wollen. Vielleicht suchen sie sich Trostworte aus der Bibel heraus, von denen sie denken: das könnte Hiob guttun. Aber dann sehen sie, was los ist.
Da wartet nicht der alte, vertraute Freund auf sie, da wartet ein Mann, den sie nicht wiedererkennen, so fertig ist der, zerkratzt und gebeugt und überall gezeichnet von einem unsäglichen Schmerz.
Damit hat keiner von ihnen gerechnet. Und ihre mitgebrachten Worte zerrinnen ihnen unter den Fingern wie Sand.

Es gibt Momente, da ist jede Antwort falsch. Und jetzt kommt das, was mich an dieser Geschichte so beeindruckt. Die drei hauen nicht ab. Sie bleiben. Und sie sagen – nichts! Gar nichts! Sie schreien. Und dann schweigen sie. Nicht nur zehn Minuten. Ganze sieben Tage und Nächte sitzen sie mit Hiob auf der Erde und schweigen. Und ich glaube, das ist der einzige Trost, den sie diesem Mann und seiner Frau in dieser Situation überhaupt geben können: Sie sind da - sonst nichts.

8.
Manchmal ist das einzig Hilfreiche, was wir tun können, still zu sein. Und nicht sagen: „Das wird schon wieder! Die Zeit heilt alle Wunden.“ Oder so ähnlich. All diese Worte sind gut gemeint, aber sie bringen unterschwellig die Botschaft: Bitte sei schnell wieder fröhlich und normal! Aber das geht nicht so einfach.
Und manchmal gibt es nichts zu sagen und erst recht nichts zu deuten und zu verstehen.

Manchmal kannst du nur ohne Worte was von Gott erzählen: indem du einfach da bist, nicht fliehst, dich nicht zurückziehst, aushältst, dass die Dinge sind, wie sie sind. Und vielleicht eine Suppe mitbringen.
Oder das Bad putzen. Oder so.

Manchmal ist es das Beste in so einer Situation: zu wissen, zu erfahren: ich bin nicht allein! Und es ist momentan vielleicht auch das Einzige, was wir den Menschen in der Ukraine oder im Erdbebengebiet tun können. Da sein. Unterstützen. Geld spenden. Zum Essen hier einladen. Menschen aufnehmen und sie erzählen lassen. Sie fragen, was sie brauchen. Und für sie beten.

9.
Wir haben so wenig Antworten und Lösungen. Einfache Wahrheiten gibt es nicht. Erst recht nicht, wenn von heute auf morgen die Welt einstürzt. Aber wir können füreinander da sein. Für die Menschen in der Ukraine und an vielen anderen Orten. Wir können beten, dass unser Glaube nicht kaputtgeht an den Dingen, die wir erleben. Dass wir unsere Hoffnung auf Frieden nicht verlieren!

Bleibt nicht alleine mit euren Fragen, euren Zweifeln!
Meint nicht, dass ihr das selber hinkriegen und mit Euch selbst ausmachen müsst!
Sucht Euch Menschen, die einfach für euch da sind!
Und gerade wenn ihr mit Gott kaum noch rechnen könnt: brecht das Gespräch mit ihm nicht völlig ab! Haltet ihm genau das hin: dass er Euch fehlt. Dass ihr zutiefst an ihm zweifelt.
Fragt ihn: „Warum Gott? Warum dieses Leid?“
Ihr seid damit in guter Gesellschaft mit dem, der ebenfalls diese Frage stellte: mit Jesus am Kreuz.
Warum, Gott? Warum hast du mich verlassen?

Lasst uns zusammen aushalten, wenn da lange keine Antwort kommt.
Und vielleicht darauf hoffen, dass Gott irgendwann wieder redet.
Wie bei Hiob ganz am Ende.
Und bei Jesus am dritten Tag.
Und seitdem immer wieder.
Amen.

Sonntag, 26. Februar 2023

Bunte Fetzen der Liebe

Über Liebe und vollkommene Unvollkommenheiten

Predigt zu 1. Korinther 13

1.
Stellt euch vor, zwei Menschen wollen heiraten.
Sven und Lisa (1) sind seit 5 Jahren zusammen, haben eine nette Wohnung in Berlin,
ja, und nun soll der nächste Schritt folgen.
Ja zueinander sagen und das Ganze mit Freundinnen und Verwandten feiern.
Groß soll die Feier nicht sein.
Der Termin ist bald gefunden 21. Mai.
Und mit dem Standesamt und der Feier-Location klappt auch alles.
Lisa hätte sich eine kirchliche Trauung gewünscht –
seit ihrer Konfirmation mag sie es, gesegnet zu werden.
Dass ihr jemand sagt, dass Gott bei ihr auch im neuen Lebensabschnitt ist.
Aber Sven hat mit Kirche und Glauben und so nichts am Hut.
Naja, da will Lisa ihm das nicht aufdrücken, was nicht zu ihm passt.

Eines Tages liest Sven in seiner Zeitungs-App von einem Hochzeitsfestival in Neukölln.
Ausgerechnet an Tag ihrer standesamtlichen Hochzeit!
Man könne einfach so vorbei kommen, heißt es. Ohne Anmeldung.
Das perfekte Geschenk für Lisa, die perfekte Überraschung - denkt Sven.
Die Kirche liegt quasi auf dem Weg zwischen Standesamt und Lokal.
Da kann ich dann doch über meinen Schatten springen – ihr zu Liebe.

Ja, und dann ist es so weit. Am 21. Mai 2022.
Als sie „zufällig“ an der Genezarethkirche vorbeilaufen, fragt er sie:
wollen wir kirchlich heiraten?
Und dann geht die gesamte Hochzeitsgeschellschaft hinein.
Ein paar Gespräche, dann der kleine Gottesdienst und vor allem der Segen am Schluss.
Und Sekt gibt es auch noch.
Lisa ist vollkommen von den Socken. DAS hat Sven für sie getan! Aus Liebe.

2.
Stellt euch vor, da gibt es etwas, worüber man eigentlich weniger sprechen sollte als es einfach tun:
lieben. Gott lieben, meine Nächste lieben, mich selber lieben, mein Kind lieben,
meine Mutter, meinen Partner, meine Freundin.
Einen Film lieben, Musik lieben, ein Buch oder den Garten lieben, eine Stadt lieben,
das Meer  oder das Schwimmen im Meer. Viele kleine bunte Fetzen der Liebe.
Jede von uns weiß von der Liebe und jeder von uns kennt sie.
Und jeder kennt und jede fürchtet die Sehnsucht nach ihr,
vor allem, wenn die Liebe fehlt oder an ihre Grenzen kommt.

3.
(1. Korinther 13, 1-3)
Stellt euch vor:
Ich kann die Sprachen der Menschen sprechen und sogar die Sprachen der Engel.
Wenn ich keine Liebe habe, bin ich wie ein dröhnender Gong oder ein schepperndes Becken.
Oder stellt euch vor:
Ich kann reden wie ein Prophet, kenne alle Geheimnisse und habe jede Erkenntnis.
Oder sogar: Ich besitze den stärksten Glauben – sodass ich Berge versetzen kann.
Wenn ich keine Liebe habe, bin ich nichts.
Stellt euch vor: Ich verteile meinen gesamten Besitz.
Oder ich bin sogar bereit, mich bei lebendigem Leib verbrennen zu lassen.
Wenn ich keine Liebe habe, nützt mir das gar nichts.


4.
Stellt euch vor, diese Worte sind von Paulus.
Ein Lied. DAS Lied der Liebe. Gedichtet für Schwestern und Brüder in Korinth.
Eine aktive, eine lebendige, eine starke Gemeinde.
Sie können viel, sind begabte Redner und großzügige Spenderinnen.
Sie können einander begeistern, erklären die Bibel, beten viel und wollen alles richtig machen.

Aber anstatt sich daran zu freuen, gibt es Streit: Wer ist besser? Wer macht es richtig?
Es entstehen Gruppen, die miteinander konkurrieren.
Und man wirft sich gegenseitig vor, nicht christlich genug zu sein.

Ich bin der wahre Christ, weil ich in Zungen rede. Du nicht.
Ich bin die wirkliche Christin, weil ich mein letztes Hemd hergebe. Du nicht.
Ich bin wahrhaft christlich, weil ich mich an die Speisegebote halte. Du nicht.
Fetzen der Lieblosigkeit.

5.
Stellt euch vor, sagt Paulus, damit seid ihr falsch gewickelt.
Denn egal wie konsequent, wie genial oder wie gläubig ihr seid -
wenn die Liebe nicht dabei ist, nützt euch das alles nichts. Es zählt alles nichts.  

Lieblosigkeit macht alles kaputt.
Ihr seht das an eurem Abendmahl, liebe Geschwister in Korinth.
Da fangen die einen schon an und lassen nichts mehr übrig.
Die, die später kommen, weil sie als Sklaven so lange arbeiten müssen,
sehen nur noch die letzten Krümel in leeren Körben.
Ihr zeigt ausgerechnet mit dem Mahl der Liebe, dass die Not der Armen euch nicht interessiert.
Da ist dann keine Liebe mehr.
Es ist lieblos, wenn ihr das Wort Gottes zu einer Zwangsjacke macht.
Wenn ihr eure Art zu glauben zum Maßstab für alle erhebt, dann ist da keine Liebe mehr.
Noch nicht mal ein Fetzen davon.

6.
Stellt euch vor, ihr liebt.
Stellt euch vor, die Liebe wäre in allem, was ihr sagt und tut, dabei.
Und wenn es nur kleine Fetzen wären.
Wie würden eure Leserbriefe aussehen?
Wie würdet ihr über junge Menschen sprechen,
die sich in ihrer Sorge um die Zukunft der Erde auf die Straße kleben?
Könntet ihr dann noch denken, dass Männer andere Männer nicht lieben dürfen
und Frauen keine anderen Frauen, nur weil ein paar Sätze in der Bibel das sagen?
Würdet ihr hinnehmen, wenn Geflüchtete als Verbrecher abgestempelt werden?
Würdet ihr dann dafür sorgen wollen,
dass möglichst keine Geflüchteten mehr in Pforzheim bleiben können?
Ich weiß, es ist kompliziert. Auch mit der Liebe. Oder doch nicht?

7.
(1. Korinther 13, 4-7)
Die Liebe ist geduldig. Gütig ist sie, die Liebe.
Die Liebe ereifert sich nicht.
Sie prahlt nicht und spielt sich nicht auf.
Sie ist nicht unverschämt. Sie sucht nicht den eigenen Vorteil.
Sie ist nicht reizbar und trägt das Böse nicht nach.
Sie freut sich nicht, wenn ein Unrecht geschieht.
Sie freut sich aber, wenn die Wahrheit siegt.
Sie erträgt alles. Sie glaubt alles. Sie hofft alles. Sie hält allem stand.


8.
Stellt euch vor: Liebe ist kein Gefühl, keine momentane Glücksstimmung.
Liebe tut etwas - sie freut sich, lächelt, weint, glaubt.
Ja, sie macht, sie handelt, und zwar gegen den Strom,
gegen den Augenschein, aber viel vernünftiger als du denkst.

Liebe befreit deinen Verstand von seinem Egoismus,
deine Glauben von Herrschsucht,
und sie macht dein Herz weiter.
Liebe ist radikal, lässt ganz neu auf die Welt schauen,
widerspricht aber auch mal, wenn Leute Blödsinn erzählen.
Vor allem aber macht die Liebe eins:
Sie fragt nicht danach, ob es erlaubt ist zu lieben.

Das alles macht die Liebe verletzlich. Und jede, die liebt, auch.
Und ich schaue auf Jesus und sehe, wie er diesen Weg der Liebe geht.
Wie er deshalb angegriffen wird, sogar ans Kreuz geht. Wie er sich verwundbar macht.
Diese Liebe lässt ihn noch zuvor zum Blinden bei Jericho gehen (2).
Jesus kann wegen dieser Liebe nicht einfach an ihm vorbei gehen,
sondern gibt ihm das Augenlicht zurück.
Eine Liebe, die heilt und versöhnt und neu anfangen lässt.
Jesus ist diese Liebe, so vollkommen, so verwundbar, dass wir immer wieder an ihr scheitern.

9.
Stellt euch vor, aus diesem Grund schreibt Paulus (1. Korinther 13, 8-13):
Die Liebe hört niemals auf.
Prophetische Eingebungen werden aufhören.
Das Reden in unbekannten Sprachen wird verstummen.
Die Erkenntnis wird an ihr Ende kommen.
Denn was wir erkennen, sind nur Bruchstücke,
und was wir als Propheten sagen, sind nur Bruchstücke.
Wenn aber das Vollkommene kommt, vergehen die Bruchstücke.
Als ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind. Ich urteilte wie ein Kind und dachte wie ein Kind.
Als ich ein Mann geworden war, legte ich alles Kindliche ab.
Denn jetzt sehen wir nur ein rätselhaftes Spiegelbild.
Aber dann sehen wir von Angesicht zu Angesicht.
Jetzt erkenne ich nur Bruchstücke.
Aber dann werde ich vollständig erkennen,  so wie Gott mich schon jetzt vollständig kennt.
Was bleibt, sind Glaube, Hoffnung, Liebe – diese drei.
Doch am größten von ihnen ist die Liebe.


10.
Stellt euch vor: 
Alles, was ich mache und tu, was ich erkenne und weiß,
alles das ist Stückwerk und ist begrenzt -
und vor allem nur ein Ausschnitt dessen, was möglich ist.
Ich kann nicht alles sehen. Noch nicht.
Ich kann nicht alles wissen. Noch nicht. Und das ist gut so.
Ja, mein Leben bleibt Fragment
und auch mein Glauben und Lieben und Hoffen bleiben Fragment.
Stückchen und Fetzen.

Lieben - das klingt so "einfach": "Einfach" tun.
Gott lieben und die Nächste. Mich selbst sogar.
Meinen Partner, mein Kind, die Vermieterin, gar den Politiker, der sich lieblos äußert.
Diese alle lieben? Puh!
Wie gut, dass auch Paulus sieht, dass ich gar nicht vollkommen sein kann.
Meine Liebe bleibt Stückwerk.
Der Moment, dass alles ganz und heil ist, kommt noch.
Aber wann, weiß ich nicht. Und Paulus auch nicht.

11.
Aber vielleicht genügt das ja?
Gott sieht mich ganz und schaut mich mit liebevollen Augen an.
Sie ermuntert mich, mit den kleinen Fetzen der Liebe schon mal anzufangen.
Vielleicht springe ich auch so spontan über meinen Schatten wie Sven,
der für seine Lisa eine kirchliche Hochzeit organisiert,
obwohl er mit der Kirche nicht so viel anfangen kann.
 Und ob ich in einem Streit Recht habe oder nicht, ist mir vielleicht völlig egal.
Vielleicht setze ich mich doch mal hin
und schreibe ich einen Leserbrief, der Fetzen der Liebe enthält –
wenn sonst nur Gift und Galle gespuckt wird.
Und vielleicht frage ich den jungen Mann auf dem Leopoldsplatz,
der in einer fremden Sprache in sein Handy spricht, ob ich ihm helfen kann.
Und wer weiß, vielleicht erzählt er mir seine Geschichte
und wir trinken zusammen einen Tee -
einfach weil wir uns füreinander interessieren?

Ja, ich fange mit den kleinen bunten Fetzen der Liebe an und füge sie mit euren zusammen.
Und wenn wir diese Fetzen der Liebe zusammenschlingen,
dann öffnen sich Kirchen für alle Svens und Lisas
und unser Stückwerk namens Liebe ist stärker
als jeglicher Hass in den Leserseiten der Zeitungen.

Ich will, dass wir uns ganz neu sehen wie der Blinde von Jericho – als Geliebte Gottes.
Wir machen die Türen zur Liebe weit auf.
Stellt euch vor, vielleicht verändern wir damit die Welt?
Mit einer Liebe, die jetzt ein Stückwerk ist und irgendwann vollkommen.

Amen.

(1) Die Namen sind frei erfunden. Informationen zum Hochzeitsfestival findet man u.a. unter https://www.mi-di.de/materialien/heiraten-einfach-anders-zwanglos-authentisch-und-segensreich

(2) Lukas 18, 31-43 (war Lesungstext)

Samstag, 31. Dezember 2022

Ein Wunder voll Käseschmiere

Von Maria, Ana, Hirten und einem Kind.

Predigt zu Weihnachten 2022


(in der Predigt zitiere ich ein Video einer Whiskey-Marke, das mich sehr berührt hat, weil es eine besondere Wundergeschichte erzählt. Ich verlinke es unten)

I.

Es ist ein Wunder.
Mitten in der Nacht wird es hell. Draußen auf einem Feld irgendwo.
Und ein Engel spricht zu Hirten, die Angst haben.
Männer, die für wenig Geld auf Tiere aufpassen. Schafe und Ziegen.
Irgendwo bei einem Dorf namens Bethlehem. Hier im Nichts, wo sie nichts haben, außer ihren kleinen Job und den Schutz, den sie sich gegenseitig geben können.
Ausgerechnet hier und ausgerechnet zu ihnen spricht ein Engel.

Ein Wunder, das sie überfordert.
Wieso gerade zu uns, fragen sie vielleicht.
Hier ist doch nichts. Wir sind nichts. Sind wirklich wir gemeint?

II.

Es ist ein Wunder.
Maria trägt es in ihren müden Armen. Legt es in den Futtertrog.
Und sie weiß, sie hat nochmal Glück gehabt.
Es ist warm und trocken hier. Zwischen den Tieren.
Irgendwo in einem Dorf namens Bethlehem.
Sie sind bei freundlichen Menschen untergekommen.
Die haben nur noch diesen Raum übrig, den sie mit den Tieren teilen müssen.
So ist das nun mal, wenn man niemanden kennt und arm oder im Krieg ist:
Da kann man froh sein, wenn wenigstens der Futtertrog frei ist.
Und etwas Platz zum Gebären mittendrin.

Maria trägt es in ihren Armen, das Wunder.
Den Messias. Den Gesalbten. Mary did you know?
Ein Engel hat es ihr gesagt, vor 9 Monaten.
Ausgerechnet zu ihr, die ja nur ein junges Mädchen ist. Sonst nichts. Wer ist sie schon?
Viele Gedanken, die ihr durch den Kopf gingen. Und Sorgen.
Aber jetzt - im Moment der Geburt ist alles auf Null gesetzt.
Ein kleines schreiendes runzliges Wunder
Voll mit Käseschmiere und Blut und verkniffenden Augen.

Ein Wunder, das sie überfordert.
Das Licht zu hell. Die Tierlaute zu laut. Das Weinen zu verzagt. Die Zukunft unsicher.
Aber es ist da, dieses Wesen wie von einem anderen Stern.
Warm ist es. Und es braucht alle Wärme, die Tiere und Menschen ihm geben können.
Wärme und Windeln, Decke und Muttermilch, Haut und sanfte Hände.
Irgendwo in Bethlehem.
Und ja, es ist ein Wunder.

III.

Ein alter Mann in einem Dorf irgendwo. (1)
Eines Tages greift er nach dem Lippenstift seiner Frau und probiert ihn aus.
Die ersten Versuche missglücken. Er sieht eher wie ein Clown aus.
Er kauft sich weiteres Makeup und ignoriert den Blick der Verkäuferin.
Er übt. Jeden Abend. Vor dem Spiegel. Heimlich.
Manchmal steht er nachts auf, um zu üben. Seine Frau soll nichts merken.
Er steht an der Bushaltestelle und zeichnet mit dem Finger auf dem Werbeplakat die Augen des Models nach. Und irgendwann ist es perfekt: Sein Makeup.

Eines Mittags – es ist Weihnachten:  Ein Motor brummt. Autotüren klappen.
Seine Familie kommt unter fröhlichem Lachen. Kinder und Enkelkinder.
Und da ist die 26jährige Ana, die sich noch nicht traut, Ana zu sein.
Jedenfalls nicht in der Familie. Nicht an Weihnachten.

Für die Familie ist sie Alvaro. Ein schüchterner, stiller junger Mann im schwarzen Anzug.
Als alle den Tisch decken, nimmt der Großvater Ana, die noch Alvaro heißt, an die Hand
und führt sie nach nebenan.
Dann greift er zum Makeup und schminkt sie. Das, was er Abend für Abend geübt hat.
Behutsam, liebevoll, nimmt sich alle Zeit der Welt.
Ana weiß nicht, wie ihr geschieht. Das Wunder überfordert sie.
Aber als sie beide wieder zur Familie stoßen, staunen die anderen.
Und dann klatschen sie und nehmen Ana in den Arm.
Und endlich ist Ana angekommen. Mitten an Weihnachten. Irgendwo in einem Dorf.
Es ist ein Wunder.

IV.

Es ist ein Wunder.
Maria hält es in den Armen.
Ana spürt es auf der Haut.
Anas Großvater im Herzen.
Und die Hirten trauen ihren Augen nicht.
Ein Wunder, das die Menschen überfordert und verändert. Das die Seele heilt.
Ein Wunder, das allen gilt.

Es ist ein Wunder: voller Käseschmiere und nassen schwarzen Haaren.
Im Futtertrog. In einem Dorf irgendwo.
Dort, wo gelacht wird und geweint, gestritten und versöhnt.
Ein Wunder für die, die denken, dass sie es sowieso nicht verdienen.
Sie rechnen nicht damit, weil sie nicht so „wichtig“ sind wie Augustus oder Herodes.
Menschen wie die Hirten. Wie Maria. Oder wie Ana.
Irgendwo.

V.
Ja, es ist das Wunder Gottes, dass jeder Mensch liebenswert ist.
Du und ich und deine Nachbarin und das Kind in Kiew.
Ihr seid wert zu lieben. Zu achten.

Dieses Wunder Gottes glänzt in den Augen von Ana.
Es ist der Großvater, der in Anas Seele blickt und sieht, wie allein sie ist.
Und wie sehr sie sich danach sehnt, offen und frei zu leben, was sie ist.
Es ist Maria, die das runzlige Kind hält und wärmt und das Große und Weite sieht, was in ihm schlummert. Yes, Maria, you did know.
Es ist ihre Stimme, die sie erhoben hat, weil Gott es ihr zutraut.
Es ist der Mut der Hirten, auf einmal zu predigen.
Ja, sie haben was zu sagen, obwohl sie doch sonst nichts zu sagen haben.

Es ist der Engel, der zu ihnen sagt: Fürchtet euch nicht.
Denn heute ist der Heiland geboren. Geboren wie ihr. Geboren wie alle Menschenkinder.
Wunderbar gemacht, aber Gott sei Dank nicht perfekt.
Geliebt. Gewollt. Voller Sehnsucht.
Wie ihr. (2)


VI.

Ich wünsche dir dieses Wunder heute.
Ich wünsche dir, dass dich jemand in den Arm nimmt.
Dich ansieht, wie du gesehen werden willst.
Dass du spürst, wie sehr Gott dich lieb hat. Gerade dich.
Ich wünsche dir, dass du etwas erlebst, womit du nicht rechnest.
Irgendwo in Pforzheim: zuhause oder auf der Straße oder hier in den Bänken.
Ein Augenzwinkern vielleicht. Oder ein Lächeln. Oder ein Wort, ein Licht, ein Lied.
Eine Wärme, die sich wie eine Decke um deine Schultern legt.

Ich sehne mich nach diesem Wunder für die mutigen Frauen und Männer im Iran.
Dass sie leben dürfen, wie sie wollen. Frei und mutig und liebevoll.
Ich sehne mich nach diesem Wunder für die Menschen in der Ukraine.
Nicht die Herrscher Augustus und Herodes haben das Sagen,
sondern die Frauen, die ihre Haare wehen lassen und auf der Straße tanzen,
die Kinder in den U-Bahnhöfen Kiews, wo sie Schutz suchen –
und sie leben frei und müssen nicht mehr um ihr Leben fürchten.
Ja, nach diesem Wunder sehne ich mich.

Vielleicht überfordert es mich, mich und die Welt.
Aber wir brauchen dieses Wunder so sehr.

Ja, es ist dieses eine Wunder, das diese meine Sehnsucht weckt:
Das Wunder im Futtertrog irgendwo in Bethlehem -
mit Käseschmiere und rauher Stimme,
mit Tier-Atem und Armen, die es festhalten.

Es macht mein Herz weich, meine Augen hell und meinen Mut groß.
Ja, es ist ein Wunder. Ein Wunder auch für dich.
Amen.

(1) Der folgende Abschnitt erzählt das erwähnte Video nach. Zu sehen hier: https://www.youtube.com/watch?v=oOVVgEtuybk

(2) Die kursiv gedruckten Worte habe ich mir von der wunderbaren Predigerin Birgit Mattausch ausgeliehen. https://frauauge.blogspot.com/2022/12/in-diesem-jahr-meine-kleine_25.html

Montag, 12. Dezember 2022

Stimmen und Einstimmen

Von Trost und Tränen, Sprachlosigkeit und Stimmen der Hoffnung

Predigt zu Jesaja 40, 1-11

I. Tränen

»Tröstet, tröstet mein Volk!«, spricht euer Gott.
Redet herzlich mit Jerusalem, sagt über die Stadt:
»Ihre Leidenszeit ist zu Ende,
ihre Schuld ist restlos abgezahlt.
Denn für all ihre Vergehen wurde sie vom Herrn doppelt bestraft.
«

Nimm sie in den Arm, Gott. Nimm sie in den Arm und halte sie fest.
Die Mütter und Töchter in Teheran, in Saqqez und Shiraz und Zahedan.
Erschossen, weil sie ihre Haare frei wehen lassen.
Die Eltern der 16jährigen Mahak Hashemi, die ihre Tochter nur schweigend begraben durften.
Die Großmutter von der 7jährigen Hasti Naroui: Sie ging mit ihr zum Freitagsgebet und konnte sie nach einem Tränengasangriff nur noch tot im Schoß wiegen.
Nimm sie in den Arm, Gott, und halte sie. Und sage zu ihnen: Eure Leidenszeit ist zu Ende.

Nimm sie in den Arm, die Mütter und Töchter aus Kiew und Charkiw und Mariupol.
Die die Massengräber öffneten und ihre Söhne und Väter und Töchter identifizierten.
Die sich versteckten und doch gefunden wurden von den Folterern.
Die ihre Heimat verließen und nun hier um ihre Liebsten bangen.
Nimm sie in den Arm, Gott, und halte sie. Sage zu ihnen: Eure Leidenszeit ist zu Ende.

Ist sie zu Ende?
Nichts wünscht du dir sehnlicher.
Dass Gott auch zu dir herzlich spricht und dich in den Arm nimmt.
Weil auch du manchmal nicht weißt, wohin mit deiner Not.
Weil dich die Tränen der Frauen und Mädchen im Iran und in der Ukraine berühren.
Weil du mit der Großmutter von Hasti weinst.
Und weil deine ganze verdammte Ohnmacht dich erdrückt.

Und vielleicht singst du mit mir:
Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt, darauf sie all ihr Hoffnung stellt?
O komm, ach komm vom höchsten Saal, komm, tröst uns hier im Jammertal. (EG 7,4)

II. Wüstenbahn

Eine Stimme ruft: »Bahnt in der Wüste einen Weg für den Herrn!
Ebnet unserem Gott in der Steppe eine Straße!
Alle Täler sollen aufgefüllt werden, Berge und Hügel abgetragen.
Das wellige Gelände soll eben werden und das hügelige Land flach.
Der Herr wird in seiner Herrlichkeit erscheinen, alle Menschen miteinander werden es sehen.
Denn der Herr selbst hat es gesagt.
«

Eine Stimme ruft: Gott kommt und verändert die Welt.
Gott kommt und alles gerät in Bewegung. Oder alles stoppt. Jedenfalls ist alles anders.
Gott stellt sich vor die russischen Panzer.
Gott nimmt ihren Hijab ab und tanzt auf der Straße.
Gott singt „Baraye“, aber verweigert die Nationalhymne eines Terrorregimes.

Gott ist da – gerade dort, wo du ihn nicht vermutest.
In der Wüste, im Stall, am Kreuz.
Gott steht am Fließband bei Amazon. Putzt die Schultoilette. Friert auf der Parkbank.
Trinkt müde einen Kaffee in der Cafeteria der Klinik, bevor es zur nächsten OP geht.
Gott kommt. Gott ist da. Und Gott sei Dank kann das niemand verhindern.

Ich höre diese Stimme. Du auch? Ich möchte dieser Stimme glauben. Mehr denn je.
Und auch wenn es mir schwer fällt, so singe ich leise (und du vielleicht mit):
Gott will im Dunkel wohnen und hat es doch erhellt. Als wollte er belohnen, so richtet er die Welt. Der sich den Erdkreis baute, der lässt den Sünder nicht. Wer hier dem Sohn vertraute, kommt dort aus dem Gericht. (EG 16,5)

III. Kraftlosigkeit

Eine Stimme spricht: »Verkünde!«

Manchmal ist sie zu laut, diese Stimme vom Advent.
Manchmal will ich nichts als Stille. Alles scheint so vergeblich.

Ich fragte: »Was soll ich verkünden? Alle Menschen sind doch wie Gras.
In ihrer ganzen Sch
önheit gleichen sie den Blumen auf dem Feld.
Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, wenn der Wind des Herrn darüber weht.
Nichts als Gras ist das Volk!
«

Ich teile die Worte der Iranerinnen im Netz.
Aber wird es ihnen helfen? Ist das Regime nicht doch stärker?
Ich habe Decken für die ersten Flüchtlinge aus der Ukraine zum Diakoniepunkt gebracht.
Aber was nützt das ihren Verwandten? 
Ich sehe, wie viel zu viele Menschen zu viel arbeiten.
Ich selber arbeite zu viel.
Will Hoffungsworte verkünden und mühe mich mit ihnen ab. Brauche selbst dafür zu viel Kraft.

Kennst du das?
Mich macht das müde. Und sprachlos. Mir fehlen die Worte.
Und es tut mir gut, auch dieses Fehlen in der Bibel zu finden.

IV. Stimme der Hoffnung

»Ja, das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt für alle Zeit.«
Steig auf einen hohen Berg, du Freudenbotin für die Stadt Zion!
Verkünde deine Botschaft mit kraftvoller Stimme, du Freudenbotin für Jerusalem!
Verkünde sie, hab keine Angst! Sprich zu den Städten Judas:
»Seht, da kommt euer Gott!

Hab keine Angst, sagt die Stimme.
Sei eine Freudenbotin. Verstumme nicht.
Wenn du kannst, sei laut.
Aber auch deine leise Stimme ist wichtig.
Vielleicht ist sie brüchig, heiser, zitternd.
Es ist deine Stimme, mit der du zu Gott betest.
Es ist deine Stimme, mit der du ein kleines gutes Wort sagst in einer Welt,
die diese guten kleinen Worte so nötig hat.
Es ist deine Stimme, die die Zwischentöne einbringt.
Hab keine Angst, sagt die Stimme.

Hörst du die Stimmen, die rufen: Frauen. Leben. Freiheit!?
Hast du die andere Stimme gehört, die einst rief: Ich habe einen Traum. I have a dream.
Vor 60 Jahren.
Die schwarze Stimme eines Predigers in der Wüste einer rassistischen Welt.
Martin Luther King:

Ich habe einen Traum, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der man sie nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilen wird.
Ich habe einen Traum, dass eines Tages jedes Tal erh
öht und jeder Hügel und Berg erniedrigt wird. Die rauhen Orte werden geglättet und die unebenen Orte begradigt werden. Und die Herrlichkeit des Herrn wird offenbar werden, und alles Fleisch wird es sehen.
Das ist unsere Hoffnung. Mit diesem Glauben kehre ich in den Süden zurück.
Mit diesem Glauben werde ich fähig sein, aus dem Berg der Verzweiflung einen Stein der Hoffnung zu hauen.

Sei Freudenbote. Sei Freudenbotin.
Hau einen Stein der Hoffnung aus dem Berg der Verzweiflung.
Das Wort unseres Gottes lässt sich nicht aufhalten.
Dass jeder Mensch ein Kind Gottes ist und unvergleichlich ist
und niemand niemand niemand das Recht hat, das anzuzweifeln –
das ist stärker als jede Verzweiflung, jedes Verstummen, jede Patrone.
Ein großes Wort. Ein kleines Wort.
Stark genug, um ewig zu sein und eine Welt zu verwandeln.
Licht in der Nacht.

Stimmst du mit ein?
Gottes Wort ist wie Licht in der Nacht, es hat Hoffnung und Zukunft gebracht; es gibt Trost, es gibt Halt in Bedrängnis, Not und Ängsten, ist wie ein Stern in der Dunkelheit.

IV. Weitergehen

Tröste, tröste sie, Gott.
Nimm die Frauen und Töchter in den Arm, die in Teheran und Shiraz, in Mariupol und Charkiw.
Nimm Sabine in den Arm, die um ihre Mutter weint.
Und Frida, deren Opa zum Schluss niemanden mehr erkannte.
Trockne ihre Tränen. Schreie mit ihnen.
Tröste, tröste mich, Gott.
Gib mir meine Stimme zurück. Hilf mir, sie zu erheben.
Für sie. Für die Welt. Für dich.

Seht, Gott, der Herr! Er kommt mit aller Macht und herrscht mit starker Hand.
Seht, mit ihm kommt sein Volk! Die er befreit hat, ziehen vor ihm her.
Wie ein Hirte weidet er seine Herde:
Die Lämmer nimmt er auf seinen Arm
und trägt sie an seiner Brust.
Die Muttertiere führt er sicher.
«

Darauf hoffe ich, Gott.
Mit dir zünde ich die 3. Kerze heute an.
Mit dir gehe ich durch die Wüste.
Mit dir flüstere ich das kleine, unscheinbare Wort, das so viel Kraft hat.
Mit dir haue ich die Steine der Hoffnung aus dem Berg der Verzweiflung.
Mit dir träume ich von einer Welt,
die Platz hat für wehende Haare in Teheran, Frieden in der Ukraine und sichere Häfen für alle.
Von einer Welt, in der auch die kleine, leise Stimme des Friedenskindes gehört wird.

Und mit dir stimme ich an:
Peacechild, in the sleep of the night, in the dark before light you come, in the silence of stars, in the violence of wars
Savior, your name.

Amen.

Montag, 5. Dezember 2022

Liebe und Frühling im Winter

Von Barbara, Blütenzweigen, Liebespaaren und einem Gott voller Sehnsucht

Predigt zum Hohelied 2, 8 - 13 am 2. Advent

(mit großem Dank an Kathrin Oxen, deren Predigtentwurf die Grundlage für meine Predigt war. Link s.u.)

I. Barbara: passt nicht


Barbara weiß, was sie will und was nicht.
Jesus will sie. Heiraten will sie nicht. Und das geht in ihrer Zeit gar nicht.  Wie es genau mit ihr war, weiß niemand. Vielleicht gab es sie auch gar nicht. Aber es gibt ihre Geschichte. Und deswegen ist heute ihr Tag: Der Tag der Heiligen Barbara, schön und klug. Immer müssen die schönen und klugen Jungfrauen sterben in solchen Heiligengeschichten. Weil es noch nie jemand aushalten konnte, wenn Frauen schön und klug zugleich sind?

In Barbaras Fall ist es ihr Vater. Er kann nicht ertragen, dass sie zu keinem Mann gehören will, bloß zu Jesus. Und da lässt er sie in einen Turm sperren, wo sie auf ihre Hinrichtung warten muss. Auf dem Weg in den Turm verfängt sich ein trockener Zweig in ihrem Gewand. Den stellt sie in ihren Becher. Und er blüht an dem Tag, als sie stirbt.
Der Barbarazweig.

Eine Geschichte voller unpassender Sehnsucht. Barbara sehnt sich danach, ein eigenes Leben zu leben und nicht den Erwartungen anderer zu gehorchen. Überhaupt nach Leben, blühendem Leben, auch und gerade, als sich alles um sie herum dunkel und tot und ohne Ausweg anfühlt. Sie sehnt sich nach Frühling und Liebe in Tod und Winter.

Mit Heiligen haben wir es in der evangelischen Kirche ja nicht so. Selbst die katholische Kirche hat Barbara inzwischen aus ihrem Heiligenkalender aussortiert. Aber die Sehnsucht lässt sich weder wegsperren noch aussortieren. Sie dringt noch durch die kleinsten Ritzen von Mauern und Fenstern und verschlossenen Türen. Sie blüht, auch im Dezember.

II. Hohelied: zwei, die zusammen passen

Er weiß, was er will - oder besser: wen er will und wer zu ihm passt. Sulamit, die schöne Geliebte. Und Sulamit weiß, wen sie will: ihren Geliebten, niemanden sonst. Ihre Sehnsucht macht die beiden Verliebten schier wahnsinnig und lässt Worte aus ihrem Herzen fließen ohne Scham, ohne Scheu, voller Poesie. Diese Worte haben ihren Platz in unserer Bibel gefunden.
Hören wir auf sie im Hohelied:

Hör ich da nicht meinen Liebsten? Ja, da kommt er auch schon!
Er springt über die Berge, hüpft herbei über die Hügel.
Mein Liebster gleicht der Gazelle oder einem jungen Hirsch.
Schon steht er an unserer Hauswand.
Er schaut durch das Fenster herein, späht durch das Fenstergitter.
Mein Liebster redet mir zu:
»Schnell, meine Freundin, meine Schöne, komm doch heraus!
Denn der Winter ist vorüber, der Regen vorbei, er hat sich verzogen.
Blumen sprießen schon aus dem Boden, die Zeit des Frühlings ist gekommen.
Turteltauben hört man in unserem Land.
Der Feigenbaum lässt seine Früchte reifen. Die Reben blühn, verströmen ihren Duft.
Schnell, meine Freundin, meine Schöne, komm doch heraus!


III. Worte, die nicht passen

Worte voller Sehnsucht im Advent.
Nun ja, denkst du vielleicht: Das kenn ich gut. Verliebt und voller Sehnsucht. Jede Faser deines Körpers tut weh und will berührt werden von ihm, von ihr, von diesem zauberhaften Wesen, das sich in dein Herz gestohlen hat. Aber ehrlich: was hat das mit Advent zu tun?

Vielleicht denkst du: So ein Liebeslied, das vom Frühling erzählt, von sexueller Leidenschaft, von großem Verliebtsein, das passt doch nicht hierher. Und übrigens haben wir Dezember.
Und du hast recht. Erstaunlich, dass dieses Lied einen Platz in der Bibel bekommen hat. Da ist noch nichtmal von Gott die Rede. Irgendwann geriet das Lied der Liebeslieder in das Buch der Bücher. Wie genau, das bleibt ein Geheimnis.
Ich bekenne: ich bin Gott froh darüber. Ich bin froh, dass auch die Leidenschaft, die sich an keine Regeln hält, Teil der Bibel ist.

Die jüdische Tradition hat daraus eine Leidenschaft zwischen Gott und seinem Volk Israel gemacht. Die christliche Tradition hat das übertragen auf Christus und die Kirche. Und ich vermute, wenn es Barbara gegeben hat, hat sie es genauso gelesen: Christus ist ihr Geliebter, der sich nach ihr verzehrt. Und sie sich nach ihm. Nur er ist wichtig. Niemand sonst.

Und ja, mit dieser Übertragung hat man alles Anstößige rausgenommen. Die Sexualität wurde verbannt aus der Bibel. Besonders im Christentum. Dass es mitten in der Bibel Szenen gibt, die davon erzählen, dass es Sex außerhalb der Ehe gibt - puh, da hat man lieber nicht hingeschaut.

Deshalb ist es gut, diese Lieder der Lieder auch als das zu sehen, was sie sind: orientalische erotische Lyrik - mit allem, was dazu gehört. Und das ganze Buch riecht nach Thymian und Lavendel, nach Wein und Heu und Feigen, nach Sex, Schweiß, Parfum und Bettlaken.
Und das passt in die Bibel. Punkt.

IV. Gottes Liebeslied: passt zum Advent

Ja, es ist ein Liebeslied. Ein Lied von Frühling und Liebe. Durch und durch menschlich.
Und gerade deshalb ist auch ein Liebeslied Gottes, ein adventliches Liebeslied:
Hör ich da nicht meinen Liebsten? Ja, da kommt er auch schon!
Schon steht er an unserer Hauswand.
Er schaut durch das Fenster herein, späht durch das Fenstergitter.


Probiere es aus. Höre es dann doch mal als Liebeslied Gottes:
Gott ist wie ein junger Mann, der weiß, was er will, wen er will. Er hat es eilig, zu seiner Freundin zu kommen, so wie es alle jungen Männer immer eilig haben, zu ihrer Freundin zu kommen. Oder besser: Alle, die lieben, zu denen, die sie lieben.
Wie eine Gazelle, wie ein Hirsch kommt Gott. Mühelos überwindet er die Berge und die Hügel, so jung und voller Kraft. Springend und hüpfend kommt Gott, als Überschuss an Kraft und Leben.
Still steht Gott erst vor dem Haus der Geliebten, an ihrer Tür oder vor ihrem Fenster. Gott bleibt stehen an dem Ort, wo sich die Geliebten, die Liebhaber immer schon eingefunden haben, wo schon seit Jahrtausenden ihr Ort war. Wo er immer sein wird.

Und dann ist da nur noch die Tür zwischen den beiden. Die Geliebte riecht ihn förmlich, seinen Körper. Es braucht kein Zeichen mehr, kein Klopfen oder Rufen. Denn sie kommt ihm ja schon entgegen und öffnet ihm mehr als nur eine Tür.

Eine Szene, so alt wie die Welt und das Leben: Es kommt einer, der will nur zu mir. Kommt über die Berge und Hügel, zu Fuß, mit dem Fahrrad, mit der U-Bahn. Kommt und steht vor meiner Tür, mit Wind in den Haaren und dem Geruch von draußen in seiner Jacke und will zu mir.

Wie in dem Film „Tatsächlich Liebe“, wo Jamie wochenlang portugiesisch lernt, dann am heiligen Abend nach Marseille fliegt, statt mit seiner Familie zu feiern, und seiner Aurelia mitten im Restaurant einen Heiratsantrag macht.

Tatsächlich Liebe. Tatsächlich ist Gott diese Liebe - der Winter ist vorbei und es ist Frühling. Ganz egal, ob es draußen wirklich Frühling ist. Auch egal, ob es gerade der Frühling meines Lebens ist oder sein Sommer, Herbst oder Winter. Denn es kommt einer, der will nur zu mir.
Und er redet mir zu: »Schnell, meine Freundin, meine Schöne, komm doch heraus!

V. Unpassende wilde Liebe

Ein Lied vom Frühling und von der Liebe.
Ein Adventslied von einem leidenschaftlichen Gott, der sich nach dir sehnt, der weiß, was er will.

Dass er die Liebe ist, das hast du bestimmt schon oft gehört. Aber nicht so, oder?
Vielleicht eher wie eine Liebe nach vielen gemeinsamen Jahren, an einem Tisch, in einem Bett, auf einem Sofa vor einem Fernseher: Ich kenne dich gut. Bei mir kannst du sein, wie du wirklich bist. Zu mir kannst du immer zurückkommen. Und ja, das hat seinen Wert.

Aber Gott als Geliebter, als Liebhaber? Gott will nur zu dir, kann es nicht erwarten, bei dir zu sein und ruft dich: Schnell, meine Schöne, komm! Dass das einer zu dir sagt und es wirklich so meint. Dass der Frühling wiederkommt, wo schon lange Winter ist. Passt das?

Ja, Gottes Liebe ist auch zahm und fürsorglich, aber heute ist sie die junge und wilde Liebe, wie ein junger Mann mit zu viel Kraft und Wind in den Haaren. Mit Gerechtigkeitsempfinden und Leidenschaft für die Schwachen. Leidenschaft für dich.
Gott steht gleich hinter der Wand, weil er bei dir sein will, nur bei dir. Er riecht nach Thymian und Lavendel, Wein und Heu, Feigen und Schweiß und er lernt portugiesisch - nur für dich.

VI. Es passt

Passt das in die Kirche? Passt das in den Advent? Ein Lied von Frühling und Liebe?
Wir haben übrigens Anfang Dezember, sagst du. Und Angst, dass es wieder ewig dauert mit dem Frühling. Oder irgendwann sowieso vorbei ist damit, weil wir die Welt verkommen lassen und zerstören.

Man kann sich einmauern lassen von solchen Gedanken, wie Barbara in ihren Turm. Aber man sollte es nicht auch noch selber tun, dieses Einmauern.

Barbara hat in ihren Turm ein drittes Fenster brechen lassen. Das erzählt eine andere Geschichte von ihr. Ihr Vater hat getobt. Denn dies war ein Zeichen für den dreieinigen Gott, für Gottes unterschiedlichen Gestalten, bekannt und vertraut und wild und jung und voller Sehnsucht. Sieh, da steht er hinter unserer Mauer, schaut herein durch die Fenster, späht durch die Gitter.

Gott weiß, was er will.
Gott will dich.
Und darum singt er ein Lied voller Liebe. Menschlich und göttlich zugleich.
Und die Geschichte von dem Zweig, der mitten im Winter blüht, sie erzählt von diesem Gott:
er steht vor deiner Tür. Mach ihm auf.

Amen

*Kathrins wunderbare Predigt ist nachzulesen unter: Nachzulesen unter https://www.facebook.com/kathrin.oxen/posts/pfbid0bmjZLaW6pRvb9mkjktaJoUNs7et32Y3AomPDQvnGXpGNe1MDzngZt9vEFUa1mYsSl