Donnerstag, 31. Dezember 2015

Gott ist für dich

Predigt zum Jahreswechsel 2015/2016

Predigttext Röm 8,31ff wird bereits als Lesung gelesen:

Was wollen wir nun hierzu sagen?
Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein?
Der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat,
sondern hat ihn für uns alle dahingegeben –
wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?

Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen?
Gott ist hier, der gerecht macht.
Wer will verdammen?
Christus Jesus ist hier, der gestorben ist,
ja vielmehr,
der auch auferweckt ist,
der zur Rechten Gottes ist und uns vertritt.

Wer will uns scheiden von der Liebe Christi?
Trübsal oder Angst oder Verfolgung
oder Hunger oder Blöße
oder Gefahr oder Schwert?

Aber in dem allen überwinden wir
weit durch den, der uns geliebt hat.
Denn ich bin gewiss,
dass weder Tod noch Leben,
weder Engel noch Mächte noch Gewalten,
weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges,
weder Hohes noch Tiefes
noch eine andere Kreatur
uns scheiden kann
von der Liebe Gottes,
die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.


I.
Wofür bist du?
Für wen bin ich?
Nächstes Jahr sind Landtagswahlen.
Da stelle ich mir diese Frage,
wie die meisten Menschen in Baden-Württemberg.
Für wen bin ich?
Für was bin ich?
Denn Politiker stehen für Inhalte.
Sie vertreten etwas.
Oder sie wollen etwas gerade nicht.
Will ich dasselbe wie sie?

Am Ende des Jahres schaue ich zurück.
Und frage:
Für was war ich?

II.
Also gut:
ich war ganz klar für den Supermarkt oben im Rodgebiet,
schon wegen der vielen alten Menschen dort.
Ich war für ein großes gemeinsames Zeichen
gegen die Rechtsextremisten am 23. Februar.
Und ich bin dafür, dass wir die Flüchtlinge und Fremden freundlich aufnehmen.
Ich bin dafür eingetreten,
dass wir auch die Partnerschaft von homosexuellen Christen segnen dürfen.
Ich bin für eine gute Zukunft unserer Kirche in Pforzheim,
und ich bin bereit, im kommenden Jahr
mit der Synode die nötigen Entscheidungen
dafür zu fällen, auch wenn das nicht leicht wird.

Und ich bin für meine Kinder...
Dafür, dass sie alle Chancen bekommen sollen,
ihr Leben zu gestalten,
so wie es ihnen entspricht.
Vielleicht bin ich nicht mit allem einverstanden, was sie so tun.
Oder was mein Mann tut, auch nicht.
Aber ich bin dafür, dass sie es entscheiden dürfen.
Und ich sie dann unterstütze.
Und meinen Mann auch.

Es gibt vieles, wofür ich bin und gewesen bin.
Das „dagegen“ sein ist dann auch nicht weit.
Und natürlich gibt es da auch so manches,
wogegen ich bin.
Gegen Gewalt zum Beispiel.
Oder gegen Fremdenhass.
Aber gegen Menschen möchte ich nicht sein.
Ich möchte für Menschen sein.
Für sie da sein. Für sie eintreten. Für sie kämpfen.
So wie ich froh bin, wenn jemand für mich ist.
Für mich da ist.
Für mich eintritt.
Für mich kämpft.
Mir den Rücken stärkt.
Mir auf die Beine hilft.
Sich vor mich stellt.
Mir Mut macht.

III.
Was wollen wir nun hierzu sagen?
Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein?


Ich möchte nicht gegen andere Menschen sein.
Aber oft bin ich gegen mich selber.
Ich bin mit mir am strengsten.
Und wenn ich auf das vergangene Jahr zurückschaue,
fällt mir auch da viel ein, warum ich gegen mich bin.
Wo ich falsche Entscheidungen getroffen habe.
Wo ich etwas nicht geschafft habe trotz guter Vorsätze.
Wo ich zu lasch war.
Zu feige. Zu träge. Zu müde. Zu laut. Oder zu leise.
Ja, ich bin selber ungnädig mit mir.
Und das könnte mich von Gott trennen.
Mich von meiner Lebensader abschneiden.
Mir die Kraft nehmen.
Wenn da nicht Gott selber wäre....

IV.
Was wollen wir nun hierzu sagen?
Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein?


Gott selber hält zu mir.
Ist eine wie ich. Und einer wie du.
Macht sich angreifbar. Setzt sich aus.
Wird Mensch. Mitten in meiner Welt.
Weint die Tränen. Lacht den Ärger weg.
Trinkt Wein und teilt das Brot.
Sitzt stundenlang am Tisch und hört zu.
Vergisst die Zeit.
Und schreibt einen 5-seitigen Brief. Nur für mich.
Macht einen Spaziergang im Wald
und übt die ersten mühsamen Schritte mit mir.
Fällt hin und steht auf.

Gott flüchtet sich auf ein Boot im Mittelmeer
und wärmt sich am Feuer nahe beim Grenzzaun.
Gott kocht kurdisch - unverschämt gut.
Und reicht mir gefüllte Auberginen.
Gott lernt mühsam ein paar Brocken Deutsch
und hat Angst, nicht bleiben zu dürfen.

Gott hängt auch an den Überlebensschläuchen -
nebenan auf der Intensivstation.
Und er sitzt am Bettrand und hält die Hand.
Tränen tropfen auf die runzlige Haut.
Sie nehmen Abschied.
Und teilen den Schmerz.
Und trösten.

Gott sitzt drüben in der Kneipe
und weiß nicht, wie er die Heizung nächsten Monat bezahlen soll.
Er ist froh, dass es bald die Vesperkirche gibt.
Da kann er sich wenigstens ein paar Stunden aufwärmen.
Und ebenso steht er hier stundenlang
und spült das Geschirr der Vesperkirchengäste.
Er ist froh, dass er was tun kann.
Und ein kleiner Schwatz mit den Gästen ist auch drin.

Ja, Gott ist für mich.
Trauert mit mir um die Toten von Paris
und von Beirut und von Bagdad.
Gott weint mit den entführten Mädchen in Nigeria.
Gott schreibt für den gefangenen Blogger Raif Badawi
Briefe nach Saudi-Arabien.
Und steht sogar mit Angela Merkel auf,
lässt Flüchtlinge in das Land,
und muss dafür „Merkel muss weg“-Rufe anhören.

V.
Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein?
Christus Jesus ist hier, der gestorben ist,
ja vielmehr,
der auch auferweckt ist,
der zur Rechten Gottes ist und uns vertritt.


Von diesem Gott und seiner Liebe
von diesem wahren Menschen
kann mich nichts trennen.
Nichts!
Selbst wenn ich mich selbst nicht lieben kann.
Nichts kann mich trennen von ihm.
Weder im alten noch im neuen Jahr.

Das neue Jahr wird mit diesem Gott nicht besser als das alte.
Es wird nicht weniger leidvoll sein,
nicht weniger schmerzhaft,
nicht weniger tränenreich,
nicht weniger kalt,
nicht weniger furchtsam.
Nichts davon verschwindet, weil Gott mich liebt.
Aber ich bin nicht allein damit.
Gott nimmt mich in den Arm,
streicht mir über den Kopf,
schaut mir ins Gesicht,
richtet mich auf,
wie eine Mutter, die mich tröstet,
ob wir nun alt sind oder jung.

VI.
In dem allen überwinden wir
weit durch den, der uns geliebt hat.


Gott stellt dich ins neue Jahr,
wie auch immer es sein wird.
So wie er dich ins alte Jahr gestellt hat.
Und egal ob du für ihn bist oder nicht,
ob du dich für seine Liebe einsetzt,
für seine Gerechtigkeit,
seinen Frieden,
ob du das schaffst oder nicht:
du bist Geliebte, bist Geliebter.

Auch als Geliebte werde ich dafür und dagegen sein.
Werde ich für die Liebe kämpfen,
und werde ich scheitern.
Auch als Geliebte werde ich fassungslos sein,
dass Pegida immer noch Menschen anzieht,
und dass Flüchtlingsunterkünfte immer noch in Brand gesteckt werden,
und dass es Menschen nicht gegönnt wird,
dass es ihnen genauso gut gehen soll wie uns.
Auch als Geliebte werde ich mich machtlos fühlen,
und dem Hass und der Gewalt nur wenig entgegen setzen können.
Vielleicht sogar weniger denn je.
Weil ich nicht mitmachen kann bei dieser Nicht-Liebe.

VII.
In dem allen überwinden wir
weit durch den, der uns geliebt hat.


Die Liebe, die du lebst,
sie bringt dich nicht auf die Gewinnerspur.
Aber in die Spur Jesu.
Und die hat auch Platz für dein Schwachsein.
Für die nicht erfüllten Vorsätze.
Die nimmst du mit ins neue Jahr.

Wer will uns scheiden von der Liebe Christi?
Trübsal oder Angst oder Verfolgung
oder Hunger oder Blöße
oder Gefahr oder Schwert?

Oder du selbst?
Selbst das geht nicht.
Und das ist gut so.

VIII.
Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein?
Heute abend feierst du die Liebe Gottes,
von der dich nichts trennen kann.
Weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges.
Auch im neuen Jahr nicht.
Denn du gehst nicht allein.
Du bleibst Geliebte, Geliebter Gottes.
Gott ist für dich.
Für dich da.
Tritt für dich ein.
Kämpft für dich.
Stärkt dir den Rücken.
Hilft dir auf die Beine.
Stellt sich vor dich.
Und macht dir Mut.
Darum geh.

Und der Friede Gottes,
welcher höher ist als alle Vernunft,
bewahre eure Herzen und Sinne
in Christus Jesus.

Amen.

Freitag, 25. Dezember 2015

Gott, der Menschenfreund. Vielleicht ganz normal. Und doch anders...

Predigt zu Weihnachten 2015 (Titus 3,4-7)
 
Doch dann erschien die Güte
und die Menschenfreundlichkeit Gottes,
unseres Retters –
und zwar unabhängig von irgendwelchen Taten,
die wir in unserer Gerechtigkeit vollbracht hätten.

Sondern er hat uns seine Barmherzigkeit geschenkt:
Er hat uns gerettet
durch das Bad,
aus dem wir neu geboren werden.
Denn mit diesem Bad erhalten wir
das neue Leben durch den Heiligen Geist.

Den hat er in reichem Maß über uns ausgegossen
durch Jesus Christus, unseren Retter.
Durch diese Gnade
werden wir von Gott als gerecht angenommen.

Und damit werden wir zu Erben des ewigen Lebens  –
so wie es unserer Hoffnung entspricht.

(Titus 3,4-7, Basisbibel)

I.
Müde und verstaubt betreten sie das Haus,
der Mann und die Frau aus Karlsruhe.
Der Weg war schön, das Wetter hat gepasst.
Aber nach der stundenlangen Wanderung
ist es nun gut, dass sie hier essen können.
Sie waren schon einmal hier in Zapfendorf, Oberfranken,
vor ein paar Jahren.
Das Gasthaus hat sich verändert, irgendwie.
Andere Besitzer.
Keine Franken.
Aber freundlich sind sie.
Und sauber.
Tischen Brot und Salat und Käse auf.
Und Tee.
Als die Wanderer bezahlen wollen,
wollen die Gastwirte kein Geld.
Ihr seid unsere Gäste. Wir leben hier.
Syrische Bewohner einer Flüchtlingsunterkunft.

Menschenfreunde.
Ganz normal.
Und doch so anders.

Doch dann erschien die Güte
und die Menschenfreundlichkeit Gottes,
unseres Retters –
und zwar unabhängig von irgendwelchen Taten,
die wir in unserer Gerechtigkeit vollbracht hätten.


II.
Müde und verstaubt betreten sie die Hütte.
Die Hirten vom Feld.
Die Nacht kann auch in Palästina kalt sein.
Einsam ist sie vor allem.
Und dunkel.
Und schweigsam.
Doch heute ist alles anders.
Das Licht hat sie hierher gelockt.
Und ein Himmel voller Glanz.
Der einfach so über sie ausgegossen wurde.
Was erwarten sie?
Was hoffen sie?
Wärme? Brot und Käse?
Oder etwas viel Größeres?
Fürchtet euch nicht, hörten sie.
Aber so ganz trauen sie ihren Augen nicht.
Und ihren Füßen, die sie hierher gebracht haben, auch nicht.

Doch nun treten sie ein.
Müssen sich dafür erstmal bücken.
Und dann sind sie still.
Und wissen nicht, was sie sagen sollen.
Verlegen reiben sie ihre Hände an ihrer Weste.
Denn was soll man schon tun, wenn da ein Kind liegt.
Und sonst nichts.

Ungewohnt ist es.
Sonst scheinen sie immer zu stören.
Mit ihren rauhen Händen.
Und ihren rauhen Sprüchen.
Und ihren rauchen Gerüchen.
Hier aber nicht.
Hier riecht es nach „Willkommen“.
Hier fühlt es sich an nach „Setzt euch“
Hier hören sie „Schön, dass ihr da seid“.

Menschenfreunde.
Vielleicht ganz normal.
Und doch so anders.

Dann erschien die Güte
und die Menschenfreundlichkeit Gottes,
unseres Retters –
und zwar unabhängig von irgendwelchen Taten,
die wir in unserer Gerechtigkeit vollbracht hätten.


III.
(Für Folgendes danke an Michael Greßler)

Der freundliche Gott in einer feindlichen Welt.
Das Kind in der Krippe.
Er ist einfach mittendrin.
Gerade weil die Welt so ist, wie sie ist.

Der menschenfreundliche Gott.
Er kämpft nicht, sondern er kommt einfach.
Er greift nicht an, sondern er wird geboren.
Er wehrt sich nicht. Er trägt alles, was man ihm auflegt.

Das Bethlehemskind ist kein Soldat.
Und kein Attentäter.
Und kein Fremdenhasser.
Gott ist ein Neugeborenes.
Unbewaffnet.
Nur einfach da.
Auf dass er die Welt wasche
von allem, was unmenschlich ist.

IV.
(Danke für das Folgende an Anne Gidion, Göttinger Predigtmeditationen)

Der menschenfreundliche Gott.
Auf der einen Seite.
Auf der anderen Seite: Wir.
Tun, was wir eben so tun.
Verschenken Dinge.
Essen und Trinken zu viel.
Oder:
sind allein.
Wären es gerne nicht.
Bekommen Geschenke.
Hätten gerne andere.
Hätten das Fest gerne anders, irgendwie.
Haben uns verausgabt
und sind jetzt pleite.
Oder ausgelaugt.
Wissen nicht, wie das neue Jahr werden soll.
Sind mit falschen Menschen am falschen Ort
und träumen von Menschen, mit denen wir nicht sein dürfen,
an Orten, die es nicht gibt.
Schon passiert an Heiligabend.

Ja, wir.
An vielen Tagen unfreundlicher als uns gut tut.
Berechnen, ob das Gegenüber mein Lächeln verdient hat.
Setzen Bilder in die Welt, damit die anderen das auch so sehen.
Nein, der hat Freundlichkeit nicht verdient.
Und die da auch nicht.
Denn vielleicht will die mich ja ausnutzen?
Ich lass doch nicht einfach Hirten in meinen Stall!
Und Fremde nicht in mein Herz.
Und Flüchtlinge nicht in meinen Stadtteil.
Mir wurde auch nichts geschenkt.

Ja, wir.
In einer unfreundlichen Welt.
Wo eine Scheidung ein Leben ruinieren kann.
Wo Kinder nicht zu ihrem Vater dürfen, weil die Mutter es nicht will.
Oder Mütter allein gelassen werden
und sehen müssen, wie sie zurecht kommen.
Wo Bomben auf Menschen fallen, deren Häuser sowieso schon kaputt sind.
Wo ein einst blühendes Land zerstört wird.
Und wir leben auch noch gut davon.

Ja, wir - auf der anderen Seite.
Auf den Feldern einer unfreundlichen Welt.
Und Gott mittendrin.
Doch heute treten wir ein in die Hütte.
Staubig und müde vielleicht -
selbst wenn wir die schönsten Kleider anhaben.
Wir treten ein.
Und hoffen, dass wir willkommen sind.
Dass wir auf Menschenfreunde treffen.
Vielleicht ganz normal.
Und doch so anders.

V..
Er hat uns seine Barmherzigkeit geschenkt:
Er hat uns gerettet
durch das Bad,
aus dem wir neu geboren werden.
Denn mit diesem Bad erhalten wir
das neue Leben durch den Heiligen Geist.


Gott ist da - in dieser unordentlichen Hütte.
Im Stall. Mitten im Leben.
Gott ist menschenfreundlich.
Und zwar richtig.
Er sieht dir freundlich ins Gesicht.
Er sagt „Willkommen“ und „Setz dich“ und „Schön, dass du da bist“
Er räumt auch nicht extra für dich auf,
weil er weiß, dass du dich dann nicht schämen musst für deine Unordnung.
Gott füllt dir aber warmes Wasser in die Badewanne,
gibt dir ein großes Handtuch und ein Stück Seife.
Dann lässt er dich allein.
Und du kannst in die Badewanne steigen,
und den ganzen Dreck aufweichen.
Das warme Wasser hüllt dich ein,
macht nicht nur den Dreck weich, sondern auch die Muskeln.

Irgendwann ist dann genug.
Du steigst heraus.
Und obwohl das Wasser so wohlig warm war, bist du erfrischt.
Wie neugeboren halt.
Denn jetzt bist es nur noch du, die da ist.
Du, so wie du bist.
Ohne Schminke. Ohne Maske. Ohne Schmuck.
Und ohne den Schmutz und Staub deines Lebens.

Deine Vergangenheit ist dabei.
Aber die ist weich geworden,
wie die vom Wasser verschrumpelten Finger.

Auch deine Zukunft ist dabei,
die, die dir Sorgenfalten auf die Stirn bringt.
Aber die hast du vor dich abgelegt.
Sie lastet nicht mehr auf den Schultern.

Du richtest dich auf.
Bist ganz da und trittst an den Tisch.
Da sitzt Gott schon.
Mit Menschen, die du kennst.
Und auch welchen, die du noch nicht kennst.
Und Gott gibt dir Brot und Käse.
Und will nicht, dass du dafür bezahlst.

VI.
Ja, Gott ist schon längst da.
Im Stall. In unserem Leben.
In unserer Unordnung.
Gott, der Menschenfreund.
Vielleicht ganz normal.
Und doch so anders.

Gott, der uns liebt.
Der die beste Variante von uns sieht.
Der lächelt, wenn wir straucheln.
Bei ihm sind wir schön.
Durch ihn leben wir neu.
Frisch wie nach einem Bad.
Wie ein Kind, das sich alles vorstellen kann:
Blumen pflücken im Winter,
eine Katze streicheln,
wie der kleine Lord den unfreundlichen Großvater umkrempeln,
der traurigen Verkäuferin einen Lutscher schenken.
So fühlt es sich an, wenn der Geist wirkt.
Und den schenkt uns Gott.
Wie warmes Wasser, das uns umspült.
So viel, wie nötig.
Üppig und immer wieder.

VII.
Die Hirten nehmen die Wärme mit.
Die Freundlichkeit des Kindes.
Den Geist, der sie üppig wie Wasser umspült hat.
Das „Schön, dass ihr da seid“.
Das „Setzt euch“.
Und den Willkommensgeruch.
Sie nehmen es mit.
Und erzählen davon.

Kann man von Gerüchen erzählen?
Und von Wärme, die den ganzen Körper erfasst und die Seele?
Kann man davon erzählen, dass es schön war, da zu sein?
Dass die Welt hinterher anders aussah?
Freundlicher?

Die müden Hirten können es.
Und das staubige Wandererpaar aus Karlsruhe kann es.
Es öffnet uns die Augen für den menschenfreundlichen Gott.
Ja, für eine freundliche Welt,
in der wir leben.
Mit einem Gott, der liebt.
Und heil macht.
Und wärmt.
Einfach so.

Menschenfreund.
Erschienen im Kind.
Vielleicht ganz normal.
Und doch so anders.

Dann erschien die Güte
und die Menschenfreundlichkeit Gottes,
unseres Retters...
Er hat uns gerettet
durch das Bad,
aus dem wir neu geboren werden.


Amen.

Mut ohne Schutzzäune - "Fürchtet euch nicht!"

Predigt zu Heiligabend 2015

(Meine Worte wurden zum Teil inspiriert von Holger Pyka (vielen Dank!!) und einem Zeitonline-Artikel von 2012) 

I.
Fürchtet euch nicht!
Die Worte kommen von ganz weit her,
vom Himmel zur Erde.
Ganz hell sind diese Worte.
Extra losgeschickt für dich.
Für mich.
Und für alle da draußen.
Fürchtet euch nicht -
losgeschickt für uns Angsthasen,
die gar nicht anders können,
als sich zu fürchten.
Dieses Jahr ganz besonders.
Fürchtet euch nicht!
Worte - vom Himmel und hell und klar.

II.
Und es waren Hirten in derselben Gegend
auf dem Felde bei den Hürden,
die hüteten des Nachts ihre Herde.
Und der Engel des Herrn trat zu ihnen,
und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie;
und sie fürchteten sich sehr.
 

Und der Engel sprach zu ihnen:
Fürchtet euch nicht!
Siehe, ich verkündige euch große Freude,
die allem Volk widerfahren wird;
denn euch ist heute der Heiland geboren,
welcher ist Christus, der Herr,
in der Stadt Davids.
 

Und das habt zum Zeichen:
Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt
und in einer Krippe liegen.
Und alsbald war da bei dem Engel
die Menge der himmlischen Heerscharen,
die lobten Gott und sprachen:
Ehre sei Gott in der Höhe
und Friede auf Erden 

bei den Menschen seines Wohlgefallens.
(Lukas 2, 8-14)

III.
(Jugendkantorei:)
Brich an, du schönes Morgenlicht
und lass den Himmel tagen!
Du Hirtenvolk, erschrecke nicht,
weil dir die Engel sagen,
dass dieses schwache Knäbelein
soll unser Trost und Freude sein,
dazu den Satan zwingen
und letztlich Frieden bringen.

IV.
Fürchtet euch nicht
, ihr Hirten!
Auf Kalenderfotos und Krippenbildern seht ihr oft so entspannt aus.
Als ob euch nichts erschüttern könnte.
Doch ihr habt Angst.
Ihr habt Angst vor Wölfen, die eure Lämmer reißen könnten.
Ihr haltet eure Herde immer schön beisammen.
Fürchtet euch vor Klippen und Abgründen.
Ihr habt vielleicht sogar Zäune dabei,
Luther spricht von Hürden, die euch schützen.
Die könnt ihr schnell aufbauen - um euch herum.
Und dahinter könnt ihr euch zurückziehen.

V.
Vielleicht gehört ihr ja zu denen,
die sich auch sonst verschanzen müssen?
Die sich verschanzen hinter Masken,
die vor anderen verbergen,
wie es euch wirklich geht?
Die sich verschanzen hinter Wortwaffen,
die andere klein machen,
um selber nicht so mickrig zu wirken?
Die sich verschanzen hinter witzigen Sprüchen,
die alles, was euch zu nahe kommt,
auf eine hantierbare Größe zusammenschrumpfen lassen?

Oder gehört ihr zu denen,
die wirklich Angst um ihre Zukunft haben
und denen man nicht noch mehr zumuten darf?
Die nicht wissen,
ob die Tochter nach dem letzten Streit noch einmal nach Hause kommt?
Die befürchten,
dass ihre Firma nächstes Jahr pleite macht?
Oder die ahnen,
dass ihr Ehe die nächsten 10 Monate nicht überstehen wird?

Und mühsam habt ihr eure Schutzzäune aufgebaut,
die alles zusammenhalten.
Sprüche, Worte, Blicke,
Arbeiten, was das Zeug hält. Lächeln.
Oder vielleicht sogar die geballte Faust gegen Schwächere.
Damit niemand merkt, wie es euch wirklich geht.
Und dass ihr Angst habt.

VI.
Starke Menschen seid ihr und doch braucht ihr Schutzzäune.
Aus Furcht...
Fürchtet ihr euch vielleicht sogar vor Weihnachten?
Denn wenn ihr mal den Schutzzaun
von Stallromantik und süßem Glockenklang
wegschiebt,
dann hat Weihnachten nichts Niedliches,
sondern etwas Verstörendes:

Gott kommt mitten hinein in eine verstörende Welt,
wo ein Mädchen schwanger wird - einfach so,
wo die Notunterkunft dreckig ist
und das Publikum mehr als zwielichtig.
In dieser Welt gibt es zu viele Orte,
wo Kinder keinen Platz haben,
wo Menschen weggeschickt werden,
oder deren Zuhause kaputt ist.
Von innen oder von außen.
In diese Welt kommt Gott.

Aber statt Schutzzäune zu bauen,
nimmt Gott plötzlich die Hürde weg.
Die eine große zwischen sich und den Menschen
und wird selbst Mensch.
Er liefert sich komplett aus.
Und damit ist alles anders.
Und verstörend.

VII.
Fürchtet euch nicht!
Gott rüttelt an Weihnachten an unseren Zäunen und Türen
und rückt uns auf die Pelle.
Es gibt kein diffuses Grau mehr.
Stattdessen leuchtet die Klarheit des Herrn auch die dunklen Stellen aus.
Kein Verstecken mehr möglich.

Damit nicht genug,
rückt er auch noch das Unterste nach Oben.
Die Wehrlosigkeit wird zum Maßstab erhoben.
Das Einfache ebenfalls.
Und vor allem die Liebe.
Die Liebe, die nicht fragt,
ob du gewaschen bist oder nicht,
ob dein Kleid schick ist,
oder dein Kontostand genügt.

Gott kommt hinein
in unsere angstbesetzte und mauernbewehrte Welt,
und macht alles anders.
Nimmt vorsichtig in den Arm statt wegzuschicken
Hört zart hin statt schlaue Sprüche zu klopfen.
Liebt ohne zu fragen.

Fürchtet euch nicht! 
Denn euch ist heute der Heiland geboren.
In einem eingewickeltem Kind.
Ohne Schutzzäune und Hürden.
Ohne Wortwaffen und Masken.
Mensch pur.

VIII.
Darum:
Fürchtet euch nicht!
Nicht vor der Schutzlosigkeit.
Nicht vor der Klarheit.
Nicht vor dem Einfachen
und nicht vor der Liebe.
Gott nimmt euch eure Hürden und Schutzzäune,
aber er lässt euch nicht schutzlos zurück,
sondern ist bei euch - bei jeder Faser eures Lebens.

IX.
Fürchtet euch nicht!
Nicht vor Fremden.
Nicht vor Anderen.
Auch nicht vor einer anderen Religion.

Fürchtet euch nicht vor denen, die zu uns kommen.
Die selber schutzlos sind, aber es genauso ungern zeigen wie ihr.
Die Angst um ihre Lieben haben, die noch dort sind, wo sie herkommen.
Die nicht wissen, ob sie hier Fuß fassen dürfen.
Ob sie hier arbeiten dürfen.
Oder wann sie endlich mit Deutsch anfangen, um heimischer zu werden.

Fürchtet euch nicht vor ihnen,
denn sie brauchen euch,
gerade euch, die ihr selber so furchtsam seid.
Nehmt die Liebe des kindgewordenen Gottes mit.
Sie wird euch helfen.
Zum gemeinsamen Mut.

X.
Fürchtet euch nicht!
Geht los, wie die Hirten,
noch nicht wissend, wo der Weg hinführt, der heilsame.
Sucht das Kind,
und lasst eure Schutzzäune hinter euch.
Auch wenn ihr immer noch Angst habt,
so schutzlos zu sein.
Ja, ihr seid verletzlicher mit diesem Gott.
Aber nur ohne Schutzzäune kann Frieden werden.
Echter Friede.

XI.
Fürchtet euch nicht!
Sie müssen große Angst gehabt haben,
die kenianischen Passagiere im Bus.
Zwischen Mandera und Nairobi wurden sie überfallen
- vor ein paar Tagen .
Al-Schabaab-Milizen aus dem benachbarten Somalia stiegen ein.
Sie forderten die muslimischen Fahrgäste auf,
sich von den Christen zu trennen,
damit sie diese töten könnten.

Aber die Muslime weigerten sich
- obwohl sie Riesenangst gehabt haben müssen -,
im Gegenteil: sie rückten enger zueinander.
Und sie steckten den Christen heimlich Sachen zu,
die sie als Muslime auswiesen.
So haben sie ein Blutbad verhindert
mit ihrem Mut,
denn die Täter zogen wieder ab.

XII.
Fürchtet euch nicht!
Rückt euch näher auf die Pelle.
Lasst euch nicht gegeneinander ausspielen.
Sondern bleibt miteinander. Und für einander.
Ob Christen oder Muslime,
Juden oder Hinduisten oder Atheisten.
Ob Einheimische oder Zugewanderte.
Ob Single oder als Familie.
Ob Homo- oder Heterosexuelle.
Ob Alt oder jung.
Denn Angsthasen seid ihr alle.
Mal mehr oder weniger.
Umso wichtiger, dass ihr euch keine Angst machen lasst.
Weder vor der Gegenwart noch vor der Zukunft.

Fürchtet euch nicht!
Die Worte kommen von ganz weit her, vom Himmel zur Erde.
Ganz hell sind diese Worte.
Extra losgeschickt für dich.
Für mich.
Und für alle da draußen.
Losgeschickt für uns
mit Mut zum Leben und Lieben:
Fürchtet euch nicht!
Denn euch ist heute der Heiland geboren.


Amen.








Sonntag, 20. Dezember 2015

Worte, die sich nicht einsperren lassen: Maria, Paulus und Bonhoeffer....

Predigt zum 4. Advent
 
Freuet euch in dem Herrn allewege,
und abermals sage ich: Freuet euch!
Eure Güte lasst kund sein allen Menschen!
Der Herr ist nahe!
Sorgt euch um nichts,
sondern in allen Dingen
lasst eure Bitten in Gebet und Flehen
mit Danksagung  vor Gott kundwerden!
Und der Friede Gottes,
der höher ist als alle Vernunft,
bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

(Philipper 4,4-7)

I.
Sie kann es noch gar nicht fassen.
Da erfährt Maria mal eben, dass sie schwanger ist.
Sie weiß nicht, was sie denken soll.
Denn sie weiß, dass da was Gewaltiges auf sie zu kommt.
Ob sie es schaffen wird?
Ob sie dem Ganzen gewachsen sein wird?
Eigentlich müsste sie Angst haben.
Aber sie hat keine Angst.
Sie freut sich.
Von ganz innen kommt es.
In ihr brodelt und sprudelt und blubbert es.
Die Worte müssen raus.
Richtig raus - die ganze Welt müsste es hören!
„Mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes;
denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen.
Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder.
Denn er hat große Dinge an mir getan.“ 

(aus Lukas 1 - der gesamte Text des Magnificats wurde als Lesung gelesen)
Ja, Gott ist zu ihr gekommen.
Zu Maria, dem einfachen Mädchen, das nichts Besonderes ist.
Ausgerechnet mit ihrer Hilfe will er zur Welt kommen.

Das übersteigt ihre Vernunft.
Aber sie ist plötzlich ganz wach.
Und erkennt:
da stellt etwas Unscheinbares die Welt auf den Kopf.

Freuet euch in dem Herrn allewege,
und abermals sage ich: Freuet euch!
Eure Güte lasst kund sein allen Menschen!
Der Herr ist nahe!


II.
Worte von Paulus.
Worte, die raus müssen, obwohl alles dagegen spricht.
Worte, die sich nicht einsperren lassen.

Aber Paulus ist eingesperrt.
Hinter dicken Mauern.
Oder in einem dunklen Loch.
Wie die Gefängnisse damals eben waren.
Und viele heute noch sind.
Trübe Aussichten.
Wenn es überhaupt Aussicht gibt,
und an Schlaf nicht zu denken ist.
Werde ich wieder frei kommen?
Oder doch hingerichtet?
Was wird mit meinen Lieben da draußen geschehen?
Sind sie wenigstens in Sicherheit?
Wer kümmert sich um sie?
Sorgen, die einen schier verrückt machen können.
Ob er nun Paulus heißt.
Oder Dietrich Bonhoeffer:

III.
„Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich träte aus meiner Zelle
gelassen und heiter und feste
wie ein Gutsherr aus seinem Schloss.

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich spräche mit meinen Bewachern
frei und freundlich und klar,
als hätte ich zu gebieten.

Wer bin ich? Sie sagen mir auch,
ich trüge die Tage des Unglücks
gleichmütig, lächelnd und stolz,
wie einer, der Siegen gewohnt ist.

Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?
Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?
Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,
ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,
hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,
dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe,
zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung,
umgetrieben vom Warten auf große Dinge.
Ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne,
müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,
matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen.“


Worte, die sich nicht einsperren lassen.
Worte, die raus müssen.
An die Welt. An die Freunde.
An Gott.

Lasst eure Bitten in Gebet und Flehen
mit Danksagung  vor Gott kundwerden!


IV.
Worte, die auch gefährlich sein können.
Denn die Wächter lesen sie auch,
die Worte von Paulus.
Der Herr ist nahe!
Das ist doch dieser Herr, der die Gewaltigen vom Thron stürzt.
Und der die Niedrigen erhöht.
Der Herr ist nahe!
Das ist doch der, der die Sanftmütigen selig preist,
und die Friedensstifter und die Verfolgten ebenso.
Der Herr ist nahe!
Das ist doch der, der Kinder und Arme segnet
und dessen Reich nicht von dieser Welt ist.
Sondern anders.
Voller Liebe und Barmherzigkeit und Güte.

V.
Der Herr ist nahe!
Paulus schreibt diese Worte.
Er kann nicht anders.
Sie müssen raus.
Denn es ist seine einzige Hoffnung,
dass der Herr nahe ist.

Ja, er ist nahe!
Draußen - vor den Gefängnismauern.
Und auch drinnen, hinter den Mauern.
Sie werden ihn nicht stoppen können, den Friedensfürsten.
Sie werden die Worte nicht stoppen können,
die vom Frieden künden
und von der Barmherzigkeit
und von der Liebe.
Sie haben es schon mal versucht,
aber es ist ihnen nicht gelungen,
weil Gott dazwischen gefunkt hat.
Ihn, den Gekreuzigten auferweckt
und an seine Seite gesetzt.
Und ja, so oft es Menschen gibt,
die den Herrn aus der Welt herausdrängen,
so oft wird er wieder kommen,
wird er nah sein,
vor der Tür, vor den Mauern, und sogar dahinter.

Freuet euch in dem Herrn allewege,
und abermals sage ich: Freuet euch!

Das sagt einer,
weil es vielleicht das Letzte ist,
was er sagen kann.
Freuet euch!

VI.
Paulus sagt es denen da draußen,
die Angst um ihn haben.
Die Angst auch um sich selber haben.
Kommen wir ebenfalls ins Gefängnis?
Was passiert mit uns, wenn wir die Liebe leben?
Wenn wir Frauen und Männer als gleichwertig ansehen?
Wenn es unter uns kein Oben und Unten gibt?
Wenn wir in den anderen unsere Brüder und Schwestern sehen
und Reiche ihr Hab und Gut mit den Armen teilen?
Was passiert dann mit uns?

Eure Güte lasst kund sein allen Menschen!

Damals war es gefährlich, die Liebe Jesu zu leben.
Heute finden das manche immer noch gefährlich:

So viele Flüchtlinge aufnehmen - wo führt das hin?
Kirchenasyl gewähren - das hebelt doch den Staat aus!
Den Kriegsdienst verweigern - wer das tut, lässt die Opfer in Stich.
Homosexuelle Liebe als Liebe annehmen - das zersetzt unsere Moral!
Oder zerstört gar unsere Kirche.

Solche Gedanken können uns gefangen nehmen.
Und sie tun es auch.
Sie schließen uns ein, wie ein Gefängnis.
Menschen mauern sich ein, um nicht enttäuscht zu werden.
Denn wer sich öffnet, kann verletzt werden.
Mauern scheinen da sicherer zu sein.
Aber sie machen einsam.
Und lieblos.
Und freudlos.

VII.
Eure Güte lasst kund sein allen Menschen!
Lasst euch nicht einsperren.
Lasst eure Worte nicht stumm bleiben.
Teilt weiterhin euer Leben, eure Liebe, euer Hab und Gut.
Seid gütig zu allen, ohne Unterschied.
Denn der Herr ist nahe.
Er hält sich nicht an die Mauern, die wir hochziehen.
Er reißt sie ab und baut aus ihren Steinen eine neue Welt.

Und genau darauf dürft ihr euch freuen,
ihr da draußen.
Ihr betet für mich hier hinter den Mauer,
ihr seid für mich da,
denkt an mich und versorgt mich,
Ja, ihr lebt doch schon die Güte.
Ihr lasst mich spüren, dass der Herr nahe ist.
Vor den Gefängnismauern.
Und dass er hier herein kommt.

Darum:
Freuet euch in dem Herrn allewege,
und abermals sage ich: Freuet euch!


Worte, die sich nicht einsperren lassen.
Paulus muss es seinen Freunden sagen.
Dass es immer Grund zur Freude gibt,
immer - auch im Dunkeln.
Und wer sich selber nicht freuen kann,
weil er traurig ist, verzweifelt, am Boden,
der ist trotzdem nicht allein,
da sind andere,
die für ihn beten,
an ihn denken.

Freuet euch in dem Herrn allewege,
und abermals sage ich: Freuet euch!


VIII.
Ja, es gibt Grund zur Freude.
Auch heute und trotz allem.

Gott hat sich ein einfaches Mädchen ausgesucht,
um mit seiner Hilfe die Welt zu retten.
Unscheinbares stellt die Welt auf den Kopf.
Grund zur Freude.

Menschen finden eine neue Heimat -
in unserem Land.
Grund zur Freude.

Lewin hat das Kirchenasyl geschafft.
Er muss nicht nach Bulgarien zurück.
Und darf bei seiner Familie bleiben.
Grund zur Freude.

Eine deutsche Jüdin nimmt in Berlin
einen syrischen Muslim in ihrer Wohnung auf.
Einfach so.
Grund zur Freude.

Die Deutschen haben noch nie so viel gespendet
wie in diesem Jahr.
Sie wollen helfen.
Grund zur Freude.

Gott kommt dir nahe.
Wie ein Freund.
Wie eine Mutter.
Wie ein Bruder.
Gott, der dich anhört.
Die dich tröstet.
Der dich versteht.
Das übersteigt deine Vernunft.
Grund zur Freude.

IX.
Freuet euch in dem Herrn allewege,
und abermals sage ich: Freuet euch!

Denn die Mauern,
die ich baue oder die andere bauen,
die reißt der Herr ein.
Und baut eine neue Welt aus den Steinen.

Darum machen wir die Fenster und Türen auf,
wo noch Mauern sind.
Dann kommt frische Luft herein.
Und Gottes Geist,
der uns auf die Straße treibt,
und in die Häuser und Heime,
in die Läden und Geschäfte,
an die Tische und auf die Bänke,
damit wir Güte leben -
vor allen Menschen.
Einfach so.
Darauf können wir uns freuen.
Und wenn es das Letzte ist,
das wir sagen können.

Und der Friede Gottes,
der höher ist als alle Vernunft,
bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.


Amen.


Dienstag, 15. Dezember 2015

Fürchte dich nicht

Meditation zu Lukas 1,30

(Anlass: Synode Montag abend. Aber für diesen Zweck hier im Schlussteil verändert)

Der Engel sprach zu ihr:
Fürchte dich nicht, Maria, du hast Gnade bei Gott gefunden.
Lukas 1,30


Fürchte dich nicht,
Maria,
auch wenn du nicht weißt,
was genau auf dich zukommt.
Du weißt nicht, ob du dem gewachsen bist.
Du ahnst, was die Leute sagen über dich,
und das wird nicht nett sein.
Du weißt nicht, wie dein Verlobter reagieren wird.
Und schwanger in diesen schwierigen Zeiten?
Palästina besetzt,
despotische Herren,
korrupte Verwalter.
Trotzdem:
Fürchte dich nicht, Maria,
sondern steh auf,
Lass das Alte hinter dir,
denn zu trägst die Zukunft in dir.
Ja, gerade du.
Du hast Gnade bei Gott gefunden.
Und die Zukunft trägt dich.

Fürchte dich nicht,
du Volk Israel.
Auch wenn du nicht weißt,
ob dein Exil ein Ende haben wird.
Fürchte dich nicht -
so sagt es der Prophet Jesaja.
Deine Heimat ist nicht hier.
Dein Tempel ist zerstört.
Du bist nun ein Nichts - dort in der Fremde.
Ein Spielball der Mächtigen,
die heute so, morgen so sagen.
Und du weißt nicht,
ob du da jemals wieder raus kommst.
Trotzdem:
Fürchte dich nicht, du Volk Israel,
sondern steh auf,
denn dein Gott ist mit dir.
Lass das Alte hinter dir,
Denn du trägst die Zukunft in dir.
Ja, gerade du.  
Und die Zukunft trägt dich.

Fürchtet euch nicht,
ihr Hirten auf dem Feld.
Auch wenn ihr euch ausgeliefert fühlt
und ausgenutzt.
Auch wenn das Licht mitten in dieser Nacht
furchtbar hell ist.
Auch wenn ihr den Drang verspürt,
einfach wegzurennen,
weil euch das alles eine Nummer zu groß ist.
Ihr könnt euch einfach nicht vorstellen,
auf einmal inmitten eines Geschehens zu sein,
das auch noch die Welt aus den Angeln heben soll.
Ihr wollt vielleicht am liebsten in Ruhe gelassen werden?
Und doch mutet euch dieser Engel was zu.
Dass ihr hingehen sollt zu einem Kind.
Ausgerechnet ihr,
die sonst Kindern eher Angst einjagt.
Trotzdem:
Fürchtet euch nicht, ihr Hirten.
Sondern steht auf.
Lasst das Alte hinter euch,
Denn ihr tragt die Zukunft weiter.
Ja, gerade ihr.
Und die Zukunft trägt euch.


Fürchtet euch nicht,
ihr Frauen am Grab,
auch wenn der Tod noch so mächtig zu sein scheint.
Auch wenn ihr alle Hoffnung verloren habt.
Auch wenn das Leben von euch gewichen ist.
Der Stein ist weggerollt.
Und ihr wisst nicht,
mit welcher Macht ihr es hier zu tun habt.
Und ob die männlichen Kollegen euch glauben werden.
Bestimmt halten die euch für verrückt,
wenn ihr davon erzählt.
Alles gerät aus den Fugen.
Der Boden scheint zu wanken.
Worauf sich noch verlassen?
Doch was der Engel sagt, rüttelt euch auf.
Macht wach
und steckt an.
Gott besiegt den Tod -
und zwar jetzt, nicht erst morgen.
Darum:
Fürchtet euch nicht, ihr Frauen am Grab.
Sondern steht auf.
Lasst den Tod hinter euch.
Denn ihr tragt die Zukunft weiter.
Ja, gerade ihr. 
Und die Zukunft trägt euch.

Fürchte dich nicht,
du Mensch,
der zu uns kommt - von weit her.
Auch wenn dein Bus mit Steinen und Böllern beworfen wird.
Auch wenn angezweifelt wird, ob du zu Recht hier bist.
Auch wenn du immer noch Angst um deine Lieben hast,
die noch dort sind, wo du her kommst.
Und du weißt nicht,
ob du hier Fuß fassen darfst.
Und du weißt nicht,
ob du hier arbeiten darfst.
Und du weißt nicht,
wann du endlich Deutsch lernen darfst.
Und du weißt nicht,
ob die Nachbarin dich heute wieder freundlich ansieht.
Trotzdem:
Fürchte dich nicht, du Mensch,
der zu uns kommt - von weit her.
Steh auf
und mach mit.
Lebe mit uns.
Lass den Tod hinter dir.
Denn du trägst die Zukunft in dir.
Ja, gerade du. 
Und die Zukunft trägt dich.
Auch hier in diesem Land.

Fürchtet euch nicht,
ihr liebe Christen,
ihr Kirchenmenschen,
auch wenn euch gerade so viel verunsichert,
und ihr nicht wisst, was die Zukunft bringt,
und ob ihr auf dem richtigen Weg seid.
Und ob es sich lohnt, Altes hinter sich zu lassen.
Da kommen viele nicht mehr,
um die ihr euch bemüht habt.
Doch es kommen andere,
mit denen ihr nicht rechnet.
Sie tragen Sehnsucht mit sich.
Sie wollen spüren,
Gott spüren.
Ganz nah.
Und das macht euch manchmal Angst.
Weil sie eine andere Sprache sprechen.
Selbst wenn sie hier geboren sind.
Fürchtet euch nicht,
sondern geht auf sie zu.
Hört ihnen zu. 
Ihr tragt die Zukunft weiter.
Ja, gerade ihr.
Zusammen mit ihnen, mit den Fremden,
wer auch immer sie sind.
Und was auch immer sie glauben.
Ja, ihr - und sie
Beide habt ihr Gnade bei Gott gefunden.
Und die Zukunft trägt euch.

Fürchte dich nicht. 
Ja, du auch nicht.

Amen.

Sonntag, 6. Dezember 2015

Geduldige Ungeduld - und das Gute wachsen lassen

Predigt zu Jakobus 5,7+8 und zum Weltaidstag
 
(Aidshilfe: Präsentation zur Diskriminierung von Aidskranken und dem schweren Zugang zu Medikamenten für die Armen)
Lied „O Heiland, reiß die Himmel auf“


Übt euch in Geduld, Brüder und Schwestern, bis der Herr wiederkommt!
Seht, wie der Bauer auf die köstliche Frucht seines Ackers wartet:
Er übt sich in Geduld – 

so lange, bis Frühregen und Spätregen gefallen sind.
So sollt auch ihr euch in Geduld üben und eure Herzen stärken.
Das Kommen des Herrn steht nahe bevor.


I.
Echte Geduldsprobe.
Wer Aids hat, muss geduldig sein.
Muss die Diagnose abwarten,
muss warten, bis die richtigen Therapien ausgewählt wurden.
Muss abwarten, ob die Medikamente wirken.
Bis die Medikamente entwickelt wurden, war das Warten tödlich,
auch bei uns.
Man wartete auf die Symptome, die den Tod bedeuteten.
Und wartete schließlich auf den Tod.

Aber das passiert auch heute noch.
Wer auf Aids-Medikamente warten muss, muss oft zu lange warten.
In Afrika müssen viel zu viele Menschen warten.
Besonders die Armen.
Und die Kinder.
Sie haben gar keine andere Wahl.
Wer könnte diesen Menschen Geduld predigen?

II.
Übt euch in Geduld, Brüder und Schwestern, bis der Herr wiederkommt!
Geduld mussten die Forscher aufbringen,
bis sie die ersten wirksamen Medikamente gegen Aids hatten.
Geduld brauchen sie immer noch, wenn es um Impfstoff geht.
Try and error - immer wieder.
Versuchen, ausprobieren, Fehlschlag. Wieder versuchen.
Und irgendwann ist er da,
der Stoff, der dafür sorgt, dass keiner mehr dem Virus erliegt.
Ja, da braucht man Geduld.
Eine Geduld, die weiß, dass Zeit notwendig ist.
Dass das Heilsame nicht von heute auf morgen geschieht.
Und schon gar nicht auf Knopfdruck,
auch wenn wir es uns wünschen.
So viel Zeit muss sein.
Auch gegen das schnelle Geld.

Es ist die Geduld des Bauern,
der weiß, dass Regen und Sonne nötig sind,
damit aus Samen und Keimen etwas Nahrhaftes wird.
Heute wird viel beschleunigt
mit Maschinen und Dünger und zur Not künstlicher Bewässerung.
Aber die Pflanzen müssen trotzdem von alleine wachsen.
So viel Zeit muss sein.
Auch gegen das schnelle Geld.

Übt euch in Geduld, Brüder und Schwestern, bis der Herr wiederkommt!

III.
Bist du geduldig?
Ich nicht.
Im Wartezimmer beim Zahnarzt greife ich zum Smartphone
und checke die Emails.
Oder ich surf eine Runde auf Facebook.
Oder ich schnappe mir eine der Zeitschriften,
die ich sonst nie lesen würde.

Frau Meier ist da anders.
Ruhig und gefasst sitzt Frau Meier da auf dem Plastikstuhl.
Sie wartet schon ein Weile. Eine halbe Stunde vielleicht.
Aber sie wartet einfach nur.
Manchmal schaut sie auf das kleine Mädchen,
das spielt am Tisch mit den blauen und roten Autos.
Zeitschriften liegen aus.
Aber Frau Meier interessiert sich nicht für sie.
Sie sitzt da. Und lächelt leicht. Und wartet.
„Frau Meier, bitte in das Zimmer 3“
ruft die Sprechstundenhilfe.
Die alte Dame steht auf,
verabschiedet sich freundlich und geht.
Endlich ist sie dran.
Und ich schaue ihr bewundernd nach.

Ich kann das nicht.
Ich muss mich ablenken.
Stehe sogar mal auf.
Warten im Wartezimmer -
überhaupt nicht meins.

Ich bin ungeduldig.
Ich bin ungeduldig, wenn die Bahn sich verspätet.
Und noch schlimmer, wenn ich einen Anschluss deswegen verpasse.

Voller Ungeduld saß ich vor ein paar Jahren im Zug ,als meine Mutter starb
und ich nicht wusste, ob sie noch leben würde,
wenn ich endlich ankommen würde.

Ich bin ungeduldig.
Ich bin ungeduldig,
wenn die Klimakonferenz nicht zu wirklichen Ergebnissen führt.
Wenn taktiert wird und ausgesessen, bis irgendjemand nach gibt.
Und die Armen haben das Nachsehen.

Ich bin ungeduldig.
Ich bin ungeduldig,
weil die UNO nicht in die Puschen kommt
und Syrien den Großmächten und Terroristen überlässt.

Ich bin ungeduldig
wie Friedrich Spee.
Der fand im 30jährigen Krieg große Worte der Ungeduld:
Oh Heiland reiß die Himmel auf!
Wo bleibst du?
Komm endlich zu uns.

Aber Jakobus sagt:
Übt euch in Geduld, Brüder und Schwestern, bis der Herr wiederkommt!

IV.
Nein, ich bin ungeduldig.
Und ich werde noch ungeduldiger,
wenn ich die Flüchtlinge am Lageso in Berlin sehe,
wie sie Tag für Tag auf die Registrierung warten müssen.

Aber ich bewundere ihre Geduld.
Dass sie Tag für Tag wieder kommen,
sich in den Regen stellen,
bis sie endlich dran sind.

Ich bewundere die Geduld von Lewin,
unserem jesidischen Gemeindehausbewohner im Büchenbronner Kirchenasyl.
Er ringt um deutsche Worte, wenn man ihn befragt,
aber er gibt geduldig Antwort.
Auch wenn es immer dieselben Fragen sind.
Er bleibt im Haus, darf nicht raus.
Muss warten.
Und weiß nicht, ob sein Warten Erfolg hat.

Ich bewundere die Geduld von Frau Meier,
und die Geduld der Bauern.
Ich bewundere die Geduld der Menschen, die sich für die Aids-Hilfe engagieren.
Und die Geduld der Pflegenden.
Geduldig tun sie die Dinge, die getan werden müssen.

Übt euch in Geduld, Brüder und Schwestern, bis der Herr wiederkommt!

V.
Ja, wir brauchen Geduld.
Gerade wenn es eng wird und hektisch.
Dann brauchen wir Innehalten und Weitsicht.
Weite brauchen wir,
wenn wir mittendrin im Schlamassel sitzen.

Der Forscher braucht eine ruhige Hand,
wenn er  nach dem Impfstoff gegen HIV sucht.
Und muss nachdenken können.
Er braucht Zeit.
Tun, was getan werden muss.
Bis der Durchbruch kommt.

Politiker und Politikerinnen brauchen eine ruhige Hand,
wenn sie nach der richtigen Lösung gegen IS und Assad suchen.
Sie müssen nachdenken können.
Sie brauchen Zeit.
Vielleicht bis der Durchbruch kommt.
Aber diese Zeit fehlte ihnen.

Seit Freitag ist klar:
Deutschland wird sich am Krieg in Syrien beteiligen.
Den Abgeordneten blieb kaum Zeit.
Es musste schnell gehen, so hieß es.
Musste es?

Obwohl wir es seit Afghanistan besser wissen müssten:
Terror kann nicht mit Krieg besiegt werden.?
Obwohl die Kirchen seit 1948 sagen:
Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein?
Vielleicht geht es hier nicht anders....
Vielleicht muss dieser Krieg trotzdem sein...
Ich glaube es nicht.
Aber vor allem sehe ich:
Hier wurde nicht lange genug gewartet.
Es ist zu eng, um weit blicken zu können.

Übt euch in Geduld, Brüder und Schwestern, bis der Herr wiederkommt!

VI.
Auch die Gemeinde, an die Jakobus schreibt, hatte ein Problem mit der Geduld.
Wo bleibt denn nun endlich das Reich Gottes?
Wann kommt endlich der Messias?

Und wir reihen uns ein in diese Fragen:
Wann wird endlich Frieden?
Wann werden endlich alle Menschen gesund?
Wann gibt es keine Aidstoten mehr?
Wann dürfen alle Menschen ihre Religion offen leben?
Wann werden Homosexuelle nicht mehr angefeindet.
Wann werden Frauen nicht mehr vergewaltigt?
Wann hören endlich diese Enthauptungen auf?
Und wann diese unsäglichen Demos gegen die Flüchtlinge?

Ja, das macht ungeduldig.
Und mürbe.
Es macht es schwer, immer noch an das Kommen Gottes zu glauben.
Es macht es schwer zu hoffen,
zu vertrauen, dass Gott es gut werden lässt.
Weil es zu eng ist.
Weil es zu lange dauert.
So verdammt lange....

VII.
Seht, wie der Bauer auf die köstliche Frucht seines Ackers wartet:
Er übt sich in Geduld – so lange, bis Frühregen und Spätregen gefallen sind.
So sollt auch ihr euch in Geduld üben und eure Herzen stärken.
Das Kommen des Herrn steht nahe bevor.


Geduld ist nicht Däumchendrehen,
auch kein Nichtstun.
Nein, Geduld ist viel mehr.
Der Bauer wartet zwar, aber er macht die Augen auf und die Ohren.
Er passt auf, was passiert und wann die ersten Triebe hervor kommen.
Er tut auch alles,
damit das, was da zart und grün an die Oberfläche kommt, wachsen kann.
Dass es heil bleibt und unversehrt.
Er nimmt weg, was die zarten Pflanzen kaputt machen könnte.
Er vertreibt die Vögel, die sich daran gütlich tun wollen.
Ja, das alles tut der Bauer, während er wartet.
Und noch viel mehr.

VIII. (für das Folgende danke an Michael Greßler)

Das Kommen des Herrn steht nahe bevor.
Tritt heraus aus der Enge.
Und schau genau hin.
Entdecke die kleinen Pflanzen, die sich aus der Erde hervorwagen.
Und dann siehst du da und dort
schon ein Stück neue Welt anfangen.

Es ist immer nur ein kleines Stück.
Manchmal nur ein Schimmer.
Ein Funken Hoffnung.
Ein Fitzelchen von Weite.
Aber du siehst es. Es ist schon da.

Da hat Gott etwas gut werden lassen.
Da ist ein neues Medikament gegen Aids entdeckt worden
und es ist billig genug für die Armen.

Da findet eine kluge Ärztin für dich, die du krank bist, den richtigen Weg.
Und du hast wieder Kraft und kannst durchhalten.

Da entdecken ängstliche Nachbarn,
dass die Kinder in der Flüchtlingsunterkunft gerne lachen,
und sie gehen hin und bringen ihnen die deutsche Sprache bei.

Da bauen in Ruanda Menschen ihr Land auf,
Menschen, die sich einst massakriert haben.

Da öffnen sich für Lewin Türen in ein Gemeindehaus,
damit er sicher wohnen kann.

Und morgen kommen hier in der Stadtkirche 400 Jugendliche zusammen.
6 Religionen, 34 Nationen.
Alle zusammen werden sie singen „We are the world“
und sie werden einander die Hände reichen und sagen:
nur zusammen können wir die Welt gestalten.

IX.
Das Kommen des Herrn steht nahe bevor.
Es sind kleine Sachen.
Kleine Spuren aus der neuen Welt.
Aber jede kleine gute Sache ist ein Stück davon.
Und das stärkt die Herzen.
Und macht weit.

Und du selber bist mitten drin.
Vielleicht gibt es Momente, wo du das spürst.
Wo du warten und schauen kannst.
Im richtigen Moment da sein.
Und das Gute wachsen lassen.

Ja, du bist mitten drin
und trittst heraus aus der Enge.
Du mit deiner geduldigen Ungeduld.
Genau du.
Und ich.
Denn Gott kommt.
Und sein Tag ist nicht mehr fern.
Amen.

Lied: Die Nacht ist vorgedrungen






Montag, 30. November 2015

Die Tore gehen auf

Predigt zu Jeremia 23,5-8
 
(Vorbemerkung:
Diese Predigt wurde gehalten zum 1.Advent 2014 und zur Einweihung des neuen Gemeindehauses in Büchenbronn - kurz nach den Jubliläumsfeierlichekeiten zum Mauerfall.
Mittlerweile wird im Gemeindehaus in Büchenbronn ein Kirchenasyl gewährt! Darum veröffentliche ich diese Predigt an dieser Stelle!)


Jeremia 23,5-6
5 Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird.
6 Zu seiner Zeit soll Juda geholfen werden und Israel sicher wohnen. Und dies wird sein Name sein, mit dem man ihn nennen wird: »Der HERR unsere Gerechtigkeit«.
7 Darum siehe, es wird die Zeit kommen, spricht der HERR, dass man nicht mehr sagen wird: »So wahr der HERR lebt, der die Israeliten aus Ägyptenland geführt hat!«,
8 sondern: »So wahr der HERR lebt, der die Nachkommen des Hauses Israel herausgeführt und hergebracht hat aus dem Lande des Nordens und aus allen Landen, wohin er sie verstoßen hatte.« Und sie sollen in ihrem Lande wohnen.


I.
Siehe es kommt die Zeit, da gehen die Tore auf!
Drei Wochen liegt sie zurück.
Die Feier der offenen Tore.
Macht die Tore auf!
So riefen vor 25 Jahren die Menschen
Grenzübergang der  Bornholmer Straße.
Und die Tore gingen auf.
Und die Menschen zogen ins Land,
freudiger Erwartung einer neuen Freiheit.
Und die Menschen gingen über die Brücken
und stiegen über die Mauern
und hofften auf blühende Landschaften.
Aber sie glaubten nicht alles, was die führenden Politiker versprachen.
Machtversessenheit und Machtvergessenheit gibt es
in Ost und West, Süd und Nord.
Ob der Westen wirklich besser wohl regieren
und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben kann?
Skepsis ist berechtigt. Ernüchterung macht sich breit.

II.
Siehe es kommt die Zeit, da gehen die Tore auf!
Let my people go - lass mein Volk ziehen,
rufen Mose und seine Leute dem Pharao zu.
Mach die Tore für uns auf!
Harte Verhandlungen,
schwere Rückschläge,
gefährliche Muskelspiele -
endlich beugt sich der Pharao dieser Forderung.
Das Volk Israel weiß Gott an seiner Seite,
erwartet eine neue Freiheit, 
überwindet Meere, Wüsten, Hunger, Durst und Zweifel.
Ziel: das gelobte Land,
dort, wo Recht und Gerechtigkeit herrschen -
und endlich sicher wohnen!

Hunderte von Jahren später:
Deportationen, Enteignungen,
Verlust von Heimat, von Grund und Boden.
Ein kleiner Rest bleibt zurück.
Die Träume zerstört.
Nichts mit Freiheit.
Nichts mit Recht und Gerechtigkeit.
Ob wir noch eine Zukunft haben?
Das Volk ist skeptisch,
weiß es doch um seine Führer,
korrupt, machtversessen und ungläubig.
Ja, man sehnt sich nach einem gerechten, einem wirklich gerechten König,
nach einem, der weiß, dass er mehr Diener als Herrscher ist.
Nein, die alten Rezepte taugen nichts mehr.
Militärische Bündnisse und Muskelspiele erweisen sich als Seifenblasen.
Let my people go!

III.
Siehe es kommt die Zeit, da gehen die Tore auf!
Vor den Mauern Europas harren sie und hoffen.
Hoffen, dass sie hineinkommen,
die Männer aus Gambia,
die Frauen aus Syrien,
die yesidischen Kinder.
Die Verstoßenen, sie wollen im Lande wohnen.
Endlich wieder sicher wohnen.
Bleiberecht bekommen.
Und die Menschen gehen über die Brücken
und steigen über die Mauern
und kommen über das Meer, wo sie in überfüllten Booten versinken,
und die überfüllten Inseln Italiens können sie nicht mehr aufnehmen.

Vor den Mauern Europas harren sie und hoffen.
Aber für sie gehen die Tore nicht auf.
Sie bleiben geschlossen,
Sie sind nicht nützlich.
Sie bringen kein Geld.
Sie bringen keinen politischen Vorteil.
Sie haben keinen Leumund.
Warum sie dann herein lassen?
So fragt man am Stammtisch und auf Facebook.
Gefährliche Bündnisse und Muskelspiele der rechten Szene kommen auf.
Und sind leider keine Seifenblasen...

IV.
Siehe es kommt die Zeit, da gehen die Tore auf!
Ob er kommt?
Ob er wirklich kommt?
Dieser Jesus?
Hinter den Toren harren sie und hoffen, dass er es ist,
der König, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird.
Der König, der alles ändert.
Und dann gehen die Tore auf.

Da kommt einer auf einem Esel daher.
Ein paar lumpige Gesellen dabei.
Sonst nichts.
Ein guter Redner soll er sein.
Aber mit ungewisser Herkunft.
Eigenartige Methoden hat er:
lädt Zöllner und Sünderinnen ein.
Unterhält sich mit Frauen am Brunnen
und legt sich mit der religiösen Aristokratie an.
Einer, der die Armen seligpreist,
und mit ihnen die Verfolgten und Friedfertigen und Sanftmütigen.
Einer, der heruntergekommen ist
und Angst und Schweiß und Tränen kennt.

Tore gehen auf in Jerusalem.
Der Weg wie ein Tisch gedeckt.
Herzlich Willkommen, du König der Ehre.
Aber es gehen auch Türen zu.
Nein, so einen König wollen wir nicht.
Der ist nicht nützlich.
Der bringt kein Geld.
Der bringt keinen politischen Vorteil.
Der hat keinen Leumund.
Der macht aber Ärger. Der stört unsere Kreise.
Warum ihn dann herein lassen?
So fragt man im Palast und im Tempel.
Gefährliche Bündnisse und Muskelspiele der frommen Szene kommen auf.
Und werden brutale Wirklichkeit....

V.
Machen wir für ihn die Tore auf?
Wissen wir worauf wir uns einlassen, wenn wir ihn einlassen?
Er schaut uns an und wir können uns nicht verstecken.
Er stellt sich vor uns hin und wir kommen an ihm nicht vorbei.
Er spricht zu uns und wir können ihn nicht überhören.
Er setzt sich an unseren Tisch und wir teilen, was wir haben.

Und wir  - wir schmecken wie freundlich der Herr ist.
Wir - wir spüren Recht und Gerechtigkeit auf der Zunge und in den Händen.
Wir wissen, dass die ganze Welt mit am Tisch sitzt.
Und er - er lässt uns die Türen und Tore unserer Häuser öffnen.
Und es kommen noch mehr herein.

Die Verstoßenen, sie wollen im Lande wohnen.
Und er mittendrin - er, der König der Ehre.
Darauf lassen wir uns ein, wenn wir ihn einlassen!
Machen wir für ihn die Tore auf?
Die Tore in unser Leben? In unser Herz?

VI.
Siehe es kommt die Zeit, da gehen die Tore auf!
Heute gehen die Tore vom neuen Gemeindehaus auf.
Endlich! Es wurde höchste Zeit!
Herzlich willkommen, du König der Ehre.
Willkommen, du Mann auf dem Esel!
Willkommen ihr Menschen von Nah und Fern.
Ihr fühlt euch nutzlos? Willkommen!
Ihr habt kein Geld? Herein mit euch!
Ihr bringt keinen politischen Vorteil? Tretet ein!
Ihr habt keinen Leumund? Kommt und setzt euch an den Tisch!
Ihr mit eurem Lachen und eurem Weinen,
ihr mit eurer Schuld und eurer Liebe,
ihr mit eurer Leichtigkeit und eurer Schwere.
Alle, die ihr da seid. Willkommen!

Die Tore sind offen.
Das Haus ist bereit.
Leben zieht ein - mit dem König auf dem Esel.
Mit den Verstoßenen.
Mit den Menschen aus Norden und Süden.

Und auch die Tore Europas werden aufgehen
wie die Tore zu unseren Herzen.
Und die Tore zum Gemeindehaus.
Sie werden aufgehen müssen.
Um der Menschen willen.
Um der Liebe willen.
Um Gottes willen.
Denn wir sitzen mit der Welt an einem Tisch
und schmecken und sehen, wie freundlich der Herr ist.
Und wir spüren Recht und Gerechtigkeit
auf der Zunge und in den Händen.
Gefährliche Bündnisse und Muskelspiele
zerplatzen wie Seifenblasen
und haben keinen Platz mehr.

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, 
dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. 
Der soll ein König sein, der wohl regieren 
und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird.

Öffnen wir ihm die Tore und lassen ihn herein!

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, 
bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. 
Amen.

Samstag, 21. November 2015

Kirchenasyl: Gott wird bei dir wohnen

Meditation zu Offenbarung 21 mit Dank an Jens
 
»Sieh doch:
Gottes Wohnung bei den Menschen!
Er wird bei ihnen wohnen
und sie werden seine Völker sein.
Gott selbst wird als ihr Gott bei ihnen sein.
Und er wird jede Träne abwischen von
ihren Augen.
Es wird keinen Tod und keine Trauer mehr geben,
kein Klagegeschrei und keinen Schmerz.
Denn was früher war,
ist vergangen.«
(Offenbarung 21)

Gott wird bei dir wohnen.
Vielleicht schon morgen?
Dann klopft er an die Tür,
hat einen Zettel dabei,
darauf steht "Kirchenasyl" -
den hat ihm seine Anwältin gegeben,
weil sie Angst um ihn hat.
Denn er darf nicht bleiben,
weil er in Bulgarien registriert wurde.

Gott wird bei dir wohnen.
Er tritt ein. Tastend.
Vorsichtig formt er Worte.
Sucht in deinem Gesicht,
ob er dir vertrauen kann.
Ob du es gut mit ihm meinst.
Ob er endlich in Sicherheit ist.
Und dann ein leises Lächeln.
Die Augen immer noch ernst.

Gott wird bei dir wohnen.
Und du lässt ihn in deine Kirche.
Deine Gemeinde sagt ja!
Willkommen.
Wohne hier.
Ein Feldbett von der letzen Konfi-Freizeit.
Ein Tisch.
Ein Stuhl.
Eine Lampe.
Und Sonntag nachmittag Apfelkuchen.
Und Tassen mit Tee.
Lächelnde Augen.

Gott wird bei dir wohnen.
Doch das darf er nicht.
Seine Fingerabdrücke sind in Bulgarien.
Also soll er dort wohnen.
Nicht bei dir.
Nicht hier.
Politiker schreiben "Rechtsbruch!"
Leser antworten "Raus!"
Aber Gott bleibt bei dir.

Gott wird bei dir wohnen.
Es wird keinen Tod und keine Trauer mehr geben,
kein Klagegeschrei und keinen Schmerz.
Für ihn nicht.
Und für dich nicht.
Denn jetzt ist er hier.
Das alleine zählt.
Gott spricht kurdisch.
Und arabisch.
Und ein paar Brocken deutsch.
Und wenn er erzählt,
kommen Tränen und Schmerz.
Aber es ist vorbei.
Weil er bei dir wohnen kann.

Gott wird bei dir wohnen.
Was früher war,
ist vergangen.
Das ist deine Hoffnung.
Und seine.
Und meine.
Dass er hier wohnen bleiben darf.

Gott wird bei dir wohnen.
Mit dem Gesicht eines Irakers.
Gott segne dein Haus.

Amen.
 




Sonntag, 15. November 2015

Das Leben lieben - Predigt für zornige und Gott-müde Menschen (Hiob 14)

 (Vorbemerkung: Die Stadtkirche gehört zur Nagelkreuzgemeinschaft von Coventry. Der Jahrestag der Bombadierung von Coventry durch die deutsche Luftwaffe jährte sich zum 75. Mal am Vortag. Außerdem kam es zu einem spontanen Friedensgebet angesichts der Terroranschläge in Paris vom 13.11.2015)
 
I.
Hiob ist zornig.
Hiob hat alles verloren, was man so verlieren kann.
Seine Kinder.
Seinen Besitz.
Seine Stellung in der Gesellschaft.
Nur sein Leben hat er noch.
Aber auch das nur unter Schmerzen.
Seine Freunde wollen ihm vormachen,
dass Gott das schon alles richtig macht,
und dass er, Hiob, bestimmt was falsch gemacht hat.
Denn Gott muss doch gerecht sein.
Nein, schreit Hiob seine Freunde an.
Das stimmt nicht. Gott ist nicht gerecht.
Das wisst ihr im Grunde auch.
Und du, Gott, weißt das auch!

Und so hören wir Hiob, wie er sagt (14,1-6):
Der Mensch, vom Weibe geboren,
lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe,
geht auf wie eine Blume und fällt ab,
flieht wie ein Schatten und bleibt nicht.
Doch du tust deine Augen über einen solchen auf,
dass du mich vor dir ins Gericht ziehst.
Kann wohl ein Reiner kommen von Unreinen?
Auch nicht einer!
Sind seine Tage bestimmt,
steht die Zahl seiner Monde bei dir
und hast du ein Ziel gesetzt,
das er nicht überschreiten kann:
so blicke doch weg von ihm,
damit er Ruhe hat,
und sich wie ein Tagelöhner seines Tages erfreut.
(Korrektur der Lutherübersetzung)

Ja, Gott, du weißt genau, dass kein Mensch ohne Schuld ist.
Denn du hast uns Menschen ja so gemacht.
Und dann bestrafst du uns auch noch dafür.
Ach, lass uns doch am besten einfach in Ruhe.
Denn Hilfe habe ich von dir nicht zu erwarten.

II.
Hiob ist nicht nur zornig.
Hiob ist Gott-müde.
Er hat keine Lust mehr auf diesen Gott,
von dem er sich in Stich gelassen fühlt.
Und wer wollte ihm das verdenken?
Ich nicht.
Nicht wenige kritische Geister in Paris haben auch keine Lust mehr auf Gott.
Sie sind sogar dagegen, für Paris zu beten.
Sie wollen weniger Gott, weniger Religion,
denn Religion zerstört ihre Liebe zum Leben.
So sehen das mittlerweile viele.
Wer wollte ihnen das verdenken?
Hiob würde sich sofort an ihre Seite stellen.

III.
Es ist eigentlich erstaunlich:
Die meisten Menschen halten in Katastrophen an ihrem Glauben fest.
Sie halten an ihrem Gott fest.
Die syrischen Christen,
obwohl ihre Glaubensgeschwister als Geiseln herhalten müssen.
Die Yesiden,
obwohl ihre Verwandten in Massengräbern im Sindschar-Gebirge verscharrt wurden.
Die syrischen Muslime,
obwohl ihre Familien durch Fassbomben ausgelöscht wurden.
Oder auch die Menschen damals in Coventry (14.11.1940),
obwohl ihre Nachbarn getötet wurden und die Kathedrale zerstört.

Ja, sie halten an ihrem Gott fest,
weil er das letzte ist, was sie noch haben.
Oder weil er das Beste ist, was sie noch haben.
Sie hoffen, dass er sie sieht.
Dass er sie hört.
Dass er ihnen hilft.
Oder zumindest an ihrer Seite ist.
Und dass er ihnen Kraft gibt, wieder von vorne anzufangen.

IV.
Hiob, hast du diese Hoffnung verloren?
Ein Baum hat Hoffnung, auch wenn er abgehauen ist;
er kann wieder ausschlagen,
und seine Schösslinge bleiben nicht aus.
Ob seine Wurzel in der Erde alt wird
und sein Stumpf im Boden erstirbt,
so grünt er doch wieder vom Geruch des Wassers
und treibt Zweige wie eine junge Pflanze.
Stirbt aber ein Mann, so ist er dahin; kommt ein Mensch um - wo ist er?
Wie Wasser ausläuft aus dem See, und wie ein Strom versiegt und vertrocknet,
so ist ein Mensch, wenn er sich niederlegt, er wird nicht wieder aufstehen;
er wird nicht aufwachen, solange der Himmel bleibt,
noch von seinem Schlaf erweckt werden.

(Hiob 14,7-12)

Es fällt dir schwer, zu hoffen, Hiob.
Du siehst die neuen Triebe am Baumstumpf.
Hoffnungszweige im Herbst.
Aufkeimender Neuanfang.
Ja, in der Natur gibt es das.
Aber beim Menschen nicht, sagst du.
Da ist kein Neuanfang möglich,
jedenfalls nicht wenn er stirbt.
Tot ist tot. Aus und vorbei.
Du bist wirklich Gott-müde, Hiob.
Und das tut mir in der Seele weh.
Weil ich weiß, dass es da nur falsche Worte gibt.

V.
Aber lass mich dir doch folgendes sagen:
Du bist mutig, Hiob.
Du lehnst dich dagegen auf, wie deine Freunde dich vertrösten wollen.
Du lehnst dich gegen einen Gott auf, der immer nur Recht hat.
Du lehnst dich dagegen auf, dass deine Leiden Gottes Strafe sein sollen.
Und dass du daran schuld sein sollst.
Es ist mutig, zuzugeben, dass du Gott-müde bist.

Jedenfalls zu deiner Zeit ist es mutig.
Klagen war erlaubt.
Aber Gott anklagen?
Das geht zu deiner Zeit nicht. 
Absolutes No-Go.
Aber du traust dich.

Heute trauen es sich mehr Menschen zu sagen.
Das ist auch in Ordnung so.
Und darum bin ich froh, dass du, Hiob, in unserer Bibel bist.
Menschen sollen Gott anklagen dürfen.
Menschen sollen sagen dürfen, dass sie Gott-müde sind.
Dass sie von Gott in Ruhe gelassen werden dürfen.
Sie sollen es sagen dürfen,
auch wenn es mir unendlich Leid tut.

VI.
Was könnte denn für dich der Geruch des Wassers sein,
der die Zweige hervorbringt beim abgestorbenen Baumstumpf?
Was ist es, das die Bewohner von Paris auf den Platz treibt
und sie mit Lichtern schreiben lässt: „Not afraid“?
Was ist es, das den Probst von Coventry vor 75 Jahren dazu gebracht hat, Unerhörtes zu tun? Nämlich die Aussöhnung der Kriegsfeinde zu fordern?
Was ist es, das die syrischen Familien nicht in den Riesenlagern im Libanon oder in der Türkei warten lässt? Ist es nur ihre Ungeduld, weil es dort keine Perspektive gibt?
Und was hat über 100 Menschen gestern hier in die Stadtkirche gebracht,
um für die Opfer des IS zu beten?

Auch sie klagen Gott an.
Auch sie wollen nicht billig vertröstet werden.
Auch sie sind vielleicht sogar Gott-müde.
Aber sie lassen Gott nicht in Ruhe
und sie wollen von ihm nicht in Ruhe gelassen werden.
An Gott dran bleiben.
Mit ihm kämpfen.
Ihn zur Rede stellen.
Ja, das wollen sie.
Denn sie erwarten noch was von Gott.
Immer noch.
Wie ist es mit dir, Hiob?
Gibt es wirklich nichts mehr, was du von Gott erwartest?

VI.
Ach dass du mich im Totenreich verwahren
und verbergen wolltest,
bis dein Zorn sich legt,
und mir ein Ziel setzen und dann an mich denken wolltest!
Du würdest rufen und ich dir antworten;
es würde dich verlangen nach dem Werk deiner Hände.
Dann würdest du meine Schritte zählen,
aber hättest doch nicht Acht auf meine Sünden.
Du würdest meine Übertretung in ein Bündlein versiegeln
und meine Schuld übertünchen.

(Hiob 14, 13.15-17)

Schau mich richtig an, Gott.
Sieh genau hin.
Und zwar mit Augen, die mich liebhaben.
Mit Augen, die mir Gutes tun wollen.
Und antworte mir endlich mal.
Mir zornigem, Gott-müdem Hiob.
Lass mich nicht auf dem Trocknen sitzen, wenn ich zu dir bete.
Ja, ich erwarte doch immer noch was von dir,
trotz alledem.
Aber nicht, dass wir uns falsch verstehen, Gott.
Ich erwarte von dir nichts nach dem Tod.

VII.
Ein Berg kann zerfallen und vergehen
und ein Fels von seiner Stätte weichen,
Wasser wäscht Steine weg,
und seine Fluten schwemmen die Erde weg:
so machst du die Hoffnung des Menschen zunichte.
Du überwältigst ihn für immer, dass er davonmuss,
entstellst sein Antlitz und lässt ihn dahinfahren.
Sind seine Kinder in Ehren, das weiß er nicht,
oder ob sie verachtet sind, das wird er nicht gewahr.
Nur sein eigenes Fleisch macht ihm Schmerzen,
und nur um ihn selbst trauert seine Seele.

(Hiob 14,18-22)

Um mich selbst trauert meine Seele,
weil ich jetzt nicht leben kann.
Ich will aber jetzt leben.
Nicht erst nach dem Tod.
Jetzt und hier.
Ich will mich nicht vertrösten lassen auf ein Jenseits.
Sondern leben - mit Haut und Haaren.
Ganz und gar.
Schmecken.
Hören.
Sehen.
Fühlen.
Riechen.
Lieben.
Hassen.
Weinen.
Lachen.
Alles das. Jetzt.
Und nicht erst, wenn ich tot bin.

VIII.
Und da geht es mir wie den Toten in Paris.
Auch sie wollten leben.
Kaffee trinken.
Oder einen guten Rotwein.
Sie wollten richtig abrocken.
Oder über ihre Fußballmannschaft jubeln.
Sie wollten sich tief in die Augen schauen
und sich verlieben.
Sie wollten einfach einen schönen Abend verbringen
in dieser Stadt der Lebensfreude.
Doch nun sind sie tot.
Und sie können das alles nicht mehr.

Oder die Mittelmeer-Toten.
Auch sie wollten leben.
Endlich wieder in die Schule gehen.
Ein Dach über dem Kopf haben.
Arbeiten gehen.
Und ein richtiges Bett haben.
Neue Gerüche kennenlernen.
Und neue Worte.
Sie wollten einfach ihr Leben wieder von vorne anfangen
in Europa, dem Kontinent der Freiheit.
Doch nun sind sie tot.
Und sie können das alles nicht mehr.

Aber sie sollten es tun können.
Sie sollten leben können.
Leben.
Lieben.
Lachen und Weinen.
Sie sollten es jetzt tun können.
Ihr Tod soll nicht sein.
Darf nicht sein.

IX.
Ja, du hast Recht, Hiob.
Ich glaube zwar, dass es diesen vielen Toten jetzt gut geht, da wo sie sind.
Aber das ändert nichts daran,
dass sie hier bei uns leben sollten.
Jetzt. Mit Haut und Haaren.
In Paris.
In Europa.
In unserer Stadt.
In unserer Gemeinde.
Und glaube auch:
Es ist gegen Gottes Willen, dass sie tot sind.
Und darum dürfen Hass und Gewalt nicht das letzte Wort haben.
Aber wie geht das?

Vielleicht so?
Liebe das Leben,
liebe die Lebenden
und dann tu, was du willst.

Ja, du hörst richtig.
Ich bin nicht nur ein zorniger und Gott-müder Hiob.
Sondern auch einer, der das Leben liebt
und jetzt leben und lieben will.

Der Probst von Coventry war auch so einer.
Darum hat er sich vom Hass nicht anstecken lassen.

Die Flüchtlinge, die über den Balkan und das Mittelmeer kommen,
sind auch solche.
Sie wollen leben und lieben.
Und sie lassen sich nicht unterkriegen.

Und die geschockten Menschen der Welt,
die immer noch nicht fassen können,
was in Paris geschehen ist,
die sind auch solche.
Sie wollen einfach leben und lieben.
Und zwar zusammen.

Und das macht sogar mir zornigen Hiob Hoffnung.
Dir vielleicht auch?
Und:
Das Leben lieben -
das vertreibt meine Gott-müdigkeit.

Deine auch?

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft,
bewahre eure Herzen in Christus Jesus.
Amen.

Sonntag, 8. November 2015

Wir leben Zukunft - jetzt, Und was morgen kommt, sehen wir dann

Predigt zu 1.Thessalonicher 5 (8.11.2015)
 
(Vorbemerkung: Vor der Predigt fand eine Taufe statt. Darauf bezieht sich Teil VIII) 

I.
Sind wir gut vorbereitet auf das, was kommt?
Sind wir vorbereitet auf die vielen Menschen, die zu uns kommen?
Auf die Männer und Frauen und Kinder aus den Ländern der Welt?
Sind wir vorbereitet auf die Begegnungen mit ihnen?
Auf die Auseinandersetzungen um das, was uns wichtig ist
oder was wichtig werden könnte?
Sind wir vorbereitet auf die Veränderung,
die zwangsläufig auf unser Land zu kommt,
die nicht unbedingt schlecht sein muss,
aber die wir noch nicht kennen?

Und alle, die sich diese Fragen ernsthaft stellen,
können nur antworten: Nein, wir sind nicht vorbereitet.
Wir haben uns noch nicht darauf eingestellt.
Zumindest die meisten von uns.
Und die Politik schon gar nicht.
Und das macht Angst.
Angst vor der Zukunft.
Angst vor der Veränderung.
Angst vor dem Fremden.

II.
Sind wir gut vorbereitet?
fragen die Menschen in Thessaloniki.
Sind wir gut vorbereitet auf das, was kommt?
Auf den, der da kommt?
Auf Jesus, wenn er wiederkommt,
wenn endlich alles gut wird auf dieser Welt,
Wenn endlich für alle Licht ist
und niemand mehr im Dunkeln sein muss.
Sie freuen sich darauf, auf diese Zukunft.
Und doch macht sie ihnen auch Angst.
Lohnt es sich überhaupt noch, Kinder zu bekommen
oder lenken die uns nicht viel zu sehr vom Wesentlichen ab?
Wer wird das erleben, das gute Ende?
Was ist dann mit denen, die das nicht mehr erleben:
Haben die das dann verpasst
und können wir das auch verpassen?
Sind wir gut vorbereitet?

Die Thessalonicher haben mit einem nahen Ende gerechnet.
Wer mit einem nahen Ende rechnet, möchte das Wichtigste geregelt haben.
Auch kurz vor Geburt möchte man nicht noch beschäftigt sein
mit der Einrichtung des Kinderzimmers.
Nein, dann soll alles bereit stehen für das Kind.
Also wie ist das Paulus?
Wie sorgen wir dafür, dass wir nicht das Wesentliche verpassen?
Dass wir vorbereitet sind?
Was müssen wir dafür tun?

III.
Paulus schreibt an die Menschen in Thessaloniki (1.Thess. 5,1-2, BasisBibel):
Nun zu der Frage nach den Zeiten und Fristen,
wann das geschieht:
Brüder und Schwestern,
eigentlich brauche ich euch dazu nichts zu schreiben.
Denn ihr wisst selbst ganz genau:
Der Tag des Herrn kommt unerwartet
wie ein Dieb in der Nacht.


IV.
Sie macht Angst, die Nacht.
Schmerzen werden stärker.
Geräusche werden lauter.
Die Gespenster kommen unter dem Bett hervor.
Die Gedanken kreisen und rauben den Schlaf.
Und alles was Angst macht, rückt dir auf die Pelle.
Einbrüche im Dunkeln sind viel bedrohlicher als im Hellen.
In der Nacht werden Brände gelegt
und Wände beschmiert.
Hat Pegida deswegen wieder verstärkten Zulauf?
Weil es wieder dunkel ist abends?
Dann hallen die Sätze mehr nach.
Die Sätze, die Angst machen.
Und ein schwarz-rot-goldenes Kreuz leuchtet besonders stark.
Am Tag könnte es lächerlich wirken.
Weil es lächerlich ist, denn das Kreuz kennt keine Nation.

Sie macht Angst, die Nacht.
Und Angst führt in die Nacht, in das Dunkel.
Zur Zeit wird viel Angst geschürt,
wird mit Angst gespielt,
wird Angst gemacht.
Wo aus fliehenden Menschen eine Invasion wird.
Wo aus normalen jungen Männern vergewaltigende Horden werden.
Und aus muslimischen Schutzsuchenden islamistische Terroristen.

Das hat schon mal funktioniert.
Damals vor über 80 Jahren.
Da hat man Angst vor den Juden gemacht.
Und vor den Kommunisten
und den Homosexuellen
und den Sinti und Roma.
Ängste, die offensichtlich immer noch da sind.
Nur im anderen Gewand.

Und so kommt die Nacht über unsere Gesellschaft.
Eine Nacht, in der die Angst die Oberhand gewinnt.
Dann verkriechst du dich unter die Decke.
Verrammelst die Tür.
Schließt die Fenster.
Ernährst dich gesund.
Rauchst nicht.
Trinkst nicht.
Machst alles richtig.
Jetzt fühlst du dich sicher.
Andere würden am liebsten Mauern bauen.
Grenzzäune errichten.
Gar nicht erst hereinlassen.
Gar nicht erst zulassen.
Sich sicher fühlen.

V.
Aber das funktioniert nicht, sagt Paulus (Vers 3):
Gerade sagen die Leute noch:
»Wir leben in Frieden und Sicherheit!«
Da wird das Verderben ganz plötzlich
über sie hereinbrechen –
so wie bei einer schwangeren Frau
plötzlich die Wehen einsetzen.
Dann gibt es kein Entkommen.


VI.
Du denkst, du kannst dich auf alles vorbereiten.
Du denkst, dass du dir Sicherheit schaffen kannst.
Mit verschlossenen Fenstern.
Mit gesunder Ernährung.
Mit der richtigen Rentenversicherung.
Mit der richtigen Geburtsvorbereitung.
Mit den richtigen Untersuchungen.
Mit dem richtigen Glauben.

Du denkst, du kannst dir die Fremden vom Hals halten.
Mit Registrierzentren und schneller Abschiebung.
Du denkst, dass die Zuwanderer Verderben über dich bringen,
und dass du diesem „Verderben“ entgehen kannst,
indem du sie aussperrst.

Das alles funktioniert nicht.
Du kannst dich dem Ende nicht entziehen.
Du kannst nicht wirklich ausweichen.
Weder dem Tod, noch dem Alter,
noch der Enttäuschung,
dass doch alles anders gekommen ist als geplant.
Das kannst du vielleicht ein Weile tun,
und denen glauben,
die denken, 
dass mit einfachen Methoden alles in Griff zu bekommen ist.
Aber aus diesem Schlaf wirst du erwachen.
Und das ist gut so.
Denn der Tag des Herrn bricht an.
Der sollte nicht verschlafen werden.

VII.
Und so Paulus weiter (Verse 4-6):
Brüder und Schwestern!
Ihr lebt nicht im Dunkel.
Deshalb wird der Tag des Herrn
euch nicht überraschen wie ein Dieb.
Denn ihr seid alle Kinder des Lichts
und Kinder des Tages.
Wir gehören nicht zum Bereich der Nacht
oder der Dunkelheit.
Wir wollen also nicht schlafen wie die anderen.
Wir wollen vielmehr wach und nüchtern sein!


Ihr lebt nicht im Dunkel.
Ihr müsst die Angst nicht über euch herrschen lassen.
Gesteht ihr nicht zu, euch zu lähmen.
Denn ihr seid Kinder des Lichts, Kinder des Tages.
Auch wenn ihr eure Zukunft nicht kennt.
Auch wenn ihr nicht wisst, was auf euch zu kommt.
Und ob ihr das alles bewältigen werdet.
Ob die Politik das alles geregelt bekommt.
Und ob das alles gut ausgeht.

Ihr seid Kinder des Lichts, Kinder des Tages!

VIII.
Zwei Menschen brechen auf.
Sie begeben sich ins Internet
und finden sich dort.
Sie lernen sich kennen.
Sie lernen sich lieben.
Sie lernen zusammen zu leben.
Beide beruflich erfolgreich.
Und dann bekommen sie eine Tochter. H... heißt sie.
Und während viele Menschen heute sagen,
dass so ein Kind doch nicht in das Berufsleben passt
oder zum Geldbeutel
oder zum Klima,
sagen diese beiden:
doch es passt - und zwar richtig gut.
Und wir leben es so, wie es jetzt gerade gut passt.
Wir leben Zukunft - jetzt.
Und was morgen kommt, sehen wir dann.
Kinder des Lichts. Kinder des Tages.

Wird es klappen mit dem Stillen?
Wird der Chef zustimmen, dass ich nur Teilzeit arbeite, und das als Mann?
Werden wir genügend Zeit haben für unsere Kleine?
Was machen wir, wenn sie krank wird?
Oder wenn die Schwiegermutter krank wird?
Wenn die Nacht zum Tage wird, weil das Kind nicht schläft,
bekommen solche Fragen Oberhand.
Auch bei Kindern des Lichts.
Auch bei Getauften.
Aber es hilft, nicht allein zu sein mit diesen Fragen.
Und Gottvertrauen hilft auch.
Und die Fragen erst bei Tageslicht beantworten.
Wir leben Zukunft - jetzt.
Und was morgen kommt, sehen wir dann.

IX.
Denn ihr seid alle Kinder des Lichts
und Kinder des Tages.
Wir gehören nicht zum Bereich der Nacht
oder der Dunkelheit.
Wir wollen also nicht schlafen wie die anderen.
Wir wollen vielmehr wach und nüchtern sein!


Wach und nüchtern sein.
Das reicht.
Das ist die beste Vorbereitung.
JETZT leben und lieben.
Sich nicht von der Angst treiben lassen oder lähmen.
Sondern ihr ins Gesicht schauen bei Tageslicht.
Die Zeit jetzt ist von Gott geschenkt.
Die Zeit jetzt ist nicht Durchgangszeit,
sondern kostbare Lebenszeit
zu füllen mit Liebe und Lust und Leben.
Freut euch mit den Fröhlichen,
weint mit den Weinenden,
lasst euch die Welt nicht verbauen
mit Zäunen und Mauern und verschlossenen Fenstern.
Seht im Fremden den möglichen Freund.
Oder zumindest einen,
der euch eine ganz neue Welt erschließen kann.
Oder eine, die deine Sorge um die Kinder versteht,
weil sie sie auch hat.


Wach und nüchtern sein.
Ohne Angst in die Zukunft schauen,
und das tun, was ansteht.
Jetzt leben, nicht erst morgen.
Und sich überraschen lassen von dem, was kommt.
Und von denen, die kommen.
Es darf auch was schief gehen.
Auch bei dir, dem Kind Gottes.
Und du darfst Fehler machen.
Und andere auch.
Aber lebe jetzt.
Und liebe -
diese chaotische, unüberschaubare, fremde Welt.
Ja, liebe sie.

Das geht, weil du ein Kind des Lichts bist,
eine Tochter Gottes, ein Sohn Gottes.
Und das, was kommt, ist gut, richtig gut.
Denn es ist Gottes Zukunft,
Gottes überraschende Zukunft:
der Tag des Herrn.

Wir wollen also nicht schlafen wie die anderen.
Wir wollen vielmehr wach und nüchtern sein!


Wir leben Zukunft - jetzt.
Und was morgen kommt, sehen wir dann.

Amen.

Freitag, 6. November 2015

Du siehst mich - und die Welt...

Gedanken zur Tageslosung vom 6.11.2015
 
Du bist ein Gott, der mich sieht. (1.Mose 16,13)

Du siehst Hagar,
die von dem Vater ihres Sohnes
in die Wüste geschickt wird.

Du siehst die Menschen, die
immer noch und trotz Eiseskälte
über die Balkanroute
die Sicherheit suchen
bei uns.

Du siehst Menschen,
die von anderen in die Wüste geschickt werden.

Du siehst die,
die nicht gewollt sind.
Die Fremden,
die Kranken,
die Behinderten,
die Erfolglosen,
die Unangepassten.
Alle die siehst du .

Du bist ein Gott, der mich sieht.

Du siehst mich
mit meinen Zweifeln
angesichts einer verrohenden Sprache,

Mit meiner Trauer
über die vielen Toten,
die wir in Kauf nehmen,

Mit meiner Wut
angesichts einer unmenschlichen Politik,
für die es Menschen erster und zweiter Klasse gibt,

Mit meiner Ohnmacht,
die zu viel Macht bekommt.

Du bist ein Gott, der mich sieht.

Du siehst mich
und du setzt dich neben mich
und hörst mir zu.

Du malst in den Sand
und gibst mir ein Stück Brot
und horchst auf die Vögel.

Du schickst mir einen Engel
mitten im Schlaf,
der sagt:
Steh auf und iss!
Du hast noch einen weiten Weg vor dir.

Du traust mir zu,
aufrecht in die Zukunft zu gehen.

Du bist ein Gott, der mich sieht.

Und weil du mich siehst,
siehst du auch die anderen.
Und ich weiß mich mit ihnen verbunden.
Und mit dir.

Das ist stärker als mein Zweifel,
als meine Trauer,
als meine Wut,
als meine Ohnmacht.

Du bist ein Gott, der mich sieht.

Auch heute Nacht.
Und morgen früh.
Ich schreibe mir das auf den Spiegel
und freue mich darauf,
das morgen lesen zu dürfen.
Und so neu in den Tag gehen.

Du bist ein Gott, der mich sieht.




Sonntag, 1. November 2015

Von oben sieht die Welt anders aus - und das ist gut so.

Predigt zu Matthäus 5,1-10  (Seligpreisungen)

(1. November 2015 - Haidach/Buckenberg)

Als Jesus die Volksmenge sah, stieg er auf den Berg.
Er setzte sich und seine Jünger kamen zu ihm.
Jesus begann zu reden und lehrte sie:
»Glückselig sind die, die wissen, dass sie vor Gott arm sind.
Denn ihnen gehört das Himmelreich.
Glückselig sind die, die an der Not der Welt leiden.
Denn sie werden getröstet werden.
Glückselig sind die, die von Herzen freundlich sind.
Denn sie werden die Erde als Erbe erhalten.
Glückselig sind die, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit.
Denn sie werden satt werden.
Glückselig sind die, die barmherzig sind.
Denn sie werden barmherzig behandelt werden.
Glückselig sind die, die ein reines Herz haben.
Denn sie werden Gott sehen.
Glückselig sind die, die Frieden stiften.
Denn sie werden Kinder Gottes heißen.
Glückselig sind die, die verfolgt werden, weil sie tun, was Gott will.
Denn ihnen gehört das Himmelreich.

(Übersetzung aus der BasisBibel)

I.
Die Welt sieht von oben anders aus.
Wir brauchen diesen Blick von oben. Immer wieder.
Einmal im Jahr auf den Stadtkirchenturm hochsteigen.
(geht auch mit dem Aufzug)
Der Wallberg ist auch beliebt.
Und hier vom Haidach sieht die Stadt wieder anders aus.
Schöner. Weiter. Ja, auch friedlicher.
Den Müll am Straßenrand sieht man dann nicht mehr.
Und auch nicht die umstrittenen Rostkübel in der Zerrennerstraße (die ich übrigens gar nicht so schlimm finde).
Der Presslufthammer in der Güterstraße ist von hier aus nicht zu hören.
Und das Gelb-braune vom Gebäude am Waisenhausplatz sieht vom Weitem gar nicht so übel aus.

Wir brauchen diesen Blick von oben.
Nicht damit alles schöner wird, und das Hässliche nicht mehr sichtbar.
Nein, wir brauchen diesen Blick, weil er uns anders auf die Welt schauen lässt.
Weil wir die Welt mit neuen Augen sehen.
Der Ostermorgen auf dem Wallberg ist darum besonders schön.
Wir lernen dort, die Welt neu zu sehen.
Wir waschen uns dafür sogar die Augen.
Und von oben sehen wir die Welt neu.

II.
Als Jesus die Volksmenge sah, stieg er auf den Berg.
Er setzte sich und seine Jünger kamen zu ihm.


Die Welt sieht von oben anders aus.
Ob Jesus darum immer wieder auf den Berg gegangen ist?
Ob die Berge darum in der Bibel eine so große Rolle spielen?
Elia erlebt Gott ganz anders als vorher - auf dem Berg.
Mose erhält die 10 Gebote - auf dem Berg.
Wenn du auf den Berg gehst, verschieben sich die Maßstäbe.
Und du siehst weiter und tiefer
und wie eins mit dem anderen zusammenhängt.
Die Welt sieht von oben anders aus.
Gott sieht die Welt anders als wir.

III.
Jesus begann zu reden und lehrte sie:
Glückselig sind die, die wissen, dass sie vor Gott arm sind.
Denn ihnen gehört das Himmelreich.


In der Welt sehen wir und hören wir:
Gut dran sind die Wichtigen,
die, die was zu sagen haben.
Die rund um die Uhr arbeiten können,
nie krank werden,
die Überflieger halt.
Denen geht es gut. Die haben Erfolg.

Aber die Welt sieht von oben anders aus.
Denn da ist klar, dass wir längst nicht so groß und mächtig sind, wie wir denken.
Jeder einzelne Mensch ist wichtig, ja klar.
Aber kein Mensch kann ohne Gott irgendwas wirklich tun.
Wenn du um deine Grenzen weißt,
wenn du weißt, dass du klein sein darfst,
öffnet sich die Tür zum Himmelreich.
Zur Weite und zur Tiefe.
Denn dann hängt nicht alles an dir.
Du bist offen für die Liebe Gottes.
Und du lässt anderen Menschen Raum.
Und Gott nimmt sich Raum.

IV.
Jesus spricht weiter:
Glückselig sind die, die an der Not der Welt leiden.
Denn sie werden getröstet werden.
Glückselig sind die, die barmherzig sind.
Denn sie werden barmherzig behandelt werden.


In der Welt sehen wir und hören wir:
Wir können nicht die ganze Welt retten.
Lasst die Flüchtlinge in ihren Lagern oder in ihren zerbombten Häusern.
Aber nicht zu uns.
Jeder ist sich selbst der Nächste.
Barmherzigkeit können wir uns nicht leisten.
Wir haben ja schließlich auch nichts geschenkt bekommen.
Was geht mich die Not der anderen was an?
Und warum soll ich mir mit Mitleid das Leben noch schwerer machen?
Lass mich in Ruhe, du Gutmensch.

Aber die Welt sieht von oben anders aus.
Jesus sieht das anders.
Und er erzählt von dem Samariter, der den unter die Räuber gefallenen pflegt. (Lukas 10,25-37)
Er geht nicht vorbei. Er rettet ihn. Einfach so.
Und ohne zu fragen, ob er legal oder illegal ist.
Ja, und Gott selbst leidet mit seinem Volk, das in Ägypten versklavt wird.
Er begleitet es durch die Wüste hindurch und weicht nicht von ihrer Seite. (Exodus)
Und Jesus weint mit Martha und Maria um ihren Bruder Lazarus, als der tot ist. (Johannes 11)

Gott ist an der Seite derer, die an der Not der Welt leiden.
Er ist ein mitleidender Gott.
Und barmherzig.
Denn er ist sogar an meiner Seite, wenn ich gar nichts von ihm wissen will.
Und auch wenn ich vielleicht nichts tun kann.
Er bleibt einfach da.
Und das zu wissen, tut gut.
Und hilft.

V.
Glückselig sind die, die von Herzen freundlich sind,
die Sanftmütigen.
Denn sie werden die Erde als Erbe erhalten.
Glückselig sind die, die ein reines Herz haben.
Denn sie werden Gott sehen.


In der Welt sehen wir und hören wir:
Nein, mit Sanftmut und Freundlichkeit kommst du nicht weit.
Gerissen musst du sein.
Das Beste für dich herausholen.
Du merkst an der Kasse, dass dir die Kassiererin zu viel Wechselgeld herausgegeben hat?
Nun, Pech für sie.
Und schau doch mal in die Medien.
Wie da Politiker zerpflückt werden.
Die dürfen nicht so zartbesaitet sein.
Die müssen schon ein dickes Fell haben und selber austeilen können.
Sonst kommen sie nicht weit.

Aber die Welt sieht von oben anders aus.
Jesus sieht das anders.
Der sieht, dass die Welt die dünnhäutigen Menschen braucht.
Die mit der empfindsamen Seele,
die sofort spüren, wenn bei dir was nicht stimmt.
Und vor denen du weinen kannst.
Und die in dir erstmal das Gute vermuten, egal woher du kommst.

Die Welt braucht die Menschen,
die den neuen Nachbarn nebenan erstmal einen Gemüseeintopf vorbeibringen,
und die die schönen Augen unter dem Kopftuch der Frau sehen,
die aufleuchten als sie den Eintopf entgegen nimmt.

Die Welt braucht Menschen,
die sich über ein kleines Danke freuen,
aber auch noch nicht mehr erwarten,
weil für die Neuankömmlinge doch alles so neu ist.

Die Welt braucht Menschen,
die wissen, wie verletzlich eine Seele ist,
und die darum vorsichtig sind und behutsam.
Denn sie sehen Gott im anderen Menschen.

VI.
Glückselig sind die, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit.
Denn sie werden satt werden.
Glückselig sind die, die Frieden stiften.
Denn sie werden Kinder Gottes heißen.
Glückselig sind die, die verfolgt werden, weil sie tun, was Gott will.
Denn ihnen gehört das Himmelreich.


In dieser Welt sehen wir und hören wir:
Das ist nun mal so, dass die einen auf Kosten der anderen leben.
Das Recht des Stärkeren setzt sich durch.
Das ist im Kleinen so und im Großen.
Die Kriegsstifter verdienen sich dumm und dusselig,
weil ihre Waffen immer gebraucht werden.
Überall.
Das könnt ihr nicht aufhalten, ihr Träumer.
Und wenn ihr es dann doch versucht, werdet ihr sehen, was ihr davon habt.
Ihr setzt euch für die Flüchtlinge ein?
Wir werden euch mit Hassmails überschütten.
Oder machen Drohanrufe.
Sogar bei der Diakonie oder der Caritas.
In vielen Ländern sperren wir die ein, die für Gerechtigkeit kämpfen,
oder die etwas Regierungskritisches sagen wollen.
Und wir haben unsere Methoden, die Menschen zum Schweigen zu bringen.

Aber die Welt sieht von oben anders aus.
Jesus sieht das anders.
Er weiß, dass die Welt nur eine Zukunft hat,
wenn wir das, was wir haben wirklich teilen.
Wenn Menschen eine wirkliche Chance bekommen, sich ihr Leben aufzubauen.
Und nicht nur die, dies es sowieso leichter haben.
Wenn die Kriegsparteien an die runden Tische geholt werden
und dort bleiben, bis es Frieden gibt.
Ja, auch wenn Verfolgte Schutz und Zuflucht erhalten können,
wo sie frei reden und frei glauben können.

VII.
Von oben betrachtet wird die Welt nur
mit Friedensstiftern,
Gerechtigkeitssucherinnen
und Wahrheitsliebhabern überleben.
Von oben, von Gott her betrachtet braucht die Welt
die Dünnhäutigen,
die Wahrhaftigen
und die Sanftmütigen.
Von oben betrachtet ist die Welt angewiesen
auf die Mitleidenden
und Barmherzigen.
Denn nur so ist sie Gottes Welt.
Und nur so hat sie eine Zukunft.

Diese Welt sagt:
Du bist verrückt (danke für diesen Gedanken, Michael Greßler).
Du spinnst. Du hast keine Ahnung.
Du bist sogar gefährlich, weil du alles in Frage stellst, was ich sage.

Und so kreuzigt diese Welt Jesus.
Sie setzt Urwälder in Indonesien für Palm-Öl-Plantagen in Brand.
Sie schreibt Hasskommentare gegen die sogenannten Gutmenschen.
Sie steckt Flüchtlingsheime in Brand.
Und sticht Schulkinder und Lehrer in einer Schule nieder,
weil diese eine falsche Hautfarbe haben.
Eine Bürgermeisterkandidatin wird angegriffen.
Und einige Politiker denken laut darüber nach,
gegen Flüchtlinge an der Grenze Schusswaffen einzusetzen.

VIII.
Wer ist hier eigentlich verrückt?

Bevor ich den „Regeln“ dieser Welt folge,
wo Zartheit und Liebe,
Sanftmut und reine Herzen
keinen Platz haben,
steige ich lieber mit Jesus auf den Berg
und schaue mir die Welt von oben an.
Und dann sehe ich weiter und tiefer
und wie eins mit dem anderen zusammenhängt.

Und dann schreibe ich die Seligpreisungen weiter,
die Glückseligpreisungen.

Vielleicht so wie Reinhard Mey:
Selig, die Abgebrochenen,
Die Verwirrten, die in sich Verkrochenen.
Die Ausgegrenzten, die Gebückten,
Die an die Wand Gedrückten,
Selig sind die Verrückten!


Und ich ergänze:
Glückselig sind sie, denn Gott hat sie alle lieb.
Sie sind Gottes Kinder, ob du willst oder nicht.

IX.
Komm, lass uns die Welt von oben betrachten.
Komm, wir waschen unsere Augen
und sehen die Welt mit den Augen Jesu.
Lass uns weiter und tiefer sehen.
Dann entlarven wir ihre „Regeln“ als das, was sie sind:
hartherzig und kalt,
menschenunwürdig,
lieblos.
Ja, wir lassen uns als Gutmenschen beschimpfen,
und preisen selber die als glückselig,
die anders sind und die sich treiben lassen von der Liebe Gottes.

Und dann kommen wir herunter vom Berg
und gehen hin
zu den Verfolgten und den Mitleidenden,
zu den Barmherzigen und den Wahrhaftigen,
zu den Friedensstiftern und den Sanftmutigen.

Wir lassen uns von ihnen anstecken.
Von oben ist die Welt weit und tief
und eins hängt mit dem anderen zusammen.
Sie ist Gottes Welt mit Gottes „Regeln“.
Und so möchte ich in ihr leben und lieben,
und muss gar nicht alles können.

Denn die Tür zum Himmelreich öffnet sich für uns.
Hier in dieser Welt.

Amen.