Sonntag, 29. Mai 2022

Wenn die Worte fehlen und du den Boden verlierst

Predigt zu Römer 8

(mit großem Dank an Juliane Rumpel, die - ohne es zu wissen - mein Seufzen über den Predigttext gehört hat und mir mit Ideen und Worten geholfen hat, mir selber eine Predigt zu schreiben, die ich gerade gebraucht habe)


 I.
Manchmal hast du keinen Boden mehr unter deinen Füßen.
Manchmal sitzt du im Keller ohne Ausgang und dir bleibt die Luft weg.
Eine Diagnose. Ein Abschied. Ein Krieg. Ein Virus. Alle Sicherheit ist „futsch“.
Die beste Altersvorsorge, die beste Haftpflichtversicherung,
die beste Ausbildung kann nicht verhindern, dass du vor einem Nichts stehst.

Atmen. Und tief seufzen.

Seufzen geht immer, da braucht man nämlich keine Worte für.
Im Gegensatz zum Beten. Das glauben jedenfalls die meisten:
dass Gebete Worte brauchen, vielleicht sogar besondere Worte.
Dabei stimmt das gar nicht. Beten ohne Worte geht auch.

Manchmal reicht ein Seufzen, so eines aus tiefstem Herzen,
eines, bei dem ich unendlich müde werde und vielleicht ein paar Tränen fließen...
Manchmal ist es aber auch weniger tief, nur so dass ich die Schultern hochziehe...
wie auch immer: Seufzen ist Beten ohne Worte.
Wenn dir der Boden weggerissen ist, hast du keine Worte mehr.
Nur noch Seufzen. Und vielleicht noch nicht mal das.

II.
Ich glaube, so geht es den Jüngern und Jüngerinnen von Jesus gerade*.
Jesus ist gegangen und der Heilige Geist noch nicht gekommen.
Für sie bleibt nur eins zurück: Leere. Bodenlose Leere.
Alles andere als stark, alles andere als wortreiche Beter und Beterinnen.
Eher zaghaft stammelnd, sich irgendwie aneinander klammernd,
warten sie, ob da noch was kommt nach dieser Leere.

Auch Paulus kennt diese Bodenlosigkeit. Und die Menschen, an die er schreibt, auch.
Sie leben in Rom in großer Armut, verdienen mit schwerer Tätigkeit kleines Geld.
Sklaven und Sklavinnen.
Ausgesetzt einer römischen Machtpolitik wissen sie nicht, was morgen sein wird.
Da ist nicht viel Boden, auf dem sie stehen können.

III.
Und an sie schreibt er:
„Der Geist Gottes steht uns selbst da bei, wo wir selbst unfähig sind.
Wir wissen ja nicht einmal, was wir beten sollen.
Und wir wissen auch nicht, wie wir unser Gebet in angemessener Weise vor Gott bringen.
Doch der Geist selbst tritt mit Flehen und Seufzen für uns ein.
Dies geschieht in einer Weise, die nicht in Worte zu fassen ist.
Aber Gott weiß ja, was in unseren Herzen vorgeht. Er versteht, worum es dem Geist geht.
Denn der Geist tritt vor Gott für die Heiligen ein.

Wir wissen aber: Denen, die Gott lieben, dient alles zum Guten.
Es sind die Menschen, die er nach seinem Plan berufen hat.
Die hat er schon im Vorhinein ausgewählt.
Im Voraus hat er sie dazu bestimmt, nach dem Bild seines Sohnes neu gestaltet zu werden.
Denn der sollte der Erstgeborene unter vielen Brüdern und Schwestern sein.
Wen Gott so im Voraus bestimmt hat, den hat er auch berufen.
Und wen er berufen hat, den hat er auch für gerecht erklärt.
Und wen er für gerecht erklärt hat, dem hat er auch Anteil an seiner Herrlichkeit gegeben.


IV.
Wenn du keinen Boden unter den Füßen hast, brauchst du einen, der dich hält.
Wenn du im Dunkeln sitzt, brauchst du eine, die dir die Hand reicht.
Eine, die für dich spricht, für dich betet, für dich seufzt,
für dich sogar schweigt und die ganze Ohnmacht aushält.
Vor Gott musst du nicht die richtigen Worte finden. Und auch keine richtigen Erklärungen.

Und wenn du ehrlich bist, kennt dein Glaube überhaupt keinen festen Boden.
Es ist der Tanz auf einem wackelnden Seil, auf dem dein Fuß keinen wirklichen Halt findet.
Du versuchst die Balance zu halten. Bloß nicht abstürzen.
Wenn du ehrlich bist, gibt es auch in deinem Glauben die Dunkelheit,
die Enge, das Gefühl, keinen Ausweg zu wissen.

Aber sollte es nicht eigentlich anders sein?
Hast du auch wie ich ein anderes Bild davon, wie richtiger Glaube aussieht?
Fester Glaube. Fester Halt. Lichtdurchflutet.
Nichts kann mich umhauen, wenn ich nur richtig glaube?

Nein, sagt Paulus.
Für ihn gehört es zum Menschsein dazu, dass das Leben fragil ist, verletzlich.
Und zum Glauben an den Gekreuzigten erst recht.
Die Balance auf einem Seil, ohne doppelten Boden.
Die Sprachlosigkeit. Das Dunkel. All das gehört zu mir als Christin.

V.
Paulus macht mir Mut, meine Bodenlosigkeit und das Fehlen von Worten zu akzeptieren.
Mir hilft das. Dir auch?

Aber wer bin ich, dass ich überhaupt von Bodenlosigkeit und Dunkel spreche?
In diesen Tagen, da dieser unsägliche Krieg in der Ukraine tobt,
seit drei Monaten dort schon Menschen sterben,
junge Soldaten auf beiden Seiten und Zivilist*innen Tag für Tag ihr Leben lassen müssen,
Mütter in Keller hocken, weinend mit ihren Babys?
Ich sitze in keinem Keller, weine selten,
niemand, den ich kenne, sitzt in einem Keller und zittert schlaflos, weil Fliegeralarm ist...

Und doch: Jeder Mensch hat seinen Keller.
Und vielleicht ist einer dunkler als der andere
und vielleicht sitzt manche kürzer in ihrem Keller als der Nachbar, aber die Keller sind da...
sie tragen bei den meisten von uns nicht den Namen Krieg und Fliegeralarm,
sie heißen anders:

Schlaganfall der Ehefrau heißt ein Keller und nun versuchen sie wieder im Alltag anzukommen,
für beide ist das nicht leicht, alles neu und von jetzt auf gleich alles anders.
Eigentlich wollten sie sich um die Enkel kümmern,
jetzt kümmern sich die Kinder wieder um die Mutter.

Versetzungsgefährdet und 10. Klasse Abschluss, den schafft der nie.
So heißt ein anderer Keller, die alleinerziehende Mutter könnte ihn auch anders nennen.
Sie kommt grad so über die Runden, aber grad wird alles schwieriger.
Dass der Große im September eine Ausbildung anfängt, war ihr große Hoffnung.
Doch nun? Was soll nur werden?

Dass er trinkt, heißt ein anderer Keller. Dass er trinkt, das war schon immer so.
Ob er krank ist, weiß sie nicht, kann sich nicht erinnern an eine Zeit ohne Flasche,
sehnt sich nach einer andern Ehe, hat aber keine Kraft mehr.

Einsamkeit, ein großer Keller, den sich viele teilen ohne einander darin zu begegnen.
Auch und vielleicht gerade hier in diesem reichen Land, das uns manchmal vorgaukelt,
es ginge allen gut und niemand seufzt sich in den Schlaf.

Wie komme ich jetzt wieder da raus?
Aus den Kellern dieser Welt, aus den Kellern der Nachbarschaft, aus meinem eigenen Keller?!

VI.
Paulus gibt eine klare Antwort,
wenn auch nicht auf die Frage, wie man aus dem Keller kommt,
sondern, wie man dort in der Zwischenzeit die Hoffnung nicht verliert:
Denen, die Gott lieben, dient alles zum Guten!

Und das meint nicht, dass dein Leben objektiv betrachtet gut und gelungen sein muss,
es geht nicht um das Job, das Auto, um Haus oder Reichtum oder eine gute Ehe.

Nein, wenn du das, was dir passiert, für das Beste hältst
und wenn es dir gelingt, auch im Keller noch zu seufzen
oder auf das stellvertretende Beten des Geistes zu hoffen,
wenn du nach einer Hand fassen kannst, die dich festhält,
dann liebst du Gott und er liebt dich und du gehörst zu ihm,
und du hast Anteil an seiner Herrlichkeit.

Ich möchte Paulus gerne glauben.
Ich möchte glauben, dass ich aus der Liebe Gottes nicht herausfallen kann.
Dass ich auch im dunklen Keller nicht ohne den Geist Gottes bin,
der mit mir seufzt und Worte stammelt und schweigt.
Ich möchte gerne annehmen, dass es nichts über meinen Glauben aussagt,
ob ich im Keller oder auf einem Seil bin.
Ich will nicht mehr so tun, dass ich nur richtigen Worte finden muss, damit alles gut wird.
Es hängt nicht an mir, ob es gut wird oder nicht, ob ich die Balance finde und einen Ausgang.

VII.
So viele Menschen vor mir haben die Keller ihres Lebens überstanden.
So viele Menschen haben die Balance verloren und sind doch angekommen.
Auch ohne doppeltem Boden.
Die Jünger und Jüngerinnen, Paulus, die Christen und Christinnen in Rom.

Sie haben gemerkt, dass sie letztlich nie ganz allein sind.
Dass es andere gibt, die mit ihnen leiden, zu ihnen stehen, für sie beten.
Sie haben auch gemerkt, dass Gott sie nicht in Stich lässt.
Dass er seinen Geist schickt. Und dieser Geist verbindet sie mit uns.
Auf den Seilen dieser Welt greifen wir nach der einen Hand.  Und wir halten uns gegenseitig.
In den Kellern dieser Welt seufzen wir und beten und hoffen, dass uns da einer rausholt.
Und dieser eine ist Jesus:
Der ist noch tiefer als in den tiefsten Keller gegangen.
Ist auferstanden von den Toten.
Und er nimmt mich mit ans Licht.

Amen.

*es ist der Sonntag "Ex-audi": er steht für die Wartezeit zwischen Himmelfahrt und Pfingsten und in der die Jünger*innen (und damit auch wir) eigentlich überhaupt nicht wissen, was noch passieren wird. Im Grunde stehen die Jünger*innen ziemlich alleine da!

Sonntag, 22. Mai 2022

Die Wahrheit wird euch frei machen

Von Mut und Feigheit, einer befreienden Wahrheit
und dem großen Gelehrten Johannes Reuchlin.

Eine Predigt zu Johannes 8 und zum Reuchlin-Jubiläum
(500. Todestag)

 

I.

Da hat nicht mehr viel gefehlt und die Steine wären geflogen.(1)

Aufgebrachte Männer, vielleicht noch angestachelt durch jede Menge Gerüchte, was die Frau vielleicht noch alles getan habe.

Fake-News. Eins kommt zum anderen.

 

Das Urteil steht fest. Die Ehebrecherin muss gesteinigt werden.

Sie gehen zum Tempel, zu Jesus. Wollen wissen, wie er damit umgeht.

Er kann ja gar nicht anders, als ihnen zuzustimmen.

Sonst würde er ja gegen das Recht verstoßen. Denken sie.  Und irren sich.

 

Jesus macht es ganz geschickt. Er antwortet nämlich nicht sofort.

Mitten in der sehr aufgeheizten Stimmung bückt er sich nieder, schreibt und schweigt. Er geht nicht einfach weg, taucht nicht einfach ab.

Aber er gibt die Mitte frei, indem er sich bückt.

 

Da ist plötzlich Raum für die Wahrheit.

Die Aufgebrachten sehen sich auf einmal in die Augen. Und eine Pause entsteht. Eine Pause zum Nachdenken. Durchdenken. Atmen. Und weiterdenken.

 

II.

Jesus nutzt die entstandene Pause für einen einzigen Satz: 

Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.

Die berühmten 3 Finger, die zurückweisen, wenn ich mit dem Finger auf andere zeige. Jesus nötigt die Aufgebrachten zum Wechsel der Perspektive: Schaut einmal mit anderen Augen auf die Sache.

 

Und dann bückt sich Jesus wieder herunter und schreibt und schweigt weiter.

Und nun merken die aufgebrachten Männer,  dass sie gefangen waren im Schwarz-oder-Weiß, im Richtig-oder-Falsch, Wir und die - in diesem Ganzen waren sie so gefangen, dass sie das Mensch sein vergessen hatten.  Auch ihr eigenes Mensch sein, das nicht sündenfrei sein kann. 

Jesus hat einen Raum geschaffen, einen Raum für die Wahrheit.

 

III.

Die Wahrheit wird euch frei machen, sagt Jesus ein paar Sätze später.

Die Wahrheit….

Die Wahrheit macht euch frei vom Schwarz-Weiß-Denken, von Hass, von diesem Wir-und-die. Die Wahrheit lässt euch nachdenken, weiterdenken.
Sie nimmt euch die Steine aus der Hand.
Ihr erkennt sie nur, wenn ihr die Perspektive wechselt.

 

IV.

Die vergiften unsere Brunnen!
Die ermorden unsere Kinder und trinken ihr Blut!

Die verhexen unsere Frauen!

Das und noch viel mehr wurde den Juden und Jüdinnen vorgeworfen,
als Johannes Reuchlin lebte.

Bereits 200 Jahre vor seiner Geburt entsteht im 13. Jahrhundert die Pforzheimer Margarethen-Legende. Nach ihr wird eine Kapelle in der Schlosskirche benannt.

Sie erzählt von einem toten Mädchen: es sei von einer alten Frau an die Juden verkauft worden, die töteten es  und warfen es dann in den Fluss - angeblich.

Ein sogenannter Ritualmord und diese Anschuldigung führte dazu, dass der Pforzheimer Rabbiner und seine 3 Söhne hingerichtet wurden.

Solche Verschwörungserzählungen gehen die nächsten Jahrhunderte weiter und heizen die Stimmung immer weiter auf - die Stimmung gegen Juden und Jüdinnen.

Und, ja, hier fliegen Steine. Und noch viel Schlimmeres.


V.

Auch Johannes Reuchlin, 1455 in Pforzheim geboren, ist nicht frei von antisemitischem Argwohn - wie fast alle Humanisten seiner Zeit.

Für ihn sind die Juden zunächst vor allem Missionsobjekte.
Doch zugleich sucht er - wie alle Humanisten - die Wahrheit. Die Wahrheit….

Darum befasst er sich wie kaum ein anderer mit den alten Sprachen. Von seiner Ausbildung her ist Reuchlin eigentlich Jurist. Aber seine Leidenschaft gilt den hebräischen Schriften. In ihnen erschließt sich ihm eine neue Welt.

Und Reuchlin erkennt:
Christen sollen diese Quellen achten, um ihren eigenen Glauben besser zu verstehen.
Und er schreibt:

„Jedes Mal, wenn ich Hebräisch lese, glaube ich Gott selbst zu sehen, der mit mir spricht.
Ich bedenke dann, dass es die Sprache ist,
in der Gott mit den Menschen verkehrt hat.“ (2)

 

VI.

Die Wahrheit wird euch frei machen, sagt Jesus.

1510 ist das Jahr, in dem Reuchlin sich zur Wahrheit bekennt.
Gegen Verleumdung und Verschwörungserzählungen.
Gegen Fake-News der damaligen Zeit.

Ein gewisser Johannes Pfefferkorn behauptet,
Juden verhöhnten den christlichen Glauben und wollten das Reich zerstören.
Er fordert die damalige Obrigkeit auf, die rabbinischen Schriften zu verbrennen
und die Juden aus dem Land zu vertreiben.

Kaiser Maximilian und einige Bischöfe geben Gutachten in Auftrag.
Die Professoren in Köln, Mainz und Erfurt unterstützen Pfefferkorn.
Auch Reuchlin wird um ein Gutachten gebeten.
Und er ist der einzige, der gegenhält.

Er schreibt:

„Man soll die Kommentare der Leute,
die ihre Muttersprache von Jugend auf gründlich gelernt haben,
keineswegs unterdrücken,
sondern, wo immer solche existieren, sie zugänglich machen,
pflegen und sehr in Ehren halten,

als Quellen, aus denen der wahre Sinn der Sprache

und das Verständnis der Heiligen Schrift uns zufließt.

Wir sollen das wahre Wissen weit richtiger an der Quelle

als in den Abflüssen suchen.“

Mit anderen Worten: Schaut genau hin. Wechselt die Perspektive!

„Verbrennt nicht, was ihr nicht kennt!
Die Bücher der Juden enthalten die Lehre des Glaubens.

Damit beleidigen sie keinen anderen Menschen.
In ihrem Glauben sind sie, genau wie die Christen, allein Gott verantwortlich.“

Respektiert, dass andere anders sind.
Respektiert, dass sie einen anderen Standpunkt haben.
Schaut von einem anderen Blickwinkel aus auf die Sache!

„Die Juden sind in Dingen, die ihren Glauben betreffen,
einzig ihresgleichen und sonst keinem Richter unterworfen.“

Gebt ihren Perspektiven den Raum, der ihnen zusteht! Lasst die Juden in Ruhe.

 

Reuchlin macht es wie Jesus.

Er bückt sich und schreibt und gibt Raum zum Nachdenken, zum Weiterdenken.

Raum für die Wahrheit.

Und letztlich setzt sich Reuchlin gegen Pfefferkorn durch.

Die Juden werden nicht ausgewiesen, ihre Bücher nicht zerstört. (Noch nicht....)

 

VII.

Die Wahrheit wird euch frei machen, sagt Jesus.

Die Wahrheit macht euch frei vom Hass.

Sie lässt euch nachdenken, weiterdenken. Nimmt euch die Steine aus der Hand.

Ihr erkennt sie nur, wenn ihr die Perspektive, eure Sichtweise wechselt.

 

Es ist dieser Raum für die Wahrheit, den Jesus geschaffen hat,
als eine Frau verurteilt und getötet werden sollte.
Es ist diese Wahrheit, die Reuchlin erkennt, als sie Juden und Jüdinnen vertreiben wollen.

Reuchlin war ja nicht von Anfang an der mutige Vertreter für die Toleranz gegenüber anderen Religionen. Er betrat diesen Raum der Wahrheit erst nach und nach.
Und so veränderte er seine Haltung.
Aber diese dann gefundene - die behielt er bei, selbst als er angefeindet und bedroht wurde.
Er stellte sich schützend vor Andersgläubige.

Und weil er eine hohe Position als juristischer Berater der Obrigkeit hatte, hörte man auf ihn.

„Ich rate dazu, dass diejenigen, die außerhalb unseres Glaubens stehen,
seien es Juden, Griechen oder Muslime,
durch keinerlei Gewaltmaßnahmen auf unsere Seite gezogen werden dürfen.“


VIII.

Die Wahrheit wird euch frei machen. Die Wahrheit Jesu.

Die Wahrheit hat den Anklägern der sogenannten Ehebrecherin die Steine aus der Hand genommen. Sie hat Reuchlin frei gemacht, mutig zu schreiben. Die Wahrheit hat ihn befähigt, seine Haltung zu ändern. Neue Sichtweisen einzunehmen.  Sich den Verschwörungsmythen und Fake-News seiner Zeit entgegenzustellen.

Ja, die Wahrheit hat ihm den Blick dafür geöffnet, was auf dem Spiel steht. Dass es nicht nur um bedrucktes Papier oder Pergament geht, sondern um die Freiheit des Denkens und des Glaubens.

Und das ist hochmodern.
Verschwörungsmythen haben wieder Hochkonjunktur.

Es wird von Meinungsdiktatur gesprochen, dabei kann jede ihre Meinung sagen.

Immer wieder ziehen Demos durch Pforzheim und sprechen von westlicher Hetze,
dabei ist es der russische Präsident, der die Ukraine mit Gewalt überzieht.

Und wer in seinem Land gegen den Krieg ist, wird weggesperrt.

In Bremen hetzt ein Prediger gegen gleichgeschlechtlich Liebende
und wird dafür von seinen Fans gefeiert.

Und die Rechtspopulisten hier wollen immer noch eine deutsche Leitkultur einführen

und damit die Vielfalt an Sprachen und Kulturen einebnen.
Sie sprechen von „normal“ und meinen „deutsch“, heterosexuell, weiß.
 

Hier wird Wahrheit verdreht und gebogen. Reuchlin würde sich im Grabe umdrehen.

 

IX.

Und Jesus? Er bückt sich und schreibt und schweigt.
Durchdenken. Atmen. Und weiterdenken.

Jesus gibt den Raum, wo wir die Wahrheit finden. Wo wir uns ansehen als Menschen.
Wo wir uns nicht von Verschwörungserzählungen leiten lassen,
sondern genau hinsehen und sie gemeinsam suchen:
die Wahrheit mit den verschiedenen Perspektiven. 


Es ist manchmal nicht leicht, diese vielen Perspektiven auszuhalten.
Das gilt für die Diskussion um die Waffenlieferungen genauso wie für die um die Impfpflicht. Aber nur so kommen wir die Wahrheit näher.

Jesus bückt sich, damit wir einen neuen Raum betreten,
wo wir anders hinschauen und anders hinhören.
Dort geht es nicht um Rechthaben, sondern darum, Menschen ihr Leben zu ermöglichen.
Dieser Raum ist bunt und angefüllt mit den Sprachen und Religionen dieser Welt,
mit Menschen, die so unterschiedlich leben und lieben,
wie sie sind
und die sich nicht gegeneinander aufhetzen lassen.
Ein Raum, wo wir jedem Menschen würdevoll und respektvoll begegnen.

 

Jesus öffnet den Raum für uns.
Er ist schon längst da, dieser Raum der Wahrheit.

Es ist an uns, ihn zu betreten.
Vielleicht müssen wir uns dafür bücken und eine Pause einlegen oder in den Sand schreiben. Und hoffentlich wissen wir wie Reuchlin, wann wir für die Wahrheit einstehen müssen
und für die Menschen,
die für Macht, Verschwörungen und Fakenews geopfert werden sollen.

Ich bin sicher: wir wissen es dann.
Denn Jesus traut uns das zu.

Oder mit den Worten von Reuchlin,
die er kurz
vor seinem Tod verfasst - quasi sein Vermächtnis:

„Wir legen die Fundamente der Zukunft:
Die Wahrheit wird über der Welt aufgehen,

das Dunkel verschwinden, das Licht wird leuchten.“

Amen.

 

 (1) Johannes 8, 2-11:

2Frühmorgens aber kam Jesus wieder in den Tempel, und alles Volk kam zu ihm, und er setzte sich und lehrte sie. 3Da brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau, beim Ehebruch ergriffen, und stellten sie in die Mitte 4und sprachen zu ihm: Meister, diese Frau ist auf frischer Tat beim Ehebruch ergriffen worden. 5Mose hat uns im Gesetz geboten, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du? 6Das sagten sie aber, um ihn zu versuchen, auf dass sie etwas hätten, ihn zu verklagen. Aber Jesus bückte sich nieder und schrieb mit dem Finger auf die Erde. 7Als sie ihn nun beharrlich so fragten, richtete er sich auf und sprach zu ihnen: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie. 8Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde. 9Als sie das hörten, gingen sie hinaus, einer nach dem andern, die Ältesten zuerst; und Jesus blieb allein mit der Frau, die in der Mitte stand. 10Da richtete Jesus sich auf und sprach zu ihr: Wo sind sie, Frau? Hat dich niemand verdammt? 11Sie aber sprach: Niemand, Herr. Jesus aber sprach: So verdamme ich dich auch nicht; geh hin und sündige hinfort nicht mehr.


(2) Die Zitate von Reuchlin (Kursiv und violett) sind diversen Aufsätzen und Zusammenstellungen entnommen.

Dienstag, 19. April 2022

Ins Leben hinausgespuckt

3 Tage und 3 Nächte im Fischbauch
Ostermontagspredigt zu Jona 2, 1 - 11
(mit Dank an Anne Herzig für Inspiration und einige Worte, die ich von ihr bekommen habe - sie sind blau markiert)

1. Im Fischbauch

Nach einer spektakulären Flucht findet sich Jona an einem Ort wieder,
wo er bestimmt nie nie sein wollte.
Bloß weg von hier, dachte er, als Gott ihm eine sehr unangenehme Aufgabe aufdrückte.
Bloß weit weit weg. Aufs Meer hinaus mit einem Schiff.
Doch Gott zeigt sich unerbittlich.
Das Schiff gerät in schwere Seenot, die Seeleute suchen nach einem Schuldigen
und finden ihn in Jona.  Ja, Jona hat es verbockt. Und zwar so richtig. Und dann:

Der Herr aber schickte einen großen Fisch, der Jona verschlang.
Und Jona war drei Tage und drei Nächte lang im Bauch des Fisches. (Jona 2, 1)


Drei Tage und drei Nächte im Fischbauch stelle ich mir ziemlich langweilig vor.
72 Stunden an einem so dunklen, schleimigen Ort.
Drei Tage und drei Nächte eingekapselt – da käme man wohl unweigerlich ins Nachdenken.
Drei Tage und drei Nächte –
und ich, ich setze mich neben Jona auf die glitschige Fischzunge und sinniere in die Dunkelheit hinei
n:

Nach 2 Jahren vielleicht das erste Osterfest,
an dem Großeltern und Enkel wieder zusammen gefeiert haben.
Gottesdienste und Konzerte, Frühlingswetter,
spektakulärer Sonnenaufgang und wunderbare Mondnacht.
Aber so richtig Feierstimmung will nicht aufkommen.
Denn immer noch bleiben da Ängste, die irgendwie offiziell keiner hat, aber doch genug Menschen, um das Speiseöl und das Mehl und das Toilettenpapier wieder aus den Regalen verschwinden zu lassen.
Die Nachrichten über den Krieg, Frauen mit Kindern und Haustieren, die auch hier ankommen.
Grausame Bilder aus Butscha,
Fragen über Lieferungen von Waffen, von denen viele gar nicht wussten, dass es sie gibt.
Andere haben Angst,
dass das Geld irgendwann nicht mehr für den Einkauf im Supermarkt und die Warmmiete reicht.
Corona ist vorbei, rufen Dritte, Maßnahmen aufheben, jetzt reicht’s.

Und sie wollen sogar vor der Impfstelle trommeln, nur weil da heute Familien geimpft werden.

Drei Tage und drei Nächte, das dritte Jahr Pandemie, das erste Jahr Krieg.
Und ich sitze hier neben Jona,
und um mich herum schwimmen halbverdaute Ängste und frisch geschluckte Sorgen.


2. Klagen aus der Tiefe

Im Bauch des Fisches betete Jona zum Herrn, seinem Gott: Als ich in Not war, schrie ich laut.
(Jona 2, 2-3)


Und ich rufe mit.
Gott, ich rufe zu Dir. Mir reicht es auch.

So viele Menschen in meiner Umgebung, die sich mit Omikron infiziert haben.
Immer die Angst, ob es mich nun auch erwischt.
Und ob wir wohl unsere Feste im Sommer wirklich unbeschwert genießen können?

Das Wasser steht mir bis zum Hals.
Die Nachrichten grausen mich.
Menschen werden auf offener Straße erschossen.
Bilder von Kindern, die in Bunkern sitzen, gehen um die Welt.
Zum ersten Mal habe ich mir darüber Gedanken gemacht, ob es so etwas wie einen „Feind“ geben kann
.

Gott, sind wir verloren? Wie lange soll es noch so weitergehen?
Was ist mit denjenigen, die ihre Arbeit verlieren, ihre Heimat?
Mit denjenigen, die sich selbst Öl und Brot nicht mehr leisten können?
Und in welcher Welt werden meine Enkel noch gut leben können?

Gott, ich rufe zu Dir in meiner Angst.
Schaue doch und erhöre mich, Herr, mein Gott!
Und bitte, mach meinen Sorgen ein Ende. Gerade jetzt an Ostern!

3. Jonas Gebet

Und wie betet Jona?

Als ich in Not war, schrie ich laut. Ich rief zum Herrn und er antwortete mir.
Aus dem Innern des Totenreichs rief ich um Hilfe. Da hast du mein lautes Schreien gehört.
In die Tiefe hattest du mich geworfen, mitten in den Strudel der Meere hinein.
Wasserströme umgaben mich.
Alle deine Wellen und Wogen – sie schlugen über mir zusammen!
Da dachte ich: Jetzt bin ich verloren, verstoßen aus deinen Augen.
Wie kann ich je wieder aufschauen, um deinen heiligen Tempel zu sehen?
Das Wasser stand mir bis zum Hals. Fluten der Urzeit umgaben mich.
Seetang schlang sich mir um den Kopf.
Zum Grund der Berge bin ich hinabgestiegen, in das Reich hinter den Toren des Todes.
Sie sollten für immer hinter mir zugehen.
Du aber hast mein Leben aus dem Abgrund gezogen, du Herr, du bist ja mein Gott.
Als ich am Ende war, erinnerte ich mich an den Herrn.
Mein Gebet drang durch zu dir, bis in deinen heiligen Tempel.
Ja, wer sich an Nichtigkeiten klammert, verliert seinen einzigen Halt im Leben.
Ich aber will dir mit lauter Stimme danken, Schlachtopfer will ich dir darbringen.
Auch meine Gelübde werde ich erfüllen. Hilfe findet sich beim Herrn!
(Jona 2, 3-10)


Aus dem Bauch des Fisches dringt keine Klage, sondern Dank. Vertrauen statt Angst:
Ich schrie aus dem Rachen des Todes, und du hörtest meine Stimme.
Ich rief zu dem Herrn in meiner Angst, und er antwortete mir, betet Jona.

Und ich frage mich verwundert, woher er dieses Vertrauen nimmt.
Der Fischbauch wird zu einer Heilskapsel,
die Jona vor den lebensfeindlichen Elementen um ihn herum schützt.
Der dunkle, schleimige Ort ist ein Ort der Rettung,
auch wenn dies vordergründig gar nicht so aussieht.

Aber das, was Angst gemacht hat, wird auch nicht verschwiegen.
Es ist ja auch noch da.
Jona weiß nicht, ob er heil herauskommt. Aber er weiß: Gott ist bei mir.
Selbst hier im Bauch des Fisches, am dunklen Ort.

4. Gott ist da

Jonas Worte könnten Worte des auferstandenen Jesus sein.
Worte dessen, der 3 Tage und 3 Nächte verschlungen war
und nun das Licht des Ostermorgen erblickt.
Worte von einem, der am dunklen Ort war,
wo es kein Zurück mehr gibt, den Ort der totalen Gottesfinsternis,
und der nun diesen Ort verlässt.
Die Todesnot ist überwunden.
„Du hast mein Leben aus dem Abgrund gezogen“.

Gott gibt nicht auf. Niemals und niemanden.
Gott gibt Jona nicht auf. Und Jesus erst recht nicht.
Gerade die, die von uns Menschen aufgegeben werden, liegen Gott am Herzen. Auch heute.

Und gerade heute.
Es sind so viele, über die die Wogen und Wellen des Meeres gehen,
die in ihren untauglichen Booten den Weg über das Meer suchen, um im Frieden leben zu können.
So viele Jonas, deren Gebete und Geschichten wir nicht hören.
Aber Gott hört sie.
Und schickt die Seawatch und die Seaeye hinaus und wacht mit der Seabird über dem Meer.
Das Meer, für so viele ein Ort der Flucht, des Verschlingen, des Todes - und der Rettung.

Gott ist da. Am Kreuz. Im Grab mit dem Felsen davor.
Im Fischbauch. Im Flüchtlingsboot. In der Seabird. In den Ruinen von Mariupol.

So wie bei Pinocchio.
Der trifft im Bauch des Hais, der ihn verschluckt, auf Geppetto.
Der Schreiner, der Piniocchio gemacht hat.
Er hat sich aufgemacht in die Welt und seinen hölzernen Sohn gesucht.
Gesucht bis hier unten. Und hier unten, im Fisch, hat er auf ihn gewartet.
Wie tief du auch stürzen wirst, wie dunkel auch immer der Ort ist, wo du bist:
der dich gemacht hat und der dich lieb hat, wartet dort auf dich.
Und er wird dich dort nicht lassen.

Manchmal erkennst du ihn. Aber meistens eher nicht.

Meilenweit wandern zwei Jünger neben dem Auferstandenen nach Emmaus,
bevor sie ihn erkennen.
Erst als er das Brot mit ihnen bricht, gehen ihnen die Augen auf.
Es ist so viel leichter, an den Tod zu glauben, als an das Leben, auch heute noch.

Aber Gott gibt das Leben nicht auf. Und seine Menschen erst recht nicht.
Und das ist Ostern: Gottes Lebenssturheit.
Und darum bleibt Jona auch nicht im Bauch des Fisches.

5. Ausgespuckt

Da befahl der Herr dem Fisch, Jona an Land zu bringen. Dort spuckte der Fisch ihn aus. (Jona 2, 11)

An Ostermontag ausgespuckt zu werden, ist kein besonders schönes Bild.
Jona wird nicht einfach ans Land „befördert“ oder „gebracht“, „herausgeholt“
oder „kam zurück an den Strand“.
Nein, der Fisch würgt ihn heraus, mit einer solchen Wucht, dass es bis ans rettende Ufer reicht.

Ich stelle mir vor, wie er nun am Strand sitzt.
Die Haare leicht verklebt, die Kleidung trieft vom Salzwasser.
Noch etwas verdutzt und mit müden Augen in die Sonne blinzelnd – eine Alge hängt am Fuß.
Aber dann auch ein kleines Glücksgefühl, dass sich langsam bis in die Fingerspitzen ausbreitet.

Hilfe ist bei dem Herrn.

Ostern ist kein Wohlfühlfest. (so hat mich der Pforzheimer Kurier zitiert).
Ostern ist Gottes Protest gegen die Macht der dunklen Orte.
Ostern ist Gottes Lebenssturheit, die mich irgendwo hinspuckt.
Irgendwo, wo ich ahne, dass es weiter geht.
Vielleicht in dieser Kirche
oder nachher in die Fußgängerzone vor die Impfstelle, um sie zu schützen.
Vielleicht bringe ich ihnen eine Blume oder einen Schokohasen.

Gott gibt niemanden auf.
Weder Jesus noch die Jonas dieser Welt.
Mich nicht und dich nicht.
Und er spuckt uns ins Leben zurück.
Ihm klagen wir unsere Angst und Gott hört uns zu.
Und an Gottes Hand tun wir, was unsere Aufgabe ist:
Wir überlassen diese Welt nicht dem Tod und der Gewalt,
sondern leben und lieben.
Immernoch und immerwieder.

Amen.

Freitag, 15. April 2022

Vater, vergib - weil ich es nicht kann

Karfreitagspredigt zu Lukas 23, 33 - 49

1.
Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.
Jesus vergibt - bedingungslos, zuerst.
Jesus vergibt den Mördern. Den Attentätern. Den Bombenlegern.
Den Vergewaltigern. Den Hinrichtern.
Den Brutalen. Den Gaffern. Den Spöttern. Den Gemeinen.
Jesus vergibt, wo ich es nicht schaffe.

Vater, vergib.
Ein Wanderprediger im Winkel des römischen Reiches hängt wegen Hochverrats am Kreuz.
Man erträgt es nicht, dass einer auftaucht, der Herzen an sich bindet.
Der sagt: ‚Liebe deine Feinde.’ und das auch so meint.
Der Menschen aus ihren Zwangsjacken heraus-liebt bis sie tanzen können.
Der die Himmelssprache beherrscht, die Zauberworte aus der anderen Welt:
„Steh auf und geh.“  oder „Dein Glaube ist groß – sei gesund.“

Das ertragen sie nicht. Das halten sie für gefährlich.
Wehrkraftzersetzend. Moralschädigend. Freiheitsliebend.
Und darum demütigen sie ihn, verspotten, machen klein, zerstören.
Töten.

2.
Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.
Doch - sie wissen, was sie tun:
Sie wissen, dass sie zahllosen Menschen das Leben nehmen.
Und damit einem Kind ihre Mutter rauben, einer Frau ihren Mann,
dem Geliebten seinen Geliebten, dem Vater seine Tochter.

Sie wissen, was sie tun.
Sie wissen, dass sie Zivilisten erschießen und auf der Straße liegen lassen.
Sie wissen, dass Menschen im Mittelmehr ertrinken,
weil sie ihnen nicht helfen oder die Boote sogar zurück pushen.
Sie wissen, dass sie Menschen in die Flucht jagen und deren Heimat zerstören.
Sie wissen, dass Bomben auf eine Stadt keinen Frieden bringen.
Sie wissen, was sie Kinderseelen antun, wenn sie sie missbrauchen.
Sie wissen, dass sie einen Unschuldigen ans Kreuz nageln.
Sie wissen, was sie tun.

3.
Vater vergib -
„Father forgive“ -
Der Dompropst von Coventry lässt 1942 diese Worte in die Mauer der Kathedrale meißeln.
Deutsche Bombenangriffe hatten die Kathedrale kurz zuvor zerstört.
Dazu ein Kreuz aus Zimmermannsnägeln,
die hatten die Balken der mittelalterlichen Kathedralendecke zusammengehalten.
Ein Kreuz aus Nägeln - zwei Worte.
Ihr kennt diese Geschichte. Und diese zwei Worte.
Father forgive - Vater vergib
Überreste der Zerstörung als Zeichen der Vergebung und der Versöhnung.

Vater vergib -
Und viele von euch kennen auch die Geschichte von Marjorie Frost.
Vor 30 Jahren kam sie nach Huchenfeld.
Wo 1945 ihr Mann ermordet wurde.
Und nun steht da einer, der beim Abendmahl in Tränen ausbricht.
"Ich war einer von den Hitlerjungen, die ihn getötet haben."
Nach dem Gottesdienst ist er weg.
Marjorie sucht nach ihm.
"Ich will ihm sagen, dass ich ihm vergeben habe."
Vater vergib.

4.
Vater vergib -
die ersten Worte am Kreuz - wie eine Überschrift.
Denn darum geht es: um Vergebung, um Versöhnung,
um Heil inmitten allen Unheils, um Beziehung inmitten aller Beziehungslosigkeit,
um die ausgestreckte Hand, um Liebe inmitten allen Hasses.

Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!
Vergib denen,  die meinen Tod verantworten und ihn inszenieren.
Vergib ihnen, obwohl sie ihre Schuld nicht eingestehen.
Vergib den Soldaten und den Hohepriestern, den Politikern und den Gaffern, den Mördern,
den Spöttern, den Feiglingen, denen die noch Jahrhunderte später in meinem Namen töten:
sie alle zeigen keine Reue, und dennoch:
Vater, vergib ihnen.

5.
Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!
Gott vergibt zuerst und nicht erst am Schluss. Gott vergibt bedingungslos.
Setzt neue Kräfte frei. Kräfte des Himmels. Schon immer.
Fischer trauen sich ganz Neues.
Frauen ziehen ihre Zwangsjacken aus und verschwenden ihr Salböl.
Berufsmäßige Betrüger am Zolltisch drehen sich um 180 Grad.
Freunde teilen Brot und Wein, obwohl sie alles andere als gute Freunde sind.

Und sie alle haben seine Liebe geschmeckt.
Und seine Zauberworte gehört:
vom Vater, der seinen heimkehrenden Sohn in die Arme nimmt,
vom Hirten, der sein Schaf sucht,
und vom Winzer, der auch die Spätgekommenen belohnt.
Von einem Gott, der immer zuerst da ist und immer kommt und immer wieder anfängt.
Ein Gott, der liebt was das Zeug hält und auf Teufel komm raus.

6.
Vater, vergib...
Einer hat dies schon immer gelebt und verkörpert.
Und dieser Eine geht dieses „Vater vergib“ bis zum Schluss - bis zum Kreuz.
Vater, vergib, das hört mit dem Tod nicht auf.
Das kann der Tod nicht in Frage stellen. Auch nicht die Richter und Henker.
Vater vergib - das gilt auch für die, die andere in den Tod reißen.

7.
Ich weiß nicht, ob ich das gerade kann. Vergeben.
Und ich kann es schon gar nicht von anderen erwarten. Dass sie vergeben.
Weder von den Juden, deren Großeltern von meinen Vorfahren ermordet wurden.
Noch von den Ukrainerinnen, die um ihre Brüder trauern.
In Coventry bauten sie gleich nach dem Ende des 2.Weltkrieges Brücken
zu den ehemaligen Feinden, zu uns Deutschen. Sie machten aus Feinden Freunde.
Und das war ein Geschenk. Für uns.  Nichts, was wir erwarten konnten.

8.
Ich kann nicht erwarten, dass man mir vergibt.
Aber ich kann selber um Vergebung bitten - für mich.
So wie der eine, der auch am Kreuz hängt.

Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst.
Du bittest um Vergebung für mich, ohne dass ich darum bitten muss.
Du bist die Brücke zu Gott, zur Liebe, zur mir selbst, obwohl ich alle Brücken eingerissen habe.
Ich weiß, dass ich verloren bin.
Doch du kannst mich retten. Nur du mit deiner Liebe, die größer ist als meine Schuld.
Du kennst den Ort, wo ich wieder sein kann, wie Gott mich gedacht hat,
ohne Schuld, ohne Leid, ohne Schmerz. Mit dir an meiner Seite.
Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst.

9.
Da sucht einer die Nähe zu Jesus. Zur Liebe, zu Gott.
Und da antwortet die Liebe:
Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.
Heute. Nicht erst am Ende aller Tage. Nicht erst, wenn Gut und Böse gewogen wird.
Heute, nachher schon wirst du im neuen Garten Gottes sein.

10.
Jesus vergibt - bedingungslos, zuerst. So verwandelt sich dein Leben.
Jesus stirbt nicht, damit Gott uns vergeben kann,
sondern Gott vergibt radikal und lebt dies selbst noch am Kreuz.
Gottes Vergebung kommt nicht an ihr Ende, nirgendwo.
Liebe pur -  dort, wo es dunkel ist, wo wir am Ende sind,
Liebe und Nähe mitten in der Katastrophe, wo jeder von uns wegrennen würde,
wo Bomben eine Stadt zerstören,
wo russische Soldaten die Ukraine überfallen und Zivilisten ermorden
Mitten in der Höllenvision der Schädelstätte reißt Jesus das Paradies weit auf,
dort, wo alles dagegen spricht.
Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.

11.
Ich gebe zu. Ich kann darauf nur hoffen.
Es fällt mir schwer, es zu sehen: den Neuanfang. den Frieden. die Liebe. das Paradies.
Jedenfalls jetzt. (vielleicht ist dieser andere, der Spötter am Kreuz, auch zu laut, zu stark?)
Ich kann es nur vorsichtig stammeln, dieses „Vater, vergib“
Ich klammere mich fest an diesen 2 Worten.
So wie ich mich an den Gekreuzigten klammere.
An ihn und seine Liebe, die am Kreuz nicht aufhört.
Ich klammere mich an die Geschichten, die die Zimmermannsnägel von Coventry schreiben
und an die Hand von Marjorie Frost.
Ich klammere mich an Jesus, der auch Henker und Menschenverächter zur Vernunft bringen kann.
An diesen Jesus, der vergibt, wo ich es nicht schaffe.

Er gibt niemanden auf. Mich nicht und dich nicht.
Und auch nicht die, die wissen, was sie tun.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft
bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.

Sonntag, 6. März 2022

Ich suche die Gnade. Denn sie ist da. Trotzdem.

Von Gegensätzen und Hoffnungsbildern

Predigt zu 2. Korinther 6, 1-11


I.
Wo ist Gottes Gnade? Wo kann ich sie entdecken?

Ich höre die Bundestagsdebatte und Worte wie Zeitenwende, Paradigmenwechsel und Aufstockung des Verteidigungshaushalts. 100 Milliarden werden mal eben zur Verfügung gestellt. Für Waffen. Dafür, wehrhaft zu sein. Verteidigungsbereit. Gnade?

Ich höre auch nachdenkliche Worte. Dass unsere Hände nicht sauber bleiben können. Dass wir nicht wissen, ob das, was jetzt richtig ist, auch gut ist. Ich höre, wie die Abgeordneten miteinander ringen, miteinander suchen. Ja, die Tage davor haben auch an ihnen gezerrt. Ich sehe sie als Menschen, die wissen, wir groß ihre Verantwortung ist. Und ich bitte für sie um deine Gnade.

Wo ist Gottes Gnade? Wo kann ich sie entdecken?

Ich sehe diesen gnadenlosen Machthaber im Kreml. Ich höre seine Lügen, seine Sätze voller Demagogie. Das Netz flutet mich mit Bildern, wie er mit nacktem Oberkörper auf einem Pferd reitet. Und wie er am großen großen Tisch sitzt - allein. Am anderen Ende irgendwelche Berater, wenn sie denn Berater sind. Gnade?

Und ich denke: wie einsam musst du, Vladimir, sein? Was hat deine Seele so vergiftet? Warum hast du nur Berater um dich herum, die dir immer nur zustimmen? Sie wollen weder dein Bestes noch das des Landes. Und du auch offenbar auch nicht. Wie können wir dich bewegen, dein Herz zu spüren? Dein Mitgefühl nicht wegzudrücken? Und auch, wenn ich dich in die Hölle wünsche, ich bitte für dich um Gnade, Vladimir Putin.

II.
Wo ist Gottes Gnade? Wo kann ich sie entdecken?

Das sagt Paulus (2. Korinther 6, 1-11):
„Wir als Gottes Mitarbeiter bitten euch auch:
Nehmt die Gnade Gottes so an, dass sie nicht ohne Wirkung bleibt.
Denn Gott spricht:
»Ich habe dich zur rechten Zeit erhört und dir am Tag der Rettung geholfen. « (Jes 49)
Seht doch! Jetzt ist die rechte Zeit. Seht doch! Jetzt ist der Tag der Rettung.

Wir wollen auf gar keinen Fall Anstoß erregen.
Denn unser Dienst soll nicht in Verruf geraten.
Vielmehr beweisen wir in jeder Lage, dass wir Gottes Diener sind:
Mit großer Standhaftigkeit ertragen wir Leid, Not und Verzweiflung.
Man schlägt uns, wirft uns ins Gefängnis und hetzt die Leute gegen uns auf.
Wir arbeiten bis zur Erschöpfung, wir schlafen nicht und essen nicht.
Zu unserem Dienst gehören ein einwandfreier Lebenswandel,
Erkenntnis, Geduld und Güte, der Heilige Geist und aufrichtige Liebe.
Zu unserem Dienst gehören außerdem die Wahrheit unserer Verkündigung
und die Kraft, die von Gott kommt.
Wir kämpfen mit den Waffen der Gerechtigkeit, in der rechten und in der linken Hand.

Wir erfüllen unseren Auftrag,
ob wir dadurch Ehre gewinnen oder Schande, ob wir verleumdet werden oder gelobt.
Wir gelten als Betrüger und sagen doch die Wahrheit.
Wir werden verkannt und sind doch anerkannt.
Wir sind vom Tod bedroht, und seht doch: Wir leben!
Wir werden ausgepeitscht und kommen doch nicht um.
Wir geraten in Trauer und bleiben doch fröhlich.
Wir sind arm und machen doch viele reich.
Wir haben nichts und besitzen doch alles!“


III.
Wo ist Gottes Gnade? Wo kann ich sie entdecken?

Paulus, du sagst, dass sie wirksam wird 
in jeder, die sie annimmt.
Es ist, als ob du mir einen riesigen Container hinstellst mit lauter Müll drin und ganz ganz unten oder irgendwo dazwischen ist die Gnade. Kram sie hervor, sagst du. Sie ist ja da, die Gnade. Siehst du sie etwa nicht?

Nein.
Sie ist untergegangen im Feuer im Atomkraftwerk, in den Schüssen auf die Hochhäuser von Kiew, im Wimmern der Altern, die sich in den U-Bahn-Schächten verstecken müssen und nicht wissen, ob sie in ihre Wohnungen zurück können. Mit den Waffen der Gerechtigkeit kommen wir nicht mehr weiter. Aber ohne sie auch nicht.
Non vi sed verbo, hat einst Luther gesagt. Keine Gewalt, nur das Wort. Aber das zählt gerade nicht.
Ja, auch jetzt ist von einer Zeitenwende die Rede. Aber es ist die der Eskalation, der militärischen Stärke. Nicht die Zeitenwende, die der Gnade Raum gibt. Nicht die, die auf den einzelnen blickt.

IV.
Und doch ist sie da, sagst du, Paulus: die Gnade. Die Menschenfreundlichkeit Gottes.
Seine Liebe. Seine bedingungslose Liebe zu allem, das lebt und atmet und liebt und lacht und weint. Vielleicht ist sie verschüttet, aber sie ist da. Suche nach ihr, sagst du.

Und ich denke an den Propheten, der sich Jesaja nennt. Er lebt im Exil weit weit weg von seinem Zuhause. Sieht, wie dreckig es seinen Leuten geht, wird selber verhöhnt. Und er doch hört er Hoffnungsworte von seinem Gott und die gibt er weiter.

„Sagt den Gefangenen: Geht heraus!, Sagt zu denen in der Finsternis: Kommt hervor! Ihr Erbarmer wird sie führen und sie an die Wasserquellen leiten. Ich will alle meine Berge zum ebenen Wege machen, und meine Pfade sollen gebahnt sein.“ (Jes 49)

Er sagt es, obwohl er weiß, dass das außer ihm niemand sonst sieht und hört.
Er klammert sich an Gott, an Gottes Worte, an das, was er versprochen hat:
ich bin da für euch - gerade für euch. Und gerade jetzt.

V.
Ja, es ist unser Auftrag, diese Gnade zu verkünden.
Gegen allen Augenschein. Gegen allen Pessimismus. Gegen allen Frust. Gegen den Tod.
Wir Christen und Christinnen klammern uns an diesen Gott.
Wir klammern uns an Jesus, der in die Wüste ging und mit dem Teufel kämpfte. Und als er ihm anbot, ihm die totale Macht zu geben, lehnte er ab. Weil er wusste: ich gehöre nach ganz unten.
Ich gehöre dorthin, wo die Menschen sind. Wo sie lachen und weinen, klagen und schreien.
Dort im U-Bahn-Tunnnel in Kiew und in den Flüchtlingslagern Griechenlands.
Dort am polnischen Grenzzaun, wo nur weiße Flüchtlinge durchgelassen werden.
Dort gehöre ich hin und nicht an den riesigen Tisch der Befehlshaber.
Und ja, an diesen Jesus klammere ich mich.

An den Jesus, der mit Spucke und Lehm die Augen eines Blinden beschmiert.
Der um seinen Freund Lazarus weint und sich im Jordan taufen lässt wie alle anderen Sünder auch.
Ich klammere mich an diesen Jesus, der sich bespucken lässt und verspotten,
der in einer Krippe geboren wird von einer jungen Frau, die nichts zählt.
An diesen Jesus halte ich mich, der seine Feinde liebt und mich auch und vermutlich sogar Putin.
Und ich bin froh, dass er es tut, denn ich kann es gerade nicht:
Putin lieben und die Menschenverächter dieser Welt.
Aber ich kann auf ihn zeigen, auf diesen Jesus.
Der kann das, was ich gerade nicht kann.
Und vielleicht genügt das ja, jedenfalls im Moment?

VI.
Wo ist Gottes Gnade? Wo kann ich sie entdecken?

Ich suche sie.
Und vielleicht finde ich sie gerade nur bei diesem Jesus, der all das Furchtbare aushält.
Der ans Kreuz geht. Und der die Armen und Traurigen selig preist und mir ein Senfkorn hinhält.
Hier sagt er: das ist das Reich Gottes. Das ist die große Liebe Gottes.
Sie macht sich klein und ist doch unendlich groß.

Ich suche nach der Gnade,
nach der unendlichen Liebe Gottes, die sich so klein macht,
dass ich sie übersehen und überhören könnte.

Und ich finde sie in den Worten von Annette Kurschus, der EKD-Ratsvorsitzenden, als sie in Berlin vor zigtausend Menschen spricht. Wenn sie sagt: „Lasst uns präzise bleiben in unserem Denken und Reden. In aller Empörung – wir bleiben dabei: Wir verweigern uns der Verführung zum Hass. Wir verweigern uns der Spirale der Gewalt. Wir werden der kriegslüsternen Herrscherclique in Russland nicht das Geschenk machen, ihr Volk zu hassen.“ (1)

Gnadenworte.

Und suche weiter nach der Gnade.

Und finde sie bei Anna und Ramon, die in Russland auf die Straße gehen und gegen Putin demonstrieren. Und ich finde sie bei Liane, die mich vor einer Woche anruft und von 5 Frauen und 13 Kindern aus der Ukraine erzählt und dass sie für sie Unterkünfte gefunden hat.
Ich finde die so große und so kleine Gnade bei Männern und Frauen in ukrainischen Dörfern, die sich mit bloßen Händen den russischen Panzern entgegenstellen und den russischen Soldaten zu essen geben.
Ich finde die Gnade in den Friedenslichtern, die vor einer Woche auf dem Leopoldplatz entzündet wurde.

VII.
Ist das die Gnade, die du, Paulus meinst?
Die ich annehmen soll, dass sie nicht ohne Wirkung bleibt?
Die Gnade in den Gegensätzen meines Lebens.

Du sagst:
Wir sind vom Tod bedroht, und seht doch: Wir leben!
Wir werden ausgepeitscht und kommen doch nicht um.
Wir geraten in Trauer und bleiben doch fröhlich.
Wir sind arm und machen doch viele reich.
Wir haben nichts und besitzen doch alles!


Und ich stimme ein:

Ich bin erschöpft und doch wach.
Ich habe Angst und klammere mich doch an die kleinen Hoffnungszeichen.
Ich erlebe Krieg und glaube doch und trotzdem an den Frieden.
Ich habe nichts vorzuweisen und habe doch alles -

Denn sie ist ja da, die Gnade, die unendliche Liebe Gottes.
Sie ist da und ich suche weiter nach ihr. Gerade jetzt.
Zusammen mit Jesus.
Amen.


(1) https://www.ekd.de/ekd_de/ds_doc/220227_Rede_EKD-Ratsvorsitzende_Kurschus_auf_der_Friedenskundgebung_in_Berlin.pdf



Sonntag, 9. Januar 2022

Hinten anstehen und dann neu anfangen

Von Schlangen und Reihen, von Wasser und Fehlern
Predigt zu Matthäus 3, 13-17*

1. In der Schlange stehen

Da steht der Sohn Gottes in der Schlange.
In einer Reihe mit Leuten, die es nötig haben, die einen Neuanfang nötig haben.
Alte und junge. Reiche und Arme. Oberfromme und Besserwisser.
Soldaten sogar. Eltern mit ihren Kindern an der Hand.
Und Proviant haben sie auch mitgebracht, weil sie so lange warten müssen.
Wie in der Schlange in der Bahnhofstraße - vor dem Impfzentrum.
Oder nächsten Sonntag hier in der Stadtkirche, wenn die Vesperkirche beginnt.

Eingereiht am Ufer des Flusses wartet auch der Gottessohn, bis er dran ist.
Er steht da zwischen Menschen, die den Fehler zuerst bei sich suchen.
Sie wollen sich ändern. Noch einmal neu anfangen.

2. Skepsis und Hoffnung

Ich bin sicher, viele sind skeptisch.
Ob sich wirklich was ändern kann - bei mir?
Genährt wird der Zweifel von den anderen, den Zuschauern.
Schon die Tatsache, dass sie kommen, sich in die Reihe stellen und warten,
das wirft ein schräges Licht auf sie. (Vielen hier in der Vesperkirche geht es so)
„Die haben es wohl nötig. Einmal Loser, immer Loser.“

Und doch stehen sie hier und hoffen.
Hoffen, dass sie endlich mal nicht scheitern, dass sie die Kurve kriegen.
Und deshalb wollen sie dieses äußere Zeichen, das Wasser.
Dieses öffentliche Zeichen, das den Neuanfang spüren lässt,
den Neuanfang sichtbar macht.

3. Neu werden

Einmal ganz untertauchen und Wasser in die Ohren kriegen.
Einmal untertauchen und die Augen ganz fest zusammenkneifen.
Einmal untertauchen und den Mund zumachen müssen. Die Hand auf dem Kopf spüren.
Und dann auftauchen, wie aus dem allerersten Wasser, wie neugeboren.
Die Ohren frei machen und hinhören.
Die Augen öffnen und nicht mehr wegsehen.
Wenn es sein muss, auch den Mund aufmachen.

Neue Menschen kommen aus diesem Wasser,
Frei sind sie: Gottes Kinder, Söhne und Töchter.
Und da steht der Sohn Gottes in der Schlange. Er hat sich eingereiht.
Mitten zwischen denen, die gerade noch als Schlangenbrut beschimpft wurden.
Auf Platz 17 vielleicht.

4. Ganz unten

Der Sohn Gottes irgendwo hinten in der Reihe.
Ja, Gott ist verwirrend konsequent.
Eine Geburt mit zweifelhaftem Hintergrund mit Blut und Schweiß,
einfache Unbekannte, die diese Geburt begleiten, und ihren Feldgeruch mitbringen,
eine Fluchtgeschichte, eine Handwerker-Familie.
Glanz und Gloria kamen erst hinterher.

Das muss so sein, dass er sich hinten anstellt, als Sohn Gottes.
Nicht von dieser Welt und doch mitten in ihr drin.
Das war schon im Stall so, wo die Engel sangen.
Und auch hier ist er mittendrin und der Himmel geht auf.

Als später einmal die Kinder zur Seite geschoben werden und alle Großen sich einig sind:
„Die Kleinen stören nur. Die sind jetzt im Weg.“
Da wird er sauer und er breitet die Arme weit aus für die, die angeblich im Weg sind.
Und er nimmt die sogenannten Störenfriede auf den Schoß und sagt:
„Wer groß ist, ist eigentlich klein. Und wer klein ist, ist groß. Merkt euch das!“
Und nicht nur die Kinder macht er groß. Auch die Bettler, die Frauen, die Kranken.
Die Witwe, die ihren letzten Cent gibt, preist er.

Der Gottes Sohn irgendwo hinten in der Reihe….
Der Sohn Gottes zieht auf einem Esel in das große Jerusalem ein,
wäscht seinen Jüngern die Füße
und zeigt ihnen, was es heißt, dem anderen zu dienen.
Er lässt sich gefangen nehmen und wählt nicht den Weg des Schwertes.
Und stirbt den schmachvollen Tod eines Verbrechers am Kreuz.
Das vorläufige Ende seines Weges von einem, der sich hinten an stellt,
weil er einer wie du ist und einer wie ich,
und damit setzt er ein Zeichen. Ein öffentliches Zeichen.

5. Von oben

Jetzt aber am Jordan bei Johannes, da steht er am Anfang.
Am Anfang der Schlange der Schlangenbrut.
Die 16, die vor ihm waren, sind aus dem Wasser gestiegen.
Nun steht er vor dem Täufer.

Und Johannes, dieser Rufer in der Wüste,
hat eine Ahnung davon, mit wem er es zu tun hat.
Da kommt einer, der ist größer als ich.
Ich bin es nicht wert, dass ich mich vor ihm bücke.
Dem kann ich nicht das Wasser reichen. Nie im Leben.
Diesen kann ich nicht taufen.
„Du solltest mich taufen. Nicht ich dich. So ist es richtig.“

6. Geschehen lassen

Ein kurzer Moment der Verwirrung unter denen, die drum herum stehen.
Was ist hier los? Wer tauft jetzt wen? Wer ist oben, wer ist unten? Wer ist die Nr. 1?
Wer hat das Wasser nötig?  Für wen ist dies der Tag eines öffentlichen Zeichens?

Jesus weiß, was jetzt für ihn dran ist.
„Lass es jetzt geschehen.“ sagt er zu Johannes.
Seine ersten Worte bei dieser Begegnung.
„Du oder ich. Das spielt doch hier keine Rolle.
Es geht doch nicht um uns. Wir sind hier nicht die Macher.
Wir lassen es nur geschehen. Ein anderer macht es.“

Und dann lässt Johannes es geschehen. Und Jesus lässt geschehen.
Und der Himmel öffnet sich. Etwas Neues beginnt. Für Jesus. Für Johannes.
Für alle, die an diesem Tag Zeugen werden.
Und für alle, die später von ihm zeugen werden.
Ein Neuanfang.
Ein Neuanfang durch einen, der sich hinten anstellt und der es geschehen lässt.

7. Hinten anstellen

Nicht immer haben wir uns als Christen und Christinnen
in unserer Geschichte hinten angestellt.
Nicht immer haben wir von den Kleinen groß gedacht.
Nicht immer haben wir Frauen und Männer gleich
und Menschen wie Menschen behandelt.
Nicht immer sind wir den Weg des Friedens gegangen.
Nicht immer haben wir uns in die Reihe derer gestellt,
die den Fehler zuerst bei sich suchen.

Die Versuchung ist groß, den umgekehrten Weg zu wählen,
wenn sich die Möglichkeit dazu bietet:
Vorne dran zu sein. Erste zu sein. "Ich bin jetzt dran!" zu schreien.

Vor 3 Tagen jährte sich der Sturm aufs Kapitol in Washington. Die Dokumentation im Fernsehen** hat mir die ganzen Gefühle von vor einem Jahr wieder hervorgeholt. Dieses Bangen um die Demokratie und um die Politiker und Politikerinnen im Kapitol. Beklemmend.
1000e von patriotischen Fanatikern, die ihren Glauben an Trump und eine patriarchale Welt an erste Stelle setzten. Und das Ganze garnierte sie mit Gott und Jesus.
"Wir sind jetzt dran!" Brüllten sie. Und fast wäre es ihnen gelungen. Da fehlte nicht viel.

"Wir sind das Volk!" Brüllen sogenannte Patrioten und Querdenker auf unseren Straßen.
Sie suchen die Fehler nicht bei sich, sondern bedrohen Politikerinnen und Journalisten.
Und wollten auch das Reichstagsgebäude in Berlin stürmen.

Statt an das überlastete Krankenhauspersonal zu denken, das stundenlang in Schutzkleidung schwitzen muss, wird die persönliche Maskenfreiheit betont.
Selbst vor den gelben Nazi-Sternen, mit denen einst jüdische Männer, Frauen und Kinder gebrandmarkt wurden, machen sie nicht halt und missbrauchen sie.
Wie auch immer man die politischen Maßnahmen beurteilt:
Das sind falsche Zeichen. Ganz falsche Zeichen.
In diesen Reihen sollte niemand von uns stehen. Du nicht und ich nicht.

8. Da gehöre ich hin

Sondern beim Gottessohn. Bei dem, auf den der Geist wie eine Taube herab kommt.
Bei dem, der nach ganz unten geht und nach ganz hinten.
Der sich in die Reihe derer stellt,
die den Fehler bei sich suchen und nicht bei den anderen.

In einer Reihe mit dem Friedensstifter will ich stehen.
Mir geschehen lassen, dass Gott zu mir sagt: du bist meine geliebte Tochter.
An dir habe ich Freude. So wie du bist.
Müde und abgekämpft. Mutlos und frustriert und wütend.
In Sorge über die tiefen Gräben in der Gesellschaft. An dir habe ich Freude.
An dir mit deinen Träumen und deinen Liedern.
An dir, wenn du über Hass und Gewalt erschrickst und nicht mehr weiter weißt.
An dir, die du mit anderen nach den besten Lösungen suchst
und unsicher bist, ob du sie findest.
An dir habe ich Freude, sagt Gott. Sagt Jesus. Sagt der Gottessohn.
Du bist meine Tochter, mein Sohn.
Du musst es dir nicht erstreiten, nicht erkämpfen. Du bist es einfach.

9. Neue Reihen

Es ist gut, in einer Reihe mit Jesus zu stehen. Hinten auf Platz 17.
Und ich lasse den anderen den Vortritt.
Denen, die noch mehr zweifeln als ich. Die vielleicht noch müder sind.
Gemeinsam teilen wir unseren Proviant:
den Krümel Mut und den Becher mit Hoffnung,
die so gut schmeckt wie schwerer roter Wein.

Und dann sehen wir noch die am Rand, die sich nicht trauen,
weil sie denken, dass sie nicht dazu gehören.
Oder die immer noch in den falschen Reihen stehen.
Wir machen Platz für sie und gemeinsam warten wir darauf,
dass der Geist auf uns kommt wie eine Taube, dieses göttliche Zeichen des Friedens.

Und dann. Ja, dann steigen wir aus dem Wasser.
Mit offenen Ohren und Augen und erfüllten Herzen.
Töchter und Söhne des einen Gottes.
An uns ist etwas geschehen.
Ein neuer Anfang ist gemacht.
Amen.

 

*)
Damals kam Jesus aus Galiläa an den Jordan zu Johannes.
Er wollte sich von ihm taufen lassen.
Johannes versuchte, ihn davon abzuhalten.
Er sagte:»Ich müsste doch eigentlich von dir getauft werden! Und du kommst zu mir?«
Jesus antwortete: »Das müssen wir jetzt tun.
So erfüllen wir, was Gottes Gerechtigkeit fordert.«
Da gab Johannes nach. 

Als Jesus getauft war, stieg er sofort aus dem Wasser.
In diesem Moment öffnete sich der Himmel über ihm.
Er sah den Geist Gottes, der wie eine Taube auf ihn herabkam.
Da erklang eine Stimme aus dem Himmel:
»Das ist mein geliebter Sohn, an ihm habe ich Freude.«

**)
https://www.ardmediathek.de/video/dokus-im-ersten/sturm-auf-das-kapitol-oder-doku/das-erste/Y3JpZDovL2Rhc2Vyc3RlLmRlL3JlcG9ydGFnZSBfIGRva3VtZW50YXRpb24gaW0gZXJzdGVuLzE5ZjJiNWZmLWQ1MzItNGQ5Zi1iNzBjLWY0Y2QxZGJlMTE0ZQ/


https://www.arte.tv/de/videos/103011-000-A/der-sturm-aufs-kapitol/