Poesie des Glaubens
Predigt mit Gedichten zu Psalm 90
(mit Hilde Domin, Mascha Kaleko, Herbert Grönemeyer u.a.)
I: Gott – schon immer da
Wo komme ich her? Wo gehe ich hin?
Was bleibt von mir? Was bleibt von der Welt?
Fragen, die sich Menschen stellen, seit es sie gibt.
Das Leben ist endlich und zerbrechlich.
Schon immer. Und immer noch.
Auch heute, wo wir alle technischen und medizinischen Möglichkeiten ausreizen,
um dagegen an zu kämpfen.
Diese Zerbrechlichkeit, diese Endlichkeit ist schwer auszuhalten.
Sie tut weh - mir, dir, uns.
Aber vor allem:
Was macht das mit meinem Glauben?
Was macht das mit meiner Beziehung zu Gott?
Ps 90, 1-2 
Herr, ein Versteck bist du für uns gewesen
von Generation zu Generation.
Die Berge waren noch nicht geboren,
die ganze Welt lag in Geburtswehen.
Da bist du, Gott, schon da gewesen,
vom ersten Anfang bis in alle Zukunft.
Gott ist schon immer da.
Schon immer da gewesen. Wird immer da sein.
"Ich bin der Ich-bin-da“ spricht Gott zu Mose
aus dem brennenden Dornbusch.
Was auch immer von dir bleibt: Ich bleibe.
Wo auch immer du herkommst: da war ich bei dir.
Wo auch immer du hingehst: da bin ich mit dir.
Gott steht am Anfang von allem und am Ende von allem –
und ich mittendrin…..
Und ich merke, wie mir der Kopf schwirrt -
wie wenn ich den Sternenhimmel betrachte
und ich verliere mich darin und komme mir sehr klein und unbedeutend vor.
Mascha Kaleko:
Wo sich berühren Raum und Zeit,
Am Kreuzpunkt der Unendlichkeit,
Ein Pünktchen im Vorüberschweben –
Das ist der Stern, auf dem wir leben.
Wo kam das her, wohin wird es wohl gehn ?
Was hier verlischt, wo mag das auferstehn ? -
Ein Mann, ein Fels, ein Käfer, eine Lilie
Sind Kinder einer einzigen Familie.
Das All ist eins.
Was *gestern* heißt und *morgen*
Ist nur das Heute, unserm Blick verborgen.
Ein Korn im Stundenglase der Äonen
Ist diese Gegenwart, die wir bewohnen.
Dein Weltbild, Zwerg, wie du auch sinnst,
Bleibt ein Phantom, ein Hirngespinst.
Dein Ich - das Glas, darin sich Schatten spiegeln,
Das *Ding an sich* - ein Buch mit sieben Siegeln.
... Wo sich berühren Raum und Zeit,
Am Kreuzpunkt der Unendlichkeit -
Wie Windeswehen in gemalten Bäumen
Umrauscht uns diese Welt, die wir nur träumen.
Klaviermusik
II: Menschliche Zeitlichkeit
Andreas Knapp: Zeitverschiebungen
die Uhren rücken vor
dem Sommer entgegen
wo ist die Stunde geblieben
der Jet jagt
dem Sonnenuntergang nach
und gewinnt Stunde um Stunde neue Ortszeiten
gegen Lichtgeschwindigkeit
tendiert die Zeit
nach Null
im Augenblick des Glücks
still stehende Stunde
im Abgrund des Schmerzes
die Sekunden auf der Streckbank
meine Uhren trügen
in Gott aber verdichtet sich
alle messbare Zeit
ins Unermessliche
denn Sekunden wie Jahre
bleiben un-endlich geborgen
in SEINEM ewigen Augen-Blick
Was ist die Zeit?
Arbeitszeit, Schlafenszeit, Weltzeit, Lebenszeit, Echtzeit Lichtzeit.
Jetzt ist es in Indonesien, wo meine Tochter lebt, 5 Stunden später.
Früher brauchte ein Brief dorthin 3 Wochen.
Jetzt schreiben wir in Echtzeit per WhatsApp.
Und es gibt Dinge, die ich sehe, die möglicherweise schon nicht mehr da sind.
Sterne zum Beispiel.
Der Rote Überriese Beteigeuze im Sternbild Orion ist etwa 640 Lichtjahre entfernt.
Sollte er in diesem Moment als Supernova explodieren (und das wäre möglich!),
könnten wir die Explosion erst in 640 Jahren sehen.
Was ist Zeit? Was ist meine Zeit -
im Kosmos der Zeitverschiebungen?
Psalm 90, 3-6
Du bringst die Menschen zurück zum Staub.
Andere rufst du ins Leben und sprichst:
Kommt zur Welt, ihr Menschenkinder!
Denn tausend Jahre vergehen vor deinen Augen,
als wäre es gestern gewesen.
Sie gehen so schnell vorbei wie eine Nachtwache.
Du reißt die Menschen aus dem Leben, sie vergehen wie der Schlaf.
Sie sind nichts weiter als Gras, das am Morgen zu wachsen beginnt.
Am Morgen blüht es und wächst hoch,
am Abend wird es geschnitten und welkt.
Je älter ich werde,
desto schneller scheint die Zeit zu verfliegen.
Abschiednehmen fällt mir immer schwerer.
Träume zerplatzen.
Eine Freundin ist todkrank.
Sie ist so begabt, so klug, so kreativ
und es bricht mir das Herz.
Wir schreiben uns viel.
Und manchmal auch ganz wenig, weil die Wort fehlen.
Ich bete jeden Tag, dass sie wieder gesund wird.
Dass sie nicht sterben muss.
Endlichkeit ist manchmal brutal.
Die Zeit wird knapp. Unerträglich knapp.
Die Zeit wird knapp.
Das scheint selbst für unsere seit Ewigkeiten existierende Erde zu gelten.
Was den Klimawandel angeht, ist es schon 5 nach 12.
Für mich ist das sehr groß - kaum zu fassen.
Schon gar nicht zu bewältigen.
Und es macht mir Angst.
Wer kann schon die Welt retten?
Für mich ist das groß, zu groß - für Gott aber ist das nichts.
Gott ist viel größer als alles, was mir unermesslich erscheint.
Größer als mein Leben,
als das Leben meiner Freundin,
als das Leben der Welt.
Und vielleicht kann mich dieser Gedanke sogar trösten?
Oder geht das jetzt zu schnell?
Was bleibt von mir? So habe ich am Anfang gefragt.
Der 90. Psalm ist da sehr nüchtern.
Von mir bleibt nicht mehr als Gras.
Aber ist das so wenig?
Es welkt, aber es führt der Erde wieder Nährstoffe zu.
Vielleicht ist das ja auch bei mir so.
Ich hinterlasse der Erde etwas, was sie braucht.
Hilde Domin:
Wie wenig nütze ich bin,
ich habe den Finger und hinterlasse
nicht den kleinsten Strich
in der Luft.
Die Zeit verwischt mein Gesicht,
sie hat schon begonnen.
Hinter meinen Schritten im Staub
wäscht Regen die Strasse blank
wie eine Hausfrau.
Ich war hier.
Ich gehe vorüber
ohne Spur.
Die Ulmen am Weg
winken mir zu wie ich komme,
grün blau goldener Gruss,
und vergessen mich,
eh ich vorbei bin.
Ich gehe vorüber –
aber ich lasse vielleicht
den kleinen Ton meiner Stimme,
mein Lachen und meine Tränen
und auch den Gruss der Bäume am Abend
auf einem Stückchen Papier.
Und im Vorbeigehn,
ganz absichtslos,
zünde ich die ein oder andere
Laterne an
in den Herzen am Wegrand.
Klaviermusik
III: Endlichkeit als Strafe?
Warum können wir eigentlich nicht ewig leben?
Warum haben wir nicht alle Zeit der Welt?
Psalm 90, 7-11
Ja, durch deinen Zorn schwand unsere Lebenskraft,
deine Wut ließ uns zu Tode erschrecken.
Du hast dir unsere Vergehen vorgenommen.
Und was wir vor dir verbergen wollten,
hast du ins Licht deines Angesichts gestellt.
Ja, unsere Lebenszeit verging durch deinen Zorn,
wir verbrachten unsere Jahre wie einen Seufzer.
Unser Leben dauert etwa 70 Jahre,
und wenn wir bei Kräften sind, auch 80 Jahre.
Das meiste daran ist nur Arbeit und vergebliche Mühe.
Schnell ist es vorüber, im Flug sind wir dahin.
Wer weiß schon, wie mächtig dein Zorn ist?
Und wer kann ermessen, wie wütend du bist?
Ist es wirklich eine Strafe, dass wir nicht ewig leben können?
Dieser Gedanke ist uralt.
So erzählt die Bibel davon, dass der Tod Folge des Sündenfalls ist:
weil Adam und Eva vom Baum der Erkenntnis gegessen haben, vertreibt Gott sie aus dem Paradies.
Das, was das Leben schwer macht, Geburt, Arbeit, Krankheit, Tod, wird so verstanden,
dass der Mensch selber das verursacht hat.
Man stellt fest, dass man nicht im Paradies lebt, und dafür braucht es eine Erklärung.
Krankheit und Tod, eine Strafe Gottes - ich glaube das nicht.
Und ich habe Hiob an meiner Seite:
er wehrt sich ebenfalls gegen diesen Gedanken und bekommt von Gott recht.
Zu oft wurde damit auch Schindluder betrieben:
"Wenn du nur besser geglaubt hättest, wärest du nicht krank geworden."
Und die moderne Variante ist die:
"hättest du dich besser ernährt oder mehr Sport gemacht oder oder oder..."
Niemand hat es verdient, krank zu werden oder gar frühzeitig zu sterben.
Nein, Krankheit und Tod sind keine Strafen!
Sie sind Teil unseres Lebens und der Tod ist eine Tatsache, die wir nicht ändern können.
Das Leben lässt sich nicht verlängern, selbst wenn wir noch so gesund leben.
Das ist manchmal unerträglich, aber umso wichtiger ist, was ich daraus mache.
Ja, diese Endlichkeit ist manchmal brutal.
Und doch: ewig will ich auch nicht leben.
Ich will nicht, dass sich alles wiederholt.
Ich bin froh, weil damit jede Minute kostbar ist und jedes Leben wertvoll.
Ich bin einzigartig. Nicht austauschbar.
Das Leben ist endlich.
Und das ist brutal und zugleich gut.
Typisch für die Psalmen, die die Gegensätze aushalten:
Wut und Hoffnung, Liebe und Hass, Tod und Leben.
Was bleibt? Habe ich am Anfang gefragt.
Was bleibt von meinem Leben, wenn es zu Ende geht?
Rochus Spiecker:
Alles bleibt,
Nicht nur, was von der Kamera
oder vom Bandgerät aufbewahrt wurde.
Alles bleibt.
Für Gott ist unser Gestern so wirklich wie unser Morgen.
Für Gott gibt es keine abgelegten Terminkalender,
keine Müllabfuhr des Vergangenen.
Für Gott bleibt alles aktuell.
Jedes Leben ist ihm ein Ganzes.
Und der Mensch, der dieses Leben lebte,
muss es als Ganzes verantworten.
Was wird dann zählen?
Werden sich die roten Eintragungen im Terminkalender als die wichtigsten erweisen?
Wird das Problem der Steuerschuld das sorgenvollste sein?
Oder werden dann ganz andere Dinge unser Glück und unseren Kummer ausmachen?
Dinge, denen wir eigentlich
zu wenig Aufmerksamkeit schenken,
weil sie nicht im Terminkalender stehen?
Klavier + Chor gesummt zu NL 134 (Erinnere uns an den Anfang)
IV: Lebensprotest
Ps 90, 12-17
Lass uns begreifen, welche Zeit wir zum Leben haben –
damit wir klug werden und es vernünftig gestalten.
Herr, wende dich uns wieder zu! Wie lange willst du noch zornig sein? Hab Mitleid mit deinen Knechten
Schenk uns doch schon am Morgen die ganze Fülle deiner Güte!
So wollen wir jubeln und uns freuen alle Tage unseres Lebens!
Mach uns so viele Tage wieder froh,
wie du uns zuvor niedergedrückt hast.
Schenk uns so viele gute Jahre,
wie wir zuvor Unglück erfahren haben.
Zeig an deinen Knechten deine Macht
und an ihren Kindern deine Herrlichkeit!
So soll sich an uns erweisen, wie freundlich der Herr ist, unser Gott!
Lass das Werk unserer Hände gelingen!
Ja, das Werk unserer Hände, lass es gelingen!
Ich will klug sein.
Ich will die Zeit, die mir zur Verfügung steht, nutzen.
Nicht nur für mich, sondern vor allem für die Erde, die mir anvertraut ist.
Für die Menschen, die mir am Herzen liegen. Für ein Leben, das gut zu allen ist.
Ich will klug sein
und nicht die Augen verschließen vor dem ganzen Mist, den wir machen.
Auch nicht vor einer Zukunft, die wir für unsere Nachkommen kaputt machen.
Ich will hinschauen und meine Zeit dafür einsetzen, dass auch die Zukunft lebenswert ist.
Ich will klug sein
und mir eingestehen, dass ich die Verantwortung nicht alleine tragen kann.
Ja, ich will klug sein und die Endlichkeit annehmen.
Aber zugleich will ich trauern dürfen und bei jedem Abschied weinen.
Darum wende ich mich an dich, Gott, dass du mir hilfst.
Dass du uns hilfst - und klug machst,
dass du uns Zeit schenkst und unterstützt.
Ich wende mich an dich, Gott, und protestiere für das Leben.
Nicht dass es ewig dauern möge, aber dass wir es nicht zerstören.
Damit alle sich ihres Lebens erfreuen können:
Kinder und Alte, Flüchtlinge und Einheimische,
Tiere und Pflanzen,
Mutige und Ängstliche, Kranke und Gesunde.
Und darum suche ich dich, Gott.
Weil ich klug sein will.
Weil meine Zeit endlich ist.
Weil ich manchmal nicht weiter weiß.
Aber ich weiß, du bist da. Immer.
Du lässt mich nicht los. Und ich lasse dich nicht los.
Und das bleibt.
Herbert Grönemeyer „Land unter“
Der Wind steht schief
Die Luft aus Eis
Die Möwen kreischen stur
Elemente duellieren sich
Du hältst mich auf Kurs
Hab keine Angst vor'm Untergehn
Gischt schlägt ins Gesicht
Kämpf mich durch zum Horizont
Denn dort treff ich dich
Der Himmel heult
Die See geht hoch
Wellen wehren dich
Stürzen mich von Tal zu Tal
Die Gewalten gegen mich
Bist so ozeanweit entfernt
Regen peitscht von vorn
Und ist's auch sinnlos
soll's nicht sein
Ich geb dich nie verlorn
Geleite mich heim
Rauhe Endlosigkeit
Bist zu lange fort
Mach die Feuer an
Damit ich dich finden kann
Steig zu mir an Bord
Übernimm die Wacht
Bring mich durch die Nacht
Rette mich durch den Sturm
Fass mich ganz fest an
Dass ich mich halten kann
Bring mich zum Ende
Lass mich nicht mehr los
Amen.
Lied "Erinnere uns an den Anfang"
Am Anfang, als Leben begann, sprachst du zu uns:
Ihr seid willkommen, hast du an die Hand uns
genommen. Erinnere uns an den Anfang,
an Ursprung und Werden, Vergehen, damit wir das
Leben verstehen, damit wir klug, damit wir klug,
damit wir klug werden.
Erinnere uns an das Staunen. Mit staunendem,
offenen Blick hast du uns als Kinder gesegnet, sind wir
allem Neuen begegnet. Erinnere uns an das Staunen,
an Ursprung und Werden, Vergehen, damit wir das
Leben verstehen, damit wir klug, damit wir klug,
damit wir klug werden.
Erinnere uns an Erfahrung. Erfahrung, die uns heute
prägt, hat uns auch durch Trauer geleitet, hat unseren
Glauben geweitet. Erinnere uns an Erfahrung,
an Ursprung und Werden, Vergehen, damit wir das
Leben verstehen, damit wir klug, damit wir klug,
damit wir klug werden.
Erinnere uns an das Ende, ans Ende, wenn du zu uns
sprichst: Willkommen seid ihr. Euer Bangen ist gänzlich
in Liebe umfangen. Erinnere uns an das Ende,
an Ursprung und Werden, Vergehen, damit wir das
Leben verstehen, damit wir klug, damit wir klug,
damit wir klug werden.




