Sonntag, 3. November 2019

Gott gibt nicht auf

Arche Rebella und Regenbogen, Noah und Greta
Predigt zu Genesis 8, 18-22 und 9, 12-17         (1) 

(mit herzlichen Dank an Ann-Kathrin Knittel, von der ich einige Formulierungen und Wort-Kombinationen übernommen habe)


1.
Früh morgens um 4 Uhr bauten sie die Arche - mitten in Berlin, an der Siegessäule.
Ein Schiff aus Holz. Ein Schiff - pink angemalt.
Bereit, jedes Lebewesen an Bord willkommen zu heißen.
Ein Schiff, das sagt: ein „Nach mir die Sintflut“ gibt es nicht. Wir geben noch nicht auf.
„Sagt die Wahrheit“ - haben sie darauf geschrieben. „Tell the truth“.  Mitten in Berlin.
Die Arche Rebella.

Keine Arche Noah.
Aber eine Welt, die kaputt geht.
Die Archebauer und Lebensrebellen, die Straßen blockieren,
werden von vielen für verrückt gehalten.
Eine Greta Thunberg finden viele nervig.
Den Fridays-for-Future-Demonstranten wirft man vor, einer Ersatzreligion nachzulaufen. (2)

Ob es Noah damals auch so ging?
Die Bibel erzählt nichts davon, wie die anderen reagiert haben.
Sie sagt nur: Noah tat, was er tun musste. Er baute eine Arche.

2.
Ich gebe auf, sagte Gott. Ich gebe diese Welt auf.
Was hatte ich für Pläne mit ihr! Alles gut gedacht und eigentlich auch gut gemacht.
Aber hat nicht geklappt.
Das Dichten und Trachten des Menschenherzens ist böse von Jugend auf.
Die Erde ist voll von Gewalt.
Die traurige Bilanz von jemandem, der große Pläne hatte
und nun zieht er mit Zorn im Bauch einen Schlussstrich.
Er ist nur nicht ganz konsequent, denn er gibt nicht komplett auf.
Und darum lässt er eine Arche bauen, um doch noch ein paar zu retten.

Und für den Neuanfang.

3.
Schon als Kind habe ich nie verstanden, warum Gott das Leben vernichten will.

Ich kann es mir immer noch nicht vorstellen,
dass Gott tatsächlich wie ein zorniger Pubertierender ist,
der alles kurz und klein schlägt vor Wut.
Oder wie ich, wenn ich vor lauter Frust über einen schlechten Anfang einer Predigt
erstmal alles lösche, was ich geschrieben habe und dann das Laptop zuklappe
und mich schmollend auf mein Sofa verkrieche.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass Gott wirklich aufgibt.
Aber ich glaube, dass er wütend ist und vor allem verzweifelt.

Ich gebe auf, sagt ein Wissenschaftler, der jahrzehntelang vor dem Klimawandel gewarnt hat,
aber kaum jemand hat auf ihn gehört.
Ich gebe auf, sagte der Bürgermeister von Tröglitz,
nachdem Nazis vor seinem Haus aufmarschierten.
Ich gebe auf, sagen mittlerweile wieder jüdische Schwestern und Brüder
und verlassen unser Land.

4.
Wie müssen sich Noah und seine Familie gefühlt haben?
In diesem Kasten auf dem Nichts schwimmend.
Hoffend, bangend, dass der Regen endlich aufhört und diese Flut ein Ende hat.
Ich pack es nicht mehr, ich gebe auf.
Vielleicht hat Noah das gesagt oder zumindest gedacht.
Aber da sind ja noch die Kinder und die Familie und die Tiere.
Und so klammert er sich an den letzten Strohhalm, den die Taube brauchte:
wenigstens für sie gebe ich nicht auf.

Wenigstens für sie nicht aufgeben. Vielleicht war das die Wende bei Gott?
Manchmal braucht es Landunter und das lange lange Warten,
dass der Vogel mit einem Zweig wiederkommt.
Ein kleines Zeichen, dass das Leben weitergeht.
Zeit, das Schiff zu verlassen und das Leben zu lieben.

5.
Ich gebe nicht auf, sagt Gott.
Es hat sich zwar nichts geändert. Menschen und Erde sind immer noch schlimm.
Aber eine Strafe bringt nichts. Ich will die Erde nicht noch einmal verfluchen.
Die Herzen der Menschen sind hart. Keiner ist ohne Schuld.
Wie vor der Flut, so nach der Flut.
Aber ich gebe sie nicht auf: weder die Menschen noch meine Welt.
Denn da ist dieser kleine Zweig im Schnabel eines Vogels.

Ja, Gott ist inkonsequent. Gott sei Dank.
Gott ist schwach geworden. Sein Herz ist weich.
Und er gibt die Hoffnung nicht auf - auch wenn nichts perfekt ist.

6.
 „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören
Saat und Ernte, Frost und Hitze,
Sommer und Winter, Tag und Nacht“


Vielleicht haben wir dieses Versprechen zu selbstverständlich genommen?
In unserem reichen Europa  haben wir vergessen,
wie es sich anfühlt, wenn eine Ernte ausfällt.
Aber dass die Schöpfung bedroht ist, spüren wir sehr genau.

Dazu muss Gott die Erde aber nicht mal mehr verfluchen.
Das schaffen wir Menschen ganz allein.
Seit über 40 Jahren ist klar: so geht das nicht weiter:
wir steuern auf eine Klimaerwärmung zu, die unsere Lebensgrundlagen bedroht.
Seit 40 Jahren wissen wir, dass wir was ändern müssen – im Großen wie im Kleinen.
Getan hat sich aber nicht viel. Nur, dass die Zeit immer knapper wird.
Viele wollen was tun, ich auch und bin doch nicht konsequent.
Und andere handeln weiter gemäß dem Motto: Nach uns die Sintflut.
Wir haben Angst davor, ernsthaft umzusteuern.
Und hin und wieder denke ich resigniert: Ich gebe auf. Es bringt doch nichts.

7.
Aber Gott gibt nicht auf.
Und er setzt auf große Gesten vor drohendem Wolkendunkel.
In der Mischung aus Regen und Sonne, Dunkel und Hell
bricht sich das Licht in seinen Farben.
Der Regenbogen, das Wunderzeichen,
magisch, mit goldenen Schätzen am Ende, das man nie erreicht.

Gott setzt den Regenbogen und verspricht: Nie wieder.
Er gibt der Welt ein Zeichen – zur Erinnerung für sich und uns.
Er begräbt das Kriegsbeil oder besser gesagt den Kriegsbogen.
Gott hängt seinen Bogen an den Nagel, schmiedet das Kriegsgerät um
zu einer schillernden Lichterscheinung, die nichts bringt,
außer dass Menschen die Köpfe heben und lächeln –
das ist noch radikaler als Schwerter zu Pflugscharen.

Der Regenbogen: Gottes „Ich gebe euch nicht auf“-Zeichen.
Und es kommt immer dann, wenn wir es am dringendsten brauchen.
Konsequent liebevoll und darum barmherzig inkonsequent.

8.
Gott gibt nicht auf.
Gott gibt sein Volk nicht auf.
In der Wüste und im Exil bleibt er immer an seiner Seite.
Er weinte mit unseren jüdischen Schwestern und Brüdern
um die brennenden Synagogen vor 81 Jahren
und starb mit ihnen in den deutschen Gaskammern.
Er wich nicht von ihrer Seite.

Gott gibt nicht auf.
Gott gibt Jesus nicht auf.
Er ist in ihm als er stirbt. Und er ist in ihm als er aufersteht.
Was auch immer die anderen über Jesus sagen:
Verbrecher, Sünder, Versager, Rebell -
er bleibt sein Sohn. Ist ein Teil von ihm.

Gott gibt nicht auf.
Er gibt mich nicht auf, wenn ich an mir zweifle.
Wenn ich morgens nichts aufstehen will, weil mir alles zu viel ist.
Wenn ich mir unnütz vorkomme. Wenn ich mich selber aufgebe.
Er gibt mich nicht auf. Nie. Niemals.

Gott gibt nicht auf.
Er gibt die afrikanischen Flüchtlinge nicht auf,
die der libyschen Hölle in untauglichen Schlauchbooten entfliehen.
Er kommt ihnen entgegen mit der Seawatch und der Alan Kurdi und der Lifeline.
Er wirft ihnen Schwimmwesten zu und zieht sie auf sein Schiff.
Eine neue Arche, die Leben rettet.

9.
Gott gibt niemanden auf.
Und unsere Welt und Schöpfung schon gar nicht.
Darum schickt er Jugendliche auf die Straße und Rebels for life:
die bauen mitten in Berlin eine Arche und malen sie pink an
und in Pforzheim auf dem Leopoldsplatz setzen sie sich auf die Straße.
Das sind keine Klimahysteriker oder Klimareligiösen,
wie sie immer wieder beschimpft werden.
Sondern sie geben einfach noch nicht auf.
Und mit ihnen erinnert Gott uns daran, dass seine Welt es wert ist.
Wir können für die Welt zwar keine Arche bauen,
aber endlich t, was wir können. Und das ist viel.

Wir können weniger Autofahren, weniger fliegen,
weniger Fleisch essen, weniger Palmölprodukte kaufen.
Wir können so viel.

Aber auch wenn wir das nicht können:
Gott gibt uns nicht auf.
Und darum geben wir auch nicht auf.
Schon gar nicht uns selbst.
Konsequent liebevoll und barmherzig inkonsequent.
Klammernd an jeden Strohhalm.
Zeit das Schiff zu verlassen und das Leben zu lieben.
Mit Regenbogenfarben und schillerndem Licht.
Hoffend.
Und mit Ja und Amen. (3)

(1)
So ging Noah heraus (aus der Arche) mit seinen Söhnen und mit seiner Frau und den Frauen seiner Söhne, dazu alles wilde Getier, alles Vieh, alle Vögel und alles Gewürm, das auf Erden kriecht; das ging aus der Arche, ein jedes mit seinesgleichen.
Noah aber baute dem Herrn einen Altar und nahm von allem reinen Vieh und von allen reinen Vögeln und opferte Brandopfer auf dem Altar.
Und der Herr roch den lieblichen Geruch und sprach in seinem Herzen: Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Und ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe. Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.
Und Gott sprach: Das ist das Zeichen des Bundes, den ich geschlossen habe zwischen mir und euch und allem lebendigen Getier bei euch auf ewig:
Meinen Bogen habe ich gesetzt in die Wolken; der soll das Zeichen sein des Bundes zwischen mir und der Erde. Und wenn es kommt, dass ich Wetterwolken über die Erde führe, so soll man meinen Bogen sehen in den Wolken. Alsdann will ich gedenken an meinen Bund zwischen mir und euch und allem lebendigen Getier unter allem Fleisch, dass hinfort keine Sintflut mehr komme, die alles Fleisch verderbe. Darum soll mein Bogen in den Wolken sein, dass ich ihn ansehe und gedenke an den ewigen Bund zwischen Gott und allem lebendigen Getier unter allem Fleisch, das auf Erden ist.
Und Gott sagte zu Noah: Das sei das Zeichen des Bundes, den ich aufgerichtet habe zwischen mir und allem Fleisch auf Erden.


(2) So z.B. durch Ralf Frisch in https://zeitzeichen.net/node/7759.

(3) Lied nach der Predigt:
1. Ich sage Ja zu dem, der mich erschuf. Ich sage Ja zu seinem Wort und Ruf, zum Lebensgrund und Schöpfer dieser Welt, und der auch mich in seinen Händen hält. 2. Ich sage Ja zu dem, der uns gesandt und aus dem Tod zum Leben auferstand und so trotz Hass, Gewalt und Menschenlist für uns zum Freund und Bruder worden ist. 3. Ich sage Ja zu Gottes gutem Geist, zum Weg der Liebe, den er uns verheißt, zu wagen Frieden und Gerechtigkeit in einer Welt voll Hunger, Angst und Leid.




4. Ich sage Ja zu Wasser, Kelch und Brot, Wegzehrung, Zeichen, Zuspruch in der Not. Ich sage Ja und Amen, weil gewiss ein andres Ja schon längst gesprochen ist. 

(Text und Melodie: Okko Herly)


Sonntag, 25. August 2019

Lieben ohne Abstriche

Wie geht lieben? Von Religions for peace, Jesus und einem Jungen, der an die frische Luft muss*

Predigt zu Markus 12,28-34

Und es trat zu ihm einer der Schriftgelehrten,
der ihnen zugehört hatte, wie sie miteinander stritten.
Als er sah, dass er ihnen gut geantwortet hatte, fragte er ihn:
Welches ist das höchste Gebot von allen?
Jesus antwortete:
Das höchste Gebot ist das: »Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein,
und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben
von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft«.
Das andre ist dies: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst«.
Es ist kein anderes Gebot größer als diese.

Und der Schriftgelehrte sprach zu ihm:
Ja, Meister, du hast recht geredet!
Er ist einer, und ist kein anderer außer ihm;
und ihn lieben von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt und mit aller Kraft,
und seinen Nächsten lieben wie sich selbst,
das ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer.
Da Jesus sah, dass er verständig antwortete, sprach er zu ihm:
Du bist nicht fern vom Reich Gottes.
Und niemand wagte mehr, ihn zu fragen.


I. (Wie geht lieben?)

Niemand wagte mehr, ihn zu fragen.
Doch. Ich frage.
Ich soll Gott lieben. Meine Nächste. Und mich selbst.
Aber wie?

II. (Lieben über Religionsgrenzen)

900 Menschen aus aller Welt und allen Religionen der Welt treffen sich letzte Woche in Lindau. Religions for Peace.
Auf der Straße, an Tischen auf der Straße.
In Hallen. Auf der Wiese. Und auch hinter verschlossenen Türen.
Die Royinghas zusammen mit den Buddhisten von Myanmar.
Der Muslim vom Nordsudan mit der Christin im Südsudan.
Manchmal müssen Türen zu sein, um wirklich offen miteinander reden zu können.
Und dann wieder Türen öffnen. Hören. Fragen. Reden. Feiern. Essen. Entscheiden. Beten.
Nicht die großen theologischen Themen wurden besprochen, sondern wie das geht:
miteinander leben, sich versöhnen, Frieden stiften.

Die Süddeutsche Zeitung schreibt:
„Ein solches Treffen mach die erste Begegnung verfeindeter Gruppen möglich.
Konfliktparteien treffen sich zum hundertsten Mal, was die Sache auch nicht immer einfacher macht; aber auch der Vertreter des American Jewish Committee und die den Muslimbrüdern nahestehende Muslimin müssen hier miteinander auskommen. Manchmal dienen solche Treffen dazu, neue Ideen populär zu machen.“

Worauf kommt es an? Das ist ihre Leitfrage.
Was haben wir gemeinsam? Worauf können wir bauen?
Auf die Liebe zu Gott, auch wenn wir unterschiedlich glauben.
Auf die Liebe zum Nächsten und zu uns selbst - weil jeder Mensch es wert ist.

Und das hat konkrete Folgen.
Ich lese in der Süddeutschen weiter:
„Religions for Peace unterstützt die Verbreitung eines DNA-Tests, der es nach einer Vergewaltigung erlaubt, den Täter zu identifizieren - eine große Hilfe, wenn es um den Nachweis von Kriegsverbrechen geht und den Kampf gegen Vergewaltiger."
Und ich lese auch:
"Ohne Religions for Peace wäre es damals nicht zum Friedensschluss im Bosnienkrieg gekommen.“

So geht lieben.
Liebe konkret. Und gerade dann, wenn es schwer ist.

III. (Jesus liebt I)

Wie geht lieben?

Nur, wenn es wichtiger ist als alles andere.
Wichtiger als alle Regeln und Normen und Gesetze.
Jesus liebt. Liebt ohne Abstriche. Grenzenlos.
Gelähmte, Aussätzige, Blinde, Kranke, Traurige, Verzweifelte, Andersseiende.
Er liebt sie. Ganz praktisch. Sagt nicht: der oder die verdient meine Liebe nicht.
Und selbst als er es einmal so sagt bei der Syrophönizierin, lernt er dazu:
Die Liebe ist unteilbar.
Und sie reicht für alle wie das Brot für die 5000 Hungrigen.

Jesus hört und spricht, fragt und betet, feiert und isst und liebt -
hinter verschlossenen Türen und auf der Straße.
Und die 900 in Lindau haben es ihm nachgemacht,
ob sie nun an ihn glauben oder nicht.
Denn so geht lieben. Und nur darauf kommt es an.

IV. (Jesus liebt II)

Wie geht lieben?
Jesus isst mit einem, der ihn verrät.
 Lässt sich anfassen von einem, der zweifelt.
Jesus weint und lacht, schreibt im Sand und wirft Tische um.
Jesus nimmt die störenden Kinder in den Arm und segnet sie.
Und er erzählt von einem Ungläubigen.
Der kümmert sich um einen Fremden, der unter die Räuber gefallen war.
So geht lieben, sagt er.
Schaut euch um. Schaut die Menschen um euch an - liebevoll.
Sie sind Gottes Kinder wie ihr. Gott gibt keinen von ihnen auf.
Und dann erzählt er von dem einem Schaf: 
das wird gerettet, obwohl da ja noch andere 99 sind.
Jesus liebt ohne Abstriche.
Mit dieser Liebe geht er ans Kreuz, liebt weiter
und der Himmel öffnet sich für ihn.

V. (sich selbst lieben)

Wie geht lieben?

Nur wenn du dich selbst liebst.
Vielleicht das schwerste von allen.
Denn du kennst dich ja gut genug.
Auch das, was du für nicht liebenswert, für nicht gut genug hältst
Darum beginne mit Hören.
Hören auf Gott. Auf Adonai. Den einzigen.
Höre nicht auf die, die sagen: es ist zu wenig, was du tust.
Höre auf den, der dich geschaffen hat.
Der ist größer und mehr als du. 

Und er trägt dich und liebt dich so wie du bist und mit allem, was du bist und nicht bist.
Voller Liebe.

VI. (verbunden sein)

Letzte Woche lief im Openair-Kino „Der Junge muss an die frische Luft“.
Da geht es um die Kindheit von Hape Kerkeling.
Der dickliche Junge entdeckt seine komische Seite,
weil er versucht, seine traurige Mutter aufzuheitern.
Als sie sich dann doch das Leben nimmt, hat er das Gefühl versagt zu haben.
Vielleicht hätte ich mich noch mehr anstrengen müssen. Würde Mama dann noch leben?

Er hat es nicht geschafft, ihre Liebe zum Leben zu erhalten.
Doch da sind seine Oma und sein Opa. Sie nehmen ihn an die Hand.
Und dank seiner großen bunten und lauten Familie schafft er es,
weiter zu leben und weiter zu lachen und weiter das Leben zu lieben.

Am Ende des Films schaut der erwachsene Hape den jungen Hape an -
mit einer Liebe im Blick, die mich weinen ließ.
Und der erwachsene Hape sagt:
"Dass der kleine dicke, schüchterne Junge aus dem Kohlenpott das alles mit naivem Gottvertrauen schaffen würde, hätte ich ihm nie zugetraut. Das hat er gut gemacht.
Und ich weiß:
Ich bin meine Mutter und mein Vater, meine Großaltern, mein Bruder, meine Tante Gertrud, Tante Lisbeth, Tante Hedwig, Onkel Kurt und Tante Veronika. Ich bin Frau Edelmund, Frau Rädere und Frau Strecke und viele mehr. Jeder hat mich zu dem gemacht, was ich bin.
Ich bin die gescheckte Kuh auf der Weide, das gelbe Korn auf dem Feld und der rote Mohn am Wegesrand. Ich bin der schmale Trampelpfad und dessen Ende. Ich bin der wolkenlose Himmel. Ich bin wach.“

So geht lieben.

VII. (gemeinsam lieben)

Liebe Gott. Liebe dich selbst. Liebe die Menschen.
Mehr braucht es nicht, sagt Jesus.
Und er stimmt damit ein in das Bekenntnis seines Volkes.
Gott ist größer als wir und als alles, was wir denken können, das haben wir gemeinsam.
Und die Liebe ist das wichtigste Gebot - auch das ist gemeinsam. Und so viel mehr.

Wir Christen und Christinnen haben diese Gemeinsamkeit fast 2000 Jahre lang geleugnet,
haben unsere jüdischen Wurzeln verraten.
Unsere Vorfahren wollten sie vor 80 Jahren auslöschen.
Nie wieder darf das geschehen!

Darum gehören wir an die Seite unserer jüdischen Geschwister
und mit ihnen zusammen an die Seite der muslimischen und buddhistischen
und hinduistischen und jesidischen Schwestern und Brüder.
Wir sind miteinander verwoben, Teil eines großen Ganzen,
wie Hape mit der Kuh und dem Mohn und mit seinen Tanten und Onkeln.
Wir alle gehören zu Gott und zu dieser wunderbaren Welt, in die er uns geworfen hat.
Wir lassen uns nicht gegeneinander ausspielen für ein sogenanntes christliches Abendland.
Gemeinsam leben wir als Religions for peace.
Hinter verschlossenen Türen und auf der Straße.
Hören. Fragen. Reden. Feiern. Essen. Entscheiden. Beten. Für Gottes Welt.

So geht lieben. Und nicht anders.
Lieben ohne Abstriche.

VIII. (Mehr nicht)

Du bist nicht fern vom Reich Gottes, sagt Jesus zu seinem Gesprächspartner.
Und niemand wagte mehr, ihn zu fragen.

Lieben.
Lieben.
Lieben.
Das geht.
Und das will ich hören - und tun.
Mehr Worte brauche ich nicht.

Amen.

*Mit Dank an Birgit Mattausch und Franz K. Schön für Impulse und Anregungen!

Sonntag, 18. August 2019

Nichts zu verlieren

Vom Mut zur Entscheidung und davon, keine Angst vor Fehlern zu haben
Predigt zu Philipper 3, 7-14

I.
Gewinnen und verlieren.
Ich spiele gerne.
Trotzdem sind das Worte, die ich eigentlich aus meinem Wortschatz verbannen möchte.
Denn da schwingt Leistungsdruck mit und Wettkampf.
Eben, im Gleichnis (1), da gab es ganz klar 2 Gewinner und 1 Verlierer
und der Verlierer hatte ziemlich schlechte Karten.
Unsere Gesellschaft krankt daran, dass wir zur Gewinnerseite zählen wollen.
Populisten spielen gerne diese Karte und schüren Neid und Angst.
Niemand will zu den Verlierern gehören.

II.
Aber heute haben wir es mit einem großen Verlierer zu tun.
Mit dir, Paulus. Du warst mal kräftig auf der Gewinnerspur:

„Ich könnte mich rühmen.
Ich bin am 8. Tag beschnitten worden, wie es sich gehört.
Ich stamme aus dem Volk Israel, vom Stamm Benjamin.
Ich lebte als Pharisäer nach allen Ordnungen des Gesetzes
und verfolgte mit all meiner Kraft die christliche Gemeinde,
die sich nicht an die mir wichtigen Ordnungen hielt.
Ich bin untadelig gewesen, gemessen an dem, was das Gesetz vorschreibt.“
(2)

III.
Alles richtig gemacht. Aber dann, Paulus, ist etwas Entscheidendes passiert.

„Aber dies alles, was mir früher als Vorteil erschien,
habe ich durch Christus als Nachteil erkannt.
Ich betrachte überhaupt alles als Verlust im Vergleich mit dem überwältigenden Gewinn,
dass ich Jesus Christus als meinen Herrn kenne.
Durch ihn hat für mich alles andere seinen Wert verloren, ja, ich halte es für bloßen Dreck. 
Nur noch Christus besitzt für mich einen Wert.Zu ihm möchte ich um jeden Preis gehören.

Deshalb will ich nicht mehr durch mein eigenes Tun vor Gott als gerecht bestehen.
Ich suche nicht meine eigene Gerechtigkeit, die aus der Befolgung des Gesetzes kommt,
sondern die Gerechtigkeit, die von Gott kommt und denen geschenkt wird, die glauben.
Ich möchte vor Gott als gerecht bestehen,
indem ich mich in vertrauendem Glauben auf das verlasse,
was er durch Christus für mich getan hat.
Ich möchte nichts anderes mehr kennen als Christus:
Ich möchte die Kraft seiner Auferstehung erfahren, ich möchte sein Leiden mit ihm teilen.
Mit ihm gleich geworden in seinem Tod, hoffe ich auch, zur Auferstehung der Toten zu gelangen.
   
Ich meine nicht, dass ich schon vollkommen bin und das Ziel erreicht habe.
Ich laufe aber auf das Ziel zu, um es zu ergreifen,
nachdem Jesus Christus von mir Besitz ergriffen hat.           
Ich bilde mir nicht ein, Brüder und Schwestern, dass ich es schon geschafft habe.
Aber die Entscheidung ist gefallen!
Ich lasse alles hinter mir und sehe nur noch, was vor mir liegt.
Ich halte geradewegs auf das Ziel zu, um den Siegespreis zu gewinnen.
Dieser Preis ist das ewige Leben, zu dem Gott mich durch Jesus Christus berufen hat.“
(3)

IV.
Gewinnen und verlieren.
Auch deine Worte, Paulus, aber du stellst sie auf den Kopf.
Die vermeintlichen Gewinner sind die eigentlichen Verlierer. 
Und die Verlierer die Gewinner.

Für dich ist nun eine neue Zeit angebrochen, eine Zeit mit Jesus, eine freie Zeit.
Und die rufst du hier aus. So radikal, dass mir etwas unheimlich wird.
So ein radikaler Bruch mit der Vergangenheit - du nennst sie „Dreck“ - hat auch was Fanatisches.

Aber ich kann dich - glaube ich - verstehen:
Da in Philippi sind Leute, die sagen: man muss was tun, um zu Gott zu gehören.
Man muss besonders fest glauben, die Gebote halten,
sich nichts zu schulden kommen lassen, alles richtig machen - erst dann gehört man dazu.

Doch das alles hast du hinter dir gelassen.

Ich gewinne nichts, wenn ich möglichst gut da stehen will, sagst du. 
Denn damit werde ich nie fertig.
Ich mache ja schließlich immer wieder Fehler, weil ich gar nicht perfekt sein kann.
Also renne ich wie ein Hamster im Hamsterrad meinen eigenen Erfolgsrezepten oder denen von anderen hinterher und komme doch nicht wirklich vom Fleck weg.
Ich kann nur noch verlieren.  Darum hat das für dich keinen Wert mehr.

V.
Aber was dann, Paulus?

Jesus ist dein Wert. Jesus ist dein Maßstab.
Ja, du hast erkannt, dass Gott dich liebt, obwohl du so unvollkommen bist.

Du tust, was du gut kannst, z.B. klug mit Worten umgehen.
Und offensichtlich kannst du gut an einer Sache dran bleiben. Und andere motivieren.
Du tust das für dich und für andere. Und das ist gut. Aber daran hängt nicht, wie wertvoll du bist.
Denn du kennst ja auch deine Schattenseiten ziemlich gut.
Für deine Gerechtigkeit, wie du sagen würdest, ist das völlig egal.

Jesus ist dein Wert.
Und darum hast du keine Angst mehr vor Fehlern.
Gerade mit deinen Fehlern, mit offenen Flanken bist du Jesus ganz nahe.
Und aus deinen Fehlern kann Gott noch was Gutes machen.

VI.
Ich glaube, das gehört zu dem, was du gewonnen hast, Paulus: Keine Angst mehr, Fehler zu machen.
Umgekehrt war das vielleicht das Verhängnis des dritten Knechts im Gleichnis vorhin (4):
er hatte Angst, Fehler zu machen - und hat darum gar nichts gemacht.

Diese Angst vor Fehlern kenne ich. Ich bin ja ein Kind unserer Leistungsgesellschaft.
Also kämpfe auch ich darum, gut genug zu sein, perfekt, stark, keine Fehler zu machen.
Meinen Handtremor versuche ich zu verbergen. 
Ich könnte ja für nervös gehalten werden.

Und ich denke immer darüber nach, was denn die anderen von mir denken könnten.
Dabei könnte mir das doch egal sein, oder?

Ich glaube, nicht nur ich erlebe diesen Druck, perfekt sein zu müssen, so stark.
Photoshop macht Bilder perfekt.
Und wer diese Bilder mit dem eigenen Spiegelbild vergleicht, fühlt sich schnell hässlich.
Es ist sehr schwer, zu den eigenen Nichtperfektionen zu stehen. Was ist noch echt?

VII.
Alles richtig machen zu wollen - das kann so lähmen.
Bevor ich etwas falsch mache, lieber mal nichts tun?  Nicht wenige machen das so.

In Sachen Klimawandel haben wir bisher weitgehend den Kopf in den Sand gesteckt wie der 3. Knecht seine anvertrauten Talente. Doch jetzt wecken uns die Fridays-for-future-Jugendlichen.
Trotzdem machen viele weiter oder beschimpfen sogar eine Greta Thunberg, statt nun endlich mal selber mutige Entscheidungen zu treffen oder die Jugendlichen zu unterstützen.

Auch unsere Kirche in Pforzheim hat in der Vergangenheit vielleicht zu viele Entscheidungen vor sich her geschoben - gerade was den Umgang mit Gebäuden angeht.
Und ich glaube: auch aus Angst, Fehler zu machen.

Das kann fatal sein.
Erst recht, wenn es ums Eingemachte geht. Wenn Haltung gefragt ist.
Dietrich Bonhoeffer wusste das, damals im "3. Reich":
Es gibt Situationen, wo wir handeln müssen,
auch wenn wir wissen, dass wir damit Schuld auf uns laden.
Seine Beteiligung am Hitler-Attentat war so etwas.
Nichts zu tun, wäre vielleicht korrekter gewesen, tadelloser, und trotzdem falsch.
Und mit noch größerer Schuld verbunden.
Unsere Kirche hat das erst nach dem 2.Weltkrieg erkannt.
Manchmal muss man sich entscheiden, auf welcher Seite man steht.

VIII.
Du hast nichts zu verlieren, sagst du zu mir, Paulus
Darum habe auch keine Angst davor, etwas falsch zu machen.
Du bist nicht vollkommen - Gott sei Dank.
Wenn du was falsch machst, macht Gott trotzdem was Gutes draus. Vertraue darauf.

Klammere dich nicht an falsche Sicherheiten.
Und klammere dich nicht an die trügerischen Wahrheiten der Vergangenheit.
Vertraue darauf, dass Gott deinen Weg der richtigen und der falschen Entscheidungen mitgeht
und dich aus dem Dreck wieder raus zieht.

IX.
Gewinnen und verlieren -  Gott stellt das alles auf den Kopf.
Ich gewinne, weil Jesus an meiner Seite ist.
Ich gewinne, weil ich zu Jesus gehöre - zu dem, der als Loser ans Kreuz genagelt wurde.
Der hat alles verloren und schließlich alles gewonnen, weil Gott bei ihm blieb.
Ich gewinne, weil ich keine Angst mehr vorm Verlieren habe -
denn ich kann nichts verlieren, was wirklich wichtig ist:
Gottes Liebe und dass ich so, wie ich bin, ins Leben geschmissen wurde.

Zur "geliebten Gurkentruppe Gottes" gehöre ich (5).
Und damit zu den Gewinnerinnen:
Unvollkommen und zugleich geliebt und wertvoll.
Und so braucht uns die Welt. Und nicht anders.

Amen.


(1) Als Lesung wurde aus Matthäus 25, 14-30 - ein sehr schwieriges Gleichnis, finde ich:
Denn es ist wie mit einem Menschen, der außer Landes ging: Er rief seine Knechte und vertraute ihnen sein Vermögen an;
dem einen gab er fünf Zentner Silber, dem andern zwei, dem dritten einen, jedem nach seiner Tüchtigkeit, und ging außer Landes. Sogleich ging der hin, der fünf Zentner empfangen hatte, und handelte mit ihnen und gewann weitere fünf dazu. Ebenso gewann der, der zwei Zentner empfangen hatte, zwei weitere dazu. Der aber einen empfangen hatte, ging hin, grub ein Loch in die Erde und verbarg das Geld seines Herrn.
     Nach langer Zeit kam der Herr dieser Knechte und forderte Rechenschaft von ihnen. Da trat herzu, der fünf Zentner empfangen hatte, und legte weitere fünf Zentner dazu und sprach: Herr, du hast mir fünf Zentner anvertraut; siehe da, ich habe fünf Zentner dazugewonnen. Da sprach sein Herr zu ihm: Recht so, du guter und treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel setzen; geh hinein zu deines Herrn Freude!
    Da trat auch herzu, der zwei Zentner empfangen hatte, und sprach: Herr, du hast mir zwei Zentner anvertraut; siehe da, ich habe zwei dazugewonnen.  Sein Herr sprach zu ihm: Recht so, du guter und treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel setzen; geh hinein zu deines Herrn Freude!
    Da trat auch herzu, der einen Zentner empfangen hatte, und sprach: Herr, ich wusste, dass du ein harter Mann bist: Du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst ein, wo du nicht ausgestreut hast; und ich fürchtete mich, ging hin und verbarg deinen Zentner in der Erde. Siehe, da hast du das Deine.  Sein Herr aber antwortete und sprach zu ihm: Du böser und fauler Knecht! Wusstest du, dass ich ernte, wo ich nicht gesät habe, und einsammle, wo ich nicht ausgestreut habe? Dann hättest du mein Geld zu den Wechslern bringen sollen, und wenn ich gekommen wäre, hätte ich das Meine wiederbekommen mit Zinsen.
   Darum nehmt ihm den Zentner ab und gebt ihn dem, der zehn Zentner hat. Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden. Und den unnützen Knecht werft hinaus in die äußerste Finsternis; da wird sein Heulen und Zähneklappern.

(2) Philipper 2, 5-6 (Übersetzung: Gute Nachricht)

(3) Philipper 2,7-10 (Übersetzung: Gute Nachricht)

(4) Siehe Gleichnis (1)

(5) Anspielung auf die Predigt von Sandra Bils vom Deutschen Evangelischen Kirchentag 2019

Sonntag, 23. Juni 2019

Der Zweifel, das Vertrauen und ich: Rebels for life

Ein Beitrag zum Predigtslam beim Deutschen Evangelischen Kirchentag 2019 Dortmund (1)
Motto des Kirchentages: "Was für ein Vertrauen"


Der Zweifel und ich sitzen an einem Tisch.
Beide haben wir ein Glas Rotwein in der Hand.
Eine Tüte Chips ist auch da - oder Schokolade, aber die gute dunkle.
Der Zweifel ist mir willkommen. Sehr sogar.

Ich mag ihn.
Ich mag es, wenn er kritisch seine Nase rümpft
und eine Frage stellt, auf die ich keine Antwort habe.
„Ähm, hmm“ stammel ich dann und muss erstmal nachdenken.
Okay, das mag ich manchmal auch nicht,
weil ich mir dann auch ziemlich blöd vorkomme.
Aber ich mag es herausgefordert zu werden.
Meine Sinne zu schärfen. Die Dinge klarer zu sehen.
Mit dem Zweifel.

Plötzlich legt er die Bibel auf den Tisch.
Neben die Flecken der alten Rotweinränder.
Und schlägt auf: Genesis 22.
Ich lese sie wieder, diese unerhörte Geschichte.
Von Abraham, der bereit ist seinen Sohn zu opfern.
Und als Kind habe ich gelernt, dass er eben so fest glaubt und darum dazu bereit ist
und dass es gut ist, dass er für Gott sowas tun würde.
Der Zweifel tippt mit dem Finger auf die Bibel und mitten in meinen Glauben:
Glaubst du wirklich, dass sowas Gottes Wille ist?
Kinder, Menschen für etwas Höheres zu opfern?
Tun das nicht nur Feiglinge? Oder Tyrannen?
Ja, du hast Recht, sage ich.
Auch wenn er am Ende noch die Kurve gekriegt hat - der Abraham -,
Glaubensstärke sieht anders aus.
Abraham hätte auch mal etwas mehr zweifeln sollen.

Wir trinken unseren Wein.
Morgen früh werde ich dunkelrote Lippen haben. Und eine blaue Zunge.
Ich brauche den Zweifel.
Mit ihm lache ich über Dummheiten und wir schenken uns Wein nach.
Mit ihm bin ich ungehorsam und rebellisch.
Rebels for life. (2)
Und dann tun wir uns zusammen, lesen zwischen den Zeilen
und entwirren die Gehirnspaghetti in meinem Kopf.

Ja, ich habe Zweifel.
Manchmal an meinem Verstand, der sich vor unbequemen Wahrheiten drückt.
Wie bei Abraham.
Oder aber auch an meiner Verrücktheit, hier beim Predigtslam mitzumachen.
Aber noch viel mehr zweifle ich an unserer Lebensweise,
die unseren Planeten unbewohnbar macht.
Ich zweifle an dem Dogma, dass wir alles im Griff hätten.
Ich habe Zweifel an den Gesetzen,
die Flüchtlinge in ein Land wie Afghanistan zurückschicken lassen.
Ich zweifle an der Empathiefähigkeit derer,
für die Homosexualität immer noch eine Sünde oder eine Krankheit ist.
Ich zweifle hier und zweifle da und zweifle dort.

Wenn der Zweifel aber zu stark ist, dann tut er mir nicht gut.
Dann krieg ich Kopfweh von zu viel Rotwein.
Und aus Zweifel kann Verzweiflung werden.
Manchmal ist Verzweiflung angesagt,
aber ich will nicht, dass sie mich lähmt,
dass ich dann alles schwarz sehe und keine Zukunft mehr und überhaupt.
Noch schlimmer:
Ich zweifle womöglich sogar an mir selbst - und das ist ganz schlecht.

Darum bin ich froh, dass das Vertrauen im Nebenzimmer wartet.
Immer ist es da - irgendwie.
Ich hole es zu uns dazu und stelle ein Sektglas auf den Tisch.
Das Vertrauen trinkt lieber Sekt mit Goldglitter.
Oder auch mal einen Whiskey, weil der den Bauch wärmt.

Endlich, murmelt das Vertrauen,  und schenkt sich voll ein.
Ihr vergesst jedes Mal das Wichtigste.
Du darfst an allem zweifeln, aber - und es zeigt auf mich -
nie, niemals an dir selbst.
Du bist liebenswert, zwinkert mir das Vertrauen dann zu.
Und alles, was du so an Mist mit dir rumschleppst, auch.
Und dann lacht es laut auf.
Wenn das Vertrauen so gut drauf ist, glaube ich ihm sogar.
Und der Zweifel nippt an seinem Glas, wiegt seinen Kopf, und nickt bedächtig.
(Wieso lacht das Vertrauen eigentlich so laut?)

Gemeinsam ziehen wir so durchs Leben.
Das Vertrauen und der Zweifel und ich.
Wir sind Rebels for life,
und ketten uns vielleicht an Rathausgitter an,
bis man uns befreit (3). Echte Vertrauensübung.
Gemeinsam halten wir unseren Kopf hin und unser Herz,
Im Protest gegen alle Verzweiflung vertrauen und zweifeln wir durch dick und dünn.
Mit Rotwein, Goldsekt und Whiskey. Und mit guter Musik.
Oder dunkler Schokolade.

Dabei gibt es eines, an dem wir nicht eine Sekunde zweifeln:
Wir leben. Und dafür stehen wir auf.
Und dafür prosten wir uns zu: Auf uns - Rebellen für das Leben.

(1) zum gesamten Abend gibt es ein youtube-Video: https://www.youtube.com/watch?v=7ABxLowVNnM&fbclid=IwAR2FzWe7biSl8DL2_GmWf8eGUWxWIISLWZgkR5r-XguucZIGbM3l6s5ezO8 (mein Beitrag ab 45.Minute)


(2) Dies ist eine bewusste Anspielung auf die Bewegung "Extinction Rebellion". Die Aktivist*innen nennen sich "Rebels for life" und zeigen durch provokante gewaltfreie Aktionen, dass die Zukunft der Erde ernsthaft auf dem Spiel steht und wir alle endlich handeln müssen. (https://rebellion.earth/act-now/)

(3) Dies war eine Aktion der Extinction Rebellion Youth Germany zur Europawahl in Leipzig, die mich sehr beeindruckt hat. Weiteres siehe hier: https://www.lvz.de/Leipzig/Wahl/Europawahl/Fuer-das-Klima-Jugendliche-ketten-sich-ans-Leipziger-Rathaus?fbclid=IwAR0zFn1Oj_s-dazzn50g9HVPs56nMZjsFO_vOcOnODQ6WTryoLiTuo5El_s
Oder auch hier: https://www.facebook.com/permalink.php?story_fbid=340679673312568&id=336934427020426&__xts__[0]=68.ARD3grAhIIGBJL0GL9SOEBK4YYC5S08tWs3U3dAd0TmeLfMgA2gh_1ZYX9s5BOevTyk47f4vbjQTUkrjJ82x0M5REMJN3Ivb0gap3a8ak0Gv6r5QuNS8HmyaJpkEqoj0xFYkJ4WjiEKUN7nc4jjjHeZL_lOPLsRVqUXgsLuvu7FowAYrB7yX-I6V2_iWTRDalRhjvlW0LFCiDiRQl-rTzNLhx03gTDNbc9mB-35Qz2mLnc-wTPgZx6WsY7ZAWyhEyAAKcNxJyO_3Dd_JzcCd3GHZEJBMtIOEttU8VLL2gezU4VvQ-jntm_I9NIzvW-w4glssEF8dDpzdDZyhliu-UXo&__tn__=-R


Sonntag, 16. Juni 2019

Gott macht aus dem größten Mist noch was Schönes

Von Gnade, Liebe und Gemeinschaft und eine Liebeserklärung an eine Frau, die kaum wie eine andere das große Wort "Gnade" für mich verständlich macht.

Predigt zu 2. Brief an die Korinther 13,11-14

(mit großem Dank an Anne Gidion, die diese Predigt mit mir gemeinsam erkämpft hat und Dank an Katharina Loh, deren Worte ich mir für Teil III entliehen habe)

I.
Endlich wieder aufrecht gehen. (1)
Endlich wieder dazu gehören.
Auf Augenhöhe den anderen begegnen.
Sie hätte es nicht für möglich gehalten.
18 Jahre lang diese Verkrümmung. 18 Jahre gebückt und geduckt sein.
Von den anderen komisch angeschaut. Sich ausgeliefert fühlen.
Nicht mitmachen können. Nichts dagegen tun können.
18 Jahre lang. Und von Jahr zu Jahr wurde es schlimmer.

Dann betritt Jesus die Synagoge.
Du bist frei, sagt er zu ihr. Du bist frei.
Nichts mehr, was dich niederdrückt.
Nichts mehr, was dich fesselt.
Nichts mehr, was dich klein macht.

Und sie richtet sich auf.

Diese Dämonen können sie mal.
Sie sind vielleicht immer noch da:
die Dämonen, die sie niederdrückten
- bestehen sie aus Angst oder Traurigkeit, Vorurteile oder Missachtung?
Wer weiß das schon? -
Aber sie tun ihr nichts mehr. Nichts mehr, was sie beugt.
Die Dämonen haben nicht das letzte Wort.
Sondern: Gnade und Liebe.
Und Gemeinschaft. Endlich wieder richtig dabei.

II.
Worte von Paulus, die er am Schluss seines 2.Briefs an die Korinther schreibt:
(2.Korinther 13,11-13)
Zuletzt, Brüder und Schwestern,  freut euch,
lasst euch zurechtbringen, lasst euch mahnen,
habt einerlei Sinn, haltet Frieden!
So wird der Gott der Liebe und des Friedens mit euch sein.
Grüßt euch untereinander mit dem heiligen Kuss.
Es grüßen euch alle Heiligen.
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!


III.
Paulus schreibt einen verzweifelten Brief.
Schon früh gab es Probleme in Korinth.
Streit darüber, wer besser glaubt und besser predigt und wie man Abendmahl feiert.
Ja, und wieviel Rücksicht man nehmen muss.
Wer sind die Schwachen und wer sind die Starken?
Und wer bestimmt, wer dazu gehört?
Es wurde immer schlimmer. Lästereien und Kritik - auch am Leitungsstil von Paulus.
Und was einmal wichtig war, gerät in den Hintergrund.

Bei sowas hilft eigentlich nur ein klärendes Gespräch. 
Am besten persönlich.
Doch das geht gerade nicht. 
Also ein Brief.

Darin verteidigt Paulus sich:
„ Ich habe niemandem Unrecht getan, niemanden verletzt, niemanden übervorteilt.“
Und er droht: „Wenn ich das nächste mal komme, dann hört der Schongang auf.“
Und man hat das Gefühl: so wird das nichts.
Verteidigung, Angriff, Emotionen, Tränen auch, wild gestikulieren, mit der Hand abwinken.
Das hat keinen Zweck. Komm hör auf.
An Grenzen gehen, es auf die Spitze treiben und dann erschöpft verstummen.

Paulus argumentiert gern eindringlich.
Wie man das gern mal tut, wenn man sich in die Enge getrieben fühlt.
Er bleibt nicht immer ganz sachlich, das kann er gar nicht.
Aber er schreibt. Und bleibt in Beziehung.
Heiliger Kuss – so schmeckt Versöhnung.
Und er ringt darum, wie er von Gott erzählen soll.
Gnade. Liebe. Gemeinschaft.

IV.
Paulus, du selbst weißt, wie sehr du die Gnade brauchst und die Liebe und die Gemeinschaft.
Du weißt um deine Ecken und Kanten.
Was dir schwer fällt. Was du nicht kannst, auch wenn du es noch so sehr willst.
Du ist nicht der Super-Apostel, nicht der strahlende Redner.
Und dass du gesundheitlich angeschlagen ist, verschweigst du auch nicht.
(Gott sei Dank!)
Fragen quälen.
Bist du überhaupt dieser Aufgabe gewachsen?
Müsstest du nicht viel öfter vor Ort sein?
Manchmal denkst du, du solltest deine Zunge besser im Zaum halten.
Und vielleicht hast du doch zu viele vor den Kopf geschlagen.

Und dann erinnerst du dich: Gott ist in den Schwachen mächtig.
"Gott macht noch aus meinem größten Mist etwas Schönes." (2)
Die Letzen werden die Ersten sein.
Aus dem Senfkorn wird ein großer Strauch,
die gekrümmte Frau kann aufrecht gehen und der Gekreuzigte steht auf.
Jesus teilt sein Brot mit Verrätern, Feiglingen und Karrieresüchtigen.
Sie alle liebt er. Und in dieser Liebe werden sie neu. Sehen sich selber neu.

Ja, Paulus, du musst nicht mehr um deinen Ruf kämpfen, denn bei Gott ist er gut.
Du brauchst das nicht mehr und entdeckst vielleicht auch die Verletzungen der anderen.
Auch sie brauchen den gnädigen und liebevollen Blick. Nicht nur du.
Und das spürst du genau.
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit dir!

V.
Vorgestern und gestern habe ich eine Frau kennengelernt: Nadia Bolz-Weber. (3)
Eine lutherische Pastorin aus Denver, Colorado. 

Ihre Tatoos irritieren vielleicht, aber sie sind wunderschön. 

Nadia kommt aus einer christlichen Kirche, die keine Frauen ordiniert.
Erst mit 27 hat sie erlebt, dass eine Frau im Gottesdienst überhaupt das Wort ergreift.

In ihrer Kirche durfte man nur innerhalb der Ehe Sexualität leben.

Und so war sie als Jugendliche, als junge Erwachsene zornig. Sehr zornig.
Hat getrunken, Drogen genommen und sich viel gestritten.
Sie glaubte: So bin ich stark. Ich verletze und zeige nicht, wie verletzt ich bin.

Seitdem ist viel passiert. Sie hat Gnade erlebt. Den Kuss der Gnade gespürt.
Ihr Körper gehört zu ihr, Liebe und Sexualität auch.

Sie hat gelernt, sich aufzurichten. Aufrecht zu gehen.
Sie ist groß und trägt hohe Schuhe.
Sie predigt mit kurzärmeligem Hemd und jeder kann ihre bunttätowierte Haut sehen.
Das fühlt sich nicht wie Show an. Sondern so ist sie. Sie versteckt nichts.
Sie zeigt sich, ihre Tränen, ihre Wut.
Nicht damit jeder sie dann wichtig findet,
sondern so kann jede und jeder seine eigenen Tränen, ihre eigene Traurigkeit empfinden.
Und ist darin aufgehoben: Ein Raum der Gnade.

Wenn Nadia über Gott und Glauben redet, klingt das wie ein Überlebensmittel.
Und wie etwas, was unglaublich viel größer ist als sie, was sie aber nicht kleinmacht.
„House of all Sinners and Saints“ –
"Herberge für alle Sünder und Heiligen" heißt die Gemeinde, die sie gegründet hat.
Wer da kommt, war oft lange verkrümmt und lernt gerade, sich aufzurichten.
Wer da kommt, lernt es neu, an Wunder zu glauben. Und sich selbst zu lieben.

VI.
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes ist mit Nadia und ist mit uns allen.

Gnade ist Heilwerden und die Sehnsucht danach.
Nicht Hinwegtrösten über Tod und Krankheit. 

Gnade ist die Möglichkeit, dass es auch gut gehen könnte. 

Gnade ist, dass Gott da ist.

Diese Gnade ist mit dir,
die du dich selber nicht leiden kannst.
Gott macht aus deinem größten Mist noch was Schönes:
Aus deiner Inkonsequenz und deiner Wut,
aus deiner Angst vor der Zukunft und aus deiner Angst vor Fremden vielleicht auch.

Gnade sei mit dir,
wenn du mal wieder frustriert bist, dass du nicht so viel geregelt kriegst wie die Nachbarin,
wenn du mit deinen Kindern nicht klar kommst,
wenn du genervt bist von deinen Eltern oder sie sogar hasst.

Gnade sei mit dir,
wenn du nicht die passenden Klamotten hast,
wenn du dir den Kaffee beim Starbucks nicht leisten kannst
oder wenn sich andere an deiner Hautfarbe stören.

Gnade sei mit dir in dieser ungnädigen Welt.
Jesus richtet dich auf. Denn du bist geliebt. Ja genau du!

Jesus nimmt dich mit in den Raum aus Gnade und Liebe.
Und dieser Raum ist so groß, da sind auch die, mit denen du nicht rechnest.
Vermutlich rechnen sie auch nicht mit dir.
Aber Gott macht aus eurem ganzen große Mist was wirklich Schönes.
Und ihr werdet heil mit ihm.

Amen

(1) Dieser Teil bezieht sich auf die Lesung aus Lukas 13,11-17 (Heilung der gekrümmten Frau)
(2) Nadia Bolz-Weber, "Ich finde Gott in den Dingen, die mich wütend machen" - Pastorin der Ausgestoßenen, S. 76
(3) Carte Blanche für Nadia Bolz-Weber - Homiletik im internationalen Diskurs - veranstaltet vom Zentrum für evangelische Gottesdienst- und Predigtkultur 14./15.6.2019 in Berlin

Sonntag, 9. Juni 2019

Wörtertanz mit dem Heiligen Geist

Predigt zu Pfingsten

Grundlage ist die Pfingstgeschichte - nachzulesen in Apostelgeschichte 2 - und ein Gedicht von Wilhelm Willms "der heilige geist ist ein bunter vogel".
Im Gottesdienst wurde die Bach-Kantate "O ewiges Feuer, o Ursprung der Liebe" aufgeführt - ein paar Anspielungen darauf gibt es in der Predigt.
Ich möchte wieder 2 Prediger*innen danken, deren Worte ich für 2 Abschnitte weitergestrickt habe:
Michael Greßler (Teil III) und Susanne Dannenmann (Teil IV).


I. (bunter Vogel)

der heilige geist
er ist nicht schwarz
er ist nicht blau
er ist nicht rot
er ist nicht gelb
er ist nicht weiss
der heilige geist ist ein bunter vogel
er ist da
wo einer den andern trägt
der heilige geist ist da
wo die welt bunt ist
wo das denken bunt ist
wo das denken und reden und leben gut ist
der heilige geist lässt sich nicht einsperren…

(Wilhelm Willms)

II. (raus gehen)

Der Heilige Geist lässt sich nicht einsperren. Niemals.
Selbst wenn wir es versuchen.

Der Heilige Geist geht raus. Raus auf die Straßen,
Raus auf den Leopoldsplatz, dort teilt er sich eine Zigarette mit den Jugendlichen.
Er fährt Achterbahn auf dem Messplatz
und kauft auf dem Markt Pfingstrosen und Kirschen.
Beides rot wie die Liebe.

Der Heilige Geist geht raus ans Meer und lässt sich weit treiben.
In den Wald saust er
und macht auf dem Baumwipfelpfad Purzelbäume oder springt von Ast zu Ast .
Von Kopf zu Kopf wie Feuerzungen.
Von Herz zu Herz. Von Mensch zu Mensch.

Der Heilige Geist hält sich nicht an Mauern und Türen,
er reißt unsere Fenster weit auf und wirbelt alles auf.
Er ist nicht zu bändigen in Buchstaben und nicht in Flaschen zu ziehen.

III. (Landebahn)

Der Heilige Geist lässt sich nicht einsperren.
Und er ist unberechenbar - auch für die Freunde und Freundinnen von Jesus.
Jesus hatte ihnen versprochen: Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen.
Aber wann würde das passieren und wie und wirklich jeder?
Alles das wissen sie nicht. Wie auch?

Aber eins können sie tun:
dem Heiligen Geist eine Landebahn bereiten.
Und das tun sie.
Sie kommen zusammen. Keiner bleibt für sich.
Keiner zieht sich raus oder zurück ins alte Leben. Sie treffen sich Tag für Tag.
Und sie reden vom Reich Gottes. Und von Jesus.
Und sie bleiben offen für das, was passieren würde.

Und dann – auf einmal ist alles da.
Und das kam, weil sie zusammen waren.  Zusammen blieben.
Wären sie auseinandergelaufen, ein jeder in das Seine – es wäre wohl nichts passiert.

Hätten sie alle nur an sich gedacht –
an sich selbst und ihren Vorteil und an ihr Land und an ihr Volk  –
es wäre nur Trennung geblieben
und Angst und Haß und ein egoistisches Wesen.
Der Geist hätte keine Chance gehabt.
Hat er aber. Er konnte landen.

Und er nimmt sich Raum. In ihren Herzen und Köpfen.
Alles ist so voll Geistesgegenwart und Liebe, dass das Obergemach zu klein wird.
Und sie müssen raus. Raus auf die Straßen von Jerusalem.

IV. (Tanz der Wörter)

Der Heilige Geist landet hier in Pforzheim.
Und er ruft: Kommt raus. Heraus aus euren Zimmern.
Klappt die Laptops zu. Schmiert euer Brötchen nicht zu Ende.
Werft euch irgendwas über, eine Jacke oder auch nur einen Morgenmantel.
Kommt raus auf die Straße.
Dort ist Musik. Die wunderbaren Töne von hier kommen noch dazu.
Dort hängen Plakate am Stadttheater, die von einer Solidarity City träumen.
Dort tanzen Bilder in der Bahnhofsunterführung und machen sie zu einem magischen Ort.
Dort tanzen Wörter wie Feuerzungen im 3/4 Takt, vom Wind bewegt.
Entdeckt sie. Hört auf sie.

Geistwörter.
Fremd und vertraut zugleich.

Sie schlüpfen in eure Ohren. Sie füllen euren Mund.

Sie dehnen den Raum in euren Herzen.
Und stecken an, eine nach dem anderen, mit Freude, mit unbändiger Lebenslust.

Alle reden. Begeistert. In allen Sprachen.
Schwäbisch und badisch. Sächsisch und norddeutsch. Tamil und russisch.
Eine alte Frau findet strahlend zu ihrem Ostpreußisch zurück.
Die Familie mit türkischen Wurzeln darf endlich in der Sprache ihrer Mütter ihren Traum von Glück bejubeln, ohne dass man sie schräg anschaut

Die Jungen, die Alten, Männer und Frauen: alle verstehen sich lächelnd.
Vom Leben reden sie, von nichts anderem als vom Leben.
Von Gottes großer Tat: Er hat die Zellteilung der Liebe in Gang gesetzt.


An die Häuser gedrängt lehnen Skepsis und Angst.
Kraftlos hält sich der Hass an der Mauer fest.
(Ausgerechnet dort, wo vor 4 Wochen das Grundgesetz aufgesprüht wurde)
Und die, die sich von diesen Ungeistern treiben lassen,
verschränken fest die Arme über ihrer Brust und halten sich vom Brausen fern.
Am liebsten würden sie einen Stacheldraht ziehen, der die fremden Sprachen aussperrt.
Der Heilige Geist spricht doch wohl deutsch, oder etwa nicht?
Und diese schulstreikenden Jugendlichen. Das geht doch nicht.
Und die tanzenden Kinder vor dem AfD-Parteitag - in allen Hautfarben.
Weg mit ihnen, rufen die Ungeister.
Und haltet die Rettungsschiffe im Mittelmeer auf!

Doch den Tanz der Wörter können sie nicht aufhalten.
Und den der Feuerzungen auch nicht.
Der Heilige Geist ist schon längst gelandet.
Lassen wir ihn frei.

V. (Alt und jung)

der heilige geist ist ein bunter vogel
er lässt sich nicht einsperren


Er hält sich noch nicht mal an das Alter.
Er lässt die Alten Träume träumen, die sie aufrichten.
Ja, auch sie lassen sich nicht bremsen, weder von körperlichen Gebrechen
noch von Ungeistern, die ihnen einflüstern, sie sollten doch schön zufrieden sein
und alles beim Alten lassen.
Die Zukunft ihrer Enkel ist ihnen so wichtig, dass sie sich zusammen tun.
Und ich sehe die Omas gegen Rechts, die parents for future
und unseren EKD-Ratsvorsitzenden, der die seawatch in Sizilien besucht.
Und ich erlebe weise und zornige Alte hier in Pforzheim:
die stellen sich schützend vor unsere jüdischen Geschwister
und nur die Polizei kann sie davon abhalten, ein volksverhetzendes Plakat abzuschneiden.

Die Heilige Geist krempelt das Unterste nach Oben.
Die Jungen haben Visionen und machen ihren Mund auf.
Eine Greta Thunberg, die Fridays-for-future-Kids, ein Youtuber:
Alle sie wirbeln ein ganzes Parteiensystem durcheinander
und rücken die Themen nach vorne, auf die es ankommt.
Geistesgegenwart pur.
Die Jungen und die Mägde und Knechte haben was zu sagen, sagt Petrus.
Der Geist Gottes hält sich nicht an unsere Maßstäbe, ab wann man was zu melden hätte.
Er schickt die auf die Straße, von denen wir allzu leicht meinen, dass sie dort nicht hingehören.
Und so treten die Jungen in die Fußstapfen der alttestamentlichen Propheten
wie ein Jesaja und ein Amos: die haben sich auch nicht stoppen lassen.
Und die haben laut gesagt,
dass der Geist Gottes auf der Seite der Benachteiligten und der Schwachen ist.
Und dass wir nur miteinander die Welt gestalten können.

VI. (Herzen entzünden)

der heilige geist ist ein bunter vogel
er ist da - wo einer den andern trägt
der heilige geist ist da
wo die welt bunt ist
wo das denken bunt ist
wo das denken und reden und leben gut ist


Entzünde unsere Herzen, Heiliger Geist.
Sei "ewiges Feuer" in uns. Lass uns rot leuchten.
Ich will brennen für deine Liebe zu allen Menschen, zum Leben in einer bunten Welt.
Ich will deinen Funken raus tragen und hierher in die Kirche holen.
Ich will eine Welt, in der es summt und lebt.
Alle teilen miteinander, was ihrs ist,
und sie verstehen sich, kommen zusammen im Tanz der Wörter.

Wörter wie Feuerzungen, vom Wind bewegt im 3/4 Takt.
Und Gott mitten drin.

Komm, Heiliger Geist,
weite unsere Lebensräume, weite unsere Herzen.
Bring die Alten zum Träumen. Verlock die Jungen zu Visionen. Vertreib die Ungeister.
Und irgendwann, ja irgendwann,
da lassen sogar sie sich anstecken - von dir und deiner Kraft.

Komm, Heiliger Geist.
Amen.

Montag, 13. Mai 2019

Nächstenliebe und Würde

Rede auf der Abschlusskundgebung "Pforzheim nazifrei" am 11.5.2019

Anlass war der Aufmarsch der rechtsextremen Partei "Die Rechte", die besonders durch antisemitische Aussagen auffallen, z.B. durch ihre Plakate "Israel ist unser Unglück". Für ihren Aufmarsch wurden mehrere Straßenzüge östlich der Innenstadt ab 6 Uhr morgen abgeriegelt. Betroffen war u.a. auch eine Trauung in der Schloßkirche , die wir deshalb in eine andere Kirche verlegen mussten.
Unsere ursprünglich angesetzen Friedensgebete konnten wir nicht öffentlich stattfinden lassen. Diese verlegten wir in die Barfüßerkirche. Allerdings übernahm dann der Rat der Religionen einen Friedensmahnwache VOR der Schloßkirche - direkt an der Route der Rechten.
Mit unserem Transparent "Nächtenliebe leben. Vielfalt schützen" schickten wir den Rechten (letztlich kamen nur knapp 70) eine gute Botschaft....
Währenddessen demonstrierten über 1000 Menschen für eine vielfältige und fremdenfreundliche Stadt Pforzheim, veranstaltet vom parteiübergreifenden Bündnis "Pforzheim nazifrei".


                                                                   (danke an Udo Schlittenhardt für dieses wunderbare Foto!)


Hallo Pforzheim!
Ich freue mich, dass ihr hier seid.
Ich freue mich, dass ihr ein Zeichen setzt für eine friedliche und vielfältige Gesellschaft.

„Nächstenliebe leben“ - mit dieser Aufforderung auf einem Banner standen Menschen unterschiedlichen Glaubens eben vor der Schloßkirche, als die Nazis vorbei liefen.
Wir standen da und wir stehen hier für eine gute Botschaft:
Liebe deine Nächste, liebe deinen Nächsten.
Und das ist nicht nur eine religiöse Botschaft, sie ist universal gültig.

Der Nächste, die Nächste:
Das sind die Menschen, mit denen ich zu tun habe.
Dabei spielt es keine Rolle, ob wir denselben Glauben, dieselbe Hautfarbe oder dieselbe sexuelle Orientierung haben. Es spielt auch keine Rolle, ob der Nächste oder die Nächste hier geboren ist oder hierher gezogen ist. Und ja, selbst die Menschen in Afrika oder Asien sind meine Nächsten. Denn wir leben nun mal auf einer Welt und sind mittlerweile so miteinander verflochten, dass wir immer miteinander zu tun haben. Meine Lebensweise hier hat Auswirkungen auf das Leben dort. Da kann es mir nicht egal sein, wie es ihnen dort geht.

Nächstenliebe ist das Gegenteil von Hass.
Hass schadet der Seele. Auch der Seele einer Stadt.
Darum müssen wir alles dafür tun, dass der Hass sich nicht ausbreitet.
Plakate wie „Israel ist unser Unglück“ säen Hass und sie gehören von unseren Behörden entfernt.
Aber auch rechtspopulistische Parteien wie die AfD säen Hass. Sie grenzen Menschen aus, sie bezeichnen Migranten und Flüchtlinge als Ungeziefer, sie verbreiten die Mär von einem Bevölkerungsaustausch und predigen einen unchristlichen Nationalismus.
Das alles ist das Gegenteil von Demokratie, das Gegenteil von Freiheit, das Gegenteil von Nächstenliebe.

Die Nächstenliebe geht immer davon aus, dass der andere, die andere eine unverwechselbare Würde hat. Und die darf ich nicht verletzen oder beschädigen. Die achte ich und die schütze ich!

Nächstenliebe fängt im Alltag an: in der Nachbarschaft, in der Familie. Aber sie hört dort nicht auf. Jesus hat das am Beispiel des Barmherzigen Samariters erzählt (Lukas 10):
Wo es um die Würde von Menschen geht, mischt sich die Nächstenliebe ein.

Wenn wir geflüchtete Menschen in ein Gefängnis stecken, obwohl sie nichts verbrochen haben, dann verstoßen wir gegen ihre Würde. Dagegen sollten wir als Stadtgesellschaft aufstehen!
Wenn uns egal ist, dass fliehende Menschen im Mittelmeer ertrinken, weil Europa sie nicht retten will, dann verstoßen wir gegen ihre Würde.
Wenn wir die Armut von Kindern in unserer Stadt nicht wirklich bekämpfen, verstoßen wir gegen ihre Würde.
Wo Menschen beschimpft oder lächerlich gemacht werden, weil sie anders glauben, anders aussehen und anders lieben als die Mehrheit - da müssen wir einschreiten, widersprechen als Einzelne und als Stadtgesellschaft.

Ja, Nächstenliebe braucht Klarheit!

Darum lasst uns Nächstenliebe leben und für eine Politik der Nächstenliebe eintreten - hier in der Stadt und in Europa.
Lasst uns die Nächstenliebe leben, egal ob wir Christen, Juden, Muslime, Hindus, Buddhisten oder Atheisten sind.
Lasst uns die Würde von Menschen bewahren und die Vielfalt schützen.
Nicht nur heute.

Sonntag, 28. April 2019

Guter Hoffnung sein

Predigt zu 1.Petrus 1,3-9

Mit riesengroßem Dank an Bärbel Greiler-Unrath und Friederike Goedicke, deren Worte ich weiterstricken durfte. So ist ein neuer Mix entstanden. Echte Predigtwerkstatt.


I. (Guter Hoffnung sein)

Wenn ein Kind unterwegs ist, dann sagte man früher:
„Ich bin guter Hoffnung“.
Weil man wusste: Da kommt was Gutes. Was Neues.
Nach den Wehen schreit ein neues Leben.
Schwelle zwischen Leben und Tod und Leben.
Auch heute noch ist dieser Übergang ins Leben voller Schmerzen - 

mit einem gewissen Risiko verbunden, auch wenn die moderne Medizin Sicherheit verspricht.
Wer geboren wird, muss durch einen dunklen Geburtskanal hindurch.
Erfährt Druck und Enge.

Ist das geschafft:
der erste Atemzug.
Der Beginn eines Lebens unter ganz anderen Voraussetzungen.
Abgeschnitten von der sicheren Versorgung.
Nun ist selber atmen angesagt.
Und noch blind sucht das Neugeborene nach Nahrung,
weiß noch nicht, wo die zu finden ist.
Ausgeliefert und noch hilflos ertastet sich das Kind den Weg ins Leben.  
Neues, eben geborenes Leben.

II. (Behütetsein)

Und wenn Kinder dann größer und selbständiger werde, lernen sie Laufen.
Sie lernen, aufzustehen und sich der Schwerkraft zu widersetzen. 
Beulen und Schrammen bleiben dabei nicht aus.
Und manchmal tut es richtig weh.
Wenn Kinder laufen lernen, dann ist da die Hand, die festhält und loslässt und wieder auffängt.
Kein Kind überlegt sich das beim Üben: Ist Mama, ist Papa da oder nicht?
Kann ich jetzt loslaufen? Ist die Treppe zu steil für mich oder geht das gut?
Kinder machen das einfach und vertrauen darauf, dass die Hand da ist, wenn sie eine brauchen.
Zum Auffangen und festhalten und getröstet werden.

III. (Nicht sehen können)

Blind nach dem Neuen tasten.
Nicht sehen können, ob es wirklich der richtige Weg ist.
Und trotzdem gehen. Trotzdem tasten. Trotzdem vertrauen. Trotzdem hoffen.

Thomas, einer der Freunde von Jesus, kann das noch nicht (1).
Nicht wirklich.
Was geschehen war, steckt noch in den Knochen.
Wer kann das schon begreifen?
Eine Achterbahnfahrt war das.
Hinauf nach Jerusalem, die Verheißung erfüllen.
Einmal noch miteinander essen.
Versprechen - gebrochen. Verraten. Verhaftet. Vorgeführt.
Der Weg zum Kreuz. Tief hinunter.
Am Ende, allein. Allein unter Menschen, allein am Kreuz.
Warum hast du mich verlassen? Warum nur, warum?
Da bleiben, aushalten.

Und dann: Anlauf nehmen, beim ersten Licht.
Eine kleine Weile ist erst vergangen.
3 Tage.
3 Tage und eine kleine Ewigkeit.
Zeit zum wundern, hinsehen, fragen.

IV. (Nicht begreifen)

Jesus lebt. Sagen sie.
Die eine erzählt von Gärtner - vom beim Namen gerufen werden.
Seiner allerbesten Freundin, hat er sich gezeigt.

Noli me tangere - Rühr mich nicht an.
Maria Magdalena darf ihn nicht anfassen.
Du kannst mich nicht halten in dieser Welt, scheint er zu sagen.
Lass mich gehen, bitte. Meine Liebe bleibt doch.

Thomas hingegen, nur kurze Zeit später, darf ihn berühren.
Jesus hält ihm seine Hände hin.
Da – wenn du es brauchst, um zu glauben, dass ich es bin.
Nimm meine Hände.

Glaube - mit und ohne anfassen.
Beides mutig –
beim einen die Frage, die Offenheit des Zweifels.
Bei den anderen das Vorschussvertrauen.
Mutig glauben - mit und ohne Anfassen.
Und losgehen - Ja, er lebt! Und du auch.

V. (Selig Glauben)

Selig, sind, die nicht sehen und doch glauben! (2)
Klare Worte zum Abschied - für die voller Zweifel.
Und für die, die sehen, hören, spüren und riechen wollen, dass der Tod wirklich entmachtet ist.
Für die eine, die Angst vor der Nacht hat und vor den Albträumen, die dann kommen.
Für den einen, dessen Hoffnung auf ein gutes Leben wie Sand zwischen den Fingern zerrinnt
und am Ende bleibt nichts als Angst und Not und Tränen.
Für die vielen, die in Sri Lanka und jetzt auch in Powack ihre Liebsten verloren haben,
weil der Hass in einigen Menschen zu  groß war.
Für den einen, der in der Abschiebehaft sitzt, obwohl er nichts getan hat.
Und obwohl er endlich einen Job hatte, wird er nun abgeschoben.

Selig sind,  die nicht sehen und doch glauben!
Ein Vermächtnis.
Ein Vermächtnis für Maria und Johannes, Salome, Petrus und Jakobus,
Bartolomäus 
und alle anderen.
Ein Vermächtnis für diejenigen, die Jesus nie gesehen haben.  

Für die Zweifler wie Thomas. Für mich. Für dich.
Für die, die dennoch leben wollen und hoffen bis zum Schluss.

VI. (Petrusbrief)

An sie, an uns alle ist ein Brief überliefert,
der im Laufe der Geschichte dem Apostel Petrus zugeschrieben wurde.

Er schreibt:

Gelobt sei Gott, Ursprung von Jesus Christus, zu dem wir gehören.
Gott hat großes Mitleid gehabt und uns wiedergeboren,
so dass Hoffnung in uns lebendig geworden ist,
weil Jesus Christus von den Toten aufgestanden ist.

Wir hoffen, dass wir etwas erben werden, das nie vergeht,
das ohne Fehler ist und nicht verwelkt.
Es wird in den Himmeln für uns aufbewahrt,
für uns, die wir behütet werden von Gottes Kraft,
weil wir an die Rettung glauben,
die darauf wartet, am Ende der Zeit für alle offen gelegt zu werden.
Deshalb könnt ihr euch freuen,
obwohl ihr jetzt, wenn es denn sein muss, verschiedenartige Prüfungen durchsteht.
(…)
Auch wenn ihr ihn nicht gesehen habt, liebt ihr ihn.
Obwohl ihr den, dem ihr vertraut, jetzt nicht seht, jubelt ihr mit einer Freude,
die nicht mit Worten ausgedrückt werden kann, die im Glanz strahlt,
denn ihr erreicht das Ziel eures Glaubens: euer Leben wird gerettet.
(3)

VII. (Neugeburt)

Guter Hoffnung sein, weil etwas Neues beginnt.
Der Weg dorthin ist ein dunkler Geburtskanal. Da musst du durch.
Und es geht nicht ohne Schmerz und Angst. Es geht nicht ohne das Ausgesetzt sein.
Ohne nicht-sehen und nicht-verstehen.
Nicht ohne das Gefühl, alleine gelassen, verlassen zu sein.

Und doch atmest du,
du atmest, obwohl du nicht weißt, wie das geht.
Du bist da,
du bist da, obwohl du nicht weißt, wie du hierher gekommen bist.
Und bist abgenabelt und suchst tastend nach dem, was dich hält.
Nach dem, der dich hält.  Und er ist da.

Wir werden behütet von der Gottes Kraft,
weil wir an die Rettung glauben.


Da ist eine Hand, die du ergreifst, ohne hinzusehen.
Durchatmen und dann wieder neu laufen lernen.
Schritt für Schritt Dinge tun, für die bisher die Kraft gefehlt hat.
Hinfallen, aufstehen. Weitergehen. Anders als vorher.
Die Schwerkraft ist da.  Der Schmerz auch.  Und der Auferstandene.

Neu gehen. Das Tor durchschreiten. Den Geburtskanal.
Die Angst. Die Hoffnungslosigkeit hinter dir lassen.
Und endlich sehen, was jetzt noch nicht zu sehen ist.
Glauben mit Anfassen.

VIII. (Gerettetsein)

Wie oft kann ein Mensch zu hoffen, obwohl alles dagegen spricht?
Wir oft erträgt es einer, geboren zu werden,
durch die Hölle zu gehen, Schmerz zu ertragen an Leib und Seele?
Wie lange kann man glauben ohne Anfassen, ohne Sehen, ohne Begreifen? 
Und das Leben leben - neu und zerbrechlich und endlich?
Leben als Achterbahn.

Am Ende bleibt die Frage,
warum das überhaupt alles einen Sinn macht
mit dem Vertrauen auf diesen unsichtbaren Gott. 

Ihr erreicht das Ziel eures Glaubens:
euer Leben wird gerettet.


Es gibt ein Ziel.
Bis dahin ist dein Leben wie Geborenwerden
und Laufen lernen und durch die Hölle gehen.
Und immer wieder von vorn anfangen.
Voller Vertrauen und Hoffnung, dass am Ende alles gut sein wird.

Jesus nimmt dich mit. Greift deine Hand und zieht dich mit.
An den tanzenden Bettlern und Lahmen vorbei,
dorthin wo Bäume blühen und Blumen.

Wo Gott dir erklärt, wie alles wirklich ist. 
Wo du dann selig bist, weil du siehst.
Und wo du glaubst. und jubelst
mit einer Freude, die nicht mit Worten ausgedrückt werden kann
.

Amen.


Danach Lied: Wir haben Gottes Spuren festgestellt

(1) Siehe Johannes 20, 19 - 29
(2) Johannes 20,29
(3) 1. Petrus 1,3-9 Übersetzung: Bibel in gerechter Sprache

Dienstag, 23. April 2019

Weniger glaube ich nicht

Predigt zum Ostermontag
Maßloser Himmel, zärtliche Berührung und eine schmerzhafte Lücke.
Mit Worten von Marie Luise Kaschnitz und Jesaja 25

I.
Glauben Sie fragte man mich

An ein Leben nach dem Tode

Und ich antwortete: ja.

(Marie Luise Kaschnitz)

Auch ich glaube an ein Leben nach dem Tod.
Glaube, dass Jesus auferstanden ist - und dass ich auferstehen werde.

Und dann stehe ich gestern morgen auf dem Wallberg in der Morgensonne,
höre von weggerollten Felsen, die das Grab verschlossen haben,
und nun geben sie den Weg frei.
Ich singe die Osterchoräle.
Das Jubeln fällt mir leicht auch bei nicht ganz so sauberen Posaunentönen.
Das Herz ist warm. Die Augen klar gewaschen.
Wir sprechen von Osteraugen. Genießen den neuen Morgen.
Frohe Ostern.
Ja, ich glaube, dass Jesus auferstanden ist. Und der Tod ist besiegt.

II.
Aber dann die Nachrichten aus Sri Lanka.
Es wurden immer mehr Tote. Bomben in Kirchen und Hotels.
Auch die Menschen dort stimmten ein in den Osterjubel, als die Bomben detonierten.
Aus dem Jubel wurde Schreien. Und aus meinem Jubel ein Weinen.

Wie ein Schleier legen sich diese Nachrichten über das Osterlachen.
Und trotzdem denke ich, fühle ich: Nein, jetzt erst recht!
Wenn Ostern nicht auch jetzt wahr ist, dann ist es nie wahr.
Ostern ist doch mehr als Frühlingssonne und Blumenrausch.
Ostern ist auch mehr als ein „Jetzt ist alles gut und das Leben geht weiter“.
Aber was? Wie?

III.
Die Worte von Kaschnitz tragen mich weiter:

Glauben Sie fragte man mich

An ein Leben nach dem Tode

Und ich antwortete: ja

Aber dann wusste ich

Keine Auskunft zu geben

Wie das aussehen sollte

Wie ich selber 

Aussehen sollte

Dort

Ich wusste nur eines

Keine Hierarchie

Von Heiligen 
auf goldenen Stühlen sitzend

Kein Niedersturz

Verdammter Seelen

Nur

Nur Liebe frei gewordene

Niemals aufgezehrte

Mich überflutend

Kein Schutzmantel starr aus Gold

Mit Edelsteinen besetzt

Ein spinnwebenleichtes Gewand

Ein Hauch

Mir um die Schultern

Liebkosung schöne Bewegung

Wie einst von tyrrhenischen

Wellen

Wie von Worten die hin und her

Wortfetzen

Komm du komm

Schmerzweb mit Tränen besetzt

Berg- und Talfahrt

Und deine Hand

Wieder in meiner

So lagen wir

Lasest du vor

Schlief ich ein

Wachte auf

Schlief ein

Wache auf

Deine Stimme empfängt mich

Entläßt mich und immer

So fort

Mehr also, fragen die Frager

Erwarten Sie nicht nach dem

Tode?

Und ich antworte

weniger nicht.


IV.
Und ich will eigene Worte dazu legen.
Stammelnd. Suchend.

Auch mir fällt es erstmal leichter zu sagen, was das Leben nach dem Tod nicht ist.
Bomben haben da keinen Platz.
Und die Frage: Hast du meine Liebe verdient? Die wird dort nicht gestellt.
Da gibt es keine Atemnot und keine Chemotherapie.
Meine Hände zittern dort nicht mehr - oder doch?
Ich höre dort bestimmt kein „das kannst du ja sowieso nicht“.

V.
Aber ich will mehr als das.

Ich will alles verstehen, was ich jetzt nicht verstehe.
Ich will meine Mutter und meinen Onkel wieder in die Arme schließen
und ihnen sagen, was ich versäumt habe, zu sagen:
Wie dankbar ich ihnen bin und dass ich ohne sie nicht die wäre, die ich bin.

Ich will Erdbeeren und Spargel in allen Variationen
und alle Gedichte auswendig können.
Neue Wortschöpfungen will ich erobern
und die schönste Musik des Himmels hören -
eine geniale Mischung aus Mozart und Jamie Cullum und Adele vielleicht.
Ich will Fingerspitzen auf meiner Haut spüren, die mir sagen, wie einzigartig ich bin.
Und ich will mit meinen Freunden voller Leidenschaft diskutieren - bis tief in die Nacht.
Wir werden nicht müde und wissen, dass wir alle Recht haben.
Mein kranker Freund ist gesund wie früher.

Ich will mit Kindern und Alten in allen Sprachen und Farben lachen und spielen.
Ich will tanzen und meine Füße tun mir nicht weh.
Ich will mich drehen und mir wird nicht schwindelig.
Ich will Felsen erklettern und fliegen und mich dabei ganz leicht fühlen.
Und der Tod ist ein alter Freund, mit dem ich ab und zu im Gras liege
und wir schauen uns die Wolken an und entdecken ihre Formen und Farben.
Wir wissen, dass sie Teil der Ewigkeit sind  und darum lassen wir sie ziehen.

VI.
Glauben Sie fragte man mich

An ein Leben nach dem Tode

Und ich antwortete: ja



Und ich lese dazu Worte von Jesaja:
Und der Herr Zebaoth wird auf diesem Berge allen Völkern ein fettes Mahl machen,
ein Mahl von reinem Wein, von Fett, von Mark, von Wein, darin keine Hefe ist.
Und er wird auf diesem Berge die Hülle wegnehmen, mit der alle Völker verhüllt sind,
und die Decke, mit der alle Heiden zugedeckt sind.
Er wird den Tod verschlingen auf ewig.
Und Gott der Herr wird die Tränen von allen Angesichtern abwischen
und wird aufheben die Schmach seines Volks in allen Landen;
denn der Herr hat's gesagt.
(Jesaja 25,6-8)


VII.
Ich glaube, Jesaja und ich werden gute Freunde.
Eine große Sause bis in die Puppen. Richtig richtig gutes Essen.
Menschen aus nah und fern.
Und nichts mehr, was uns trennt. Kein Schleier, keine Decke.
Alles klar und offen.
Liebevolle Berührung. Zärtliches Tränenabwischen.
Gott reicht mir das Taschentuch und nimmt mich in den Arm
und die Gedemütigten werden aufgerichtet.
Leben nach dem Tod.
Maßloser Himmel.

VIII.
Und jetzt?
Da ist die Lücke zwischen jetzt und dann.
Die ist groß. Viel zu groß.
Und sie tut verdammt weh.
Sie wird immer sein. Da wird hier immer was fehlen.

Darum klammere ich mich daran, dass Jesus bereits auferstanden ist.
Und ich bin überzeugt, dass Gott sein Versprechen wahr macht:
Der Tod ist nicht das Ende.
Auch für mich gibt es ein Leben danach.
Und was nach dem Tod kommt, ist so großartig, dass es mich beflügelt.

Ja, dieses Danach, das blitzt jetzt in mein Leben hinein.
Allen Bomben zum Trotz.
Der Auferstandene ist bei mir.  Er lässt sich nicht mehr vertreiben.
Das Osterlicht ist da. Und es blitzt herein. Jeden Tag.
Jesus sprach mal vom Sauerteig und vom Senfkorn,
die den maßlosen Himmel sichtbar machen.
Er brach Brot, damit wir den Himmel schmecken und die Liebe bereits jetzt leben.

IX.
Also schau ich genau hin und achte auf die Osterlichtmomente.
Die kleinen Lichtfunken, die ich so leicht übersehe.

Der Freund, mit dem ich mich über hunderte Kilometer hinweg, verbunden fühle.
Die schamlos blühende Glyzinie vor meinem Fenster
und der wilde Tanz in der Küche beim Kochen.
Die WhatsApp-Gruppe des Rats der Religionen,
wo wir gemeinsam um die Toten in Sri Lanka trauern.
Und ein Abendmahl im Krankenhaus,
wo eine Patientin trotz ihrer Schmerzen vor Glück lächelt.

In alledem spüre ich, was noch kommen wird.
Maßloser Himmel.
Der wird dann viel schöner und strahlender sein und ganz anders auch.
Aber er trägt mich schon jetzt. Beflügelt. Macht mir Mut zum Leben.
Er ist da, und die

Liebe
frei geworden
e
Niemals aufgezehrt

Mich überflutend


Mehr also, fragen die Frager

Erwarten Sie nicht nach dem

Tode?

Und ich antworte

weniger nicht.


Auch nicht für jetzt.
Amen.

Freitag, 19. April 2019

Am Ende ist alles ganz

Predigt an Karfreitag zu Johannes 19*

(mit Dank an Birgit Mattausch, Sebastian Wolfrum und Keno Heyenga)

I.
Ist das jetzt das Ende?
Maria aus Magdala weint.
Was anderes bleibt ihr nicht mehr, außer zu weinen - und da zu sein.
Dabei ist das doch so viel.

Jesus hatte sie rausgeholt aus ihrer Angst, aus ihrem Kokon,
aus ihrer Erziehung, ihrer Moral .
Endlich ich sein. Geliebt von Gott. Geliebt von ihm.
Steh auf! Rief er.  Heilte ihr Herz.
Teilte seinen Becher mit ihr und das Brot.

Die anderen schauten sie immer noch schräg an.
Wer ist sie schon?
Sie mit ihrer Vergangenheit. Mit ihren Brüchen. Mit ihren Schatten.
Gehört die zu uns?
Aber es kümmerte sie nicht mehr, denn sie war ja bei ihm.
Und nichts konnte sie noch von ihm trennen.
Dachte sie.  Bis heute.

II.
Ist das jetzt das Ende?
Das Ende ihres gemeinsamen Weges?
Sie würde alles dafür geben, wenn sie ihn da runterholen könnte vom Kreuz.
Alles.
Es macht sie wahnsinnig, dass das nicht geht.
Und so steht sie hier und kann nichts tun.

Es ist laut hier.
Die Schreie der Gekreuzigten.Die Schreie der Gaffer und brüllende Soldaten.
Schwere Stiefel. Klirrende Rüstungen. Würfel fallen. Siegesgeschrei.
Maria blendet das alles aus. Hört das alles nicht. Will es nicht hören.
Sie schaut nur auf ihn.
Das kann doch noch nicht das Ende sein.

III.
Das kann noch nicht das Ende sein.
So flehten die Europäer, als sie die brennende Notre-Dame sahen.
Die Pariser sangen auf der Straße Ave Maria. Die Feuerwehrleute gaben ihr Letztes.
Banges Warten.

Das kann noch nicht das Ende sein.
Das fleht die Tochter, die ihre Mutter ins Krankenhaus bringt,
weil der Krebs sich durch ihren Körper frisst.
So vieles noch ungesagt.  So vieles noch vorgehabt.
Und jetzt? Banges Warten.
Ob sie nochmal nach Hause kann?

IV.
Maria steht nicht alleine unter dem Kreuz.
Da sind noch die anderen Marias da - die Mutter von Jesus und die anderen.
Und der eine von den Freunden ist auch da: der steht ihm besonders nahe.
Und der Sterbende spricht zu ihnen:
Frau, siehe, das ist dein Sohn!  Siehe, das ist deine Mutter!
Ihr gehört zusammen. Bleibt beieinander.
Tragt zusammen, was für eine allein zu schwer ist.
Liebesmanifest im Tod.
Mitten in Lärm und Geschrei.

Da stellen sich welche zueinander.
Eine legt den Arm um den anderen.
Tastet noch im Dunkeln nach seiner Hand.
Einer schickt immer eine Blume zum Jahrestag.
Eine kocht eine Suppe für die, die Kraft braucht.
Eine andere betet.

V.
Ist das jetzt das Ende?
Schreie verstummen und das Laute wird leise.
Mich dürstet, sagt der Sterbende.
Ausgetrocknete Kehle. Menschlich durch und durch.
Kein ferner Gott, der zuschaut. Dieser Gott ist mittendrin.
Das Kind in der Krippe.
Der Heiler in der Synagoge.
Der Tische-Umwerfer im Tempel.
Der mit seinen Freunden das Brot teilt.
Der Flehende und Weinende im nächtlichen Garten Gethsemane.

Wahrer Mensch.
Er hat Durst und Hunger wie ich.
Er sehnt sich wie ich nach zärtlicher Berührung und nach einem neuen Morgen.
Er will mit jeder Faser seines Körpers leben und weiß doch, dass er nun sterben wird.
Der Tod ist das menschlichste und das unmenschlichste zugleich.
Weil er uns wegreißt und auseinanderreißt - und weil er das Ende ist.

VI.
Es ist vollbracht.
Worte, um die ich ringe - die ich nie wirklich verstehe.
Und ich habe sie in Verdacht, dass sie mich vertrösten wollen.
Alles ist gut so? Alles soll so sein?
Nein, dieser Tod am Kreuz soll nicht so sein.
In mir sträubt sich alles dagegen.
Kein Mensch kann das wirklich wollen. Und kein Gott.

Aber nun sind sie da, diese Worte: Es ist vollbracht.
Und ich schaue auf diesen wahren Menschen,
Der noch im Sterben Liebende zusammenbringt,
der dafür sorgt, dass da welche beieinander stehen,
einander halten und stützen.

Und ich sehe, dass dieser Tod nicht auseinander reißt, sondern zusammenführt.
Er führt Gott hinein, wo es dunkel ist.
Wo nichts mehr ist, wo wir an unser Ende kommen: da ist Gott.
Er drückt sich nicht vor diesem Dunkel.
Ist nicht nur für das Helle zuständig - für den Erfolg oder das Schöne.
Nein, er ist gerade da, wo die Narben sind,
die Brüche, die Schatten - das, was mir Angst macht.
Da ist er - der Liebende, der Zusammenbringende.
Er hält das aus. Und er hält mich aus. Voll und ganz.

VII.
Es ist vollbracht.
Dieses auseinandergerissene, abgebrochene Leben ist vollbracht.
Es ist ganz und gar. Es ist vollständig.
Alles was vorher Liebe war ist immer noch voller Liebe.
Schmerzen und Wunden werden nicht ausgeblendet, sondern sind ein Teil von Gott.
Da ist kein Makel dran, auch wenn die Umstehenden nur Makel sehen.
Jede Narbe macht dieses Leben vollständig. Jede Schwäche macht es komplett.
Weil sie ein Teil von Gott ist.

Es ist vollbracht.
Worte, die beschädigtes Leben heiligen - ihm die Würde zurückgeben.
Unperfektes wird vollkommen geheißen, Abgebrochenes rehabilitiert.
In aller Zerrissenheit bleibt es ganz wie das Tuch, um das die Soldaten würfeln.

VIII.
Es ist vollbracht.
Gott lebt und stirbt die Liebe.
Und da steht nun Maria aus Magdala unter dem Kreuz.
Sie mit ihren Brüchen und ihren Schatten un die so schräg angeschaut wird.
Sie steht da und hält die anderen im Arm.
Auch ihr Leben ist vollbracht.  Er hat es vollkommen gemacht,
weil er mit ihren Schatten und Brüchen und den Beschädigungen am Kreuz ist.
Ihr Weg ist sein Weg. Mit Lärm und Blut und Rissen in der Seele.
Ihr Leiden ist sein Leiden. Ihr Tod ist sein Tod.
Da ist keine Trennung, kein Riss, sondern Liebe mit allen Schatten und Brüchen.
Und nichts kann sie von ihm trennen.

IX.
Es ist vollbracht.
Und darum steht Maria mit den anderen nicht alleine da unterm Kreuz.
Der sterbende Gott, der wahre Mensch steht bei ihnen.
Er umarmt sie, hält ihre Hand, stützt sie.
Er weint mit ihnen, klagt und schreit und schweigt mit ihnen.
Er singt mit den Parisern das Ave Maria
und bangt mit der Tochter um ihre Mutter im Krankenhaus.
Der Mutter streicht er über die Stirn und hält sie ganz fest im Arm.

Ist es jetzt das Ende?
Ja.
Aber am Ende ist er da.
Am Ende geht er in die absolute Dunkelheit.
Am Ende gibt es keinen gottlosen Ort mehr, weil er auch dort ist.
Am Ende ist alles ganz.
Es ist vollbracht.
Amen.



* Textgrundlage:

Da nahm Pilatus Jesus und ließ ihn geißeln. Und die Soldaten flochten eine Krone aus Dornen und setzten sie auf sein Haupt und legten ihm ein Purpurgewand an und traten zu ihm und sprachen: Sei gegrüßt, König von Israel!, und schlugen ihm ins Gesicht.
Und Pilatus ging wieder hinaus und sprach zu ihnen: Seht, ich führe ihn heraus zu euch, damit ihr erkennt, dass ich keine Schuld an ihm finde. Da kam Jesus heraus und trug die Dornenkrone und das Purpurgewand. Und Pilatus spricht zu ihnen: Seht, welch ein Mensch!
Als ihn die Hohenpriester und die Diener sahen, schrien sie: Kreuzige! Kreuzige! Pilatus spricht zu ihnen: Nehmt ihr ihn hin und kreuzigt ihn, denn ich finde keine Schuld an ihm. Sie antworteten ihm: Wir haben ein Gesetz, und nach dem Gesetz muss er sterben, denn er hat sich selbst zu Gottes Sohn gemacht.


Als Pilatus das hörte, fürchtete er sich noch mehr und ging wieder hinein in das Prätorium und spricht zu Jesus: Woher bist du? Aber Jesus gab ihm keine Antwort.
Da sprach Pilatus zu ihm: Redest du nicht mit mir? Weißt du nicht, dass ich Macht habe, dich freizulassen, und Macht habe, dich zu kreuzigen?
Jesus antwortete: Du hättest keine Macht über mich, wenn es dir nicht von oben gegeben wäre. Darum begeht, der mich an ausgeliefert hat, das größere Unrecht.
Von da an versucht Pilatus, ihn freizulassen.
Die Vertreter der jüdischen Obrigkeit aber schrien: Lässt du diesen frei, so bist du nicht mehr dem Kaiser treu; wer sich zum König macht, der ist gegen den Kaiser. Da Pilatus diese Worte hörte, führte er Jesus heraus und setzte sich auf den Richterstuhl an der Stätte, die da heißt Steinpflaster, auf Hebräisch Gabbata.

Es war aber der Vorbereitungstag für das Passafest, um die sechste Stunde. Und er spricht zu den Vertretern der jüdischen Obrigkeit: Sehet, euer König! Sie schrien aber: Weg, weg mit ihm! Kreuzige ihn! Spricht Pilatus zu ihnen: Soll ich euren König kreuzigen? Die Hohenpriester antworteten: Wir haben keinen König außer dem Kaiser. Da überantwortete er ihnen Jesus, dass er gekreuzigt würde.

Sie nahmen ihn also, und er trug selber das Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, auf Hebräisch Golgatha. Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere zu beiden Seiten, Jesus aber in der Mitte.
Pilatus schrieb auch eine Aufschrift und setzte sie auf das Kreuz; und es war geschrieben: Jesus von Nazareth, König des jüdischen Volkes. Viele Menschen aus seinem Volk lasen diese Aufschrift, denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt. Und es war geschrieben in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache. Da sprachen die jüdischen Hohenpriester zu Pilatus: Schreibe nicht: Der König des jüdischen Volkes, sondern dass er gesagt hat: Ich bin König des jüdischen Volkes. Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.

Die Soldaten aber, da sie Jesus gekreuzigt hatten, nahmen seine Kleider und machten vier Teile, für jeden Soldaten einen Teil, dazu auch den Rock. Der aber war ungenäht, von oben an gewebt in einem Stück. Da sprachen sie untereinander: Lasst uns den nicht zerteilen, sondern darum losen, wem er gehören soll. So sollte die Schrift erfüllt werden, die sagt (Psalm 22,19): »Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben über mein Gewand das Los geworfen.« Das taten die Soldaten.

Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und die Schwester seiner Mutter, Maria, die Frau des Klopas, und Maria aus Magdala. Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn! Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.

Danach, als Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er, damit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet. Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und legten ihn um einen Ysop und hielten ihm den an den Mund. Da nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht. Und neigte das Haupt und verschied.


Sonntag, 10. März 2019

Den Himmel durchschritten

Gnadenthron und leere Hände und ein offener Himmel
Predigt zu Hebräer 4, 14-16 


(Ich hatte große Mühe mit diesem Text aus dem Hebräerbrief. Doch dann stieß ich auf die Predigten von 2 Freundinnen: Birgit Mattausch* und Marei Röding. Ich entlieh mir von ihnen einige Worte und Satzkombinationen und die Grundidee, den Vers 15 zu erzählen und meine Geschichte und damit zu verweben - und ich strickte die Worte weiter. Das ist dann daraus geworden. Danke an Birgit und Marei!
Als ich sie dann heute gehalten habe, habe ich sie vor allem für meinen Freund aus R. gehalten.)


14 Weil wir denn einen großen Hohenpriester haben,
Jesus, den Sohn Gottes,
der die Himmel durchschritten hat,
so lasst uns festhalten an dem Bekenntnis.
15 Denn wir haben nicht einen Hohenpriester,
der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit,
sondern der versucht worden ist in allem wie wir,
doch er hat widerstanden.
16 Darum lasst uns freimütig hinzutreten zu dem Thron der Gnade,
auf dass wir Barmherzigkeit empfangen
und Gnade finden
und so Hilfe erfahren zur rechten Zeit.


I.
Einer hat die Himmel durchschritten.
Einer ist durch alle Himmel gegangen noch heute und auch morgen.
Aber er bleibt nicht da oben. Dafür kennen wir ihn zu gut.

Wir haben ihn gesehen, neulich im Stall in Bethlehem,
ein kleines Kind, ein Säugling, bedürftig und hilflos.

Jahre später haben wir ihn mit seinen Eltern in Jerusalem gesucht.
Fanden ihn nach drei langen Tagen.
Er schaute uns an und schien nichts zu verstehen.

Wir standen mit ihm am Jordan,
tauchten mit ihm unter Wasser.
und wir sahen den Himmel offen.

In die Wüste gingen wir mit ihm.
Hinauf zur Zinne und auf einen hohen Berg, wo ihm die ganze Welt zu Füßen lag.
Und der Teufel ihm einflüsterte: "das kannst du alles haben". 

Er ist versucht worden in allem wie wir,
doch er hat widerstanden


II.
42 Tage bis Ostern,
42 Tage, in denen wir diesen Hohepriester begleiten bis in die Hölle.
Wir werden sehen, wie er Wasser in Wein verwandelt.
Werden mit ihm zu einem Brunnen gehen.
Er wird mit einer Frau sprechen und alles verstehen.
Wird essen mit Zöllnern und Sünderinnen.
Er wird schlafen im Sturm.
Wird lernen von anderen.
Wir werden ihn weinen sehen.
Um einen Freund.
Und mit den Traurigen.
Er wird Brot vermehren und Augen auftun.
Wird lachen und jubeln.
Und er wird wütend sein und Tische umwerfen und Dämonen austreiben.

III.
Einer hat die Himmel durchschritten.
Auch meine Himmel. Und meine Höllen.
Durch mein Leben ist er gegangen.

Er war bei meiner Geburt dabei.
Hockte im Barmbeker Krankenhaus bei meiner Mutter
und wischte ihr den Schweiß von der Stirn.
Er war bei mir, als ich - 8 Jahre alt - 6 Wochen in einer Kur war. Krank vor Heimweh.
Und man sagte mir, ich dürfe nicht weinen, um die anderen nicht anzustecken.
Aber er, der Hohepriester, war da,
nahm mich in den Arm und trocknete meine Tränen.

Jahre später drohte ich ihn zu verlieren.
Die Strenge meines Konfirmators erstickte meine Fragen.
Aber ich hörte die Stimme des Hohepriesters in mir: „schlag die Tür nicht zu!“
Und er schien alles zu verstehen.

Er blieb bei mir.
Erfüllte mich mit Liebe und Sehnsucht.
Stand mit mir an der Elbe, am Neckar, an der Enz.
Und ich sah den Himmel offen.

In die Wüste geht er auch mit mir.
Hält meinen Zweifel aus und meine Wut.
Weint mit mir und lacht mit mir.
Ihm vertraue ich meine Kinder an.
Ich übe, mich ganz fallen zu lassen - in ihn.
Und weiß: auch wenn ich das nicht kann - er ist da.
Und er war letzten Samstag mit mir in R.,
wo ich einen todkranken Freund besuchte.
Ja, dieser Hohepriester begleitet mich durch die Welt.
40 Tage bis an ihr Ende.

Und 42 bis zum Anfang von allem.

Denn wir haben nicht einen Hohenpriester,
der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit.


IV.
42 Tage bis Ostern.

Er wird in Betanien Brot und Wein teilen.
Wird in Gethsemane beten - einsam, verzweifelt, voller Angst.
Sie werden ihn verraten, verspotten, misshandeln, kreuzigen.
Ja, wir werden Jesus leiden sehen.

Er wird in die Hölle steigen, die nur wir Menschen uns bereiten können.
Er wird gefoltert in den libyschen Flüchtlingslagern und im Mittelmeer ertrinken.
Er wird nach Afghanistan abgeschoben und eine Tretmine wird ihn töten.
Richter und Behörden interessieren sich nicht für sein Schicksal.
Sie opfern ihn für unser vermeintliches Wohlergehen.
Und für den Erfolg an den Wahlurnen.

Wir haben nicht einen Hohenpriester,
der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit


V.
Dieser Hohepriester lässt mich nicht allein.
Und die im Mittelmeer und in Afghanistan auch nicht.
Und auch nicht die um ihr Leben bangen in den Krankenhäusern und zuhause.
Er kennt die Hölle in- und auswendig.
Auch in ihr sind wir nicht ohne ihn.
Der Himmelstürmer, das Kind im Stall, der Heiler, der Sterbende - 
sein Himmel breitet sich aus über alle Abgründe dieser Welt.

Wir haben aber einen großen Hohepriester,
Jesus, den Sohn Gottes, der die Himmel durchschritten hat


Die Hölle kann ihn nicht aufhalten.
Der Himmel öffnet sich für ihn.
Und er öffnet die Himmel für uns.
Schon heute. Und jetzt.
Und nimmt uns mit.

VI.
Und dort nehmen wir Platz.
Ruhen aus.
Vor seinem Gnadenthron.
Nicht erst morgen, sondern schon heute.
Hier sind wir.
Mit viel zu kleiner Kraft und verzagtem Herzen,
Mit Angst und Zweifel.

Ich habe meinen Freund aus R. dabei,
den ich letzten Samstag vielleicht das letzte Mal in den Arm genommen habe.
Und hier stehen auch die, die wir übersehen:
Die Getretenen, Misshandelten,
die Sterbenden und die Traurigen.

Ja, wir alle ruhen aus vor diesem Gnadenthron.
Dort wird alles gut.
Der Hohepriester nimmt unsere Hände.
Richtet uns auf.
Weil hier alles Leben anfängt

Dieser Gnadenthron - golden oder vielleicht voller Staub -
er steht hier in der Kirche.
Oder bei dir im Wohnzimmer.
Am Bett im Krankenhaus oder im Rettungsschiff.
Überall dort, wo Gnade ist.
Und Mitgefühl.
Und Hilfe.
Dort, wo der Hohepriester, wo Jesus ist.

Und dort stehen wir - aufrecht.
Neuer Anfang. 42 Tage bis Ostern.
Wir strecken unsere Hände aus.
Sie sind leer.
Wir bekommen hineingelegt Mitgefühl.
Wir bekommen Gnade.
Und Hilfe.
Wir bekommen, was wir brauchen zur rechten Zeit.
In genau diesem Moment.


*) sehr empfehlenswerter Blog: https://frauauge.blogspot.com/