Donnerstag, 31. Dezember 2015

Gott ist für dich

Predigt zum Jahreswechsel 2015/2016

Predigttext Röm 8,31ff wird bereits als Lesung gelesen:

Was wollen wir nun hierzu sagen?
Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein?
Der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat,
sondern hat ihn für uns alle dahingegeben –
wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?

Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen?
Gott ist hier, der gerecht macht.
Wer will verdammen?
Christus Jesus ist hier, der gestorben ist,
ja vielmehr,
der auch auferweckt ist,
der zur Rechten Gottes ist und uns vertritt.

Wer will uns scheiden von der Liebe Christi?
Trübsal oder Angst oder Verfolgung
oder Hunger oder Blöße
oder Gefahr oder Schwert?

Aber in dem allen überwinden wir
weit durch den, der uns geliebt hat.
Denn ich bin gewiss,
dass weder Tod noch Leben,
weder Engel noch Mächte noch Gewalten,
weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges,
weder Hohes noch Tiefes
noch eine andere Kreatur
uns scheiden kann
von der Liebe Gottes,
die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.


I.
Wofür bist du?
Für wen bin ich?
Nächstes Jahr sind Landtagswahlen.
Da stelle ich mir diese Frage,
wie die meisten Menschen in Baden-Württemberg.
Für wen bin ich?
Für was bin ich?
Denn Politiker stehen für Inhalte.
Sie vertreten etwas.
Oder sie wollen etwas gerade nicht.
Will ich dasselbe wie sie?

Am Ende des Jahres schaue ich zurück.
Und frage:
Für was war ich?

II.
Also gut:
ich war ganz klar für den Supermarkt oben im Rodgebiet,
schon wegen der vielen alten Menschen dort.
Ich war für ein großes gemeinsames Zeichen
gegen die Rechtsextremisten am 23. Februar.
Und ich bin dafür, dass wir die Flüchtlinge und Fremden freundlich aufnehmen.
Ich bin dafür eingetreten,
dass wir auch die Partnerschaft von homosexuellen Christen segnen dürfen.
Ich bin für eine gute Zukunft unserer Kirche in Pforzheim,
und ich bin bereit, im kommenden Jahr
mit der Synode die nötigen Entscheidungen
dafür zu fällen, auch wenn das nicht leicht wird.

Und ich bin für meine Kinder...
Dafür, dass sie alle Chancen bekommen sollen,
ihr Leben zu gestalten,
so wie es ihnen entspricht.
Vielleicht bin ich nicht mit allem einverstanden, was sie so tun.
Oder was mein Mann tut, auch nicht.
Aber ich bin dafür, dass sie es entscheiden dürfen.
Und ich sie dann unterstütze.
Und meinen Mann auch.

Es gibt vieles, wofür ich bin und gewesen bin.
Das „dagegen“ sein ist dann auch nicht weit.
Und natürlich gibt es da auch so manches,
wogegen ich bin.
Gegen Gewalt zum Beispiel.
Oder gegen Fremdenhass.
Aber gegen Menschen möchte ich nicht sein.
Ich möchte für Menschen sein.
Für sie da sein. Für sie eintreten. Für sie kämpfen.
So wie ich froh bin, wenn jemand für mich ist.
Für mich da ist.
Für mich eintritt.
Für mich kämpft.
Mir den Rücken stärkt.
Mir auf die Beine hilft.
Sich vor mich stellt.
Mir Mut macht.

III.
Was wollen wir nun hierzu sagen?
Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein?


Ich möchte nicht gegen andere Menschen sein.
Aber oft bin ich gegen mich selber.
Ich bin mit mir am strengsten.
Und wenn ich auf das vergangene Jahr zurückschaue,
fällt mir auch da viel ein, warum ich gegen mich bin.
Wo ich falsche Entscheidungen getroffen habe.
Wo ich etwas nicht geschafft habe trotz guter Vorsätze.
Wo ich zu lasch war.
Zu feige. Zu träge. Zu müde. Zu laut. Oder zu leise.
Ja, ich bin selber ungnädig mit mir.
Und das könnte mich von Gott trennen.
Mich von meiner Lebensader abschneiden.
Mir die Kraft nehmen.
Wenn da nicht Gott selber wäre....

IV.
Was wollen wir nun hierzu sagen?
Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein?


Gott selber hält zu mir.
Ist eine wie ich. Und einer wie du.
Macht sich angreifbar. Setzt sich aus.
Wird Mensch. Mitten in meiner Welt.
Weint die Tränen. Lacht den Ärger weg.
Trinkt Wein und teilt das Brot.
Sitzt stundenlang am Tisch und hört zu.
Vergisst die Zeit.
Und schreibt einen 5-seitigen Brief. Nur für mich.
Macht einen Spaziergang im Wald
und übt die ersten mühsamen Schritte mit mir.
Fällt hin und steht auf.

Gott flüchtet sich auf ein Boot im Mittelmeer
und wärmt sich am Feuer nahe beim Grenzzaun.
Gott kocht kurdisch - unverschämt gut.
Und reicht mir gefüllte Auberginen.
Gott lernt mühsam ein paar Brocken Deutsch
und hat Angst, nicht bleiben zu dürfen.

Gott hängt auch an den Überlebensschläuchen -
nebenan auf der Intensivstation.
Und er sitzt am Bettrand und hält die Hand.
Tränen tropfen auf die runzlige Haut.
Sie nehmen Abschied.
Und teilen den Schmerz.
Und trösten.

Gott sitzt drüben in der Kneipe
und weiß nicht, wie er die Heizung nächsten Monat bezahlen soll.
Er ist froh, dass es bald die Vesperkirche gibt.
Da kann er sich wenigstens ein paar Stunden aufwärmen.
Und ebenso steht er hier stundenlang
und spült das Geschirr der Vesperkirchengäste.
Er ist froh, dass er was tun kann.
Und ein kleiner Schwatz mit den Gästen ist auch drin.

Ja, Gott ist für mich.
Trauert mit mir um die Toten von Paris
und von Beirut und von Bagdad.
Gott weint mit den entführten Mädchen in Nigeria.
Gott schreibt für den gefangenen Blogger Raif Badawi
Briefe nach Saudi-Arabien.
Und steht sogar mit Angela Merkel auf,
lässt Flüchtlinge in das Land,
und muss dafür „Merkel muss weg“-Rufe anhören.

V.
Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein?
Christus Jesus ist hier, der gestorben ist,
ja vielmehr,
der auch auferweckt ist,
der zur Rechten Gottes ist und uns vertritt.


Von diesem Gott und seiner Liebe
von diesem wahren Menschen
kann mich nichts trennen.
Nichts!
Selbst wenn ich mich selbst nicht lieben kann.
Nichts kann mich trennen von ihm.
Weder im alten noch im neuen Jahr.

Das neue Jahr wird mit diesem Gott nicht besser als das alte.
Es wird nicht weniger leidvoll sein,
nicht weniger schmerzhaft,
nicht weniger tränenreich,
nicht weniger kalt,
nicht weniger furchtsam.
Nichts davon verschwindet, weil Gott mich liebt.
Aber ich bin nicht allein damit.
Gott nimmt mich in den Arm,
streicht mir über den Kopf,
schaut mir ins Gesicht,
richtet mich auf,
wie eine Mutter, die mich tröstet,
ob wir nun alt sind oder jung.

VI.
In dem allen überwinden wir
weit durch den, der uns geliebt hat.


Gott stellt dich ins neue Jahr,
wie auch immer es sein wird.
So wie er dich ins alte Jahr gestellt hat.
Und egal ob du für ihn bist oder nicht,
ob du dich für seine Liebe einsetzt,
für seine Gerechtigkeit,
seinen Frieden,
ob du das schaffst oder nicht:
du bist Geliebte, bist Geliebter.

Auch als Geliebte werde ich dafür und dagegen sein.
Werde ich für die Liebe kämpfen,
und werde ich scheitern.
Auch als Geliebte werde ich fassungslos sein,
dass Pegida immer noch Menschen anzieht,
und dass Flüchtlingsunterkünfte immer noch in Brand gesteckt werden,
und dass es Menschen nicht gegönnt wird,
dass es ihnen genauso gut gehen soll wie uns.
Auch als Geliebte werde ich mich machtlos fühlen,
und dem Hass und der Gewalt nur wenig entgegen setzen können.
Vielleicht sogar weniger denn je.
Weil ich nicht mitmachen kann bei dieser Nicht-Liebe.

VII.
In dem allen überwinden wir
weit durch den, der uns geliebt hat.


Die Liebe, die du lebst,
sie bringt dich nicht auf die Gewinnerspur.
Aber in die Spur Jesu.
Und die hat auch Platz für dein Schwachsein.
Für die nicht erfüllten Vorsätze.
Die nimmst du mit ins neue Jahr.

Wer will uns scheiden von der Liebe Christi?
Trübsal oder Angst oder Verfolgung
oder Hunger oder Blöße
oder Gefahr oder Schwert?

Oder du selbst?
Selbst das geht nicht.
Und das ist gut so.

VIII.
Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein?
Heute abend feierst du die Liebe Gottes,
von der dich nichts trennen kann.
Weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges.
Auch im neuen Jahr nicht.
Denn du gehst nicht allein.
Du bleibst Geliebte, Geliebter Gottes.
Gott ist für dich.
Für dich da.
Tritt für dich ein.
Kämpft für dich.
Stärkt dir den Rücken.
Hilft dir auf die Beine.
Stellt sich vor dich.
Und macht dir Mut.
Darum geh.

Und der Friede Gottes,
welcher höher ist als alle Vernunft,
bewahre eure Herzen und Sinne
in Christus Jesus.

Amen.

Freitag, 25. Dezember 2015

Gott, der Menschenfreund. Vielleicht ganz normal. Und doch anders...

Predigt zu Weihnachten 2015 (Titus 3,4-7)
 
Doch dann erschien die Güte
und die Menschenfreundlichkeit Gottes,
unseres Retters –
und zwar unabhängig von irgendwelchen Taten,
die wir in unserer Gerechtigkeit vollbracht hätten.

Sondern er hat uns seine Barmherzigkeit geschenkt:
Er hat uns gerettet
durch das Bad,
aus dem wir neu geboren werden.
Denn mit diesem Bad erhalten wir
das neue Leben durch den Heiligen Geist.

Den hat er in reichem Maß über uns ausgegossen
durch Jesus Christus, unseren Retter.
Durch diese Gnade
werden wir von Gott als gerecht angenommen.

Und damit werden wir zu Erben des ewigen Lebens  –
so wie es unserer Hoffnung entspricht.

(Titus 3,4-7, Basisbibel)

I.
Müde und verstaubt betreten sie das Haus,
der Mann und die Frau aus Karlsruhe.
Der Weg war schön, das Wetter hat gepasst.
Aber nach der stundenlangen Wanderung
ist es nun gut, dass sie hier essen können.
Sie waren schon einmal hier in Zapfendorf, Oberfranken,
vor ein paar Jahren.
Das Gasthaus hat sich verändert, irgendwie.
Andere Besitzer.
Keine Franken.
Aber freundlich sind sie.
Und sauber.
Tischen Brot und Salat und Käse auf.
Und Tee.
Als die Wanderer bezahlen wollen,
wollen die Gastwirte kein Geld.
Ihr seid unsere Gäste. Wir leben hier.
Syrische Bewohner einer Flüchtlingsunterkunft.

Menschenfreunde.
Ganz normal.
Und doch so anders.

Doch dann erschien die Güte
und die Menschenfreundlichkeit Gottes,
unseres Retters –
und zwar unabhängig von irgendwelchen Taten,
die wir in unserer Gerechtigkeit vollbracht hätten.


II.
Müde und verstaubt betreten sie die Hütte.
Die Hirten vom Feld.
Die Nacht kann auch in Palästina kalt sein.
Einsam ist sie vor allem.
Und dunkel.
Und schweigsam.
Doch heute ist alles anders.
Das Licht hat sie hierher gelockt.
Und ein Himmel voller Glanz.
Der einfach so über sie ausgegossen wurde.
Was erwarten sie?
Was hoffen sie?
Wärme? Brot und Käse?
Oder etwas viel Größeres?
Fürchtet euch nicht, hörten sie.
Aber so ganz trauen sie ihren Augen nicht.
Und ihren Füßen, die sie hierher gebracht haben, auch nicht.

Doch nun treten sie ein.
Müssen sich dafür erstmal bücken.
Und dann sind sie still.
Und wissen nicht, was sie sagen sollen.
Verlegen reiben sie ihre Hände an ihrer Weste.
Denn was soll man schon tun, wenn da ein Kind liegt.
Und sonst nichts.

Ungewohnt ist es.
Sonst scheinen sie immer zu stören.
Mit ihren rauhen Händen.
Und ihren rauhen Sprüchen.
Und ihren rauchen Gerüchen.
Hier aber nicht.
Hier riecht es nach „Willkommen“.
Hier fühlt es sich an nach „Setzt euch“
Hier hören sie „Schön, dass ihr da seid“.

Menschenfreunde.
Vielleicht ganz normal.
Und doch so anders.

Dann erschien die Güte
und die Menschenfreundlichkeit Gottes,
unseres Retters –
und zwar unabhängig von irgendwelchen Taten,
die wir in unserer Gerechtigkeit vollbracht hätten.


III.
(Für Folgendes danke an Michael Greßler)

Der freundliche Gott in einer feindlichen Welt.
Das Kind in der Krippe.
Er ist einfach mittendrin.
Gerade weil die Welt so ist, wie sie ist.

Der menschenfreundliche Gott.
Er kämpft nicht, sondern er kommt einfach.
Er greift nicht an, sondern er wird geboren.
Er wehrt sich nicht. Er trägt alles, was man ihm auflegt.

Das Bethlehemskind ist kein Soldat.
Und kein Attentäter.
Und kein Fremdenhasser.
Gott ist ein Neugeborenes.
Unbewaffnet.
Nur einfach da.
Auf dass er die Welt wasche
von allem, was unmenschlich ist.

IV.
(Danke für das Folgende an Anne Gidion, Göttinger Predigtmeditationen)

Der menschenfreundliche Gott.
Auf der einen Seite.
Auf der anderen Seite: Wir.
Tun, was wir eben so tun.
Verschenken Dinge.
Essen und Trinken zu viel.
Oder:
sind allein.
Wären es gerne nicht.
Bekommen Geschenke.
Hätten gerne andere.
Hätten das Fest gerne anders, irgendwie.
Haben uns verausgabt
und sind jetzt pleite.
Oder ausgelaugt.
Wissen nicht, wie das neue Jahr werden soll.
Sind mit falschen Menschen am falschen Ort
und träumen von Menschen, mit denen wir nicht sein dürfen,
an Orten, die es nicht gibt.
Schon passiert an Heiligabend.

Ja, wir.
An vielen Tagen unfreundlicher als uns gut tut.
Berechnen, ob das Gegenüber mein Lächeln verdient hat.
Setzen Bilder in die Welt, damit die anderen das auch so sehen.
Nein, der hat Freundlichkeit nicht verdient.
Und die da auch nicht.
Denn vielleicht will die mich ja ausnutzen?
Ich lass doch nicht einfach Hirten in meinen Stall!
Und Fremde nicht in mein Herz.
Und Flüchtlinge nicht in meinen Stadtteil.
Mir wurde auch nichts geschenkt.

Ja, wir.
In einer unfreundlichen Welt.
Wo eine Scheidung ein Leben ruinieren kann.
Wo Kinder nicht zu ihrem Vater dürfen, weil die Mutter es nicht will.
Oder Mütter allein gelassen werden
und sehen müssen, wie sie zurecht kommen.
Wo Bomben auf Menschen fallen, deren Häuser sowieso schon kaputt sind.
Wo ein einst blühendes Land zerstört wird.
Und wir leben auch noch gut davon.

Ja, wir - auf der anderen Seite.
Auf den Feldern einer unfreundlichen Welt.
Und Gott mittendrin.
Doch heute treten wir ein in die Hütte.
Staubig und müde vielleicht -
selbst wenn wir die schönsten Kleider anhaben.
Wir treten ein.
Und hoffen, dass wir willkommen sind.
Dass wir auf Menschenfreunde treffen.
Vielleicht ganz normal.
Und doch so anders.

V..
Er hat uns seine Barmherzigkeit geschenkt:
Er hat uns gerettet
durch das Bad,
aus dem wir neu geboren werden.
Denn mit diesem Bad erhalten wir
das neue Leben durch den Heiligen Geist.


Gott ist da - in dieser unordentlichen Hütte.
Im Stall. Mitten im Leben.
Gott ist menschenfreundlich.
Und zwar richtig.
Er sieht dir freundlich ins Gesicht.
Er sagt „Willkommen“ und „Setz dich“ und „Schön, dass du da bist“
Er räumt auch nicht extra für dich auf,
weil er weiß, dass du dich dann nicht schämen musst für deine Unordnung.
Gott füllt dir aber warmes Wasser in die Badewanne,
gibt dir ein großes Handtuch und ein Stück Seife.
Dann lässt er dich allein.
Und du kannst in die Badewanne steigen,
und den ganzen Dreck aufweichen.
Das warme Wasser hüllt dich ein,
macht nicht nur den Dreck weich, sondern auch die Muskeln.

Irgendwann ist dann genug.
Du steigst heraus.
Und obwohl das Wasser so wohlig warm war, bist du erfrischt.
Wie neugeboren halt.
Denn jetzt bist es nur noch du, die da ist.
Du, so wie du bist.
Ohne Schminke. Ohne Maske. Ohne Schmuck.
Und ohne den Schmutz und Staub deines Lebens.

Deine Vergangenheit ist dabei.
Aber die ist weich geworden,
wie die vom Wasser verschrumpelten Finger.

Auch deine Zukunft ist dabei,
die, die dir Sorgenfalten auf die Stirn bringt.
Aber die hast du vor dich abgelegt.
Sie lastet nicht mehr auf den Schultern.

Du richtest dich auf.
Bist ganz da und trittst an den Tisch.
Da sitzt Gott schon.
Mit Menschen, die du kennst.
Und auch welchen, die du noch nicht kennst.
Und Gott gibt dir Brot und Käse.
Und will nicht, dass du dafür bezahlst.

VI.
Ja, Gott ist schon längst da.
Im Stall. In unserem Leben.
In unserer Unordnung.
Gott, der Menschenfreund.
Vielleicht ganz normal.
Und doch so anders.

Gott, der uns liebt.
Der die beste Variante von uns sieht.
Der lächelt, wenn wir straucheln.
Bei ihm sind wir schön.
Durch ihn leben wir neu.
Frisch wie nach einem Bad.
Wie ein Kind, das sich alles vorstellen kann:
Blumen pflücken im Winter,
eine Katze streicheln,
wie der kleine Lord den unfreundlichen Großvater umkrempeln,
der traurigen Verkäuferin einen Lutscher schenken.
So fühlt es sich an, wenn der Geist wirkt.
Und den schenkt uns Gott.
Wie warmes Wasser, das uns umspült.
So viel, wie nötig.
Üppig und immer wieder.

VII.
Die Hirten nehmen die Wärme mit.
Die Freundlichkeit des Kindes.
Den Geist, der sie üppig wie Wasser umspült hat.
Das „Schön, dass ihr da seid“.
Das „Setzt euch“.
Und den Willkommensgeruch.
Sie nehmen es mit.
Und erzählen davon.

Kann man von Gerüchen erzählen?
Und von Wärme, die den ganzen Körper erfasst und die Seele?
Kann man davon erzählen, dass es schön war, da zu sein?
Dass die Welt hinterher anders aussah?
Freundlicher?

Die müden Hirten können es.
Und das staubige Wandererpaar aus Karlsruhe kann es.
Es öffnet uns die Augen für den menschenfreundlichen Gott.
Ja, für eine freundliche Welt,
in der wir leben.
Mit einem Gott, der liebt.
Und heil macht.
Und wärmt.
Einfach so.

Menschenfreund.
Erschienen im Kind.
Vielleicht ganz normal.
Und doch so anders.

Dann erschien die Güte
und die Menschenfreundlichkeit Gottes,
unseres Retters...
Er hat uns gerettet
durch das Bad,
aus dem wir neu geboren werden.


Amen.

Mut ohne Schutzzäune - "Fürchtet euch nicht!"

Predigt zu Heiligabend 2015

(Meine Worte wurden zum Teil inspiriert von Holger Pyka (vielen Dank!!) und einem Zeitonline-Artikel von 2012) 

I.
Fürchtet euch nicht!
Die Worte kommen von ganz weit her,
vom Himmel zur Erde.
Ganz hell sind diese Worte.
Extra losgeschickt für dich.
Für mich.
Und für alle da draußen.
Fürchtet euch nicht -
losgeschickt für uns Angsthasen,
die gar nicht anders können,
als sich zu fürchten.
Dieses Jahr ganz besonders.
Fürchtet euch nicht!
Worte - vom Himmel und hell und klar.

II.
Und es waren Hirten in derselben Gegend
auf dem Felde bei den Hürden,
die hüteten des Nachts ihre Herde.
Und der Engel des Herrn trat zu ihnen,
und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie;
und sie fürchteten sich sehr.
 

Und der Engel sprach zu ihnen:
Fürchtet euch nicht!
Siehe, ich verkündige euch große Freude,
die allem Volk widerfahren wird;
denn euch ist heute der Heiland geboren,
welcher ist Christus, der Herr,
in der Stadt Davids.
 

Und das habt zum Zeichen:
Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt
und in einer Krippe liegen.
Und alsbald war da bei dem Engel
die Menge der himmlischen Heerscharen,
die lobten Gott und sprachen:
Ehre sei Gott in der Höhe
und Friede auf Erden 

bei den Menschen seines Wohlgefallens.
(Lukas 2, 8-14)

III.
(Jugendkantorei:)
Brich an, du schönes Morgenlicht
und lass den Himmel tagen!
Du Hirtenvolk, erschrecke nicht,
weil dir die Engel sagen,
dass dieses schwache Knäbelein
soll unser Trost und Freude sein,
dazu den Satan zwingen
und letztlich Frieden bringen.

IV.
Fürchtet euch nicht
, ihr Hirten!
Auf Kalenderfotos und Krippenbildern seht ihr oft so entspannt aus.
Als ob euch nichts erschüttern könnte.
Doch ihr habt Angst.
Ihr habt Angst vor Wölfen, die eure Lämmer reißen könnten.
Ihr haltet eure Herde immer schön beisammen.
Fürchtet euch vor Klippen und Abgründen.
Ihr habt vielleicht sogar Zäune dabei,
Luther spricht von Hürden, die euch schützen.
Die könnt ihr schnell aufbauen - um euch herum.
Und dahinter könnt ihr euch zurückziehen.

V.
Vielleicht gehört ihr ja zu denen,
die sich auch sonst verschanzen müssen?
Die sich verschanzen hinter Masken,
die vor anderen verbergen,
wie es euch wirklich geht?
Die sich verschanzen hinter Wortwaffen,
die andere klein machen,
um selber nicht so mickrig zu wirken?
Die sich verschanzen hinter witzigen Sprüchen,
die alles, was euch zu nahe kommt,
auf eine hantierbare Größe zusammenschrumpfen lassen?

Oder gehört ihr zu denen,
die wirklich Angst um ihre Zukunft haben
und denen man nicht noch mehr zumuten darf?
Die nicht wissen,
ob die Tochter nach dem letzten Streit noch einmal nach Hause kommt?
Die befürchten,
dass ihre Firma nächstes Jahr pleite macht?
Oder die ahnen,
dass ihr Ehe die nächsten 10 Monate nicht überstehen wird?

Und mühsam habt ihr eure Schutzzäune aufgebaut,
die alles zusammenhalten.
Sprüche, Worte, Blicke,
Arbeiten, was das Zeug hält. Lächeln.
Oder vielleicht sogar die geballte Faust gegen Schwächere.
Damit niemand merkt, wie es euch wirklich geht.
Und dass ihr Angst habt.

VI.
Starke Menschen seid ihr und doch braucht ihr Schutzzäune.
Aus Furcht...
Fürchtet ihr euch vielleicht sogar vor Weihnachten?
Denn wenn ihr mal den Schutzzaun
von Stallromantik und süßem Glockenklang
wegschiebt,
dann hat Weihnachten nichts Niedliches,
sondern etwas Verstörendes:

Gott kommt mitten hinein in eine verstörende Welt,
wo ein Mädchen schwanger wird - einfach so,
wo die Notunterkunft dreckig ist
und das Publikum mehr als zwielichtig.
In dieser Welt gibt es zu viele Orte,
wo Kinder keinen Platz haben,
wo Menschen weggeschickt werden,
oder deren Zuhause kaputt ist.
Von innen oder von außen.
In diese Welt kommt Gott.

Aber statt Schutzzäune zu bauen,
nimmt Gott plötzlich die Hürde weg.
Die eine große zwischen sich und den Menschen
und wird selbst Mensch.
Er liefert sich komplett aus.
Und damit ist alles anders.
Und verstörend.

VII.
Fürchtet euch nicht!
Gott rüttelt an Weihnachten an unseren Zäunen und Türen
und rückt uns auf die Pelle.
Es gibt kein diffuses Grau mehr.
Stattdessen leuchtet die Klarheit des Herrn auch die dunklen Stellen aus.
Kein Verstecken mehr möglich.

Damit nicht genug,
rückt er auch noch das Unterste nach Oben.
Die Wehrlosigkeit wird zum Maßstab erhoben.
Das Einfache ebenfalls.
Und vor allem die Liebe.
Die Liebe, die nicht fragt,
ob du gewaschen bist oder nicht,
ob dein Kleid schick ist,
oder dein Kontostand genügt.

Gott kommt hinein
in unsere angstbesetzte und mauernbewehrte Welt,
und macht alles anders.
Nimmt vorsichtig in den Arm statt wegzuschicken
Hört zart hin statt schlaue Sprüche zu klopfen.
Liebt ohne zu fragen.

Fürchtet euch nicht! 
Denn euch ist heute der Heiland geboren.
In einem eingewickeltem Kind.
Ohne Schutzzäune und Hürden.
Ohne Wortwaffen und Masken.
Mensch pur.

VIII.
Darum:
Fürchtet euch nicht!
Nicht vor der Schutzlosigkeit.
Nicht vor der Klarheit.
Nicht vor dem Einfachen
und nicht vor der Liebe.
Gott nimmt euch eure Hürden und Schutzzäune,
aber er lässt euch nicht schutzlos zurück,
sondern ist bei euch - bei jeder Faser eures Lebens.

IX.
Fürchtet euch nicht!
Nicht vor Fremden.
Nicht vor Anderen.
Auch nicht vor einer anderen Religion.

Fürchtet euch nicht vor denen, die zu uns kommen.
Die selber schutzlos sind, aber es genauso ungern zeigen wie ihr.
Die Angst um ihre Lieben haben, die noch dort sind, wo sie herkommen.
Die nicht wissen, ob sie hier Fuß fassen dürfen.
Ob sie hier arbeiten dürfen.
Oder wann sie endlich mit Deutsch anfangen, um heimischer zu werden.

Fürchtet euch nicht vor ihnen,
denn sie brauchen euch,
gerade euch, die ihr selber so furchtsam seid.
Nehmt die Liebe des kindgewordenen Gottes mit.
Sie wird euch helfen.
Zum gemeinsamen Mut.

X.
Fürchtet euch nicht!
Geht los, wie die Hirten,
noch nicht wissend, wo der Weg hinführt, der heilsame.
Sucht das Kind,
und lasst eure Schutzzäune hinter euch.
Auch wenn ihr immer noch Angst habt,
so schutzlos zu sein.
Ja, ihr seid verletzlicher mit diesem Gott.
Aber nur ohne Schutzzäune kann Frieden werden.
Echter Friede.

XI.
Fürchtet euch nicht!
Sie müssen große Angst gehabt haben,
die kenianischen Passagiere im Bus.
Zwischen Mandera und Nairobi wurden sie überfallen
- vor ein paar Tagen .
Al-Schabaab-Milizen aus dem benachbarten Somalia stiegen ein.
Sie forderten die muslimischen Fahrgäste auf,
sich von den Christen zu trennen,
damit sie diese töten könnten.

Aber die Muslime weigerten sich
- obwohl sie Riesenangst gehabt haben müssen -,
im Gegenteil: sie rückten enger zueinander.
Und sie steckten den Christen heimlich Sachen zu,
die sie als Muslime auswiesen.
So haben sie ein Blutbad verhindert
mit ihrem Mut,
denn die Täter zogen wieder ab.

XII.
Fürchtet euch nicht!
Rückt euch näher auf die Pelle.
Lasst euch nicht gegeneinander ausspielen.
Sondern bleibt miteinander. Und für einander.
Ob Christen oder Muslime,
Juden oder Hinduisten oder Atheisten.
Ob Einheimische oder Zugewanderte.
Ob Single oder als Familie.
Ob Homo- oder Heterosexuelle.
Ob Alt oder jung.
Denn Angsthasen seid ihr alle.
Mal mehr oder weniger.
Umso wichtiger, dass ihr euch keine Angst machen lasst.
Weder vor der Gegenwart noch vor der Zukunft.

Fürchtet euch nicht!
Die Worte kommen von ganz weit her, vom Himmel zur Erde.
Ganz hell sind diese Worte.
Extra losgeschickt für dich.
Für mich.
Und für alle da draußen.
Losgeschickt für uns
mit Mut zum Leben und Lieben:
Fürchtet euch nicht!
Denn euch ist heute der Heiland geboren.


Amen.








Sonntag, 20. Dezember 2015

Worte, die sich nicht einsperren lassen: Maria, Paulus und Bonhoeffer....

Predigt zum 4. Advent
 
Freuet euch in dem Herrn allewege,
und abermals sage ich: Freuet euch!
Eure Güte lasst kund sein allen Menschen!
Der Herr ist nahe!
Sorgt euch um nichts,
sondern in allen Dingen
lasst eure Bitten in Gebet und Flehen
mit Danksagung  vor Gott kundwerden!
Und der Friede Gottes,
der höher ist als alle Vernunft,
bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

(Philipper 4,4-7)

I.
Sie kann es noch gar nicht fassen.
Da erfährt Maria mal eben, dass sie schwanger ist.
Sie weiß nicht, was sie denken soll.
Denn sie weiß, dass da was Gewaltiges auf sie zu kommt.
Ob sie es schaffen wird?
Ob sie dem Ganzen gewachsen sein wird?
Eigentlich müsste sie Angst haben.
Aber sie hat keine Angst.
Sie freut sich.
Von ganz innen kommt es.
In ihr brodelt und sprudelt und blubbert es.
Die Worte müssen raus.
Richtig raus - die ganze Welt müsste es hören!
„Mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes;
denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen.
Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder.
Denn er hat große Dinge an mir getan.“ 

(aus Lukas 1 - der gesamte Text des Magnificats wurde als Lesung gelesen)
Ja, Gott ist zu ihr gekommen.
Zu Maria, dem einfachen Mädchen, das nichts Besonderes ist.
Ausgerechnet mit ihrer Hilfe will er zur Welt kommen.

Das übersteigt ihre Vernunft.
Aber sie ist plötzlich ganz wach.
Und erkennt:
da stellt etwas Unscheinbares die Welt auf den Kopf.

Freuet euch in dem Herrn allewege,
und abermals sage ich: Freuet euch!
Eure Güte lasst kund sein allen Menschen!
Der Herr ist nahe!


II.
Worte von Paulus.
Worte, die raus müssen, obwohl alles dagegen spricht.
Worte, die sich nicht einsperren lassen.

Aber Paulus ist eingesperrt.
Hinter dicken Mauern.
Oder in einem dunklen Loch.
Wie die Gefängnisse damals eben waren.
Und viele heute noch sind.
Trübe Aussichten.
Wenn es überhaupt Aussicht gibt,
und an Schlaf nicht zu denken ist.
Werde ich wieder frei kommen?
Oder doch hingerichtet?
Was wird mit meinen Lieben da draußen geschehen?
Sind sie wenigstens in Sicherheit?
Wer kümmert sich um sie?
Sorgen, die einen schier verrückt machen können.
Ob er nun Paulus heißt.
Oder Dietrich Bonhoeffer:

III.
„Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich träte aus meiner Zelle
gelassen und heiter und feste
wie ein Gutsherr aus seinem Schloss.

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich spräche mit meinen Bewachern
frei und freundlich und klar,
als hätte ich zu gebieten.

Wer bin ich? Sie sagen mir auch,
ich trüge die Tage des Unglücks
gleichmütig, lächelnd und stolz,
wie einer, der Siegen gewohnt ist.

Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?
Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?
Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,
ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,
hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,
dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe,
zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung,
umgetrieben vom Warten auf große Dinge.
Ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne,
müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,
matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen.“


Worte, die sich nicht einsperren lassen.
Worte, die raus müssen.
An die Welt. An die Freunde.
An Gott.

Lasst eure Bitten in Gebet und Flehen
mit Danksagung  vor Gott kundwerden!


IV.
Worte, die auch gefährlich sein können.
Denn die Wächter lesen sie auch,
die Worte von Paulus.
Der Herr ist nahe!
Das ist doch dieser Herr, der die Gewaltigen vom Thron stürzt.
Und der die Niedrigen erhöht.
Der Herr ist nahe!
Das ist doch der, der die Sanftmütigen selig preist,
und die Friedensstifter und die Verfolgten ebenso.
Der Herr ist nahe!
Das ist doch der, der Kinder und Arme segnet
und dessen Reich nicht von dieser Welt ist.
Sondern anders.
Voller Liebe und Barmherzigkeit und Güte.

V.
Der Herr ist nahe!
Paulus schreibt diese Worte.
Er kann nicht anders.
Sie müssen raus.
Denn es ist seine einzige Hoffnung,
dass der Herr nahe ist.

Ja, er ist nahe!
Draußen - vor den Gefängnismauern.
Und auch drinnen, hinter den Mauern.
Sie werden ihn nicht stoppen können, den Friedensfürsten.
Sie werden die Worte nicht stoppen können,
die vom Frieden künden
und von der Barmherzigkeit
und von der Liebe.
Sie haben es schon mal versucht,
aber es ist ihnen nicht gelungen,
weil Gott dazwischen gefunkt hat.
Ihn, den Gekreuzigten auferweckt
und an seine Seite gesetzt.
Und ja, so oft es Menschen gibt,
die den Herrn aus der Welt herausdrängen,
so oft wird er wieder kommen,
wird er nah sein,
vor der Tür, vor den Mauern, und sogar dahinter.

Freuet euch in dem Herrn allewege,
und abermals sage ich: Freuet euch!

Das sagt einer,
weil es vielleicht das Letzte ist,
was er sagen kann.
Freuet euch!

VI.
Paulus sagt es denen da draußen,
die Angst um ihn haben.
Die Angst auch um sich selber haben.
Kommen wir ebenfalls ins Gefängnis?
Was passiert mit uns, wenn wir die Liebe leben?
Wenn wir Frauen und Männer als gleichwertig ansehen?
Wenn es unter uns kein Oben und Unten gibt?
Wenn wir in den anderen unsere Brüder und Schwestern sehen
und Reiche ihr Hab und Gut mit den Armen teilen?
Was passiert dann mit uns?

Eure Güte lasst kund sein allen Menschen!

Damals war es gefährlich, die Liebe Jesu zu leben.
Heute finden das manche immer noch gefährlich:

So viele Flüchtlinge aufnehmen - wo führt das hin?
Kirchenasyl gewähren - das hebelt doch den Staat aus!
Den Kriegsdienst verweigern - wer das tut, lässt die Opfer in Stich.
Homosexuelle Liebe als Liebe annehmen - das zersetzt unsere Moral!
Oder zerstört gar unsere Kirche.

Solche Gedanken können uns gefangen nehmen.
Und sie tun es auch.
Sie schließen uns ein, wie ein Gefängnis.
Menschen mauern sich ein, um nicht enttäuscht zu werden.
Denn wer sich öffnet, kann verletzt werden.
Mauern scheinen da sicherer zu sein.
Aber sie machen einsam.
Und lieblos.
Und freudlos.

VII.
Eure Güte lasst kund sein allen Menschen!
Lasst euch nicht einsperren.
Lasst eure Worte nicht stumm bleiben.
Teilt weiterhin euer Leben, eure Liebe, euer Hab und Gut.
Seid gütig zu allen, ohne Unterschied.
Denn der Herr ist nahe.
Er hält sich nicht an die Mauern, die wir hochziehen.
Er reißt sie ab und baut aus ihren Steinen eine neue Welt.

Und genau darauf dürft ihr euch freuen,
ihr da draußen.
Ihr betet für mich hier hinter den Mauer,
ihr seid für mich da,
denkt an mich und versorgt mich,
Ja, ihr lebt doch schon die Güte.
Ihr lasst mich spüren, dass der Herr nahe ist.
Vor den Gefängnismauern.
Und dass er hier herein kommt.

Darum:
Freuet euch in dem Herrn allewege,
und abermals sage ich: Freuet euch!


Worte, die sich nicht einsperren lassen.
Paulus muss es seinen Freunden sagen.
Dass es immer Grund zur Freude gibt,
immer - auch im Dunkeln.
Und wer sich selber nicht freuen kann,
weil er traurig ist, verzweifelt, am Boden,
der ist trotzdem nicht allein,
da sind andere,
die für ihn beten,
an ihn denken.

Freuet euch in dem Herrn allewege,
und abermals sage ich: Freuet euch!


VIII.
Ja, es gibt Grund zur Freude.
Auch heute und trotz allem.

Gott hat sich ein einfaches Mädchen ausgesucht,
um mit seiner Hilfe die Welt zu retten.
Unscheinbares stellt die Welt auf den Kopf.
Grund zur Freude.

Menschen finden eine neue Heimat -
in unserem Land.
Grund zur Freude.

Lewin hat das Kirchenasyl geschafft.
Er muss nicht nach Bulgarien zurück.
Und darf bei seiner Familie bleiben.
Grund zur Freude.

Eine deutsche Jüdin nimmt in Berlin
einen syrischen Muslim in ihrer Wohnung auf.
Einfach so.
Grund zur Freude.

Die Deutschen haben noch nie so viel gespendet
wie in diesem Jahr.
Sie wollen helfen.
Grund zur Freude.

Gott kommt dir nahe.
Wie ein Freund.
Wie eine Mutter.
Wie ein Bruder.
Gott, der dich anhört.
Die dich tröstet.
Der dich versteht.
Das übersteigt deine Vernunft.
Grund zur Freude.

IX.
Freuet euch in dem Herrn allewege,
und abermals sage ich: Freuet euch!

Denn die Mauern,
die ich baue oder die andere bauen,
die reißt der Herr ein.
Und baut eine neue Welt aus den Steinen.

Darum machen wir die Fenster und Türen auf,
wo noch Mauern sind.
Dann kommt frische Luft herein.
Und Gottes Geist,
der uns auf die Straße treibt,
und in die Häuser und Heime,
in die Läden und Geschäfte,
an die Tische und auf die Bänke,
damit wir Güte leben -
vor allen Menschen.
Einfach so.
Darauf können wir uns freuen.
Und wenn es das Letzte ist,
das wir sagen können.

Und der Friede Gottes,
der höher ist als alle Vernunft,
bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.


Amen.


Dienstag, 15. Dezember 2015

Fürchte dich nicht

Meditation zu Lukas 1,30

(Anlass: Synode Montag abend. Aber für diesen Zweck hier im Schlussteil verändert)

Der Engel sprach zu ihr:
Fürchte dich nicht, Maria, du hast Gnade bei Gott gefunden.
Lukas 1,30


Fürchte dich nicht,
Maria,
auch wenn du nicht weißt,
was genau auf dich zukommt.
Du weißt nicht, ob du dem gewachsen bist.
Du ahnst, was die Leute sagen über dich,
und das wird nicht nett sein.
Du weißt nicht, wie dein Verlobter reagieren wird.
Und schwanger in diesen schwierigen Zeiten?
Palästina besetzt,
despotische Herren,
korrupte Verwalter.
Trotzdem:
Fürchte dich nicht, Maria,
sondern steh auf,
Lass das Alte hinter dir,
denn zu trägst die Zukunft in dir.
Ja, gerade du.
Du hast Gnade bei Gott gefunden.
Und die Zukunft trägt dich.

Fürchte dich nicht,
du Volk Israel.
Auch wenn du nicht weißt,
ob dein Exil ein Ende haben wird.
Fürchte dich nicht -
so sagt es der Prophet Jesaja.
Deine Heimat ist nicht hier.
Dein Tempel ist zerstört.
Du bist nun ein Nichts - dort in der Fremde.
Ein Spielball der Mächtigen,
die heute so, morgen so sagen.
Und du weißt nicht,
ob du da jemals wieder raus kommst.
Trotzdem:
Fürchte dich nicht, du Volk Israel,
sondern steh auf,
denn dein Gott ist mit dir.
Lass das Alte hinter dir,
Denn du trägst die Zukunft in dir.
Ja, gerade du.  
Und die Zukunft trägt dich.

Fürchtet euch nicht,
ihr Hirten auf dem Feld.
Auch wenn ihr euch ausgeliefert fühlt
und ausgenutzt.
Auch wenn das Licht mitten in dieser Nacht
furchtbar hell ist.
Auch wenn ihr den Drang verspürt,
einfach wegzurennen,
weil euch das alles eine Nummer zu groß ist.
Ihr könnt euch einfach nicht vorstellen,
auf einmal inmitten eines Geschehens zu sein,
das auch noch die Welt aus den Angeln heben soll.
Ihr wollt vielleicht am liebsten in Ruhe gelassen werden?
Und doch mutet euch dieser Engel was zu.
Dass ihr hingehen sollt zu einem Kind.
Ausgerechnet ihr,
die sonst Kindern eher Angst einjagt.
Trotzdem:
Fürchtet euch nicht, ihr Hirten.
Sondern steht auf.
Lasst das Alte hinter euch,
Denn ihr tragt die Zukunft weiter.
Ja, gerade ihr.
Und die Zukunft trägt euch.


Fürchtet euch nicht,
ihr Frauen am Grab,
auch wenn der Tod noch so mächtig zu sein scheint.
Auch wenn ihr alle Hoffnung verloren habt.
Auch wenn das Leben von euch gewichen ist.
Der Stein ist weggerollt.
Und ihr wisst nicht,
mit welcher Macht ihr es hier zu tun habt.
Und ob die männlichen Kollegen euch glauben werden.
Bestimmt halten die euch für verrückt,
wenn ihr davon erzählt.
Alles gerät aus den Fugen.
Der Boden scheint zu wanken.
Worauf sich noch verlassen?
Doch was der Engel sagt, rüttelt euch auf.
Macht wach
und steckt an.
Gott besiegt den Tod -
und zwar jetzt, nicht erst morgen.
Darum:
Fürchtet euch nicht, ihr Frauen am Grab.
Sondern steht auf.
Lasst den Tod hinter euch.
Denn ihr tragt die Zukunft weiter.
Ja, gerade ihr. 
Und die Zukunft trägt euch.

Fürchte dich nicht,
du Mensch,
der zu uns kommt - von weit her.
Auch wenn dein Bus mit Steinen und Böllern beworfen wird.
Auch wenn angezweifelt wird, ob du zu Recht hier bist.
Auch wenn du immer noch Angst um deine Lieben hast,
die noch dort sind, wo du her kommst.
Und du weißt nicht,
ob du hier Fuß fassen darfst.
Und du weißt nicht,
ob du hier arbeiten darfst.
Und du weißt nicht,
wann du endlich Deutsch lernen darfst.
Und du weißt nicht,
ob die Nachbarin dich heute wieder freundlich ansieht.
Trotzdem:
Fürchte dich nicht, du Mensch,
der zu uns kommt - von weit her.
Steh auf
und mach mit.
Lebe mit uns.
Lass den Tod hinter dir.
Denn du trägst die Zukunft in dir.
Ja, gerade du. 
Und die Zukunft trägt dich.
Auch hier in diesem Land.

Fürchtet euch nicht,
ihr liebe Christen,
ihr Kirchenmenschen,
auch wenn euch gerade so viel verunsichert,
und ihr nicht wisst, was die Zukunft bringt,
und ob ihr auf dem richtigen Weg seid.
Und ob es sich lohnt, Altes hinter sich zu lassen.
Da kommen viele nicht mehr,
um die ihr euch bemüht habt.
Doch es kommen andere,
mit denen ihr nicht rechnet.
Sie tragen Sehnsucht mit sich.
Sie wollen spüren,
Gott spüren.
Ganz nah.
Und das macht euch manchmal Angst.
Weil sie eine andere Sprache sprechen.
Selbst wenn sie hier geboren sind.
Fürchtet euch nicht,
sondern geht auf sie zu.
Hört ihnen zu. 
Ihr tragt die Zukunft weiter.
Ja, gerade ihr.
Zusammen mit ihnen, mit den Fremden,
wer auch immer sie sind.
Und was auch immer sie glauben.
Ja, ihr - und sie
Beide habt ihr Gnade bei Gott gefunden.
Und die Zukunft trägt euch.

Fürchte dich nicht. 
Ja, du auch nicht.

Amen.

Sonntag, 6. Dezember 2015

Geduldige Ungeduld - und das Gute wachsen lassen

Predigt zu Jakobus 5,7+8 und zum Weltaidstag
 
(Aidshilfe: Präsentation zur Diskriminierung von Aidskranken und dem schweren Zugang zu Medikamenten für die Armen)
Lied „O Heiland, reiß die Himmel auf“


Übt euch in Geduld, Brüder und Schwestern, bis der Herr wiederkommt!
Seht, wie der Bauer auf die köstliche Frucht seines Ackers wartet:
Er übt sich in Geduld – 

so lange, bis Frühregen und Spätregen gefallen sind.
So sollt auch ihr euch in Geduld üben und eure Herzen stärken.
Das Kommen des Herrn steht nahe bevor.


I.
Echte Geduldsprobe.
Wer Aids hat, muss geduldig sein.
Muss die Diagnose abwarten,
muss warten, bis die richtigen Therapien ausgewählt wurden.
Muss abwarten, ob die Medikamente wirken.
Bis die Medikamente entwickelt wurden, war das Warten tödlich,
auch bei uns.
Man wartete auf die Symptome, die den Tod bedeuteten.
Und wartete schließlich auf den Tod.

Aber das passiert auch heute noch.
Wer auf Aids-Medikamente warten muss, muss oft zu lange warten.
In Afrika müssen viel zu viele Menschen warten.
Besonders die Armen.
Und die Kinder.
Sie haben gar keine andere Wahl.
Wer könnte diesen Menschen Geduld predigen?

II.
Übt euch in Geduld, Brüder und Schwestern, bis der Herr wiederkommt!
Geduld mussten die Forscher aufbringen,
bis sie die ersten wirksamen Medikamente gegen Aids hatten.
Geduld brauchen sie immer noch, wenn es um Impfstoff geht.
Try and error - immer wieder.
Versuchen, ausprobieren, Fehlschlag. Wieder versuchen.
Und irgendwann ist er da,
der Stoff, der dafür sorgt, dass keiner mehr dem Virus erliegt.
Ja, da braucht man Geduld.
Eine Geduld, die weiß, dass Zeit notwendig ist.
Dass das Heilsame nicht von heute auf morgen geschieht.
Und schon gar nicht auf Knopfdruck,
auch wenn wir es uns wünschen.
So viel Zeit muss sein.
Auch gegen das schnelle Geld.

Es ist die Geduld des Bauern,
der weiß, dass Regen und Sonne nötig sind,
damit aus Samen und Keimen etwas Nahrhaftes wird.
Heute wird viel beschleunigt
mit Maschinen und Dünger und zur Not künstlicher Bewässerung.
Aber die Pflanzen müssen trotzdem von alleine wachsen.
So viel Zeit muss sein.
Auch gegen das schnelle Geld.

Übt euch in Geduld, Brüder und Schwestern, bis der Herr wiederkommt!

III.
Bist du geduldig?
Ich nicht.
Im Wartezimmer beim Zahnarzt greife ich zum Smartphone
und checke die Emails.
Oder ich surf eine Runde auf Facebook.
Oder ich schnappe mir eine der Zeitschriften,
die ich sonst nie lesen würde.

Frau Meier ist da anders.
Ruhig und gefasst sitzt Frau Meier da auf dem Plastikstuhl.
Sie wartet schon ein Weile. Eine halbe Stunde vielleicht.
Aber sie wartet einfach nur.
Manchmal schaut sie auf das kleine Mädchen,
das spielt am Tisch mit den blauen und roten Autos.
Zeitschriften liegen aus.
Aber Frau Meier interessiert sich nicht für sie.
Sie sitzt da. Und lächelt leicht. Und wartet.
„Frau Meier, bitte in das Zimmer 3“
ruft die Sprechstundenhilfe.
Die alte Dame steht auf,
verabschiedet sich freundlich und geht.
Endlich ist sie dran.
Und ich schaue ihr bewundernd nach.

Ich kann das nicht.
Ich muss mich ablenken.
Stehe sogar mal auf.
Warten im Wartezimmer -
überhaupt nicht meins.

Ich bin ungeduldig.
Ich bin ungeduldig, wenn die Bahn sich verspätet.
Und noch schlimmer, wenn ich einen Anschluss deswegen verpasse.

Voller Ungeduld saß ich vor ein paar Jahren im Zug ,als meine Mutter starb
und ich nicht wusste, ob sie noch leben würde,
wenn ich endlich ankommen würde.

Ich bin ungeduldig.
Ich bin ungeduldig,
wenn die Klimakonferenz nicht zu wirklichen Ergebnissen führt.
Wenn taktiert wird und ausgesessen, bis irgendjemand nach gibt.
Und die Armen haben das Nachsehen.

Ich bin ungeduldig.
Ich bin ungeduldig,
weil die UNO nicht in die Puschen kommt
und Syrien den Großmächten und Terroristen überlässt.

Ich bin ungeduldig
wie Friedrich Spee.
Der fand im 30jährigen Krieg große Worte der Ungeduld:
Oh Heiland reiß die Himmel auf!
Wo bleibst du?
Komm endlich zu uns.

Aber Jakobus sagt:
Übt euch in Geduld, Brüder und Schwestern, bis der Herr wiederkommt!

IV.
Nein, ich bin ungeduldig.
Und ich werde noch ungeduldiger,
wenn ich die Flüchtlinge am Lageso in Berlin sehe,
wie sie Tag für Tag auf die Registrierung warten müssen.

Aber ich bewundere ihre Geduld.
Dass sie Tag für Tag wieder kommen,
sich in den Regen stellen,
bis sie endlich dran sind.

Ich bewundere die Geduld von Lewin,
unserem jesidischen Gemeindehausbewohner im Büchenbronner Kirchenasyl.
Er ringt um deutsche Worte, wenn man ihn befragt,
aber er gibt geduldig Antwort.
Auch wenn es immer dieselben Fragen sind.
Er bleibt im Haus, darf nicht raus.
Muss warten.
Und weiß nicht, ob sein Warten Erfolg hat.

Ich bewundere die Geduld von Frau Meier,
und die Geduld der Bauern.
Ich bewundere die Geduld der Menschen, die sich für die Aids-Hilfe engagieren.
Und die Geduld der Pflegenden.
Geduldig tun sie die Dinge, die getan werden müssen.

Übt euch in Geduld, Brüder und Schwestern, bis der Herr wiederkommt!

V.
Ja, wir brauchen Geduld.
Gerade wenn es eng wird und hektisch.
Dann brauchen wir Innehalten und Weitsicht.
Weite brauchen wir,
wenn wir mittendrin im Schlamassel sitzen.

Der Forscher braucht eine ruhige Hand,
wenn er  nach dem Impfstoff gegen HIV sucht.
Und muss nachdenken können.
Er braucht Zeit.
Tun, was getan werden muss.
Bis der Durchbruch kommt.

Politiker und Politikerinnen brauchen eine ruhige Hand,
wenn sie nach der richtigen Lösung gegen IS und Assad suchen.
Sie müssen nachdenken können.
Sie brauchen Zeit.
Vielleicht bis der Durchbruch kommt.
Aber diese Zeit fehlte ihnen.

Seit Freitag ist klar:
Deutschland wird sich am Krieg in Syrien beteiligen.
Den Abgeordneten blieb kaum Zeit.
Es musste schnell gehen, so hieß es.
Musste es?

Obwohl wir es seit Afghanistan besser wissen müssten:
Terror kann nicht mit Krieg besiegt werden.?
Obwohl die Kirchen seit 1948 sagen:
Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein?
Vielleicht geht es hier nicht anders....
Vielleicht muss dieser Krieg trotzdem sein...
Ich glaube es nicht.
Aber vor allem sehe ich:
Hier wurde nicht lange genug gewartet.
Es ist zu eng, um weit blicken zu können.

Übt euch in Geduld, Brüder und Schwestern, bis der Herr wiederkommt!

VI.
Auch die Gemeinde, an die Jakobus schreibt, hatte ein Problem mit der Geduld.
Wo bleibt denn nun endlich das Reich Gottes?
Wann kommt endlich der Messias?

Und wir reihen uns ein in diese Fragen:
Wann wird endlich Frieden?
Wann werden endlich alle Menschen gesund?
Wann gibt es keine Aidstoten mehr?
Wann dürfen alle Menschen ihre Religion offen leben?
Wann werden Homosexuelle nicht mehr angefeindet.
Wann werden Frauen nicht mehr vergewaltigt?
Wann hören endlich diese Enthauptungen auf?
Und wann diese unsäglichen Demos gegen die Flüchtlinge?

Ja, das macht ungeduldig.
Und mürbe.
Es macht es schwer, immer noch an das Kommen Gottes zu glauben.
Es macht es schwer zu hoffen,
zu vertrauen, dass Gott es gut werden lässt.
Weil es zu eng ist.
Weil es zu lange dauert.
So verdammt lange....

VII.
Seht, wie der Bauer auf die köstliche Frucht seines Ackers wartet:
Er übt sich in Geduld – so lange, bis Frühregen und Spätregen gefallen sind.
So sollt auch ihr euch in Geduld üben und eure Herzen stärken.
Das Kommen des Herrn steht nahe bevor.


Geduld ist nicht Däumchendrehen,
auch kein Nichtstun.
Nein, Geduld ist viel mehr.
Der Bauer wartet zwar, aber er macht die Augen auf und die Ohren.
Er passt auf, was passiert und wann die ersten Triebe hervor kommen.
Er tut auch alles,
damit das, was da zart und grün an die Oberfläche kommt, wachsen kann.
Dass es heil bleibt und unversehrt.
Er nimmt weg, was die zarten Pflanzen kaputt machen könnte.
Er vertreibt die Vögel, die sich daran gütlich tun wollen.
Ja, das alles tut der Bauer, während er wartet.
Und noch viel mehr.

VIII. (für das Folgende danke an Michael Greßler)

Das Kommen des Herrn steht nahe bevor.
Tritt heraus aus der Enge.
Und schau genau hin.
Entdecke die kleinen Pflanzen, die sich aus der Erde hervorwagen.
Und dann siehst du da und dort
schon ein Stück neue Welt anfangen.

Es ist immer nur ein kleines Stück.
Manchmal nur ein Schimmer.
Ein Funken Hoffnung.
Ein Fitzelchen von Weite.
Aber du siehst es. Es ist schon da.

Da hat Gott etwas gut werden lassen.
Da ist ein neues Medikament gegen Aids entdeckt worden
und es ist billig genug für die Armen.

Da findet eine kluge Ärztin für dich, die du krank bist, den richtigen Weg.
Und du hast wieder Kraft und kannst durchhalten.

Da entdecken ängstliche Nachbarn,
dass die Kinder in der Flüchtlingsunterkunft gerne lachen,
und sie gehen hin und bringen ihnen die deutsche Sprache bei.

Da bauen in Ruanda Menschen ihr Land auf,
Menschen, die sich einst massakriert haben.

Da öffnen sich für Lewin Türen in ein Gemeindehaus,
damit er sicher wohnen kann.

Und morgen kommen hier in der Stadtkirche 400 Jugendliche zusammen.
6 Religionen, 34 Nationen.
Alle zusammen werden sie singen „We are the world“
und sie werden einander die Hände reichen und sagen:
nur zusammen können wir die Welt gestalten.

IX.
Das Kommen des Herrn steht nahe bevor.
Es sind kleine Sachen.
Kleine Spuren aus der neuen Welt.
Aber jede kleine gute Sache ist ein Stück davon.
Und das stärkt die Herzen.
Und macht weit.

Und du selber bist mitten drin.
Vielleicht gibt es Momente, wo du das spürst.
Wo du warten und schauen kannst.
Im richtigen Moment da sein.
Und das Gute wachsen lassen.

Ja, du bist mitten drin
und trittst heraus aus der Enge.
Du mit deiner geduldigen Ungeduld.
Genau du.
Und ich.
Denn Gott kommt.
Und sein Tag ist nicht mehr fern.
Amen.

Lied: Die Nacht ist vorgedrungen