Sonntag, 1. November 2015

Von oben sieht die Welt anders aus - und das ist gut so.

Predigt zu Matthäus 5,1-10  (Seligpreisungen)

(1. November 2015 - Haidach/Buckenberg)

Als Jesus die Volksmenge sah, stieg er auf den Berg.
Er setzte sich und seine Jünger kamen zu ihm.
Jesus begann zu reden und lehrte sie:
»Glückselig sind die, die wissen, dass sie vor Gott arm sind.
Denn ihnen gehört das Himmelreich.
Glückselig sind die, die an der Not der Welt leiden.
Denn sie werden getröstet werden.
Glückselig sind die, die von Herzen freundlich sind.
Denn sie werden die Erde als Erbe erhalten.
Glückselig sind die, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit.
Denn sie werden satt werden.
Glückselig sind die, die barmherzig sind.
Denn sie werden barmherzig behandelt werden.
Glückselig sind die, die ein reines Herz haben.
Denn sie werden Gott sehen.
Glückselig sind die, die Frieden stiften.
Denn sie werden Kinder Gottes heißen.
Glückselig sind die, die verfolgt werden, weil sie tun, was Gott will.
Denn ihnen gehört das Himmelreich.

(Übersetzung aus der BasisBibel)

I.
Die Welt sieht von oben anders aus.
Wir brauchen diesen Blick von oben. Immer wieder.
Einmal im Jahr auf den Stadtkirchenturm hochsteigen.
(geht auch mit dem Aufzug)
Der Wallberg ist auch beliebt.
Und hier vom Haidach sieht die Stadt wieder anders aus.
Schöner. Weiter. Ja, auch friedlicher.
Den Müll am Straßenrand sieht man dann nicht mehr.
Und auch nicht die umstrittenen Rostkübel in der Zerrennerstraße (die ich übrigens gar nicht so schlimm finde).
Der Presslufthammer in der Güterstraße ist von hier aus nicht zu hören.
Und das Gelb-braune vom Gebäude am Waisenhausplatz sieht vom Weitem gar nicht so übel aus.

Wir brauchen diesen Blick von oben.
Nicht damit alles schöner wird, und das Hässliche nicht mehr sichtbar.
Nein, wir brauchen diesen Blick, weil er uns anders auf die Welt schauen lässt.
Weil wir die Welt mit neuen Augen sehen.
Der Ostermorgen auf dem Wallberg ist darum besonders schön.
Wir lernen dort, die Welt neu zu sehen.
Wir waschen uns dafür sogar die Augen.
Und von oben sehen wir die Welt neu.

II.
Als Jesus die Volksmenge sah, stieg er auf den Berg.
Er setzte sich und seine Jünger kamen zu ihm.


Die Welt sieht von oben anders aus.
Ob Jesus darum immer wieder auf den Berg gegangen ist?
Ob die Berge darum in der Bibel eine so große Rolle spielen?
Elia erlebt Gott ganz anders als vorher - auf dem Berg.
Mose erhält die 10 Gebote - auf dem Berg.
Wenn du auf den Berg gehst, verschieben sich die Maßstäbe.
Und du siehst weiter und tiefer
und wie eins mit dem anderen zusammenhängt.
Die Welt sieht von oben anders aus.
Gott sieht die Welt anders als wir.

III.
Jesus begann zu reden und lehrte sie:
Glückselig sind die, die wissen, dass sie vor Gott arm sind.
Denn ihnen gehört das Himmelreich.


In der Welt sehen wir und hören wir:
Gut dran sind die Wichtigen,
die, die was zu sagen haben.
Die rund um die Uhr arbeiten können,
nie krank werden,
die Überflieger halt.
Denen geht es gut. Die haben Erfolg.

Aber die Welt sieht von oben anders aus.
Denn da ist klar, dass wir längst nicht so groß und mächtig sind, wie wir denken.
Jeder einzelne Mensch ist wichtig, ja klar.
Aber kein Mensch kann ohne Gott irgendwas wirklich tun.
Wenn du um deine Grenzen weißt,
wenn du weißt, dass du klein sein darfst,
öffnet sich die Tür zum Himmelreich.
Zur Weite und zur Tiefe.
Denn dann hängt nicht alles an dir.
Du bist offen für die Liebe Gottes.
Und du lässt anderen Menschen Raum.
Und Gott nimmt sich Raum.

IV.
Jesus spricht weiter:
Glückselig sind die, die an der Not der Welt leiden.
Denn sie werden getröstet werden.
Glückselig sind die, die barmherzig sind.
Denn sie werden barmherzig behandelt werden.


In der Welt sehen wir und hören wir:
Wir können nicht die ganze Welt retten.
Lasst die Flüchtlinge in ihren Lagern oder in ihren zerbombten Häusern.
Aber nicht zu uns.
Jeder ist sich selbst der Nächste.
Barmherzigkeit können wir uns nicht leisten.
Wir haben ja schließlich auch nichts geschenkt bekommen.
Was geht mich die Not der anderen was an?
Und warum soll ich mir mit Mitleid das Leben noch schwerer machen?
Lass mich in Ruhe, du Gutmensch.

Aber die Welt sieht von oben anders aus.
Jesus sieht das anders.
Und er erzählt von dem Samariter, der den unter die Räuber gefallenen pflegt. (Lukas 10,25-37)
Er geht nicht vorbei. Er rettet ihn. Einfach so.
Und ohne zu fragen, ob er legal oder illegal ist.
Ja, und Gott selbst leidet mit seinem Volk, das in Ägypten versklavt wird.
Er begleitet es durch die Wüste hindurch und weicht nicht von ihrer Seite. (Exodus)
Und Jesus weint mit Martha und Maria um ihren Bruder Lazarus, als der tot ist. (Johannes 11)

Gott ist an der Seite derer, die an der Not der Welt leiden.
Er ist ein mitleidender Gott.
Und barmherzig.
Denn er ist sogar an meiner Seite, wenn ich gar nichts von ihm wissen will.
Und auch wenn ich vielleicht nichts tun kann.
Er bleibt einfach da.
Und das zu wissen, tut gut.
Und hilft.

V.
Glückselig sind die, die von Herzen freundlich sind,
die Sanftmütigen.
Denn sie werden die Erde als Erbe erhalten.
Glückselig sind die, die ein reines Herz haben.
Denn sie werden Gott sehen.


In der Welt sehen wir und hören wir:
Nein, mit Sanftmut und Freundlichkeit kommst du nicht weit.
Gerissen musst du sein.
Das Beste für dich herausholen.
Du merkst an der Kasse, dass dir die Kassiererin zu viel Wechselgeld herausgegeben hat?
Nun, Pech für sie.
Und schau doch mal in die Medien.
Wie da Politiker zerpflückt werden.
Die dürfen nicht so zartbesaitet sein.
Die müssen schon ein dickes Fell haben und selber austeilen können.
Sonst kommen sie nicht weit.

Aber die Welt sieht von oben anders aus.
Jesus sieht das anders.
Der sieht, dass die Welt die dünnhäutigen Menschen braucht.
Die mit der empfindsamen Seele,
die sofort spüren, wenn bei dir was nicht stimmt.
Und vor denen du weinen kannst.
Und die in dir erstmal das Gute vermuten, egal woher du kommst.

Die Welt braucht die Menschen,
die den neuen Nachbarn nebenan erstmal einen Gemüseeintopf vorbeibringen,
und die die schönen Augen unter dem Kopftuch der Frau sehen,
die aufleuchten als sie den Eintopf entgegen nimmt.

Die Welt braucht Menschen,
die sich über ein kleines Danke freuen,
aber auch noch nicht mehr erwarten,
weil für die Neuankömmlinge doch alles so neu ist.

Die Welt braucht Menschen,
die wissen, wie verletzlich eine Seele ist,
und die darum vorsichtig sind und behutsam.
Denn sie sehen Gott im anderen Menschen.

VI.
Glückselig sind die, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit.
Denn sie werden satt werden.
Glückselig sind die, die Frieden stiften.
Denn sie werden Kinder Gottes heißen.
Glückselig sind die, die verfolgt werden, weil sie tun, was Gott will.
Denn ihnen gehört das Himmelreich.


In dieser Welt sehen wir und hören wir:
Das ist nun mal so, dass die einen auf Kosten der anderen leben.
Das Recht des Stärkeren setzt sich durch.
Das ist im Kleinen so und im Großen.
Die Kriegsstifter verdienen sich dumm und dusselig,
weil ihre Waffen immer gebraucht werden.
Überall.
Das könnt ihr nicht aufhalten, ihr Träumer.
Und wenn ihr es dann doch versucht, werdet ihr sehen, was ihr davon habt.
Ihr setzt euch für die Flüchtlinge ein?
Wir werden euch mit Hassmails überschütten.
Oder machen Drohanrufe.
Sogar bei der Diakonie oder der Caritas.
In vielen Ländern sperren wir die ein, die für Gerechtigkeit kämpfen,
oder die etwas Regierungskritisches sagen wollen.
Und wir haben unsere Methoden, die Menschen zum Schweigen zu bringen.

Aber die Welt sieht von oben anders aus.
Jesus sieht das anders.
Er weiß, dass die Welt nur eine Zukunft hat,
wenn wir das, was wir haben wirklich teilen.
Wenn Menschen eine wirkliche Chance bekommen, sich ihr Leben aufzubauen.
Und nicht nur die, dies es sowieso leichter haben.
Wenn die Kriegsparteien an die runden Tische geholt werden
und dort bleiben, bis es Frieden gibt.
Ja, auch wenn Verfolgte Schutz und Zuflucht erhalten können,
wo sie frei reden und frei glauben können.

VII.
Von oben betrachtet wird die Welt nur
mit Friedensstiftern,
Gerechtigkeitssucherinnen
und Wahrheitsliebhabern überleben.
Von oben, von Gott her betrachtet braucht die Welt
die Dünnhäutigen,
die Wahrhaftigen
und die Sanftmütigen.
Von oben betrachtet ist die Welt angewiesen
auf die Mitleidenden
und Barmherzigen.
Denn nur so ist sie Gottes Welt.
Und nur so hat sie eine Zukunft.

Diese Welt sagt:
Du bist verrückt (danke für diesen Gedanken, Michael Greßler).
Du spinnst. Du hast keine Ahnung.
Du bist sogar gefährlich, weil du alles in Frage stellst, was ich sage.

Und so kreuzigt diese Welt Jesus.
Sie setzt Urwälder in Indonesien für Palm-Öl-Plantagen in Brand.
Sie schreibt Hasskommentare gegen die sogenannten Gutmenschen.
Sie steckt Flüchtlingsheime in Brand.
Und sticht Schulkinder und Lehrer in einer Schule nieder,
weil diese eine falsche Hautfarbe haben.
Eine Bürgermeisterkandidatin wird angegriffen.
Und einige Politiker denken laut darüber nach,
gegen Flüchtlinge an der Grenze Schusswaffen einzusetzen.

VIII.
Wer ist hier eigentlich verrückt?

Bevor ich den „Regeln“ dieser Welt folge,
wo Zartheit und Liebe,
Sanftmut und reine Herzen
keinen Platz haben,
steige ich lieber mit Jesus auf den Berg
und schaue mir die Welt von oben an.
Und dann sehe ich weiter und tiefer
und wie eins mit dem anderen zusammenhängt.

Und dann schreibe ich die Seligpreisungen weiter,
die Glückseligpreisungen.

Vielleicht so wie Reinhard Mey:
Selig, die Abgebrochenen,
Die Verwirrten, die in sich Verkrochenen.
Die Ausgegrenzten, die Gebückten,
Die an die Wand Gedrückten,
Selig sind die Verrückten!


Und ich ergänze:
Glückselig sind sie, denn Gott hat sie alle lieb.
Sie sind Gottes Kinder, ob du willst oder nicht.

IX.
Komm, lass uns die Welt von oben betrachten.
Komm, wir waschen unsere Augen
und sehen die Welt mit den Augen Jesu.
Lass uns weiter und tiefer sehen.
Dann entlarven wir ihre „Regeln“ als das, was sie sind:
hartherzig und kalt,
menschenunwürdig,
lieblos.
Ja, wir lassen uns als Gutmenschen beschimpfen,
und preisen selber die als glückselig,
die anders sind und die sich treiben lassen von der Liebe Gottes.

Und dann kommen wir herunter vom Berg
und gehen hin
zu den Verfolgten und den Mitleidenden,
zu den Barmherzigen und den Wahrhaftigen,
zu den Friedensstiftern und den Sanftmutigen.

Wir lassen uns von ihnen anstecken.
Von oben ist die Welt weit und tief
und eins hängt mit dem anderen zusammen.
Sie ist Gottes Welt mit Gottes „Regeln“.
Und so möchte ich in ihr leben und lieben,
und muss gar nicht alles können.

Denn die Tür zum Himmelreich öffnet sich für uns.
Hier in dieser Welt.

Amen.





Kommentare:

  1. Schön, nur, wie geht das konkret? Wie können wir gegen die Kriege aktiv werden, wie können wir verhindern, dass durch die Ankunft immer mehr Flüchtlinge auch die Wohlmeinenden abgeschreckt werden? Warum müssen die Christane versuchen, die Angst vor dem Islam zu vermindern, warum machen das nicht auch und besser fundiert die Millionen von Moslems in Deutschland, die sich bereits mehr oder leider eher weniger integriert haben und die hiesige Gesellschaft einigermaßen kennen? Ich habe kein Verständnis für die Angst vor Islam und Uberfremdung, aber ich muss akzeptieren, dass Leute Ängste haben oder zumindest entwickeln

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    1. Ich verstehe die Fragen nicht so ganz.
      Versuche aber dennoch, meine Sichtweise dazu zu legen:
      - Konkret: ja, das muss von Fall zu Fall neu überlegt werden. Für mich heißt das z.B., dass ich laut widerspreche, wo Flüchtlinge entmenschlicht werden durch Begriffe wie z.B. "Invasoren" etc. Oder dass ich mein Einkaufsverhalten überprüfe in Bezug auf die Ungerechtigkeiten im Welthandel.
      - Verhindern können wir die Angst von Wohlmeinenden nicht, aber durch Begegnungsmöglichkeiten Ängste abbauen.
      - Warum sollten Christen nicht versuchen, Angst vor einer anderen Religion zu mindern (NB: wo schreibe ich das?). Wenn es uns um Frieden geht, ist das durchaus unsere Aufgabe.
      - Im Übrigen: woher wissen Sie, ob dies Muslime nicht auch tun? Ich kenne einige und weiß, dass sie viel mehr im Verborgenen tun. Sie gehen tatsächlich nicht so offensiv an die Öffentlichkeit wie die Christen. Aber fragen Sie sie doch mal....

      Entscheidend ist für mich erstmal eine Grundhaltung, wie sie aus den Seligpreisungen spricht: nämlich nicht den "schwarzen Peter" anderen zuzuschieben, sondern in die Welt zu gehen mit dem liebenden Blick Gottes. Mit dieser Grundhaltung komme ich um eine entsprechende Bewertung von politischen oder scheinpoltischen Forderungen nicht herum....

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