Sonntag, 10. Februar 2019

Seenotrettung und ein Gott, der da ist

Predigt zu Markus 4,35-41 (Sturmstillung)
 
Im dazugehörigen Gottesdienst habe ich C., eine junge Frau von 31 Jahren, getauft. Sie erzählte mir im Gespräch, was sie in den letzten 6 Jahren durchgemacht hat und wie sie zum Entschluss gekommen ist, sich taufen zu lassen. (Und natürlich habe ich sie gefragt, ob ich das so in der Predigt ansprechen darf). Ihren Taufspruch aus 1.Kor 15,10 hat sie sich selbst gewählt: Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin. Im Gottesdienst habe ich sie gesiezt, aber hier möchte ich "du" zu ihr sagen. Mich hat ihre Geschichte und ihre Entschlossenheit sehr berührt.

Da ich diesen Gottesdienst sehr kurzfristig angenommen habe, war ich froh über die guten Inspirationen und Wörter-Angeboten die ich von folgenden Personen bekommen habe: Friedericke Goedicke, Elisabeth Rabe-Winnen, Michael Greßler und Herbert Grönemeyer (im Text mit blau markiert). Irgendwie ist dadurch was Gemeinsames entstanden. Danke euch!


Text von Markus 4,35-41 siehe unten (1)

I.
Sie sind unterwegs im Boot.
Fahren zur anderen Seite des Sees.
Schnell weg von hier.
Endlich ankommen.
Endlich mal wieder zur Ruhe kommen.
Auch Jesus scheint erschöpft zu sein.
So viele, die was von ihm wollten.
Und so viel, was er zu sagen hatte.

Jesus legt sich hin und schläft.
Seine Freunde werden es schon packen.
Er vertraut sich ihnen an.
Er, der Retter, schläft.
Auf dem alle Hoffnung ruht, ruht selbst.

II.
Anders die Seenotretter im Mittelmeer.
Sie ruhen nicht freiwillig.
Sie werden zur Ruhe gezwungen.
Die Mission Lifeline wartet im Mittelmeer mal wieder,
überhaupt retten zu dürfen.
Europa macht die Schotten dicht.
Und dennoch machen sich viele auf den Weg
zum anderen, zum rettenden Ufer.
Gerade jetzt unter denkbar schlechtesten Bedingungen.
Und die Seenotretter dürfen nicht rausfahren.

III.
Jesus fährt raus mit seinen Freunden.
Es waren noch andere Boote bei ihm.
Andere Boote.
Boote auf dem See Genezareth, Boote auf dem Mittelmeer.
Kleine Boote, mal mehr, mal weniger seetüchtig.

Am Anfang denken sie, alles geht gut.
Der See ist ruhig. Das Ufer in Sicht.
Alles im Griff.

Aber der Wind dreht sich.
Der Himmel heult.
Hohe Wellen. Graue Wogen.
Stürzen von Tal zu Tal. (2)
Plötzlich wird aus ruhigen Handgriffen Hektik.
Eigentlich sind die Jünger erfahrene Fischer.
Sie kennen die Tücken des Sees.
Aber diesmal ist es anders.
Es ist richtig dunkel, keine Sterne mehr zu sehen.
Gischt im Gesicht, die Hände kalt.
Die Gewalten gegen sich.
Der Kurs geht verloren – das Selbstvertrauen auch.
Selbst die geübtesten Fischer haben jetzt Angst.

Sie beten, schreien, flehen.
Jesus?
Er merkt es nicht – sie müssen ihn wecken.

IV.
Du, C., kennst die großen grauen Wogen,
die über dir hereinbrechen können.
Du weißt, wie es ist, wenn man nicht mehr weiter kann,
sich ausgeliefert fühlt.
Die flehentliche Bitte „Herr, hilf“.
Und die Angst, zu versinken
und nicht mehr ans rettende Ufer zu gelangen.
Auch du musstest ihn wecken.
Zunächst den Arzt, der dir nicht glauben wollte, dass du Hilfe brauchst.
Dann Gott.
Du hast ihn geweckt.
Energisch.
Mit anderen Worten als die Jünger von Jesus.
Aber vermutlich genauso verzweifelt.

V.
Die Jünger rütteln Jesus wach.
Meister, fragst du nichts danach, dass wir umkommen?
Und es ist gut, dass sie ihn wecken.
So wie es gut war, dass du, C., Gott geweckt hast.
Meister, fragst du nichts danach, dass wir umkommen?
Kein frommes Gebet.
Kein: Dein Wille geschehe.
Manchmal braucht es andere Worte.
Verzweifelte, laute Worte.

Wo bist du denn nur, Gott?
Du schläfst - und ich sterbe vor Angst.
Oder vor Traurigkeit.
Oder ich bin wirklich am Sterben. Todkrank.
Oder in Lebensgefahr wie die auf ihren Booten im Mittelmeer.
Wach endlich auf!

Übernimm die Wacht,
Bring mich durch die Nacht.
Rette mich durch den Sturm.
Fass mich ganz fest an.
Bis ich mich halten kann.
Bring mich zu Ende.
Lass mich nicht wieder los.


Ja, betet ruhig so.
Betet genau so.
Weckt Jesus!
Weckt Gott!
Ruft. Schreit, wenn ihr müsst.
Rüttelt ihn auf.
Packt seine Schultern.

VI.
Und er stand auf und bedrohte den Wind
und sprach zu dem Meer: Schweig! Verstumme!
Und der Wind legte sich und es ward eine große Stille.


Schweig. Verstumme.
Worte wie Rettungsringe.
Mitten im Sturm ein „Ich bin da“
Mitten im Dunkel merken - mein Schreien wird gehört.
Es gibt jemanden, den ich wecken darf.
Mitten in der Angst ein „Fürchte dich nicht!“.
Mitten drin ist Gott da.
Für mich.
Im Auge des Sturms.
Mit im Boot.
Gott ist mit auf allen Booten.
Gegen den Sturm und gegen die Angst der Nacht.

VII.
Auch für dich, C., war da dieser andere Moment:
Das kleine rettende Gebet.
Eine Hand, die dich stützte.
Ein Wort, das gut tat.
Jemand, der zuhörte.
Da war es dann da, dieses Gefühl, oder besser die Gewissheit:
Ich bin nicht allein.
Gott lässt mich nicht im Stich.
Er sitzt mit mir in einem Boot und hält mich.
Durch seine Gnade bin ich, was ich bin.
Durch seine Liebe.
Durch seine Zuneigung, für die ich nichts tun muss,
nicht anders sein muss.
In seinen Augen bin ich richtig so, wie ich bin.
Ich bin es ihm wert, dass mich die dunklen Wellen nicht verschlingen.
Rettendes Gnadenwort.

VIII.
Schweigt, ihr tosenden Wellen.
Verstumme, du wilder Sturm.
Gesprochen von dem einen, der mit im Boot sitzt.
Der an meiner Seite sitzt.
Sätze, die ich brauche, wenn mich die Wogen überwältigen.

Und dieser spricht weiter und fragt mich und dich:
Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben?
Ich höre keinen Vorwurf,
ich höre eher ein Staunen:
Du hast Angst?
Ich habe geschlafen, weil ich dir zutraue,
dass du das Boot durch die Wellen führst.
Dass du es schaffst.
Ich vertraue dir.
Hab keine Angst.

Was seid ihr so furchtsam?
Da höre ich auch Zuspruch und Trost:
Fürchte dich nicht, ich komm‘, wenn du rufst. Immer.
Ich gehe nicht weg – nicht des Nachts, nicht im Sturm.
Wenn du mich nicht siehst, such mich.
Vielleicht musst du mich wecken – aber ich bin da.
Du bist mein geliebtes Kind.
Und ich bin dein Gott.
Auch im Dunkeln. Gerade dann.

IX.
Ja, es gibt einen, den kann ich rufen.
Rufen, damit er den Sturm stillt.
Einer, der aufsteht – für mich.
In den Stürmen und Wartezimmern dieser Welt.
Einer, den ich wecken darf.
Der lässt sein bequemes Kissen liegen und ist da, für mich.
Sitzt hier an den Tischen der Vesperkirche.
Hält die runzligen Hände der alten Menschen in Pflegeheimen.
Und er wartet mit den Seeleuten auf der Mission Lifeline darauf,
dass sie endlich rausfahren dürfen.

Und mich schickt er auch los.
Aufs Meer, auf den See.
Hin zu den anderen Booten, die da noch sind.
Und fragt mich:
Hörst DU die, die schreien?
Stehst DU auf und tust, was in deiner Macht steht?
Tu es. Du bist auch dabei nicht allein.

Jesus ist mit im Boot.
Gott ist mit im Boot.
Er ist da, wo die Angst ist.
Im Boot und am Meeresgrund.
Geht mit.
Durch den Sturm, durch die Angst und in den Tod.
Und selbst er ist erschöpft.
Und er selbst fragt: Mein Gott, warum?
Wahrer Mensch.
Und wahrer Gott.

X.
Auf seinen Namen sind und werden wir getauft.
Damit wir mit ihm in einem Boot sind.
Und aufstehen und den Sturm zum Schweigen bringen.
Fragen und Zweifel - sie verstummen nicht.
Aber Gott bleibt.
Jesus bleibt.
Und ist da. Mitten im Sturm.
Und er sagt zu dir, liebe C.:
Durch Gottes Gnade bist du, was du bist.

Und zu uns allen:
Fürchtet euch nicht.

Amen.

(1)
Und am Abend desselben Tages sprach er zu ihnen: 
Lasst uns ans andre Ufer fahren.
Und sie ließen das Volk gehen
und nahmen ihn mit, wie er im Boot war,
und es waren noch andere Boote bei ihm.
Und es erhob sich ein großer Windwirbel,
und die Wellen schlugen in das Boot,
sodass das Boot schon voll wurde.
Und er war hinten im Boot und schlief auf einem Kissen.
Und sie weckten ihn auf und sprachen zu ihm:
Meister, fragst du nichts danach, dass wir umkommen?
Und er stand auf und bedrohte den Wind
und sprach zu dem Meer: Schweig! Verstumme!
Und der Wind legte sich und es ward eine große Stille.
Und er sprach zu ihnen:
Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben?
Und sie fürchteten sich sehr und sprachen untereinander:
Wer ist der, dass ihm Wind und Meer gehorsam sind!


(2) Aus "Land unter" von Herbert Grönemeyer vom Album "Chaos" von 1993

Montag, 4. Februar 2019

Non-Stop-Gottesdienst und Vesperkirche - gelebte Gnade

Was Kirchenasyl und das Reich Gottes miteinander zu tun haben...

Predigt zu 1.Korinther 1,4-9


I.
96 Tage hat er gedauert.
96 Tage Non-Stop-Gottesdienst in der Bethel-Kirche in Den Haag.
Organisiert haben den Dauergottesdienst die Pfarrer der Bethelkirche,
Jakob Korf und Axel Wicke.
Viele ökumenische Kollegen haben sich solidarisch erklärt.
Rund 600 Pfarrer beteiligten sich an der Aktion -
auch aus Deutschland und Belgien.
Sie kamen abwechselnd in die Bethelkirche, um dort zu predigen.
Denn so lange hier gepredigt wurde,
hatten staatliche Organe kein Recht die Kirche zu betreten.
Das schützte 96 Tage lang eine fünfköpfige armenische Familie.
Sie erhielt Kirchenasyl,
weil sie abgeschoben werden sollte.
Sie war in der Bethel-Kirche geschützt, solange gepredigt wird.

„Sogar eine Maus findet ein Haus,“
zitiert Pfarrer Korf einen Psalm.
„Wir handeln aus Nächstenliebe.
Wir verlieren auch nicht unseren Humor.
Wir predigen nur.“ (1)

II.
Paulus schreibt an die Gemeinde in Korinth:

Jedes Mal, wenn ich für euch bete,
danke ich meinem Gott für die Gnade,
die er euch durch Jesus Christus geschenkt hat.
Durch ihn hat er euch in jeder Hinsicht reich gemacht
– reich an ´geistgewirkten` Worten
und reich an ´geistlicher` Erkenntnis.
Er hat die Botschaft von Christus,
die wir euch gebracht haben,
in eurer Mitte so nachhaltig bekräftigt,
dass euch nicht eine von den Gaben fehlt,
die er in seiner Gnade schenkt.
Nun wartet ihr sehnsüchtig darauf,
dass Jesus Christus, unser Herr,
´in seiner ganzen Herrlichkeit` erscheint.
Gott wird euch die Kraft geben,
´im Glauben` festzubleiben,
bis das Ziel erreicht ist,
damit an jenem ´großen` Tag,
dem Tag unseres Herrn Jesus Christus,
keine Anklage gegen euch erhoben werden kann.
Ja, Gott ist treu; ´er wird euch ans Ziel bringen`.
Denn er hat euch dazu berufen,
´jetzt und für immer` mit seinem Sohn Jesus Christus,
unserem Herrn,
verbunden zu sein.
(2)

III.
Wir predigen nur. Sagt Pfarrer Korf aus Den Haag.
96 Tage gepredigt, um eine Familie zu retten.
Und sie haben es geschafft.
In der Nacht zum Mittwoch lenkte die niederländische Regierung ein.
Die Familie darf bleiben,
weil die Kinder in den Niederlanden aufgewachsen sind. (3)

„Gott hat die Botschaft von Christus, (…)
in eurer Mitte nachhaltig bekräftigt“

Diese Worte von Paulus reichen bis nach Den Haag.
Denn nichts anderes haben sie getan:
Die Botschaft von Christus gelebt, gebetet, gepredigt, verteidigt
bis zum Letzten.

„Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben.
Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben.
Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen.“
(4)

Diese Worte blieben nicht auf dem Papier.
Sie bekamen das Gesicht der vielen Helfer und Helferinnen,
der Pfarrer und der Musikerinnen.
Sie rochen nach frischem Brot und heißem Tee,
schmeckten nach Gemüseeintopf und Keksen.
Sie erfüllten die Choräle der Singenden
und schickten Twitter-Botschaften um die ganze Welt.
Ich bin eine armenische Familie gewesen
und ihr habt mich aufgenommen.

IV.
„Nun wartet ihr sehnsüchtig darauf,
dass Jesus Christus, unser Herr,
´in seiner ganzen Herrlichkeit` erscheint.“

Paulus spürt dieselbe Sehnsucht:
Dass das Reich Gottes wahr wird und spürbar.
Hier hat jeder Platz. Hier wird niemand abgeschoben.
Hier im Reich Gottes besitzen die Sanftmütigen das Erdreich,
Die mit dem reinen Herzen schauen Gott.
Und die Leidtragenden werden getröstet.
Diese Sehnsucht hat auch die niederländischen Geschwister getrieben.
„Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit;
denn sie sollen satt werden.“
(5)

V.
Brot und Wein, Gebet und Predigt, Lied und Gemüseeintopf,
5 Betten, eine Küche, ein Hinterhof der Kirche -
Zutaten ihrer Sehnsucht,
dass Jesus „in seiner ganzen Herrlichkeit erscheint.

Zutaten des Gottes Reiches.
Die sehe und schmecke und rieche ich auch hier
- hier in der Stadtkirche in diesen Wochen.
Eine Vesperkirche, die 500 Menschen jeden Tag ein Zuhause gibt.
Wer in der Wohnung niemanden mehr hat:
hier gibt es Menschen, die zuhören.
Wer die Heizung nicht mehr bezahlen kann,
hier kann er sich aufwärmen.
Eine neue Frisur. Endlich wieder schönes Haar.
Ein Lächeln beim Kaffee.
Eine Partie Mensch-ärgere-dich-nicht mit einem Unbekannten.
Ein belegtes Brötchen für zuhause.
Hier wird sichtbar, dass es in unserer Stadt viel zu viel Armut gibt.
Dabei ist unser Land so reich,
dass es sich sogar Steuerhinterziehung in Milliardenhöhe leistet.

VI.
Korinth war keine perfekte Gemeinde,
unsere Stadtkirche ist es nicht
und die Bethel-Kirche in Den Haag auch nicht.
Aber alle sind getrieben von der Sehnsucht, dass Jesus sichtbar wird.
Dass spürbar wird: er ist unter uns.
Er, der die Hungernden und Dürstenden selig preist
und die Leidtragenden tröstet.
„Gott hat die Botschaft von Christus, (…)
in eurer Mitte nachhaltig bekräftigt“

Diese Worte von Paulus reichen bis nach Den Haag
und nach Pforzheim.
Damit wir nichts anderes tun:
Die Botschaft von Christus erbitten und predigen.
Und sie verteidigen bis zum Letzten.

„Jedes Mal, wenn ich für euch bete,
danke ich meinem Gott für die Gnade,
die er euch durch Jesus Christus geschenkt hat."

Ja, es ist gelebte Gnade, wenn Menschen hier Gottes Liebe spüren.
Und es ist gelebte Gnade, die in Den Haag spürbar war.
Denn die Liebe Gottes gilt allen Menschen.
Und sie stellt sich schützend vor sie.
Zur Not auch gegen staatliche Kräfte.

VII.
Die Korinther, an die Paulus schreibt, waren ziemlich zerstritten.
Er hat im ganzen Brief sehr viel an ihnen auszusetzen:
Wie sie mit den Armen in ihren Reihen umgehen.
Und wie überheblich sie sind in ihrem Glauben.
Dennoch entdeckt er auch unter ihnen Teilchen der Liebe Gottes.
Gnadenstücke, wenn sie Brot teilen.
Selbst wenn alles Stückwerk ist und dies sogar für alle Erkenntnis gilt:
Wo Liebe gelebt wird, ist Jesus da.
Und wenn die Sehnsucht nach dieser Liebe wach bleibt,
Dann ist das schon Grund zum danken.

Wir als Kirche sind nie vollkommen.
Wir machen Fehler.
Zum Teil auch wirklich unentschuldbare.
Jahrhunderte lang wurden Liebende gedemütigt.
Nur weil ihre Liebe nicht der Norm entsprach.
Man hielt Sklaverei für gottgegeben
und schaute weg, als Juden ermordet wurden.

Umso wichtiger ist es, dass wir uns nun an die Seite der Verfolgten stellen.
Dass wir Menschen schützen.
Und den Leidtragenden und Hungernden und Armen beistehen.
Für sie da sind.
Egal woher sie kommen
und was sie glauben und wen sie lieben.
Wenn dies geschieht - dieses Für-sie-da-sein,
dann bin ich dankbar.
Und darum bin ich dankbar für die Vesperkirche hier
Und dankbar für den 96-Tage-non-stop-Gottesdienst in Den Haag.

Sowas zeigt mir, dass Jesus da ist.
In kleinen Stücken wie im Brot
und wie in einer Tasse Kaffee
oder einer Non-Stop-Predigt,
die eine armenische Familie schützt.

„Wir handeln aus Nächstenliebe.
Wir verlieren auch nicht unseren Humor.
Wir predigen nur.“

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.


(1) https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.kirchenasyl-in-den-haag-dauergebet-statt-abschiebung.f11a5815-369a-4685-ad4e-cce055658c01.html
(2) 1. Korinther 1,4-9 nach "Neuer Genfer Übersetzung"
(3) https://www.ekhn.de/aktuell/detailmagazin/news/kirchenasyl-nach-3-monaten-dauergottesdienst-beendet.html
(4) Matthäus 25,35
(5) Matthäus 5,6

Dienstag, 25. Dezember 2018

Im Anfang bist du

Predigt zu Johannes 1, 1-5.9-14

Im Anfang war das Wort,
und das Wort war bei Gott,
und Gott war das Wort.
Dasselbe war im Anfang bei Gott.
Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht,
und ohne dasselbe ist nichts gemacht,
was gemacht ist.
In ihm war das Leben,
und das Leben war das Licht der Menschen.
Und das Licht scheint in der Finsternis,
und die Finsternis hat's nicht ergriffen.

Das war das wahre Licht,
das alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen.
Es war in der Welt,
und die Welt ist durch dasselbe gemacht;
und die Welt erkannte es nicht.
Er kam in sein Eigentum;
und die Seinen nahmen ihn nicht auf.

Wie viele ihn aber aufnahmen,
denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden:
denen, die an seinen Namen glauben,
die nicht aus menschlichem Geblüt
noch aus dem Willen des Fleisches
noch aus dem Willen eines Mannes,
sondern aus Gott geboren sind.
Und das Wort ward Fleisch
und wohnte unter uns,
und wir sahen seine Herrlichkeit,
eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater,
voller Gnade und Wahrheit.


I.
Am Anfang.
Am Anfang ist die Luft klar.
Sie riecht nach Regen.
Und nach Erde.
Am Anfang ist der Himmel so dunkelblau,
dass man den Morgenstern noch sieht.
Am Rand aber ist er hellblau und gold.
Und dann kommt die Sonne an.
Ein riesengroßer flacher Ball. 
Und siehe, es ist sehr gut.

Die Schöpfung weiß, was am Anfang zu tun ist.
Sie kennt die Regeln.
Wenn es Tag wird.
Wenn ein Same aufgeht.
Und der Regen die Luft sauber gewaschen hat.
Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.
Und Regen und Tag und Nacht und Sonne und das Licht.
Der Anfang ist ein Raum
und in dem ist alles da und doch noch im Werden.
So vieles, was entstehen kann.
So vieles, das vergehen wird.
Im Anfang ist beides da:
Werden und Vergehen,
Beginn und Ende.
A und O.

II.
Am Anfang.
Am Anfang ist das Licht mild.
Die Welt sieht anders aus in diesem Licht.
Du siehst das Gute. Das Schöne.
Das Versöhnliche auch.
Du siehst das, was du sonst übersiehst.

Den kleinen Tropfen auf der Fensterscheibe
in Regenbogenfarben.
Die Christrose zwischen Laub.
Den Herrnhuter Stern im Türeingang.
Du siehst, wie schön die Falten deiner alten Nachbarin sind.
Sie haben so viel zu erzählen.
Du siehst die kleine Hand deines Enkelkindes,
die einen Regenwurm streichelt.
Und du siehst vielleicht,
wie jemand frierend an der Bushaltestelle wartet.
Und nimmst ihn in deinem Auto mit. (1)
Am Anfang sind deine Augen klarer als sonst.
Und du siehst,
dass du nicht alles auf Anfang setzen kannst,
aber dass du ein Teil davon bist.
Mittendrin im Anfang.

III.
Am Anfang.
Am Anfang ist die Liebe.
Und diese Liebe ist leicht und unbeschwert.

In diesem einen Moment am Anfang -
da zählt nicht, was die anderen sagen.
Nur die zarte Berührung.
Die Sehnsucht und der Blick in die strahlenden Augen.
Am Anfang ist eine Strähne, die ins Gesicht fällt.
Und ein pochendes Herz.
Pures Verstehen ohne Erklären.
Ganzsein. Ganz und gar.
Ein Fleisch werden.

Ja, die Liebe wird Fleisch.
Wird Berührung und Herzschlagen und Wortestammeln.
Gott fängt mit jeder Liebe neu an.
Und wird Fleisch in jeder Liebe.
Die Liebe ist der Raum des Anfangs.
Die Verheißung, dass alles gut ist.
Weil Gott es gut gemacht hat.
Alles ergibt einen Sinn.
Alles fügt sich zusammen in diesem Raum der Liebe.
Im Anfang.

IV.
Am Anfang war das Wort.
Der Anfang ist unschuldig.
Wie Papier.
Weiß und unbeschrieben.
Worte werden noch geboren.
Und du weißt am Anfang noch nicht:
Sind sie müde oder voller Kraft?
Trösten oder erschrecken sie dich?
Hinter allen Worten ist das eine Wort.
Es kommt noch nicht auf deine Lippen.
Denn du ahnst nur, dass es da ist.
Deine Sehnsucht nach dem Woher und Wohin.
Deine Liebe.
Dein Leben.
Alles ist darin, in diesem Wort.

Am Anfang ist das eine Wort bei Gott.
Der Sinn allen Lebens - verborgen in dem Einen.
Nicht zu greifen.
Das Wort, das Eine, es kommt zur Welt. 
In einem Stall.
Dort, wo es nach Tierdung riecht und das Stroh piekst.
Wo die Welt zusammenschrumpft auf einen Moment
und einen Ort.
Der ist nichts Besonderes - und doch alles.
Eigentlich gibt es dafür keine Worte:
für dieses Große, was uns hält,
und für das Schöne, was uns umschließt.
Unsere Worte sind zu klein dafür.
Zu klein für Gott.
Zu klein für das Leben.
Zu klein für das Wunder.

V.
Der Anfang ist unschuldig.
Und ja,
alles auf Anfang stellen: das würde ich gern.
Keine Worte suchen müssen.
Keine Trennung spüren.
Eins sein.
Was am Anfang so leicht ist,
wird im Weitergehen so schwer.
Liebe lässt sich nicht halten.
Gott auch nicht.
Und Gott wird zu groß für mich.

Ich spüre wie verletzlich ich bin.
In diesen Tagen vielleicht ganz besonders.
Weil Weihnachten die Haut dünner ist als sonst.
Ein Streit tut heute besonders weh.
Alleinsein ist kaum auszuhalten.
Und auch nicht die Sehnsucht nach mildem Licht und erster Liebe.
Ich bin nicht mehr am Anfang.
Ich bin weitergegangen.
Und suche meine Schritte durchs Leben.
Nicht nur meine Worte sind zu klein.
Auch ich bin zu wenig.
Zu unscheinbar.
Zu unbedeutend.

Ja, ich möchte alles auf Anfang stellen.
Möchte selbst neu anfangen können.
Mit Gott Anfängerin sein.
Ob das nicht doch geht?
Das das Wort auch in mir Fleisch wird und anfängt?

V.
Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott,
und Gott war das Wort.
Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns,
und wir sahen seine Herrlichkeit.


Am Anfang.
Am Anfang ist dieses Kind.
Fleischgewordenes Wort.
Leben pur.
Lebendiges Bündel.
Suchender Mund.
Geschlossene Augen.
Ausgeliefert und bedingungslos.
Noch ganz verschleimt.
Und mit pulsierender Nabelschnur.
Es ist da.
In diesem Anfang ist es ganz da.
Für dich. Und für mich.
Und für alle, die hier sind.
Oder zuhause. Oder weit weit weg.

Im Anfang ist dieses Kind
und es kann dir nichts tun, außer dein Herz zu stehlen.
Dieses Kind -
entstanden aus der Liebe von zwei Menschen.
Aus Gott.
Aus Leidenschaft und Hingabe.

Im Anfang ist dieses Kind.
Die Liebe zwischen Gott und Mensch.
Dieses Kind setzt alles auf Anfang.
Alles ist neu. Alles beginnt neu.
Und neu ist nicht perfekt.
Sondern verschleimt und zerknittert.
Ausgeliefert und bedingungslos.
Suchend und geborgen zugleich.

VI.
Du kannst nicht alles auf Anfang stellen.
Aber das Kind tut es.
Gott tut es.
Gott weiß, was zu tun ist mit deinen Anfängen
und Stolperschritten.
Mit deiner Sehnsucht und deiner Traurigkeit.

Du bist sein Kind.
Du bist dieses Kind, das Fleisch gewordene Wort.
Anfängerin des Lebens. Anfänger der Liebe bist du.
Du mit deinen Falten und deinen Träumen.
Du mit deiner verschleimten Nabelschnur.

Ausgeliefert und bedingungslos.
Suchend und findend.
Der Stall ist dein Anfangsort.
Dort, wo es nach Tierdung riecht und das Stroh piekst.
Dort, wo du den Kochlöffel in den Topf tauchst,
oder Bilanzen prüfen musst,
wo du an der Kasse Kleingeld entgegen nimmst
oder einem Flüchtling vor Gericht beistehst.
Überall wo du bist, bist du richtig.
Weil Gott da ist. Bei dir.
Und mit dir anfängt, ins Leben zu gehen.

VII.
Im Anfang war das Wort.
Im Anfang bist du.
Nicht perfekt, aber neu.
Vielleicht noch dünnhäutiger.
Vielleicht noch verletzlicher.
Vielleicht noch ausgelieferter.
Gott hat dich wunderbar gemacht.
Wie dieses Kind in diesem Stall.

Gott weiß, was am Anfang zu tun ist.
Auch mit dir.
Er kennt die Regeln.
Wenn es Tag wird,
wenn ein Same aufgeht
und der Regen die Luft sauber gewaschen hat.

Gott weiß, wie es mit dir weitergeht, du Kind Gottes.
Und geht mit dir deine Schritte ins Leben.
Und siehe, alles ist nicht perfekt, aber neu.
Siehe, alles ist sehr gut.

Amen.

(1) hier zu empfehle ich die wunderbare Begegnung, die Bettina Schlauraff in ihrem wunderbaren Blog beschreibt: https://menschensammlerin.blogspot.com/2018/12/und-das-habt-zum-zeichen-ihr-werdet-es.html

Sonntag, 16. Dezember 2018

Ungeduld und Hoffnungsschimmer

Predigt zu Römerbrief 15,4-7.13

(mit großem Dank an Birgit Mattausch, Sebastian Finn Wolfrum und Michael Greßler)

Vor der Predigt:
Lied: Es kommt die Zeit, in der die Träume sich erfüllen.... dann gehen Gott und die Menschen Hand in Hand....


I. (Hoffnungsschimmer)
Es kommt die Zeit, in der die Träume sich erfüllen…
Dann…
Dann.
Wann ist dieses Dann?
Ich sehne mich nach diesem Dann.
Besonders nach diesen Schüssen in Straßburg.
Dieses Dann gehen Gott und die Menschen Hand in Hand.
Ich will, dass dieses Dann schon jetzt ist.
Geht dir das auch so?
Manchmal blitzen kleine Hoffnungsschimmer auf.
Wenn Warvan einen Ausbildungsplatz hat
und erstmal hier bleiben kann und nicht in den Irak zurück muss.
Wenn du erfährst, dass deine Freundin den Krebs besiegt hat.
Oder wenn eine 15 Jährige, Greta Thunberg aus Schweden,
vor der UN-Klimakonferenz spricht.
Kleine Hoffnungsschimmer.
Aber genug?
Ich will, dass aus den Hoffnungsschimmern ein ganzes Sternenzelt wird.
Mit geduldiger Ungeduld will ich das.

II. (Paulus)
Bei Paulus lesen wir aber was von Geduld:
Denn was zuvor geschrieben ist, das ist uns zur Lehre geschrieben,
damit wir durch Geduld und den Trost der Schrift Hoffnung haben.
Der Gott aber der Geduld und des Trostes gebe euch,
dass ihr einträchtig gesinnt seid untereinander,
wie es Christus Jesus entspricht,
damit ihr einmütig mit einem Munde Gott lobt,
den Vater unseres Herrn Jesus Christus.
Darum nehmt einander an,
wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Ehre.
(…)
Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch
mit aller Freude und Frieden im Glauben,
dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung
durch die Kraft des Heiligen Geistes.


III. (Ungeduldig)
Ich bin oft ungeduldig.
Und bin da nicht stolz drauf.
Ich neige dazu, andere zu unterbrechen, wenn sie was sagen.
Viele Entscheidungswege in unserer Kirche sind mir zu mühsam.
Vor einem Fahrkartenautomaten stehen und warten, bis das Ticket kommt.
Ist das Internet mal wieder ganz langsam, muss ich schnell was anderes tun.
Mir einen Capuccino machen zum Beispiel.

Manchmal MUSS meine Geduld auch an ihr Ende kommen.
Wenn die Klimakonferenz in Kattowitz mal wieder endlos diskutiert,
aber keine wirklichen Ergebnisse gebracht hat.
Ich will endlich mal verbindliche Beschlüsse sehen.
Und dass sie umgesetzt werden.
Auch die Geduld der Jugendlichen in aller Welt ist endlich aufgebraucht.
Greta bestreikt seit Wochen jeden Freitag die Schule.
Zornig und voller Ungeduld steht sie geduldig da.
Jeden Freitag.
Seit vorgestern tun das auch Schüler und Schülerinnen in Deutschland.
Ich finde das gut.

IV. (Ungeduldiger)
Vielleicht bin ich mit meinen Jahren sogar ungeduldiger geworden.
Die Lebenszeit ist zu kurz für irgendwann.
Dumme Menschen ertrag ich immer weniger.
Und das hat nichts mit IQ zu tun.
Aber wenn ich wieder und wieder lesen muss,
dass auf der Liebe kein Segen liege,
wenn sie nicht der heterosexuellen Norm entspricht...
Oder wenn ich zum 100.Mal hören muss,
dass der Klimawandel ja gar nicht menschengemacht ist
und wir deshalb nichts dagegen tun können.
Oder die Mär von den geöffneten Grenzen
und einem gewollten Bevölkerungsaustausch
zum drölfzigsten Mal die Runde macht.

Ich versuche dann, geduldig zu argumentieren.
Komme mit Fakten. Frage geduldig nach.
Und am Ende hat das Gespräch trotzdem nichts gebracht.
Die Dummheit siegt. Mein Geduldsfaden reißt.

V. (Am Ungeduldigsten - diesen Teil verdanke ich Birgit. Danke!)
Am ungeduldigsten bin ich mit mir selber.
Ich müsste so viel eigentlich besser wissen.
Ich weiß, dass bestimmte Gespräche zu nichts führen.
Ich weiß, dass fast immer Zuhören hilft.
Ich weiß auch, dass ich nicht alles in der Hand habe
und die Welt nicht retten muss.
Ich weiß, dass ich allen Grund habe, zu vertrauen.

Ich weiß es.
Und ich weiß es nicht.
Ich wünschte, ich wüsste es.

Wünschte, ich hätte mehr Vertrauen.

Ich würde mich dann nicht mehr so viel vergleichen mit anderen.
Ich wäre irgendwie heiler. Und weiser.
Leuchtender. Unabhängiger. Liebevoller.
Geduldiger.
Aber ich bins nicht.

VI. (Heilige Ungeduld)
Aber ich muss es auch gar nicht sein!
Gottes Geduld genügt vollkommen.
So geduldig, wie er ist, werde ich nie sein.
Und soll ich auch nicht.
Denn Gott hat auch meine Ungeduld lieb -
die vielleicht sogar ganz besonders.
Nämlich dann, wenn es mir um was Gutes geht.
Die Gefahr der Ungeduld ist, dass sie mich unbarmherzig macht.
Aber wenn sie mich nur in eine heilige Unruhe versetzt,
damit ich mich an Unrecht nicht gewöhne:
Dann ist sie wichtig und gut.

Meine Ungeduld ist in bester Gesellschaft.
Schon Sarah - die Frau von Abraham - konnte eigentlich nur noch lachen,
als man ihr sagte, dass sie einen Sohn bekommen würde.
Zu lange hatte sie darauf gewartet.
Jesaja, der Prophet des Trostes, schreit seinen Gott zornig an.
Reiß endlich mal den Himmel auf, Gott!
Auch Jesus reißt der Geduldsfaden als er das Tempelareal betritt.
Ihm bleibt gar nichts anderes übrig, als erstmal die Tische umzuwerfen.
Aber alle diese wissen letztlich auch,
dass sie durch ihre Ungeduld nichts beschleunigen können.
So sehr sie sich auch danach sehnen.

VII. (Gottes Geduldsfaden)
Der Gott aber der Geduld und des Trostes gebe euch,
dass ihr einträchtig gesinnt seid untereinander,
wie es Christus Jesus entspricht.


Der Gott der Geduld spinnt uns zusammen.
Er nimmt die verschiedenen Fäden des Lebens in die Hand.
Geduldsfaden und Trostgarn, Liebeskordeln und Ungeduldsfäden.
Geduld und Trost schimmern golden und grün.
Liebe leuchtet feuerrot.
Aber Gott weiß, dass die Welt eben nicht nur aus Liebe besteht.
Und dass die Ungeduld ihren Platz hat. 

Gerade weil sie die Brüche sichtbar macht.
Und so spinnt er die Ungeduld mit hinein in unsere Seele.
Umgeben von Geduld und Trost, damit uns die Ungeduld nicht krank macht.

Nehmt einander an,
wie Christus euch angenommen hat.

Nimm auch deine Ungeduld an.
Auch der Ungeduldsfaden schimmert und leuchtet,
solange er dich nicht unbarmherzig macht.
Gott spinnt ihn mit seiner Geduld zusammen.

Und dann lernst du zuzuhören
und dennoch zu unterbrechen, wo es nötig ist.
Du lässt nicht locker,
aber gibst anderen die Zeit, hinterherzukommen.
Du hältst dich nicht für besser als die anderen,
aber du hältst deine Träume fest.

VIII. (Hoffnungsfaden)
Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch
mit aller Freude und Frieden im Glauben.
dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung.


Ja, das wünsche ich mir.
Denn Jesus kommt.
Daran halte ich mich fest.
Ein Hoffnungsfaden, der immer noch hält.

Gott kommt -
mitten hinein in meine Ungeduld.
In meine Sehnsucht, dass alles gut wird.
Und dass er eigentlich schon da ist.

Es kommt, worauf ich warte.
Das Leben. Die Liebe.
Weihnachten in mir drin.
Hoffnungsschimmer, die zum Sternenzelt werden.
Das kommt alles,
auch wenn ich ungeduldig bin,
unerleuchtet und viel zu herzensklein.
Es dauert einfach ein bisschen.
Und vielleicht auch immer noch zu lang.
Aber es kommt.
Weil Gott ein Gott der Geduld ist.
Geduldig mit mir und mit der Welt.

Und dieser Gott der Geduld spinnt seine Fäden mit meinen zusammen.
Und da reißt dann nichts auseinander.
Das Garn ist stabil und zart zugleich.
Gott näht damit diese zerrissene Welt zusammen. 

Stich für Stich.
Er näht mein Herz zusammen.
Meine Liebe und mein sehr ramponiertes Vertrauen.
Und deins auch.

Meine Hoffnungsfäden für Warvan und für meine Freundin lege ich Gott hin.
Und Gretas Ungeduld ebenfalls.
Gott nimmt diese Fäden auf.
Und er spinnt sie zusammen
und näht mit ihnen weiter an einer Welt,
die gut für uns alle ist.
Das dauert.
Ja, das dauert.
Vielleicht dauert das lang.
Aber so lange übe ich mich -
in geduldiger Ungeduld.

Und der Friede Gottes welcher höher ist als all unsere Geduld
bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

Freitag, 7. Dezember 2018

Aufsehen

Zum 2.Advent:


Aufsehen
Sich aufrichten
Atmen
Tief atmen
Nacken strecken
Vom Himmel hoch gezogen
Krone aufsetzen
Kraft spüren
Atmen
Tief atmen
Und warten
Denn da kommt noch was
Und das ist richtig gut.
Seht auf und erhebt eure Häupter,
weil sich eure Erlösung naht.
(Lukas)

Dienstag, 27. November 2018

Licht im Zwischenraum

Die Tür einen Spalt offen lassen.
Das Licht vom Flur scheint etwas rein.
So ist es nicht komplett dunkel.
Licht im Zwischenraum.
Wer ein Kind zu Bett gebracht hat, weiß,
wie wichtig das ist.

Lasst eure Lenden umgürtet sein und eure Lichter brennen. (Lukas 12,35)
So heißt es diese Zwischenwoche.
Diese Woche zwischen Ende und Anfang.
Zwischen Ewigkeit und Ankunft.
Zwischen Tod und Advent.

Die Tür einen Spalt offen lassen.
Das Licht vom Advent scheint herein.
Licht im Zwischenraum.
Wissen, da kommt noch was.
Und was da kommt, ist gut.
Ist not-wendig.

Vielleicht hält mich dieses Licht wach,
Weil ich gerade wach sein muss.
Vielleicht lässt es mich auch ruhig schlafen,
Weil erholt sein genauso not-wendig ist.

Lass das Licht scheinen.
Licht im Zwischenraum.
Sei bereit für das, was kommt.
Und was da kommt, ist gut.

Montag, 26. November 2018

Zu (wenig) mutig?

Theologischer Impuls zum PERSPEKTIVWECHSEL unter dem Motto "Zu (wenig) mutig? Über den Umgang mit Risiken"

(Der Arbeitskreis Evangelischer Unternehmer*innen Württemberg bat mich um diesen Impuls am 20.11.2018)

I.
Vor 4,5 Jahren stand ich auf einem Übertragungswagen in Pforzheim.
23. Februar - der Gedenktag zur Zerstörung Pforzheims am Ende des Krieges.
Ein Tag, der - wie in Dresden - auch von Rechtsextremen missbraucht wird.
(Und seit Jahren gibt es in der Stadt Streit darüber, wie man dem begegnen soll:
gar nicht im Sinne des „stillen Gedenkens“ und sie einfach machen lassen
oder doch durch Protest?)
Vor 4,5 Jahren demonstrierten gegen diese Rechten friedlich mehrere 100 Menschen.
Und vor diesen Demonstrierenden hielt ich eine Rede.

Neben vielen anderen Worten sprach ich auch folgende:
„Pforzheim war keine unschuldige Stadt.“
Im Grunde war dieser Halbsatz trivial.
Und natürlich stand er nicht für sich,
sondern in einem Zusammenhang,
wo es um die Vorgeschichte zur Bombardierung ging,
die eben auch dazu gehört,
wenn man auf diese Katastrophe für Pforzheim und die vielen Zivilisten sieht,
die dabei unschuldig ums Leben kamen.
Aber dieser Satz „Pforzheim war keine unschuldige Stadt“ klebt seitdem an mir
und lässt mich nicht mehr los.
Mir war zwar vorher klar:
Ich mache mich unbeliebt. Viele wollen das nicht hören.
Aber ich hätte nicht geglaubt, dass dieser Satz tatsächlich ein Skandal sein würde
und mich deswegen viele in die Wüste schicken wollen, zumindest raus aus Pforzheim.

Zu mutig? War ich zu mutig gewesen?

II.
Ich habe es nie als Mut empfunden, auf diesem Übertragungswagen zu stehen.
Ich empfinde es auch nicht als mutig,
wenn ich predige und dabei auch deutliche Worte finde.
Ich tu es ja auch nicht, weil mir das besonderen Spaß macht
(oder weil es mir einen Kick gäbe - auch wenn mir das unterstellt wird).
Nein, ich tu es, weil ich ein Amt habe. Eine Verantwortung.
Und in dieser Verantwortung muss ich auch klar benennen und bekennen,
was evangelische Überzeugung ist.

Wo Menschen für minderwertig gehalten werden, muss ich laut Stop sagen.
Wo Menschenrechte mit Füßen getreten werden,
Wo Hass statt Nächstenliebe propagiert wird,
Wo Andersdenkende, Andersglaubende und Andersliebende diffamiert werden,
Muss ich einschreiten - mit Hilfe dessen, was ich kann: Mit dem Wort.
Die von Gott geschenkte Menschenwürde hat immer Vorrang -
auch vor meinem eigenen Kleingeist und Kleinmut.

Wenn ich darum was sage, empfinde ich das nicht als mutig,
sondern als meine Verantwortung für die Gesellschaft.
Vielleicht ist es tatsächlich einfach das, was jetzt sein muss.
Eine innere oder äußere Notwendigkeit, die mich dazu nötigt.
Ich tu etwas, von dem ich weiß, dass die Konsequenzen unangenehm sein können.
Für mich. Und vielleicht auch für andere.
Aber ich weiß, dass ich nicht anders kann,
wenn ich meine Grundüberzeugungen nicht verraten will.

Ist das wirklich mutig? Oder eher die Angst, zu wenig mutig zu sein?

III.
Vor 73 Jahren, im Oktober 1945, wurde (hier in Stuttgart)
die Stuttgarter Schulderklärung der Evangelischen Kirche in Deutschland abgegeben.
Anlass war der Besuch einer Delegation des Ökumenischen Rats der Kirchen.
Vieles in dieser Erklärung ist noch unscharf.
Die eigene Verflechtung in das Nazi-Reich konnte man da noch nicht wirklich zugeben.
Aber ein Meilenstein war folgender Satz:
„Wir klagen uns an,
daß wir nicht mutiger bekannt,
nicht treuer gebetet,
nicht fröhlicher geglaubt
und nicht brennender geliebt haben“


Dass wir nicht mutiger bekannt haben.…
Dieser Satz hat sich mir eingeprägt wie kaum ein anderer.
Nicht mutig genug bekannt...
Ja, im 3.Reich war es wirklich mutig, sich vor die verfolgten Juden zu stellen.
Es konnte das eigene Leben kosten.
Aber es gab sie: die mutigen Menschen.
Wir kennen auch ihre Namen:
die Geschwister Scholl, Dietrich Bonhoeffer, Martin Niemöller.
Und viele Namen kennen wir auch nicht.
Aber es gab sie.
Und darum ist es auch ein Affront gegen diese mutigen Menschen,
wenn man immer noch behauptet, dass man damals ja nicht anders konnte.
Doch. Man konnte.
Es fehlte aber den meisten, die das Unrecht erkannten, der Mut.
Auch unseren Kirchen.

Mut ist immer mit Angst verbunden. Sonst wäre es kein Mut.
Mut brauche ich dann, wenn es mich was kosten könnte.
Meinen Ruf. Meine Autorität. Mein Amt. Meine Macht. Mein Geld. Mein Leben.
Aber es gibt Situationen, da ist dann Mut gefragt.

IV.
In so einer Situation befindet sich Esther.
Ein ganzes Buch ist ihr in der Bibel gewidmet.
Esther hat eine Traumkarriere* hinter sich:
Geboren als Angehörige der jüdischen Exil­gemeinde in Persien,
wächst sie im Haushalt ihres Onkels auf.
Eine königliche Misswahl, die die neue Königin des persischen Königs küren sollte,
verschafft ihr einen „Beauty­Aufenthalt“ im Palast.
Sie sticht  alle Konkurrentinnen aus und wird persische Königin,
verschweigt jedoch ihren Migrations­hintergrund.
Später erfährt sie von einer Intrige gegen ihre Glaubensgeschwister:
Die jüdischen Exilanten werden beschuldigt,
die persische Leitkultur zu untergraben und die Einheit des Reiches zu gefährden.
Ein Pogrom steht bevor.

Nun ist Esther gefordert:
würde sie weiterhin schweigen
oder endlich ihren Mund auftun?
Ester tut ihren Mund auf.
Damit riskiert sie ihren eigenen Tod.
Aber sie gewinnt das Ver­trauen des Königs und verhindert den Pogrom.
Bis heute feiern Jüdinnen und Juden am Purimfest
das Geden­ken an Esters mutigen Einsatz.

Esther hätte sich gemütlich zurücklehnen können.
Aber sie tut es nicht.
Sie scheint die richtige Frau am richtigen Platz zu sein.
Und so fühlt sie sich verantwortlich für das Schicksal der Gefährdeten.
Sie sind ihr nicht egal.
Sie tut das, was not-wendig ist.

V.
Ja, es gibt Situationen, da ist dann Mut gefragt.

Ich möchte Ihnen noch von Hananias erzählen.
Wir lesen von ihm in der Apostelgeschichte (Kapitel 9).
Er lebt in Damaskus und soll eines Tages zum frisch erblindeten Saulus gehen:
bis dato vehementer Chris­tenverfolger.
Er soll in dasselbe Haus gehen.
Im selben Raum mit diesem Menschen sein,
der bis dahin Leute wie ihn gehasst hat.
Hananias soll diesem Saulus gegenüber treten.
Ihm nahe kommen. Ihm die Hand auf den Kopf legen, ihn segnen.
Und nach langem Zögern tut er es.
Hätte ich das auch gekonnt?

Ich weiß es nicht.
Aber ich wünsche es mir.
Denn aus solchen Begegnungen entsteht Neues, Bahnbrechendes.
Nur so geschieht Veränderung.
Und aus dem Verfolger wird ein Liebender.

VI.
Zu mutig? Zu wenig mutig?
Das wissen wir meistens erst hinterher.
„Fürchte dich nicht“ ist einer der häufigsten Sätze der Bibel.
Und einer ihrer Schlüsselsätze.
In einer Zeit, wo Ängste populistisch ausgenutzt und hochgepuscht werden,
ist dieser Satz besonders wichtig.

„Fürchte dich nicht.“
Das ist keine Zauberformel,
aber ein Gegen-Satz gegen alles, was mich kleinmütig macht.
Fürchte dich nicht. Egal was passiert, ich bin bei dir.
Wenn du dich zu schwach fühlst, bin ich bei dir.
Und wenn du dich was traust, bin ich auch bei dir.
Darum: Habe den Mut, das zu tun, was gerade richtig ist.

Gerade heute brauchen wir mutige Menschen.
Mutige Menschen sind keine Superhelden.
Sie sind auch zaghaft.
Manchmal haben auch sie zu wenig Kraft, um mutig zu sein.
Und auch sie sind voller Angst.
Aber sie lassen sich von dieser Angst nicht leiten.
Und halten sich an diesem „Fürchte dich nicht“ fest.

Irgendwann ist dann da dieser Moment, worauf es ankommt.
Dann wissen die Gotteskinder, dass sie sich nicht wegducken dürfen.
Menschen wie Esther und Hananias,
Wie die Geschwister Scholl und Dietrich Bonhoeffer. Wie Sie und ich.
Und wenn es nur 5 Worte auf einem Übertragungswagen sind.
Oder die segnende Hand auf dem Kopf des Verfolgers.

Unsere Welt braucht unseren Mut. Den kleinen und den großen.
Sie braucht uns.
Wie gut, dass wir da sind.




* Einige Formulierungen hierzu habe ich mir geliehen von einer Materialsammlung von "Kirche hoch 2", die mir freundlicherweise schon gezeigt wurden, obwohl sie noch nicht veröffentlicht sind.

Sonntag, 4. November 2018

David und mein Herz - Gott wählt anders

Predigt zu 1. Samuel 16*
(In diesem Gottesdienst wurde ein kleines Mädchen getauft (ihren Namen habe ich mit G. abgekürzt). Ihr Taufspruch ist 1.Samuel 16,7b (kommt in der Predigt mehrmals vor))

I.
Muskeln spielen lassen. Große Töne spucken.
Zeigen, wo der Hammer hängt.
Der eine zeigt sich mit muskulösem Oberkörper auf einem Pferd in der Wildnis.
Fehlt nur noch der erlegte Bär.
Der andere schickt seine Armee an die Grenze nach Mexiko.
Säbelrasseln gegen Flüchtlinge aus Mittelamerika.
Er hat auch kein Problem damit, Frauen zu begrabschen.
Der dritte wirft Journalisten ins Gefängnis.
Der vierte will Waffen an alle verteilen.
Diese Sorte von Männern hat gerade Hochkonjunktur in der Politik. 
Markige Sprüche werden bejubelt.
Lügen beiseite gewischt.

In der Bibel gibt es auch diese harten Männer und starken Kerle.
Samson, Josua, Saul und wie sie alle heißen.
Und selbst David wird als Heeresführer gepriesen,
Mutig und unerschrocken im Kampf.

Aber es gibt auch die anderen Töne. 
Gott sei Dank.

Ein Mensch sieht, was vor Augen ist;
der Herr aber sieht das Herz an. (1. Samuel 16,7b)


II.
Da hat einer rote Haare, schöne Augen und ist noch eher schmächtig.
Er hütet die Schafe.
Die wirklich großen Dinge machen die anderen Brüder.
Ihn hat niemand im Blick. Noch nicht mal der eigene Vater.
Warum eigentlich nicht?
Ist er noch zu jung? Zu zart besaitet?
Ein Träumer, ein Musiker, ein Dichter - so einer kann kein Land führen.
Denkt man wohl.
Da braucht man harte Männer, die über Leichen gehen können.
Denken auch heute wieder viele.
Da passt eine Frau wie Angela Merkel nicht ins Bild.
Und so ein junger, rothaariger, Harfe spielender Hirte schon gar nicht.

Auch ich habe meine Bilder für die, denen ich vertrauen kann
oder eben auch nicht.
Ein Cowboy in der russischen Steppe gibt den einen ein Gefühl der Sicherheit,
mir macht er eher Angst.
Oder auch der andere, der sich selbst für den Größten hält:
Die einen glauben ihm.
Ich kann ihm gar nichts mehr glauben.
Aber vor allem ins Herz kann ich weder ihm noch dem anderen schauen.
Ich sehe und höre nur, was außen ist.

Und aus eigener Erfahrung weiß ich auch:
Was ich durch Presse und Fernsehen über einen anderen erfahre,
ist immer nur ein kleiner Ausschnitt.
Und doch stellen sich mir die Nackenhaare auf,
wenn ein politisch Verantwortlicher Flüchtlinge kriminalisiert
und verächtlich über Frauen spricht
Oder ein anderer seinen schwulen Sohn lieber tot sehen möchte.
Überhaupt diese Neigung, sich selbst groß zu machen,
indem man auf andere tritt, als ob sie Ungeziefer seien.
Da kann ich nicht mehr vertrauen

Wie gefährlich das ist, ist bekannt.
Da werden Menschen durch Lügen und Unwahrheiten bloßgestellt. 
Oder noch schlimmer:
Ihnen wird die Würde geraubt.
Sie werden gar nicht mehr als Menschen gesehen.
Sondern nur noch als Feinde,
derer man sich entledigen muss.
Es geht so leicht, uns zu blenden.
Wie damals vor 80 Jahren - da waren die Herzen kalt.
Auch die Herzen der meisten Christen.

Ein Mensch sieht, was vor Augen ist;
der Herr aber sieht das Herz an.


III.
Der Prophet Samuel hätte jemand anderen zum König gesalbt.
Selbst ein Prophet kann mal daneben liegen und sich blenden lassen.
Aber etwas hat ihn anders hinsehen lassen.
Die Stimme Gottes in ihm vielleicht.
Eine Stimme, die in jedem Menschen anders klingt.
Und vielleicht doch dasselbe sagt:
Schau nicht auf das Äußere, schau das Herz an.
Und höre auf dein Herz.

Mein Herz.
Es schlägt da in meinem Körper.
Pumpt Blut durch die Adern.
Hält mich am Leben.
Es schlägt und schlägt und pumpt und pumpt.
Es kann ängstlich sein und aufgeregt.
Müde kann es sein und weh tun.
Ich stelle mir vor, wie Gott mein Herz in seine Hand nimmt,
Und er weiß, wie es um mich bestellt ist.
Meine Angst, nicht perfekt genug zu sein.
Meine Freude über ein wunderbares Musikstück.
Meine Hoffnung, dass mir die Midterm-Wahlen in den USA
ein anderes Amerika zeigen.
Alles das sieht Gott
und so viel mehr, was ganz tief in meinem Herzen verschlossen ist.
Meine Zweifel, Träume, meine Scham - 
in diesem manchmal so starken und manchmal so schwachen Herzen.
Gott schaut das alles liebevoll an.
Und wärmt es mit seinem Blick.
Und er sieht auch die Möglichkeiten, die ich noch nicht sehe.
Das, was ich ändern kann.
Und ich muss nicht mehr so tun als ob, sondern kann ganz ich sein.

IV.
Ein Mensch sieht, was vor Augen ist;
der Herr aber sieht das Herz an.


Liebe Eltern von G.,
Auch ihr glaubt, dass Gott liebevoll auf das Herz von Greta schaut.
Darum lasst ihr sie taufen.
Gott hat euch G. anvertraut.
Und ihr Herz legt ihr ihm in die Hände.
Weil Gott sie liebt, wie ihr sie liebt.
Und weil ihr wisst,
dass diese Liebe in einer Welt des Augenscheins unendlich wertvoll ist.

Auch G.s Herz wird mal mutlos sein.
Oder wild schlagen.
Auch G.s Herz wird voller Zweifel sein -
an sich selbst oder auch an dieser manchmal so herzlosen Welt.

Aber dann ist da diese Zusage von Gott:
Ich schaue dein Herz an. Ich weiß, wie es dir geht.
Du bist und bleibst mein geliebtes Kind.
Und ich sehe, was noch alles so da ist:
Deine Liebe. Dein Mut.
Deine Lebensfreude.
Eben du. Ganz du.

V.
Ein Mensch sieht, was vor Augen ist;
der Herr aber sieht das Herz an.


Was hat Gott wohl bei David gesehen?
Hat er auch gesehen,
dass David mal so richtig intrigant einen Mann umbringen lassen würde,
nur damit er selber gut da steht?
Hat er gesehen, wie kaltblütig David sein kann?
Ich kann mir nicht vorstellen, dass er das nicht gesehen hat.
Und trotzdem scheint ihm das viele andere wichtiger zu sein:
David, der junge Mann, der sich nicht zu schade ist, Schafe zu hüten.
Mit seiner Musik kann er die Seele eines verbitterten Königs beruhigen.
Er kann damit Frieden stiften.
Und selbst als mächtiger Mann kennt dieser David Mitleid.
Weint um sein totes Kind und um seinen toten Freund.
Ja, auch als Gesalbter ist David kein unfehlbarer Mensch.
Er macht Fehler. Schwere Fehler.
Aber er ist auch fähig, diese Fehler zuzugeben.
Selbst wenn es ihm schwer fällt.

Gott sieht dieses Herz von David an
und er sieht, dass er da einen ganz normalen Menschen vor sich hat,
Mit Potential - würde man heute sagen.
Er sieht, was gut ist und darauf vertraut er.
Und er weiß auch, dass David vieles nicht gut machen wird.
Dennoch lässt er ihn nicht fallen.

VI.
Ein Mensch sieht, was vor Augen ist;
der Herr aber sieht das Herz an.


Gott lässt sich nicht blenden.
Und er setzt andere Maßstäbe an.
Nicht die der skrupellosen Macht
und nicht die der augenscheinlich starken Männer.
Markige Parolen, nationalistisches Gedröhn,
Säbelrasseln und selbstverliebte Überheblichkeit,
alles das sind keine Eigenschaften, die Gott mag.
Denn sie sind nur möglich mit kaltem Herzen.
Mit einer Kälte, die Menschenleben in Kauf nimmt
um der eigenen Macht willen.
Gott wählt anders.
Gott wählt die „weichen“ Seiten des Lebens,
Er wählt das, was das Herz erwärmt:
Die Musik. Das Hüten. Die Liebe zum Leben.
Ein Lied. Ein Gedicht. 
Und ehrliches tiefes Vertrauen.

Wir taufen gleich die kleine G..
Wir vertrauen ihr Herz dem liebevollen Blick Gottes an.
Und hoffen, dass sie ihr Herz immer gut geborgen weiß.

In dieser Welt brauchen wir diese zarten und kleinen schlagenden Herzen.
Die führen uns vor Augen,
dass es auf die herzenswarmen Seiten des Lebens
ankommt.
Nur mit ihnen geht Leben.
Nur mit liebendem Herzen.
Amen.

* aus 1.Samuel 16:
Der Herr sprach zu Samuel:   (…) Fülle dein Horn mit Öl und geh hin:
Ich will dich senden zu dem Bethlehemiter Isai;
denn unter seinen Söhnen hab ich mir einen zum König ersehen.

Samuel aber sprach:
Wie kann ich hingehen? Saul wird's erfahren und mich töten.
Der Herr sprach: Nimm eine junge Kuh mit dir und sprich:
Ich bin gekommen, dem Herrn zu opfern.
Und du sollst Isai zum Opfer laden.
Da will ich dich wissen lassen, was du tun sollst,
dass du mir den salbst, den ich dir nennen werde.

Samuel tat, wie ihm der Herr gesagt hatte, und kam nach Bethlehem. (…)
Und er heiligte den Isai und seine Söhne und lud sie zum Opfer.

Als sie nun kamen, sah er den Eliab an und dachte:
Fürwahr, da steht vor dem Herrn sein Gesalbter.
Aber der Herr sprach zu Samuel:
Sieh nicht an sein Aussehen und seinen hohen Wuchs; ich habe ihn verworfen.
Denn es ist nicht so, wie ein Mensch es sieht:
Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der Herr aber sieht das Herz an.

Da rief Isai den Abinadab und ließ ihn an Samuel vorübergehen.
Und er sprach: Auch diesen hat der Herr nicht erwählt. (…)
So ließ Isai seine sieben Söhne an Samuel vorübergehen;
aber Samuel sprach zu Isai: Der Herr hat keinen von ihnen erwählt.

Und Samuel sprach zu Isai: Sind das alle deine Söhne?
Er aber sprach: Es ist noch übrig der jüngste; und siehe, er hütet die Schafe.
Da sprach Samuel zu Isai: Sende hin und lass ihn holen;
denn wir werden uns nicht niedersetzen, bis er hierhergekommen ist.

Da sandte er hin und ließ ihn holen.
Und er war rothaarig, mit schönen Augen und von guter Gestalt.
Und der Herr sprach: Auf, salbe ihn, denn der ist's.
Da nahm Samuel sein Ölhorn und salbte ihn mitten unter seinen Brüdern.
Und der Geist des Herrn geriet über David von dem Tag an und weiterhin.
Samuel aber machte sich auf und ging nach Rama.

Der Geist des Herrn aber wich von Saul, und ein böser Geist vom Herrn verstörte ihn.
Da sprachen die Knechte Sauls zu ihm:
Siehe, ein böser Geist von Gott verstört dich.
Unser Herr befehle uns nun, dass wir einen Mann suchen, der auf der Harfe gut spielen kann,
damit, wenn der böse Geist Gottes über dich kommt,
er mit seiner Hand darauf spiele, und es besser mit dir werde.

Da sprach Saul zu seinen Knechten:
Seht nach einem Mann, der des Saitenspiels kundig ist, und bringt ihn zu mir.
Da antwortete einer der jungen Männer und sprach:
Ich habe gesehen einen Sohn Isais, des Bethlehemiters,
der ist des Saitenspiels kundig,   ein tapferer Mann und tüchtig zum Kampf,
verständig in seinen Reden und schön, und der Herr ist mit ihm.

Da sandte Saul Boten zu Isai und ließ ihm sagen:
Sende deinen Sohn David zu mir, der bei den Schafen ist. (…)
So kam David zu Saul und diente ihm. (….)

Wenn nun der Geist Gottes über Saul kam, nahm David die Harfe
und spielte darauf mit seiner Hand.
So erquickte sich Saul, und es ward besser mit ihm, und der böse Geist wich von ihm.

Sonntag, 28. Oktober 2018

Ein Zelt für meine Seele

Predigt für eine besondere Kirche
70 Jahre Auferstehungskirche in Pforzheim
 

Vorinformation: Die Auferstehungskirche in Pforzheim ist die erste "Notkirche" in Deutschland, die nach dem 2.Weltkrieg eingeweiht wurde. Nach den Entwürfen von Otto Bartning wurden 48 Kirchen dieser Art in kürzester Zeit errichtet. Bartning sprach dabei von der "Gestalt aus der Kraft der Not". Mithilfe von Montagebauelementen aus Holz und den Trümmersteinen vor Ort wurde die Kirche durch Profis und Gemeindeglieder errichtet. Dadurch ist jede Kirche, trotz der vorgefertigten Montageelemente ein Unikat und strahlt Geschichte und Erlebtes aus. Vor 2 Jahren wurde beantragt, dass die "Notkirchen" zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt werden. Weitere Infos dazu unter https://www.ekiba.de/html/aktuell/aktuell_u.html?&m=31&artikel=3377&cataktuell=407

Aus Psalm 84:
Wie lieblich sind deine Wohnungen, Herr Zebaoth!
Meine Seele verlangt und sehnt sich
nach den Vorhöfen des Herrn;
mein Leib und Seele freuen sich in dem lebendigen Gott.
Der Vogel hat ein Haus gefunden
und die Schwalbe ein Nest für ihre Jungen –
deine Altäre, Herr Zebaoth, mein König und mein Gott.
Wohl denen, die in deinem Hause wohnen;
die loben dich immerdar.
Wohl den Menschen, die dich für ihre Stärke halten
und von Herzen dir nachwandeln!
Wenn sie durchs dürre Tal ziehen,
wird es ihnen zum Quellgrund,
und Frühregen hüllt es in Segen.
Sie gehen von einer Kraft zur andern
und schauen den wahren Gott in Zion.

I.
Den Schlüssel halb gedreht
und schon macht das Schloss ein vertrautes Klick
und die Tür geht auf.
Ein vertrauter Geruch empfängt mich, die Katze maunzt.
Ich ziehe die Schuhe aus, hänge den Mantel auf,
lege den Schlüssel auf die Kommode.
Zuhause - ein gutes Gefühl.

Ich gehe in die Küche, stell die Kaffeemaschine an
und hole Milch aus dem Kühlschrank.
Die Katze liegt auf dem Sofa. Ich setze mich dazu. Endlich.
Angekommen.
Zuhause sein - gut so.

Dort ist im Kühlschrank immer etwas da,
womit ich schnell was kochen kann.
Und im Keller die Flasche Wein.
Zuhause: da sind Menschen, die sich auf mich freuen.
Und manchmal auch die Katze.
Sie mag meinen Mann zwar lieber,
aber ich darf ihr auch das Futter zubereiten.
Zuhause: da dürfen alle meine Gedanken sein -
die leichten und die schweren.
Da kann ich frustriert vor mich hin schimpfen,
eine oder zwei Tränen verdrücken oder auch mehr.
Da kann ich alles aussprechen und denken.
Ungeschminkt. 
Zwischen Bücherregal, Lieblingsfilmen
und Erinnerungstücken von unseren Reisen
komme ich, kommt meine Seele zur Ruhe.

Wie lieblich sind deine Wohnungen, Herr Zebaoth.
Meine Seele verlangt und sehnt sich
nach den Vorhöfen des Herrn,
mein Leib und Seele freuen sich in dem lebendigen Gott.
Der Vogel hat ein Haus gefunden
und die Schwalbe ein Nest für ihre Jungen.


II.
Ein Zuhause - das braucht meine Seele.
Wo das Herz entspannt schlagen kann
und die Augen nicht alles wachsam beobachten müssen,
weil sie sich schon auskennen.
Weil mir das vertraut ist.

Es gibt Zeiten, da musst du dein Zuhause verlassen.
Und vielleicht weißt du nicht, wie lange du weg bist
oder ob das für immer ist,
Dann nimmst du etwas mit, was deiner Seele Ruhe gibt.
Was dir Halt gibt.
Ein Foto. Ein Stein.
Vielleicht das erste Freundschaftsband.
Oder die Konfirmationsbibel.
Oder ein kleines Kreuz.
Du kannst es in die Hand nehmen oder du siehst es an.
Und Bilder kommen hoch, die dich lächeln lassen.
Oder auch weinen.

Wohl den Menschen, die dich für ihre Stärke halten
und von Herzen dir nachwandeln!
Wenn sie durchs dürre Tal ziehen,
wird es ihnen zum Quellgrund,
und Frühregen hüllt es in Segen.
Sie gehen von einer Kraft zur andern….



III.
Vor 73,5 Jahren hatten die Menschen in Pforzheim ihr Zuhause verloren.
Wie in so vielen Städten in Europa.
20 Minuten genügten in Pforzheim.
Und zurück blieben Trümmer und Tod.
Und verlorene Seelen.
Verlorene Seelen, die keine Ruhe fanden
und deren Ruhe vor der Zerstörung ihrer Häuser schon trügerisch war.
„So wandeln wir nicht nur immer wieder stumm durch die Wüstenei dieser zerstörten Stadt, sondern jeder von uns ist in der eigenen Seele in Wüste und Verlassenheit geraten.“
So Otto Bartning.
„Wir sind nun Kenner der Wüste geworden.“

Wenn die Seele nicht zur Ruhe kommen kann,
wird sie krank.
Und verbittert.
Sie weiß nicht mehr, wo Gott ist
oder ob es überhaupt noch einen Gott gibt.
Weil sie ihn nicht mehr spüren kann.

Und darum konnte den Pforzheimer Seelen
und allen, die als Geflüchtete dazu kamen,
nichts besseres geschehen,
dass Christen und Christinnen im Ausland das erkannten.
Und Geld gaben.
Ausgerechnet die ehemaligen Feinde gaben Geld,
mit dem Notkirchen gebaut werden sollten.
Ruheplatz für verlorene Seelen.
Ein Zelt in der Wüste.

Der Vogel hat ein Haus gefunden
und die Schwalbe ein Nest für ihre Jungen


IV.
Die Not hat dieses Gotteshaus gestaltet.
Trümmersteine geben ihm von außen ein Gesicht.
Das Kruzifix aus der zerstörten Stadtkirche hier drinnen.
Und bei Trümmersteinen und Kruzifix
sind und bleiben die Spuren der Zerstörung zu sehen.
Ihre Erinnerungen kommen mit in dieses Gotteshaus.
Und mit ihnen die Bilder an Vergangenes,
die dich weinen lassen und vielleicht auch lächeln..

Dieses Haus ist ein Zelt.
Bartning selber nannte es „Zelt in der Wüste“.
Ein Zelt in der Wüste schützt vor Kälte und wilden Tieren.
Aber es ist nichts Bleibendes.
Es führt mir vor Augen: ich bin immer noch unterwegs.
Und ich bleibe es.
So auch hier.
In der inneren und äußeren Wüste wurde ein Zelt errichtet.
Damit meine Seele zur Ruhe kommt.
Aber wissend:
Ich bleibe Wandernde, Pilgerin, Nomadin, Gottsucherin,
Und manchmal auch Fliehende.

Und auch wenn ich hier unbedingt bleiben will,
weiß ich doch, dass ich wieder raus muss.
Obwohl ich vielleicht genau hier die Geborgenheit spüre,
nach der ich mich im Grunde meiner Seele sehne,
kann ich nicht bleiben.
Kraft schöpfen, ja.
Zur Ruhe kommen. Ja.
Aber nicht bleiben.
Ein Zelt ist keine Dauerwohnung.

Wohl den Menschen, die dich für ihre Stärke halten
und von Herzen dir nachwandeln!
Wenn sie durchs dürre Tal ziehen,
wird es ihnen zum Quellgrund,
und Frühregen hüllt es in Segen.


V.
Gott selbst ist unterwegs
Die Wolken- und Feuersäule in der Wüste, die voranzieht.
Er wohnt nicht in einem unerschütterlichen, bombensicheren Gebäude,
sondern in einem Menschen, dem Jesus aus Nazareth.
Der zog zu Lebzeiten umher
und starb draußen vor den Toren in der Fremde.
Gott zieht mit mir unbehausten Menschen durch die Wüste,
durch die innere und die äußere.

Wohl denen, die in deinem Hause wohnen;
Ja, auch ich sehne mich danach,
ganz bei Gott zuhause zu sein.
Doch ich wohne noch nicht bei Gott.
Ich bleibe im dürren Tal, unterwegs.
Aber Gott geht mit mir.
Ist mir so ganz nah.
Und ist in mir.
Auch und gerade in der Wüstenei meines Lebens.

Und dorthin schickt er mich auch wieder hinaus.
Er gibt mir Worte mit,
alte und unbequeme,
die mich Mensch sein lassen
und mir auch da draußen ein Zuhause geben.

Gott schickt mich hinaus,
dass ich ihn dort suche, wo ich ihn nicht vermute.
In den Trümmern und den Spuren von Schmerz und Leid.
In den Tränen der alten Frau auf dem Friedhof
und im Lachen des kleinen Mädchens,
wenn es auf der Mauer hier draußen balanciert.
Gott könnte gerade auf einer Bank am Waisenhausplatz sitzen
und mit einer syrischen Familie Karten spielen.
Er hockt sich vielleicht im Benckiserpark zu den Obdachlosen und hört ihnen zu.
Und ich bin sicher:
er haust in Griechenland mit den geflohenen Familien in ihren Zelten
und er weint mit den Juden und Jüdinnen in Pittsburgh.

Und ja, dort und in diesen Menschen Gott zu spüren,
das ist wie nach Hause zu kommen.
Aber manchmal habe ich nur eine Ahnung davon.

VI.
Wie lieblich sind deine Wohnungen, Herr Zebaoth!
Meine Seele verlangt und sehnt sich
nach den Vorhöfen des Herrn;
mein Leib und Seele freuen sich in dem lebendigen Gott.


Ich wohne noch nicht bei Gott.
Aber ich bin mit ihm unterwegs,
weil ich weiß, dass er mit mir geht.
Ich weiß, dass meine Seele nur mit ihm zur Ruhe kommt.

Und darum bin ich im Unterwegssein sehr froh über Oasen.  
Orte, wo ich Kraft tanken kann.
Wie in dieser Kirche hier.
Das Zelt für meine Seele.  Ein Zuhause, wo gut sein ist.
Hier dürfen alle meine Gedanken sein -
die leichten und die schweren.
Hier kann ich meine Wut vor Gott bringen.
Hier kann ich Brot und Wein mit euch teilen
und eine oder zwei Tränen verdrücken oder auch mehr.
Hier bin ich zuhause
Mit meiner inneren Wüste.  Ungeschminkt.
Mit den Kratzern auf meiner Seele.
Die erkenne ich am Jesus hier wieder (Kruzifix).
Eine Not-Kirche, wo meine Not Platz hat.
Und meine Freude auch.
Und wo mein Herz entspannt schlagen kann.

Dieser Gott hat uns ein Zelt gebaut,
Mit den Trümmern der Stadt
und der Kraft und der Liebe der Menschen.
Hier schöpfen wir Kraft, tanken auf,
Beten und singen - still und laut.
Und bekennen uns zu diesem Gott,
der in den Wüsten des Lebens zu finden ist.

Von hier nehme ich mit, was mir Halt gibt.
Ein Wort. Ein Liedvers. Ein Gebet vielleicht.
Ja, und dann kann ich auch wieder hinaus gehen.
Und mit Gott unterwegs sein.
Amen.

Sonntag, 21. Oktober 2018

Raben, Ackerblumen und 6/8-Takt

Predigt zu Matthäus 6,25-34 
und zur Kantate BWV 138 "Warum betrübst du dich mein Herz"*

(mit besonderem Dank an Holger Pyka (v.a. III + IV) und Michael Greßler (v.a. I) für ihre Formulierungsimpulse)
Textpassagen in Blau sind der Kantate entnommen. Den vollständigen Text der Kantate hänge ich unten an.


Sorgt euch nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet;
auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet.
Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung
und der Leib mehr als die Kleidung?


Seht die Vögel unter dem Himmel an:
Sie säen nicht, sie ernten nicht,
sie sammeln nicht in die Scheunen;
und euer himmlischer Vater ernährt sie doch.
Seid ihr denn nicht viel kostbarer als sie?

Wer ist aber unter euch, der seiner Länge eine Elle zusetzen könnte,
wie sehr er sich auch darum sorgt?

Und warum sorgt ihr euch um die Kleidung?
Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen:
Sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht.

Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit
nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen.

Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet,
das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird:
Sollte er das nicht viel mehr für euch tun, ihr Kleingläubigen?

Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen:
Was werden wir essen?
Was werden wir trinken?
Womit werden wir uns kleiden?

Nach dem allen trachten die Heiden.
Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft.

Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes
und nach seiner Gerechtigkeit,
so wird euch das alles zufallen.

Darum sorgt nicht für morgen,
denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen.
Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.


I.
Manchmal sind sie schon morgens da.
Die Sorgen.
Grau stehen sie am Bett.
Und einen grauen Schleier legen sie dir um den Tag.
Die Sorge um den kranken Ehemann:
schlägt die Therapie endlich an?
Die Sorge um den Freund:
wird er tatsächlich abgeschoben,
wie es der Brief von gestern ankündigt?
Oder die Sorge um dein Land
und ob die Demokratie noch stark genug ist.
Alles das kann so nach dir greifen,
dass du nichts anderes mehr denken kannst.
„Ach Sorgen, werdet ihr denn alle Morgen und alle Tage wieder neu?“
So könntest du mitklagen.

Ganz schlimm wird es, wenn du das Gefühl hast:
Ich muss das alles alleine tragen.
Wenn du keinen Gott an deiner Seite spürst.
Und dann singst du mit gebrochener Stimme mit:
„Ich bin verlassen, es scheint,
als wollte mich auch Gott bei meiner Armut hassen.“


II.
„Dein Vater und dein Herre Gott, der steht dir bei in aller Not.“
Ach, lieber Johann Sebastian Bach - das kommt mir zu schnell.
Ja, ich weiß, du folgst den Worten Jesu:

Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen:
Was werden wir essen?
Was werden wir trinken?
Womit werden wir uns kleiden?
Nach dem allen trachten die Heiden.
Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft.


Ich ärgere mich über diese Worte.
Empfinde sie als zynisch.
Und neige dazu, darin die typischen Worte eines Wanderpredigers zu hören.
Einer, der eben umherzieht.
Und dessen Jünger und wahrscheinlich vor allem die Jüngerinnen
nach was zu essen für alle schauen.

Keiner von uns lebt von der Hand in den Mund.
Und ich bin froh, dass wir ein soziales System haben,
In ihm können auch die Armen zumindest überleben.
Zu mehr reicht es aber auch selbst in unserem Land für viele nicht.
Wenn eine Alleinerziehende fragt:
Wie soll ich die Klassenfahrt meiner Tochter bezahlen?
Dann sage ich nicht: Nach all dem trachten die Heiden…. Darum sorge dich nicht.

Ich ärgere mich über diese Worte.
Und gerade deshalb sind sie wohl auch wichtig.
Jesu Worte reißen mich raus aus dem grauen Schleier meiner Sorgen.
Wirbeln wie ein Wind den Nebel auf.

Und sie unterbrechen meine Betriebsamkeit,
die kennt nichts anderes mehr als
das immer mehr, immer sicherer, immer weiter.
Versicherungen. Absicherungen. Geld verdienen.
Für eine gute Rente arbeiten bis zum Umfallen.
Keine Unsicherheiten zulassen.

Sorgen groß machen und politisch instrumentalisieren,
Grenzen zu. Mauern hoch.
Und besorgt auf die Straße gehen.
Sorgen klingen besser als Neid oder Missgunst oder Kleingeist.
Auf Sorgen muss man hören. Auf Neid nicht.
Da reißt Jesus die Maske ab von unserer kleinbürgerlichen Ängstlichkeit.


III.
Ja, es gibt ein Sorgen, das unfrei macht.
Es wird zum Gefängnis
und schneidet dich ab von der Welt und den Menschen um dich herum.
Ein Sorgen, das Einzelne und ganze Gesellschaften in sich verkrümmt.

Dieses Sorgen macht unfrei, weil es aus Irrtümern geboren wird:
Dass in diesem Leben irgendeine letzte, absolute Sicherheit zu haben ist
und dass wir es in der Hand haben.
Aus dem Volksmund kennen wir die Parolen:
Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott.
Jeder ist seines Glückes Schmied,
und ein bisschen Unsterblichkeit kann sich jeder schaffen,
indem er ein Haus baut, ein Kind zeugt, einen Baum pflanzt
oder ein Buch schreibt.
Aber das ist letztendlich Blödsinn.

Wer ist unter euch,
der seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen könnte,
wie sehr er sich auch darum sorgt?


Die wichtigen Dinge im Leben sind weder käuflich noch sonst wie zu sichern.
Binsenweisheit.

Das weiß der Neunjährige,
der unsterblich in seine Sitznachbarin aus seiner Klasse verliebt ist -
aber noch nicht mal eine ganze bunte Tüte vom Kiosk
noch das Versprechen, ihr jeden Tag den Schulranzen zu tragen,
kann sie dazu bewegen,
seine Freundin zu werden.

Das weiß auch die erfolgreiche Geschäftsfrau
mit viel Geld auf dem Konto,
als ihr der Arzt mit ernstem Gesicht eine Diagnose übermittelt,
in der das schlimme Wort „unheilbar“ vorkommt.

Und das wissen auch die vielen Familien in Sulawesi,
deren Dörfer vom Tsunami weggeschwemmt wurden.
Das Warnsystem hat versagt.
Aber ihre Häuser hätten sie in jedem Fall verloren.
Ganze Moscheen und Kirchen sind eingekracht.

Interessanterweise können aber gerade die Ärmsten der Welt
mit dieser Unsicherheit des Lebens besser umgehen als wir,
die wir meinen alles im Griff zu haben.

IV.
Euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft.

Glaube ich ihm das?
Glaube ich Jesus,
dass da einer ist,
der mich in diesem ganzen unsicheren Lebenswahnsinn hält und trägt?

Ja. Ich will ihm das glauben.
Obwohl oder gerade weil Jesus so anders klingt als die besorgten Stimmen,
die gerade so laut sind
und die nach Mauern und Sicherheiten und Abschottung schreien
- auch in mir.
Ich will ihm glauben, diesem Wanderprediger voller Gottvertrauen,
und mein Blick folgt seinem ausgestreckten Zeigefinger
und fällt auf Vögel, die scheinbar schwerelos den Himmel durchziehen
und auf Blumen, die das Feld bedecken.

Und bei genauerem Hinsehen entdecke ich:
es sind nicht irgendwelche Vögel und nicht irgendwelche Blumen.
Genau ist es nicht zu erkennen, aber es sind wahrscheinlich Raben,
auf die Jesus da zeigt,
Raben - diese  schwarzen Biester,
bei uns als Diebe und Unglücksboten verschrien
und im alten Israel als unrein betrachtet.
Aber die eine oder andere sieht die Vögel
und denkt vielleicht an die alten Geschichte vom Propheten Elia:
Den versorgen ausgerechnet die Raben auf seiner Flucht mit Brot und Fleisch.
Ausgerechnet die Raben, denen keiner irgendetwas zugetraut hätte.
Außer Jesus:
der hält dann vielleicht noch ganz andere Überraschungen bereit.

Und es sind auch nicht nur Lilien, auf die Jesus da zeigt,
sondern alle möglichen Sorten von Ackerblumen,
unkultiviert im wahrsten Sinne des Wortes,
wilde und freie Gewächse,
die sehen nicht nur schön aus,
sondern sie können auch nach ihrem Verblühen
von den armen Leuten genutzt werden,
um den Ofen anzuheizen.

Schaut Euch die Vögel am Himmel an
und lernt von den Blumen auf dem Feld
und seht mit eigenen Augen:
Wo man nicht vor der Sorge um das eigene Leben kapituliert,
da wachsen Flügel,
da blüht es bunt und schön.
Und dieses Leben ist so viel mehr als eine sichere Bank.

V.
Ja, ich glaube ihm das, diesem Jesus,
und ich lasse die Vögel und die Blumen zurück
und höre und sehe mich um in der Welt
und entdecke immer mehr Zeichen
und, wer weiß, vielleicht sogar Wunder.

Und dann sehe ich, dass das Reich Gottes aufblitzt.
Und das Grau der Sorgen weicht den Herbstfarben.
Hier und da.

Ich sehe, dass die Sea-Watch endlich wieder den Hafen von Malta verlassen darf
und hoffentlich sticht sie bald wieder in See, um Menschenleben zu retten.

Ich höre von einer ganzen Klasse:
die sammelt Geld, damit die Mitschülerin doch noch mitfahren kann.

Ich sehe die 240.000, die auf der unteilbar-Demo in Berlin waren
und die machten das „wir sind mehr“ sichtbar.

Und ich höre Töne im 6/8-Takt:
die trösten mich und machen mein Herz leichter.
„Auf Gott steht meine Zuversicht, mein Glaube läßt ihn walten.“

Das höre ich und du hörst es auch.
Und vielleicht willst du dann sogar durch die Kirche tanzen
und ihre bunten Fenster geben den gesungenen Worten recht.

VI.
Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes 

und nach seiner Gerechtigkeit, 

so wird euch das alles zufallen.

Ich glaube ihm diesem Jesus.
Ich will mich von seinem Vertrauen leiten lassen -
von seinem Vertrauen statt von meiner Sorge und Angst.

Ich glaube, dass Gott es gut mit mir und der Welt meint.
Und will genau hinschauen und hinhören:
wo blitzt das Reich Gottes auf und wo ist es zu hören?
Es ist da.
Dort, wo wir beide sind.

„Nun kann ich wie im Himmel leben.“

Das höre ich und nehme es mit.
Und meine Sorgen -
die lasse ich hier.

Amen.





*Text der Kantate:
1.
Warum betrübst du dich mein Herze?

Bekümmerst dich und trägest Schmerz


Nur um das zeitliche Gut?
   
        Ach, ich bin arm,
   
        mich drücket schwere Sorgen.
   
        Vom Abend bis zum Morgen


        währet meine liebe Not.
   
        Dass Gott erbarm!
   
        Wer wird mich noch erlösen
   
        vom Leibe dieser bösen
 und argen Welt?
   
        Wie elend ists um mich bestellt!
   
       Ach! wär ich doch nur tot.

Vertrau du deinem Herren Gott,
 der alle Ding erschaffen hat.

2.
Ich bin veracht'

der Herr hat mich zum Leiden
 am Tage seines Zorns gemacht

der Vorrat, hauszuhalten,
ist ziemlich klein

man schenkt mir vor den Wein der Freuden
 den bittern Kelch der Tränen ein.

Wie kann ich nun mein Amt mit Ruh verwalten,

wenn Seufzer meine Speise und Tränen das Getränke sein?

3.
        Er kann und will dich lassen nicht,
    

        er weiß gar wohl, was dir gebricht,
   
        Himmel und Erd ist sein!



Ach, wie?

Gott sorget freilich vor das Vieh,

er gibt den Vögeln seine Speise,
 er sättiget die jungen Raben,

nur ich, ich weiß nicht,
auf was Weise 
ich armes Kind 
mein bißchen Brot soll haben

wo ist jemand, der sich zu meiner Rettung findt?

   
        Dein Vater und dein Herre Gott,
 der dir beisteht in aller Not.


Ich bin verlassen,

es scheint,
 als wollte mich auch Gott bei meiner Armut hassen,

da ers doch immer gut mit mir gemeint.

Ach Sorgen,
 werdet ihr denn alle Morgen
 und alle Tage wieder neu?

So klage ich immerfort

Ach! Armut! Hartes Wort,
wer steht mir denn in meinem Kummer bei?

   
         Dein Vater und dein Herre Gott,
 der steht dir bei in aller Not.                 

4.
Ach süßer Trost! 

Wenn Gott mich nicht verlassen
 und nicht versäumen will,

so kann ich in der Stille
 und in Geduld mich fassen.

Die Welt mag immerhin mich hassen,

so werf ich meine Sorgen 
mit Freuden auf den Herrn,

und hilft er heute nicht, so hilft er mir doch morgen.

Nun leg ich herzlich gern
die Sorgen unters Kissen

und mag nichts mehr als dies zu meinem Troste wissen:

5.
Auf Gott steht meine Zuversicht,
 mein Glaube läßt ihn walten.
   
Nun kann mich keine Sorge nagen,
 nun kann mich auch kein Armut plagen.
   
Bleibt er mein Vater, meine Freude
 er will mich wunderlich erhalten.


6.
So will ich auch recht sanfte ruhn.

Euch, Sorgen! Sei der Scheidebrief gegeben.

Nun kann ich wie im Himmel leben.

7.
        Weil du mein Gott und Vater bist,

        dein Kind wirst du verlassen nicht,

        du väterliches Herz!
        
Ich bin ein armer Erdenkloß,

        auf Erden weiß ich keinen Trost