Montag, 21. September 2020

Moria, Coventry, Jesus - schaut hin.

Lasst euch nicht aufhalten.
Schon gar nicht von den Bedenkenträgern....


 Predigt zu Matthäus 6,25-34 (1)

 I.
Da sitzen sie und hören ihm zu, dem Bergprediger.
Groß und Klein, Reich und Arm, ja, auch die Zweifler und Skeptiker.
Alle, die eine Sehnsucht nach Gott haben und nach Frieden,
und dass es allen Menschen gut geht und nicht nur wenigen.

Sie haben sich nicht aufhalten lassen und sind zu ihm gekommen.
Mit ihren Sorgen, die ihren Alltag auffressen.
Und obwohl sie nicht wissen, ob der Lohn von gestern noch für morgen reicht,
und ob sie den Arzt bezahlen können für die Kleine.

Sorgt euch nicht um euer Leben.
Sagt er.
Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes….

Ob sie das gerade jetzt hören wollen?
Vielleicht denken einige: der hat ja gut reden.
Lebt von der Hand in den Mund.
Er muss ja keine Kinder versorgen.
Aber andere spüren noch was anderes.
Jesus kennt doch unsere Sorgen. Er ist einer wie wir. Ist sich für nichts zu schade.
Weint mit uns und hat Brot für uns und nimmt unsere Kinder in den Arm.
Und er macht die Sorgen auch nicht klein.
Aber er weiß auch, wie sie das Leben verdunkeln können, wenn sie zu groß werden.
Sie nehmen uns die Luft und die Sicht auf das Leben.

Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen:
Was werden wir essen?
Was werden wir trinken?
Womit werden wir uns kleiden?
Nach dem allen trachten die Heiden.
Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft.


II.
Und wie die Menschen damals dem Bergprediger so zuhören,
denken sie vielleicht an ihre Vorfahren.
Die einst aufgebrochen sind aus Ägypten.
Die ließen sich nicht aufhalten, noch nicht mal vom Meer,
geschweige denn von den Soldaten der ägyptischen Armee.
Sie zogen ins Ungewisse. Dorthin, wo sie frei sein sollen.
Wo es jedem von ihnen gut gehen soll, nicht nur einigen wenigen.
Und sie machten sich Sorgen. Was werden wir essen? Was werden wir trinken?
Sollen wir nicht doch besser zurück?

Doch Gott lehrte sie das Sehen. Das Genauhinschauen.
Seht morgens genau hin: da findet ihr Manna. Das Brot der Wüste.
Und abends seht genau hin: da findet ihr Wachteln.
Und seht euch die Felsen genau an: da findet ihr Wasser.
Und verliert euer Ziel nicht aus den Augen.
Das Land, wo ihr gerecht und frei leben könnt und jeder Mensch geachtet wird.
Wo jedes Leben zählt.

Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit,
so wird euch das alles zufallen.


III.
Das Mittelmeer im September. Ein Ort, wo Leben wertlos geworden ist.
Menschen in Booten, deren Motor von der griechischen Küstenwache zerstört wurde.
Menschen in Lagern, unter Zeltplanen, dicht an dicht.
Kein Schutz vor der Kälte der Nacht, kein Schutz vor Gewalt, kein Schutz vor Corona.
Feuer brennt. Tränengas macht selbst vor Kindern nicht halt.
Man trinkt Abwasser um nicht zu verdursten.
Die Einheimischen sind verzweifelt. Ja, auch sie. Alleingelassen.
Und in Europa feilscht man um 100, 200, 400 Kinder, die man rausholen will.
Oder doch 1500?
NGOs werden ausgebremst. Boote gestoppt. Die Nächstenliebe wird aufgehalten.
Wir wollen uns keine Brandstifter holen, heißt es in den Kommentaren auf Facebook.
Die haben das nicht verdient. Sind doch selber schuld. Schickt sie zurück.
Alle? Auch die Kinder? Und die jungen? Und die alten?
Schweigen. Achselzucken.
Die Sorge, dass wir was abgeben müssten von unserem Reichtum, ist mächtiger als alles andere.

IV.
Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit,
so wird euch das alles zufallen.


Schaut genau hin. Es ist doch alles da, worauf es ankommt.
Lasst euch nicht den Blick verdunkeln.
Seht das Manna und die Wachteln. Seht das Wasser in den Felsen.
Seht die Vögel, und die Lilien. Schaut hin, wo geliebt wird und geholfen.
Darauf, dass es nicht nur euch gut geht, sondern den anderen auch.
Und dass jeder Mensch für Gott wichtig ist.....

Schaut hin auf die Bilder von Gottes Liebe:
Da ist Brot, das für alle reicht.
Der Samariter, der sich um den im Straßengraben kümmert.
Der Hirte, der noch dem letzten Schaf hinterher geht.
Jedes einzelne Leben zählt. Jedes Schaf.
Jede geflüchtete Frau aus Syrien. Jedes Kind aus Afghanistan.
Und auch die jungen Männer.
Schaut hin. Sagt Jesus. Und lasst euch nicht aufhalten.

V.
Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes…

Als der Probst Howard in die Ruine von Coventry ging, hatte er große Sorge.
Was kann aus so einer Zerstörung schon Gutes entstehen? (2)
Doch er ließ sich seinen Blick nicht davon verdunkeln.
Er schaute genau hin.
Und fand Gott. Gerade in dieser Ruine. In einem Kreuz aus 3 Nägeln.

Howard wusste:
Gott wird ihm die Kraft geben, im richtigen Moment das zu tun, was ansteht.
Er ließ sich nicht aufhalten vom Hass, von Rachegefühlen, von der Verzweiflung.
Er ließ sich auch nicht von den Bedenkenträgern aufhalten.
Von denen, die sagen: das bringt sowieso nichts.
Die haben das nicht verdient. Die müssen wir ihrem Schicksal überlassen.
Nein, er tat, was dran war. Und mit ihm viele andere.
Und sie knüpften ein Netz der Versöhnung über die ganze Welt.

VII.
Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes…

Schaut genau hin und lasst euch nicht aufhalten.
Holt die Flüchtlinge aus den Lagern raus.
Rettet die, die in Seenot geraten.
Gebt ihnen ein Zuhause. Gebt ihnen Sicherheit. Es ist ja genug Platz.
Sorgt euch nicht um euch und eure Sicherheit.
Sorgt euch aber um die Menschen, die Hilfe brauchen.
Die uns brauchen. Und die sich nach Frieden sehnen.
Lasst euch nicht aufhalten von den Parolen der besorgten Bürger.
Und von den Bedenkenträgern auch nicht.

Schaut genau hin.
Auch auf die, die hier sind und euch brauchen.
Und denen ihr zur Seite stehen könnt.
Die das Manna und die Blumen am Wegesrand nicht sehen können.
Öffnet ihnen die Augen.
Öffnet sie für das Leben. Für jede einzelne Faser des Lebens.
Und dafür, dass Gott dieses Leben liebt.

Schaut hin und sorgt euch nicht.
Keiner von euch muss seine Sorgen alleine tragen.
Gott gibt euch die Kraft, die ihr braucht.
Schaut hin und ihr findet Gott - in den Ruinen, in den Zimmermannsnägeln,
In den Lagern dieser Welt und in eurem Leben.

Schaut hin und
Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit,
so wird euch das alles zufallen.

Amen.



(1) Matthäus 6,25-34:

25Darum sage ich euch: Sorgt euch nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung? 26Seht die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel kostbarer als sie? 27Wer ist aber unter euch, der seiner Länge eine Elle zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt?
28
Und warum sorgt ihr euch um die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: Sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. 29Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen. 30Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird: Sollte er das nicht viel mehr für euch tun, ihr Kleingläubigen? 31Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? 32Nach dem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft.
33
Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen. 34Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.


(2) Die Stadtkirche in Pforzheim gehört zur weltweiten Nagelkreuz-Gemeinschaft. Der 20.9.2020 war der Nagelkreuzsonntag. Zur Hintergrundgeschichte siehe z.B. https://nagelkreuz.org/nkg-international/geschichte

Zu Beginn des Gottesdienst gab es folgende Meditation zum Wochenpsalm 127:

Wenn der HERR nicht das Haus baut,
so arbeiten umsonst, die daran bauen.
Wenn der HERR nicht die Stadt behütet,
so wacht der Wächter umsonst.

Umsonst gebaut.
Vielleicht hat damals der Probst von Coventry genau das gedacht,
als er in den Trümmern seiner Kathedrale stand.
Umsonst gebaut.
Die Bomben haben dieses Gebäude, das doch für die Ewigkeit gebaut war, zerstört.
Einfach so. Weil Hass, Macht, Gier, Wut, Gewalt stärker war.
Umsonst gebaut. Oder doch nicht?

Wenn der HERR nicht das Haus baut,
so arbeiten umsonst, die daran bauen.
Wenn der HERR nicht die Stadt behütet,
so wacht der Wächter umsonst.


Umsonst gebaut.
Vielleicht haben das die Menschen vor 75 Jahren gedacht
als sie durch die Straßen Pforzheim gingen.
Alles in Schutt und Asche. Auch die Stadtkirche.
Weil dieser Kriegswahnsinn auch vor Pforzheim nicht Halt machte.
Umsonst gebaut. Oder doch nicht?

Wenn der HERR nicht das Haus baut,
so arbeiten umsonst, die daran bauen.
Wenn der HERR nicht die Stadt behütet,
so wacht der Wächter umsonst.


Der Herr hat ein anderes Haus gebaut.
Ein Haus des Friedens. Ein Haus der Versöhnung. Eins, das die ganze Welt umspannt.
Aus 3 Zimmermannsnägeln geschmiedet. Aus Dachbalken zusammengelegt.
Ein Kreuz, das sagt: Nichts ist umsonst, was aus Liebe geschieht.
Gebt darum weiter, was Gott euch schenkt.
Seinen Frieden. Seine Versöhnung. Sein Leben.
Gott sorgt für euch. Darum sorgt euch nicht um euch.
Nicht um euren Ruf. Um eure Zukunft. Um eure Gegenwart.
Sorgt ihr für andere. Und alles andere wird er dazu tun.
So wie die 3 Nägel aus der Ruine.
Mehr brauchte der Probst von Coventry nicht für den Frieden.
Und für das Leben.
Nichts ist umsonst.




Sonntag, 28. Juni 2020

Mich umarmen lassen

Meine gegensätzlichen Seiten feiern

Predigt zu Lukas 15, 11-32

Alle Zolleinnehmer und andere Menschen, die ein Leben voller Schuld führten,
kamen zu Jesus um ihm zuzuhören. Die Pharisäer und Schriftgelehrten ärgerten sich darüber.
Sie sagten: »Mit solchen Menschen gibt er sich ab und isst sogar mit ihnen!«
Da erzählte ihnen Jesus dieses Gleichnis:
»Ein Mann hatte zwei Söhne. Der jüngere sagte zum Vater: ›Vater, gib mir den Teil der Erbschaft, der mir zusteht.‹ Da teilte der Vater seinen Besitz unter den Söhnen auf. Ein paar Tage später machte der jüngere Sohn seinen Anteil zu Geld und wanderte in ein fernes Land aus. Dort verschleuderte er sein ganzes Vermögen durch ein verschwenderisches Leben. Als er alles ausgegeben hatte, brach in dem Land eine große Hungersnot aus. Auch er begann zu hungern. Da bat er einen der Bürger des Landes um Hilfe. Der schickte ihn aufs Feld zum Schweinehüten. Er wollte seinen Hunger mit den Futterschoten stillen, die die Schweine fraßen. Aber er bekam nichts davon.
Da ging der Sohn in sich und dachte: ›Wie viele Arbeiter hat mein Vater und sie alle haben reichlich Brot zu essen. Aber ich komme hier vor Hunger um. Ich will zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe Schuld auf mich geladen – vor Gott und vor dir. Ich bin es nicht mehr wert,
dein Sohn genannt zu werden. Nimm mich als Arbeiter in deinen Dienst.‹
So machte er sich auf den Weg zu seinem Vater. Sein Vater sah ihn schon von Weitem kommen und hatte Mitleid mit ihm. Er lief seinem Sohn entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn. Aber sein Sohn sagte zu ihm: ›Vater, ich habe Schuld auf mich geladen – vor Gott und vor dir. Ich bin es nicht mehr wert, dein Sohn genannt zu werden.‹ Doch der Vater befahl seinen Dienern: ›Holt schnell das schönste Gewand aus dem Haus und zieht es ihm an. Steckt ihm einen Ring an den Finger und bringt ihm Sandalen für die Füße. Dann holt das gemästete Kalb her und schlachtet es: Wir wollen essen und feiern! Denn mein Sohn hier war tot und ist wieder lebendig. Er war verloren und ist wiedergefunden.‹ Und sie begannen zu feiern.
Der ältere Sohn war noch auf dem Feld. Als er zurückkam und sich dem Haus näherte, hörte er Musik und Tanz. Er rief einen der Diener zu sich und fragte: ›Was ist denn da los?‹ Der antwortete ihm: ›Dein Bruder ist zurückgekommen! Und dein Vater hat das gemästete Kalb schlachten lassen, weil er ihn gesund wiederhat.‹ Da wurde der ältere Sohn zornig. Er wollte nicht ins Haus gehen. Doch sein Vater kam zu ihm heraus und redete ihm gut zu. Aber er sagte zu seinem Vater: ›Sieh doch: So viele Jahre arbeite ich jetzt schon für dich! Nie war ich dir ungehorsam. Aber mir hast du noch nicht einmal einen Ziegenbock geschenkt, damit ich mit meinen Freunden feiern konnte. Aber der da, dein Sohn, hat dein Vermögen mit Huren vergeudet. Jetzt kommt er nach Hause, und du lässt gleich das gemästete Kalb für ihn schlachten.‹
Da sagte der Vater zu ihm: ›Mein lieber Junge, du bist immer bei mir. Und alles, was mir gehört, gehört auch dir. Aber jetzt mussten wir doch feiern und uns freuen: Denn dein Bruder hier war tot und ist wieder lebendig. Er war verloren und ist wiedergefunden.‹

I.
Ja, ich bin es. Ich bin wie der ältere Sohn.
Eigentlich zufrieden mit dem, was ich habe. Es geht mir ja gut.
Wie er habe ich mein Einkommen, ein Dach über dem Kopf, bin gesund - meistens.
Ich habe zu essen, zu trinken, einen Mann, 3 Kinder, eine große Familie im Hintergrund,
gute Freunde und Freundinnen.
Ich kann mit einer Rente rechnen. Weiß, wie das Wetter morgen wird.
Hab sogar noch Geld und Pläne für Urlaub.
Wollte ich das nicht immer so?

Wie der ältere Sohn arbeite ich viel und erfülle weitgehend die Erwartungen.
Klar nicht immer und dann habe ich auch ein schlechtes Gewissen.
Ich weiß, wann ich Anträge einreichen oder beim Oberkirchenrat anrufen muss.
Ich beantworte Mails und schicke Briefe. Ich telefoniere und treffe mich mit Menschen.
Ich plane und strukturiere und entscheide und höre und rede und schreibe und denke nach.

Ich bin loyal - wie er.
Ich habe mir die Corona-App heruntergeladen.
Trage beim Einkaufen die Mund-Nase-Bedeckung.
Ich mach das nicht nur aus Pflichtbewusstsein,
sondern weil ich wirklich glaube, dass das richtig ist.
Ich will verantwortlich handeln. Und ich trage Verantwortung.
Ich mach das gern, auch wenn sie mir manchmal zu schwer wird.

Ich halte es aber darum wie der ältere Sohn schwer aus,
wenn andere auf die gemeinsame Verantwortung pfeifen.
Ich empfinde sie als unsolidarisch und habe zugleich das Gefühl, unglaublich spießig zu sein.
Und vielleicht bin ich das auch?  Nein, protestiert alles in mir.

Der ältere Sohn wird aber oft so dargestellt:
Als einer der immer brav ist und dann so kleingeistig,
dass er seinem jüngeren Bruder nichts gönnt. Aber vielleicht stimmt das gar nicht?

Jedenfalls entdecke ich: Ja, ich bin so wie er.

II.
Aber ich bin auch wie der jüngere Sohn.
Ich will nicht in den vorgefertigten Bahnen und Rollen laufen.
Will sie sprengen, will neue Pfade betreten.
Ich will mich ausprobieren, Neues entdecken, auch an mir.
Und das kann ich nicht, wenn ich immer nur im Rahmen bleibe.

Ich will experimentieren - wie der jüngere Sohn.
Weit weg von irgendeiner Aufsicht. Und ich will das Leben feiern. Einfach so.
Für einen Tag ans Meer fahren. Erdbeeren essen bis mir schlecht wird.
Auf dem Marktplatz Tango tanzen.
Einen Graffiti-Workshop besuchen und es Nachts in echt ausprobieren.

Manchmal will ich auch nicht mehr nett und höflich sein.
Will frei sein von dem Bedürfnis, dass man mich mögen soll.

Und manchmal will ich noch viel mehr. Will alles hinter mir lassen - wie er.
Ganz neu anfangen. Irgendwo. Mit irgendwas. Raus aus dem gesettelten Leben.
Verrücktes tun. Und ganz schlicht leben. Ohne Spülmaschine und Smartphone.

Aber ich habe Angst davor.
Angst zu scheitern wie der jüngere Sohn
und dann auch in einem Schweinestall zu enden und eine arme Sau zu sein.
Scheitern ist ja nichts Romantisches, sondern brutal.
Ich will nicht am Boden liegen - nicht wissend, ob ich alleine wieder hoch komme.
Ich weiß, wie man sich verzettelt und alles vermasselt.
Bin schon in einer Sackgasse gelandet.
Ich habe auch schon Menschen, die ich liebe, verletzt und verlassen.
Ich bin schon geflohen vor Verantwortung,
habe mich schäbig benommen, als ein Freund mich brauchte.
Schämte mich, in den Spiegel zu schauen.
Und das alles hinterlässt Spuren und Narben.

Aber ja, wenn man ausbricht aus dem Gewohnten, macht man auch Fehler.
Der jüngere Sohn wurde oft als der Hallodri dargestellt:
Als einer, der nur seinen Spaß haben will und dabei nichts ans Morgen denkt.
Aber vielleicht stimmt das gar nicht?
Jedenfalls entdecke ich: Ja, ich bin so wie er.

III.
Ich bin wie der ältere Sohn und wie der jüngere.
Ich will alles richtig machen und ich will alles anders machen.
Ich habe mich verrannt und ich bin still stehen geblieben.
Und mit beiden Seiten bin ich auf der Suche nach mir selbst
….und nach Gott.
Fragend, ob ich so genug bin.

Und Gott?
Gott stellt diese Frage nicht, sondern breitet seine Arme aus.

Aber mir geht das noch zu schnell.
Bin noch zu sehr bei meinen Fragen und Zweifeln. Auch an Gott.

Bin ich dir wirklich willkommen, Gott?
Der Gedanke, dass ich moralisch sauberer sein müsste,
Oder ehrlicher, bibelfester oder wenigstens kraftvoll gläubig,
Dieser Gedanke steckt zu tief in mir, Gott.
Jahrhundertelange Tradition schleppe ich mit:
Dass nur brave Mädchen in den Himmel kommen.
Oder man müsste besonders genial und begabt sein, um dir wohlgefällig zu sein.
Und ich bin das alles nicht.

Bin ich trotzdem willkommen, Gott?
Ist meine zwanghafte Seite willkommen? Und meine rebellische auch?
Und sind mit mir alle anderen willkommen, die auch aus dem Rahmen fallen?
Alle bunten und schillernden, lauten und leisen?
Die arabisch und farsi sprechenden auch?
Sind wir gut genug für dich, Gott?
Wenigstens für dich, wenn schon nicht für die anderen?

IV.
So stehe ich mit klopfenden Herzen da.
Stehe vor Gott - ganz außer Atem vom Schweinestall her kommend.
Und aus meiner Schmollecke hervorkriechend.

Und Gott sagt: Natürlich bist du gut genug!
Gut genug mit allen gelebten und ungelebten Träumen.
Und Gott breitet ihre Arme aus und umfängt mich.
Mich. Mich ganz und gar. Mit meinen beiden Seiten.
Mit meiner Angst vor dem Leben und der Angst, das Leben zu verpassen.
Mit meinem Zweifel und meiner geistigen Engstirnigkeit,
Mit meinem Verantwortungsgefühl und mit meiner Abenteuerlust.

Gott gibt mir ein neues Kleid und Schmuck, wertvoll soll ich mich fühlen.
Das Kleid steht meinen beiden Seiten vortrefflich.
Und Gott tischt alles auf, was die Speisekammer hergibt.
Sorgt für gute Musik. Für Licht und Farben.
Für ein großes Fest
- für mich.
Für meine beiden Seiten.
Sie gehören zu mir. Werden beide gebraucht.
Werden beide umarmt.
Die verantwortliche Seite und die spielerische.
Die Vorsichtige und die alles Wagende.

Gut, dass du du bist, sagt Gott.
Was mein ist, ist dein. Du warst tot, doch jetzt lebst du.
Du bist da, sagt Gott. Und das ist Grund genug zum Feiern.

Aber merke dir eins:
Das Leben ist gütiger als du denkst, als du zu glauben wagst.
Viel gütiger, unendlich gütig.
Hab keine Angst, dass du zu kurz kommst.
Gönne auch anderen das Leben und die Liebe.
Und öffne dein Herz für sie, die sich wie du, nach dem Leben sehnen.

V.
Ja, ich bins.
Ich bin wie der jüngere Sohn und wie der ältere.
Ich bin Gottes Tochter.
Und ich lass mich umarmen. Von Gott, Vater und Mutter.
Und ich feiere mit ihr das Leben.

Samstag, 9. Mai 2020

Alles beginnt mit der Sehnsucht

Was Tersteegen, Bach, das Himalaya und Ballett miteinander zu tun haben.

Zur Zeit entstehen kleine Videoandachten in der Stadtkirche unter dem Titel "Musik am Mittwoch".
Diese hier ist eine wunderbare Zusammenarbeit mit Orgel (Heike Hastedt) und Ballett (unter der Leitung von Guido Markowitz), die man sich eigentlich anhören und anschauen sollte.
Das Video ist wunderschön geworden und hier zu finden:
https://www.youtube.com/watch?v=wGlOhBV6Idg&t=5s


I.
Alles beginnt mit der Sehnsucht.
So fängt ein Gedicht von Nelly Sachs an.
Alles beginnt mit der Sehnsucht.
Mit der Sehnsucht nach Liebe und Atem und nach Leben.

Aber auch am Ende steht die Sehnsucht.
Einer meiner Lieblingsfilme ist „Das Beste kommt zum Schluss“.
In ihm erfahren Edward Cole und Carter Chambers zeitgleich,
dass sie nur noch eine kurze Zeit zu leben haben.
Zufällig liegen sie zusammen in einem Krankenzimmer.

Edward ist reich. Richtig reich. 
Und so beschließen sie, sich gemeinsam ihre Träume zu erfüllen:
das, was sie noch unbedingt erledigen wollen, bevor sie sterben.
Und sie erstellen eine Liste.

Carter, der Philosoph von den beiden, schreibt auf seine Liste:
Etwas Majestätisches erfahren.
Edward amüsiert sich darüber.
Fallschirmspringen, ein Tatoo stechen,
das schönste Mädchen auf der Welt küssen - das sei es doch.
Was zum Geier soll das sein, etwas Majestätisches erfahren?

Warst du schon mal im Himalaya? antwortet Carter.
Und er hat vor Augen diesen majestätischen Ort,
wo der Himmel so blau ist, dass er fast schwarz wirkt.
Aber natürlich steckt dahinter, hinter diesem Wunsch,  mehr.
Carter will sich am Leben wieder freuen können.
Will die Welt mit offenem Herzen umarmen.
Er sehnt sich danach, überwältigt zu werden.
Und Gott ganz nah zu sein, diesem majestätischen Wesen.

Etwas Majestätisches erfahren….  
Kennen Sie diese Sehnsucht?

Majestätisch Wesen, möcht ich recht dich preisen und im Geist dir Dienst erweisen.
Möcht ich wie die Engel immer vor dir stehen und dich gegenwärtig sehen.
Lass mich dir für und für trachten zu gefallen, liebster Gott, in allem.


II.
Edward Cole und Carter Chambers folgen ihrer Sehnsucht. 
Vieles davon ist ziemlich verrückt.
Aber sie umarmen die Welt und öffnen ihre Herzen.
Und sie entdecken, dass das Leben ein heiliger Ort ist.

Alles beginnt mit der Sehnsucht.
Schau ich auf den Beginn des Lebens, dann ist da der Atem.
Die Sehnsucht nach ihm bei der Geburt.
Selber atmen können, Luft in die Lunge bekommen.
Für die meisten von uns selbstverständlich,  aber längst nicht für alle.

Wie kostbar das Selbstverständliche ist!
Wir merken das jetzt besonders.
Eine Umarmung, ein Kuss, mal eben die Oma besuchen, arbeiten gehen.
Alles das ist gerade nicht mehr selbstverständlich.
Jede Begegnung zerbrechlich wie feinstes Porzellan.

Das Leben ist ein heiliger Ort - ja!
Aber ich sehne mich zugleich danach, dass es wieder selbstverständlich ist, dieses Leben.
Leicht.
Umfangen von Atem und Luft und von Gott.
Nichts fragen müssen. Nichts verstehen müssen.
Einfach spüren, dass alles gut wird.
Leicht sein.  
Leicht werden.

Luft, die alles füllet, drin wir immer schweben, aller Dinge Grund und Leben,
Meer ohn Grund und Ende, Wunder aller Wunder: ich senk mich in dich hinunter.
Ich in dir, du in mir, lass mich ganz verschwinden, dich nur sehn und finden.


III.
Ich in dir. Du in mir.
Dich nur sehn und finden.
Liebeserklärung pur.
Göttliche Erotik.
Die Sehnsucht danach, eins zu sein und zu verschmelzen.
Die Sehnsucht nach dem anderen, der anderen.
Nach der Berührung, dem Blick, nach der Stimme.
Nach dem zarten Finger, der mein Gesicht berührt.

Sehnsucht nach Liebe. Alles beginnt mit ihr.
Vielleicht sogar mit der Sehnsucht nach Gott.  Und Gottes Sehnsucht nach mir.
Sehnsucht nach dem, der mich liebt,  so wie ich bin und ohne dass ich was dafür tun muss.
Einfach nur da sein.
Leben. Atmen. Selber lieben.
Die Welt umarmen und das Herz öffnen.
Zum Blau gehen, das zum Schwarz wird, weil der Himmel tief ist.

Ja, sich am Leben freuen - darauf kommt es an.
Sich am Leben freuen und diesen Gott wenigstens für einen Moment finden.
Danach sehne ich mich.

Du durchdringest alles; lass dein schönstes Lichte, Herr, berühren mein Gesichte.
Wie die zarten Blumen willig sich entfalten und der Sonne stille halten,
Lass mich so, still und froh deine Strahlen fassen und dich wirken lassen


IV

Nelly Sachs:

Alles beginnt mit der Sehnsucht
Immer ist im Herzen Raum für mehr,
für Schöneres und Größeres.
Immerfort sich hinstrecken auf ein Kommendes –
das ist des Menschen Größe und Not.
Sehnsucht nach Stille, nach Freundschaft,
und Liebe.
Und wo Sehnsucht sich erfüllt,
dort bricht sie noch stärker auf:
dass es so bleibe,
dass es nicht vorübergehe.

Fing nicht auch die Menschwerdung,
Gott,
mit dieser Sehnsucht nach dem Menschen an?
So lass nun unsere Sehnsucht damit anfangen,
dich zu suchen,
und lass sie damit enden,
dich gefunden zu haben.



V.
Suchen und finden.
Kurz bevor der kluge Carter Chambers stirbt, schreibt er seinem Freund:

Ich bitte dich, noch etwas für mich zu tun:
Finde die Freude in deinem Leben, Edward.

Finde deine Freude!

Und der zynische Edward Cole findet sie, die Freude.
Er versöhnt sich mit seiner Tochter,
nimmt seine Enkeltochter in den Arm
und küsst sie, das schönste Mädchen der Welt.

Ja, und das alles, das beginnt mit der Sehnsucht.

Sonntag, 12. April 2020

Ostermorgen 2020

Dämmerung im Osten. Richtung Westen ist es noch dunkel.
Nach milder Nacht ein kühler Ostermorgen.
Ich bin keine Frühaufsteherin.
Die Glieder sind müde. Die Augen verschlafen. Der Geist träge.
Wie jedes Jahr.

Ich steige auf mein E-Bike,
froh um die Motorunterschützung als es den Wallberg rauf geht.
Die Stadt ist noch ruhig. Die Vögel melden sich zu Wort.

Am Parkplatz stelle ich mein Fahrrad ab.
Noch gar nicht so viele Autos hier.
Die letzten Meter müssen gelaufen werden.
Mit immer noch müden Beinen geht es schleppend, aber es geht.

Andere sind schon da, als ich ankomme. Es kommen noch mehr dazu.
Gesichter, die ich kenne. Und Gesichter, die ich nicht kenne.
Wir bleiben auf Corona-Abstand.
2 Frauen auf dem Geländer haben zwischen sich eine Kerze.
Und eine Flasche Wasser.
Es wird heller. Die Stadt zu unseren Füßen.

Unter unseren Füßen weiß ich die Trümmer des letzten Krieges.
75 Jahre ist das her.
Da verloren die Menschen ihr Zuhause.
Und ihr Vertrauen.
Zerstörte Stadt. Zerstörtes Leben. Zerstörte Zukunft.

Und doch ging auch hier die Sonne täglich auf.
Die Stadt wurde wieder aufgebaut.
Die Toten begraben. Trümmer beiseite geräumt und den Berg rauf geschleppt.
Tränen getrocknet. Ärmel hochgekrempelt. Zukunft Stein auf Stein geschichtet.
Angst weggedrückt. Wie haben sie damals den Ostermorgen erlebt?

Ich schaue auf die Stadt.
Hinter den Gardinen schlafen die meisten noch.
Das eine oder andere Kind wird schon auf der Suche nach Ostereiern sein.
Müde tritt die Pflegerin aus dem Krankenhaus nebenan -
ihre Nachtschicht ist zu Ende.
An den Beatmungsgeräten kämpfen Covid-19-Kranke um ihr Leben.
Der Nachbar mit seinem Tumor pausiert mit seiner Chemo.
Mit Wehen wandert die Hochschwangere ruhelos über den Flur.
Ein alter Mann stellt 2 Kaffeetassen auf den Frühstückstisch
Vermisst seine Frau, die er im Pflegeheim nicht besuchen kann.
David ist vom Alptraum aufgewacht. Er holt das Papier hervor und streicht es glatt.
Ablehnungsbescheid steht da drauf.
Und er versteht immer noch nicht, warum er in den Iran zurück muss.
Die Nachbarin geht mit ihrer Kerze in die Herz-Jesu-Kirche. Zum Osterlicht.

Der Himmelsrand im Osten ballt sich rot.
Gleich hinter dem Wartberg auf der anderen Seite.
Die Stelen hinter mir leuchten zurück.
Die 2 Frauen auf dem Geländer waschen sich die Augen.
Osteraugen. Frisch und klar.
Und plötzlich ist die Sonne da.
Fast grell kriecht sie Stück für Stück hervor
Knall-rot-orange.
Der Zaubermoment.

In mir ist es ganz ruhig.
Ich höre die anderen nicht, aber ich weiß sie um mich herum.
Das Osterlicht streckt sich mir entgegen.
Es streichelt über mein Gesicht.
Ich lebe und du sollst auch leben, sagt es mir.

Ich stehe auf, gehe ein paar Schritte zurück.
Meine Stimme drängt sich raus: Christ ist erstanden.
Etwas brüchig. Zaghaft. Und zu tief.
Aber die anderen stimmen mit ein.
Und gemeinsam singen wir.
Christ will unser Trost sein. Kyrieleis.

Frohe Ostern nicken wir uns zu.
Und dann gehe ich wieder den Berg hinunter.
In meinem Herzen:
die bekannten und die unbekannten Gesichter,
die Trümmer des Berges mit ihren Erinnerungen,
die 2 Frauen mit ihren frischgewaschenen Augen,
die Pflegerin, die ostereiersuchenden Kinder, die müden Eltern,
den besorgten David, die Covid-19-Kranken und den Nachbarn,
den alten Mann, die Gebärende,
und Jesus, den Auferstandenen.
Friede sei mit ihnen allen.

Ich steige auf mein Fahrrad.
Die Vögel sind noch lauter als vorhin.
In der Enz gluckert das Wasser und zieht weiter.

Zuhause angekommen hole ich die Tafelkreide
und schreibe auf die Straße meine Osternachricht.
Ich hänge Ostereier in die Büsche.
Mach mir einen Kaffee.
Zünde die Osterkerze an, die mir mein Freund Michael geschickt hat.
Ostermorgen 2020.

Donnerstag, 9. April 2020

Miteinander verbunden - Gründonnerstag und Bonhoeffer

Heute ist Gründonnerstag. Normalerweise würden wir heute Abend in unseren Kirchen Abendmahl feiern - in Erinnerung daran, wie Jesus mit seinen Freunden und Freundinnen am Abend vor seinem Tod das letzte Mahl zusammen war. „Normalerweise“ - aber dieses Jahr ist nichts normal, sondern alles anders. Und viele sind traurig, dass sie in diesen Tagen keine Gottesdienste in ihren Kirchen feiern können. Viele haben auch Angst vor dem Alleinsein.

Heute ist Gründonnerstag. Und: heute vor 75 Jahren wurde Dietrich Bonhoeffer im Konzentrationslager Flossenbürg von den Nazis hingerichtet. Viele Monate war er im Gefängnis gewesen, weil er am Widerstand gegen die Nazis teilgenommen hat. Auch er litt unter Einsamkeit und Angst – abgeschnitten von lieben Menschen, von der Gemeinschaft mit anderen, vom Leben überhaupt. „Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig“ – so beschreibt er seinen Zustand in einem Gedicht: „hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen, dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe.“

Farben, Blumen, Vogelstimmen, Frühlingsdüfte – im Gegensatz zu Dietrich Bonhoeffer können wir sie wahrnehmen in diesen Tagen. Trotz Corona, trotz aller Einschränkungen. Gott sei Dank! Aber unruhig und sehnsüchtig sind viele von uns jetzt auch. 
Auch ich sehne mich nach guten Worten und menschlicher Nähe. Gerade jetzt wo der Frühling da ist, möchte ich in Straßencafés sitzen, will Menschen, die ich mag, umarmen und das Leben spüren.

„Du, die Eltern, Ihr alle, die Freunde […] seid mir immer ganz gegenwärtig.“ Das schrieb Bonhoeffer aus dem Gefängnis an seine Verlobte, Maria Wedemeyer. Auch hinter den dicksten Gefängnismauern fühlte er sich verbunden mit seinen Liebsten. Ich lebe nicht im Gefängnis, aber die Verbundenheit mit euch tut auch mir gut - gerade jetzt.

Ja, ich bin mit euch verbunden. Und mit Jesus. Heute, am Gründonnerstag, und die kommenden „Heiligen Tage“ sogar ganz besonders.
Ich werde heute abend mit Freund*innen per zoom zusammensitzen, das Brot brechen, einen Schluck Wein trinken und die Worte hören, die davon erzählen, wie Jesus dieses Brot brach. Und er sitzt an meinem Tisch und an dem meiner Freund*innen auch.
Morgen suche ich mir eine stille Stunde und werde daran denken, wie einsam Jesus am Kreuz starb und wie seine Freundinnen und seine Mutter um ihn weinten. Und ich weiß, er ist ganz nah bei mir - in meinen Tränen.
Und am Ostermorgen zünde ich mir das Osterlicht an, lausche auf die Glocken und singe „Christ ist erstanden“ - vielleicht gehe ich zum Sonnenaufgang auch auf den Wallberg.
Und ich weiß: Jesus ist auch dann ganz nah bei mir - in meiner Hoffnung, dass Gott stärker ist als der Tod. Oder wie Bonhoeffer es sagt: „ Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will.“

So wird es sein.
(leicht verändert so auch heute im Pforzheimer Kurier abgedruckt)

Sonntag, 8. März 2020

Frauennamen

Predigt zum Weltfrauentag
(mit riesengroßem Dank an Birgit Mattausch, dieser wunderbaren Predigerin, deren Worte ich weitergeschrieben habe)

1. Womens march

3 Jahre ist es her.
Da zogen die Frauen nach Washingthon. Women’s march.
Am Tag nach der Einführung von Donald Trump.
Whoopi Goldberg war dabei und Yoko Ono. Scarlett Johansson und Ashley Judd.
Eine Liste von Namen.
Pinkfarbene Wollmützen auf dem Kopf. Pussyhats.
Mit Zipfeln rechts und links. Wie Katzenohren.
Weil da einer an der Macht gekommen ist, der meint, Frauen einfach angrabschen zu können.

Der beschimpfte seine Konkurrentin Hillary Clinton als böse, widerliche, schmutzige Frau.
Nasty woman.
Und der Senatorin Elizabeth Warren erteilte man fast zeitgleich Redeverbot.
Aber sie hielt sich nicht daran.
#Nevertheless, she persisted.

Über eine Million Menschen waren damals in Amerika auf der Straße.
Weltweit demonstrierten mindestens 2 Millionen Menschen.

Mittlerweile ist die Bewegung nicht mehr so stark. Aber es gibt sie noch. Jahr für Jahr.
Und sie ist lernfähig.
Gott sei Dank haben sie sich von Frauen im Vorstand getrennt,
die antisemitisch unterwegs waren.

Ja, sie geht weiter, diese Bewegung:
Kennt ihr den pinky swear? (1)
Mit dem nimmt Elizabeth Warren kleinen Mädchen mit 2 kleinen Fingern das Versprechen ab:
„Ich will Präsidentin werden, weil Mädchen das tun!“

2. Text

Und es begab sich danach,
dass er von Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf zog
und predigte und verkündigte das Evangelium vom Reich Gottes;
und die Zwölf waren mit ihm,
dazu etliche Frauen, die er gesund gemacht hatte von bösen Geistern und Krankheiten,
nämlich Maria, genannt Magdalena, von der sieben Dämonen ausgefahren waren,
und Johanna, die Frau des Chuza, eines Verwalters des Herodes,
und Susanna und viele andere, die ihnen dienten mit ihrer Habe.      
(2)


3. Eine Liste von Namen

Eine Liste von Namen.
Namen von Frauen, die sich auf den Weg machen.
Die sich nicht aufhalten und nicht abhalten lassen.

Ich stelle mir vor, mein Name stehe in der Liste.
Der Liste der Freundinnen Jesu. Der Liste des Lebens.
Mein Name und der meiner Mutter: Hedi.
Und der meiner Großmutter. Ich habe sie nie kennengelernt.
Aber ich weiß, dass sie 4 Töchter und 1 Sohn großgezogen hat
und sie weigerte sich, das Mutterkreuz der Nazis anzunehmen.
Ja, ich stelle mir vor, ihr Name stünde in der Liste: Erna.
Und der meiner Schwester: Sibylle.
Und mein Name.
Und die Namen der Großmütter der Großmütter.
Und der Name meiner Tochter: Nele.
Und der Name meiner Schwiegertochter: Maddie.
Und vielleicht der Name meiner Enkelin,
von der ich noch nichts weiß und ob sie mal geboren wird.
Namen, die ich nicht mehr weiß. Und Namen, die ich noch nicht weiß.
Sie stünden in der Liste des Lebens und des Aufbrechens.
In der Liste der Freundinnen Jesu.
Zusammen mit  Maria, genannt Magdalena.
Mit Johanna.
Und Susanna.
Eine Liste, so lang wie von hier bis zum Mond und zurück.

4.  Den gefallenen Helden

Bis vor kurzem standen im allgemeinen nur Männer in Listen.
Zum Beispiel so:
Weltkrieg 1914 bis 18:
Den tapferen Söhnen in Dankbarkeit
Unseren gefallenen Kameraden
Den gefallenen Kriegern
Den gefallenen Helden
In ehrendem Andenken


Und auch die Bibel verfährt so:
Noah, Abraham, Ismael, Isaak.
Sie sind die Söhne von Vätern. Und sie sind die Väter von Söhnen.
Frauennamen? Fehlanzeige. Frauengeschichten? Am Rand.
Wenn sie da sind, dann halb vergessen.
Oder wisst ihr, wie die von Abraham und Sarah verstossene Hagar in der Wüste Gott nennt?
Oder kennt ihr die Namen der beiden Hebammen, die den Pharao austricksten?
Nein?

5. Zwinkern zwischen den Buchstaben

Aber heute - am Weltfrauentag - lesen wir sie laut,
die vergessenen und überlesenen Namen, wenigstens ein paar:
Maria, genannt Magdalena.
Johanna, Frau des Chuza.
Susanna und die anderen.
Hinter dem Schleier der Buchstaben und der Jahrhunderte zwinkern sie mir zu.

Sie dienten Jesus mit ihrer Habe.
So Luther übersetzt und dabei wahrscheinlich an reiche Frauen mittleren Alters gedacht,
die in ihren Häusern blieben und an ihrem Platz.
Und die - so meinte er wohl - unterstützen Jesus und die Männer um ihn hauptsächlich finanziell.
Tatsächlich aber bedeutet das griechische Wort ὑπαρχόντων
nicht nur finanziellen, materiellen Besitz.
Es meint alles, was ein Mensch hat und kann. (3)
Sie dienten Jesus mit allem, was sie hatten und was sie konnten.

Und sie zogen mit ihm. Durch Städte und Dörfer.
Durch Judäa und Galiläa. Sommers und Winters.
Sie schliefen unter dem Sternenhimmel. Mit Blick auf den großen Wagen und Kassiopeia.
Sie aßen sich satt in den Häusern der reichen Zöllner.
Sie sahen, wie Jesus sich Feinde machte und Freunde.
Hörten, wie die Blinden schrieen, wenn er ihr Dorf betrat.
Und sie saßen neben Jesus im Staub des Feldes, auf dem er redete vom Himmelreich.

6. Die Männer hinter und vor den Frauen

Was ist mit den Männern? Denke ich.
Chuza, der Verwalter des Herodes, zum Beispiel?
Hatte er genug Personal, um ohne seine Ehefrau Johanna zurecht zu kommen?
Wer legte nun seine Socken zusammen?
Und wer erinnerte ihn an den Geburtstag seiner Mutter?
Wer kümmerte sich um die Kinder, während Johanna mit Jesus um die Häuser zog?
Oder hatte sie die Kinder einfach mitgenommen?

Was ist mit den Männern? Denke ich.
Mit Petrus, Andreas, Johannes und den andern Jüngern?
Was dachten sie über Maria, genannt Magdalena? Später genannt die große Sünderin?
7 böse Geister hatte Jesus aus ihrem Frauenkörper vertrieben.
Ob die Männer es ihr noch ansahen? Und ob sie es ihnen ansah, dass sie es ihr ansahen?

7. Zeuginnen des Lebens

Maria, genannt Magdalena.
Johanna, Frau des Chuza.
Susanna und die anderen.
Ein paar Bibelseiten weiter stehen sie auf dem Berg des Todes
und sehen, wie Jesus ermordet wird.
Ein paar Bibelseiten weiter haben sie keine Tränen mehr,
ausgeweint am Kreuz und auf dem Friedhof.

Maria, genannt Magdalena.
Johanna, Frau des Chuza.
Susanna und die anderen.
Ein paar Bibelseiten weiter  sagt einer zu ihnen:
Fürchtet euch nicht. Am dritten Tage ist er auferstanden.

Maria, genannt Magdalena.
Johanna, Frau des Chuza.
Susanna und die anderen.
Ein paar Bibelseiten weiter sind sie die Zeuginnen des Lebens.
Apostelinnen, die nie jemand so genannt hat.
Noch ein paar Bibelseiten weiter sind sie fast vergessen.
Und ein paar Kirchenjahrhunderte später ist es, als hätte es sie nie gegeben.

8. Kommt her zu mir alle

Aber es hat sie gegeben und sie ist da, die Liste, und heute lesen wir sie laut.
Der Liste der Freundinnen Jesu. Die Liste des Lebens.
Ich stelle mir vor, mein Name steht da drauf und dein Name auch.
Und auch der von Hans und Michael –
mit den Frauen sind auch Männer unterwegs, ich will ja nicht so sein.
Unsere Namen stünden in der Liste.
In der Liste der Freundinnen und der Freunde Jesu. Freundinnen des Lebens.

Die Namen der Mütter der in Hanau erschossenen Jugendlichen stünden auch darauf. 
Und die der Frauen an der griechischen Grenze,
die alles aufgeben und versuchen um ihre Kinder in Sicherheit zubringen -
ohne gesehen zu werden.
Und die, deren Leben bedroht ist, weil sie diesen Frauen dort helfen.
Der Bundestag will von diesen Namen nichts wissen, sonst hätte er anders entschieden. (4)
(Ehrlich: ich schäme mich für unseren Bundestag!)
Aber Jesus sind ihre Namen nicht egal. Und mir auch nicht.
Und darum gehen Gott sei Dank Jünger und Jüngerinnen dorthin
und sie brauchen unsere Unterstützung.

Ja, sie alle gehören zur Liste der Freundinnen des Lebens.
Zusammen mit Maria, genannt Magdalena,
mit Johanna, Frau des Chuza
und mit Susanna und den anderen.
Zusammen mit den Namen von Sophie Scholl und Anne Frank,
von Angela Merkel und Greta Thunberg
und denen von Yoko Ono und Whoopi Goldberg und allen, die einen Pussyhat aufsetzen.
Ein Liste, so lang wie von hier bis zum Mond und zurück.

Unsere Namen stünden in der Liste.
Weil wir alle dem Leben dienen,
mit dem was wir haben und was wir können und was wir sind.
Wir sind nicht perfekt. Auch wir machen Fehler.
Auch wir sind manchmal auf dem falschen Weg.
Aber Jesus sagt zu uns:
Kommt her zu mir – alle. Grad wie ihr seid.
Mit Kind im Arm und Kind im Herzen.
Mit Falten am Hals und Metastasen in der Brust.
Mit zerschrammtem Herzen und 7 bösen Geistern und einem schlechtem Gewissen.
Und mit Schulden bei der Bank und auf der Seele.
Kommt her zu mir – alle. Grad wie ihr seid.
Und folgt mir nach.
Eure Namen werden nicht vergessen.
Amen.

(1) https://thehill.com/blogs/blog-briefing-room/news/456077-viral-photo-shows-elizabeth-warren-doing-pinky-promise-with
(2) Lukas 8,1-3
(3) Bibel in gerechter Sprache, S. 2316
(4) https://www.spiegel.de/politik/deutschland/bundestag-lehnt-aufnahme-von-5000-fluechtlingen-aus-griechenland-ab-a-75d31458-676a-4b5e-9159-e408d21adb32?fbclid=IwAR1LB5D7-TdttkgtPzIc58axGxKuRTgbNfp3___1Lt9A5FTHCniOAhWw18w

Dienstag, 25. Februar 2020

Wunde fängt mit W(eh) an

Mein Beitrag zum Preacher-Slam über.wunden
Pforzheim 22. Februar 2020

I.  (Verwundet)

Wunden tun weh. Wunden sind wahr.
Thomas wurde als 7jähriger verschickt.
Damals - vor 40 Jahren.
So nannte man die Mästungs- und Lungenkuren für Kinder.
6 Wochen lang. Irgendwo im Schwarzwald.
Er weinte sich in den Schlaf vor lauter Heimweh.
Und dann wurde ihm das verboten. Das Weinen.
Dein Heimweh ist nicht normal. Du steckst die anderen an.
Deinetwegen können sie nicht schlafen.
Sei still. Reiß dich zusammen.

Wunden tun weh. Wunden sind wahr.
Stimmt es, dass du keinen Vater hast?
Das wird die 10jährige Sabine vor allen anderen gefragt.
Ich habe einen Vater, aber er lebt nicht bei uns.
So antwortete sie und schämte sich.
Sie waren anders als die anderen. Unvollständiger.
Ein Bruder, der Autoreifen anzündete.
Die Mutter arbeitete nachts und ging kaputt daran.
Sie selber war die Brave. Die Fassade muss stimmen.
Bloß nicht auffallen. Nicht anecken.
10 Jahre später hörte sie dann: Toll, was aus euch geworden ist.
Und sie wusste keine Antwort mehr.

Wunden tun weh. Wunden sind wahr.
Der misstrauische Blick verfolgt Ahmed überall.
Sein Deutsch ist nicht gut. Seine Haut dunkler als die der anderen.
Und er hört gerne syrische Musik.
Er weiß, was sie denken.
Der ist doch nur faul, denken sie. Der ist feige, denken sie.
Der soll doch seine Heimat wieder aufbauen, denken sie.
Aber sie kennen seine Albträume nicht.
Wenn er nachts aufwacht, schweißgebadet.
Und sie wissen nichts von seinem Onkel,
der aus dem Foltergefängnis nicht mehr zurück kam.

Wunden.

II. (Wunde mit W)

Why, wound.
Wunde fängt mit W an.
Weh mit H am Ende.
Ein weicher Buchstabe.
Ein Doppel-Buchstabe: Dubbleyou, Dubleweh.
Weil Schmerz immer doppelt zählt?

Wunde fängt mit W an.
Und das W ist ein weicher Buchstabe.
Ob ich Wunden mit W-Wörtern beschreiben kann?
(ich versuche es mal:)

III. (80 W-Wörter)

Wunden sind oft winzig und doch wirksam.
Weswegen ich sie wiederholt wegschließe.
Will sie nicht wahrnehmen.
Weigere mich, sie wahr-sein zu lassen.
Was für ein Wahnsinn.

Sie wehren sich gegen meinen Wunsch mit aller Wucht.
Kein Wischen nach links
oder kein Weg-Waschen macht sie weniger.
Kein Witzeln wandelt sie,
Kein Wechseln und Wüten würgt sie ab.
Wunden wachsen und wuchern wild,
wallen und walten, wenn ihnen kein Wort gilt.

Wunden halten mich wach.
Wunden weisen auf eine Wirklichkeit, die weich ist.
Wo Widerstand zwecklos wird,
wo Wirbelsäule, Wangen und Wimpern weinend die Wahrheit weben.
Und Wind, Wetter und Winter wüten die Wunden auf.

Wohl weiß ich, was mir weh tut.
Wer in meinen Wunden wühlt und ihre Würde wegraubt.
Wärme ist dann wichtig. Und Weinen.
Manchmal auch Whisky, Wein oder Wodka - aber wenig (!).
Keine Watte für die Wunden,
aber eine Welt, wo sie wohnen können und wertvoll sind.
Wo sie mich weich machen.
Und wahrscheinlich - wie die Wundmale Jesu - Wunder ermöglichen.

IV. (Wunden von Pforzheim)

Wunden tun weh.
Wunden sind wahr.
Und ich sehe die Wunden dieser Stadt.
Die Straßenzüge, die es nicht mehr gibt.
Der Wallberg mit seinem Schutt unter dem Gras.
Die eine Stele, die noch fehlt,
weil man für die Nazizeit hier noch keine Worte finden will (oder kann?).
Ich sehe die Stolpersteine mit Buchstaben und Zahlen.
Manchmal sehe ich sie nur zufällig.

Und ich spüre die Wunden der Menschen.
Fragen, die sie nicht stellen durften.
Warum haben ausgerechnet wir überlebt?
Wer hat hier vorher gewohnt?
Wo ist der Nachbar geblieben, nachdem sie ihn weggebracht haben?

Ihre Wunden sind vernarbt, nicht verheilt.
Manche brechen wieder auf. Gerade jetzt. 75 Jahre später.
Und zulange hat man verschwiegen, was in Pforzheim geschehen war.
Der jüdische Arzt, der nicht mehr wiederkam.
Die behinderte Schwester, die plötzlich verstarb.
Die französischen Widerstandskämpfer, ermordet im Hagenschieß.
Der Bruder, verschollen in einem nicht enden wollenden Krieg.
Die Leichen in der Enz.
Die Vergewaltigungen in der Nordstadt, als alles vorbei zu sein schien.

Verwundete Stadt.
Wunden, die immer noch da sind.
Und neue kommen dazu.

V. (Wunden zeigen)

Wunden tun weh.
Wunden sind wahr.
So viele Wunden in einer Stadt.
Alte und neue.
Serbische und irakische, syrische und deutsche Wunden.
Wunden in Hanau. Wunden in Halle.

Wir teilen diese unverheilten Wunden.
Die Wunden von damals und die Wunden heute.
Die von Thomas und Sabine und Ahmed.
Von Schawkat, Hans-Carl* und den Eltern von Mercedes in Hanau.
Die Wunden sind da und brauchen unsere Zärtlichkeit.
Brauchen Wunder der Liebe.

Zeigen wir uns unsere Wunden.
Ich zeige dir meine.
Du zeigst mir deine.
Wir tragen sie ja mit uns.
Wir bleiben verwundbar. Und das ist gut so.
Damit wir weich bleiben.
Mensch bleiben.
Nur in einer verwundbaren Welt kann ich leben.
Mit Tränen und offenen Herzen.

*Pforzheimer Kurier (bnn) vom 22.2.2020, S.27

Sonntag, 23. Februar 2020

Wir nehmen die Namen mit

Ansprache zum Gedenktag der Bombardierung von Pforzheim auf dem Hauptfriedhof

I.
Wir stehen an ihren Gräbern.
An den Gräbern von Elise und Heinz, Ulrich und Karla.
Wir haben weiße Rosen auf die Grabsteine gelegt.
Wir stehen an ihren Gräbern und trauern um sie,
die vor 75 Jahren im Bombenhagel und im Feuer gestorben sind.

Wir stehen hier und wünschten uns, dass wir hier nicht stehen müssten.
Dass es keinen Krieg gegeben hätte, keine Bomben, keine Toten.
Wir wünschten uns, dass der kleine Bruder nicht im Feuer des 23. Februar gestorben,
der Onkel nicht an der Ostfront gefallen wäre.
Wir wünschten uns, dass die Pforzheimer Juden und Jüdinnen nicht deportiert
und ermordet worden wären.
Ja, wir wünschten uns, dass die Nationalsozialisten nie an die Macht gekommen wären -
auch nicht in Pforzheim.

Aber es ist geschehen.
Und darum stehen wir hier an den Gräbern der Toten des 23. Februar 1945.
An den Gräbern von Margarete und Elisabeth, Georg und Wilhelm.

II.
Hier an den Gräbern ahnen wir, was wir verloren haben:
Den Bruder, die Schwester, die Großmutter.
Menschen, die liebten und geliebt wurden
Und die noch was vor hatten in ihrem Leben.
Die dazu gehörten.

„Wir Unvollendeten zu Grabe getragen,
mit Sehnsüchten, die aus dem Grabe ragen!“

Diese Worte singt der Chor im Requiem für Tote und Lebende von Rolf Schweizer.

„Wir Unvollendeten zu Grabe getragen,
mit Sehnsüchten, die aus dem Grabe ragen!
Bevor wir entzündet, sind wir verglommen.
Bevor wir verkündet, in Rauch verschwommen.
Unser junger Gedanke, nie ausgedacht,
unser heißtolles Lachen, nie ausgelacht,
das tiefste Weinen des Lebens versäumt,
und seine Träume nie ausgeträumt!“

(Lola Landau)

Leben wurde ausgelöscht, das hätte gelebt werden sollen.
Nicht irgendein Leben, sondern das Leben von Maria und Greta, von Josef und Johannes.
Leben mit Namen und Hoffnungen und Sehnsüchten.
Leben, das geopfert wurde auf dem Kriegsaltar, den unsere Vorfahren errichtet haben.
Sinnlos geopfert für den Größenwahn einer menschenverachtenden Ideologie.

III.
Wir stehen an ihren Gräbern und wir lesen die vielen Namen.
Dazu müssen wir uns hinknien. Und vielleicht die Buchstaben berühren.
Viele Namen. Jeder Name ist ein Name zu viel,
Die, die diese Namen tragen, hätten leben sollen.

Es sind Namen, die Gott in seine Hand geschrieben hat.
Sie sind nicht vergessen und werden nicht vergessen,
selbst wenn wir, die wir erinnern, einmal nicht mehr sind.
Denn Gott vergisst nicht einen Namen.
Gott nicht.
Nicht einen.

Nicht den von Maria und Greta, nicht den von Georg und Wilhelm,
gestorben in den Trümmern von Pforzheim
Nicht den von Salomon und Benjamin und Helga, ermordet in Auschwitz.
Nicht den von André und Marguerite, erschossen im Hagenschieß.
Nicht den von Papé und Saliou, ertrunken im Mittelmeer.
Nicht den von Fatih und Mercedes, erschossen in Hanau.
Jeder und jede von ihnen ist in Gottes Hand geschrieben.

IV.
Wir hier stehen an den Gräbern der Toten der Bombennacht.
Uns bleiben ein Foto vielleicht, ein Schmuckstück, oder vielleicht auch nur Tränen.
Und die Trauer, dass wir Menschen uns ins so eine Katastrophe führen.
Dass wir Leben opfern - immer noch und immer wieder.

Und ich stimme ein in die Worte des Schweizer-Requiems:
„Wo bist du geheiligt auf Erden, großer Gott?
Stets wurde schon immer dein Name missbraucht,
Glauben und Wissen in Lüge vertauscht.
Der Mensch hat sich alles verdreht und verkehrt,
Die Kriege den Völkern als heilig erklärt.
Wo gab es denn jemals den heiligen Krieg?
Nur Mord und Zerstörung am Ende noch blieb.“

(Frohmut Schweizer)

Ja, wir stehen an den Gräbern der Toten des 23. Februars.
Wir legen eine Rose ab.
Nie wieder, hat man damals gesagt. Nie wieder sinnlosen Krieg.
Nie wieder sollten Menschen in unserem Land Angst um ihr Leben haben,
nur weil sie einen anderen Namen tragen, anders an Gott glauben, anders lieben.

Die Würde des Menschen ist unantastbar, haben wir in unser Grundgesetz geschrieben.
Nie wieder soll sie verletzt werden. Nie wieder, hat man damals gesagt.
Und doch geschieht es wieder.
Und das macht mich nicht nur traurig, sondern auch zornig.

V.
Wir stehen an den Gräbern der Toten der Bombennacht und lesen ihre Namen.
Wir nehmen ihre Namen in diesen Tag mit und wir legen die Namen der anderen dazu.
Die Namen von Auschwitz und vom Hagenschieß,
die Namen auf dem Grund des Mittelmeers, die Namen von Hanau.
Ein Meer von Namen, das uns umgibt und das uns an dieses Nie-wieder erinnert.

Wir nehmen die Namen mit und mit ihnen auch die Verantwortung,
für eine Gesellschaft einzustehen, in der die Würde jedes Menschen geschützt wird,
Weisen wir die in ihre Schranken, die die Würde nur einer Auswahl von Menschen zu sprechen.
Stehen wir ein für ein Land, von dem nie wieder Krieg ausgehen darf,
auch nicht durch Verkäufe von Waffen in Länder, wo Krieg herrscht.

VI.
Wir stehen an den Gräbern der Opfer von Krieg und Gewalt.
Ihre Namen sind im Himmel geschrieben, nicht nur hier.
Wir nehmen ihre Namen mit, aber wir tragen sie nicht allein.
Der, der den Namen trägt „Ich bin für euch da“, der trägt mit.
Und er stellt uns auf den Weg in eine Zukunft,
in der wir keine Namen mehr auf den Grabsteinen lesen müssen, sondern uns gegenseitig zurufen:
Helmut, Ursula, Lieselotte, Salomon, Benjamin, Helga, André, Marguerite,
Papé, Saliou, Fatih, Mercedes -

Gottes Geliebte.

Montag, 10. Februar 2020

Von Ersten und Letzten und einem Jesus, dem das egal ist

oder: was haben Thüringen, ein Gemeindehaus mit Wohnungen und Jesus miteinander zu tun?
 

Predigt zu Matthäus 20,1-16 (1)

I.
Von oben nach unten. Von unten nach oben.
Jesus dreht alles einmal um.
Die Letzten werden die Ersten sein. Die Ersten die Letzten.
Himmelsmaßstäbe.
Die zum Schluss kommen, kommen nicht zu spät.
Sie bekommen dasselbe wie die, die schon lange dabei sein.
Wer anfängt zu rechnen - wie wir es gewohnt sind, der wird sich wundern.
Denn Jesus hält sich nicht an unsere Berechnungen,
nicht an unsere Hierarchien und Rangordnungen.

II.
Das ist provozierender als wir denken.
Wir tun oft so, als ob wir alle gleich sind.
Aber schon am sogenannten GenderPayGap,
dem Unterschied zwischen den Gehältern von Männern und Frauen,
sehen wir, dass das nicht stimmt.
Beim synodalen Weg unserer katholischen Geschwister wird von einem Kardinal kritisiert,
dass Laien und Kleriker gemeinsam eingezogen sind und jeder gleich viel Redezeit hat. (2)
Ja, wir Evangelische empören uns leicht darüber,
aber auch wir kennen Machtgerangel um Spitzenpositionen.
Als Deutsche tun wir oft so, als ob der Rang einer Person keine Rolle spielt bei uns,
oder das Aussehen, oder die Hautfarbe oder das Geld.
Aber das stimmt nicht.
Manche bekommen noch nicht einmal eine Wohnung,
weil sie einen arabisch klingenden Namen haben.
Und wenn politisch aktive Menschen diese Unterschiede in Frage stellen,
gelten sie als linksradikal und gelten damit als No-Go für die sogenannte Mitte.
Gerade wieder passiert.

III.
Bei Jesus gibt es keine Ersten und keine Letzten..
Er heilt den blinden Bettler genauso
wie den Knecht vom römischen Hauptmann.
Spricht im Tempel wie auf dem wackligen Schiff.
Er lässt sich bedienen und er bedient selber.
Lässt sich mit kostbarem Öl salben,
reitet aber auf einem Esel in die Stadt.
Er nimmt die Kinder in den Arm,
die, die eigentlich überhaupt keine Rolle spielen damals.
Und er lässt einen reichen jungen Mann abblitzen, hat ihn aber lieb.
Die Letzten werden die Ersten sein. Und die Ersten die Letzten.

IV.
Ja, Jesus selbst lebt es so.
Er ist selber der Letzte und geht an die Seite der Letzten.
Und damit legt er sich an mit den Ersten.
Sein Kreuz ist der Ort der Letzten.
Es ist das Letzte. Etwas, das überhaupt nicht zumutbar ist.
Aber genau da geht Jesus hin. Der Erste wird zum Letzten.
Damit die Letzten die Ersten werden. Damit es keine Letzten mehr gibt.

V.
Die Jünger von Jesus verstehen das genauso wenig wie wir.
Lass doch alles beim Alten, Jesus.
Wir sind die ersten, die dir folgen. Die dir glauben.
Dann werden wir auch im Himmel an deiner Seite sein. So wie jetzt.
Und das ist ein richtig gutes Gefühl:
zu den Ersten zu gehören und nicht zu den Letzten.
Immerhin ertragen wir ja auch einiges dafür, dass wir uns so schnell entschlossen haben.
Haben Boote und Familien und Beruf liegen gelassen.
Verzichten auf das weiche Bett und die Sicherheit eines festen Daches.
Nehmen auf uns die Mühe, Tag für Tag um Essen zu betteln. Nur um bei dir zu sein.
Da haben wir uns die Belohnung doch echt verdient, oder? Immerhin sind wir die Ersten.
(Und ja: ich kenne auch heute genug Christen, die genau zu wissen meinen,
wer in den Himmel kommt und wer nicht)

VI.
Falsch, sagt Jesus. Gott ist kein Rechenautomat.
Nicht wer zuerst da ist, hat gewonnen. Auch wer später kommt, gehört zu den Ersten.
Wird genauso in den Arm genommen von Gott.
Bekommt genauso viel Liebe ab und wird genauso herzlich von ihm empfangen.

Das fühlt sich ungerecht an. Und manchmal ist es auch ungerecht.
Aber Gottes Liebe ist nicht aufzurechnen. Seine Liebe könnt ihr nicht verdienen.
Aber ihr braucht es auch nicht. Gott sei Dank.
Es hängt nicht davon ab, wieviel ihr tut und wie lange ihr schon dabei seid.
Entscheidend ist, dass ihr da seid.
Vielleicht denkt ihr, dass es zu spät ist. Aber es gibt kein zu Spät.
Ihr kommt auf den Marktplatz Gottes und findet euren Platz.
Ihr seid willkommen und könnt zupacken.
Jetzt. Nicht später. Und nicht früher. Jetzt.

VII.
Hier nebenan haben wir das Gemeindehaus umgebaut. Da sind jetzt Wohnungen drin.
Und weil Geflüchtete es besonders schwer haben, eine Wohnung zu bekommen,
haben wir mit der Stadt vereinbart, dass die Wohnung erstmal an Geflüchtete vermietet werden. (3)
Darüber haben sich nicht alle gefreut.
Vermietet doch erstmal an Deutsche, bekamen wir zu hören.
"Wir" haben doch genug Menschen, die auch eine Wohnung suchen.
Und "die" da machen doch nur Schwierigkeiten. Die haben es doch gar nicht verdient.

Ja, es gibt immer wieder Schwierigkeiten. Mit Müll und Lärm und so.
Aber das ist doch kein Grund, sie hier nicht wohnen zu lassen.
Im Gegenteil. Diese Menschen brauchen uns, euch.
Und wer das Fass mit „Wir Deutschen“ und „die da“ aufmacht,
hat offensichtlich nicht verstanden, was Jesus meint, wenn er von Liebe und Leben spricht.

VIII.
Bist du neidisch, weil ich großzügig bin?
Das lässt Jesus den Grundbesitzer fragen.
Er fragt die, die Angst haben zu kurz zu kommen.
Die meinen, dass man sich eine Grundrente oder ein Dach über dem Kopf erst verdienen muss.
Bist du neidisch, weil ich großzügig bin?
Du gönnst anderen nicht, was du bekommst?
Bekommst du dadurch weniger? Wirklich weniger?
Haben nicht auch die eine Chance verdient, die von vorne anfangen müssen.?

Deutschland ist ein reiches Land, auch wenn es mit seinen Armen nicht gut umgeht.
Aber wer bist du, deutsche Schwester, deutscher Bruder,
dass du meinst, du hättest es mehr verdient als andere, dass man sich um dich sorgt?
Bist du neidisch, weil ich großzügig bin?
Natürlich müssen wir viel dafür tun,
damit das mit dem Wohnen und Zusammenleben auch funktioniert.
Und natürlich dürfen wir auch die nicht vergessen,
die schon lange hier sind oder schon immer hier gelebt haben.
Aber wenn wir nach dem Grundsatz leben:
nur wer in die Sozialkassen gezahlt hat, darf auch daraus was bekommen,
dann schließen wir alle aus, die nicht arbeiten können oder dürfen:
Asylsuchende, Kranke, Kinder, Behinderte.

Von dieser Großzügigkeit den Schwächeren gegenüber
haben wir uns in unserem Sozialsystem etwas bewahrt
und darüber bin ich froh - trotz aller seiner Schwächen.
Aber eine Politik, die der Barmherzigkeit immer weniger Raum gibt, die will ich nicht.

Auch den Letzten einen Platz zu geben.
Jetzt da zu sein. Und zu gönnen, was da ist. Das ist christlich.
Himmelsmaßstäbe.

IX.
Die Letzten werden die Ersten sein.
Pervertiert wurde dieser Grundsatz letzten Mittwoch in Thüringen. (4)
Unwürdig war das - und gefährlich.
Da machten sich Letzte zu Ersten,
aber es ging dabei nicht um Großzügigkeit oder gar darum, dass es allen gut geht.
Es ging um Macht und ein Geschacher um die besten Plätze.
Und man tat sich zusammen mit denen,
die sehr genaue Vorstellungen davon haben, wer oben zu sein hat und wer unten.
Da sollen die Ersten die Ersten bleiben und die Letzten die Letzten.
Reiche und weiße und traditionelle Familien auf der einen Seite.
Die anderen auf die andere.
Neoliberalismus gepaart mit Rechtsextremismus.

Aber Jesus setzt andere Maßstäbe. Himmelsmaßstäbe.
Da gibt es kein Oben und kein Unten, kein rücksichtsloses Geschacher um die besten Plätze.
Da schauen wir Christen und Christinnen anders auf die Welt.
Großzügiger. Liebevoller.
Für uns gibt es keine Ersten und keine Letzten.
Neid und Machtkalkül kippen wir in die Tonne.
Wir sind alle eins in Christus. Und das gilt schon jetzt, nicht erst im Himmel.
Und egal aus welchem Land wir kommen, wie arm oder reich wir sind,
wie gebildet oder nicht, ob Mann oder Frau.

Manche nennen das gutmenschlich oder naiv. Manche nennen das linksradikal.
Aber das ist mir egal.
Gott ist gütig und großzügig. Viel mehr als ich.
Aber ich bin sein Ebenbild und ich folge Jesus nach.
Darum will ich ihm ruhig etwas mehr nacheifern.
Will, dass alle einen Platz haben und alle eine Chance für die Liebe Gottes.
Gleich hier nebenan. Und hier in der Kirche.

Die Letzten werden die Ersten sein.
Amen.

(1) »Das Himmelreich gleicht einem Grundbesitzer: Er zog früh am Morgen los, um Arbeiter für seinen Weinberg einzustellen. Er einigte sich mit den Arbeitern auf einen Lohn von einem Silberstück für den Tag. Dann schickte er sie in seinen Weinberg.
Um die dritte Stunde ging er wieder los. Da sah er noch andere Männer, die ohne Arbeit waren und auf dem Marktplatz herumstanden. Er sagte zu ihnen: ›Ihr könnt auch in meinen Weinberg gehen. Ich werde euch angemessen dafür bezahlen.‹ Die Männer gingen hin.
Später, um die sechste Stunde,und dann nochmal um die neunte Stunde machte der Mann noch einmal das Gleiche.
Als er um die elfte Stunde noch einmal losging, traf er wieder einige Männer, die dort herumstanden.
Er fragte sie: ›Warum steht ihr hier den ganzen Tag untätig herum?‹ Sie antworteten ihm: ›Weil uns niemand eingestellt hat!‹ Da sagte er zu ihnen: ›Ihr könnt auch in meinen Weinberg gehen!‹
Am Abend sagte der Besitzer des Weinbergs zu seinem Verwalter: ›Ruf die Arbeiter zusammen und zahl ihnen den Lohn aus! Fang bei den Letzten an und hör bei den Ersten auf.‹ Also kamen zuerst die Arbeiter, die um die elfte Stunde angefangen hatten. Sie erhielten ein Silberstück. Zuletzt kamen die an die Reihe, die als Erste angefangen hatten.
Sie dachten: ›Bestimmt werden wir mehr bekommen!‹ Doch auch sie erhielten jeder ein Silberstück.
Als sie ihren Lohn bekommen hatten, schimpften sie über den Grundbesitzer. Sie sagten: ›Die da, die als Letzte gekommen sind, haben nur eine Stunde gearbeitet. Aber du hast sie genauso behandelt wie uns. Dabei haben wir den ganzen Tag in der Hitze geschuftet!‹
Da sagte der Grundbesitzer zu einem von ihnen: ›Guter Mann, ich tue dir kein Unrecht. Hast du dich nicht mit mir auf ein Silberstück als Lohn geeinigt? Nimm also das, was dir zusteht, und geh! Ich will dem Letzten hier genauso viel geben wie dir. Kann ich mit dem, was mir gehört, etwa nicht das machen, was ich will? Oder bist du neidisch, weil ich so großzügig bin?‹ So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein.«


(2) https://www.katholisch.de/artikel/24382-erste-synodalversammlung-frankfurt-tag-3

(3) https://www.evkirche-pf.de/html/aktuell/aktuell_u.html?&cataktuell=&m=23507&artikel=20139&stichwort_aktuell=&default=true

(4) https://www.deutschlandfunk.de/thueringen-chronologie-der-ereignisse-seit-der-landtagswahl.1939.de.html?drn:news_id=1099678

Sonntag, 19. Januar 2020

Wein, Kaffee und warme Hände

Eine Predigt zum Fest des Lebens und zur Eröffnung der Vesperkirche 
(mit Dank an Miriam Helmert für Inspiration und das eine oder andere Wort)


I. Vesperkirche

4 Wochen lang wird hier gegessen und getrunken.
4 Wochen lang gibt es hier ein warmes Essen, 4 Wochen eine warme Hand.
Eine hört zu, ein anderer verschreibt Medikamente, wieder eine spielt mit einem Kind.
Geschichten werden erzählt von zuhause, wo es kalt ist und wo das Geld fehlt.
Und andere erzählen von früher,  als der Mann noch da war und das Licht heller.
Manche werden nur einmal kommen oder zweimal. Viele kommen jeden Tag.
Die einen kennt man schon gut. Andere sind neu hier.
Ganz normales Essen gibt es hier. Ganz normalen Kaffee.
Jesus ist mittendrin.  Und das macht alles anders.

II. Kana

Jesus ist mittendrin.
Dort wo gegessen wird und getrunken. Wo du lachst und wo du weinst.
Wo du zuhause bist. Wo du nicht weißt, ob du dahin gehörst.

Wenn’s was zu feiern gibt, ist Jesus dabei
– auch in Kana, nicht allzu weit weg von Nazareth.
Ein rauschendes Hochzeitsfest. (1)
Ein Fest des Lebens, wo die Liebenden sich küssen,
die Freunde feiern und die Kinder dazwischen herumwuseln.
Musik spielt auf, Geschirr klappert, Stimmengewirr überall. Das Brautpaar ist glücklich.

Über dem Feuer brät ein Lamm,  frisches Brot gibt es körbeweise,

Feigen und Käse stehn auf dem Tisch.
 Und Wein wird ausgeschenkt:
Wein von den Hängen des Golan, gold schimmernd mit fruchtiger Note, in großen Krügen.

Es wird getanzt und gesungen, gelacht und gegessen;
Und Jesus ist mittendrin und genießt die Zeit.

III. Der Wein ist alle

Doch plötzlich ist Schluss mit Lustig. Der Wein ist alle.
Ich fühle mit dem Brautpaar:
Rot vor Scham, wenn der Wein ausgeht oder das Bier nicht reicht.
Oder die Suppe ist sauer geworden über Nacht. (Ist bei meiner Hochzeit passiert)
Was haben wir übersehen in der Planung? Wie stehen wir denn jetzt da?
Und kippt jetzt die Stimmung?

Unangenehmer geht es kaum:
Die eigene Hochzeit, und die Getränke gehen aus!
Eine Vesperkirche, wo zu wenig Essen bestellt wurde.
Das Gefühl ist immer das Gleiche. Peinlich, sehr peinlich.

Denn es geht um mehr.
Es geht um mehr als die Menge oder den guten Geschmack von Wein.
Es geht um den Durst nach Leben und Freude und Sonne und Gemeinschaft.
Dass da einer mit mir als Gast gerechnet hat.
Ich bin es ihm wert, dass er sich für mich ins Zeug legt.
Und so bleibt ein schaler Nachgeschmack, wenn das Gegenteil eintritt.
Da kann man noch so sehr argumentieren:
ach, Wasser tut es doch auch. Ist eh gesünder.
Die Festlaune ist getrübt.

IV. Wasser zu Wein

Doch dann ist da Jesus.
In unsrer Welt angekommen, erwachsen geworden –
und doch letzten Endes ja nicht von dieser Welt.
Grade erst angefangen hat er, öffentlich zu wirken.
Und was tut er als erstes, sein erstes „Zeichen“?!
Er macht Wasser zu Wein.

Keine Heilung, die lebensnotwendig wäre,
Aber es geht um das Leben.
Um das Fest des Lebens mitten im Leben.

Jesus schwingt keine großen Reden,
nicht über die schlechte Vorbereitung des Bräutigams,
oder die knappe Vorratshaltung der Braut.
Auch nicht über das schwierige Trinkverhalten der Gäste,
über die Gefahren des Weinkonsums und die Ressourcenknappheit des Wassers.
Er regt sich nur kurz über seine Mutter auf:
Was willst du von mir, Frau?!,
erinnert sie kurz daran, dass seine Definition von Verwandtschaft anders ist als üblich
– und sieht dann doch ein, dass sie Recht hat mit ihrem Hinweis
Sie haben keinen Wein mehr
und der darin versteckten Bitte: „Jesus, tu doch was dagegen!“

Jesus tut, was nötig und ihm möglich ist, und was er für richtig hält:
Er macht Wasser zu Wein.
Sorgt dafür, dass die Freude am rauschenden Fest keinen Dämpfer bekommt;
und dass niemand mehr Durst leiden muss auf der Hochzeit in Kana.
Er rettet den Gastgeber, die Gäste, das ganze Fest. Jesus macht Wasser zu Wein.

V. Jesus mittendrin

Jesus ist mittendrin und etwas Alltägliches wird was Besonderes.
Das Fest des Lebens mitten im Leben. In Kana und hier.
Die Tasse Kaffee hier in der Kirche wärmt mehr als den Bauch.
Das Essen hier nährt auch die Seele.
Ein Lächeln am Nachbartisch macht den Raum plötzlich heller.
Das einfache Brötchen wird zu einem Geschenk, das noch draußen schmeckt.
4 Wochen lang wird hier Wasser zu Wein, weil Jesus mittendrin ist.
Weil jeder Gast so wichtig und wertvoll ist, dass alle alles geben dafür.
4 Wochen lang Fest des Lebens. 4 Wochen lang mit Jesus mittendrin.

VI. Fest des Lebens

Ich wünsche mir, dass dieses Fest des Lebens nicht aufhört,  wenn die Vesperkirche vorbei ist.
Dass Jesus mittendrin bleibt. Dass auch dann Wasser zu Wein wird.
Das Alltägliche zum Besonderen.

Da wird mein Kaffee zu einem Festgetränk, weil ich ihn mit jemandem teile, der nicht damit rechnet.

Da sieht jemand die rumänische Bettlerin vorm Kaufhof
und weiß: sie ist ganze anderen ausgeliefert. 
Er setzt sich zu ihr und versucht sie aus ihrem Elend zu befreien.
Vielleicht mit anderen zusammen? (2)

Da werden die Kinder tatsächlich aus den griechischen Flüchtlingslagern nach Deutschland geholt und nicht mehr darüber diskutiert, ob das geht oder nicht.

Und da bekommt eine todkranke Frau eine gespendete Lunge. (3)

Wasser wird zu Wein. Jesus mittendrin im Fest des Lebens, mitten im Leben.

VII. Vertrauen

Ja, das Fest des Lebens geht weiter.
Und ich wünsch mir auch so ein Vertrauen wie Maria:
Tut alles, was er euch sagt, hat sie vorsorglich zu den Dienern gesagt.
Obwohl ihr Sohn sie so distanziert zurecht gewiesen hat, weiß sie, glaubt sie:
Es wird etwas passieren.
Dafür hat sie ihn doch schließlich zur Welt gebracht.
Hat es ertragen, wenn er schon als Kind anders war als die anderen Kinder.

So ein Vertrauen zu haben wie Maria, weil Jesus mittendrin ist in meinem Leben.
Ihn bitten, dass Wunder geschehen. Und das Leben zum Fest wird. Jetzt. Hier.
Und dann das Fest des Lebens feiern wie die Menschen in Kana,
als es plötzlich 600 Liter vom besten Wein gab und das Fest wieder Fahrt aufnahm:
Die Musiker spielen, die Kinder lachen, die Leute tanzen bis zum Morgengrauen.

Und wir feiern das Fest des Lebens hier in der Kirche.
4 Wochen lang mit essen und trinken und mit warmen Händen.
Und jeder Gast ist wertvoll und wichtig.
Wir tragen dann das Fest in die Stadt und in die Welt.
Mit warmen Händen und offenen Herzen. Und wir feiern mit Jesus, der bei uns ist
Er macht Wasser zu Wein und das Alltägliche zu was ganz Besonderen.
Mitten im Leben. Und es hört nicht auf.

Amen.

(1) Johannes 2,1-11 - wurde als Lesung gelesen:
Am dritten Tag fand in Kana in Galiläa eine Hochzeit statt. Auch die Mutter von Jesus nahm daran teil. Jesus und seine Jünger waren ebenfalls zur Hochzeitsfeier eingeladen.

Während des Festes ging der Wein aus. Da sagte die Mutter von Jesus zu ihm: »Sie haben keinen Wein mehr!«  Jesus antwortete ihr: »Was willst du von mir, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen.« Doch seine Mutter sagte zu den Dienern: »Tut alles, was er euch sagt!«
Dort gab es auch sechs große Wasserkrüge aus Stein. Die Juden benötigten sie, um sich zu reinigen. Jeder Krug fasste zwei bis drei Eimer. Jesus sagte zu den Dienern: »Füllt die Krüge mit Wasser.«
Die füllten sie bis zum Rand. Dann sagte er zu ihnen: »Schöpft jetzt etwas heraus und bringt es dem Festmeister.« Sie brachten es ihm. Als der Festmeister einen Schluck davon trank, war das Wasser zu Wein geworden. Er wusste natürlich nicht, woher der Wein kam. Aber die Diener, die das Wasser geschöpft hatten, wussten Bescheid. Da rief der Festmeister den Bräutigam zu sich und sagte zu ihm: »Jeder andere schenkt zuerst den guten Wein aus. Und wenn die Gäste dann angetrunken sind, folgt der weniger gute. Du hast den guten Wein bis jetzt zurückgehalten.«
Das war das erste Zeichen. Jesus vollbrachte es in Kana in Galiläa. Er machte damit seine Herrlichkeit sichtbar und seine Jünger glaubten an ihn.

(2) Hier beziehe ich mich auf einen Beitrag von Albert Esslinger-Kiefer in der PZ vom 18.1.2020

(3) Am 15.1.2020 wurde im Bundestag eine Gesetzesänderung zur Organspende beraten. Die Widerspruchslösung wurde abgelehnt. In meinem Umfeld wurden die verschiedenen Lösungsansätze sehr kontrovers diskutiert. Mich persönlich hat die ARD-Dokumentation "Organspende - Jetzt reden die Ärzte" sehr bewegt. https://www.ardmediathek.de/ard/player/Y3JpZDovL2Rhc2Vyc3RlLmRlL3JlcG9ydGFnZSBfIGRva3VtZW50YXRpb24gaW0gZXJzdGVuLzA0M2JhM2U3LTcwZGYtNDJmZS1iMjdhLTU3NTUwZTIwYWRkZg/organspende-jetzt-reden-die-aerzte