Montag, 6. April 2026

Ostermontagsblues - und mittendrin Jesus


Vom Be-greifen und Hand und Fuß und Fisch und Umarmungen

Predigt zu Lukas 24, 36-45
 
1.     Ostermontagsblues mit Gefühlschaos

Gibt es den Ostermontagblues?
Drei oder gar vier intensive Tage liegen hinter uns - 
mit allen Gefühlslagen, die Leben und Tod so hergeben. 
Die einen mit viel Musik und großen Gottesdiensten, 
die anderen mit Osterfeuer und Stille, 
die dritten mit viel Familie, Ostereiersuche und vollem Haus, 
die vierten vielleicht einsam oder mit viel Langeweile - 
froh, dass die heiligen Tage endlich vorbei sind.
 
Wie mag es den Freunden und Freundinnen von Jesus gegangen sein? 
Emotionaler Abschied mit gemeinsamen Essen, 
verzweifelt und ohnmächtig, 
weil sie nichts tun konnten, nachdem Jesus von den Soldaten abgeführt wurde, 
voller Entsetzen, als sie ihn am Kreuz sehen, 
unfassbar traurig, sie konnten nur noch vor sich hinstarren. 
Dann die unglaublichen Nachrichten von den Freundinnen, die strahlend vom Grab zurückkamen 
- Jesus lebt, rufen sie! - 
und eben die beiden, die aus Emmaus zurückgekommen sind. 
Noch ganz außer Atem stammeln sie, dass sie mit Jesus das Brot geteilt hätten. 
Das ist alles zu viel auf einmal. 
Erstmal einen klaren Kopf kriegen. 
Sacken lassen. Zur Ruhe kommen.
 
Während sie noch redeten, stand der Herr plötzlich mitten unter ihnen. 
 
Jesus kommt einfach so dazu. Mitten hinein in den Blues. 
Während sie noch reden. 
Während sie noch nachdenken. 
Während sie gerade den Tisch decken. 
Während sie das Fenster öffnen um etwas Luft reinzulassen. 
Mitten in allem, was sie gerade so tun.
 
Jesus mittendrin: 
während ich nachdenke, ob ich noch genügend Kuchen übrig habe für heute Nachmittag. 
Während ich überlege, ob wir das Auto nochmal laden müssen, 
wenn mein Mann zur Schwiegermutter fährt. 
Während meine Gedanken zur Tochter gehen, die sich auf der anderen Seite der Erde darum sorgt,
welche Folgen der Irankrieg für Asien hat. Und die können heftig sein.
Jesus mittendrin, während mir die Nachrichten der Tagesschau von gestern durch den Kopf gehen, 
ich mir eine Träne um Timmy den Wal verdrücke 
und Trump am liebsten zum Mars schicken möchte. 
Jesus kommt einfach dazu. 
Mitten hinein in mein zerrissenes, fragendes Leben. 
In meinen Blues. 
In meine zersplitterte Welt, die ich nicht sortiert kriege. 

2.     Wenn der Glaube fragwürdig ist
 
Er sagte: »Friede sei mit euch!«

Friede sei mit euch. 
Der Gruß des Auferstandenen. 
Der Gruß der Engel bei der Geburt Jesu. 
Ein Gruß, der schon immer nötiger war denn je, 
weil die Welt schon immer alles andere als friedlich ist. 

Wenn Jesus in mein Leben tritt, so mitten hinein: 
was sagt er mir? Was ist seine Botschaft an mich? 
Vielleicht: Mach dir keine Sorgen, ob du gut genug vorbereitet bist. Es wird schon reichen. 
Oder: 
Habe keine Angst um deine Tochter, ich passe auf sie auf. 
Oder: 
Ja, in dein zerrissenes Leben komme ich 
und ich werde die vielen Splitter und Scherben deiner Welt wieder zusammenfügen. 
Friede sei mit dir. 

Ob ich das hören kann? Ob ich das hören will?
 
Da erschraken alle und fürchteten sich. 
Denn sie meinten, einen Geist zu sehen. 

Jesus sagte zu ihnen: »Warum seid ihr so erschrocken? 
Und warum zweifelt ihr in euren Herzen?
 

Das Herz rast, der Brustkorb verengt sich. 
Sie denken, sie haben den Totengeist von Jesus vor sich. 
Wer hätte da keine Angst? 

Ich habe Angst vor allem, was lebensfeindlich ist: 
vor Hass und Gewalt, vor der Kälte, die sich in unserer Politik ausbreitet 
und vor dem, was wir der Schöpfung antun. 
Ob ich vor dem Geist eines geliebten toten Menschen Angst hätte? 
Ich glaube nicht. 
Aber ich verstehe, dass die Jünger ihren Augen nicht trauen.
 
Denn ja, es ist nicht selbstverständlich an den auferstandenen Jesus zu glauben. 
Mich tröstet es, dass es selbst seinen Freunden und Freundinnen so geht. 
Dass sie Zweifel hatten und unsicher sind. 
Wenn selbst sie, die ja die ganze Zeit mit ihm zu tun hatten, zweifeln - 
dann ist es doch auch normal, dass ich es tu. 
 
Wer mit Gott in Berührung kommt, erschrickt erstmal. 
Die Bibel ist voll von solchen Geschichten. 
Mose muss sich am Dornbusch die Schuhe ausziehen 
und auf dem Horeb sein Gesicht verhüllen, weil die Begegnung mit Gott kaum auszuhalten ist. 
Die Hirten auf dem Feld erschrecken vor dem Licht der Engel.  
Die Jünger auf dem See erschrecken als sie mitkriegen, dass Jesus den Sturm stillen kann. 
 
Aber ich möchte nicht Angst haben vor Gott, vor Jesus schon gar nicht. 
Ich will auch nicht zweifeln, ob er wirklich auferstanden ist. 
Denn ich sehne mich nach diesem festen unerschütterlichen Glauben, 
der immer mit Gott rechnet. 
Gerade jetzt.
 
Doch die Welt macht es mir schwer. 
Oder ist es Gott selbst, der es mir schwer macht? 
Es spricht doch viel mehr gegen ihn als für ihn. 
 
Aber Jesus widerspricht:
Ich bin es wirklich: Seht meine Hände und Füße an. 
Fasst mich an und überzeugt euch selbst – 
ein Geist hat weder Fleisch noch Knochen, 
wie ihr sie bei mir sehen könnt.«
Während er das sagte, 
zeigte er ihnen seine Hände und Füße.

 
3.     Mit Hand und Fuß und Fisch

Manchmal begreife ich erst, wenn ich etwas anfassen kann. 
Fasst mich an, sagt Jesus. 
Be-greift mich. 
Mit Hand und Fuß. 
Mit den Wundmalen, mit den Spuren meines Lebens und Sterbens. 
Mit allem, was zu mir gehört. 
Berührt die Haut. 
Berührt die kleinen Härchen auf dem Handrücken. 
Spürt die Wärme. 
Ich bin kein Geist. Ich bin echt und ich lebe.

Wenn ich meine Freundin nach langer Zeit wieder treffe, nehme ich sie erstmal in den Arm. 
Ganz lange halten wir uns fest, 
als ob wir uns vergewissern müssen, dass wir wirklich beieinander sind. 
Denn selbstverständlich ist es nicht. 
Sie war sehr krank und ich bin in eine andere Stadt gezogen. 
Oft hören wir monatelang nichts voneinander. 
Und dann treffen wir uns wieder, halten uns fest im Arm 
und es ist wieder wie früher. 

Auch Gott verliere ich manchmal aus den Augen. 
Und er mich vielleicht auch? 
Aber da ist Jesus. 
Gottes Kind. 
Ein Mensch wie ich mit Haut und Haaren, Hand und Fuß, 
mit Narben und Wundmalen, Tränen in den Augen, Liebe im Herzen. 
Er lässt sich berühren und berührt. 
Und ich lese die Geschichten über ihn und mit ihm 
und mir wird es wieder warm im Herzen 
und ich weiß: das ist alles echt. 
Wahrer Mensch. Wahrer Gott. 
 

Vor lauter Freude konnten sie es immer noch nicht fassen 
und waren außer sich vor Staunen. 
Da fragte er: »Habt ihr etwas zu essen hier?«
Sie gaben ihm ein Stück gebratenen Fisch. 
Er nahm es und aß es vor ihren Augen.


Anfassen reicht nicht. 
Das Entscheidende passiert, wenn man was zusammen macht. 
Und vor allem, wenn man zusammen isst. 
Jesus und Essen - das gehört einfach zusammen. 
Geister essen nicht. Engel auch nicht. 
Aber Menschen wie du und ich essen - und am liebsten gemeinsam. 

Das letzte Abendmahl mit dem Pessachlamm und dem Brot, das sie essen. 
Die Brote und die Fische, die sie mit 5000 Menschen teilen. 
Das alles verändernde Essen mit Zachäus, 
das lehrreiche Mahl mit Maria und Marta, 
das gebrochene Brot im Gasthaus in Emmaus. 

Mit Jesus am Tisch weicht die Angst und es geht um die einfachen Dinge des Lebens: 
der Fisch wird gebraten, es riecht nach Thymian und Honig, 
das Brot wird geteilt, der Kelch gefüllt, das Leben geliebt. 
Ich lebe und ihr sollt auch leben.
 
Wenn meine Freundin und ich zusammenkommen, wird aufgetischt. 
Ein gutes Brot, Butter, Käse, manchmal auch eine Suppe - bloß nichts Kompliziertes. 
Aber lecker - und mit einer Geruchsmischung aus Petersilie, Olivenöl und Knoblauch. 
Dazu eine Flasche vom guten Wein. 
Und dann reden wir und erzählen uns und teilen, was uns bewegt und belastet. 
Ich erzähle ihr von der Tochter am anderen Ende der Welt, 
sie mir von ihrem Nachbarschaftsprojekt. 
Wir reden über unsere Familien und was uns gesundheitlich Sorgen macht. 
Alles das kommt auf den Tisch und wird geteilt. 

Wenn wir hier nach dem Gottesdienst 
oder zum theologischen Apero am Mittwoch zusammenkommen, 
teilen wir auch, was wir an Gedanken und Hoffnungen mitgebracht haben. 
Vielleicht. 
Aber eins gilt für meine Freundin und mich und für uns als Gemeinschaft hier: 
Jesus ist mit dabei, wenn wir essen und trinken und reden 
und lachen und weinen und einfach leben.
 
4.     Öffnen und verstehen und bleiben

Doch dann kommt der Abschied. 
Auch bei Jesus und seinen Freunden und Freundinnen. 
 
Der Herr sagte zu ihnen: 
»Als ich noch bei euch war, habe ich zu euch gesagt: 
Es muss alles in Erfüllung gehen, was über mich geschrieben steht – 
im Gesetz des Mose, bei den Propheten und in den Psalmen.«
Dann half er ihnen, die Heilige Schrift richtig zu verstehen.


Wie wir am Ostermontag blicken die Freunde und Freundinnen zurück 
und sie versuchen zu verstehen, was da geschehen ist. 
So vieles, was geöffnet wurde: 
das Grab und die Augen, die Schrift und nun der Verstand. 
Und nur wenn der Tod und die Auferstehung von Jesus mit dem zusammen gesehen wird, 
was mit Jesus vorher erlebt wurde, 
ergibt das Ganze einen Sinn. 

Hier ist Gott zu sehen, zu spüren, zu erleben: 
Der Gott der Lebenden, der nicht bei den Toten zu finden ist. 
Der Gott, der die Niedrigen erhöht, die Gedemütigten nicht allein lässt, 
die Kranken heilt und die Hungrigen sättigt. 
Der Gott, der gegen die Macht des Todes rebelliert 
und sich in dieser Welt immer auf die Seite des Lebens stellt 
- und damit auf die Seite aller, die für eine lebenswerte Welt einstehen – 
die einstehen für die Gedemütigten und Erniedrigten, 
die Trauernden und Kranken, Hungrigen und Durstigen. 
In allem, was die Jünger mit Jesus erlebt haben, haben sie diesen Gott kennengelernt. 
Und auch wenn Jesus nun wirklich gehen muss: 
dieser Gott bleibt.

Gibt es den Ostermontagblues? 
Wenn alles vorbei ist und der Alltag Einzug hält? 
Wenn der Osterschmuck weggeräumt wird, obwohl er noch eine Weile hängen könnte?

Heute ist ein Tag nochmal über das alles nachzudenken, 
was war und was ist und was sein wird - 
und wie das alles zusammen hängt mit diesem Gott der Lebenden. 

Mach dich gefasst: 
Auch bei dir tritt Jesus ein, selbst wenn du vielleicht gar nicht mit ihm rechnest.
(oder sogar weil du gar nicht mit ihm rechnest)
Und dann setzt er sich an deinen Tisch und teilt mit dir dein Leben, 
deine Trauer, deine Hoffnung, 
deine Sehnsucht nach einer besseren Welt.

Der Blues ist echt, aber Jesus auch. 
Und er kommt mittenhinein. 
Er kommt zu dir und sagt „Friede sei mit dir“ und du spürst, dass es stimmt.
Und du nimmst diesen Frieden mit in die nächsten 40 Tage, 
so wie die Jünger das getan haben, 
und zusammen denken wir darüber nach, 
was das mit dieser Auferstehung ist und wie es danach weitergeht.
 
Ostermontagblues? Vielleicht. 
Aber mit dem, der einfach dazukommt.   
Und dadurch wird alles anders. 
Amen.

Sonntag, 15. März 2026

Ein rosa Post-it

Eine Predigt zum mütterlichen Trost Gottes
zu Jesaja 66, 10-14


(mit besonderem Dank an Stefanie Höhner, 
deren Predigt mich zu meiner inspiriert hat)


1.

Ein rosa Post-it an der Haustür.
Jedes Mal, wenn ich die Tür aufmache, um rauszugehen, lese ich "Du schaffst es!" 
Ich weiß gar nicht, wie lange es da schon hängt. 10 Jahre? 
Oder noch länger? 
Aber ich weiß, wer es da hingehängt hat: 
Mein Sohn, als er 16/17 war. 
Da hat er überall in der Wohnung solche kleinen Post-its verteilt. Mit Mutmachworten.
Übrig geblieben ist nur noch einer. Dieser an der Haustür.
In rosa! Etwas verblichen, aber ganz klar rosa, pink!

Rosa, die Farbe Gottes. Farbe des kleinen Ostern.
Du schaffst es, ruft mir dieses Rosa zu. Und es tröstet mich, gerade jetzt.
Jetzt, da die Welt zu zerbröseln droht -  zwischen Bomben und Drohnen, 
zwischen Machthabern, die Menschen als Spielfiguren behandeln.
Jetzt, da die Landtagswahl hinter uns liegt und Ratlosigkeit und Wut die Gemüter beherrscht. 
Du schaffst es, sagt dieses Rosa.
Auch wenn draußen vor der Tür die Welt nicht so ist, wie sie sein sollte.

Dabei ist es hier doch noch harmlos, denke ich. Noch.
Wie ist es für die, deren Häuser in die Luft gesprengt werden? 
Die sich in Bunkern verstecken müssen. 
Wie ist es für die Menschen in Saporischja und Kiew, in Teheran und Tel Aviv? 
Wie ist es für die, die Angst haben oder traurig sind, was mit ihrer Stadt geschieht?

2.

Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid.

Das Exil ist vorbei. 
Nach und nach kommen sie zurück, die Bewohner von Jerusalem. 
Über 2000 Jahre ist das her. 
Sie kommen zurück: Manche von weit her, manche nur hundert Kilometer entfernt von Jerusalem. 
Voller Sehnsucht, aber auch mit trauerndem Herzen. 

Fast alles ist anders als früher. 
Dort, wo der große, prächtige Tempel stand, ist jetzt nur noch ein kleiner Steinbau. 
Hier sollen sie jetzt beten und ihre Feste feiern. 
Die Stadtmauer ist ein Wall aus Trümmern, ihre alten Häuser stehen nicht mehr. 
Die neuen sehen anders aus und in den neuen Häusern leben fremde Menschen.

Viele Jahre haben sie geweint über ihr Jerusalem. 
Nicht Heimweh-Kitsch, sondern echte Trauer. 
Die Trauer von Menschen, die alles verloren haben – Haus, Tempel, Heimat, Würde. 
Und nun stehen sie vor den Trümmern. 
Es ist nicht das Jerusalem ihrer Erinnerung. 
Es ist nicht das Jerusalem ihrer Träume. 
Es ist ein zerstörtes Jerusalem. 
Nicht anders als all die Städte dieser Welt, die ihre Menschen unter sich begraben haben.

Noch müssen die Häuser erst gebaut werden, in denen sie schlafen werden. 
Noch müssen die Felder beackert werden, 
die Körner ausgesät und das Getreide wachsen, bevor sie sich satt essen. 
Noch müssen die Brunnen gebaut werden, aus denen Wasser sprudeln wird. 
Noch stehen sie in den Trümmern ihres alten Lebens. Noch. 
Ein erschöpftes Noch. Ein Noch, das kaum noch kann. 

Aber genau dort – in dieses erschöpfte Noch – spricht Gott:

Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid. Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust.

Worte, die nicht nicht in eine heile Welt hineingesprochen wurden.
Sondern Trost für Menschen, die mit dem Wiederaufbau noch nicht einmal angefangen haben. 
Die in den Trümmern stehen und nicht wissen, wo anfangen. 
Und zu ihnen sagt Gott:
Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.

3.

Als ich mit meinem ersten Fahrrad stürzte, nahm mich meine Mutter in die Arme. 
Weich waren sie. Ich spürte ihren Herzschlag an meiner Wange. 
Ihre Jacke war nass von meinen Tränen. Und irgendwann wurden sie weniger. 
Dann wurde mein Knie erstmal mit einem Pflaster zu geklebt und es gab ein Stück vom kalten Hund. 

Das ist Trost. 
Keine Erklärung, warum ich gefallen bin. 
Kein Ratschlag, wie ich es nächstes Mal besser mache. 
Einfach: Arme. Herzschlag. Pflaster. "Kalter Hund". 
Und so tröstet Gott.

Einmal passierte es auf dem Rückweg von der Schule, dass ich in die Hose pinkelte. 
Ich schämte mich furchtbar, aber meine Mutter nahm mich in den Arm, 
ist nicht schlimm, sagte sie. So was kann passieren. 
Komm geh ins Bad, ich bring dir eine frische Hose. 
Ich wusste, alles wird wieder gut. 
Ich glaube, dass Gott das auch so sagt. Über die vielen Momente, wo ich mich schäme. 
Ist nicht schlimm. So was kann passieren. Komm. Es wird wieder gut.

Als ich älter wurde, wusste ich, dass nicht immer alles wieder gut wird. 
Und trotzdem hat meine Mutter mich getröstet. 
Sie hat ihre Hand auf meinen Arm gelegt. 
Manchmal war es eine Postkarte oder eine Schokolade.  
Du schaffst das, sagte sie mir, wenn ich Angst vor dem Abi hatte. 

Als sie starb, war ich traurig, und wusste, sie kann mich nicht mehr in den Arm nehmen. 
Und ich sie auch nicht.
Aber da waren andere, die das taten. 
Und ich wusste auch, dass es ihr nun gut geht und dass sie immer da ist. 
Wir Geschwister haben uns an Szenen mit ihr erinnert - und auch das hat uns getröstet. 
Und auch jetzt weiß ich, dass sie da ist - und hin und wieder höre ich ihre Worte: Du schaffst es. 
Und ich lese das rosafarbene Post-it an meiner Haustür 
und denke an sie und an meinen Sohn und es wird mir leichter ums Herz.

Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid.


4.

Mein Trost ist heute die Hand meines Mannes, 
der duftende Kaffee, den ich mit einer Freundin trinke und sie hört mir zu. 
Mein Trost ist das Telefonat mit meinem Bruder 
oder das Bild, das mir meine Enkelin gemalt hat. 
Mein Trost ist der Song „Up and up“ von Coldplay in Dauerschleife 
oder der Waldspaziergang und ich singe dabei „Wer nur den lieben Gott lässt walten“. 
Mein Trost ist dieser mütterliche Gott, der mich in die Arme nimmt. 
Mein Trost sind Bilder von den mutigen Frauen im Iran. 
Mein Trost ist, dass es Menschen gibt, die trotzdem aufstehen. 
Die trotzdem hingehen. Die trotzdem widersprechen. 
Mit ihnen tröstet mich Gott. 
Und mit diesem kleinen rosa Zettel an meiner Haustür: Du schaffst es.

Trost macht den Schmerz nicht weg. 
Aber er hält mich darin. 
Hält mich in meiner Sehnsucht, die nicht zur Ruhe kommt. 
Er ist kein lautes „Du schaffst es". 
Er ist leise. Vorsichtig. Fast schüchtern. Ein rosa Post-it eben. 

Er blitzt durch den Winter – nicht als Versprechen, dass jetzt schon alles gut ist. 
Sondern als Zeichen, dass Gott schon da ist, bevor es gut wird. 
Ostern ist noch weit. Aber es blitzt schon mal auf.

Gott schaut auf dieses rosa Post-it. 
Auf diese zerbrechliche Welt. 
Auf die Trümmer von Jerusalem und Kiew. 
Und Gott breitet ihren Frieden aus – wie einen Strom. Unaufhaltsam. 
Und sagt: Ich bin dabei. Ich mache neu. 
Und siehe – das ist sehr gut.

Amen.

Freitag, 26. Dezember 2025

Tatsächlich Liebe - weihnachtliche Familiengeschichte(n)

Von einem Gott, der die Welt nicht sich selber überlässt 

Predigt zum 2. Weihnachtstag 2025 
 

auf der Basis von Matthäus 1* und "Tatsächlich Liebe"
mit besonderem Dank an Holger Pyka, bei dessen Predigt von 2020 ich viele Ideen entnommen habe. Und dank an Rainer Stuhlmann für seine Anregungen in den "Predigtmeditationen".

 

1: Bunte Mischung

Wenn mich die weltpolitische Lage deprimiert, denke ich immer an die Ankunftshalle im Flughafen Heathrow. Es wird allgemein behauptet, wir lebten in einer Welt voller Hass und Habgier, aber das stimmt nicht. Im Gegenteil, mir scheint, wir sind überall von Liebe umgeben. Oft ist sie nicht besonders glanzvoll oder spektakulär, aber sie ist immer da – Väter und Söhne, Mütter und Töchter, Ehepaare, frisch Verliebte, alte Freunde.

Mit diesen Worten, gesprochen von Hugh Grant aus dem off beginnt „Tatsächlich Liebe - Love actually“, ein, nein, vielleicht DER britische Weihnachtsfilm aus dem Jahr 2004. 

Wir sehen die Ankunftshalle Heathrow, voll mit Menschen, die eines gemeinsam haben: sie kommen zueinander. Die einen kommen an. Die anderen empfangen sie. Menschen, die einander aufgeregt zu winken, andere, die sich um den Hals fallen. Menschen, deren Augen glänzen. Und andere, die einfach den Koffer aus der Hand des Angekommenen nehmen, als ob sie sagen würden: ja, ist gut jetzt. Komm.

Am Ende des Films sehen wir die Ankunftshalle nochmal. Und dann erkennen wir unter den vielen Gesichtern einige bekannte:
Da kommt David, der Premierminister an. Ihm fällt Natalie um den Hals, die überhaupt nicht zu ihm zu passen scheint - aus einfacher Familie und ihr Ex-Freund hatte sie gehänselt wegen ihrer kräftigen Beine.
Da ist Karen, die ihren Mann Harry empfängt. Ihre Begrüßung ist noch ziemlich verhalten. Sie will es mit ihm noch einmal versuchen, obwohl er alles andere getan hat, um sich diese Chance zu verdienen.
Da ist der kleine Sam, der die amerikanische Austauschschülerin Joanna empfängt und seine Augen blitzen. 
Sein Vater Daniel, der sich nach dem Tod seiner Frau wieder neu verliebt hat. Und John und Judy, die sich selber für so unbedeutend halten und sie verraten lieber niemanden, wie sie sich kennengelernt haben.
Sarah und Karl sind nicht da. Warum?

Ein Film voller Geschichten. Skurril, schön, aber auch solche voller Schmerz. Miteinander verwoben - wie in einer großen Familie und das, obwohl sie nicht alle verwandt sind. 

Viele von ihnen sind nun dort in Heathrow, so wie wir hier sind. Wissen, dass sie nur da sind, weil es den anderen, die andere gibt. Ohne die anderen wären sie nicht die, die sie jetzt sind. God only knows what I’d be without you, singt dazu Carl Wilson von den Beach Boys. Gott allein weiß, was ich ohne dich wäre.

Klavierimprovisation zu „God only knows“ von Beachboys

2: Der vaterlose Jesus

Wenn mich die weltpolitische Lage deprimiert oder der Zustand meiner Wohnung oder der Blick in den Spiegel oder der Gedanke an manche ungelöste oder angestrengte Familiengeschichte - dann denke ich daran, wie das Matthäusevangelium von der Geburt Jesu erzählt. 

Da ist die Lücke, die offen bleibt. 
Wer ist der Vater von Jesus?
 Nur Matthäus erzählt davon, dass Josef nicht der biologische Vater von Jesus ist. Und dass Maria dennoch schwanger wurde, lässt natürlich alle möglichen Phantasien zu. Matthäus erzählt eine göttlich-menschliche Familiengeschichte voller gegensätzlicher Gefühle und offenen Fragen. Eine »Schwangerschaft ohne Mann« produziert bis heute eine Fülle flacher Scherze. Alles, was nicht den Erwartungen und den Normen entspricht, die das bürgerliche Empfinden an eine intakte Familie hat, ist bis heute fragwürdig. 

Okay, es ist heute nicht mehr so skandalös alleinerziehend zu sein, wie es noch vor 50 Jahren war, als ich ein Kind war. Meine Mutter war z.B. nicht verheiratet - ein Skandal in den 60ern bis in die 70er hinein. Stimmt es, dass du keinen Vater hast? - fragte mich vor versammelter Klasse eine Mitschülerin. Und ja, meine Herkunft hatte damit was Anrüchiges, meine Mutter wurde als Schlampe beschimpft und sie wurde immer besonders gelobt, wenn wir was "gut" gemacht haben - "obwohl" wir ja ohne Vater aufgewachsen sind. 

Heute ist das nicht mehr so - Gott sei Dank. Aber wenn zwei Frauen zusammen ein Kind bekommen oder zwei Männer eines adoptieren, wenn Frauen keine Kinder bekommen  können oder wollen oder sich bewusst entscheiden, alleine ein Kind großzuziehen - oder gar umgekehrt das Kind beim Vater wohnen zu lassen - alles das wird immer noch schief angesehen. Und es gibt mindestens eine Partei in Deutschland, die das alles nicht zulassen will, wenn sie mal an der Macht ist. 

Weihnachten ist kein Familienidyll, das macht Matthäus mehr als deutlich. Weihnachten ist Gefühlsstress bei Josef und Maria, ist die Überlegung, ob eine Trennung womöglich besser ist. Weihnachten ist das Aushalten von Lücken und Brüchen, Weihnachten ist hart errungene Entscheidung - die Entscheidung von Maria und Josef sich auf dieses Familienabenteuer mit einem Kind ohne Herkunft einzulassen. Sie springen in die Lücke, die Gott lässt. Josef adoptiert Jesus. Vielleicht würde Jesus einstimmen in das „God only knows what I’d be without you". Gott allein weiß, was ich ohne euch wäre. Und Maria und Josef würden ihm antworten: Mit dir ist Gott bei uns. Und darauf kommt es an.

Lied EG 549 Wir singen dir Immanuel, 1.2.5
Wir singen dir, Immanuel, du Lebensfürst und Gnadenquell, du Himmelsblum und Morgenstern, du Jungfraunsohn, Herr aller Herrn.
Wir singen dir in deinem Heer aus aller Kraft Lob, Preis und Ehr, daß du, o lang gewünschter Gast, dich nunmehr eingestellt hast.
Nun du bist hier, da liegest du, hältst in dem Kripplein deine Ruh, bist klein und machst doch alles groß, bekleidest die Welt und kommst doch bloß.


3: Herkunft Jesu

Schwanger vom Heiligen Geist - mehr sagt Matthäus nicht. Die natürliche Herkunft von Jesus bleibt ein Geheimnis, abgesehen von seiner Mutter. Das ist insofern spannend, weil Matthäus zuvor sehr ausführlich vom Stammbaum von Josef erzählt. Es ist so etwas wie ein antiker DNA-Nachweis über Josef, dass Jesus ein Davidssohn ist - aber am Ende ist Josef gar nicht sein biologischer Vater. Der Stammbaum läuft sozusagen ins Leere. Die direkte Linie ist unterbrochen.

Und dennoch ist er wichtig. Jesus ist tief verbunden mit seinen Vorfahren: mit dem jüdischen Volk, mit den vielen Geschichten, die es erzählt, und nicht zuletzt mit einer Ahnengalerie, die es in sich hat. Dieses Kind liegt da nicht einfach alleine in der Krippe - wie vom Himmel gefallen - sondern ist und bleibt Teil einer heiligen Familie, die gar nicht so heil ist - weder was die Geburtsumstände, noch die Herkunft betrifft.  
Immanuel, Gott mit uns - das Kind wird von Marias und Josefs Armen umfangen und ist verwoben mit den Menschen, die es zu dem gemacht haben, was es ist. Sie alle gehören zusammen, ob sie wollen oder nicht - und in welcher Familiienkonstellation auch immer.

Lied EG 549 Wir singen dir Immanuel, 6.7.10
Du bist der Ursprung aller Freud und duldest soviel Herzeleid, bist aller Heiden Trost und Licht, suchst selber Trost und findst ihn nicht.
Ich aber, dein geringster Knecht, ich sag es frei und mein es recht: Ich liebe dich, doch nicht so viel, als ich gerne lieben will.
Darum, so hab ich guten Mut: Du wirst auch halten mich für gut. O Jesulein, dein frommer Sinn macht, daß ich so voll Trostes bin.


4: Man sucht sich seine Familie nicht aus 

Wenn mich die weltpolitische Lage deprimiert oder der Zweifel an die Menschheit zu groß wird - dann denke ich an die Ahnengalerie von Jesus, mit der Matthäus sein Evangelium startet. Und wenn Matthäus sie schon aufzählt, stelle ich mir vor, die würden das Neugeborene besuchen - zumindest einige von ihnen. Wer würde da so kommen? Man sucht sich seine Familie ja nicht aus - auch Jesus nicht, auch in Bethlehem nicht. 

Da könnte König David den Stall betreten - über ihn könnte man viel erzählen.
Märchenhafter Aufstieg - fast wie in Hollywood. Aber David ist auch der Machthaber, der einen seiner Generäle in den Tod schickt, um sich an seine Frau ran zu machen. Und irgendwie hat der Premierminister David Ähnlichkeit mit ihm.
An Davids Seite steht: Bathsheba (oder ist es Natalie?). Es ist jedenfalls die Frau, wegen der David gemordet hat. Und wehren konnte sie sich auch nicht. An ihrer Hand ein kleiner Junge: Salomo. Sie hat ihm die Krone selber aufgesetzt. Er ist ungeduldig. Sie lächelt.

Ihr Lächeln wird beantwortet von einer anderen Frau, die gerade hereinkommt. Stark geschminkt. Schlank. Sie blickt sich um - im Stall, wo sie nicht hinpasst. Die anderen rümpfen die Nase, aber Rahab lächelt. Als ob sie sagen würde: Ihr haltet mich für eine Prostituierte, aber wenn ich nicht die Spione gerettet hätte, als sie Jericho erkundet haben - hey, ihr wäret alle nicht hier. Tut also nicht so überheblich!

Ihr Blick wandert zu einer weiteren Frau im Raum. Sie sieht nochmal anders aus. Ihre Haltung, ihr Akzent verrät sie: eine Fremde - ausgerechnet aus Moab. Einige der Umstehenden versuchen so dezent und gleichzeitig so weit wie möglich von ihr abzurücken. Aber Ruth scheint das nicht zu stören. Stolz blickt sie sich um, als wollte sie sagen: ich bin anders als ihr. Und ich hab genauso das Recht hier zu sein - ob ihr mich haben wollt oder nicht.  Und sie drückt zärtlich die Hand der älteren Frau, die neben ihr steht.

Da sind noch einige mehr. Aber nur diese Gäste zeigen schon, mit welcher illustren Gesellschaft es Jesus zu tun hat. Wieviele schräge Figuren mit ihrer je eigenen Schuld und ihren krummen Lebensläufen haben da in Bethlehem ihren Platz! Maria und Josef schauen sich an und denken: da sind wir ja gar nicht so falsch. Und das Kind schläft, als ob es überhaupt kein Problem damit hat. Warum auch? Es gehört hierher, genau hierher. Denn diese Welt braucht dieses Kind. Diese schräge Welt braucht die ungeschminkte Liebe dieses Kindes.

Ich bin bei euch, hat Gott einst zu Mose gesagt. Und nun sagt er wieder mit diesem Kind: ich bin bei euch, überall und immer. Ich bin mit euch in dieser Welt, weil die Welt meine Liebe braucht. All you need is love.

Klavierimprovisation zu "All you need is love" (Beatles)

5: Am Ende gewinnt „tatsächlich Liebe“

Weihnachten, das Fest der Familie - wir stellen es uns so schön vor. Alles in Ordnung. Dabei war es das noch nie. Weder an Weihnachten noch in der Heiligen Familie. Gott braucht keine perfekte Familie, sondern stellt sich in unsere Menschheitsfamilie hinein - mit all ihren Rissen und schrägen Figuren. 

Wegen seiner schrägen Figuren mag ich den Film „Tatsächlich Liebe“. Da gibt es sogar Hummer und Kraken im Krippenspiel und die beiden super-sympathischen und bescheidenen Judy und Jack lernen sich ausgerechnet als Lichtdoubles beim Pornofilm kennen. Manches ist schon sehr britisch-schräg, und manches Aufeinandertreffen sehr unwahrscheinlich. Aber da wo es ernst wird, ist der Film am weihnachtlichsten. 

Da ist Sarah, die seit über 2 Jahren in Karl verliebt ist. Als sie nach der Weihnachtsfeier endlich zusammenkommen, werden sie mehrfach unterbrochen. Sarahs psychisch kranker Bruder Michael kann sie jederzeit anrufen und tut es auch, und sie geht immer ran, wenn er es tut. Dazwischen scheint keine andere Liebe zu passen - jedenfalls nicht die zu Karl und nicht jetzt. Das ist traurig, aber auch Realität. 
Zum Schluss feiert sie mit ihrem Bruder Weihnachten, weil sie weiß, dass sie die einzige ist, der er vertraut. Ist das tatsächlich Liebe? Und ja, die verpassten Chancen gehören eben auch zu Weihnachten, wie die Erkenntnis, dass viele Menschen mit ihren Überforderungen und Erkrankungen alleine gelassen werden.

Und da ist Karen. Sie findet in der Jacke ihres Mannes Harry eine Halskette und freut sich, dass er sie ihr an Weihnachten schenken will. Doch als sie ihr Geschenk dann an Weihnachten auspackt, ist da eine CD drin. Ja, ihre Lieblingssängerin Joni Mitchel, aber in diesem Moment wird ihr Verdacht bestätigt, dass Harry was mit seiner Sekretärin hat. Weinend hört sie im Schlafzimmer der Sängerin zu:  
Ich habe die Liebe nun von beiden Seiten betrachtet
Vom Geben und Nehmen, und doch irgendwie
Sind es die Illusionen der Liebe
Ich kenne die Liebe wirklich nicht
(Both sides now)

Karen stellt Harry schließlich zur Rede. Er gibt zu, dass er einen Fehler gemacht hat.
Und offensichtlich versuchen sie es weiter miteinander. Der Film lässt offen, ob sie es schaffen.

Wenn mich die weltpolitische Lage deprimiert, denke ich immer an die Ankunftshalle im Flughafen Heathrow. Es wird allgemein behauptet, wir lebten in einer Welt voller Hass und Habgier, aber das stimmt nicht. So die Stimme von Hugh Grant. Halt stop, will ich dazwischen rufen. So einfach ist das nicht.

Aber er fährt ungerührt fort: 
Als die Flugzeuge ins World Trade Center flogen, gab es unter den Anrufen der Menschen an Bord meines Wissens nach keine Hass- oder Rachebotschaften. Es waren alles Botschaften der Liebe. Ich glaube, wer darauf achtet, wird feststellen können, dass Liebe tatsächlich überall zu finden ist.

Vielleicht hat er Recht. Auf jeden Fall glaube ich, dass Gott diese Welt nicht einfach sich selbst überlässt. Wie der kleine Sam, der durch die Flughafensecurity bricht, um zu seiner Joanna zu kommen, bricht Gott durch den Kokon dieser Welt und lässt sich nicht abhalten, zu uns zu kommen. 
Der Immanuel, der Gott mit uns. Er macht noch aus der verrücktesten schrägen Familie eine heilige Familie: David und Batheseba, Salomo, Tamar und Juda, Ruth, Rahab, Josef, Maria, Jesus. 

Wir sind alle selber Teil dieser verrückten heiligen Familie - wie auf dem Flughafen Heathrow oder im Stall. Wir lieben und werden geliebt. Wir scheitern und machen etwas wieder gut. Mit unseren krummen Lebensläufen ist in Bethlehem Platz für uns. Wir gehören dahin, weil Gott genau deshalb zu uns kommt. Gott liebt diese verrückte Welt. Und am Ende gewinnt - auch wenn es auf krummen Wegen ist - tatsächlich Liebe.
Amen.


*Matthäus 1:
 
Zur Geburt von Jesus Christus kam es so:
Seine Mutter Maria war mit Josef verlobt. Sie hatten noch nicht miteinander geschlafen. Da stellte sich heraus, dass Maria schwanger war – aus dem Heiligen Geist. Ihr Mann Josef lebte nach Gottes Willen, aber er wollte Maria nicht bloßstellen. Deshalb wollte er sich von ihr trennen, ohne Aufsehen zu erregen. Dazu war er entschlossen.
Doch im Traum erschien ihm ein Engel des Herrn und sagte: »Josef, du Nachkomme Davids, fürchte dich nicht, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen. Denn das Kind, das sie erwartet, ist aus dem Heiligen Geist. Sie wird einen Sohn zur Welt bringen. Dem sollst du den Namen Jesus geben. Denn er wird sein Volk retten: Er befreit es von aller Schuld.«
Das alles geschah, damit in Erfüllung ging, was der Herr durch den Propheten gesagt hat: »Ihr werdet sehen: Die Jungfrau wird schwanger werden und einen Sohn zur Welt bringen. Dem werden sie den Namen Immanuel geben«, das heißt: Gott ist mit uns.
Josef wachte auf und tat, was ihm der Engel des Herrn befohlen hatte: Er nahm seine Frau zu sich. Aber er schlief nicht mit Maria, bis sie ihren Sohn zur Welt brachte. Und er gab ihm den Namen Jesus.


Sonntag, 15. Juni 2025

Räume der Gnade

Von aufrechten Frauen und heilenden Begegnungen

Eine Predigt zu 2.Kor 13,11-13, die ich vor 6 Jahren mal mit Anne Gideon zusammen errungen habe, nachdem wir mit der großartigen Nadia Bolz-Weber in Berlin gearbeitet haben. Ich habe sie nun neu aktualisiert. Und Formulierungsideen von Katharina Loh für Teil III sind auch wieder dabei.

I.

Endlich wieder aufrecht gehen. (1)
Endlich wieder dazu gehören. Auf Augenhöhe den anderen begegnen.
Sie hätte es nicht für möglich gehalten.
18 Jahre lang diese Verkrümmung. 18 Jahre gebückt und geduckt sein.
Von den anderen komisch angeschaut. Sich ausgeliefert fühlen.
Nicht mitmachen können. Nichts dagegen tun können. 
18 Jahre lang. Und von Jahr zu Jahr wurde es schlimmer.

Dann betritt Jesus die Synagoge. 
Du bist frei, sagt er zu ihr. Du bist frei. Nichts mehr, was dich niederdrückt. 
Nichts mehr, was dich fesselt. Nichts mehr, was dich klein macht.
Und sie richtet sich auf.

Diese Dämonen können sie mal.
Sie sind vielleicht immer noch da:  die Dämonen, die sie niederdrückten
- bestehen sie aus Angst oder Traurigkeit, Vorurteile oder Missachtung? Wer weiß das schon? - 
Aber sie tun ihr nichts mehr. Nichts mehr, was sie beugt.
Die Dämonen haben nicht das letzte Wort.
Sondern: Gnade und Liebe.  Und Gemeinschaft. Endlich wieder richtig dabei.

II.
Worte von Paulus, die er am Schluss seines 2.Briefs an die Korinther schreibt:
Zuletzt, Brüder und Schwestern,  freut euch, 
lasst euch zurechtbringen, lasst euch mahnen, 
habt einerlei Sinn, haltet Frieden! 
So wird der Gott der Liebe und des Friedens mit euch sein.
Grüßt euch untereinander mit dem heiligen Kuss. 
Es grüßen euch alle Heiligen.
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus 
und die Liebe Gottes 
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!


III.
Paulus schreibt diese Worte am Ende eines verzweifelten Briefes.
Schon früh gab es Probleme in Korinth.
Streit darüber, wer besser glaubt und besser predigt und wie man Abendmahl feiert.
Ja, und wieviel Rücksicht man nehmen muss.
Wer sind die Schwachen und wer sind die Starken?
Und wer bestimmt, wer dazu gehört?
Es wurde immer schlimmer. Lästereien und Kritik - 
auch am Leitungsstil von Paulus.
Und was einmal wichtig war, gerät in den Hintergrund.

Bei sowas hilft eigentlich nur ein klärendes Gespräch. 
Am besten persönlich. 
Doch das geht gerade nicht. 
Also ein Brief.

Darin verteidigt Paulus sich:
„Ich habe niemandem Unrecht getan, niemanden verletzt, niemanden übervorteilt.“
Und er droht: „Wenn ich das nächste mal komme, dann hört der Schongang auf.“
Und man hat das Gefühl: so wird das nichts.
Verteidigung, Angriff, Emotionen, Tränen auch, wild gestikulieren, mit der Hand abwinken.
Das hat keinen Zweck. Komm hör auf.

Paulus argumentiert gern eindringlich. 
Wie man das gern mal tut, wenn man sich in die Enge getrieben fühlt. 
Er bleibt nicht immer ganz sachlich, das kann er gar nicht. 
Aber er schreibt. Und bleibt in Beziehung.
Heiliger Kuss – so schmeckt vielleiccht Versöhnung. 
Und er ringt darum, wie er von Gott erzählen soll. 
Gnade. Liebe. Gemeinschaft.

IV.
Paulus, du selbst weißt, wie sehr du die Gnade brauchst und die Liebe und die Gemeinschaft.
Du weißt um deine Ecken und Kanten.
Was dir schwer fällt. Was du nicht kannst, auch wenn du es noch so sehr willst.
Du ist nicht der Super-Apostel, nicht der strahlende Redner.

Und dass du gesundheitlich angeschlagen ist, verschweigst du auch nicht. (Gott sei Dank!)
Fragen quälen. 
Bist du überhaupt dieser Aufgabe gewachsen? Müsstest du nicht viel öfter vor Ort sein?
Manchmal denkst du, du solltest deine Zunge besser im Zaum halten.
Vielleicht hast du doch zu viele vor den Kopf geschlagen?

Und dann erinnerst du dich: Gott ist in den Schwachen mächtig.
"Gott macht noch aus meinem größten Mist etwas Schönes." (2)
Die Letzen werden die Ersten sein. Aus dem Senfkorn wird ein großer Strauch.
Die gekrümmte Frau kann aufrecht gehen und der Gekreuzigte steht auf.
Jesus teilt sein Brot mit Verrätern, Feiglingen und Karrieresüchtigen.
Sie alle liebt er. Und in dieser Liebe werden sie neu. Sehen sich selber neu.

Ja, Paulus, du musst nicht mehr um deinen Ruf kämpfen, denn bei Gott ist er gut.
Du brauchst das nicht mehr und entdeckst vielleicht auch die Verletzungen der anderen.
Auch sie brauchen den gnädigen und liebevollen Blick. Nicht nur du. Und das spürst du genau.
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit dir!

V.
Vor 10 Jahren stand ich mit einer faszinierenden Frau auf der Bühne beim Kirchentag in Stuttgart. 
Nadia Bolz-Weber. Eine lutherische Pastorin aus Denver, Colorado. 

Ich hatte bis dahin noch nichts von ihr gehört, aber sie hat mich sofort in den Bann gezogen. 
Ihre Tattoos, ihre großen Ohrringe, ihr ausdrucksstarkes Gesicht. 
Und vor allem ihre einfache Sprache. 
(Mein Englisch ist nicht so gut, aber bei ihr verstehe ich jedes Wort!)
Später habe ich ihre Bücher gelesen und dann vor 6 Jahren in Berlin intensiver kennenlernen dürfen.


Warum erzähle ich von ihr?
Nadia kommt aus einer christlichen Kirche, die keine Frauen ordiniert.
Erst mit 27 hat sie erlebt, dass eine Frau im Gottesdienst überhaupt das Wort ergreift.
In ihrer Kirche durfte man nur innerhalb der Ehe Sexualität leben. 
Und so war sie - so erzählt sie - als Jugendliche, als junge Erwachsene zornig. Sehr zornig.
Hat getrunken, Drogen genommen und sich viel gestritten. 
Sie glaubte: So bin ich stark. Ich verletze und zeige nicht, wie verletzt ich bin. 

Seitdem ist viel passiert. Sie hat Gnade erlebt. Den Kuss der Gnade gespürt.
Ihr Körper gehört nun zu ihr, Liebe und Sexualität auch. 
Sie hat gelernt, sich aufzurichten. Aufrecht zu gehen. Sie ist groß und trägt hohe Schuhe. 
Sie predigt mit kurzärmeligem Hemd und jeder kann ihre bunttätowierte Haut sehen. 
Das fühlt sich nicht wie Show an. Sondern so ist sie. Sie versteckt nichts. 
Sie zeigt sich, ihre Tränen, ihre Wut. Nicht damit jeder sie dann wichtig findet,
sondern so kann jede und jeder seine eigenen Tränen, ihre eigene Traurigkeit empfinden. 
Und ist darin aufgehoben: Ein Raum der Gnade.

Wenn Nadia über Gott und Glauben redet, klingt das wie ein Überlebensmittel. 
Und wie etwas, was unglaublich viel größer ist als sie, was sie aber nicht kleinmacht. 
„House of all Sinners and Saints“ – "Herberge für alle Sünder und Heiligen" 
So heißt die Gemeinde, die sie gegründet hat. 
Wer da kommt, war oft lange verkrümmt und lernt gerade, sich aufzurichten. 
Wer da kommt, lernt es neu, an Wunder zu glauben. Und sich selbst zu lieben.

VI.
Und darum erzähle ich so viel über Nadia: 
Denn das ist es, was wir als Kirche, ja, was unsere Welt braucht: Räume der Gnade. 
Räume, in denen wir lernen, uns selbst zu lieben.
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes ist mit Nadia und ist mit uns allen.

Gnade ist Heilwerden und die Sehnsucht danach.
Gnade ist die Möglichkeit, dass es auch gut gehen könnte. 

Gnade ist, dass Gott da ist. Ganz nah. Am Herzen.

Gestern auf dem CSD verteilten wir wieder unsere Segensbänder: "Ich bin wunderbar gemacht."
Ich sah Stirnrunzeln, zuckende Mundwinkel und Tränen in den Augen, wenn wir sie anlegten. 
Meinst du wirklich mich? Die Kirche sieht mich? 
Du segnest mich, die doch von so vielen Christen als Sünderin bezeichnet werde?

Ja, dich segne ich. Dir sag ich zu, dass du Gottes geliebtes Kind bist, so wie du bist. 
Du bist wunderbar gemacht
!
Und so haben wir auf dem Marktplatz in der prallen Sonne und bei lauter Musik 
einen Raum der Gnade geschaffen.
Einen Raum am Herzen Gottes.

VII.
Und auch hier ist der Raum der Gnade. Hier und heute an Trinitatis.
Und zusammen öffnen wir diesen Raum zum Herzen Gottes.
Und sagen: Die Gnade ist mit dir.

Die Gnade ist mit dir, 
die du dich selber nicht leiden kannst.
Gott macht aus deinem größten Mist noch was Schönes:
Aus deiner Inkonsequenz und deiner Wut, aus deiner Angst vor der Zukunft 
und aus deiner Angst vor Fremden und queeren Menschen vielleicht auch.

Gnade sei mit dir,
wenn du mal wieder frustriert bist, dass du nicht so viel geregelt kriegst wie die Nachbarin,
wenn du mit deinen Kindern nicht klar kommst,
wenn du genervt bist von deinen Eltern oder sie sogar hasst.

Gnade sei mit dir,
wenn du nicht die passenden Klamotten hast,
wenn du dir den Kaffee beim Starbucks nicht leisten kannst
oder wenn sich andere an deiner Hautfarbe stören.

Gnade sei mit dir in dieser ungnädigen Welt.
Jesus richtet dich auf. Denn du bist geliebt. Ja genau du!

Jesus nimmt dich mit in den Raum aus Gnade und Liebe.
Mit Nadia und der verkrümmten Frau 
und den vielen Menschen, die gestern dieses Armband bekommen haben.

Der Raum aus Gnade und Liebe - er ist so groß, so riesig,
da sind auch die, mit denen du nicht rechnest. Vermutlich rechnen sie auch nicht mit dir.
Aber Gott macht aus eurem ganzen große Mist was wirklich Schönes.
Und ihr werdet heil mit ihm.

Amen

(1) Dieser Teil bezieht sich auf die Lesung aus Lukas 13,11-17 (Heilung der gekrümmten Frau)
(2) Nadia Bolz-Weber, "Ich finde Gott in den Dingen, die mich wütend machen" - Pastorin der Ausgestoßenen, S. 76

Dienstag, 22. April 2025

Eine große Sause

Kaschnitz und Jesaja und das Leben nach dem Tode

Predigt am Ostermontag*

I.
Glauben Sie fragte man mich

An ein Leben nach dem Tode

Und ich antwortete: ja.


Und ich stimme Marie Luise Kaschnitz zu:
auch ich glaube an ein Leben nach dem Tod.
Glaube, dass Jesus auferstanden ist und dass ich auferstehen werde.

Gestern morgen auf dem Wallberg in der Morgensonne.
Ich höre von weggerollten Felsen,  die das Grab verschlossen haben
und nun den Weg frei geben. 
Und von dem sauber zusammengelegten Schweißtuch des Auferstandenen,
das zeigt, dass was Neues beginnt.
Ich singe gerne die Osterchoräle.
Das Jubeln fiel mir gestern leicht, auch wenn die Stimme noch müde war.
Das Herz war warm. Die Augen klar gewaschen.
Wir sprachen von Osteraugen. Genossen den neuen Morgen. Frohe Ostern.

Ja, ich glaube, dass Jesus auferstanden ist.
Und die Kraft des Auferstandenen stärker ist als alle Bosheit.
Seine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Ja, das glaube ich.

II.
Aber da sind auch die Nachrichten aus der Ukraine und aus dem Kongo.
Aus Italien und den USA.
Tote durch Krieg, Unglück, Gewalt. Immer immer wieder. Es hört nicht auf.
Eine versprochene Osterruhe wird gebrochen.
Ein amerikanischer Präsident hat keinerlei Achtung vor dem Gesetz.
Die Opportunisten lachen sich gerade ins Fäustchen.
Wie ein Schleier legen sich diese Nachrichten über meine Osterfreude.
Über mein  Osterlachen.

Und trotzdem denke ich, fühle ich: Nein, jetzt erst recht!
Wenn Ostern nicht auch jetzt wahr ist, dann ist es nie wahr.
(Dass heute morgen der Papst gestorben ist,
nachdem er gestern noch den Ostersegen der Welt zugesprochen hat -
das könnte kaum passender sein, auch wenn sein Tod traurig ist.)

Ostern ist doch mehr als Frühlingssonne und Blumenrausch.
Ostern ist auch mehr als ein „Jetzt ist alles gut und das Leben geht weiter“.  
Aber was? Wie?

III.
Die Worte von Kaschnitz tragen mich weiter:
Glauben Sie fragte man mich

An ein Leben nach dem Tode

Und ich antwortete: ja

Aber dann wusste ich
Keine Auskunft zu geben

Wie das aussehen sollte

Wie ich selber

Aussehen sollte

Dort

Ich wusste nur eines

Keine Hierarchie

Von Heiligen

auf goldenen Stühlen sitzend

Kein Niedersturz

Verdammter Seelen

Nur

Nur Liebe frei gewordene

Niemals aufgezehrte

Mich überflutend
Kein Schutzmantel starr aus Gold

Mit Edelsteinen besetzt

Ein spinnwebenleichtes Gewand

Ein Hauch

Mir um die Schultern

Liebkosung schöne Bewegung

Wie einst von tyrrhenischen

Wellen

Wie von Worten die hin und her

Wortfetzen

Komm du komm

Schmerzweb mit Tränen besetzt

Berg- und Talfahrt

Und deine Hand

Wieder in meiner

So lagen wir 

Lasest du vor - Schlief ich ein - Wachte auf

Schlief ein - Wache auf

Deine Stimme empfängt mich

Entläßt mich und immer

So fort

Mehr also, fragen die Frager

Erwarten Sie nicht nach dem Tode?

Und ich antworte

weniger nicht.


IV.
Und ich will eigene Worte dazu legen. Stammelnd. Suchend - wie Kaschnitz:
Auch mir fällt es leichter zu sagen, was das Leben nach dem Tod nicht ist:
Schüsse und Todesschreie haben da keinen Platz. Lügen auch nicht.
Da gibt es keine Atemnot und keine Chemotherapie.
Und die Frage: Hast du meine Liebe verdient?  Die wird dort nicht gestellt.
Meine Hände zittern dort nicht mehr - oder doch?
Ich höre dort bestimmt kein „das kannst du ja sowieso nicht“.

V.
Aber ich will mehr als das.
Ich will alles verstehen, was ich jetzt nicht verstehe.
Ich will meine Mutter und meinen Onkel wieder in die Arme schließen
und ihnen sagen, was ich versäumt habe, zu sagen:
Wie dankbar ich ihnen bin und dass ich ohne sie nicht die wäre, die ich bin.
Ich will mich wieder mit meiner Schwester versöhnen und alle Gedanken mit ihr teilen.

Ich will Erdbeeren und Spargel in allen Variationen und alle Gedichte auswendig können.
Neue Wortschöpfungen will ich erobern.
Und die schönste Musik des Himmels hören -
eine geniale Mischung aus Bach und Lord of the Lost und Coldplay vielleicht.
Und selber alles laut mitsingen.

Ich will Fingerspitzen auf meiner Haut spüren, die mir sagen, wie einzigartig ich bin.
Und ich will mit meinen Freunden voller Leidenschaft diskutieren - 
bis tief in die Nacht.
Wir werden nicht müde und wissen, dass wir alle Recht haben.
Wir sind uns einig, dass man Abendmahl auch mal mit Süßigkeiten feiern kann
und trotzdem gefällt es uns mit Brot besser.
Meine kranke Freundin ist gesund wie früher
und meine jesidischen Freunde wissen, dass sie hier endlich sicher hier leben können.
Mit meinen jüdischen und muslimischen Freunden feiere ich ausgelassen
den Frieden in Israel und Palästina. Ach, das wäre himmlisch.

Ich will mit Kindern und Alten in allen Sprachen und Farben lachen und spielen.
Ich will tanzen und meine Füße tun mir nicht weh.
Ich will mich drehen und mir wird nicht schwindelig.
Ich will Felsen erklettern und fliegen und mich dabei ganz leicht fühlen.
Und der Tod ist ein alter Freund, mit dem ich ab und zu im Gras liege
und wir schauen uns die Wolken an und entdecken ihre Formen und Farben.
Wir wissen, dass sie Teil der Ewigkeit sind und darum lassen wir sie ziehen.
Alles ist gut. Und ganz.
Und Frieden. Ja, alles ist Frieden.

VI.
Glauben Sie fragte man mich

An ein Leben nach dem Tode

Und ich antwortete: ja



Und ich höre dazu Worte von Jesaja:

Und der Herr Zebaoth wird auf diesem Berge allen Völkern ein fettes Mahl machen,
ein Mahl von reinem Wein, von Fett, von Mark, von Wein, darin keine Hefe ist.
Und er wird auf diesem Berge die Hülle wegnehmen,
mit der alle Völker verhüllt sind,
und die Decke, mit der alle Heiden zugedeckt sind.
Er wird den Tod verschlingen auf ewig.
Und Gott der Herr wird die Tränen von allen Angesichtern abwischen 
und wird aufheben die Schmach seines Volks in allen Landen;
denn der Herr hat's gesagt.


VII.
Ich glaube, Jesaja und ich werden gute Freunde.
Eine große Sause bis in die Puppen.
Richtig richtig gutes Essen. Menschen aus nah und fern.
Und nichts mehr, was uns trennt.
Kein Schleier, keine Decke, - alles klar und offen.
Liebevolle Berührung. Zärtliches Tränenabwischen.
Gott reicht mir das Taschentuch und nimmt mich in den Arm.
Und die Gedemütigten werden aufgerichtet.
Leben nach dem Tod.
Maßloser Himmel.
Liebe pur.

VIII.
Und jetzt? 
Da ist die Lücke zwischen jetzt und dann.
Und die tut verdammt weh.
Die wird immer sein. Da wird immer was fehlen.

Darum klammere ich mich daran, dass Jesus bereits auferstanden ist.
Und ich bin überzeugt, dass Gott ihr Versprechen wahr macht:
Der Tod ist nicht das Ende. 
Auch für mich gibt es ein Leben danach.
Und was nach dem Tod kommt, ist so großartig, dass es mich beflügelt.

Ja, dieses Danach, das blitzt jetzt in mein Leben hinein.
Aller Unmenschlichkeit und Gewalt zum Trotz.
Der Auferstandene ist bei mir und lässt sich nicht mehr vertreiben.
Das Schweißtuch ist zusammengelegt. Es wird nicht mehr gebraucht.
Das Osterlicht ist da.  Und es blitzt herein. Jeden Tag.
Jesus sprach mal vom Sauerteig und vom Senfkorn,
die das Himmlische sichtbar machen.
Er brach Brot, damit wir den Himmel schmecken
und die Liebe bereits jetzt leben.

IX.
Also schau ich genau hin und achte auf die Osterlichtmomente.
Die kleinen Lichtfunken, die ich so leicht übersehe.
Die Freundin, mit der ich mich über hunderte Kilometer hinweg, verbunden fühle.
Der abendliche Chat mit einem Freund.
Die schamlos blühende Glyzinie vor meinem Fenster
und der wilde Tanz in der Küche beim Kochen.
Die mutigen Menschen hier in Pforzheim, die sich nicht einschüchtern lassen,
sondern beharrlich an einer gast- und menschenfreundlichen Stadt arbeiten.
Und das gemeinsame Gebet in alle vier Himmelsrichtungen auf dem Wallberg
am Ostermorgen. Wolkenleicht und erdenschwer.

In alledem spüre ich das, was noch kommen wird.
Das wird dann viel schöner und strahlender sein und ganz anders auch.
Und leichter.
Aber es trägt mich schon jetzt. Beflügelt. Macht mir Mut zum Leben.

Sie ist da, die Liebe  -
frei geworden
e
Niemals aufgezehrt  
Mich überflutend

Mehr also, fragen die Frager

Erwarten Sie nicht nach dem
Tode?

Und ich antworte

weniger nicht.


Auch nicht für jetzt.
Amen.


*Ich habe diese Predigt so ähnlich schon mal vor 6 Jahren gehalten und sie nun aktualisiert.

Samstag, 19. April 2025

Nur noch das Kreuz - es ist alles

Predigt an Karfreitag zu Johannes 19

(mit Anleihen an meine Predigt von vor 4 Jahren und in Teil 3 an Formulierungen von Anna-Luise Amthor und Melanie Pollmeier - DANKE!!)



1.

Er trägt selber das Kreuz - hinaus aus der Stadt.
Niemand hilft ihm.
Hier bei Johannes ist kein Simon von Kyrene wie bei Matthäus.
Hier muss Jesus das Kreuz, das ihm den Tod bringt, selber tragen.
Allein.
Ausgeliefert.
Pilatus hat ihn ausgeliefert. Der römische Statthalter.
(Und auch wenn Johannes ihn weichzeichnet und als Unschuldigen darstellt: er ist es nicht. Er hat das Urteil gesprochen.)
Ausgeliefert den religiösen Gegnern. Dem Volk. Den Soldaten.
Ausgeliefert an die Welt. Von Pilatus und allen Tyrannen dieser Welt.
Dem Spott ausgeliefert und dem Mobbing. Dem Neid und dem Hass.
Ausgeliefert der Willkür. Des Spiels mit der Macht. Von einem, der die Macht hat.
Wer ausgeliefert wird, hat keinen Einfluss mehr darauf, was mit ihm passiert.
Kann sich nicht wehren. Ist machtlos. Trägt sein Kreuz selber.
In den Gefängnissen dieser Welt. In den Folterkammern. Auf den Hinrichtungsplätzen.
Ausgeliefert den Tiefen des Mittelmeeres, dem Gefängnis in El Salvador oder den Bomben auf die eigene Stadt.
Ausgeliefert an die Gleichgültigkeit, die Angst, der Verzweiflung.

Man könnte meinen, dass es ein Gottloser ist, der hier ausgeliefert wird.
So wie wir urteilen über Abgeschobene, Gefangengenommene, Bestrafte, Erschossene.
Aber es ist kein Gottloser. Es ist Gott selbst, der sich ausliefern lässt.

Gott lässt sich von einem König in das Dorf Bethlehem schicken.
Sie lässt sich die Tür vor die Nase schlagen: hier ist kein Platz für dich.
Gott lässt sich in einen Futtertrog legen. Er lässt sich in die Flucht schlagen.
Gott lässt sich abführen und bespucken, verleugnen und verraten.
Lässt sich foltern und ans Kreuz schlagen.
Gott lässt sich ausliefern.

Gott hat sich als Mensch ausgeliefert.
Ganz und gar. Ohne Abstriche.
Und trägt das Kreuz selber. Ein menschlicher Gott. Ein leidender Gott.

2.

Er trägt sein Kreuz selber. Nackt und bloß. Geschlagen und geschunden.
Ohne Mantel. Den haben die Soldaten und spielen um ihn.

Jesus ist für sie uninteressant geworden.
Er zählt nicht mehr. Eine Nummer. Mehr nicht.
Was er hat, ist interessant, nicht was er ist.
Dass da eine Mutter ist, die um ihn weint - eine Freundin, die um ihn trauert.
Dass er liebt und geliebt wird.
Dass er Träume hat und Hoffnungen.
Dass er leben will.
Lieben. Lachen. Tanzen. Umarmen. Glauben. Weinen. Staunen. Zweifeln. Sich freuen.
Das alles interessiert nicht.

Man blendet aus, dass hier ein konkreter Mensch stirbt.
Rückt von ihm ab. Weicht aus.
Wir können sowieso nicht alle aufnehmen, sagen manche über die Flüchtlinge.
Selbst denen wir es versprochen haben: was soll’s?
Die Toten in Myanmar - wer kann sie schon zählen.
Die vielen Namenlosen, die sich nun vor der amerikanischen Polizei verstecken müssen.
Die vielen Kinder, die in christlichen Heimen misshandelt wurden.
Die vielen Familien in den Trümmern dieser Welt.
Zahlen. Nummern. Wenn überhaupt.

Jesus ist heute die Nummer 3. Wird in die Mitte platziert. Da hängen schon 2 andere.

3.

Einer von vielen. Uninteressant.
Aber der Mantel ist für die Soldaten interessant.
Denn er ist wertvoll. In einem Stück gewebt.

Die Geschichte dieses Mantels interessiert sie nicht.
Das Gewand, das Jesus durch die Jahre begleitet hat, als er durch das Land zog.
Auf dem Stoff hatten Kinder gesessen, wenn er erzählte.
Der Saum war feucht geworden vom Wasser des Sees.
Der Staub der langen Wanderungen hatte sich in den Fasern festgesetzt.
Jesus hatte sich darin zusammengerollt,
als er im Rumpf des Schiffes schlief, während draussen ein Sturm tobte.
Er wurde berührt von der seit Jahren menstruierende Frau,
unrein und ausgestossen, und sie ersehent Heilung.
Der Mantel riecht noch nach Fisch und nach dem Rauch des Feuers am Abend.
Und nach der Liebe seiner Mutter Maria, die ihn wohl einst webte. 
Alles, alles in diesem einen Stück Stoff, ein Kleid der Liebe und des Lebens,
ungenäht, von oben an gewebt in einem Stück.

4.

Jesus hat diesen Mantel nicht mehr, sondern nur noch das Kreuz.

„Nur“ - ach, wenn es nur ein "Nur" wäre.
Aber das Kreuz ist alles.
Alles Leid, alle Kälte, aller Hass, alle Angst.
Alle Tränen. Alle Einsamkeit. Alle Wut. Alle Ohnmacht. Alle Sinnlosigkeit.
Alles das trägt Jesus.
Und er erträgt, was keiner ertragen kann, aber viel zu viele ertragen müssen.
Jesus weint die Tränen der gedemütigten Kinder
Jesus klagt mit palästinensischen und israelischen Müttern und Vätern.
Die Schläge der Peiniger im großen Gefängnis in El Salvador graben sich in seine Haut.
In Stich gelassen schleppt er sich weiter wie die afghanischen Frauen.
Mit dem Kreuz.

5.

Jesus hat nur noch das Kreuz.
Aber am Ende ist Jesus nicht allein.
Und das ist für mich das Tröstlichste an dieser Szene.
Der Gottverlassene ist nicht verlassen.
Denn da sind die anderen, die ihn lieben.
Die Marias, die Mutter von Jesus und der eine von den Freunden ist auch da:
er steht Jesus besonders nahe.

Sie stehen da - fassungslos, voller Angst, verzweifelt, todtraurig.
Aber sie stehen für ihn da. Lassen ihn nicht in Stich.
Folgen seinen Spuren. Tragen seine Liebe weiter.
Leiden mit ihm. Trauern um ihn. Sind an seiner Seite.
Und sie stehen zusammen da. Und auch darauf kommt es an.
Der Sterbende spricht zu ihnen:
Ihr gehört zusammen. Bleibt beieinander.
Tragt zusammen, was für eine allein zu schwer ist.
Sein Liebesmanifest im Tod. Seine Botschaft am Kreuz.
Die Liebe hört nimmer auf.
Ihr seid nicht allein. Ich bin bei euch. Und ihr seid bei mir.

So bleibt beieinander und nehmt die Liebe mit.
Tröstet die, die um ihre Liebsten trauern. Nehmt sie in den Arm.
Bleibt beieinander und lasst euch nicht gegenseitig ausspielen.
Seid wachsam für die, die ins Nichts geschickt werden.
Lasst sie nicht in Stich. Auch wenn ihr gerade nicht mehr tun könnt, als da zu sein.
Unterm Kreuz. Für sie.
Sie brauchen euch. So wie Jesus euch braucht. Damit er nicht allein ist.


6.
 
Es ist vollbracht. Die letzten Worte von Jesus.
Vollbracht.
Ein Wort, das ich nie wirklich verstehe.
Will es mich vertrösten? Alles ist gut so? Alles soll so sein?
Kein Mensch kann das wirklich wollen. Und kein Gott.

Aber nun ist es da, dieses Wort: vollbracht.
Und ich schaue aufs Kreuz, das die Vertikale und die Horizontale zusammenführt.
Himmel und Erde und die ganze Welt.
Alles das kommt zusammen in diesem Kreuz und unter und an dem Kreuz.
Es ist vollbracht. Es ist alles.

Und ich schaue auf diesen Ausgelieferten und Gedemütigten,
auf den, der noch im Sterben Liebende zusammen bringt.
Er sorgt dafür, dass da welche beieinander stehen. Einander halten und stützen.
Dass sie in seinen Spuren weiter gehen.
Sein Tod reißt nicht auseinander, sondern führt zusammen.

Dieses Kreuz führt Gott da hinein, wo es dunkel ist.
Wo nichts mehr ist. Wo alles auseinander bricht.
Wo wir an unser Ende kommen -
ausgeliefert und gedemütigt und nackt und voller Wunden und Narben.
Da ist Gott.
Bei den Müden und Erschöpften, den Verzweifelten und Ausgepowerten,
den Verprügelten und Kraftlosen und Eingesperrten - da ist er: der Liebende.
Er bleibt mit seiner Liebe. Er hält das aus, was ich nicht mehr aushalte.
Und er hält mich aus. Ist bei mir. Voll und ganz.


7.

Jesus trägt selber das Kreuz und stirbt am Kreuz und umarmt die ganze Welt.
Es ist vollbracht.
Dieses ausgelieferte, gedemütigte, nackte, liebende Leben ist vollbracht.
Da ist kein Makel und kein Scheitern, auch wenn die anderen das so sehen.
Es ist ganz. Ganz und gar. Es ist vollständig.
Wie das Gewand, um das die Soldaten würfeln.
Alles was vorher Liebe war ist immer noch voller Liebe.
Und die Liebe geht mit in den Tod. Sie bleibt.
Voll und ganz.

Amen.

Samstag, 12. April 2025

Hier ist der Mensch!

Viele Fragen und kaum Antworten, aber die Erkenntnis, dass die Wahrheit vor Augen steht, obwohl selbst die Bibel nicht frei von Unwahrheiten ist.....



Predigt zu Johannes 18,28 bis 19,5 (1)

(mit Dank an Gundula Meiner, Ann-Kathrin Kruse  und die "Predigtbuddies" für Anregungen und Ideen, die ich zum Teil übernommen habe - vor allem in den Teilen 2 bis 4.
Bild ist von Antonio Ciseri)

1.
Hier ist der Mensch!
Ist das die Antwort auf die vielen Fragen, die Pilatus stellt?
Die Antwort auf meine Fragen? Auf deine Fragen?
So viele Fragen, auf die keine Antwort kommt.
Hier ist der Mensch - ist das die Wahrheit, nach der Pilatus fragt?

Hier ist der Mensch!
Hier ist er. Bespuckt. Geschlagen. Ausgelacht. Verhöhnt. Gefoltert. Gekrönt mit Dornen.
Hier steht er. Ausgeliefert den Blicken, der Willkür, der Macht.
Hier ist er. In Stich gelassen von seinem besten Freund. Ins Visier der Feinde geraten.
Instrumentalisiert von allen, die von sich ablenken wollen.

2.
Hier ist der Mensch!
Ein Mensch, der vor einem römischen Gericht steht.
Ein Jude.
Angeklagt von den Oberpriestern dem Tempels:
Wieder so ein Aufrührer, der das ohnehin schon gebeutelte jüdische Volk
unter den lauernden Augen der römischen Besatzer in Gefahr bringt.
Den Römern reicht der leiseste Vorwand, um noch grausamer zuzuschlagen.
Er wird als neuer König gefeiert. Das ist gefährlich.
Nennt sich selber sogar „Sohn Gottes“.
Das erfüllte im Römischen Reich den Tatbestand des Hochverrats:
Einer „wie Gott“ zu sein, das durfte nur einer für sich beanspruchen:
der Kaiser des Römischen Reiches.
Kreuzigen ist die römische Methode, mit solchen Rebellen abzurechnen.
Was am Ende zur Anklage führte – heute ist das nicht mehr nachvollziehbar.
Klar ist nur:
Verantwortlich für das alles sind die römischen Herrscher,
nicht die Juden und Jüdinnen - wie Johannes es darstellt.
Dazu hatten sie gar kein Recht und keine Möglichkeiten.
Was bleibt, ist das Flehen: Schaffe mir Recht, Gott! (Psalm 43)(2)

3.
Hier ist der Mensch!
Und dieser Mensch wird von Pilatus gefragt: Was ist Wahrheit?
Und dann geht er wieder hinaus und sagt: Ich sehe keinen Grund, ihn zu verurteilen.

Der Evangelist Johannes beschreibt Pilatus mit dickem Weichzeichner:
Als einen maßvollen Richter, der die richtigen Fragen stellt. Als einen, der Jesus für einen harmlosen Querulanten hält.
Andere Quellen beschreiben Pilatus aber als brutalen, kaltschnäuzigen und grausamen Gewaltherrscher. Ein Autokrat, für den kein Gesetz zu gelten scheint – wie aktueller er kaum sein kann… Mit Aufrührern macht er gleich kurzen Prozess oder gar keinen. Ausgerechnet an seinen Namen erinnern wir Christinnen und Christen regelmäßig in unserem Glaubensbekenntnis: Gelitten unter Pontius Pilatus…..

„Was ist Wahrheit?“  Pilatus interessiert die Frage nicht wirklich. Der Schreibtischtäter mit der weißen Weste fällt das Todesurteil und lässt es vollstrecken, aus Lust an der Gewalt, aus politischem Kalkül, zur Abschreckung oder einfach, um diesen lästigen Juden loszuwerden. Populist ist er auch noch. Tut so, als ob er das Volk befragt.  Und macht sie alle miteinander lächerlich, die jüdischen Ankläger, den Juden Jesus, das Volk. Wahrheit und Gerechtigkeit werden dem Machterhalt geopfert.

4.
Was ist Wahrheit?
Wahr ist: Über Jahrhunderte wurde aus dieser Darstellung der Passionsgeschichte durch Johannes eine Anklage gegen das gesamte jüdische Volk. Die Beschuldigung als „Christusmörder“ wurde zur Rechtfertigung von Hass, Verfolgung und extremer Gewalt gegen Jüdinnen und Juden.
Oft wurde einfach vergessen: Jesus selbst war Jude!
Seine Jünger waren Juden. Und nicht „die Juden“ als Volk wollten seinen Tod, sondern eine Gruppe von religiösen Führern, die Angst um ihre Macht hatten. In einer Zeit, in der die ersten Christen sich von ihrer jüdischen Herkunft immer mehr entfernten und gleichzeitig nicht als Feinde Roms erscheinen wollten, war es politisch hilfreich, die Hauptschuld an Jesu Tod bei den jüdischen Führern zu verorten. So konnte man Jesu Hinrichtung als römisches Versehen deuten – und die ersten Christen standen nicht als Anhänger eines verurteilten Verbrechers da. Mit diesem christlichen Opportunismus nahm das Verhängnis seinen Lauf.

Und hier steht er, der Jude Jesus, jahrhundertelang immer wieder neu bespuckt, gedemütigt, gequält, getötet - auch von Menschen, die an Jesus glauben.

5.
Doch es gab und gibt auch andere. Gott sei Dank.

Dietrich Bonhoeffer zum Beispiel. In 3 Tagen, am 9. April jährt sich zum 80. Mal sein Todestag. Im KZ Flossenbürg hingerichtet von den Nationalsozialisten, weil er mit anderen Christen und Christinnen gegen Hitler kämpfte. Einer der wenigen evangelischen Theologen damals, der erkannte, welches Unrecht den Juden und Jüdinnen angetan wurde und er kritisierte seine Kirche scharf dafür, dass sie sich nicht für die von den Nazis Verfolgten einsetzte. Er forderte, dass die Kirche die Opfer von Willkür und Unrecht nicht nur betreuen, sondern sich schützend vor sie stellen sollte - dass sie dem Rad in die Speichen fällt, also das Unheil aktiv stoppt und nicht nur zuschaut und abwartet. Nicht weil die Christen die bessere Politik machen würden, sondern weil es ihre Aufgabe ist, für die Verfolgten und Bedrohten einzustehen - die Stimme für die Verstummten zu sein, für die Entrechteten, die Minderheiten. Die Kirche ist nur dann die Kirche Jesu, wenn sie nicht für sich selber da ist, sondern für andere eintritt.

6.
Denn so ist Jesus.
Das wusste nicht nur Bonhoeffer, sondern laut Johannes sogar Pilatus, auch wenn er damit nichts anfangen konnte.
Jesus, der Mensch, der nicht für sich selber eintritt, sondern für andere.

Hier ist der Mensch!
Hier ist der Mensch, der die Liebe Gottes lebt und zeigt - mit Haut und Haaren und seinem ganzen Körper. Und das ist eine ganz andere Wahrheit als die von Mächtigen wie Pilatus und Trump, Putin und Erdogan und wie sie alle heißen. Die Wahrheit von Jesus ist eine ganz andere als die von dieser Welt, in der das Recht des Stärkeren gilt. In der Wahrheit von Jesus führen keine Fake-News zu einer unmenschlichen Politik, die in Kauf nimmt, dass Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken und Kinder aus ukrainischen Hochhäusern gebombt werden. Nein, die Wahrheit von Jesus zerstört Lüge und macht frei, die Liebe zu leben. Sie stellt sich den Suchenden wie einem Nikodemus, auch noch mitten in der Nacht, sie nimmt dem Populismus die Steine aus der Hand und schützt eine Frau, die von der Mehrheit verurteilt wird. Sie lehrt, dass das Teilen satt macht und hält den Zweifler Thomas aus. Sie wäscht die Füße und schließt die Kinder in die Arme. Wer herrschen will, muss dienen. Das ist die Wahrheit Jesu.

7.
Hier ist der Mensch.
Sei ein Mensch.
Diesen Satz lernte der Sportreporter Marcel Reif von seinem jüdischen Vater, der den Holocaust überlebte. Sei ein Mensch. Bleibe menschlich und empathisch, liebevoll und aufrecht und ehrlich.

Sei ein Mensch, der nicht von außen zuschaut, wie Opportunismus das Leben von so vielen gefährdet. Nur weil eine angebliche Mehrheit will, dass mehr Geflüchtete abgeschoben werden sollen, akzeptiere das nicht einfach so. Schau genau hin, ob es wirklich die Lösung für unsere Probleme ist, was die sogenannte Mehrheit will, und widerspreche, wo es sich als Fakenews entpuppt.

Sei ein Mensch und bleibe menschlich, auch wenn du dafür ausgelacht wirst.
Sei ein Mensch und stelle dich an die Seite derer, die zum Sündenbock gemacht werden.
Lass sie nicht allein.

8.
Du kannst so ein Mensch sein, weil hier dieser Mensch Jesus für dich einsteht.
Da steht er mit seinem Purpurmantel und seiner Dornenkrone.
Gottes Sohn.
Und so wie er bist auch du Sohn und Tochter Gottes, Gottes Kind.
Wertvoll, geachtet, gesegnet von Gott.
Aufrecht stellst du dich den Anhängern von Pilatus, Trump, Putin und wie sie alle heißen entgegen,
Den Lügen und der Menschenverachtung schaust du ins Auge und lässt ich nicht beeindrucken.
Ja, du fühlst immer noch deine Ohnmacht, du hast auch Angst, aber du weißt, dass du nicht alleine bist. Tote und lebende mutige Menschen stehen dir zur Seite: die amerikanische Bischöfin Mariann Budde oder der Senator Cory Booker zum Beispiel, 25 Stunden lang entlarvte er die Lügen im Stehen. Oder Duzen Tekkal, die den Pforzheimer Friedenspreis bekommen hat. Menschen wie sie machen mir Mut. Und dir hoffentlich auch!

Aber vor allem: hier ist der Mensch.
ECCE HOMO.
Jesus, Mensch und Gottes Sohn.
Er steht da und ist da für dich.
Und für die ganze Welt.

(1) Johannes 18,28 - 19,5 (Übersetzung nach der Basisbibel)

Die Vertreter der jüdischen Behörden brachten Jesus zum Sitz des römischen Statthalters, dem sogenannten Prätorium. Es war früh am Morgen. Sie gingen nicht in das Prätorium hinein, um sich nicht zu verunreinigen, damit sie das Pessachmahl essen könnten.
Also kam Pilatus zu ihnen heraus und fragte:
»Welche Anklage erhebt ihr gegen diesen Menschen?«
Sie antworteten und sagten zu ihm:
»Wenn er nicht ein Verbrecher wäre, hätten wir ihn dir nicht ausgeliefert.«
Da sagte Pilatus zu ihnen:
»Nehmt ihr ihn und verurteilt ihn nach eurem Gesetzbuch!«
Die Jüdinnen und Juden sagten zu ihm: »Es ist uns nicht erlaubt, einen Menschen hinzurichten.«
Dies geschah, damit das Wort Jesu erfüllt werde, mit dem er angekündigt hatte, auf welche Weise er sterben sollte.
Pilatus ging wieder hinein ins Prätorium, rief Jesus und fragte ihn:
»Bist du der König des jüdischen Volkes?« Jesus antwortete: »Ist das deine Meinung oder haben es dir andere über mich gesagt?«
Pilatus antwortete:
»Bin ich etwa ein Jude? Angehörige deines Volkes und die Hohenpriester haben dich mir ausgeliefert. Was hast du getan?«
Jesus antwortete:
»Mein Reich gehört nicht dieser Welt an. Wenn mein Reich dieser Welt angehören würde, würden meine Leute kämpfen, damit ich nicht der jüdischen Obrigkeit ausgeliefert werde. Mein Reich ist aber nicht von hier.«
Da sagte Pilatus zu ihm: »Bist du also doch König?«
Jesus antwortete: »Du sagst, dass ich König bin. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeuge. Alle, die der Wahrheit angehören, hören auf meine Stimme.«
Pilatus fragte ihn: »Was ist Wahrheit?«
Und als er dies gesagt hatte, ging er wieder hinaus zu den Vertretern der jüdischen Obrigkeit und sagte ihnen:
»Ich sehe keinen Grund, ihn zu verurteilen. Es ist aber Sitte bei euch, dass ich euch zum Pessachfest jemand freilasse. Wollt ihr nun, dass ich euch den König des jüdischen Volkes freilasse?«
Da schrien sie wieder und sagten:
»Nicht ihn, sondern Barabbas.« Barabbas war ein Räuber.
Da nahm Pilatus Jesus und ließ ihn auspeitschen. Die Soldaten flochten einen Kranz aus Dornen und setzen ihn auf seinen Kopf. Sie zogen ihm ein Purpurgewand an, kamen zu ihm, sagten:
»Sei gegrüßt, König von Israel!«und gaben ihm Ohrfeigen.
Pilatus ging wieder hinaus und sagte zu ihnen:
»Hier bringe ich ihn zu euch hinaus, damit ihr erkennt, dass ich keinen Grund sehe, ihn zu verurteilen.« Jesus kam heraus und trug den Kranz aus Dornen und das Purpurgewand.
Und Pilatus sagte zu ihnen:
»Hier ist der Mensch.«

 (2) Psalm 43 ist der für diesen Sonntag maßgebliche Psalm. Und dieser Vers "Schaffe mir Recht" gibt dem Sonntag Judika seinen Titel.


 




Mittwoch, 25. Dezember 2024

Der Anfang ist gemacht



Von Anfängen,
dem einen Wort und von Gotteskindern

Predigt zu Johannes 1 am Weihnachtsmorgen

1.
Im Anfang war das Wort.

Der Tag ist noch müde. Der Weihnachtsmorgen nach dem heiligen Abend. Geschenkpapier liegt noch herum, die Kerzen am Baum heruntergebrannt. Der Geruch vom abendlichen Raclette vermischt sich mit dem nach Wachs und Nordtanne. Die Weingläser stehen noch auf dem Tisch. Und die anderen schlafen.
Aber du bist wach. Machst dir einen Kaffee und sein Duft vermischt sich mit dem von Raclette und Nordtanne und Wachs und etwas Zweifel ist auch dabei.
Es ist ruhig. Am Anfang.
 
Und du gehst vor die Tür. Ganz am Anfang ist die Luft klar.  Sie riecht nach Morgenregen und nach Erde. Der Himmel ist so dunkelblau, dass man den Morgenstern noch sieht. Am Rand aber ist er hellblau und schimmert gold. Und dann kommt die Sonne an. Ein riesengroßer flacher Ball. Und siehe, es ist sehr gut.
 
Die Schöpfung weiß, was am Anfang zu tun ist. Wenn es Tag wird.  Wenn ein Same aufgeht und der Regen die Luft sauber gewaschen hat.
Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.  Und Regen und Tag und Nacht und Sonne und das Licht. Der Anfang ist ein Raum und in dem ist alles da und doch noch im Werden. So vieles, was entstehen kann und so vieles, das vergehen wird. Im Anfang ist beides da: Werden und Vergehen, Beginn und Ende. A und O.
 
2.
Am Anfang.
Am Anfang ist das Licht mild. Das Licht vom Weihnachtsmorgen.
Die Welt sieht anders aus in diesem Licht. Du siehst das Gute.
Das Wahre. Das Versöhnliche auch.
Du siehst das, was du sonst übersiehst.
Den kleinen Tropfen auf der Fensterscheibe in Regenbogenfarben.
Die Christrose zwischen Laub.
Den Herrnhuter Stern im Türeingang.
Du siehst, wie schön die Falten deiner alten Nachbarin sind. Sie haben so viel zu erzählen.
Du siehst die Rose auf dem Grab, die irgendjemand dorthin gelegt hat.
Und du siehst vielleicht, wie jemand frierend an der Bushaltestelle wartet
und nimmst ihn in deinem Auto mit.
 
Am Anfang sind deine Augen klarer als sonst.
Und zugleich siehst du, dass du nicht alles auf Anfang setzen kannst.
Aber du bist Teil davon. Mittendrin im Anfang, in den sich der Zweifel gemischt hat.
Und zugleich voller Sehnsucht nach diesen hellen Anfängen.
 
3.
Am Anfang.
Am Anfang ist die Liebe.
Und mit deinem dampfenden Kaffee in der Hand erinnerst du dich, wie du nur an ihn denken konntest und dabei vergessen hast, welcher Tag ist. Leicht und unbeschwert war sie, diese Liebe. Da zählte nicht, was die anderen sagten. Nur die zarte Berührung. Die Sehnsucht und der Blick in die strahlenden Augen.
Am Anfang war der Name, als du ihn das erste Mal sagtest.
Am Anfang war die Fahrradfahrt in der Nacht und die Gespräche im Café.
Am Anfang war eine Strähne, die ins Gesicht fiel und stundenlange Telefonate.
Am Anfang war der Arm, die Hand und ein pochendes Herz. Verstehen ohne Erklären.
Ganzsein. Ganz und gar. Ein Leib. Ein Fleisch.
 
Im Anfang war das Wort,
und das Wort war bei Gott, 
und Gott war das Wort.
Dasselbe war im Anfang bei Gott. 
Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht,  
und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.
In ihm war das Leben,
und das Leben war das Licht der Menschen.
Und das Licht scheint in der Finsternis,
und die Finsternis hat's nicht ergriffen.
Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns.

 
Am Anfang war die Liebe und die Liebe wird Leib und Körper.
Wird Berührung und Herzschlagen und Wortestammeln.
Gott fängt mit jeder Liebe neu an und wird Leib und Körper in jeder Liebe.
Alles ergibt einen Sinn. Alles fügt sich zusammen.
Und alles, was unwahr ist, ist weit weit weg. Im Anfang. Und siehe, es ist sehr gut.

4.
Im Anfang war das Wort,
und das Wort war bei Gott, 
und Gott war das Wort.

 
Der Anfang ist wie ein unbeschriebenes Blatt Papier. Nackt und unschuldig.
Du sitzt vor diesem Blatt und suchst nach dem richtigen Wort. 
Ist es müde oder voller Kraft?  Tröstet oder erschreckt es dich?
Was wird es über deine Zukunft sagen? 
Wird es dich verändern  oder dir gar den Boden wegreißen?
Für all diese Fragen ist es noch zu früh. Der Anfang ist noch nackt.
Das Wort wird noch geboren. Es kommt noch nicht auf deine Lippen. 
Denn du ahnst nur, dass es da ist.  Deine Sehnsucht nach dem Woher und Wohin.
Deine Liebe. Dein Leben. Alles ist darin, in diesem Wort.

Am Anfang ist das eine Wort bei Gott. Der Sinn allen Lebens - verborgen in dem Einen.
Nicht zu greifen. Das Wort, das Eine, es kommt zur Welt in einem Stall. 
Dort, wo es nach Tierdung riecht und das Stroh piekst.
Wo Menschen weinen und lachen.
Wo die Welt zusammenschrumpft auf einen Moment und einen Ort.
Der ist nichts Besonderes und doch alles.
Eigentlich gibt es dafür keine Worte:
für dieses Große, was uns hält, und für das Schöne, was uns umschließt.
Unsere Worte sind zu klein dafür. Zu klein für Gott.
Zu klein für das Leben. Zu klein für das Wunder.

5.
Im Anfang war das Wort,
und das Wort war bei Gott, 

und Gott war das Wort.

 
Du möchtest alles auf Anfang stellen. Von vorne anfangen.
Nur das eine Wort und nicht die vielen anderen.
Keine Lügen. Keine Schuld. Keine Worte, die verletzen.
Was am Anfang so leicht ist, wird im Weitergehen so schwer.
Liebe lässt sich nicht halten. Gott auch nicht. Gott wird zu groß für dich. 
Du spürst wie verletzlich du bist und die Welt auch.
In diesen Tagen vielleicht ganz besonders, weil Weihnachten die Haut dünner ist als sonst.
Ein Streit tut heute besonders weh.  Die Bilder aus Magdeburg lassen verzweifeln.
Alleinsein ist heute kaum auszuhalten.
Und auch nicht die Sehnsucht nach mildem Licht und erster Liebe.
Ja, alles auf Anfang stellen – das wär’s, denke ich. Sehne ich. Du auch?
 
6.
Im Anfang war das Wort,
und das Wort war bei Gott,

und Gott war das Wort.
Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns,
und wir sahen seine Herrlichkeit.

 
Am Anfang.
Am Anfang ist dieses Kind.
Fleischgewordenes Wort. Leben pur. Lebendiges Bündel.
Suchender Mund. Geschlossene Augen. Ausgeliefert und bedingungslos. 
Noch ganz verschleimt und mit pulsierender Nabelschnur.
Es ist da. In diesem Anfang ist es ganz da:
Für dich und für mich und für alle, die hier sind oder zuhause oder weit weit weg.
Im Anfang ist dieses Kind und es kann dir nichts tun, außer in dein Herz kriechen: Dieses Kind - entstanden aus der Liebe von zwei Menschen. Aus Leidenschaft und Hingabe. Aus Gott.

Im Anfang ist dieses Kind. Die Liebe zwischen Gott und Mensch.
Dieses Kind setzt alles auf Anfang.
Alles ist neu. Alles beginnt neu. Und neu ist nicht perfekt.
Sondern verschleimt und zerknittert,
ausgeliefert und bedingungslos,
suchend und geborgen zugleich.
 
7.
Du kannst nicht alles auf Anfang stellen. Aber das Kind tut es. Gott tut es.
Gott weiß, was zu tun ist mit deinen Anfängen und Stolperschritten.
Mit deiner Sehnsucht und deinem Zweifel und deiner Trauer.
 
Du bist Gottes Kind. Du bist dieses Kind, das Fleisch gewordene Wort.
Anfängerin des Lebens. Anfänger der Liebe. Mitten in dieser Welt.
Du mit deinen Falten und deinen Träumen. Mit deinen Narben und deinem Schmerz.
Geboren aus der Liebe. Nicht perfekt, aber wunderbar.
Vielleicht noch dünnhäutiger. Vielleicht noch verletzlicher.
Vielleicht noch ausgelieferter – du Gotteskind..
 
Der Stall ist dein Anfangsort.
Dort, wo es nach Tierdung riecht und das Stroh piekst.
Dort, wo du den Kochlöffel in den Topf tauchst oder Bilanzen prüfen musst,
wo du an der Kasse Kleingeld entgegen nimmst oder zuhause die Windeln wechselst.
Überall wo du bist, bist du richtig. Weil Gott da ist. Bei dir.
Auch in deinem unaufgeräumten Wohnzimmer mit dem Geruch nach Raclette und Zweifeln.
 
Und Gott fängt mit dir an, ins Leben zu gehen.
Raus in die Welt mit ihren vielen ausgesprochenen und unausgesprochenen Worten.
Dort sprichst  du dieses Wort des Lebens und der Liebe.
Du stellst dich den Lügen und dem Hass entgegen,
damit es in dieser Welt neue Anfänge gibt.
Ihr geht gemeinsam und sprecht zusammen und liebt und lebt und weint und lacht.
 
Ob du nun müde oder wach bist an diesem Weihnachtsmorgen:
Der Anfang ist gemacht:
Himmel und Erde, die Nacht und der Tag,
der Regen und die Rose, das Licht, die Falten und die dünne Haut.
Und mit dir geht es weiter, du Kind Gottes. Du Wort Gottes. 
Und siehe, alles ist sehr gut.
 
Im Anfang war das Wort,
und das Wort war bei Gott, 
und Gott war das Wort.
Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns,
und wir sahen seine Herrlichkeit.


Amen.