Sonntag, 25. September 2022

Unperfekte Supergirls und -boys

Von Fanny, Tilda, Oskar und Paulus

Predigt zu Brief an die Galater 5,25 – 6,10

(kursiv gesetzte Zitate sind dem Predigttext entnommen)


1. Anders sein

Fanny isst gerne Vanille-Eis. Sie kennt die Geschichten von Superman auswendig und weiß, dass er un1d seine Cousine von einem anderen Planeten, vom Krypton kommt. Morgens ist Fanny immer Müsli, in die Schule nimmt sie immer ein Toastbrot mit - mit Butter von Sommerglück - und eine Karotte in Folie eingewickelt. Mittags isst sie immer Nudeln von Giulia mit Ketchup von Hans. Und nur das. Zur Not geht auch Vanilleeis.

Fanny hasst es, wenn jemand lügt. Sie erträgt es nicht, wenn man sie anfasst ohne sie zu fragen. Sie liebt das Lied von der Biene Maja und denkt viel nach. Sie versucht die Menschen um sich herum zu verstehen, aber es gelingt ihr nicht. Sie will ihnen glauben, dass sie es gut mit ihr meinen. Aber oft tun sie es nicht. Die Nachbarskinder mobben sie und lachen: Hey, Fanny, wie siehst du denn heute aus? Und dann verzweifelt sie, weiß aber nicht, was sie tun kann. Wenn sie nicht mehr weiterweiß, krabbelt sie unter die Matratze ihres Betts und klopft auf den Bettrahmen, dreht das Lied von der Biene Maja laut auf. Oder sie geht in den Bauwagen, der im Garten steht. Dort sind alle ihre Superman-Bücher. 
Fanny ist 8 Jahre alt und sie ist autistisch.

Ein jeder wird seine eigene Last tragen.

2. Normal sein wollen

Seit über einem Jahr trägt Fanny einen Supergirl-Anzug, den ihr ihre Mutter zum Fasching genäht hatte. Und sie trägt nur den.
Fanny weiß, dass sie anders ist als die anderen Kinder. Sie will so sein wie sie. Aber sie kann es nicht. Und so ist sie für die anderen zwar keine Systemsprengerin, aber ein Fehler im System. Wegen ihr muss die Lehrerin manchmal den Unterricht unterbrechen. Und die anderen Kinder lachen über ihren Anzug. Eines Tages kommt sie im Schlafanzug in die Schule, weil ihre Eltern sie baten, mal was anderes anzuziehen. Da lachten sie noch mehr. In der Schule hat Fanny aber keine Matratze, unter die sie krabbeln kann.

Der Vater hat einen guten Job, ist dadurch aber viel weg. Wenn er zuhause ist, ist er derjenige, der mit Fanny reden kann und er bringt Ruhe hinein. Aber meistens ist die Mutter, Tilda, alleine zuständig. Sie war mal Flugbegleitering. Nun arbeitet sie bei einer Autovermietung und sorgt dafür, dass Fanny den Rhythmus hat, den sie braucht - und sie versucht sie zu schützen. Und hat das Gefühl, sie ist die einzige, die das tut.

Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.

3. Alles richtig machen

Fannys Mutter Tilda sträubt sich heftig gegen professionelle Hilfe. Sie hat Angst vor Psychologinnen und Psychiatern, weil ihre eigene Mutter psychisch krank war. Sie will alles richtig machen, will, dass alles „normal“ ist. Tilda setzt sich dadurch unter so großen Druck, dass sie selber immer öfter zusammenbricht. „Ich will endlich mal was tun, was ich richtig gut kann,“ sagt sie zu ihrem Mann. „Mutter sein kann ich nicht. Aber in meinem früheren Beruf Flugbegleiterin - da war ich richtig gut.“

Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.

4. Gemeinde sein

Alles richtig machen - das wollen die Christen und Christinnen in Galatien auch. Sie wollen gleich sein, wollen sich an die Regeln halten, die es seit jeher für Gottgläubige gab. Beschneidung, Essen, Fasten - alles, was es so gab, um dazu zu gehören. So war halt das System.

Paulus hält das für falsch. Niemand soll er erst Jude werden müssen, um Christ zu sein. Die Christen und Christinnen sollen unterschiedlich sein dürfen. Es sind ja Sklavinnen und Bürger, Frauen und Männer, Familienoberhäupter und Kinder, Schwarze und Weiße. Niemand von ihnen ist wichtiger oder besser als die anderen. Die Hierarchien, die sie aus ihrer Umwelt kennen, die soll es in der Gemeinde nicht geben. Die weltlichen Maßstäbe zählen nicht. Was zählt, ist: wir müssen gar nichts tun, um liebenswert zu sein, um richtig zu sein. Jeder und jede ist ein Geschenk Gottes - wertvoll und von Gott geliebt. Gehört zu Gott. Mit Geist erfüllt.

Denn wenn jemand meint, er sei etwas, obwohl er doch nichts ist, der betrügt sich selbst.

Wer glaubt, er oder sie ist die einzige und müsse alles alleine können, täuscht sich. Und überfordert sich selbst. Wie Tilda. Gefangen in einem Teufelskreis aus Normalseinwollen und alles richtigmachen und Druck von außen und sich nicht helfen lassen können. Wie gut kenne ich das von mir.

Gott hat dich lieb, so wie du bist. Sagt Paulus zu Tilda.
Gott hat dich lieb, so wie du bist. Sagt Paulus zu Fanny.
Gott hat Fanny lieb, so wie sie ist. Sagt Paulus zu Tilda und zu den Nachbarskindern.
Seid füreinander da. Ihr braucht euch doch. Niemand muss es alleine schaffen. Niemand kann es alleine schaffen. Zeigt das, sagt Paulus. Zeigt, wie gut ihr euch ergänzt. Zeigt, dass ihr Gottes Kinder seid. Unterstützt euch. Stärkt euch und tragt eure Lasten gemeinsam.

Lasst uns aber Gutes tun und nicht müde werden;
denn zu seiner Zeit werden wir auch ernten, wenn wir nicht nachlassen.



5. Füreinander da sein

Eines Morgens trifft Fanny in ihrem Bauwagen auf einen alten Mann. Es ist Oskar, ihr Opa. Ihre Mutter Tilda hat ihr nie was von einem Opa erzählt, denn sie schämt sich für ihren Vater und ist wütend auf ihn. Er hat sie in Stich gelassen und ist dann sogar noch im Gefängnis gelandet. Wegen Unterschlagung. Ein Hochstapler ist Oskar. Einer, der gerne Geschichten erzählt und die Wirklichkeit gekonnt ignoriert. Nun ist er aus dem Gefängnis entlassen und steht alleine da. Ein Außenseiter. Einer, dem es nichts ausmacht, im Bademantel durch die Stadt zu laufen oder die spießige Nachbarin vorzuführen.
„Ich habe keinen Opa“, sagt Fanny zu dem alten Mann. Also stellt er sich als Professor Krypton vor. Er erkennt sofort, dass Fanny ein besonderes Kind ist, ein Supergirl, wie von einem anderen Planeten. Und irgendwie scheint auch er von einem anderen Stern zu kommen. Warum also nicht von Krypton, wie Superman? Fanny akzeptiert das - und die beiden freunden sich an.

Natürlich bekommt das irgendwann auch Tilda mit. Nach dem ersten Entsetzen sieht sie die Chance, mit Oskars Hilfe wieder in ihren Beruf einzusteigen. Oskar kann ja für ein paar Tage auf Fanny aufpassen. Natürlich geht dann alles drunter und drüber. Zwei Außerirdische, die sich nicht an die Normen halten. Sie kaufen mit Tüten auf dem Kopf ein, setzen Sonnenbrillen im Schatten auf, essen Vanilleeis zu Mittag und wollen das Supertalent von Fanny herausfinden.

Oskar ist aber für Fanny endlich einer, der sie nicht nur akzeptiert, sondern weiß, dass sie was zu bieten hat. So wie sie ist. Und er schafft es, auch die anderen Kinder davon zu überzeugen.
Und Fanny ist für Oskar endlich eine, die ihn nicht ändern will, sondern der er helfen kann - mit seiner Begabung Geschichten zu erfinden. Er hat ja nicht mehr viel Zeit, weil er alt ist.

Einer trage des anderen Last.

Und Tilda: sie kann endlich akzeptieren, dass ihr Kind anders ist und dass sie als Familie nicht „normal“ sein müssen. Sie akzeptiert endlich, dass andere es genauso gut machen können, auch wenn sie es ganz anders tun. Nicht nur sie weiß, was für Fanny gut ist. Und als sie das akzeptiert, findet sie ihre Freiheit wieder.


6. Im Geist leben

Wenn wir im Geist leben, so lasst uns auch im Geist wandeln.

Oskar, das Schlitzohr und Fanny Supergirl - so heißt der Film, den ich euch gerade erzählt habe. Und er handelt von uns - von unperfekten Supergirls und Superboys.

Wir sind Gottes Kinder. Wir sind Fanny und Oskar und Tilda. Gott hat uns lieb, so wie wir sind. Wir brauchen nicht stärker oder besser oder normaler zu sein. Feiern wir unsere Vielfalt. Lasst uns nicht irgendwelche Normen erfüllen oder gar noch Schranken aufbauen, wer dazu gehört und wer nicht. Laden wir die anderen Fannys und Oskars und Tildas ein – hier in die Kirche. Oder noch besser: gehen wir mit einem Tisch raus und laden die ein, die da noch in unserer Stadt unterwegs sind: die mit den Tüten auf den Kopf und den Sonnenbrillen im Schatten.

Wir gehören doch zusammen, wir Gottes Kinder. Und wir brauchen uns. Lasst uns unsere Lasten gemeinsam tragen. Teilen wir unsere Sorgen. Unterstützen wir uns und ganz besonders die, die unter ihrer Last zusammenbrechen. Am himmlischen Tisch haben wir alle unseren Platz. Da können wir ausruhen und verrückte Pläne aushecken. Pläne wie von einem andere Stern. Und ganz oben - am oberen Ende vom Tisch - da sitzt der, der für uns da ist: Jesus. Und er nimmt uns alle Last ab.

Amen.



Sonntag, 11. September 2022

Ich bin dann mal weg - zwei Gottsucher, die Gott finden und überrascht werden

Predigt zu Elija und Hape Kerkeling*

1.Teil: Elija

Sein Name ist Programm.  Elija - das heißt: Mein Gott ist allein Jahwe, niemand sonst.
Und dafür tritt er vor gut 2.800 Jahren ein, wie keiner sonst -
dafür nimmt er sogar blutige Opfer in Kauf.
Heute würden wir ihn als Fanatiker sehen, und in der Tat geht es für ihn um Leben oder Tod.
Es gibt nur ein Entweder-Oder, keine Zwischentöne. Kennen wir gerade, nicht wahr?
Jedenfalls gibt ihm dieses Entweder-Oder Power,
so viel, dass er als Sieger gegen seine Gegner, die Baalspriester, hervorgeht.
Aber dann geht er zu weit und lässt sie umbringen.
Das Ringen um die göttliche Wahrheit endet mit einem Blutbad.
Auch das kommt mir bekannt vor. 


Nun ist Elija selbst in einer schwierigen Lage.
Klar, dass die Königin Isebel auf der Gegnerseite diese Taten nicht ungesühnt lassen will.
„Das lasse ich mir nicht gefallen“ - lässt sie ihm ausrichten.
„Ich werde mich an dir rächen, spätestens morgen.“
Elija bangt um sein Leben.

Hört selbst, wie es im 1.Buch der Könige geschrieben steht:
Da packte Elija die Angst, und er floh, um sein Leben zu retten. In Beerscheba an der Südgrenze von Juda ließ er seinen Diener zurück und wanderte allein weiter, einen Tag lang nach Süden in die Steppe hinein. Dann setzte er sich unter einen Ginsterstrauch und wünschte sich den Tod herbei. „Herr, ich kann nicht mehr“, sagte er. „Lass mich sterben! Ich bin nicht besser als meine Vorfahren.“ Dann legte er sich unter den Ginsterstrauch und schlief ein.
    Aber ein Engel kam und weckte ihn und sagte: „Steh auf und iss!" Als Elija sich umschaute, entdeckte er hinter seinem Kopf ein frisches Fladenbrot und einen Krug mit Wasser. Er aß und trank und legte sich wieder schlafen. Aber der Engel des Herrn weckte ihn noch einmal und sagte: „Steh auf und iss! Du hast einen weiten Weg vor dir!“ Elija stand auf, aß und trank und machte sich auf den Weg. Er war so gestärkt, dass er 40 Tage und Nächte ununterbrochen wanderte, bis er zum Berg Gottes, dem Horeb kam. Dort ging er in die Höhle hinein und wollte sich darin schlafen legen.
    Da hörte er plötzlich die Stimme des Herrn: „Elija, was willst du hier?“ Elija antwortete: „Herr, ich habe mich leidenschaftlich für dich, den Gott Israels und der ganzen Welt, eingesetzt; denn die Leute von Israel haben den Bund gebrochen, den du mit ihnen geschlossen hast... Nun bin ich allein übriggeblieben, und nun wollen sie auch mich noch töten.“
   Der Herr sagte: „ Komm aus der Höhle und tritt auf den Berg vor mich hin! Ich werde an dir vorübergehen!“ Da kam ein Sturm, der an der Bergwand rüttelte, dass die Felsbrocken flogen. Aber der Herr war nicht im Sturm. Als der Sturm vorüber war, kam ein starkes Erdbeben. Aber der Herr war nicht im Erdbeben. Als das Beben vorüber war, kam ein loderndes Feuer. Aber der Herr war nicht im Feuer. Als das Feuer vorüber war, kam ein ganz leiser Hauch. Da verhüllte Elija sein Gesicht mit dem Mantel, trat vor und stellte sich in den Eingang der Höhle. Und Gott sprach zu ihm: „Geh den Weg zurück, den du gekommen bist!“ (1. Könige 19)


2.Teil: Kerkeling und der Camino

Sein Name steht für Programm. Hape Kerkeling steht für Unterhaltungsprogramm - und das seit fast 40 Jahren. Kaum jemand in Deutschland, der ihn nicht kennt. International berühmt geworden als einer, der als Königin von Holland oder als Horst Schlämmer auftrat, steht er in den 90er und Nuller Jahren voll im Geschäft und setzt alle Power ein, die er hat.
Auch er nimmt Opfer in Kauf: seine Gesundheit. Seine Ganz-oder-gar-nicht-Haltung in Bezug auf seine Arbeit führt zu einem Hörsturz und dem Verlust der Gallenblase. Diese Erfahrung zwingt ihn zu einer Pause, damit er weiterleben konnte.
„Ich will mal weg!“ sagt er sich und macht sich 2001 tatsächlich auf den Weg - aber nicht nach Mallorca oder auf die Malediven, wie damals die meisten eher vermutet hätten, sondern auf den Pilgerweg nach Santiago di Compostela, einmal quer durch Spanien.
      
Wie kommt ein Komödiant und Entertainer dazu, den Jakobsweg, den Camino zu pilgern?
Kerkeling selbst sagt dazu:
„Was verspreche ich mir eigentlich von dieser Pilgerschaft? Ich könnte losziehen mit der Frage im Kopf: Gibt es Gott? Seit meiner frühesten Kindheit beschäftigt mich die Frage nach dem großen unbekannten Wesen. Als Kind hatte ich nie den leisesten Zweifel an der Existenz Gottes, aber als vermeintlich aufgeklärter Erwachsener stelle ich mir heute durchaus die Frage: Gibt es Gott wirklich? Was aber, wenn dann am Ende dieser Reise die Antwort lautet: Nein, tut mir sehr leid. Der existiert nicht. Da gibt es NICHTS. Könnte ich damit umgehen? Mit Nichts? Wäre dann nicht das gesamte Leben auf dieser ulkigen kleinen Kugel vollkommen sinnlos? Natürlich will jeder, mutmaße ich, Gott finden... oder zumindest wissen, ob er denn nun da ist...
Vielleicht wäre die Frage besser: Wer ist Gott? Oder wo oder wie? ...Nur: Wer sucht denn hier eigentlich nach Gott? Ich! Hans Peter Wilhelm Kerkeling, 36 Jahre, Sternzeichen Schütze, Aszendent Stier, Deutscher, Europäer, Adoptiv-Rheinländer, Westfale, Künstler, Raucher, Schwimmer, Autofahrer, Zuschauer, Komiker, Radfahrer, Autor, Kunde, Wähler, Mitbürger, Leser, Hörer...
Anscheinend weiß ich ja nicht mal so genau, wer ich selbst bin. Wie soll ich da herausfinden, wer Gott ist? Meine Frage muss also erst mal ganz bescheiden lauten: Wer bin ich? Also gut - als Erstes suche ich nach mir; dann sehe ich weiter. Vielleicht habe ich Glück und Gott wohnt gar nicht so weit weg von mir.“ (S.20-22)


Also begibt sich Herr Kerkeling auf die Suche nach sich selbst und nach Gott und macht sich auf den Weg. Und er ist allein und ziemlich bald frustriert. Der Weg ist alles andere als romantisch.
Es regnet wie aus Kübeln, der Rucksack zieht ihn zu Boden, seine Füße schmerzen. Er kann nicht mehr.

Kerkeling begegnet dann aber doch im richtigen Augenblick den richtigen Menschen, die ihn stärken oder wieder aufhelfen - so wie der Engel bei Elija. Und so wandert er weiter - trotz aller Zweifel, ob er es schaffen wird oder es überhaupt das Richtige ist, was er da tut.
Er ist froh, wenn er Menschen trifft, die ähnlich wie er ihre Zweifel haben. Mit Pilgern und Pilgerinnen, die selbstsicher und großspurig wissen, wo es lang geht, kann er nichts anfangen. Und im Laufe der Wanderung kommt er sich selbst und Gott immer näher.

Kerkeling spürt immer mehr, wie die Außenwelt des Jakobswegs sein Innenleben widerspiegelt:
sei es der steile Anstieg, die endlose Weite, oder z.B. der Kreuzgang eines Klosters, der ihn dazu bringt, seine eigenen Schattenseiten genauer zu betrachten. Bei Elija ist es der Ginsterbusch, die Wüste und die Höhle: Sich den Dornen des Lebens stellen, die Leere annehmen und die dunklen Abgründe. Die in ihm selbst.

Kann man nur dann Gott begegnen? Ich weiß es nicht.
Aber Elija ist erst nach diesen Konfrontationen mit sich selber statt mit den Baalspriestern reif für den Ewigen im Windhauch.

Und auch Kerkeling erreicht seinen persönlichen Berg Horeb und begegnet Gott:
„Bei mir war es gestern so weit. Ich stehe mitten in den Weinbergen und fange aus heiterem Himmel an zu weinen. Warum, kann ich gar nicht sagen. Erschöpfung? Freude? Alles auf einmal? Weinen in den Weinbergen!? Ich muss gleichzeitig darüber lachen.
Ja, und dann ist es passiert! Ich habe meine ganz persönliche Begegnung mit Gott erlebt.
‚Yo y Tu‘ - ich und du - war am Anfang meiner Wanderung an der Grundschule zu lesen und das klingt für mich wie ein Siegel der Verschwiegenheit. In der Tat, was dort passiert ist, betrifft nur mich und ihn. Nur diese drei Worte: ‚Ich und du.‘ Die Verbindung zwischen ihm und mir ist etwas Eigenständiges.
  Um Gott zu begegnen, muss man vorher eine Einladung an ihn aussprechen, denn ungebeten kommt er nicht. Auch eine Form von gutem Benehmen. Wir haben die freie Wahl. Zu jedem baut er einen individuelle Beziehung auf. Dazu ist nur jemand fähig, der wirklich liebt.
  Ich werde hier von Tag zu Tag freier und das Hin und Her in meiner Gefühlswelt auf dem Camino ergibt plötzlich einen klaren Sinn. Durch alle Emotionsfrequenzen habe ich mich langsam auf die eine Frequenz eingetunt und hatte einen großartigen Empfang. Totale gelassene Leere ist der Zustand, der ein Vakuum entstehen lässt, das Gott dann entspannt komplett ausfüllen kann. Also Achtung! Wer sich leer fühlt, hat eine einmalige Chance im Leben! Gestern hat etwas in mir einen riesigen Gong geschlagen. Und der Klang wird nachhallen.... Eigentlich ist mein Camino hier beendet, denn meine Frage ist eindeutig beantwortet. Ab jetzt kann der Weg mir eigentlich nur noch Freude bereiten.“ (S. 240-241)


3.Teil: Elija und Kerkeling auf ihrem Weg

Zwei Menschen haben sich auf den Weg gemacht. Sie haben Gott gesucht und gefunden. Sie haben sich selbst ganz neu erlebt und somit sich selbst neu gefunden. Vielleicht ist das der Schlüssel dieser Wegerfahrung?

Elija, der fanatische und selbstsichere Gotteskämpfer muss erst ans Ende seiner Kräfte kommen,
um zu sich selbst zu finden. Er muss den Weg durch die Wüste gehen - den Weg zu sich selbst, den Weg durch das Nichts - er muss alles hinter sich lassen, nicht nur seine Diener, sondern auch seinen Anspruch, besser zu sein als die anderen. Sein Entweder-Oder und seinen Wahrheitsanspruch.
40 Tage und Nächte muss er gehen: 40 - eine heilige Zahl. 40 - der Zeitraum für Veränderung. 40 - die Zahl für Vollendung und Reife. Nach 40 Tagen ist Elija ein anderer geworden und begegnet Gott ganz neu.

Und Gott - ja, er erscheint dem kleingewordenen Elija so, wie der ihn in seiner Situation einzig wahrnehmen kann: nicht donnernd, bebend und gewaltig - das wäre er ja gewohnt gewesen -, sondern leise, ja, fast unscheinbar. Gott begegnet dem Schwachen als Schwacher.  Und darum kann der Schwache wieder stark werden und wieder aufbrechen.
    
Hape Kerkeling geht es ähnlich: Auch er wechselt seine Rolle und versteht selbst kaum noch, auf was er sich da einlässt. Auch er, der selbstsichere Entertainer muss loslassen, alles hinter sich lassen, muss den Weg durch die innere Wüste gehen, leer werden und ganz er selbst werden.
Auch er braucht über 40 Tage und Nächte bis zum Ziel und kann Gott ganz neu begegnen.
Gott begegnet dem frei gewordenen Kerkeling als ein freier und nicht festzuhaltender Gott. Und darum kann der Freigewordene sich auch wieder binden und Verantwortung übernehmen. Er steht mehr denn je zu seiner Homosexualität und trifft später dann mit 50 Jahren sogar die Entscheidung, dass er den ganzen Rummel nicht mehr braucht.

Und du - welchen Weg gehst du? Was ist deine Wüste, welches ist dein Camino?
Gelingt es dir loszulassen, das, was dich schwächt und klein macht, hinter dir zu lassen?
Wo sind deine Momente, wo du über dich nachdenkst und über Gott, - ist es hier, in der Kirche?
Oder im Wald? Oder im Lied?
Welche Engel stärken dich unterwegs und schicken dich wieder auf den Weg?

Unsere Welt braucht Menschen wie Elia und Kerkeling - Menschen, die nach Gott suchen und merken, dass ihre Bilder im Kopf womöglich nicht die richtigen sind. Unsere Welt braucht die Zweifelnden, Suchenden, Fragenden. Vielleicht jetzt mehr denn je. Sie braucht Menschen, die den Mut haben, schwach und verletzlich zu sein, frei zu sein für einen überraschenden Gott, für den menschlichen und leisen Gott.

Unsere Welt braucht Menschen, die das Leise hören, dem Zweifel Raum geben und den Lücken zwischen Entweder und Oder und die sich selbst nicht mehr so wichtig nehmen.
 
Gott meint es gut mit dir und öffnet dir den Horizont. Zieht bei dir ein und schickt dich los.
Auf den Camino. Zum Berg Horeb. In die Welt. 
Und irgendwo - da bin ich ganz sicher - irgendwo dort triffst du Gott.

Amen.



*Hape Kerkeling, "Ich bin dann mal weg!"

Sonntag, 29. Mai 2022

Wenn die Worte fehlen und du den Boden verlierst

Predigt zu Römer 8

(mit großem Dank an Juliane Rumpel, die - ohne es zu wissen - mein Seufzen über den Predigttext gehört hat und mir mit Ideen und Worten geholfen hat, mir selber eine Predigt zu schreiben, die ich gerade gebraucht habe)


 I.
Manchmal hast du keinen Boden mehr unter deinen Füßen.
Manchmal sitzt du im Keller ohne Ausgang und dir bleibt die Luft weg.
Eine Diagnose. Ein Abschied. Ein Krieg. Ein Virus. Alle Sicherheit ist „futsch“.
Die beste Altersvorsorge, die beste Haftpflichtversicherung,
die beste Ausbildung kann nicht verhindern, dass du vor einem Nichts stehst.

Atmen. Und tief seufzen.

Seufzen geht immer, da braucht man nämlich keine Worte für.
Im Gegensatz zum Beten. Das glauben jedenfalls die meisten:
dass Gebete Worte brauchen, vielleicht sogar besondere Worte.
Dabei stimmt das gar nicht. Beten ohne Worte geht auch.

Manchmal reicht ein Seufzen, so eines aus tiefstem Herzen,
eines, bei dem ich unendlich müde werde und vielleicht ein paar Tränen fließen...
Manchmal ist es aber auch weniger tief, nur so dass ich die Schultern hochziehe...
wie auch immer: Seufzen ist Beten ohne Worte.
Wenn dir der Boden weggerissen ist, hast du keine Worte mehr.
Nur noch Seufzen. Und vielleicht noch nicht mal das.

II.
Ich glaube, so geht es den Jüngern und Jüngerinnen von Jesus gerade*.
Jesus ist gegangen und der Heilige Geist noch nicht gekommen.
Für sie bleibt nur eins zurück: Leere. Bodenlose Leere.
Alles andere als stark, alles andere als wortreiche Beter und Beterinnen.
Eher zaghaft stammelnd, sich irgendwie aneinander klammernd,
warten sie, ob da noch was kommt nach dieser Leere.

Auch Paulus kennt diese Bodenlosigkeit. Und die Menschen, an die er schreibt, auch.
Sie leben in Rom in großer Armut, verdienen mit schwerer Tätigkeit kleines Geld.
Sklaven und Sklavinnen.
Ausgesetzt einer römischen Machtpolitik wissen sie nicht, was morgen sein wird.
Da ist nicht viel Boden, auf dem sie stehen können.

III.
Und an sie schreibt er:
„Der Geist Gottes steht uns selbst da bei, wo wir selbst unfähig sind.
Wir wissen ja nicht einmal, was wir beten sollen.
Und wir wissen auch nicht, wie wir unser Gebet in angemessener Weise vor Gott bringen.
Doch der Geist selbst tritt mit Flehen und Seufzen für uns ein.
Dies geschieht in einer Weise, die nicht in Worte zu fassen ist.
Aber Gott weiß ja, was in unseren Herzen vorgeht. Er versteht, worum es dem Geist geht.
Denn der Geist tritt vor Gott für die Heiligen ein.

Wir wissen aber: Denen, die Gott lieben, dient alles zum Guten.
Es sind die Menschen, die er nach seinem Plan berufen hat.
Die hat er schon im Vorhinein ausgewählt.
Im Voraus hat er sie dazu bestimmt, nach dem Bild seines Sohnes neu gestaltet zu werden.
Denn der sollte der Erstgeborene unter vielen Brüdern und Schwestern sein.
Wen Gott so im Voraus bestimmt hat, den hat er auch berufen.
Und wen er berufen hat, den hat er auch für gerecht erklärt.
Und wen er für gerecht erklärt hat, dem hat er auch Anteil an seiner Herrlichkeit gegeben.


IV.
Wenn du keinen Boden unter den Füßen hast, brauchst du einen, der dich hält.
Wenn du im Dunkeln sitzt, brauchst du eine, die dir die Hand reicht.
Eine, die für dich spricht, für dich betet, für dich seufzt,
für dich sogar schweigt und die ganze Ohnmacht aushält.
Vor Gott musst du nicht die richtigen Worte finden. Und auch keine richtigen Erklärungen.

Und wenn du ehrlich bist, kennt dein Glaube überhaupt keinen festen Boden.
Es ist der Tanz auf einem wackelnden Seil, auf dem dein Fuß keinen wirklichen Halt findet.
Du versuchst die Balance zu halten. Bloß nicht abstürzen.
Wenn du ehrlich bist, gibt es auch in deinem Glauben die Dunkelheit,
die Enge, das Gefühl, keinen Ausweg zu wissen.

Aber sollte es nicht eigentlich anders sein?
Hast du auch wie ich ein anderes Bild davon, wie richtiger Glaube aussieht?
Fester Glaube. Fester Halt. Lichtdurchflutet.
Nichts kann mich umhauen, wenn ich nur richtig glaube?

Nein, sagt Paulus.
Für ihn gehört es zum Menschsein dazu, dass das Leben fragil ist, verletzlich.
Und zum Glauben an den Gekreuzigten erst recht.
Die Balance auf einem Seil, ohne doppelten Boden.
Die Sprachlosigkeit. Das Dunkel. All das gehört zu mir als Christin.

V.
Paulus macht mir Mut, meine Bodenlosigkeit und das Fehlen von Worten zu akzeptieren.
Mir hilft das. Dir auch?

Aber wer bin ich, dass ich überhaupt von Bodenlosigkeit und Dunkel spreche?
In diesen Tagen, da dieser unsägliche Krieg in der Ukraine tobt,
seit drei Monaten dort schon Menschen sterben,
junge Soldaten auf beiden Seiten und Zivilist*innen Tag für Tag ihr Leben lassen müssen,
Mütter in Keller hocken, weinend mit ihren Babys?
Ich sitze in keinem Keller, weine selten,
niemand, den ich kenne, sitzt in einem Keller und zittert schlaflos, weil Fliegeralarm ist...

Und doch: Jeder Mensch hat seinen Keller.
Und vielleicht ist einer dunkler als der andere
und vielleicht sitzt manche kürzer in ihrem Keller als der Nachbar, aber die Keller sind da...
sie tragen bei den meisten von uns nicht den Namen Krieg und Fliegeralarm,
sie heißen anders:

Schlaganfall der Ehefrau heißt ein Keller und nun versuchen sie wieder im Alltag anzukommen,
für beide ist das nicht leicht, alles neu und von jetzt auf gleich alles anders.
Eigentlich wollten sie sich um die Enkel kümmern,
jetzt kümmern sich die Kinder wieder um die Mutter.

Versetzungsgefährdet und 10. Klasse Abschluss, den schafft der nie.
So heißt ein anderer Keller, die alleinerziehende Mutter könnte ihn auch anders nennen.
Sie kommt grad so über die Runden, aber grad wird alles schwieriger.
Dass der Große im September eine Ausbildung anfängt, war ihr große Hoffnung.
Doch nun? Was soll nur werden?

Dass er trinkt, heißt ein anderer Keller. Dass er trinkt, das war schon immer so.
Ob er krank ist, weiß sie nicht, kann sich nicht erinnern an eine Zeit ohne Flasche,
sehnt sich nach einer andern Ehe, hat aber keine Kraft mehr.

Einsamkeit, ein großer Keller, den sich viele teilen ohne einander darin zu begegnen.
Auch und vielleicht gerade hier in diesem reichen Land, das uns manchmal vorgaukelt,
es ginge allen gut und niemand seufzt sich in den Schlaf.

Wie komme ich jetzt wieder da raus?
Aus den Kellern dieser Welt, aus den Kellern der Nachbarschaft, aus meinem eigenen Keller?!

VI.
Paulus gibt eine klare Antwort,
wenn auch nicht auf die Frage, wie man aus dem Keller kommt,
sondern, wie man dort in der Zwischenzeit die Hoffnung nicht verliert:
Denen, die Gott lieben, dient alles zum Guten!

Und das meint nicht, dass dein Leben objektiv betrachtet gut und gelungen sein muss,
es geht nicht um das Job, das Auto, um Haus oder Reichtum oder eine gute Ehe.

Nein, wenn du das, was dir passiert, für das Beste hältst
und wenn es dir gelingt, auch im Keller noch zu seufzen
oder auf das stellvertretende Beten des Geistes zu hoffen,
wenn du nach einer Hand fassen kannst, die dich festhält,
dann liebst du Gott und er liebt dich und du gehörst zu ihm,
und du hast Anteil an seiner Herrlichkeit.

Ich möchte Paulus gerne glauben.
Ich möchte glauben, dass ich aus der Liebe Gottes nicht herausfallen kann.
Dass ich auch im dunklen Keller nicht ohne den Geist Gottes bin,
der mit mir seufzt und Worte stammelt und schweigt.
Ich möchte gerne annehmen, dass es nichts über meinen Glauben aussagt,
ob ich im Keller oder auf einem Seil bin.
Ich will nicht mehr so tun, dass ich nur richtigen Worte finden muss, damit alles gut wird.
Es hängt nicht an mir, ob es gut wird oder nicht, ob ich die Balance finde und einen Ausgang.

VII.
So viele Menschen vor mir haben die Keller ihres Lebens überstanden.
So viele Menschen haben die Balance verloren und sind doch angekommen.
Auch ohne doppeltem Boden.
Die Jünger und Jüngerinnen, Paulus, die Christen und Christinnen in Rom.

Sie haben gemerkt, dass sie letztlich nie ganz allein sind.
Dass es andere gibt, die mit ihnen leiden, zu ihnen stehen, für sie beten.
Sie haben auch gemerkt, dass Gott sie nicht in Stich lässt.
Dass er seinen Geist schickt. Und dieser Geist verbindet sie mit uns.
Auf den Seilen dieser Welt greifen wir nach der einen Hand.  Und wir halten uns gegenseitig.
In den Kellern dieser Welt seufzen wir und beten und hoffen, dass uns da einer rausholt.
Und dieser eine ist Jesus:
Der ist noch tiefer als in den tiefsten Keller gegangen.
Ist auferstanden von den Toten.
Und er nimmt mich mit ans Licht.

Amen.

*es ist der Sonntag "Ex-audi": er steht für die Wartezeit zwischen Himmelfahrt und Pfingsten und in der die Jünger*innen (und damit auch wir) eigentlich überhaupt nicht wissen, was noch passieren wird. Im Grunde stehen die Jünger*innen ziemlich alleine da!

Sonntag, 22. Mai 2022

Die Wahrheit wird euch frei machen

Von Mut und Feigheit, einer befreienden Wahrheit
und dem großen Gelehrten Johannes Reuchlin.

Eine Predigt zu Johannes 8 und zum Reuchlin-Jubiläum
(500. Todestag)

 

I.

Da hat nicht mehr viel gefehlt und die Steine wären geflogen.(1)

Aufgebrachte Männer, vielleicht noch angestachelt durch jede Menge Gerüchte, was die Frau vielleicht noch alles getan habe.

Fake-News. Eins kommt zum anderen.

 

Das Urteil steht fest. Die Ehebrecherin muss gesteinigt werden.

Sie gehen zum Tempel, zu Jesus. Wollen wissen, wie er damit umgeht.

Er kann ja gar nicht anders, als ihnen zuzustimmen.

Sonst würde er ja gegen das Recht verstoßen. Denken sie.  Und irren sich.

 

Jesus macht es ganz geschickt. Er antwortet nämlich nicht sofort.

Mitten in der sehr aufgeheizten Stimmung bückt er sich nieder, schreibt und schweigt. Er geht nicht einfach weg, taucht nicht einfach ab.

Aber er gibt die Mitte frei, indem er sich bückt.

 

Da ist plötzlich Raum für die Wahrheit.

Die Aufgebrachten sehen sich auf einmal in die Augen. Und eine Pause entsteht. Eine Pause zum Nachdenken. Durchdenken. Atmen. Und weiterdenken.

 

II.

Jesus nutzt die entstandene Pause für einen einzigen Satz: 

Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.

Die berühmten 3 Finger, die zurückweisen, wenn ich mit dem Finger auf andere zeige. Jesus nötigt die Aufgebrachten zum Wechsel der Perspektive: Schaut einmal mit anderen Augen auf die Sache.

 

Und dann bückt sich Jesus wieder herunter und schreibt und schweigt weiter.

Und nun merken die aufgebrachten Männer,  dass sie gefangen waren im Schwarz-oder-Weiß, im Richtig-oder-Falsch, Wir und die - in diesem Ganzen waren sie so gefangen, dass sie das Mensch sein vergessen hatten.  Auch ihr eigenes Mensch sein, das nicht sündenfrei sein kann. 

Jesus hat einen Raum geschaffen, einen Raum für die Wahrheit.

 

III.

Die Wahrheit wird euch frei machen, sagt Jesus ein paar Sätze später.

Die Wahrheit….

Die Wahrheit macht euch frei vom Schwarz-Weiß-Denken, von Hass, von diesem Wir-und-die. Die Wahrheit lässt euch nachdenken, weiterdenken.
Sie nimmt euch die Steine aus der Hand.
Ihr erkennt sie nur, wenn ihr die Perspektive wechselt.

 

IV.

Die vergiften unsere Brunnen!
Die ermorden unsere Kinder und trinken ihr Blut!

Die verhexen unsere Frauen!

Das und noch viel mehr wurde den Juden und Jüdinnen vorgeworfen,
als Johannes Reuchlin lebte.

Bereits 200 Jahre vor seiner Geburt entsteht im 13. Jahrhundert die Pforzheimer Margarethen-Legende. Nach ihr wird eine Kapelle in der Schlosskirche benannt.

Sie erzählt von einem toten Mädchen: es sei von einer alten Frau an die Juden verkauft worden, die töteten es  und warfen es dann in den Fluss - angeblich.

Ein sogenannter Ritualmord und diese Anschuldigung führte dazu, dass der Pforzheimer Rabbiner und seine 3 Söhne hingerichtet wurden.

Solche Verschwörungserzählungen gehen die nächsten Jahrhunderte weiter und heizen die Stimmung immer weiter auf - die Stimmung gegen Juden und Jüdinnen.

Und, ja, hier fliegen Steine. Und noch viel Schlimmeres.


V.

Auch Johannes Reuchlin, 1455 in Pforzheim geboren, ist nicht frei von antisemitischem Argwohn - wie fast alle Humanisten seiner Zeit.

Für ihn sind die Juden zunächst vor allem Missionsobjekte.
Doch zugleich sucht er - wie alle Humanisten - die Wahrheit. Die Wahrheit….

Darum befasst er sich wie kaum ein anderer mit den alten Sprachen. Von seiner Ausbildung her ist Reuchlin eigentlich Jurist. Aber seine Leidenschaft gilt den hebräischen Schriften. In ihnen erschließt sich ihm eine neue Welt.

Und Reuchlin erkennt:
Christen sollen diese Quellen achten, um ihren eigenen Glauben besser zu verstehen.
Und er schreibt:

„Jedes Mal, wenn ich Hebräisch lese, glaube ich Gott selbst zu sehen, der mit mir spricht.
Ich bedenke dann, dass es die Sprache ist,
in der Gott mit den Menschen verkehrt hat.“ (2)

 

VI.

Die Wahrheit wird euch frei machen, sagt Jesus.

1510 ist das Jahr, in dem Reuchlin sich zur Wahrheit bekennt.
Gegen Verleumdung und Verschwörungserzählungen.
Gegen Fake-News der damaligen Zeit.

Ein gewisser Johannes Pfefferkorn behauptet,
Juden verhöhnten den christlichen Glauben und wollten das Reich zerstören.
Er fordert die damalige Obrigkeit auf, die rabbinischen Schriften zu verbrennen
und die Juden aus dem Land zu vertreiben.

Kaiser Maximilian und einige Bischöfe geben Gutachten in Auftrag.
Die Professoren in Köln, Mainz und Erfurt unterstützen Pfefferkorn.
Auch Reuchlin wird um ein Gutachten gebeten.
Und er ist der einzige, der gegenhält.

Er schreibt:

„Man soll die Kommentare der Leute,
die ihre Muttersprache von Jugend auf gründlich gelernt haben,
keineswegs unterdrücken,
sondern, wo immer solche existieren, sie zugänglich machen,
pflegen und sehr in Ehren halten,

als Quellen, aus denen der wahre Sinn der Sprache

und das Verständnis der Heiligen Schrift uns zufließt.

Wir sollen das wahre Wissen weit richtiger an der Quelle

als in den Abflüssen suchen.“

Mit anderen Worten: Schaut genau hin. Wechselt die Perspektive!

„Verbrennt nicht, was ihr nicht kennt!
Die Bücher der Juden enthalten die Lehre des Glaubens.

Damit beleidigen sie keinen anderen Menschen.
In ihrem Glauben sind sie, genau wie die Christen, allein Gott verantwortlich.“

Respektiert, dass andere anders sind.
Respektiert, dass sie einen anderen Standpunkt haben.
Schaut von einem anderen Blickwinkel aus auf die Sache!

„Die Juden sind in Dingen, die ihren Glauben betreffen,
einzig ihresgleichen und sonst keinem Richter unterworfen.“

Gebt ihren Perspektiven den Raum, der ihnen zusteht! Lasst die Juden in Ruhe.

 

Reuchlin macht es wie Jesus.

Er bückt sich und schreibt und gibt Raum zum Nachdenken, zum Weiterdenken.

Raum für die Wahrheit.

Und letztlich setzt sich Reuchlin gegen Pfefferkorn durch.

Die Juden werden nicht ausgewiesen, ihre Bücher nicht zerstört. (Noch nicht....)

 

VII.

Die Wahrheit wird euch frei machen, sagt Jesus.

Die Wahrheit macht euch frei vom Hass.

Sie lässt euch nachdenken, weiterdenken. Nimmt euch die Steine aus der Hand.

Ihr erkennt sie nur, wenn ihr die Perspektive, eure Sichtweise wechselt.

 

Es ist dieser Raum für die Wahrheit, den Jesus geschaffen hat,
als eine Frau verurteilt und getötet werden sollte.
Es ist diese Wahrheit, die Reuchlin erkennt, als sie Juden und Jüdinnen vertreiben wollen.

Reuchlin war ja nicht von Anfang an der mutige Vertreter für die Toleranz gegenüber anderen Religionen. Er betrat diesen Raum der Wahrheit erst nach und nach.
Und so veränderte er seine Haltung.
Aber diese dann gefundene - die behielt er bei, selbst als er angefeindet und bedroht wurde.
Er stellte sich schützend vor Andersgläubige.

Und weil er eine hohe Position als juristischer Berater der Obrigkeit hatte, hörte man auf ihn.

„Ich rate dazu, dass diejenigen, die außerhalb unseres Glaubens stehen,
seien es Juden, Griechen oder Muslime,
durch keinerlei Gewaltmaßnahmen auf unsere Seite gezogen werden dürfen.“


VIII.

Die Wahrheit wird euch frei machen. Die Wahrheit Jesu.

Die Wahrheit hat den Anklägern der sogenannten Ehebrecherin die Steine aus der Hand genommen. Sie hat Reuchlin frei gemacht, mutig zu schreiben. Die Wahrheit hat ihn befähigt, seine Haltung zu ändern. Neue Sichtweisen einzunehmen.  Sich den Verschwörungsmythen und Fake-News seiner Zeit entgegenzustellen.

Ja, die Wahrheit hat ihm den Blick dafür geöffnet, was auf dem Spiel steht. Dass es nicht nur um bedrucktes Papier oder Pergament geht, sondern um die Freiheit des Denkens und des Glaubens.

Und das ist hochmodern.
Verschwörungsmythen haben wieder Hochkonjunktur.

Es wird von Meinungsdiktatur gesprochen, dabei kann jede ihre Meinung sagen.

Immer wieder ziehen Demos durch Pforzheim und sprechen von westlicher Hetze,
dabei ist es der russische Präsident, der die Ukraine mit Gewalt überzieht.

Und wer in seinem Land gegen den Krieg ist, wird weggesperrt.

In Bremen hetzt ein Prediger gegen gleichgeschlechtlich Liebende
und wird dafür von seinen Fans gefeiert.

Und die Rechtspopulisten hier wollen immer noch eine deutsche Leitkultur einführen

und damit die Vielfalt an Sprachen und Kulturen einebnen.
Sie sprechen von „normal“ und meinen „deutsch“, heterosexuell, weiß.
 

Hier wird Wahrheit verdreht und gebogen. Reuchlin würde sich im Grabe umdrehen.

 

IX.

Und Jesus? Er bückt sich und schreibt und schweigt.
Durchdenken. Atmen. Und weiterdenken.

Jesus gibt den Raum, wo wir die Wahrheit finden. Wo wir uns ansehen als Menschen.
Wo wir uns nicht von Verschwörungserzählungen leiten lassen,
sondern genau hinsehen und sie gemeinsam suchen:
die Wahrheit mit den verschiedenen Perspektiven. 


Es ist manchmal nicht leicht, diese vielen Perspektiven auszuhalten.
Das gilt für die Diskussion um die Waffenlieferungen genauso wie für die um die Impfpflicht. Aber nur so kommen wir die Wahrheit näher.

Jesus bückt sich, damit wir einen neuen Raum betreten,
wo wir anders hinschauen und anders hinhören.
Dort geht es nicht um Rechthaben, sondern darum, Menschen ihr Leben zu ermöglichen.
Dieser Raum ist bunt und angefüllt mit den Sprachen und Religionen dieser Welt,
mit Menschen, die so unterschiedlich leben und lieben,
wie sie sind
und die sich nicht gegeneinander aufhetzen lassen.
Ein Raum, wo wir jedem Menschen würdevoll und respektvoll begegnen.

 

Jesus öffnet den Raum für uns.
Er ist schon längst da, dieser Raum der Wahrheit.

Es ist an uns, ihn zu betreten.
Vielleicht müssen wir uns dafür bücken und eine Pause einlegen oder in den Sand schreiben. Und hoffentlich wissen wir wie Reuchlin, wann wir für die Wahrheit einstehen müssen
und für die Menschen,
die für Macht, Verschwörungen und Fakenews geopfert werden sollen.

Ich bin sicher: wir wissen es dann.
Denn Jesus traut uns das zu.

Oder mit den Worten von Reuchlin,
die er kurz
vor seinem Tod verfasst - quasi sein Vermächtnis:

„Wir legen die Fundamente der Zukunft:
Die Wahrheit wird über der Welt aufgehen,

das Dunkel verschwinden, das Licht wird leuchten.“

Amen.

 

 (1) Johannes 8, 2-11:

2Frühmorgens aber kam Jesus wieder in den Tempel, und alles Volk kam zu ihm, und er setzte sich und lehrte sie. 3Da brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau, beim Ehebruch ergriffen, und stellten sie in die Mitte 4und sprachen zu ihm: Meister, diese Frau ist auf frischer Tat beim Ehebruch ergriffen worden. 5Mose hat uns im Gesetz geboten, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du? 6Das sagten sie aber, um ihn zu versuchen, auf dass sie etwas hätten, ihn zu verklagen. Aber Jesus bückte sich nieder und schrieb mit dem Finger auf die Erde. 7Als sie ihn nun beharrlich so fragten, richtete er sich auf und sprach zu ihnen: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie. 8Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde. 9Als sie das hörten, gingen sie hinaus, einer nach dem andern, die Ältesten zuerst; und Jesus blieb allein mit der Frau, die in der Mitte stand. 10Da richtete Jesus sich auf und sprach zu ihr: Wo sind sie, Frau? Hat dich niemand verdammt? 11Sie aber sprach: Niemand, Herr. Jesus aber sprach: So verdamme ich dich auch nicht; geh hin und sündige hinfort nicht mehr.


(2) Die Zitate von Reuchlin (Kursiv und violett) sind diversen Aufsätzen und Zusammenstellungen entnommen.

Dienstag, 19. April 2022

Ins Leben hinausgespuckt

3 Tage und 3 Nächte im Fischbauch
Ostermontagspredigt zu Jona 2, 1 - 11
(mit Dank an Anne Herzig für Inspiration und einige Worte, die ich von ihr bekommen habe - sie sind blau markiert)

1. Im Fischbauch

Nach einer spektakulären Flucht findet sich Jona an einem Ort wieder,
wo er bestimmt nie nie sein wollte.
Bloß weg von hier, dachte er, als Gott ihm eine sehr unangenehme Aufgabe aufdrückte.
Bloß weit weit weg. Aufs Meer hinaus mit einem Schiff.
Doch Gott zeigt sich unerbittlich.
Das Schiff gerät in schwere Seenot, die Seeleute suchen nach einem Schuldigen
und finden ihn in Jona.  Ja, Jona hat es verbockt. Und zwar so richtig. Und dann:

Der Herr aber schickte einen großen Fisch, der Jona verschlang.
Und Jona war drei Tage und drei Nächte lang im Bauch des Fisches. (Jona 2, 1)


Drei Tage und drei Nächte im Fischbauch stelle ich mir ziemlich langweilig vor.
72 Stunden an einem so dunklen, schleimigen Ort.
Drei Tage und drei Nächte eingekapselt – da käme man wohl unweigerlich ins Nachdenken.
Drei Tage und drei Nächte –
und ich, ich setze mich neben Jona auf die glitschige Fischzunge und sinniere in die Dunkelheit hinei
n:

Nach 2 Jahren vielleicht das erste Osterfest,
an dem Großeltern und Enkel wieder zusammen gefeiert haben.
Gottesdienste und Konzerte, Frühlingswetter,
spektakulärer Sonnenaufgang und wunderbare Mondnacht.
Aber so richtig Feierstimmung will nicht aufkommen.
Denn immer noch bleiben da Ängste, die irgendwie offiziell keiner hat, aber doch genug Menschen, um das Speiseöl und das Mehl und das Toilettenpapier wieder aus den Regalen verschwinden zu lassen.
Die Nachrichten über den Krieg, Frauen mit Kindern und Haustieren, die auch hier ankommen.
Grausame Bilder aus Butscha,
Fragen über Lieferungen von Waffen, von denen viele gar nicht wussten, dass es sie gibt.
Andere haben Angst,
dass das Geld irgendwann nicht mehr für den Einkauf im Supermarkt und die Warmmiete reicht.
Corona ist vorbei, rufen Dritte, Maßnahmen aufheben, jetzt reicht’s.

Und sie wollen sogar vor der Impfstelle trommeln, nur weil da heute Familien geimpft werden.

Drei Tage und drei Nächte, das dritte Jahr Pandemie, das erste Jahr Krieg.
Und ich sitze hier neben Jona,
und um mich herum schwimmen halbverdaute Ängste und frisch geschluckte Sorgen.


2. Klagen aus der Tiefe

Im Bauch des Fisches betete Jona zum Herrn, seinem Gott: Als ich in Not war, schrie ich laut.
(Jona 2, 2-3)


Und ich rufe mit.
Gott, ich rufe zu Dir. Mir reicht es auch.

So viele Menschen in meiner Umgebung, die sich mit Omikron infiziert haben.
Immer die Angst, ob es mich nun auch erwischt.
Und ob wir wohl unsere Feste im Sommer wirklich unbeschwert genießen können?

Das Wasser steht mir bis zum Hals.
Die Nachrichten grausen mich.
Menschen werden auf offener Straße erschossen.
Bilder von Kindern, die in Bunkern sitzen, gehen um die Welt.
Zum ersten Mal habe ich mir darüber Gedanken gemacht, ob es so etwas wie einen „Feind“ geben kann
.

Gott, sind wir verloren? Wie lange soll es noch so weitergehen?
Was ist mit denjenigen, die ihre Arbeit verlieren, ihre Heimat?
Mit denjenigen, die sich selbst Öl und Brot nicht mehr leisten können?
Und in welcher Welt werden meine Enkel noch gut leben können?

Gott, ich rufe zu Dir in meiner Angst.
Schaue doch und erhöre mich, Herr, mein Gott!
Und bitte, mach meinen Sorgen ein Ende. Gerade jetzt an Ostern!

3. Jonas Gebet

Und wie betet Jona?

Als ich in Not war, schrie ich laut. Ich rief zum Herrn und er antwortete mir.
Aus dem Innern des Totenreichs rief ich um Hilfe. Da hast du mein lautes Schreien gehört.
In die Tiefe hattest du mich geworfen, mitten in den Strudel der Meere hinein.
Wasserströme umgaben mich.
Alle deine Wellen und Wogen – sie schlugen über mir zusammen!
Da dachte ich: Jetzt bin ich verloren, verstoßen aus deinen Augen.
Wie kann ich je wieder aufschauen, um deinen heiligen Tempel zu sehen?
Das Wasser stand mir bis zum Hals. Fluten der Urzeit umgaben mich.
Seetang schlang sich mir um den Kopf.
Zum Grund der Berge bin ich hinabgestiegen, in das Reich hinter den Toren des Todes.
Sie sollten für immer hinter mir zugehen.
Du aber hast mein Leben aus dem Abgrund gezogen, du Herr, du bist ja mein Gott.
Als ich am Ende war, erinnerte ich mich an den Herrn.
Mein Gebet drang durch zu dir, bis in deinen heiligen Tempel.
Ja, wer sich an Nichtigkeiten klammert, verliert seinen einzigen Halt im Leben.
Ich aber will dir mit lauter Stimme danken, Schlachtopfer will ich dir darbringen.
Auch meine Gelübde werde ich erfüllen. Hilfe findet sich beim Herrn!
(Jona 2, 3-10)


Aus dem Bauch des Fisches dringt keine Klage, sondern Dank. Vertrauen statt Angst:
Ich schrie aus dem Rachen des Todes, und du hörtest meine Stimme.
Ich rief zu dem Herrn in meiner Angst, und er antwortete mir, betet Jona.

Und ich frage mich verwundert, woher er dieses Vertrauen nimmt.
Der Fischbauch wird zu einer Heilskapsel,
die Jona vor den lebensfeindlichen Elementen um ihn herum schützt.
Der dunkle, schleimige Ort ist ein Ort der Rettung,
auch wenn dies vordergründig gar nicht so aussieht.

Aber das, was Angst gemacht hat, wird auch nicht verschwiegen.
Es ist ja auch noch da.
Jona weiß nicht, ob er heil herauskommt. Aber er weiß: Gott ist bei mir.
Selbst hier im Bauch des Fisches, am dunklen Ort.

4. Gott ist da

Jonas Worte könnten Worte des auferstandenen Jesus sein.
Worte dessen, der 3 Tage und 3 Nächte verschlungen war
und nun das Licht des Ostermorgen erblickt.
Worte von einem, der am dunklen Ort war,
wo es kein Zurück mehr gibt, den Ort der totalen Gottesfinsternis,
und der nun diesen Ort verlässt.
Die Todesnot ist überwunden.
„Du hast mein Leben aus dem Abgrund gezogen“.

Gott gibt nicht auf. Niemals und niemanden.
Gott gibt Jona nicht auf. Und Jesus erst recht nicht.
Gerade die, die von uns Menschen aufgegeben werden, liegen Gott am Herzen. Auch heute.

Und gerade heute.
Es sind so viele, über die die Wogen und Wellen des Meeres gehen,
die in ihren untauglichen Booten den Weg über das Meer suchen, um im Frieden leben zu können.
So viele Jonas, deren Gebete und Geschichten wir nicht hören.
Aber Gott hört sie.
Und schickt die Seawatch und die Seaeye hinaus und wacht mit der Seabird über dem Meer.
Das Meer, für so viele ein Ort der Flucht, des Verschlingen, des Todes - und der Rettung.

Gott ist da. Am Kreuz. Im Grab mit dem Felsen davor.
Im Fischbauch. Im Flüchtlingsboot. In der Seabird. In den Ruinen von Mariupol.

So wie bei Pinocchio.
Der trifft im Bauch des Hais, der ihn verschluckt, auf Geppetto.
Der Schreiner, der Piniocchio gemacht hat.
Er hat sich aufgemacht in die Welt und seinen hölzernen Sohn gesucht.
Gesucht bis hier unten. Und hier unten, im Fisch, hat er auf ihn gewartet.
Wie tief du auch stürzen wirst, wie dunkel auch immer der Ort ist, wo du bist:
der dich gemacht hat und der dich lieb hat, wartet dort auf dich.
Und er wird dich dort nicht lassen.

Manchmal erkennst du ihn. Aber meistens eher nicht.

Meilenweit wandern zwei Jünger neben dem Auferstandenen nach Emmaus,
bevor sie ihn erkennen.
Erst als er das Brot mit ihnen bricht, gehen ihnen die Augen auf.
Es ist so viel leichter, an den Tod zu glauben, als an das Leben, auch heute noch.

Aber Gott gibt das Leben nicht auf. Und seine Menschen erst recht nicht.
Und das ist Ostern: Gottes Lebenssturheit.
Und darum bleibt Jona auch nicht im Bauch des Fisches.

5. Ausgespuckt

Da befahl der Herr dem Fisch, Jona an Land zu bringen. Dort spuckte der Fisch ihn aus. (Jona 2, 11)

An Ostermontag ausgespuckt zu werden, ist kein besonders schönes Bild.
Jona wird nicht einfach ans Land „befördert“ oder „gebracht“, „herausgeholt“
oder „kam zurück an den Strand“.
Nein, der Fisch würgt ihn heraus, mit einer solchen Wucht, dass es bis ans rettende Ufer reicht.

Ich stelle mir vor, wie er nun am Strand sitzt.
Die Haare leicht verklebt, die Kleidung trieft vom Salzwasser.
Noch etwas verdutzt und mit müden Augen in die Sonne blinzelnd – eine Alge hängt am Fuß.
Aber dann auch ein kleines Glücksgefühl, dass sich langsam bis in die Fingerspitzen ausbreitet.

Hilfe ist bei dem Herrn.

Ostern ist kein Wohlfühlfest. (so hat mich der Pforzheimer Kurier zitiert).
Ostern ist Gottes Protest gegen die Macht der dunklen Orte.
Ostern ist Gottes Lebenssturheit, die mich irgendwo hinspuckt.
Irgendwo, wo ich ahne, dass es weiter geht.
Vielleicht in dieser Kirche
oder nachher in die Fußgängerzone vor die Impfstelle, um sie zu schützen.
Vielleicht bringe ich ihnen eine Blume oder einen Schokohasen.

Gott gibt niemanden auf.
Weder Jesus noch die Jonas dieser Welt.
Mich nicht und dich nicht.
Und er spuckt uns ins Leben zurück.
Ihm klagen wir unsere Angst und Gott hört uns zu.
Und an Gottes Hand tun wir, was unsere Aufgabe ist:
Wir überlassen diese Welt nicht dem Tod und der Gewalt,
sondern leben und lieben.
Immernoch und immerwieder.

Amen.

Freitag, 15. April 2022

Vater, vergib - weil ich es nicht kann

Karfreitagspredigt zu Lukas 23, 33 - 49

1.
Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.
Jesus vergibt - bedingungslos, zuerst.
Jesus vergibt den Mördern. Den Attentätern. Den Bombenlegern.
Den Vergewaltigern. Den Hinrichtern.
Den Brutalen. Den Gaffern. Den Spöttern. Den Gemeinen.
Jesus vergibt, wo ich es nicht schaffe.

Vater, vergib.
Ein Wanderprediger im Winkel des römischen Reiches hängt wegen Hochverrats am Kreuz.
Man erträgt es nicht, dass einer auftaucht, der Herzen an sich bindet.
Der sagt: ‚Liebe deine Feinde.’ und das auch so meint.
Der Menschen aus ihren Zwangsjacken heraus-liebt bis sie tanzen können.
Der die Himmelssprache beherrscht, die Zauberworte aus der anderen Welt:
„Steh auf und geh.“  oder „Dein Glaube ist groß – sei gesund.“

Das ertragen sie nicht. Das halten sie für gefährlich.
Wehrkraftzersetzend. Moralschädigend. Freiheitsliebend.
Und darum demütigen sie ihn, verspotten, machen klein, zerstören.
Töten.

2.
Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.
Doch - sie wissen, was sie tun:
Sie wissen, dass sie zahllosen Menschen das Leben nehmen.
Und damit einem Kind ihre Mutter rauben, einer Frau ihren Mann,
dem Geliebten seinen Geliebten, dem Vater seine Tochter.

Sie wissen, was sie tun.
Sie wissen, dass sie Zivilisten erschießen und auf der Straße liegen lassen.
Sie wissen, dass Menschen im Mittelmehr ertrinken,
weil sie ihnen nicht helfen oder die Boote sogar zurück pushen.
Sie wissen, dass sie Menschen in die Flucht jagen und deren Heimat zerstören.
Sie wissen, dass Bomben auf eine Stadt keinen Frieden bringen.
Sie wissen, was sie Kinderseelen antun, wenn sie sie missbrauchen.
Sie wissen, dass sie einen Unschuldigen ans Kreuz nageln.
Sie wissen, was sie tun.

3.
Vater vergib -
„Father forgive“ -
Der Dompropst von Coventry lässt 1942 diese Worte in die Mauer der Kathedrale meißeln.
Deutsche Bombenangriffe hatten die Kathedrale kurz zuvor zerstört.
Dazu ein Kreuz aus Zimmermannsnägeln,
die hatten die Balken der mittelalterlichen Kathedralendecke zusammengehalten.
Ein Kreuz aus Nägeln - zwei Worte.
Ihr kennt diese Geschichte. Und diese zwei Worte.
Father forgive - Vater vergib
Überreste der Zerstörung als Zeichen der Vergebung und der Versöhnung.

Vater vergib -
Und viele von euch kennen auch die Geschichte von Marjorie Frost.
Vor 30 Jahren kam sie nach Huchenfeld.
Wo 1945 ihr Mann ermordet wurde.
Und nun steht da einer, der beim Abendmahl in Tränen ausbricht.
"Ich war einer von den Hitlerjungen, die ihn getötet haben."
Nach dem Gottesdienst ist er weg.
Marjorie sucht nach ihm.
"Ich will ihm sagen, dass ich ihm vergeben habe."
Vater vergib.

4.
Vater vergib -
die ersten Worte am Kreuz - wie eine Überschrift.
Denn darum geht es: um Vergebung, um Versöhnung,
um Heil inmitten allen Unheils, um Beziehung inmitten aller Beziehungslosigkeit,
um die ausgestreckte Hand, um Liebe inmitten allen Hasses.

Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!
Vergib denen,  die meinen Tod verantworten und ihn inszenieren.
Vergib ihnen, obwohl sie ihre Schuld nicht eingestehen.
Vergib den Soldaten und den Hohepriestern, den Politikern und den Gaffern, den Mördern,
den Spöttern, den Feiglingen, denen die noch Jahrhunderte später in meinem Namen töten:
sie alle zeigen keine Reue, und dennoch:
Vater, vergib ihnen.

5.
Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!
Gott vergibt zuerst und nicht erst am Schluss. Gott vergibt bedingungslos.
Setzt neue Kräfte frei. Kräfte des Himmels. Schon immer.
Fischer trauen sich ganz Neues.
Frauen ziehen ihre Zwangsjacken aus und verschwenden ihr Salböl.
Berufsmäßige Betrüger am Zolltisch drehen sich um 180 Grad.
Freunde teilen Brot und Wein, obwohl sie alles andere als gute Freunde sind.

Und sie alle haben seine Liebe geschmeckt.
Und seine Zauberworte gehört:
vom Vater, der seinen heimkehrenden Sohn in die Arme nimmt,
vom Hirten, der sein Schaf sucht,
und vom Winzer, der auch die Spätgekommenen belohnt.
Von einem Gott, der immer zuerst da ist und immer kommt und immer wieder anfängt.
Ein Gott, der liebt was das Zeug hält und auf Teufel komm raus.

6.
Vater, vergib...
Einer hat dies schon immer gelebt und verkörpert.
Und dieser Eine geht dieses „Vater vergib“ bis zum Schluss - bis zum Kreuz.
Vater, vergib, das hört mit dem Tod nicht auf.
Das kann der Tod nicht in Frage stellen. Auch nicht die Richter und Henker.
Vater vergib - das gilt auch für die, die andere in den Tod reißen.

7.
Ich weiß nicht, ob ich das gerade kann. Vergeben.
Und ich kann es schon gar nicht von anderen erwarten. Dass sie vergeben.
Weder von den Juden, deren Großeltern von meinen Vorfahren ermordet wurden.
Noch von den Ukrainerinnen, die um ihre Brüder trauern.
In Coventry bauten sie gleich nach dem Ende des 2.Weltkrieges Brücken
zu den ehemaligen Feinden, zu uns Deutschen. Sie machten aus Feinden Freunde.
Und das war ein Geschenk. Für uns.  Nichts, was wir erwarten konnten.

8.
Ich kann nicht erwarten, dass man mir vergibt.
Aber ich kann selber um Vergebung bitten - für mich.
So wie der eine, der auch am Kreuz hängt.

Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst.
Du bittest um Vergebung für mich, ohne dass ich darum bitten muss.
Du bist die Brücke zu Gott, zur Liebe, zur mir selbst, obwohl ich alle Brücken eingerissen habe.
Ich weiß, dass ich verloren bin.
Doch du kannst mich retten. Nur du mit deiner Liebe, die größer ist als meine Schuld.
Du kennst den Ort, wo ich wieder sein kann, wie Gott mich gedacht hat,
ohne Schuld, ohne Leid, ohne Schmerz. Mit dir an meiner Seite.
Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst.

9.
Da sucht einer die Nähe zu Jesus. Zur Liebe, zu Gott.
Und da antwortet die Liebe:
Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.
Heute. Nicht erst am Ende aller Tage. Nicht erst, wenn Gut und Böse gewogen wird.
Heute, nachher schon wirst du im neuen Garten Gottes sein.

10.
Jesus vergibt - bedingungslos, zuerst. So verwandelt sich dein Leben.
Jesus stirbt nicht, damit Gott uns vergeben kann,
sondern Gott vergibt radikal und lebt dies selbst noch am Kreuz.
Gottes Vergebung kommt nicht an ihr Ende, nirgendwo.
Liebe pur -  dort, wo es dunkel ist, wo wir am Ende sind,
Liebe und Nähe mitten in der Katastrophe, wo jeder von uns wegrennen würde,
wo Bomben eine Stadt zerstören,
wo russische Soldaten die Ukraine überfallen und Zivilisten ermorden
Mitten in der Höllenvision der Schädelstätte reißt Jesus das Paradies weit auf,
dort, wo alles dagegen spricht.
Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.

11.
Ich gebe zu. Ich kann darauf nur hoffen.
Es fällt mir schwer, es zu sehen: den Neuanfang. den Frieden. die Liebe. das Paradies.
Jedenfalls jetzt. (vielleicht ist dieser andere, der Spötter am Kreuz, auch zu laut, zu stark?)
Ich kann es nur vorsichtig stammeln, dieses „Vater, vergib“
Ich klammere mich fest an diesen 2 Worten.
So wie ich mich an den Gekreuzigten klammere.
An ihn und seine Liebe, die am Kreuz nicht aufhört.
Ich klammere mich an die Geschichten, die die Zimmermannsnägel von Coventry schreiben
und an die Hand von Marjorie Frost.
Ich klammere mich an Jesus, der auch Henker und Menschenverächter zur Vernunft bringen kann.
An diesen Jesus, der vergibt, wo ich es nicht schaffe.

Er gibt niemanden auf. Mich nicht und dich nicht.
Und auch nicht die, die wissen, was sie tun.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft
bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.