Sonntag, 23. Juni 2019

Der Zweifel, das Vertrauen und ich: Rebels for life

Ein Beitrag zum Predigtslam beim Deutschen Evangelischen Kirchentag 2019 Dortmund (1)
Motto des Kirchentages: "Was für ein Vertrauen"


Der Zweifel und ich sitzen an einem Tisch.
Beide haben wir ein Glas Rotwein in der Hand.
Eine Tüte Chips ist auch da - oder Schokolade, aber die gute dunkle.
Der Zweifel ist mir willkommen. Sehr sogar.

Ich mag ihn.
Ich mag es, wenn er kritisch seine Nase rümpft
und eine Frage stellt, auf die ich keine Antwort habe.
„Ähm, hmm“ stammel ich dann und muss erstmal nachdenken.
Okay, das mag ich manchmal auch nicht,
weil ich mir dann auch ziemlich blöd vorkomme.
Aber ich mag es herausgefordert zu werden.
Meine Sinne zu schärfen. Die Dinge klarer zu sehen.
Mit dem Zweifel.

Plötzlich legt er die Bibel auf den Tisch.
Neben die Flecken der alten Rotweinränder.
Und schlägt auf: Genesis 22.
Ich lese sie wieder, diese unerhörte Geschichte.
Von Abraham, der bereit ist seinen Sohn zu opfern.
Und als Kind habe ich gelernt, dass er eben so fest glaubt und darum dazu bereit ist
und dass es gut ist, dass er für Gott sowas tun würde.
Der Zweifel tippt mit dem Finger auf die Bibel und mitten in meinen Glauben:
Glaubst du wirklich, dass sowas Gottes Wille ist?
Kinder, Menschen für etwas Höheres zu opfern?
Tun das nicht nur Feiglinge? Oder Tyrannen?
Ja, du hast Recht, sage ich.
Auch wenn er am Ende noch die Kurve gekriegt hat - der Abraham -,
Glaubensstärke sieht anders aus.
Abraham hätte auch mal etwas mehr zweifeln sollen.

Wir trinken unseren Wein.
Morgen früh werde ich dunkelrote Lippen haben. Und eine blaue Zunge.
Ich brauche den Zweifel.
Mit ihm lache ich über Dummheiten und wir schenken uns Wein nach.
Mit ihm bin ich ungehorsam und rebellisch.
Rebels for life. (2)
Und dann tun wir uns zusammen, lesen zwischen den Zeilen
und entwirren die Gehirnspaghetti in meinem Kopf.

Ja, ich habe Zweifel.
Manchmal an meinem Verstand, der sich vor unbequemen Wahrheiten drückt.
Wie bei Abraham.
Oder aber auch an meiner Verrücktheit, hier beim Predigtslam mitzumachen.
Aber noch viel mehr zweifle ich an unserer Lebensweise,
die unseren Planeten unbewohnbar macht.
Ich zweifle an dem Dogma, dass wir alles im Griff hätten.
Ich habe Zweifel an den Gesetzen,
die Flüchtlinge in ein Land wie Afghanistan zurückschicken lassen.
Ich zweifle an der Empathiefähigkeit derer,
für die Homosexualität immer noch eine Sünde oder eine Krankheit ist.
Ich zweifle hier und zweifle da und zweifle dort.

Wenn der Zweifel aber zu stark ist, dann tut er mir nicht gut.
Dann krieg ich Kopfweh von zu viel Rotwein.
Und aus Zweifel kann Verzweiflung werden.
Manchmal ist Verzweiflung angesagt,
aber ich will nicht, dass sie mich lähmt,
dass ich dann alles schwarz sehe und keine Zukunft mehr und überhaupt.
Noch schlimmer:
Ich zweifle womöglich sogar an mir selbst - und das ist ganz schlecht.

Darum bin ich froh, dass das Vertrauen im Nebenzimmer wartet.
Immer ist es da - irgendwie.
Ich hole es zu uns dazu und stelle ein Sektglas auf den Tisch.
Das Vertrauen trinkt lieber Sekt mit Goldglitter.
Oder auch mal einen Whiskey, weil der den Bauch wärmt.

Endlich, murmelt das Vertrauen,  und schenkt sich voll ein.
Ihr vergesst jedes Mal das Wichtigste.
Du darfst an allem zweifeln, aber - und es zeigt auf mich -
nie, niemals an dir selbst.
Du bist liebenswert, zwinkert mir das Vertrauen dann zu.
Und alles, was du so an Mist mit dir rumschleppst, auch.
Und dann lacht es laut auf.
Wenn das Vertrauen so gut drauf ist, glaube ich ihm sogar.
Und der Zweifel nippt an seinem Glas, wiegt seinen Kopf, und nickt bedächtig.
(Wieso lacht das Vertrauen eigentlich so laut?)

Gemeinsam ziehen wir so durchs Leben.
Das Vertrauen und der Zweifel und ich.
Wir sind Rebels for life,
und ketten uns vielleicht an Rathausgitter an,
bis man uns befreit (3). Echte Vertrauensübung.
Gemeinsam halten wir unseren Kopf hin und unser Herz,
Im Protest gegen alle Verzweiflung vertrauen und zweifeln wir durch dick und dünn.
Mit Rotwein, Goldsekt und Whiskey. Und mit guter Musik.
Oder dunkler Schokolade.

Dabei gibt es eines, an dem wir nicht eine Sekunde zweifeln:
Wir leben. Und dafür stehen wir auf.
Und dafür prosten wir uns zu: Auf uns - Rebellen für das Leben.

(1) zum gesamten Abend gibt es ein youtube-Video: https://www.youtube.com/watch?v=7ABxLowVNnM&fbclid=IwAR2FzWe7biSl8DL2_GmWf8eGUWxWIISLWZgkR5r-XguucZIGbM3l6s5ezO8 (mein Beitrag ab 45.Minute)


(2) Dies ist eine bewusste Anspielung auf die Bewegung "Extinction Rebellion". Die Aktivist*innen nennen sich "Rebels for life" und zeigen durch provokante gewaltfreie Aktionen, dass die Zukunft der Erde ernsthaft auf dem Spiel steht und wir alle endlich handeln müssen. (https://rebellion.earth/act-now/)

(3) Dies war eine Aktion der Extinction Rebellion Youth Germany zur Europawahl in Leipzig, die mich sehr beeindruckt hat. Weiteres siehe hier: https://www.lvz.de/Leipzig/Wahl/Europawahl/Fuer-das-Klima-Jugendliche-ketten-sich-ans-Leipziger-Rathaus?fbclid=IwAR0zFn1Oj_s-dazzn50g9HVPs56nMZjsFO_vOcOnODQ6WTryoLiTuo5El_s
Oder auch hier: https://www.facebook.com/permalink.php?story_fbid=340679673312568&id=336934427020426&__xts__[0]=68.ARD3grAhIIGBJL0GL9SOEBK4YYC5S08tWs3U3dAd0TmeLfMgA2gh_1ZYX9s5BOevTyk47f4vbjQTUkrjJ82x0M5REMJN3Ivb0gap3a8ak0Gv6r5QuNS8HmyaJpkEqoj0xFYkJ4WjiEKUN7nc4jjjHeZL_lOPLsRVqUXgsLuvu7FowAYrB7yX-I6V2_iWTRDalRhjvlW0LFCiDiRQl-rTzNLhx03gTDNbc9mB-35Qz2mLnc-wTPgZx6WsY7ZAWyhEyAAKcNxJyO_3Dd_JzcCd3GHZEJBMtIOEttU8VLL2gezU4VvQ-jntm_I9NIzvW-w4glssEF8dDpzdDZyhliu-UXo&__tn__=-R


Sonntag, 16. Juni 2019

Gott macht aus dem größten Mist noch was Schönes

Von Gnade, Liebe und Gemeinschaft und eine Liebeserklärung an eine Frau, die kaum wie eine andere das große Wort "Gnade" für mich verständlich macht.

Predigt zu 2. Brief an die Korinther 13,11-14

(mit großem Dank an Anne Gidion, die diese Predigt mit mir gemeinsam erkämpft hat und Dank an Katharina Loh, deren Worte ich mir für Teil III entliehen habe)

I.
Endlich wieder aufrecht gehen. (1)
Endlich wieder dazu gehören.
Auf Augenhöhe den anderen begegnen.
Sie hätte es nicht für möglich gehalten.
18 Jahre lang diese Verkrümmung. 18 Jahre gebückt und geduckt sein.
Von den anderen komisch angeschaut. Sich ausgeliefert fühlen.
Nicht mitmachen können. Nichts dagegen tun können.
18 Jahre lang. Und von Jahr zu Jahr wurde es schlimmer.

Dann betritt Jesus die Synagoge.
Du bist frei, sagt er zu ihr. Du bist frei.
Nichts mehr, was dich niederdrückt.
Nichts mehr, was dich fesselt.
Nichts mehr, was dich klein macht.

Und sie richtet sich auf.

Diese Dämonen können sie mal.
Sie sind vielleicht immer noch da:
die Dämonen, die sie niederdrückten
- bestehen sie aus Angst oder Traurigkeit, Vorurteile oder Missachtung?
Wer weiß das schon? -
Aber sie tun ihr nichts mehr. Nichts mehr, was sie beugt.
Die Dämonen haben nicht das letzte Wort.
Sondern: Gnade und Liebe.
Und Gemeinschaft. Endlich wieder richtig dabei.

II.
Worte von Paulus, die er am Schluss seines 2.Briefs an die Korinther schreibt:
(2.Korinther 13,11-13)
Zuletzt, Brüder und Schwestern,  freut euch,
lasst euch zurechtbringen, lasst euch mahnen,
habt einerlei Sinn, haltet Frieden!
So wird der Gott der Liebe und des Friedens mit euch sein.
Grüßt euch untereinander mit dem heiligen Kuss.
Es grüßen euch alle Heiligen.
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!


III.
Paulus schreibt einen verzweifelten Brief.
Schon früh gab es Probleme in Korinth.
Streit darüber, wer besser glaubt und besser predigt und wie man Abendmahl feiert.
Ja, und wieviel Rücksicht man nehmen muss.
Wer sind die Schwachen und wer sind die Starken?
Und wer bestimmt, wer dazu gehört?
Es wurde immer schlimmer. Lästereien und Kritik - auch am Leitungsstil von Paulus.
Und was einmal wichtig war, gerät in den Hintergrund.

Bei sowas hilft eigentlich nur ein klärendes Gespräch. 
Am besten persönlich.
Doch das geht gerade nicht. 
Also ein Brief.

Darin verteidigt Paulus sich:
„ Ich habe niemandem Unrecht getan, niemanden verletzt, niemanden übervorteilt.“
Und er droht: „Wenn ich das nächste mal komme, dann hört der Schongang auf.“
Und man hat das Gefühl: so wird das nichts.
Verteidigung, Angriff, Emotionen, Tränen auch, wild gestikulieren, mit der Hand abwinken.
Das hat keinen Zweck. Komm hör auf.
An Grenzen gehen, es auf die Spitze treiben und dann erschöpft verstummen.

Paulus argumentiert gern eindringlich.
Wie man das gern mal tut, wenn man sich in die Enge getrieben fühlt.
Er bleibt nicht immer ganz sachlich, das kann er gar nicht.
Aber er schreibt. Und bleibt in Beziehung.
Heiliger Kuss – so schmeckt Versöhnung.
Und er ringt darum, wie er von Gott erzählen soll.
Gnade. Liebe. Gemeinschaft.

IV.
Paulus, du selbst weißt, wie sehr du die Gnade brauchst und die Liebe und die Gemeinschaft.
Du weißt um deine Ecken und Kanten.
Was dir schwer fällt. Was du nicht kannst, auch wenn du es noch so sehr willst.
Du ist nicht der Super-Apostel, nicht der strahlende Redner.
Und dass du gesundheitlich angeschlagen ist, verschweigst du auch nicht.
(Gott sei Dank!)
Fragen quälen.
Bist du überhaupt dieser Aufgabe gewachsen?
Müsstest du nicht viel öfter vor Ort sein?
Manchmal denkst du, du solltest deine Zunge besser im Zaum halten.
Und vielleicht hast du doch zu viele vor den Kopf geschlagen.

Und dann erinnerst du dich: Gott ist in den Schwachen mächtig.
"Gott macht noch aus meinem größten Mist etwas Schönes." (2)
Die Letzen werden die Ersten sein.
Aus dem Senfkorn wird ein großer Strauch,
die gekrümmte Frau kann aufrecht gehen und der Gekreuzigte steht auf.
Jesus teilt sein Brot mit Verrätern, Feiglingen und Karrieresüchtigen.
Sie alle liebt er. Und in dieser Liebe werden sie neu. Sehen sich selber neu.

Ja, Paulus, du musst nicht mehr um deinen Ruf kämpfen, denn bei Gott ist er gut.
Du brauchst das nicht mehr und entdeckst vielleicht auch die Verletzungen der anderen.
Auch sie brauchen den gnädigen und liebevollen Blick. Nicht nur du.
Und das spürst du genau.
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit dir!

V.
Vorgestern und gestern habe ich eine Frau kennengelernt: Nadia Bolz-Weber. (3)
Eine lutherische Pastorin aus Denver, Colorado. 

Ihre Tatoos irritieren vielleicht, aber sie sind wunderschön. 

Nadia kommt aus einer christlichen Kirche, die keine Frauen ordiniert.
Erst mit 27 hat sie erlebt, dass eine Frau im Gottesdienst überhaupt das Wort ergreift.

In ihrer Kirche durfte man nur innerhalb der Ehe Sexualität leben.

Und so war sie als Jugendliche, als junge Erwachsene zornig. Sehr zornig.
Hat getrunken, Drogen genommen und sich viel gestritten.
Sie glaubte: So bin ich stark. Ich verletze und zeige nicht, wie verletzt ich bin.

Seitdem ist viel passiert. Sie hat Gnade erlebt. Den Kuss der Gnade gespürt.
Ihr Körper gehört zu ihr, Liebe und Sexualität auch.

Sie hat gelernt, sich aufzurichten. Aufrecht zu gehen.
Sie ist groß und trägt hohe Schuhe.
Sie predigt mit kurzärmeligem Hemd und jeder kann ihre bunttätowierte Haut sehen.
Das fühlt sich nicht wie Show an. Sondern so ist sie. Sie versteckt nichts.
Sie zeigt sich, ihre Tränen, ihre Wut.
Nicht damit jeder sie dann wichtig findet,
sondern so kann jede und jeder seine eigenen Tränen, ihre eigene Traurigkeit empfinden.
Und ist darin aufgehoben: Ein Raum der Gnade.

Wenn Nadia über Gott und Glauben redet, klingt das wie ein Überlebensmittel.
Und wie etwas, was unglaublich viel größer ist als sie, was sie aber nicht kleinmacht.
„House of all Sinners and Saints“ –
"Herberge für alle Sünder und Heiligen" heißt die Gemeinde, die sie gegründet hat.
Wer da kommt, war oft lange verkrümmt und lernt gerade, sich aufzurichten.
Wer da kommt, lernt es neu, an Wunder zu glauben. Und sich selbst zu lieben.

VI.
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes ist mit Nadia und ist mit uns allen.

Gnade ist Heilwerden und die Sehnsucht danach.
Nicht Hinwegtrösten über Tod und Krankheit. 

Gnade ist die Möglichkeit, dass es auch gut gehen könnte. 

Gnade ist, dass Gott da ist.

Diese Gnade ist mit dir,
die du dich selber nicht leiden kannst.
Gott macht aus deinem größten Mist noch was Schönes:
Aus deiner Inkonsequenz und deiner Wut,
aus deiner Angst vor der Zukunft und aus deiner Angst vor Fremden vielleicht auch.

Gnade sei mit dir,
wenn du mal wieder frustriert bist, dass du nicht so viel geregelt kriegst wie die Nachbarin,
wenn du mit deinen Kindern nicht klar kommst,
wenn du genervt bist von deinen Eltern oder sie sogar hasst.

Gnade sei mit dir,
wenn du nicht die passenden Klamotten hast,
wenn du dir den Kaffee beim Starbucks nicht leisten kannst
oder wenn sich andere an deiner Hautfarbe stören.

Gnade sei mit dir in dieser ungnädigen Welt.
Jesus richtet dich auf. Denn du bist geliebt. Ja genau du!

Jesus nimmt dich mit in den Raum aus Gnade und Liebe.
Und dieser Raum ist so groß, da sind auch die, mit denen du nicht rechnest.
Vermutlich rechnen sie auch nicht mit dir.
Aber Gott macht aus eurem ganzen große Mist was wirklich Schönes.
Und ihr werdet heil mit ihm.

Amen

(1) Dieser Teil bezieht sich auf die Lesung aus Lukas 13,11-17 (Heilung der gekrümmten Frau)
(2) Nadia Bolz-Weber, "Ich finde Gott in den Dingen, die mich wütend machen" - Pastorin der Ausgestoßenen, S. 76
(3) Carte Blanche für Nadia Bolz-Weber - Homiletik im internationalen Diskurs - veranstaltet vom Zentrum für evangelische Gottesdienst- und Predigtkultur 14./15.6.2019 in Berlin

Sonntag, 9. Juni 2019

Wörtertanz mit dem Heiligen Geist

Predigt zu Pfingsten

Grundlage ist die Pfingstgeschichte - nachzulesen in Apostelgeschichte 2 - und ein Gedicht von Wilhelm Willms "der heilige geist ist ein bunter vogel".
Im Gottesdienst wurde die Bach-Kantate "O ewiges Feuer, o Ursprung der Liebe" aufgeführt - ein paar Anspielungen darauf gibt es in der Predigt.
Ich möchte wieder 2 Prediger*innen danken, deren Worte ich für 2 Abschnitte weitergestrickt habe:
Michael Greßler (Teil III) und Susanne Dannenmann (Teil IV).


I. (bunter Vogel)

der heilige geist
er ist nicht schwarz
er ist nicht blau
er ist nicht rot
er ist nicht gelb
er ist nicht weiss
der heilige geist ist ein bunter vogel
er ist da
wo einer den andern trägt
der heilige geist ist da
wo die welt bunt ist
wo das denken bunt ist
wo das denken und reden und leben gut ist
der heilige geist lässt sich nicht einsperren…

(Wilhelm Willms)

II. (raus gehen)

Der Heilige Geist lässt sich nicht einsperren. Niemals.
Selbst wenn wir es versuchen.

Der Heilige Geist geht raus. Raus auf die Straßen,
Raus auf den Leopoldsplatz, dort teilt er sich eine Zigarette mit den Jugendlichen.
Er fährt Achterbahn auf dem Messplatz
und kauft auf dem Markt Pfingstrosen und Kirschen.
Beides rot wie die Liebe.

Der Heilige Geist geht raus ans Meer und lässt sich weit treiben.
In den Wald saust er
und macht auf dem Baumwipfelpfad Purzelbäume oder springt von Ast zu Ast .
Von Kopf zu Kopf wie Feuerzungen.
Von Herz zu Herz. Von Mensch zu Mensch.

Der Heilige Geist hält sich nicht an Mauern und Türen,
er reißt unsere Fenster weit auf und wirbelt alles auf.
Er ist nicht zu bändigen in Buchstaben und nicht in Flaschen zu ziehen.

III. (Landebahn)

Der Heilige Geist lässt sich nicht einsperren.
Und er ist unberechenbar - auch für die Freunde und Freundinnen von Jesus.
Jesus hatte ihnen versprochen: Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen.
Aber wann würde das passieren und wie und wirklich jeder?
Alles das wissen sie nicht. Wie auch?

Aber eins können sie tun:
dem Heiligen Geist eine Landebahn bereiten.
Und das tun sie.
Sie kommen zusammen. Keiner bleibt für sich.
Keiner zieht sich raus oder zurück ins alte Leben. Sie treffen sich Tag für Tag.
Und sie reden vom Reich Gottes. Und von Jesus.
Und sie bleiben offen für das, was passieren würde.

Und dann – auf einmal ist alles da.
Und das kam, weil sie zusammen waren.  Zusammen blieben.
Wären sie auseinandergelaufen, ein jeder in das Seine – es wäre wohl nichts passiert.

Hätten sie alle nur an sich gedacht –
an sich selbst und ihren Vorteil und an ihr Land und an ihr Volk  –
es wäre nur Trennung geblieben
und Angst und Haß und ein egoistisches Wesen.
Der Geist hätte keine Chance gehabt.
Hat er aber. Er konnte landen.

Und er nimmt sich Raum. In ihren Herzen und Köpfen.
Alles ist so voll Geistesgegenwart und Liebe, dass das Obergemach zu klein wird.
Und sie müssen raus. Raus auf die Straßen von Jerusalem.

IV. (Tanz der Wörter)

Der Heilige Geist landet hier in Pforzheim.
Und er ruft: Kommt raus. Heraus aus euren Zimmern.
Klappt die Laptops zu. Schmiert euer Brötchen nicht zu Ende.
Werft euch irgendwas über, eine Jacke oder auch nur einen Morgenmantel.
Kommt raus auf die Straße.
Dort ist Musik. Die wunderbaren Töne von hier kommen noch dazu.
Dort hängen Plakate am Stadttheater, die von einer Solidarity City träumen.
Dort tanzen Bilder in der Bahnhofsunterführung und machen sie zu einem magischen Ort.
Dort tanzen Wörter wie Feuerzungen im 3/4 Takt, vom Wind bewegt.
Entdeckt sie. Hört auf sie.

Geistwörter.
Fremd und vertraut zugleich.

Sie schlüpfen in eure Ohren. Sie füllen euren Mund.

Sie dehnen den Raum in euren Herzen.
Und stecken an, eine nach dem anderen, mit Freude, mit unbändiger Lebenslust.

Alle reden. Begeistert. In allen Sprachen.
Schwäbisch und badisch. Sächsisch und norddeutsch. Tamil und russisch.
Eine alte Frau findet strahlend zu ihrem Ostpreußisch zurück.
Die Familie mit türkischen Wurzeln darf endlich in der Sprache ihrer Mütter ihren Traum von Glück bejubeln, ohne dass man sie schräg anschaut

Die Jungen, die Alten, Männer und Frauen: alle verstehen sich lächelnd.
Vom Leben reden sie, von nichts anderem als vom Leben.
Von Gottes großer Tat: Er hat die Zellteilung der Liebe in Gang gesetzt.


An die Häuser gedrängt lehnen Skepsis und Angst.
Kraftlos hält sich der Hass an der Mauer fest.
(Ausgerechnet dort, wo vor 4 Wochen das Grundgesetz aufgesprüht wurde)
Und die, die sich von diesen Ungeistern treiben lassen,
verschränken fest die Arme über ihrer Brust und halten sich vom Brausen fern.
Am liebsten würden sie einen Stacheldraht ziehen, der die fremden Sprachen aussperrt.
Der Heilige Geist spricht doch wohl deutsch, oder etwa nicht?
Und diese schulstreikenden Jugendlichen. Das geht doch nicht.
Und die tanzenden Kinder vor dem AfD-Parteitag - in allen Hautfarben.
Weg mit ihnen, rufen die Ungeister.
Und haltet die Rettungsschiffe im Mittelmeer auf!

Doch den Tanz der Wörter können sie nicht aufhalten.
Und den der Feuerzungen auch nicht.
Der Heilige Geist ist schon längst gelandet.
Lassen wir ihn frei.

V. (Alt und jung)

der heilige geist ist ein bunter vogel
er lässt sich nicht einsperren


Er hält sich noch nicht mal an das Alter.
Er lässt die Alten Träume träumen, die sie aufrichten.
Ja, auch sie lassen sich nicht bremsen, weder von körperlichen Gebrechen
noch von Ungeistern, die ihnen einflüstern, sie sollten doch schön zufrieden sein
und alles beim Alten lassen.
Die Zukunft ihrer Enkel ist ihnen so wichtig, dass sie sich zusammen tun.
Und ich sehe die Omas gegen Rechts, die parents for future
und unseren EKD-Ratsvorsitzenden, der die seawatch in Sizilien besucht.
Und ich erlebe weise und zornige Alte hier in Pforzheim:
die stellen sich schützend vor unsere jüdischen Geschwister
und nur die Polizei kann sie davon abhalten, ein volksverhetzendes Plakat abzuschneiden.

Die Heilige Geist krempelt das Unterste nach Oben.
Die Jungen haben Visionen und machen ihren Mund auf.
Eine Greta Thunberg, die Fridays-for-future-Kids, ein Youtuber:
Alle sie wirbeln ein ganzes Parteiensystem durcheinander
und rücken die Themen nach vorne, auf die es ankommt.
Geistesgegenwart pur.
Die Jungen und die Mägde und Knechte haben was zu sagen, sagt Petrus.
Der Geist Gottes hält sich nicht an unsere Maßstäbe, ab wann man was zu melden hätte.
Er schickt die auf die Straße, von denen wir allzu leicht meinen, dass sie dort nicht hingehören.
Und so treten die Jungen in die Fußstapfen der alttestamentlichen Propheten
wie ein Jesaja und ein Amos: die haben sich auch nicht stoppen lassen.
Und die haben laut gesagt,
dass der Geist Gottes auf der Seite der Benachteiligten und der Schwachen ist.
Und dass wir nur miteinander die Welt gestalten können.

VI. (Herzen entzünden)

der heilige geist ist ein bunter vogel
er ist da - wo einer den andern trägt
der heilige geist ist da
wo die welt bunt ist
wo das denken bunt ist
wo das denken und reden und leben gut ist


Entzünde unsere Herzen, Heiliger Geist.
Sei "ewiges Feuer" in uns. Lass uns rot leuchten.
Ich will brennen für deine Liebe zu allen Menschen, zum Leben in einer bunten Welt.
Ich will deinen Funken raus tragen und hierher in die Kirche holen.
Ich will eine Welt, in der es summt und lebt.
Alle teilen miteinander, was ihrs ist,
und sie verstehen sich, kommen zusammen im Tanz der Wörter.

Wörter wie Feuerzungen, vom Wind bewegt im 3/4 Takt.
Und Gott mitten drin.

Komm, Heiliger Geist,
weite unsere Lebensräume, weite unsere Herzen.
Bring die Alten zum Träumen. Verlock die Jungen zu Visionen. Vertreib die Ungeister.
Und irgendwann, ja irgendwann,
da lassen sogar sie sich anstecken - von dir und deiner Kraft.

Komm, Heiliger Geist.
Amen.

Montag, 13. Mai 2019

Nächstenliebe und Würde

Rede auf der Abschlusskundgebung "Pforzheim nazifrei" am 11.5.2019

Anlass war der Aufmarsch der rechtsextremen Partei "Die Rechte", die besonders durch antisemitische Aussagen auffallen, z.B. durch ihre Plakate "Israel ist unser Unglück". Für ihren Aufmarsch wurden mehrere Straßenzüge östlich der Innenstadt ab 6 Uhr morgen abgeriegelt. Betroffen war u.a. auch eine Trauung in der Schloßkirche , die wir deshalb in eine andere Kirche verlegen mussten.
Unsere ursprünglich angesetzen Friedensgebete konnten wir nicht öffentlich stattfinden lassen. Diese verlegten wir in die Barfüßerkirche. Allerdings übernahm dann der Rat der Religionen einen Friedensmahnwache VOR der Schloßkirche - direkt an der Route der Rechten.
Mit unserem Transparent "Nächtenliebe leben. Vielfalt schützen" schickten wir den Rechten (letztlich kamen nur knapp 70) eine gute Botschaft....
Währenddessen demonstrierten über 1000 Menschen für eine vielfältige und fremdenfreundliche Stadt Pforzheim, veranstaltet vom parteiübergreifenden Bündnis "Pforzheim nazifrei".


                                                                   (danke an Udo Schlittenhardt für dieses wunderbare Foto!)


Hallo Pforzheim!
Ich freue mich, dass ihr hier seid.
Ich freue mich, dass ihr ein Zeichen setzt für eine friedliche und vielfältige Gesellschaft.

„Nächstenliebe leben“ - mit dieser Aufforderung auf einem Banner standen Menschen unterschiedlichen Glaubens eben vor der Schloßkirche, als die Nazis vorbei liefen.
Wir standen da und wir stehen hier für eine gute Botschaft:
Liebe deine Nächste, liebe deinen Nächsten.
Und das ist nicht nur eine religiöse Botschaft, sie ist universal gültig.

Der Nächste, die Nächste:
Das sind die Menschen, mit denen ich zu tun habe.
Dabei spielt es keine Rolle, ob wir denselben Glauben, dieselbe Hautfarbe oder dieselbe sexuelle Orientierung haben. Es spielt auch keine Rolle, ob der Nächste oder die Nächste hier geboren ist oder hierher gezogen ist. Und ja, selbst die Menschen in Afrika oder Asien sind meine Nächsten. Denn wir leben nun mal auf einer Welt und sind mittlerweile so miteinander verflochten, dass wir immer miteinander zu tun haben. Meine Lebensweise hier hat Auswirkungen auf das Leben dort. Da kann es mir nicht egal sein, wie es ihnen dort geht.

Nächstenliebe ist das Gegenteil von Hass.
Hass schadet der Seele. Auch der Seele einer Stadt.
Darum müssen wir alles dafür tun, dass der Hass sich nicht ausbreitet.
Plakate wie „Israel ist unser Unglück“ säen Hass und sie gehören von unseren Behörden entfernt.
Aber auch rechtspopulistische Parteien wie die AfD säen Hass. Sie grenzen Menschen aus, sie bezeichnen Migranten und Flüchtlinge als Ungeziefer, sie verbreiten die Mär von einem Bevölkerungsaustausch und predigen einen unchristlichen Nationalismus.
Das alles ist das Gegenteil von Demokratie, das Gegenteil von Freiheit, das Gegenteil von Nächstenliebe.

Die Nächstenliebe geht immer davon aus, dass der andere, die andere eine unverwechselbare Würde hat. Und die darf ich nicht verletzen oder beschädigen. Die achte ich und die schütze ich!

Nächstenliebe fängt im Alltag an: in der Nachbarschaft, in der Familie. Aber sie hört dort nicht auf. Jesus hat das am Beispiel des Barmherzigen Samariters erzählt (Lukas 10):
Wo es um die Würde von Menschen geht, mischt sich die Nächstenliebe ein.

Wenn wir geflüchtete Menschen in ein Gefängnis stecken, obwohl sie nichts verbrochen haben, dann verstoßen wir gegen ihre Würde. Dagegen sollten wir als Stadtgesellschaft aufstehen!
Wenn uns egal ist, dass fliehende Menschen im Mittelmeer ertrinken, weil Europa sie nicht retten will, dann verstoßen wir gegen ihre Würde.
Wenn wir die Armut von Kindern in unserer Stadt nicht wirklich bekämpfen, verstoßen wir gegen ihre Würde.
Wo Menschen beschimpft oder lächerlich gemacht werden, weil sie anders glauben, anders aussehen und anders lieben als die Mehrheit - da müssen wir einschreiten, widersprechen als Einzelne und als Stadtgesellschaft.

Ja, Nächstenliebe braucht Klarheit!

Darum lasst uns Nächstenliebe leben und für eine Politik der Nächstenliebe eintreten - hier in der Stadt und in Europa.
Lasst uns die Nächstenliebe leben, egal ob wir Christen, Juden, Muslime, Hindus, Buddhisten oder Atheisten sind.
Lasst uns die Würde von Menschen bewahren und die Vielfalt schützen.
Nicht nur heute.

Sonntag, 28. April 2019

Guter Hoffnung sein

Predigt zu 1.Petrus 1,3-9

Mit riesengroßem Dank an Bärbel Greiler-Unrath und Friederike Goedicke, deren Worte ich weiterstricken durfte. So ist ein neuer Mix entstanden. Echte Predigtwerkstatt.


I. (Guter Hoffnung sein)

Wenn ein Kind unterwegs ist, dann sagte man früher:
„Ich bin guter Hoffnung“.
Weil man wusste: Da kommt was Gutes. Was Neues.
Nach den Wehen schreit ein neues Leben.
Schwelle zwischen Leben und Tod und Leben.
Auch heute noch ist dieser Übergang ins Leben voller Schmerzen - 

mit einem gewissen Risiko verbunden, auch wenn die moderne Medizin Sicherheit verspricht.
Wer geboren wird, muss durch einen dunklen Geburtskanal hindurch.
Erfährt Druck und Enge.

Ist das geschafft:
der erste Atemzug.
Der Beginn eines Lebens unter ganz anderen Voraussetzungen.
Abgeschnitten von der sicheren Versorgung.
Nun ist selber atmen angesagt.
Und noch blind sucht das Neugeborene nach Nahrung,
weiß noch nicht, wo die zu finden ist.
Ausgeliefert und noch hilflos ertastet sich das Kind den Weg ins Leben.  
Neues, eben geborenes Leben.

II. (Behütetsein)

Und wenn Kinder dann größer und selbständiger werde, lernen sie Laufen.
Sie lernen, aufzustehen und sich der Schwerkraft zu widersetzen. 
Beulen und Schrammen bleiben dabei nicht aus.
Und manchmal tut es richtig weh.
Wenn Kinder laufen lernen, dann ist da die Hand, die festhält und loslässt und wieder auffängt.
Kein Kind überlegt sich das beim Üben: Ist Mama, ist Papa da oder nicht?
Kann ich jetzt loslaufen? Ist die Treppe zu steil für mich oder geht das gut?
Kinder machen das einfach und vertrauen darauf, dass die Hand da ist, wenn sie eine brauchen.
Zum Auffangen und festhalten und getröstet werden.

III. (Nicht sehen können)

Blind nach dem Neuen tasten.
Nicht sehen können, ob es wirklich der richtige Weg ist.
Und trotzdem gehen. Trotzdem tasten. Trotzdem vertrauen. Trotzdem hoffen.

Thomas, einer der Freunde von Jesus, kann das noch nicht (1).
Nicht wirklich.
Was geschehen war, steckt noch in den Knochen.
Wer kann das schon begreifen?
Eine Achterbahnfahrt war das.
Hinauf nach Jerusalem, die Verheißung erfüllen.
Einmal noch miteinander essen.
Versprechen - gebrochen. Verraten. Verhaftet. Vorgeführt.
Der Weg zum Kreuz. Tief hinunter.
Am Ende, allein. Allein unter Menschen, allein am Kreuz.
Warum hast du mich verlassen? Warum nur, warum?
Da bleiben, aushalten.

Und dann: Anlauf nehmen, beim ersten Licht.
Eine kleine Weile ist erst vergangen.
3 Tage.
3 Tage und eine kleine Ewigkeit.
Zeit zum wundern, hinsehen, fragen.

IV. (Nicht begreifen)

Jesus lebt. Sagen sie.
Die eine erzählt von Gärtner - vom beim Namen gerufen werden.
Seiner allerbesten Freundin, hat er sich gezeigt.

Noli me tangere - Rühr mich nicht an.
Maria Magdalena darf ihn nicht anfassen.
Du kannst mich nicht halten in dieser Welt, scheint er zu sagen.
Lass mich gehen, bitte. Meine Liebe bleibt doch.

Thomas hingegen, nur kurze Zeit später, darf ihn berühren.
Jesus hält ihm seine Hände hin.
Da – wenn du es brauchst, um zu glauben, dass ich es bin.
Nimm meine Hände.

Glaube - mit und ohne anfassen.
Beides mutig –
beim einen die Frage, die Offenheit des Zweifels.
Bei den anderen das Vorschussvertrauen.
Mutig glauben - mit und ohne Anfassen.
Und losgehen - Ja, er lebt! Und du auch.

V. (Selig Glauben)

Selig, sind, die nicht sehen und doch glauben! (2)
Klare Worte zum Abschied - für die voller Zweifel.
Und für die, die sehen, hören, spüren und riechen wollen, dass der Tod wirklich entmachtet ist.
Für die eine, die Angst vor der Nacht hat und vor den Albträumen, die dann kommen.
Für den einen, dessen Hoffnung auf ein gutes Leben wie Sand zwischen den Fingern zerrinnt
und am Ende bleibt nichts als Angst und Not und Tränen.
Für die vielen, die in Sri Lanka und jetzt auch in Powack ihre Liebsten verloren haben,
weil der Hass in einigen Menschen zu  groß war.
Für den einen, der in der Abschiebehaft sitzt, obwohl er nichts getan hat.
Und obwohl er endlich einen Job hatte, wird er nun abgeschoben.

Selig sind,  die nicht sehen und doch glauben!
Ein Vermächtnis.
Ein Vermächtnis für Maria und Johannes, Salome, Petrus und Jakobus,
Bartolomäus 
und alle anderen.
Ein Vermächtnis für diejenigen, die Jesus nie gesehen haben.  

Für die Zweifler wie Thomas. Für mich. Für dich.
Für die, die dennoch leben wollen und hoffen bis zum Schluss.

VI. (Petrusbrief)

An sie, an uns alle ist ein Brief überliefert,
der im Laufe der Geschichte dem Apostel Petrus zugeschrieben wurde.

Er schreibt:

Gelobt sei Gott, Ursprung von Jesus Christus, zu dem wir gehören.
Gott hat großes Mitleid gehabt und uns wiedergeboren,
so dass Hoffnung in uns lebendig geworden ist,
weil Jesus Christus von den Toten aufgestanden ist.

Wir hoffen, dass wir etwas erben werden, das nie vergeht,
das ohne Fehler ist und nicht verwelkt.
Es wird in den Himmeln für uns aufbewahrt,
für uns, die wir behütet werden von Gottes Kraft,
weil wir an die Rettung glauben,
die darauf wartet, am Ende der Zeit für alle offen gelegt zu werden.
Deshalb könnt ihr euch freuen,
obwohl ihr jetzt, wenn es denn sein muss, verschiedenartige Prüfungen durchsteht.
(…)
Auch wenn ihr ihn nicht gesehen habt, liebt ihr ihn.
Obwohl ihr den, dem ihr vertraut, jetzt nicht seht, jubelt ihr mit einer Freude,
die nicht mit Worten ausgedrückt werden kann, die im Glanz strahlt,
denn ihr erreicht das Ziel eures Glaubens: euer Leben wird gerettet.
(3)

VII. (Neugeburt)

Guter Hoffnung sein, weil etwas Neues beginnt.
Der Weg dorthin ist ein dunkler Geburtskanal. Da musst du durch.
Und es geht nicht ohne Schmerz und Angst. Es geht nicht ohne das Ausgesetzt sein.
Ohne nicht-sehen und nicht-verstehen.
Nicht ohne das Gefühl, alleine gelassen, verlassen zu sein.

Und doch atmest du,
du atmest, obwohl du nicht weißt, wie das geht.
Du bist da,
du bist da, obwohl du nicht weißt, wie du hierher gekommen bist.
Und bist abgenabelt und suchst tastend nach dem, was dich hält.
Nach dem, der dich hält.  Und er ist da.

Wir werden behütet von der Gottes Kraft,
weil wir an die Rettung glauben.


Da ist eine Hand, die du ergreifst, ohne hinzusehen.
Durchatmen und dann wieder neu laufen lernen.
Schritt für Schritt Dinge tun, für die bisher die Kraft gefehlt hat.
Hinfallen, aufstehen. Weitergehen. Anders als vorher.
Die Schwerkraft ist da.  Der Schmerz auch.  Und der Auferstandene.

Neu gehen. Das Tor durchschreiten. Den Geburtskanal.
Die Angst. Die Hoffnungslosigkeit hinter dir lassen.
Und endlich sehen, was jetzt noch nicht zu sehen ist.
Glauben mit Anfassen.

VIII. (Gerettetsein)

Wie oft kann ein Mensch zu hoffen, obwohl alles dagegen spricht?
Wir oft erträgt es einer, geboren zu werden,
durch die Hölle zu gehen, Schmerz zu ertragen an Leib und Seele?
Wie lange kann man glauben ohne Anfassen, ohne Sehen, ohne Begreifen? 
Und das Leben leben - neu und zerbrechlich und endlich?
Leben als Achterbahn.

Am Ende bleibt die Frage,
warum das überhaupt alles einen Sinn macht
mit dem Vertrauen auf diesen unsichtbaren Gott. 

Ihr erreicht das Ziel eures Glaubens:
euer Leben wird gerettet.


Es gibt ein Ziel.
Bis dahin ist dein Leben wie Geborenwerden
und Laufen lernen und durch die Hölle gehen.
Und immer wieder von vorn anfangen.
Voller Vertrauen und Hoffnung, dass am Ende alles gut sein wird.

Jesus nimmt dich mit. Greift deine Hand und zieht dich mit.
An den tanzenden Bettlern und Lahmen vorbei,
dorthin wo Bäume blühen und Blumen.

Wo Gott dir erklärt, wie alles wirklich ist. 
Wo du dann selig bist, weil du siehst.
Und wo du glaubst. und jubelst
mit einer Freude, die nicht mit Worten ausgedrückt werden kann
.

Amen.


Danach Lied: Wir haben Gottes Spuren festgestellt

(1) Siehe Johannes 20, 19 - 29
(2) Johannes 20,29
(3) 1. Petrus 1,3-9 Übersetzung: Bibel in gerechter Sprache

Dienstag, 23. April 2019

Weniger glaube ich nicht

Predigt zum Ostermontag
Maßloser Himmel, zärtliche Berührung und eine schmerzhafte Lücke.
Mit Worten von Marie Luise Kaschnitz und Jesaja 25

I.
Glauben Sie fragte man mich

An ein Leben nach dem Tode

Und ich antwortete: ja.

(Marie Luise Kaschnitz)

Auch ich glaube an ein Leben nach dem Tod.
Glaube, dass Jesus auferstanden ist - und dass ich auferstehen werde.

Und dann stehe ich gestern morgen auf dem Wallberg in der Morgensonne,
höre von weggerollten Felsen, die das Grab verschlossen haben,
und nun geben sie den Weg frei.
Ich singe die Osterchoräle.
Das Jubeln fällt mir leicht auch bei nicht ganz so sauberen Posaunentönen.
Das Herz ist warm. Die Augen klar gewaschen.
Wir sprechen von Osteraugen. Genießen den neuen Morgen.
Frohe Ostern.
Ja, ich glaube, dass Jesus auferstanden ist. Und der Tod ist besiegt.

II.
Aber dann die Nachrichten aus Sri Lanka.
Es wurden immer mehr Tote. Bomben in Kirchen und Hotels.
Auch die Menschen dort stimmten ein in den Osterjubel, als die Bomben detonierten.
Aus dem Jubel wurde Schreien. Und aus meinem Jubel ein Weinen.

Wie ein Schleier legen sich diese Nachrichten über das Osterlachen.
Und trotzdem denke ich, fühle ich: Nein, jetzt erst recht!
Wenn Ostern nicht auch jetzt wahr ist, dann ist es nie wahr.
Ostern ist doch mehr als Frühlingssonne und Blumenrausch.
Ostern ist auch mehr als ein „Jetzt ist alles gut und das Leben geht weiter“.
Aber was? Wie?

III.
Die Worte von Kaschnitz tragen mich weiter:

Glauben Sie fragte man mich

An ein Leben nach dem Tode

Und ich antwortete: ja

Aber dann wusste ich

Keine Auskunft zu geben

Wie das aussehen sollte

Wie ich selber
Aussehen sollte

Dort

Ich wusste nur eines

Keine Hierarchie

Von Heiligen
auf goldenen Stühlen sitzend

Kein Niedersturz

Verdammter Seelen

Nur

Nur Liebe frei gewordene

Niemals aufgezehrte

Mich überflutend

Kein Schutzmantel starr aus Gold

Mit Edelsteinen besetzt

Ein spinnwebenleichtes Gewand

Ein Hauch

Mir um die Schultern

Liebkosung schöne Bewegung

Wie einst von tyrrhenischen

Wellen

Wie von Worten die hin und her

Wortfetzen

Komm du komm

Schmerzweb mit Tränen besetzt

Berg- und Talfahrt

Und deine Hand

Wieder in meiner

So lagen wir

Lasest du vor

Schlief ich ein

Wachte auf

Schlief ein

Wache auf

Deine Stimme empfängt mich

Entläßt mich und immer

So fort

Mehr also, fragen die Frager

Erwarten Sie nicht nach dem

Tode?

Und ich antworte

weniger nicht.


IV.
Und ich will eigene Worte dazu legen.
Stammelnd. Suchend.

Auch mir fällt es erstmal leichter zu sagen, was das Leben nach dem Tod nicht ist.
Bomben haben da keinen Platz.
Und die Frage: Hast du meine Liebe verdient? Die wird dort nicht gestellt.
Da gibt es keine Atemnot und keine Chemotherapie.
Meine Hände zittern dort nicht mehr - oder doch?
Ich höre dort bestimmt kein „das kannst du ja sowieso nicht“.

V.
Aber ich will mehr als das.

Ich will alles verstehen, was ich jetzt nicht verstehe.
Ich will meine Mutter und meinen Onkel wieder in die Arme schließen
und ihnen sagen, was ich versäumt habe, zu sagen:
Wie dankbar ich ihnen bin und dass ich ohne sie nicht die wäre, die ich bin.

Ich will Erdbeeren und Spargel in allen Variationen
und alle Gedichte auswendig können.
Neue Wortschöpfungen will ich erobern
und die schönste Musik des Himmels hören -
eine geniale Mischung aus Mozart und Jamie Cullum und Adele vielleicht.
Ich will Fingerspitzen auf meiner Haut spüren, die mir sagen, wie einzigartig ich bin.
Und ich will mit meinen Freunden voller Leidenschaft diskutieren - bis tief in die Nacht.
Wir werden nicht müde und wissen, dass wir alle Recht haben.
Mein kranker Freund ist gesund wie früher.

Ich will mit Kindern und Alten in allen Sprachen und Farben lachen und spielen.
Ich will tanzen und meine Füße tun mir nicht weh.
Ich will mich drehen und mir wird nicht schwindelig.
Ich will Felsen erklettern und fliegen und mich dabei ganz leicht fühlen.
Und der Tod ist ein alter Freund, mit dem ich ab und zu im Gras liege
und wir schauen uns die Wolken an und entdecken ihre Formen und Farben.
Wir wissen, dass sie Teil der Ewigkeit sind  und darum lassen wir sie ziehen.

VI.
Glauben Sie fragte man mich

An ein Leben nach dem Tode

Und ich antwortete: ja



Und ich lese dazu Worte von Jesaja:
Und der Herr Zebaoth wird auf diesem Berge allen Völkern ein fettes Mahl machen,
ein Mahl von reinem Wein, von Fett, von Mark, von Wein, darin keine Hefe ist.
Und er wird auf diesem Berge die Hülle wegnehmen, mit der alle Völker verhüllt sind,
und die Decke, mit der alle Heiden zugedeckt sind.
Er wird den Tod verschlingen auf ewig.
Und Gott der Herr wird die Tränen von allen Angesichtern abwischen
und wird aufheben die Schmach seines Volks in allen Landen;
denn der Herr hat's gesagt.
(Jesaja 25,6-8)


VII.
Ich glaube, Jesaja und ich werden gute Freunde.
Eine große Sause bis in die Puppen. Richtig richtig gutes Essen.
Menschen aus nah und fern.
Und nichts mehr, was uns trennt. Kein Schleier, keine Decke.
Alles klar und offen.
Liebevolle Berührung. Zärtliches Tränenabwischen.
Gott reicht mir das Taschentuch und nimmt mich in den Arm
und die Gedemütigten werden aufgerichtet.
Leben nach dem Tod.
Maßloser Himmel.

VIII.
Und jetzt?
Da ist die Lücke zwischen jetzt und dann.
Die ist groß. Viel zu groß.
Und sie tut verdammt weh.
Sie wird immer sein. Da wird hier immer was fehlen.

Darum klammere ich mich daran, dass Jesus bereits auferstanden ist.
Und ich bin überzeugt, dass Gott sein Versprechen wahr macht:
Der Tod ist nicht das Ende.
Auch für mich gibt es ein Leben danach.
Und was nach dem Tod kommt, ist so großartig, dass es mich beflügelt.

Ja, dieses Danach, das blitzt jetzt in mein Leben hinein.
Allen Bomben zum Trotz.
Der Auferstandene ist bei mir.  Er lässt sich nicht mehr vertreiben.
Das Osterlicht ist da. Und es blitzt herein. Jeden Tag.
Jesus sprach mal vom Sauerteig und vom Senfkorn,
die den maßlosen Himmel sichtbar machen.
Er brach Brot, damit wir den Himmel schmecken und die Liebe bereits jetzt leben.

IX.
Also schau ich genau hin und achte auf die Osterlichtmomente.
Die kleinen Lichtfunken, die ich so leicht übersehe.

Der Freund, mit dem ich mich über hunderte Kilometer hinweg, verbunden fühle.
Die schamlos blühende Glyzinie vor meinem Fenster
und der wilde Tanz in der Küche beim Kochen.
Die WhatsApp-Gruppe des Rats der Religionen,
wo wir gemeinsam um die Toten in Sri Lanka trauern.
Und ein Abendmahl im Krankenhaus,
wo eine Patientin trotz ihrer Schmerzen vor Glück lächelt.

In alledem spüre ich, was noch kommen wird.
Maßloser Himmel.
Der wird dann viel schöner und strahlender sein und ganz anders auch.
Aber er trägt mich schon jetzt. Beflügelt. Macht mir Mut zum Leben.
Er ist da, und die

Liebe
frei geworden
e
Niemals aufgezehrt

Mich überflutend


Mehr also, fragen die Frager

Erwarten Sie nicht nach dem

Tode?

Und ich antworte

weniger nicht.


Auch nicht für jetzt.
Amen.

Freitag, 19. April 2019

Am Ende ist alles ganz

Predigt an Karfreitag zu Johannes 19*

(mit Dank an Birgit Mattausch, Sebastian Wolfrum und Keno Heyenga)

I.
Ist das jetzt das Ende?
Maria aus Magdala weint.
Was anderes bleibt ihr nicht mehr, außer zu weinen - und da zu sein.
Dabei ist das doch so viel.

Jesus hatte sie rausgeholt aus ihrer Angst, aus ihrem Kokon,
aus ihrer Erziehung, ihrer Moral .
Endlich ich sein. Geliebt von Gott. Geliebt von ihm.
Steh auf! Rief er.  Heilte ihr Herz.
Teilte seinen Becher mit ihr und das Brot.

Die anderen schauten sie immer noch schräg an.
Wer ist sie schon?
Sie mit ihrer Vergangenheit. Mit ihren Brüchen. Mit ihren Schatten.
Gehört die zu uns?
Aber es kümmerte sie nicht mehr, denn sie war ja bei ihm.
Und nichts konnte sie noch von ihm trennen.
Dachte sie.  Bis heute.

II.
Ist das jetzt das Ende?
Das Ende ihres gemeinsamen Weges?
Sie würde alles dafür geben, wenn sie ihn da runterholen könnte vom Kreuz.
Alles.
Es macht sie wahnsinnig, dass das nicht geht.
Und so steht sie hier und kann nichts tun.

Es ist laut hier.
Die Schreie der Gekreuzigten.Die Schreie der Gaffer und brüllende Soldaten.
Schwere Stiefel. Klirrende Rüstungen. Würfel fallen. Siegesgeschrei.
Maria blendet das alles aus. Hört das alles nicht. Will es nicht hören.
Sie schaut nur auf ihn.
Das kann doch noch nicht das Ende sein.

III.
Das kann noch nicht das Ende sein.
So flehten die Europäer, als sie die brennende Notre-Dame sahen.
Die Pariser sangen auf der Straße Ave Maria. Die Feuerwehrleute gaben ihr Letztes.
Banges Warten.

Das kann noch nicht das Ende sein.
Das fleht die Tochter, die ihre Mutter ins Krankenhaus bringt,
weil der Krebs sich durch ihren Körper frisst.
So vieles noch ungesagt.  So vieles noch vorgehabt.
Und jetzt? Banges Warten.
Ob sie nochmal nach Hause kann?

IV.
Maria steht nicht alleine unter dem Kreuz.
Da sind noch die anderen Marias da - die Mutter von Jesus und die anderen.
Und der eine von den Freunden ist auch da: der steht ihm besonders nahe.
Und der Sterbende spricht zu ihnen:
Frau, siehe, das ist dein Sohn!  Siehe, das ist deine Mutter!
Ihr gehört zusammen. Bleibt beieinander.
Tragt zusammen, was für eine allein zu schwer ist.
Liebesmanifest im Tod.
Mitten in Lärm und Geschrei.

Da stellen sich welche zueinander.
Eine legt den Arm um den anderen.
Tastet noch im Dunkeln nach seiner Hand.
Einer schickt immer eine Blume zum Jahrestag.
Eine kocht eine Suppe für die, die Kraft braucht.
Eine andere betet.

V.
Ist das jetzt das Ende?
Schreie verstummen und das Laute wird leise.
Mich dürstet, sagt der Sterbende.
Ausgetrocknete Kehle. Menschlich durch und durch.
Kein ferner Gott, der zuschaut. Dieser Gott ist mittendrin.
Das Kind in der Krippe.
Der Heiler in der Synagoge.
Der Tische-Umwerfer im Tempel.
Der mit seinen Freunden das Brot teilt.
Der Flehende und Weinende im nächtlichen Garten Gethsemane.

Wahrer Mensch.
Er hat Durst und Hunger wie ich.
Er sehnt sich wie ich nach zärtlicher Berührung und nach einem neuen Morgen.
Er will mit jeder Faser seines Körpers leben und weiß doch, dass er nun sterben wird.
Der Tod ist das menschlichste und das unmenschlichste zugleich.
Weil er uns wegreißt und auseinanderreißt - und weil er das Ende ist.

VI.
Es ist vollbracht.
Worte, um die ich ringe - die ich nie wirklich verstehe.
Und ich habe sie in Verdacht, dass sie mich vertrösten wollen.
Alles ist gut so? Alles soll so sein?
Nein, dieser Tod am Kreuz soll nicht so sein.
In mir sträubt sich alles dagegen.
Kein Mensch kann das wirklich wollen. Und kein Gott.

Aber nun sind sie da, diese Worte: Es ist vollbracht.
Und ich schaue auf diesen wahren Menschen,
Der noch im Sterben Liebende zusammenbringt,
der dafür sorgt, dass da welche beieinander stehen,
einander halten und stützen.

Und ich sehe, dass dieser Tod nicht auseinander reißt, sondern zusammenführt.
Er führt Gott hinein, wo es dunkel ist.
Wo nichts mehr ist, wo wir an unser Ende kommen: da ist Gott.
Er drückt sich nicht vor diesem Dunkel.
Ist nicht nur für das Helle zuständig - für den Erfolg oder das Schöne.
Nein, er ist gerade da, wo die Narben sind,
die Brüche, die Schatten - das, was mir Angst macht.
Da ist er - der Liebende, der Zusammenbringende.
Er hält das aus. Und er hält mich aus. Voll und ganz.

VII.
Es ist vollbracht.
Dieses auseinandergerissene, abgebrochene Leben ist vollbracht.
Es ist ganz und gar. Es ist vollständig.
Alles was vorher Liebe war ist immer noch voller Liebe.
Schmerzen und Wunden werden nicht ausgeblendet, sondern sind ein Teil von Gott.
Da ist kein Makel dran, auch wenn die Umstehenden nur Makel sehen.
Jede Narbe macht dieses Leben vollständig. Jede Schwäche macht es komplett.
Weil sie ein Teil von Gott ist.

Es ist vollbracht.
Worte, die beschädigtes Leben heiligen - ihm die Würde zurückgeben.
Unperfektes wird vollkommen geheißen, Abgebrochenes rehabilitiert.
In aller Zerrissenheit bleibt es ganz wie das Tuch, um das die Soldaten würfeln.

VIII.
Es ist vollbracht.
Gott lebt und stirbt die Liebe.
Und da steht nun Maria aus Magdala unter dem Kreuz.
Sie mit ihren Brüchen und ihren Schatten un die so schräg angeschaut wird.
Sie steht da und hält die anderen im Arm.
Auch ihr Leben ist vollbracht.  Er hat es vollkommen gemacht,
weil er mit ihren Schatten und Brüchen und den Beschädigungen am Kreuz ist.
Ihr Weg ist sein Weg. Mit Lärm und Blut und Rissen in der Seele.
Ihr Leiden ist sein Leiden. Ihr Tod ist sein Tod.
Da ist keine Trennung, kein Riss, sondern Liebe mit allen Schatten und Brüchen.
Und nichts kann sie von ihm trennen.

IX.
Es ist vollbracht.
Und darum steht Maria mit den anderen nicht alleine da unterm Kreuz.
Der sterbende Gott, der wahre Mensch steht bei ihnen.
Er umarmt sie, hält ihre Hand, stützt sie.
Er weint mit ihnen, klagt und schreit und schweigt mit ihnen.
Er singt mit den Parisern das Ave Maria
und bangt mit der Tochter um ihre Mutter im Krankenhaus.
Der Mutter streicht er über die Stirn und hält sie ganz fest im Arm.

Ist es jetzt das Ende?
Ja.
Aber am Ende ist er da.
Am Ende geht er in die absolute Dunkelheit.
Am Ende gibt es keinen gottlosen Ort mehr, weil er auch dort ist.
Am Ende ist alles ganz.
Es ist vollbracht.
Amen.



* Textgrundlage:

Da nahm Pilatus Jesus und ließ ihn geißeln. Und die Soldaten flochten eine Krone aus Dornen und setzten sie auf sein Haupt und legten ihm ein Purpurgewand an und traten zu ihm und sprachen: Sei gegrüßt, König von Israel!, und schlugen ihm ins Gesicht.
Und Pilatus ging wieder hinaus und sprach zu ihnen: Seht, ich führe ihn heraus zu euch, damit ihr erkennt, dass ich keine Schuld an ihm finde. Da kam Jesus heraus und trug die Dornenkrone und das Purpurgewand. Und Pilatus spricht zu ihnen: Seht, welch ein Mensch!
Als ihn die Hohenpriester und die Diener sahen, schrien sie: Kreuzige! Kreuzige! Pilatus spricht zu ihnen: Nehmt ihr ihn hin und kreuzigt ihn, denn ich finde keine Schuld an ihm. Sie antworteten ihm: Wir haben ein Gesetz, und nach dem Gesetz muss er sterben, denn er hat sich selbst zu Gottes Sohn gemacht.


Als Pilatus das hörte, fürchtete er sich noch mehr und ging wieder hinein in das Prätorium und spricht zu Jesus: Woher bist du? Aber Jesus gab ihm keine Antwort.
Da sprach Pilatus zu ihm: Redest du nicht mit mir? Weißt du nicht, dass ich Macht habe, dich freizulassen, und Macht habe, dich zu kreuzigen?
Jesus antwortete: Du hättest keine Macht über mich, wenn es dir nicht von oben gegeben wäre. Darum begeht, der mich an ausgeliefert hat, das größere Unrecht.
Von da an versucht Pilatus, ihn freizulassen.
Die Vertreter der jüdischen Obrigkeit aber schrien: Lässt du diesen frei, so bist du nicht mehr dem Kaiser treu; wer sich zum König macht, der ist gegen den Kaiser. Da Pilatus diese Worte hörte, führte er Jesus heraus und setzte sich auf den Richterstuhl an der Stätte, die da heißt Steinpflaster, auf Hebräisch Gabbata.

Es war aber der Vorbereitungstag für das Passafest, um die sechste Stunde. Und er spricht zu den Vertretern der jüdischen Obrigkeit: Sehet, euer König! Sie schrien aber: Weg, weg mit ihm! Kreuzige ihn! Spricht Pilatus zu ihnen: Soll ich euren König kreuzigen? Die Hohenpriester antworteten: Wir haben keinen König außer dem Kaiser. Da überantwortete er ihnen Jesus, dass er gekreuzigt würde.

Sie nahmen ihn also, und er trug selber das Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, auf Hebräisch Golgatha. Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere zu beiden Seiten, Jesus aber in der Mitte.
Pilatus schrieb auch eine Aufschrift und setzte sie auf das Kreuz; und es war geschrieben: Jesus von Nazareth, König des jüdischen Volkes. Viele Menschen aus seinem Volk lasen diese Aufschrift, denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt. Und es war geschrieben in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache. Da sprachen die jüdischen Hohenpriester zu Pilatus: Schreibe nicht: Der König des jüdischen Volkes, sondern dass er gesagt hat: Ich bin König des jüdischen Volkes. Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.

Die Soldaten aber, da sie Jesus gekreuzigt hatten, nahmen seine Kleider und machten vier Teile, für jeden Soldaten einen Teil, dazu auch den Rock. Der aber war ungenäht, von oben an gewebt in einem Stück. Da sprachen sie untereinander: Lasst uns den nicht zerteilen, sondern darum losen, wem er gehören soll. So sollte die Schrift erfüllt werden, die sagt (Psalm 22,19): »Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben über mein Gewand das Los geworfen.« Das taten die Soldaten.

Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und die Schwester seiner Mutter, Maria, die Frau des Klopas, und Maria aus Magdala. Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn! Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.

Danach, als Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er, damit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet. Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und legten ihn um einen Ysop und hielten ihm den an den Mund. Da nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht. Und neigte das Haupt und verschied.


Sonntag, 10. März 2019

Den Himmel durchschritten

Gnadenthron und leere Hände und ein offener Himmel
Predigt zu Hebräer 4, 14-16 


(Ich hatte große Mühe mit diesem Text aus dem Hebräerbrief. Doch dann stieß ich auf die Predigten von 2 Freundinnen: Birgit Mattausch* und Marei Röding. Ich entlieh mir von ihnen einige Worte und Satzkombinationen und die Grundidee, den Vers 15 zu erzählen und meine Geschichte und damit zu verweben - und ich strickte die Worte weiter. Das ist dann daraus geworden. Danke an Birgit und Marei!
Als ich sie dann heute gehalten habe, habe ich sie vor allem für meinen Freund aus R. gehalten.)


14 Weil wir denn einen großen Hohenpriester haben,
Jesus, den Sohn Gottes,
der die Himmel durchschritten hat,
so lasst uns festhalten an dem Bekenntnis.
15 Denn wir haben nicht einen Hohenpriester,
der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit,
sondern der versucht worden ist in allem wie wir,
doch er hat widerstanden.
16 Darum lasst uns freimütig hinzutreten zu dem Thron der Gnade,
auf dass wir Barmherzigkeit empfangen
und Gnade finden
und so Hilfe erfahren zur rechten Zeit.


I.
Einer hat die Himmel durchschritten.
Einer ist durch alle Himmel gegangen noch heute und auch morgen.
Aber er bleibt nicht da oben. Dafür kennen wir ihn zu gut.

Wir haben ihn gesehen, neulich im Stall in Bethlehem,
ein kleines Kind, ein Säugling, bedürftig und hilflos.

Jahre später haben wir ihn mit seinen Eltern in Jerusalem gesucht.
Fanden ihn nach drei langen Tagen.
Er schaute uns an und schien nichts zu verstehen.

Wir standen mit ihm am Jordan,
tauchten mit ihm unter Wasser.
und wir sahen den Himmel offen.

In die Wüste gingen wir mit ihm.
Hinauf zur Zinne und auf einen hohen Berg, wo ihm die ganze Welt zu Füßen lag.
Und der Teufel ihm einflüsterte: "das kannst du alles haben". 

Er ist versucht worden in allem wie wir,
doch er hat widerstanden


II.
42 Tage bis Ostern,
42 Tage, in denen wir diesen Hohepriester begleiten bis in die Hölle.
Wir werden sehen, wie er Wasser in Wein verwandelt.
Werden mit ihm zu einem Brunnen gehen.
Er wird mit einer Frau sprechen und alles verstehen.
Wird essen mit Zöllnern und Sünderinnen.
Er wird schlafen im Sturm.
Wird lernen von anderen.
Wir werden ihn weinen sehen.
Um einen Freund.
Und mit den Traurigen.
Er wird Brot vermehren und Augen auftun.
Wird lachen und jubeln.
Und er wird wütend sein und Tische umwerfen und Dämonen austreiben.

III.
Einer hat die Himmel durchschritten.
Auch meine Himmel. Und meine Höllen.
Durch mein Leben ist er gegangen.

Er war bei meiner Geburt dabei.
Hockte im Barmbeker Krankenhaus bei meiner Mutter
und wischte ihr den Schweiß von der Stirn.
Er war bei mir, als ich - 8 Jahre alt - 6 Wochen in einer Kur war. Krank vor Heimweh.
Und man sagte mir, ich dürfe nicht weinen, um die anderen nicht anzustecken.
Aber er, der Hohepriester, war da,
nahm mich in den Arm und trocknete meine Tränen.

Jahre später drohte ich ihn zu verlieren.
Die Strenge meines Konfirmators erstickte meine Fragen.
Aber ich hörte die Stimme des Hohepriesters in mir: „schlag die Tür nicht zu!“
Und er schien alles zu verstehen.

Er blieb bei mir.
Erfüllte mich mit Liebe und Sehnsucht.
Stand mit mir an der Elbe, am Neckar, an der Enz.
Und ich sah den Himmel offen.

In die Wüste geht er auch mit mir.
Hält meinen Zweifel aus und meine Wut.
Weint mit mir und lacht mit mir.
Ihm vertraue ich meine Kinder an.
Ich übe, mich ganz fallen zu lassen - in ihn.
Und weiß: auch wenn ich das nicht kann - er ist da.
Und er war letzten Samstag mit mir in R.,
wo ich einen todkranken Freund besuchte.
Ja, dieser Hohepriester begleitet mich durch die Welt.
40 Tage bis an ihr Ende.

Und 42 bis zum Anfang von allem.

Denn wir haben nicht einen Hohenpriester,
der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit.


IV.
42 Tage bis Ostern.

Er wird in Betanien Brot und Wein teilen.
Wird in Gethsemane beten - einsam, verzweifelt, voller Angst.
Sie werden ihn verraten, verspotten, misshandeln, kreuzigen.
Ja, wir werden Jesus leiden sehen.

Er wird in die Hölle steigen, die nur wir Menschen uns bereiten können.
Er wird gefoltert in den libyschen Flüchtlingslagern und im Mittelmeer ertrinken.
Er wird nach Afghanistan abgeschoben und eine Tretmine wird ihn töten.
Richter und Behörden interessieren sich nicht für sein Schicksal.
Sie opfern ihn für unser vermeintliches Wohlergehen.
Und für den Erfolg an den Wahlurnen.

Wir haben nicht einen Hohenpriester,
der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit


V.
Dieser Hohepriester lässt mich nicht allein.
Und die im Mittelmeer und in Afghanistan auch nicht.
Und auch nicht die um ihr Leben bangen in den Krankenhäusern und zuhause.
Er kennt die Hölle in- und auswendig.
Auch in ihr sind wir nicht ohne ihn.
Der Himmelstürmer, das Kind im Stall, der Heiler, der Sterbende - 
sein Himmel breitet sich aus über alle Abgründe dieser Welt.

Wir haben aber einen großen Hohepriester,
Jesus, den Sohn Gottes, der die Himmel durchschritten hat


Die Hölle kann ihn nicht aufhalten.
Der Himmel öffnet sich für ihn.
Und er öffnet die Himmel für uns.
Schon heute. Und jetzt.
Und nimmt uns mit.

VI.
Und dort nehmen wir Platz.
Ruhen aus.
Vor seinem Gnadenthron.
Nicht erst morgen, sondern schon heute.
Hier sind wir.
Mit viel zu kleiner Kraft und verzagtem Herzen,
Mit Angst und Zweifel.

Ich habe meinen Freund aus R. dabei,
den ich letzten Samstag vielleicht das letzte Mal in den Arm genommen habe.
Und hier stehen auch die, die wir übersehen:
Die Getretenen, Misshandelten,
die Sterbenden und die Traurigen.

Ja, wir alle ruhen aus vor diesem Gnadenthron.
Dort wird alles gut.
Der Hohepriester nimmt unsere Hände.
Richtet uns auf.
Weil hier alles Leben anfängt

Dieser Gnadenthron - golden oder vielleicht voller Staub -
er steht hier in der Kirche.
Oder bei dir im Wohnzimmer.
Am Bett im Krankenhaus oder im Rettungsschiff.
Überall dort, wo Gnade ist.
Und Mitgefühl.
Und Hilfe.
Dort, wo der Hohepriester, wo Jesus ist.

Und dort stehen wir - aufrecht.
Neuer Anfang. 42 Tage bis Ostern.
Wir strecken unsere Hände aus.
Sie sind leer.
Wir bekommen hineingelegt Mitgefühl.
Wir bekommen Gnade.
Und Hilfe.
Wir bekommen, was wir brauchen zur rechten Zeit.
In genau diesem Moment.


*) sehr empfehlenswerter Blog: https://frauauge.blogspot.com/

Montag, 25. Februar 2019

Brief an den Frieden

Beitrag vom 24.2.2019 zum Poetry- und Preacherslam in der Markuskirche 
anlässlich des Gedenktags zur Bombardierung Pforzheims (23.2.)

Gestern hab ich dich gesehen.
Auf dem Marktplatz.
Da standest du auf der Bühne
Hand in Hand mit Ahmet und Eylem,
mit Selina und Andrew und mit Bernhard.

Und  mittendrin bei den vielen auf dem Platz,
da hab ich dich auch gesehen.
Mit der Kerze in der Hand.
Ihr Licht vor dem Wind schützend.
Hast du auch so gefroren wie viele von uns?
Und was hast du gedacht,
als die Glocken läuteten -
In den 20 Minuten?
(20 Minuten sind wirklich lang - da kommen viele Gedanken!)

Ich habe gestern an dich gedacht.
Es geht dir nicht gut.
Weil immer noch Bomben fallen.
Die immer noch Städte zerstören.
Und die immer noch Menschen töten.
Und weil immer noch Bomben hergestellt werden.
Und Panzer und Minen und Waffen.
Und weil damit immer noch sehr sehr viel Geld verdient wird.
„Man hat ja noch niemals versucht, den Krieg ernsthaft zu bekämpfen.“
(Kurt Tucholsky)

Du musst ertragen, dass in deinem Namen gefoltert wird.
Da sitzt du mit deinen Schwestern „Freiheit“ und „Gerechtigkeit“ in einem Boot.
Man benutzt euch, um Mauern zu bauen und Uniformen anzuziehen.
Der Krieg wird zu einem Spiel,
an Bushaltestellen und in Schulen wird dafür geworben.
Heute wieder.
Obwohl wir doch mal sagten: Nie wieder.

Führen und Folgen?
False flag?
Fortress for freedom?
Fauler Frieden?
Friedliche Folter?
Fakenews und Furcht?
Nein, das bist du nicht. Frieden.

Vielleicht bist du klein. Unscheinbar.
Vielleicht auch altersschwach.  Oder mickrig.
Vielleicht hast du graue Haare oder Falten.
Vielleicht bist du auch immer noch zu jung.
Aber du trägst keine Uniform und kein Gewehr.
Du verträgst keinen Hass und keine Gewalt.
Du bist zart und verletzlich und warm.
Und wir brauchen dich.
Immer. Und immer wieder.

Ich vermisse dich,
wenn menschenverachtende Fackelträger auf dem Wartberg stehen.
Wenn in ihrem Deutschland kein Platz ist für geflüchtete Menschen.
Ich vermisse dich, wenn diese auch noch als friedlich deklariert werden.
Nur weil sie sich an die Ordnung halten - und ruhig sind.
Das bist nicht du.
Und ich - ich fang an zu frieren.

Ich vermisse dich, wenn Maria vom Kulturhaus Hassmails bekommt,
weil sie ein Konzert gegen Rechts veranstaltet.
Ich sorge mich um dich, wenn Lügen verbreitet werden
über das ach so gefährliche und heruntergekommene Pforzheim.
Man hetzt auf rechten Seiten gegen Menschen,
die keine deutschen Eltern haben.
Hetzt gegen Künstler, die dagegen halten.
Und ich - ich fang an zu frösteln.

Bitte, verkriech dich nicht.
Verkriech dich nicht vor dieser Kälte, die sich in unserem Land ausbreitet.
Krieche lieber in unsere Herzen.
So wie beim Konzert gegen Rechts vor 11 Tagen.
Oder wie vorgestern hier beim Poetry-Slam.

Und so wie gestern auf dem Marktplatz.
Da hab ich dich gesehen.
Auf der Bühne
Hand in Hand mit Ahmet und Eylem,
mit Selina und Cebrail und mit Bernhard.
Und mit der Kerze in der Hand.
Ihr Licht vor dem Wind schützend.
Da warst du da.

Nur mit dir gibt es eine Zukunft.
Und die heißt:
Wir leben. Wir leben zusammen. Wir leben miteinander.
Voller Respekt. Und mit allen Unterschieden.
Aber wir wissen, dass wir uns brauchen.

Ja, gestern warst du da, lieber Frieden.
Auf dem Marktplatz.
Mit dem Licht in der Hand.
Zitternd vor Kälte. Warm im Herzen.
Gestern warst du da.
Und heute bist du hier.
Und morgen?
Ich halte Ausschau nach dir.

Sonntag, 10. Februar 2019

Seenotrettung und ein Gott, der da ist

Predigt zu Markus 4,35-41 (Sturmstillung)
 
Im dazugehörigen Gottesdienst habe ich C., eine junge Frau von 31 Jahren, getauft. Sie erzählte mir im Gespräch, was sie in den letzten 6 Jahren durchgemacht hat und wie sie zum Entschluss gekommen ist, sich taufen zu lassen. (Und natürlich habe ich sie gefragt, ob ich das so in der Predigt ansprechen darf). Ihren Taufspruch aus 1.Kor 15,10 hat sie sich selbst gewählt: Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin. Im Gottesdienst habe ich sie gesiezt, aber hier möchte ich "du" zu ihr sagen. Mich hat ihre Geschichte und ihre Entschlossenheit sehr berührt.

Da ich diesen Gottesdienst sehr kurzfristig angenommen habe, war ich froh über die guten Inspirationen und Wörter-Angeboten die ich von folgenden Personen bekommen habe: Friedericke Goedicke, Elisabeth Rabe-Winnen, Michael Greßler und Herbert Grönemeyer (im Text mit blau markiert). Irgendwie ist dadurch was Gemeinsames entstanden. Danke euch!


Text von Markus 4,35-41 siehe unten (1)

I.
Sie sind unterwegs im Boot.
Fahren zur anderen Seite des Sees.
Schnell weg von hier.
Endlich ankommen.
Endlich mal wieder zur Ruhe kommen.
Auch Jesus scheint erschöpft zu sein.
So viele, die was von ihm wollten.
Und so viel, was er zu sagen hatte.

Jesus legt sich hin und schläft.
Seine Freunde werden es schon packen.
Er vertraut sich ihnen an.
Er, der Retter, schläft.
Auf dem alle Hoffnung ruht, ruht selbst.

II.
Anders die Seenotretter im Mittelmeer.
Sie ruhen nicht freiwillig.
Sie werden zur Ruhe gezwungen.
Die Mission Lifeline wartet im Mittelmeer mal wieder,
überhaupt retten zu dürfen.
Europa macht die Schotten dicht.
Und dennoch machen sich viele auf den Weg
zum anderen, zum rettenden Ufer.
Gerade jetzt unter denkbar schlechtesten Bedingungen.
Und die Seenotretter dürfen nicht rausfahren.

III.
Jesus fährt raus mit seinen Freunden.
Es waren noch andere Boote bei ihm.
Andere Boote.
Boote auf dem See Genezareth, Boote auf dem Mittelmeer.
Kleine Boote, mal mehr, mal weniger seetüchtig.

Am Anfang denken sie, alles geht gut.
Der See ist ruhig. Das Ufer in Sicht.
Alles im Griff.

Aber der Wind dreht sich.
Der Himmel heult.
Hohe Wellen. Graue Wogen.
Stürzen von Tal zu Tal. (2)
Plötzlich wird aus ruhigen Handgriffen Hektik.
Eigentlich sind die Jünger erfahrene Fischer.
Sie kennen die Tücken des Sees.
Aber diesmal ist es anders.
Es ist richtig dunkel, keine Sterne mehr zu sehen.
Gischt im Gesicht, die Hände kalt.
Die Gewalten gegen sich.
Der Kurs geht verloren – das Selbstvertrauen auch.
Selbst die geübtesten Fischer haben jetzt Angst.

Sie beten, schreien, flehen.
Jesus?
Er merkt es nicht – sie müssen ihn wecken.

IV.
Du, C., kennst die großen grauen Wogen,
die über dir hereinbrechen können.
Du weißt, wie es ist, wenn man nicht mehr weiter kann,
sich ausgeliefert fühlt.
Die flehentliche Bitte „Herr, hilf“.
Und die Angst, zu versinken
und nicht mehr ans rettende Ufer zu gelangen.
Auch du musstest ihn wecken.
Zunächst den Arzt, der dir nicht glauben wollte, dass du Hilfe brauchst.
Dann Gott.
Du hast ihn geweckt.
Energisch.
Mit anderen Worten als die Jünger von Jesus.
Aber vermutlich genauso verzweifelt.

V.
Die Jünger rütteln Jesus wach.
Meister, fragst du nichts danach, dass wir umkommen?
Und es ist gut, dass sie ihn wecken.
So wie es gut war, dass du, C., Gott geweckt hast.
Meister, fragst du nichts danach, dass wir umkommen?
Kein frommes Gebet.
Kein: Dein Wille geschehe.
Manchmal braucht es andere Worte.
Verzweifelte, laute Worte.

Wo bist du denn nur, Gott?
Du schläfst - und ich sterbe vor Angst.
Oder vor Traurigkeit.
Oder ich bin wirklich am Sterben. Todkrank.
Oder in Lebensgefahr wie die auf ihren Booten im Mittelmeer.
Wach endlich auf!

Übernimm die Wacht,
Bring mich durch die Nacht.
Rette mich durch den Sturm.
Fass mich ganz fest an.
Bis ich mich halten kann.
Bring mich zu Ende.
Lass mich nicht wieder los.


Ja, betet ruhig so.
Betet genau so.
Weckt Jesus!
Weckt Gott!
Ruft. Schreit, wenn ihr müsst.
Rüttelt ihn auf.
Packt seine Schultern.

VI.
Und er stand auf und bedrohte den Wind
und sprach zu dem Meer: Schweig! Verstumme!
Und der Wind legte sich und es ward eine große Stille.


Schweig. Verstumme.
Worte wie Rettungsringe.
Mitten im Sturm ein „Ich bin da“
Mitten im Dunkel merken - mein Schreien wird gehört.
Es gibt jemanden, den ich wecken darf.
Mitten in der Angst ein „Fürchte dich nicht!“.
Mitten drin ist Gott da.
Für mich.
Im Auge des Sturms.
Mit im Boot.
Gott ist mit auf allen Booten.
Gegen den Sturm und gegen die Angst der Nacht.

VII.
Auch für dich, C., war da dieser andere Moment:
Das kleine rettende Gebet.
Eine Hand, die dich stützte.
Ein Wort, das gut tat.
Jemand, der zuhörte.
Da war es dann da, dieses Gefühl, oder besser die Gewissheit:
Ich bin nicht allein.
Gott lässt mich nicht im Stich.
Er sitzt mit mir in einem Boot und hält mich.
Durch seine Gnade bin ich, was ich bin.
Durch seine Liebe.
Durch seine Zuneigung, für die ich nichts tun muss,
nicht anders sein muss.
In seinen Augen bin ich richtig so, wie ich bin.
Ich bin es ihm wert, dass mich die dunklen Wellen nicht verschlingen.
Rettendes Gnadenwort.

VIII.
Schweigt, ihr tosenden Wellen.
Verstumme, du wilder Sturm.
Gesprochen von dem einen, der mit im Boot sitzt.
Der an meiner Seite sitzt.
Sätze, die ich brauche, wenn mich die Wogen überwältigen.

Und dieser spricht weiter und fragt mich und dich:
Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben?
Ich höre keinen Vorwurf,
ich höre eher ein Staunen:
Du hast Angst?
Ich habe geschlafen, weil ich dir zutraue,
dass du das Boot durch die Wellen führst.
Dass du es schaffst.
Ich vertraue dir.
Hab keine Angst.

Was seid ihr so furchtsam?
Da höre ich auch Zuspruch und Trost:
Fürchte dich nicht, ich komm‘, wenn du rufst. Immer.
Ich gehe nicht weg – nicht des Nachts, nicht im Sturm.
Wenn du mich nicht siehst, such mich.
Vielleicht musst du mich wecken – aber ich bin da.
Du bist mein geliebtes Kind.
Und ich bin dein Gott.
Auch im Dunkeln. Gerade dann.

IX.
Ja, es gibt einen, den kann ich rufen.
Rufen, damit er den Sturm stillt.
Einer, der aufsteht – für mich.
In den Stürmen und Wartezimmern dieser Welt.
Einer, den ich wecken darf.
Der lässt sein bequemes Kissen liegen und ist da, für mich.
Sitzt hier an den Tischen der Vesperkirche.
Hält die runzligen Hände der alten Menschen in Pflegeheimen.
Und er wartet mit den Seeleuten auf der Mission Lifeline darauf,
dass sie endlich rausfahren dürfen.

Und mich schickt er auch los.
Aufs Meer, auf den See.
Hin zu den anderen Booten, die da noch sind.
Und fragt mich:
Hörst DU die, die schreien?
Stehst DU auf und tust, was in deiner Macht steht?
Tu es. Du bist auch dabei nicht allein.

Jesus ist mit im Boot.
Gott ist mit im Boot.
Er ist da, wo die Angst ist.
Im Boot und am Meeresgrund.
Geht mit.
Durch den Sturm, durch die Angst und in den Tod.
Und selbst er ist erschöpft.
Und er selbst fragt: Mein Gott, warum?
Wahrer Mensch.
Und wahrer Gott.

X.
Auf seinen Namen sind und werden wir getauft.
Damit wir mit ihm in einem Boot sind.
Und aufstehen und den Sturm zum Schweigen bringen.
Fragen und Zweifel - sie verstummen nicht.
Aber Gott bleibt.
Jesus bleibt.
Und ist da. Mitten im Sturm.
Und er sagt zu dir, liebe C.:
Durch Gottes Gnade bist du, was du bist.

Und zu uns allen:
Fürchtet euch nicht.

Amen.

(1)
Und am Abend desselben Tages sprach er zu ihnen: 
Lasst uns ans andre Ufer fahren.
Und sie ließen das Volk gehen
und nahmen ihn mit, wie er im Boot war,
und es waren noch andere Boote bei ihm.
Und es erhob sich ein großer Windwirbel,
und die Wellen schlugen in das Boot,
sodass das Boot schon voll wurde.
Und er war hinten im Boot und schlief auf einem Kissen.
Und sie weckten ihn auf und sprachen zu ihm:
Meister, fragst du nichts danach, dass wir umkommen?
Und er stand auf und bedrohte den Wind
und sprach zu dem Meer: Schweig! Verstumme!
Und der Wind legte sich und es ward eine große Stille.
Und er sprach zu ihnen:
Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben?
Und sie fürchteten sich sehr und sprachen untereinander:
Wer ist der, dass ihm Wind und Meer gehorsam sind!


(2) Aus "Land unter" von Herbert Grönemeyer vom Album "Chaos" von 1993