Montag, 16. August 2021

Am richtigen Platz sein

Sind wir noch zu retten?
Erste Schritte als Begnadete

Predigt zu Epheser 2, 4-10*

(mit Dank an die Kollegin Henriette Crüwell für ihren fulminanten Aufschlag, den ich weiterstricken durfte!)

1. Rettung am Staudamm

Es hätte nicht mehr viel gefehlt, wenige Zentimeter und nichts mehr wäre zu retten gewesen. Die Verwüstung war eh schon groß. Dann aber wäre alles verloren gewesen. Nach dem tagelangen Starkregen Mitte Juli hatten Schlamm und Geröll den Abfluss der Steinbachtalsperre verstopft. Und so stieg der Spiegel Zentimeter um Zentimeter. Mehrere Tausend Liter Wasser rissen metertiefe Krater in den Erdwall davor. Die Dammkrone war beschädigt - würde die Talsperre den Wassermassen standhalten? Alle standen wie gelähmt davor - ohnmächtig die Katastrophe noch verhindern zu können.

Unter ihnen ist auch der Tiefbauer Hubert Schilles. Er sagt: „In diesem Augenblick war klar, dass wir keine Zeit mehr haben, also rannten wir los, um alles in die Wege zu leiten.“ 45 Minuten später stand sein Bagger da. „Und dann bin ich da reingefahren bis zum Hauptablauf,“ erzählt er. Und er macht tatsächlich das Unmögliche möglich. Er baggert 18 Meter unter dem Wasserspiegel den Abfluss wieder frei. „Du bist unser Held, Hubert!“ feiern ihn die Geretteten. „Nein, ich bin nur ein ganz normaler Mensch,“ widerspricht er.
Auf die Frage, wie er das denn geschafft habe, antwortet er: „Ich bin ein gläubiger Mensch. Der Herrgott hat mich dahin gestellt und ich habe meinen Rosenkranz gepackt, mich gesegnet und dann bin ich da reingefahren. Ich habe keine Sekunde Angst gehabt. Ich habe gesagt: ‚Du Herr, musst wissen, was passiert.‘ Und ich war voller Vertrauen, dass die Wand nicht bricht.“

Hubert Schiller war kein Held, aber ein Geschenk. Ein Geschenk Gottes.

2. Rettung aus Gnade

Aus Gnade seid ihr gerettet – durch den Glauben.
Schreibt ein Paulusschüler.
Aus Gnade seid ihr gerettet.
Das verdankt ihr nicht eurer eigenen Kraft, sondern es ist Gottes Geschenk.
Gott hat uns so geschaffen, dass wir nun das Gute tun.



3. Keine Rettung mehr möglich?

Gerettet?
Es fehlt nicht mehr viel. Nur noch ein paar Grad. Dann ist wirklich nichts mehr zu retten, warnen uns die Wissenschaftler in ihrem jüngsten Klimabericht. Die Folgen des Klimawandels sind unübersehbar. Ja, wir können sie längst mit eigenen Augen sehen: Die Schlammmassen und Feuerstürme, die rund um den Globus alles zunichte machen. Wie gelähmt stehen wir vor dieser selbstgemachten Katastrophe.

Gerettet durch Gnade.
Und ich frage mich: „Sind wir noch zu retten?“

Die Katastrophe, in der wir mitten drin sind, lässt sich nicht mehr durch die einsame Tat eines mutigen Tiefbauers oder eines klugen Wissenschaftlers abwenden, auch nicht mit politischen Absichtserklärungen. Nur mit vereinten Kräften können wir das Ruder vielleicht noch rumreißen, so die Wissenschaftler in ihrem Klimabericht. Aber wird jetzt wirklich was geschehen? Die einen machen die Augen zu und die anderen sind wie gelähmt angesichts dieser riesengroßen Herausforderung, die da vor uns liegt. Denn die allermeisten von uns sind keine Helden.

Wie gut, dass Gott nicht nur Helden berufen hat, sondern zuallererst mal all die Mühseligen und Beladenen, die Ängstlichen und Zweifelnden. Weil wir Menschen eben Menschen sind und uns so oft die Kraft fehlt für das, was am allerdringlichsten dran ist.
Wie oft sind wir zu spät dran? Viel zu spät. Da haben wir Ausreden und viel zu viele Regeln und Gesetze. Wir schieben Dinge vor uns her und bringen uns von einer Gefahr zu nächsten.

4. Am richtigen Platz sein

Gott hat uns so geschaffen, dass wir nun das Gute tun.
Der Paulusschüler scheint der Ghostwriter für den Baggerführer Hubert Schilles zu sein. Der sagte nämlich: „Der Herrgott hat mich an diesen Platz gestellt. Er muss wissen, was er tut. Vielleicht bin ich ja sogar nur deshalb seit seinem 19. Lebensjahr Baggerführer, um in so einem Moment an Ort und Stelle zu sein und eine Katastrophe gerade noch abzuwenden.“

Gott hat uns so geschaffen, dass wir nun das Gute tun.
Gott uns in diese Zeit hineingestellt, an unseren jeweiligen Platz, damit wir jetzt als Ärztin, Steuerberater, Rentnerin, Schreiner, Jurist, Lehrerin, angehender Polizist oder Pfarrerin im Rahmen unserer Möglichkeiten tun, was zu tun ist, um seine Schöpfung zu retten.
Vielleicht ist das genau diese Gnade, von der Paulus und seine Schüler immer wieder sprechen. Die Gnade nämlich, dass Gott uns nicht nur vorbehaltlos liebt - das auch! -, sondern uns auch braucht, damit wir seine Liebe leben. Wir sind sein Geschenk für Gott. Und ein Geschenk an die Welt. Hier und heute.

5. Begnadet sein

Woher aber bekommen wir die Kraft dazu?
Die Kraft dazu bekommen wir aus dem Glauben. Da sind sich der Paulusschüler und Hubert Schilles einig. Und wieder sagt es ein jeder von ihnen auf seine Weise. „Gott hat uns zusammen mit Jesus auferweckt und hat uns zusammen mit ihm schon jetzt einen Platz im Himmel gegeben.“ Sagt der eine. Und der andere nimmt seinen Rosenkranz, bekreuzigt sich und sagt: „Der Herr wird wissen, was passiert.“

Mit dem Kreuzzeichen und dem Rosenkranz tun wir Evangelischen uns ja bekanntlich ein bisschen schwer. Schade eigentlich. Denn wo Worte fehlen, zeigt das Kreuzzeichen auf sehr sinnliche Weise, dass wir es sind, die geliebt sind. Und der Rosenkranz ist eine Erinnerung zum Anfassen, erinnert an den Gruß des Engels, der zu Maria gesagt hat: „Gegrüßet seist du Begnadete. Der Herr ist mit dir!

Gegrüßet seist du Begnadete!
Auch wir sind Begnadete. Hoffen, dass Gott mit uns ist und uns jenseits unserer menschlichen Möglichkeiten rettet. Wir sind Begnadete, beschenkt mit Liebe - und deshalb tun wir das uns Mögliche und wachsen dabei vielleicht sogar im entscheidenden Moment über uns hinaus - hoffend und betend, dass die Wand hält.

6. Schritte gehen

Und wenn die Wand nicht hält, wenn wir Angst haben und verzweifelt sind? Wenn wir scheitern und merken, dass wir die Welt nicht retten können? Dann sind wir selbst da nicht allein. Und wir klagen und rufen wie ein Kind nach seiner Mutter oder seinem Vater: „Wo bist Du? Warum bist Du nicht da? Hilf mir doch?“  Mit oder ohne Kreuzzeichen.

Ihr seid Begnadete. Ihr seid gerettet durch Gnade.
Ihr seid von Gott geliebt, bedingungslos. So wie ihr seid. Stark und schwach, mutig und feige.
Ihr, die ihr verzweifelt und so deutlich spürt, dass ihr allein die Welt nicht retten könnt.
Ihr, die ihr scheitert und euch zu Versager*innen stempelt.
Ihr seid geliebt. Und ihr seid nicht allein. Niemand von euch. Nie.
Weder 18 Meter unter dem Wasserspiegel noch angesichts der Klimakatastrophe.

Ihr seid gerettet durch Gnade.
Ihr braucht das nicht zu beweisen. Und es ist auch gar nicht so einfach, das für sich anzunehmen.
"Ich bin geliebt. Ich? Wirklich ich?"
Aber es ist Gnade, ein Geschenk, wenn jemand sagen kann: „Der Herrgott hat mich an diesen Platz gestellt!“
Und vielleicht könnt ihr es auch sagen. Irgendwann. Oder jetzt schon.
Im festen Vertrauen, dass ihr alles habt, was ihr dann braucht.
Und dann geht ihr die ersten Schritte. Als Begnadete.
 
Amen

* nach der Übersetzung der Basisbibel:
4 Gott ist reich an Barmherzigkeit.
Mit seiner ganzen Liebe hat er uns geliebt 5 und uns zusammen mit Christus lebendig gemacht.
Das tat er, obwohl wir tot waren aufgrund unserer Verfehlungen.
– Aus reiner Gnade seid ihr gerettet! –
6 Er hat uns mit Christus auferweckt und zusammen mit ihm einen Platz im Himmel gegeben.
Denn wir gehören zu Christus Jesus!
7 So wollte Gott für alle Zukunft zeigen, wie unendlich reich seine Gnade ist:
die Güte, die er uns erweist, eben weil wir zu Christus Jesus gehören.
8 Denn aus Gnade seid ihr gerettet –durch den Glauben.
Das verdankt ihr nicht eurer eigenen Kraft, sondern es ist Gottes Geschenk.
9 Er gibt es unabhängig von irgendwelchen Taten, damit niemand darauf stolz sein kann.
10 Denn wir sind Gottes Werk.
Aufgrund unserer Zugehörigkeit zu Christus Jesus hat er uns so geschaffen,
dass wir nun das Gute tun.
Gott selbst hat es im Voraus für uns bereitgestellt,
damit wir unser Leben entsprechend führen können.

Liebeserklärung Gottes

Gerufene Namen. Prophetische Zusagen. Erwünschtes Gotteskind.

Predigt zu Jesaja, 43, 1-7 (gehalten am 11.7.2021 in der Stadtkirche)
Mit Dank für Anregungen von Anne Gideon und Marei Röding)


1. Kind Gottes

Und nun spricht der Herr, der dich geschaffen hat, Jakob,
und dich gemacht hat, Israel:


Gott spricht. Kein anderer.
Geschaffen bist du, sagt Gott.
Geschaffen. Gewollt. Erwünscht. Willkommen. Geliebt. Das kann niemand zerstören.
Auch nicht die, die dich nicht willkommen heißen. Oder die dir was vormachen.
Noch nicht mal du selbst. Geschöpf Gottes. Kind Gottes.

Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst;
ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!


2. Geliebte Gottes

Ich bin dein und du bist mein. Liebeserklärung Gottes
Du gehörst zu Gott. Nichts kann euch trennen.
Du bist unverwechselbar. Etwas ganz Besonderes.
Kein namenloses Etwas, keine Nummer, sondern du.
Maria, Helmut, Andreas, Birgit, Ruth, Ahmet, Machally.

Du hast einen Namen. Den haben dir deine Eltern gegeben.
Menschen, die dich lieben.
Benjamin, Christiane, Kord, Martina, Regine, Fritz, Roland, Maddie.

Du hast einen Namen, den ich rufen kann.
Und du schaust hoch und schaust mich an und ich schau dich an.
Sabine, Katharina, Esther, Mardan, Rami, Gerhard, Mirzeta, Anny, Lio.

Es gibt und gab schon immer Tyrannen oder politische Systeme,
die die Namen auslöschen wollten.
Und es gibt und gab schon immer Menschen, die das verhindert haben.
Gott lässt das nicht zu. Schickt Menschen, die aufpassen.
Amnesty international. Die Mütter an der Plaza del Mayo. Stolpersteine.
Damit die Namen bleiben. Damit du bleibst.
Du besonderer unverwechselbarer Mensch

3. Prophetenworte I

Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein,
und wenn du durch Ströme gehst, sollen sie dich nicht ersäufen.
Wenn du ins Feuer gehst, wirst du nicht brennen,
und die Flamme wird dich nicht versengen.


Da ist ein Prophet und schreibt für Menschen im Exil.
Ihr Sehnsuchtsort ist weit weg.
An den Wassern von Babylon sitzen sie und weinen.
Sehnen sich nach der alten Heimat Israel.
Träumen davon nach Hause zu kommen.
Wollen ihr Leben zurück.
Das von früher. Bevor die Gewalt sie ins Exil gebracht hat.
Bevor Nebukadnezar 586 vor Christus Jerusalem eingenommen hat,
den Tempel zerstörte und die Stadt Jerusalem.
Wer überlebte, floh, wird verbannt, durfte nicht wieder zurückkehren.  

Da sitzen die Menschen aus Israel, weit weg von Zuhause am Euphrat und warten.
Warten und warten.
Da hört man auf so manche Stimme. Schwarzredner, Verschwörungskünstler.
Haben wir überhaupt eine gute Regierung?
Machen die das nicht für die eigene Tasche?
Ist das in Israel überhaupt gefährlich zur Zeit? Wir wollen zurück. Wie früher soll es sein!

Dagegen die Prophetenstimme - sie ist unbequem:Es wird nie wieder wie früher.

4. Prophetenworte II

Aber die Prophetenstimme sagt auch Seliges:
Fürchte dich nicht!
Propheten sind Gottes Stimme.
Sie sagen „ich“ und meinen damit Gott.
Sie sagen „du“ und meinen dich.
Propheten sprechen von Sehnsucht und von Heimat.
Und davon, keine Angst mehr haben zu müssen.
Und zu Gott zu gehören.

Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst.
Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein,


Wenn du nicht weißt, ob dein Geschäft sich noch lohnt,
weil du zu lange nichts verkaufen konntest -
will ich bei dir sein.
Wenn die Nachrichten über die Delta-Corona-Variante über dir zusammenschlagen -
will ich bei dir sein.
Wenn dein Sohn nicht mehr mit dir redet
und du hast Angst, dass ihr nie wieder zusammenkommt -
will ich bei dir sein.
Wenn du vor lauter Erschöpfung nicht schlafen kannst -
will ich bei dir sein.
Wenn du nicht weißt, wie du das nächste Schuljahr schaffen sollst -
will ich bei dir sein.
Wenn dir vor dem nächsten Arztbesuch graut -
will ich bei dir sein.

Weil du teuer bist in meinen Augen und herrlich und weil ich dich lieb habe,

5. Heimat finden

So fürchte dich nun nicht, denn ich bin bei dir.

Seit einigen Wochen lebt eine junge Frau bei uns.
Sie kommt aus Kolumbien und ist nun in die Heimat ihres Großvaters gekommen.
Hierher - nach Deutschland. Heimat oder Exil?
Sie sieht in Kolumbien keine Perspektive mehr für sich.
Das politische System ist zu korrupt und zu chauvinistisch.
Corona breitet sich nahezu ungebremst aus. Die Wirtschaft am Boden.
Nun ist sie hier - mit ihrem deutschen Pass dank ihres Großvaters.
Versucht Fuß zu fassen in der Fremde.
Mitten in der Pandemie ist das schwer für eine junge Frau, die kaum Deutsch spricht.

Sie hat Angst.
Angst um ihren Vater in Kolumbien, der vor 3 Jahren Krebs hatte.
Ob er den Krebs besiegt hat?
Und ob er endlich seine Rente bekommen wird?
Sie hat Angst um ihre Schwester in Kolumbien, die nun auch Covid bekommen hat.
Und Angst um ihre Freunde und Freundinnen,
die auf die Straße gegangen sind und gegen die Regierung protestiert haben.
Sie wurden brutal niedergeknüppelt.
14/15 jährige mussten ins Krankenhaus gebracht werden.
Was wird mit ihnen geschehen?

So fürchte dich nun nicht, denn ich bin bei dir.

Ich weiß, dass ich das meinem Gast nicht einfach so sagen kann.
Die Gefahr ist groß, dass das nach billigem Trost klingt.
Aber ich nehme sie immer wieder in den Arm.
Ich weiß, dass ihr mein Essen schmeckt, das ich ihr koche.
Und wir reden. Mehr auf englisch als auf deutsch. Und meistens am Abend.
Wir versuchen, ihr ein Stück Zuhause zu geben - auch wenn wir oft nicht da sind.
Wir haben Platz. Warum also nicht?
Und vielleicht nimmt es etwas von der Angst weg?

6. Mit Gotteskindern auf dem Weg

Ich will vom Osten deine Kinder bringen und dich vom Westen her sammeln,
ich will sagen zum Norden: Gib her!, und zum Süden: Halte nicht zurück!
Bring her meine Söhne von ferne und meine Töchter vom Ende der Erde,
alle, die mit meinem Namen genannt sind,
die ich zu meiner Ehre geschaffen und zubereitet und gemacht habe.


Du, Kind Gottes, Sohn, Tochter.
Du mit deinem Namen - verbunden mit dem Namen Gottes.
Geschaffen, gewollt, erwünscht.
Getauft und ungetauft, aber immer geliebt.
Du Kind Gottes vom Süden und vom Norden, vom Osten und vom Westen.
Du mit deiner Angst und mit deiner Sehnsucht nach einem Zuhause.
Du bist hier und Gott ist hier.
Und ihr beide gehört zusammen und Gott geht deinen Weg mit dir.
Auf deinem Weg sind auch die anderen Gotteskinder.
Mit ihren Ängsten und ihren Sehnsüchten.
Entdecke sie, lerne ihre Namen kennen.
Denn auch sie gehören zu Gott.
Lass dir von niemandem das Gegenteil einreden.

Gott hat euch beim Namen gerufen.
Fürchtet euch nicht.

Amen.

Montag, 14. Juni 2021

Willkommensworte

Predigt zu 1. Korinther 14, 1-12*

(diese Predigt wurde - leicht abgewandelt - bereits veröffentlicht unter https://predigten.evangelisch.de/predigt/auf-dem-weg-der-liebe-predigt-zu-1-korinther-141-12-von-christiane-quincke)

1. Giftpfeilworte

„Mit dieser Hose kannst du doch nicht vor dem Altar stehen!“
„Eine Frau auf der Kanzel? Das geht nicht!“
„Du nimmst die Bibel nicht ernst, sonst würdest du keine Homosexuellen trauen.“
„Wie kannst du nur mit Muslimen zusammen beten? Glaubst du etwa nicht an Jesus?“

Worte, die ich so oft gehört habe, dass ich sie nicht zählen kann.
Wie Giftpfeile haben sie mich getroffen, früher,
und manche treffen mich noch heute.
Ihre Botschaft ist für mich eindeutig: ich gehöre nicht dazu.
Nicht zum Kreis der Rechtgläubigen. Nicht zu denen, die wissen, was sich gehört.
Und am Ende noch nicht mal zu Jesus.

Genau das soll nicht passieren, sagt Paulus.
Eure Worte sollen Gemeinde aufbauen, trösten und ermutigen.
Nicht ausgrenzen. Sagt er.
„Bleibt unbeirrt auf dem Weg der Liebe!“


2. Liebe ist der Maßstab

Bleibt unbeirrt auf dem Weg der Liebe.
Die Liebe ist der Maßstab. Auch wenn es um Worte geht.
Auf dem Weg der Liebe wird kein Mensch ausgegrenzt. 

Niemand.
Und das buchstabiert Paulus durch.

In Korinth gibt es Christen und Christinnen,
die auf ihr inniges Verhältnis zu Gott besonders stolz sind.
Sie haben dafür sogar eine eigene Sprache - die Zungenrede, die "unbekannte Sprache" -
eine Sprache, die nur sie selber und Gott verstehen.
Mit Gott auf du und du.

Das ist okay, aber es hilft den anderen nicht, schreibt Paulus.
Im Gegenteil: es schließt die anderen aus, weil sie nicht verstehen, worum es geht.
Vielleicht bekommen sie sogar das Gefühl, dass sie noch nicht fest genug glauben
oder dass an ihrer Beziehung zu Gott was nicht stimmt.
Und das ist lieblos.


3. Verstehen

Bleibt unbeirrt auf dem Weg der Liebe.
Worte sollen verbinden, nicht ausschließen.
Und doch tun sie es. Oft sogar unbeabsichtigt.
Auch hier bei uns. Hier in der Kirche.
Bis zur Reformation haben die Pfarrer auf Latein gepredigt.
Das Volk verstand sie nicht.
Es nahm am Schauspiel der Kleriker teil, aber gehörte nicht wirklich dazu.
Auch die Bibel gab es noch nicht in Deutsch.
Das änderte sich dann.
Plötzlich gab es die Muttersprache in der Bibel und auf der Kanzel.
Aber verstanden die Leute wirklich, was gesagt wurde?

Ich fasse mir an meine eigene Nase: wie oft habe ich viel zu lange Sätze verwendet?
Und Worte, die nur die wirklich Eingeweihten verstehen?

Vor vielen Jahren habe ich ein Gemeindepraktikum in Argentinien gemacht
und ich musste auf Spanisch predigen.
Das war das Beste, was mir passieren konnte -
die beste Übung, von der Gelehrten-Sprache wegzukommen.
Denn da konnte ich nicht kompliziert sprechen.

Aber damit es nicht getan. Es geht nicht nur um verschwurbelte Sätze.
Manchmal liegen Welten zwischen uns.
Ich lebe in meiner Welt, die in vielem anders ist als die meiner Hörer und Hörerinnen.
Meine Erfahrungen sind nicht ihre, nicht eure.
Trotzdem denke ich viel zu oft denke, dass wir dieselbe Sprache haben.
Dabei stimmt das vielleicht gar nicht.
Und viel zu oft benutze ich auch Worte, die ausgrenzen,
und Sätze, die ihr nicht versteht.


4. Jede*r gehört dazu

Ich hoffe, dass ihr mich jetzt versteht.
Dass ich euch, die ihr mir zuhört, mit genommen habe.
Dass ihr noch dabei seid.
Denn jede und jeder von euch gehört dazu.

Ihr alle.
Mir liegt an einer Kirche, die niemanden ausgrenzt.
Ich will mit euch eine Kirche gestalten, die den Weg der Liebe geht.
Eine Kirche, die für euch alle ein guter, ein sicherer, ein liebevoller Ort ist.

Ich weiß, dass der Weg noch weit ist.
(Und er hört beim Gendersternchen noch lange nicht auf)

Immer noch denken viele, dass Kinder nicht zum Abendmahl dürfen,
weil sie es angeblich nicht verstehen.


Immer noch gibt es evangelische Kirchen, die Frauen nicht auf die Kanzeln lassen.
Ja, dazu hat auch Paulus beigetragen.
Er hat seine eigenen Worte nicht ernstgenommen.

Immer noch hören viel zu viele Menschen, dass sie nicht willkommen sind,
nur weil sie anders lieben, anders fühlen, anders sind, als die sogenannte Norm.
Gerade erst wieder musste ich in einer kirchlichen Zeitschrift lesen,
dass sie krank seien oder sündig und pervers leben -
auch daran trägt Paulus seinen Anteil.
Und ich schäme mich dafür, dass das immer noch passiert.


5. Willkommen heißen

Bleibt unbeirrt auf dem Weg der Liebe.
Jesus lebt sie, diese Liebe. Geht diesen Weg.
Vor 2000 Jahren hat er Kinder in den Arm genommen, Zachäus vom Baum geholt und sich vor die Frau gestellt, die vom Mob gelyncht werden sollte.
Vor wen würde er sich heute stellen?
Vor die Synagoge, vor die Moschee, vor die Beratungsstelle für Abtreibungen vielleicht?
An seinem Tisch sitzen sie alle, die nirgendwo einen Platz bekommen.
Die immer weggejagt werden, die sind willkommen.
Und das gilt auch für mich. Und für euch.
Niemand wird weggeschickt.
Jedes verwundete Herz wird umarmt.


6. Mit Worten verbinden

Bleibt unbeirrt auf dem Weg der Liebe.
Geht ihn weiter, ihr Christen und Christinnen.
Mit euren vielen Stimmen und den vielen Weisen zu leben.
Geht den Weg nicht für euch allein, sondern zusammen mit allen, die lieben.
Geht ihn mit den Muslimen und den Jüdinnen, den Atheistinnen und den Frommen.
Die Liebe hört an den Kirchenmauern nicht auf.
Sie gehört hinein in die Welt.
In die Flüchtlingsheime und in das Rathaus.
Ans Krankenbett und ins Nagelstudio.
Sprecht Worte, die verbinden.
Öffnet euer Herz für die, die anders sind als ihr.
Denn das ist der Weg von Jesus.
Kein anderer.


7. Willkommensworte

Darum lasst uns die Giftpfeilworte in Willkommensworte verwandeln:

Auch vor dem Altar darf jede sein, wie sie ist.
Eine Frau auf der Kanzel? Wunderbar!
Wir nehmen die Liebe Gottes ernst. Darum trauen wir Homosexuell Liebende.
Wir glauben an die Größe Gottes und darum beten wir mit Muslimen zusammen.

Könnten Willkommensworte so klingen?

Worte, die verwundete Herzen umarmen.
Die ermutigen und trösten.
Prophetische Worte der Liebe.
Worte, die ich noch mehr hören will und anderen sagen will.

Denn sie verbinden. Mit Jesus.
Euch und mich und die ganze Welt.


Amen.

* nach der Übersetzung der Basisbibel:

Bleibt unbeirrt auf dem Weg der Liebe!
Strebt nach den Gaben, die der Heilige Geist schenkt –
vor allem aber danach, als Prophet zu reden.
Wer in unbekannten Sprachen redet, spricht nicht zu den Menschen, sondern zu Gott.
Denn niemand versteht ihn.
Was er unter dem Einfluss des Geistes sagt, bleibt vielmehr ein Geheimnis.
Wer dagegen als Prophet redet, spricht zu den Menschen.
Er baut die Gemeinde auf, er ermutigt die Menschen und tröstet sie.
Wer in unbekannten Sprachen redet, baut damit nur sich selbst auf.
Wer aber als Prophet redet, baut die Gemeinde auf. (….)

Was wäre, Brüder und Schwestern,
wenn ich zu euch komme und in unbekannten Sprachen rede.
Was habt ihr davon, wenn ich euch nichts Verständliches vermittle?
Das kann eine Vision sein oder eine Erkenntnis, eine prophetische Botschaft oder eine Lehre. (…..)
Niemand weiß, wie viele Sprachen es auf der Welt gibt. Und kein Volk ist ohne Sprache.
Wenn ich eine Sprache nicht verstehe, werde ich für den ein Fremder sein, der sie spricht.
Und wer sie spricht, ist umgekehrt ein Fremder für mich.

Das gilt auch für euch.
Ihr strebt nach den Gaben des Heiligen Geistes.
Dann strebt nach Gaben, die die Gemeinde aufbauen.
Davon könnt ihr nicht genug haben.

Sonntag, 30. Mai 2021

Nikodemus-Stunde

Nächtliche Gespräche.
Ein Gott, der nicht zu fassen ist.
Ein Wind, der weht, wo er will.

Predigt zu Johannes 3, 1-8


1. (Johannes 3,1-2)
Unter den Pharisäern gab es einen, der Nikodemus hieß.
Er war einer der führenden Männer des jüdischen Volkes.
Eines Nachts ging er zu Jesus


2.
Die Nikodemus-Stunde. Ich mag sie.
Die Stunde in der Nacht. Im Zwischenraum.
Die Gespräche zwischen Tür und Angel. Oder die entscheidende Frage beim Abschied.
Mit meiner Freundin Britta im Treppenhaus sitzen - damals als 15jährige.
Auf dem Absatz zwischen unseren Stockwerken. Das Licht aus lassen. Flüstern.
Wie verliebt sie war. Und ich auch.
Und dass ich nicht weiß, was mit meiner Mutter los ist.
Und sie nicht weiß, ob sie die Klasse schafft.
Irgendwann war die Stunde vorbei.
Eine Umarmung. Bis morgen. Schlaf gut.

3.
Die Nikodemus-Stunde.
Dunkelblau und geheimnisvoll. Manchmal auch beängstigend. Oder voller Hoffnung?
Da kommt hoch, was am Tag heruntergeschluckt wird.
Was unklar geblieben ist, bricht sich Bahn.
Fragen wirbeln im Kopf und melden sich wie ein Ohrwurm in der Nacht.
Sie lassen dich nicht zur Ruhe kommen.
Du musst aufstehen. Ein Glas Wasser trinken. Mit jemandem reden vielleicht.

4. (Johannes 3, 2)
Eines Nachts ging Nikodemus zu Jesus und sagte zu ihm:
»Rabbi, wir wissen: Du bist ein Lehrer, den Gott uns geschickt hat.
Denn keiner kann solche Zeichen tun, wie du sie vollbringst, wenn Gott nicht mit ihm ist.«


5.
Die Nikodemusstunde.
Ob Nikodemus auch einfach nicht schlafen konnte?
Jesus faszinierte ihn. So viel hatte er über ihn gehört.
Ja, er war belesen. Kannte sich aus. War klug, gelehrt.
Und gehörte zum Hohen Rat, dem obersten, religiösen Entscheidungsgremium.
Und obwohl er diesem Jesus eigentlich mit mehr Distanz begegnen sollte,
ließ ihn nicht los, was er mitbekommen hatte.
Dieser Jesus kümmerte sich nicht, ob den Obersten gefiel, was er sagte.
Mischte den Tempel auf, verbündete sich mit Johannes dem Täufer und machte Wasser zu Wein.
Den hat der Himmel geschickt, denkt Nikodemus.

6.
Viele sagen: Nikodemus hätte sich nicht getraut, Jesus offen am Tag anzusprechen.
Es hätte seinem Image geschadet.
Vielleicht ist das so.
Vielleicht wollte er aber auch einfach nur einen ruhigen Moment nutzen.

Das Leben lässt am Tag keine Lücken, in denen die Fragen wachsen.
Und manchmal gilt das nicht nur für die Tage, sondern gleich für die Jahre.
Nikodemus kommt in der Tageszeit, die eine Lücke ist, die vor dem Schlafengehen.
Er kommt vielleicht auch in einer Lebenszeit, in der er diese Lücke besonders spürt.
Dass da etwas fehlt. Dass da doch mehr sein muss. (1)

Vielleicht wollte er Jesus einfach für sich allein.
Vielleicht war es auch nur einfach die Nacht, die dunkelblaue Stunde, die ihn zu Jesus brachte.
Irgendwo auf einem Dach. Mit den Sternen über ihren Köpfen.
Ein Becher Wein. Und der kühle Nacht-Wind.
Jedenfalls hat er sie genutzt. Die blaue Stunde. Es ist seine. Mit Jesus.
Und der lässt sich darauf ein.

7. (Johannes 3, 3-7)
Jesus antwortete: "Wahrlich, wahrlich, das sage ich dir:
Nur wenn jemand neu geboren wird, kann er das Reich Gottes sehen."
Darauf sagte Nikodemus zu ihm:
"Wie kann denn ein Mensch geboren werden, der schon alt ist?
Man kann doch nicht in den Mutterleib zurückkehren und ein zweites Mal geboren werden!"
Jesus antwortete: "Wahrlich, wahrlich, das sage ich dir:
Nur wenn jemand aus Wasser und Geist geboren wird, kann er in das Reich Gottes hineinkommen.
Was aus dem Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; und was aus dem Geist geboren ist, das ist Geist.
Wundere dich also nicht, dass ich dir gesagt habe: ›Ihr müsst von oben her neu geboren werden.‹"


8.
Es ist nie zu spät, die Welt mit neuen Augen zu sehen, sagt Jesus.
Mit den Augen des Neugeborenen auf die Welt schauen.
Das ist so dieser Anfangsmoment voller Unschuld, den sich vielleicht jede von uns wünscht.
Nichts mitschleppen an Erwartungen und Enttäuschungen.

Nichts, was mich geformt und verformt hat.
Einfach zurückstrahlen, wenn mich ein Gesicht anlächelt.
Ohne Vorbehalte und Vorurteile. Ohne Bitterkeit. Einfach so. Voller Vertrauen.
Was im Laufe des Lebens dazu gekommen ist, hindert mich nicht.

9.
Nikodemus kann sich das nicht vorstellen. Und ich verstehe ihn gut.
Denn das alte ist ja da. Ich kann es nicht einfach wegradieren.
Es ist genauso in mir wie meine Sehnsucht nach dem neuen.
Es macht mich zu dem, was ich bin.

10.
Mag sein, sagt Jesus. Aber lass dich darauf nicht festlegen.
Stelle die Fragen, die dich nicht schlafen lassen:
"Ist das schon alles? Will ich das so lassen, wie es jetzt ist?
Habe ich gefunden, was mich erfüllt? Oder suche ich immer noch?"

Du bist ein Kind des Geistes, sagt Jesus.
Und der Geist legt nicht fest und lässt sich nicht festlegen.
Kommt von oben her. Lässt neu denken. Neu sehen. Anders sehen.
Unter dem Nachthimmel. Auf dem Dach. Im Treppenhaus.
Betrachte das Leben neu. Entdecke es:
Da wird Wasser zu Wein, das Leben zum Fest, ein Kind zum Messias.
Da wird das Dunkel hell und die Nacht zum Tag.
Da gibt es Wasser am Brunnen und Tote wachen auf.
Und Gott ist da. In den Fragen. Im Suchen nach Antworten.
Im Verstehen und im Nicht-Verstehen. In der Lücke, die das Leben hinterlässt.
In der Nikodemus-Stunde.

11.
Irgendwann ist die Nikodemus-Stunde zu Ende.
Britta und ich trennen uns. Nikodemus steigt vom Dach herunter.
Aber die Fragen bleiben. Seine Fragen. Meine Fragen.
Nach dem, was mich ausmacht. Mich erfüllt. Mich lebendig macht. Mich beatmet.
Das Leben bleibt offen.

12.
Stelle weiterhin deine Fragen, sagt Jesus. Und komme wieder.
Suche die Lücken in deinem Leben, die dich weit machen. Und dich dich öffnen.
Sie bringen dich in die Nacht, unter den offenen Himmel.
Bringen dich zu mir. Aufs Dach. Wo alles anders aussieht.
Oder auf den Absatz im Treppenhaus zwischen den Stockwerken.

Halte dich offen. Gib dich mit einfachen Antworten nicht zufrieden.
Halte es aus, dass da noch was ist, das du nicht kennst. (1)
Es kommt zu dir. Gott kommt zu dir.

13. (Johannes 3, 7-8)
"Wundere dich also nicht, dass ich dir gesagt habe:
›Ihr müsst von oben her neu geboren werden.‹
Auch der Wind weht, wo er will.  Du hörst sein Rauschen.
Aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er geht.
Genauso ist es mit jedem, der vom Geist geboren wird."


14.
Und so ist Gott.
Nicht zu fassen. Nicht aufzuhalten. Nicht festzulegen.
Aber Gott ist da. Zu spüren, zu schmecken, zu hören.
Im Rauschen des Windes.
Im Regentropfen. In der Pfingstrose.
Im Becher Wein, den ich mit Freunden trinke.
In den Sonnenstrahlen, die meine Haut wärmen.
Im Boot, das rausfährt, um die Flüchtlinge aus dem Meer zu sammeln.
Im Lied, dass die vier Stimmen heute für uns singen.
Im Labor, das einen Impfstoff entwickelt.
Im Treppenhaus auf dem Absatz zwischen zwei Stockwerken.

Gott ist da.
Wie der Wind.
Niemand weiß, wie er weht.
Aber dass er weht, ist nicht zu bestreiten. (1)

15.
Und wenn dich deine Fragen schlaflos machen, dann ist das vielleicht der Wind.
Er treibt dich hinaus. Lässt dich suchen, was dir fehlt.
Und du gehst raus in die Nacht. Suchst dir einen guten Platz mit Jesus.
Vielleicht habt ihr Wein dabei. Vielleicht auch Tee.
Und Gott ist bei dir.
In der Nikodemus-Stunde.


(1) Diese Sätze habe ich mir aus einer Predigt von Kathrin Oxen geliehen. Danke dafür!

Übersetzung des biblischen Textes aus der Basis-Bibel mit ein paar Luther-Anleihen....


Sonntag, 9. Mai 2021

Wie ein Vater und wie eine Mutter

Ein Gebet
Inspiriert vom Vaterunser

Wie ein Vater bist du, Gott.
Einer, der mich in die Arme nimmt, wenn ich nach Hause komme.
Du nimmst mich in den Arm und fragst nicht,
warum meine Hände so schmutzig sind,
sondern drückst mir Seife in die Hand und ein frisches Handtuch.
Deine Arme, Gott, sind groß und warm und umfangen mich
und du freust dich einfach, dass ich da bin.
Zündest Kerzen für mich an. Deckst den Tisch.
Du gibst mir meine Würde zurück.

Wie ein Vater bist du, Gott.Und wie eine Mutter.
Eine, die die Suppe auf den Tisch stellt und mir einen Löffel in die Hand drückt.
Setz dich, Kind. Iss.
Und deine Suppe, Gott, schmeckt nach Zitrone und Minze und nach frischem Gemüse.
Und du setzt dich dazu, Gott, und strahlst mich an
und ich erzähle dir, was mir gut getan hat und was meine Seele schwer macht.
Wie eine Mutter streichst du mir über den Kopf.

Und ich weiß: alles wird gut. Irgendwie wird doch alles gut.
Denn ich bin ja dein Kind. Dein geliebtes Kind.

Wie ein Vater bist du, Gott, und wie eine Mutter.
Und ich will, dass die Welt endlich so wird, wie du sie gedacht hast.
Eine Welt, in der alle deine Kinder in Würde leben können.
Wo auf deine demonstrierenden Kinder nicht geschossen wird, wie gerade in Kolumbien.
Eine Welt, in der sich auch die Pflegenden erholen können.

Ist es möglich, Gott, dass es diese Welt schon jetzt gibt?
Jetzt und nicht erst im Himmel?

Wie ein Vater bist du, Gott. Und wie eine Mutter.
Und es bricht dir das Herz,
dass immer noch viel zu viele Menschen nicht genug zum Leben haben.
Dass sie nicht wissen, ob ihre Rente bis zum Ende des Monats reicht.
Oder ob sie die neuen Schuhe für ihre Kinder bezahlen können.
Ich glaube auch, Gott, dass du dich über den Gabenzaun freust,
den wir hier in der Nähe 4 Wochen lang stehen hatten.
Dort konnten Alte und Junge, Arme und Reiche teilen, was sie hatten.
Das Deo, die Dosensuppe, eine Tüte Mehl.

Du weißt, dass auch ich Teil dieser Ungerechtigkeiten bin.
Aber du verurteilst mich nicht, sondern lässt mich neu anfangen. Jeden Tag.
Es gibt Tage, da mag ich mich selber nicht. Mag nicht in den Spiegel schauen.
Aber du schaust mich an. Und nimmst mich in den Arm.

Wie ein Vater bist du, Gott. Und wie eine Mutter.
Und ich lege dir hin, was mich rastlos und ratlos macht.
Warum Menschen mit Hasskommentaren auf Facebook unterwegs sind.
Warum viele nur ein Lachsmiley übrig haben,
wenn es um ertrinkende Flüchtlinge oder Covid-Tote geht.
Ich lege es dir hin und hoffe, dass dieses Böse ein Ende hat.
Ich hoffe, dass du mir hilfst, das Richtige zu tun.
Dass du mir hilfst, deine Liebe zu leben, die stärker ist als alles Böse.

Du traust mir zu, dass ich das schaffe: deine Liebe zu leben.
Aber ob mir das gelingt oder nicht:
Deine Arme sind immer da für mich.
Und dafür danke ich dir.

Freitag, 2. April 2021

Ausgeliefert. Ausgespielt. Angewiesen. Vollbracht.

Predigt zu Karfreitag 2021


 1. Johannes 19, 16-22


Da lieferte Pilatus ihnen Jesus aus, damit er gekreuzigt werden konnte. Jesus wurde abgeführt. Er trug sein Kreuz selbst aus der Stadt hinaus zu dem Ort, der »Schädelplatz« heißt, auf Hebräisch Golgota. Dort wurde Jesus gekreuzigt und mit ihm noch zwei andere – einer auf jeder Seite und Jesus in der Mitte. Pilatus ließ ein Schild oben am Kreuz anbringen, auf dem geschrieben stand:»Jesus der Nazoräer, der König der Juden.« Viele Juden lasen das Schild. Denn der Ort, wo Jesus gekreuzigt wurde, lag nahe bei der Stadt. Die Inschrift war in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache abgefasst. Die führenden Priester des jüdischen Volkes sagten zu Pilatus: »Schreibe nicht: ›Der König der Juden‹, sondern: ›Dieser Mann hat behauptet: Ich bin der König der Juden.‹« Pilatus erwiderte:»Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.«

2. Ausgeliefert

Ausgeliefert hat Pilatus ihn.
Ausgeliefert den religiösen Führern. Dem Volk. Den Soldaten.
Ausgeliefert an die Welt.
Dem Spott ausgeliefert und dem Mobbing. Dem Neid und dem Hass.
Ausgeliefert der Willkür. Des Spiels mit der Macht.
Wer ausgeliefert wird, hat keinen Einfluss mehr darauf, was mit ihm passiert.
Kann sich nicht wehren. Ist machtlos.
In den Gefängnissen dieser Welt. In den Folterkammern. Auf den Hinrichtungsplätzen.
Ausgeliefert den Tiefen des Mittelmeeres oder der Kälte auf Lesbos.
Ausgeliefert einem Virus, wenn es im Körper ist.
Ausgeliefert an mich.

Gott lässt sich ausliefern.
Er lässt sich von einem König in das Dorf Bethlehem schicken.
Er lässt sich die Tür vor die Nase schlagen:
hier ist kein Platz für dich.
Er lässt sich in einen Futtertrog legen.
Lässt sich in die Flucht schlagen.
Gott lässt sich abführen und bespucken,
verleugnen und verraten.
Er lässt sich foltern und ans Kreuz schlagen.
Gott lässt sich ausliefern.

Warum wehrt er sich nicht?
Er, der Allmächtige - von einem Befehlshaber ausgeliefert.
Warum tut er nichts dagegen?

Die einzige Antwort, die ich darauf habe:
Weil Gott Mensch geworden ist.
Ganz und gar. Ohne Abstriche.
Gott hat sich als Mensch ausgeliefert.

3. Johannes 19, 23-24

Nachdem die Soldaten Jesus gekreuzigt hatten, teilten sie seine Kleider unter sich auf. Sie waren zu viert, und jeder erhielt einen Teil. Dazu kam noch das Untergewand. Das war in einem Stück gewebt und hatte keine Naht. Die Soldaten sagten zueinander: »Das zerschneiden wir nicht! Wir lassen das Los entscheiden, wem es gehören soll.« So ging in Erfüllung, was in der Heiligen Schrift steht: »Sie verteilen meine Kleider unter sich und werfen das Los über mein Gewand.« Genau das taten die Soldaten.

4. Ausgespielt

Ausgespielt haben sie ihn.
Jesus hat nichts mehr zu melden. Nichts mehr zu sagen.
Er zählt nicht mehr. Eine Nummer. Mehr nicht.
Was er hat, ist interessant, nicht was er ist.
Dass da eine Mutter ist, die um ihn weint - eine Freundin, die um ihn trauert.
Dass er liebt und geliebt wird.
Dass er Träume hat und Hoffnungen. Dass er leben will.
Lieben. Lachen. Tanzen. Umarmen. Glauben. Weinen. Staunen. Zweifeln. Sich freuen.
Das alles interessiert nicht.

Man blendet aus, dass hier ein konkreter Mensch stirbt.
Rückt von ihm ab. Weicht aus.
Wir können sowieso nicht alle aufnehmen, sagen manche über die Mittelmeertoten.
Hätte er mal nicht mit seinem Pass geschummelt,
sagt jemand über einen abgeschobenen Flüchtling,
der nun in Afghanistan ums Leben gekommen ist
Er hätte sowieso nicht mehr lange gelebt, hört die Tochter,
deren Vater an Covid gestorben ist.
Ausgespielt. Eine Nummer. Mehr nicht.

Wer anfängt, vom dem Vater zu erzählen,
der immer da war, wenn man ihn brauchte,
stört die, für die die Maskentragepflicht ein Menschheitsverbrechen ist.
Wer von der geflüchteten Mutter erzählt,
die ihre beiden Söhne im Mittelmeer verloren hat, gilt als Sozialromantikerin.

Man spielt mit den Zahlen. Mit dem Leben. Mit dem Tod.
Pech gehabt. Uninteressant. Ausgespielt.
Oder doch nicht?

5. Johannes 19, 25-27

Nahe bei dem Kreuz von Jesus standen seine Mutter und ihre Schwester. Außerdem waren Maria, die Frau von Klopas, und Maria aus Magdala dabei. Jesus sah seine Mutter und neben ihr den Jünger, den er besonders liebte. Da sagte Jesus zu seiner Mutter:»Frau, sieh: Er ist jetzt dein Sohn.« Dann sagte er zu dem Jünger: »Sieh: Sie ist jetzt deine Mutter.« Von dieser Stunde an nahm der Jünger sie bei sich auf.

6. Angewiesen

Angewiesen sind sie.
Keine steht alleine unter dem Kreuz.
Und Jesus ist auch nicht allein.
Da sind noch die anderen da.
Die Marias, die Mutter von Jesus und die anderen.
Und der eine von den Freunden ist auch da:
der steht Jesus besonders nahe.

Und der Ausgelieferte und Ausgespielte spricht zu ihnen:
Ihr gehört zusammen. Bleibt beieinander.
Tragt zusammen, was für eine allein zu schwer ist.
Sein Liebesmanifest im Tod.

Bleibt beieinander. Aufeinander angewiesen.
Tröstet die Tochter, die um ihren Vater trauert. Stellt eine Kerze ins Fenster.
Kocht eine Suppe für die, die Kraft braucht. Oder bringt ihr einen Kuchen.
Betet für sie.

Bleibt beieinander und lasst euch nicht gegenseitig ausspielen.
Guckt nach denen, die gerade besonders still sind.
So viele, denen die Kraft fehlt und die keine Stimme haben.

Die Aktivistin, eingesperrt im Gefängnis. Die erschöpfte Altenpflegerin,
Der verprügelte Flüchtlingsjunge. Der Virologe - keine Power mehr zum Kämpfen.
Der verzweifelte Musiker. Das Kind, müde. Die Politikerin, aufgezehrt vom Vergeblichen.

Lasst sie alle nicht in Stich. Auch wenn ihr gerade nicht mehr tun könnt, als da zu sein.
Unterm Kreuz. Für sie. Auf euch angewiesen.

7.  Johannes 19, 28-30

Nachdem das geschehen war, wusste Jesus, dass jetzt alles vollbracht war. Damit vollendet würde, was in der Heiligen Schrift steht, sagte er: »Ich bin durstig!« In der Nähe stand ein Gefäß voll Essig. Die Soldaten tauchten einen Schwamm hinein. Dann legten sie ihn um einen Ysopbund und hielten ihn Jesus an den Mund. Nachdem Jesus den Essig genommen hatte, sagte er: »Es ist alles vollbracht.« Er ließ den Kopf sinken und starb.

8. Vollbracht

Vollbracht.
Ein Wort, das ich nie wirklich verstehe.
Will es mich vertrösten? Alles ist gut so? Alles soll so sein?
Kein Mensch kann das wirklich wollen. Und kein Gott.

Aber nun ist es da, dieses Wort: vollbracht.
Und ich schaue auf diesen Ausgelieferten und Ausgespielten und Angewiesenen.
Der bringt noch im Sterben Liebende zusammen.
Sorgt dafür, dass da welche beieinander stehen. Einander halten und stützen.

Dieser Tod reißt nicht auseinander, sondern führt zusammen.
Er führt Gott hinein, wo es dunkel ist. Wo nichts mehr ist. Wo alles auseinander bricht.
Wo wir an unser Ende kommen - ausgeliefert und ausgespielt und angewiesen.
Da ist Gott.
Bei den Müden und Erschöpften, den Verzweifelten und Ausgepowerten,
den Verprügelten und Kraftlosen und Eingesperrten - da ist er: der Liebende.
Er bleibt mit seiner Liebe. Er hält das aus, was ich nicht mehr aushalte.
Und er hält mich aus. Ist bei mir. Voll und ganz.

Es ist vollbracht.
Dieses ausgelieferte, ausgespielte, angewiesene Leben ist vollbracht.
Da ist kein Makel und kein Scheitern, auch wenn die anderen das so sehen.
Es ist ganz. Ganz und gar. Es ist vollständig. Wie das Tuch, um das die Soldaten würfeln.
Alles was vorher Liebe war ist immer noch voller Liebe.
Und die Liebe geht mit in den Tod. Sie bleibt. Voll und ganz.

Ausgeliefert. Ausgespielt. Angewiesen. Vollbracht. 

Amen.

Sonntag, 28. März 2021

Eselreiter für die Welt

Predigt zu Palmsonntag 2021

(mit Anleihen aus Predigten von Bettina Schlauraff, Katrin Oxen und Michael Greßler)


 1. Johannes 12

Als am nächsten Tag die große Menge, die aufs Fest gekommen war,
hörte, dass Jesus nach Jerusalem kommen werde,
nahmen sie Palmzweige und gingen hinaus ihm entgegen und schrien:
Hosianna! Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn, der König von Israel!
Jesus aber fand einen jungen Esel und setzte sich darauf, wie geschrieben steht:
»Fürchte dich nicht, du Tochter Zion!
Siehe, dein König kommt und reitet auf einem Eselsfüllen.«


2. Liedstrophe*

Tochter Zion, freue dich
Jauchze laut, Jerusalem
Sieh, dein König kommt zu dir
Ja, er kommt, der Friedensfürst
Tochter Zion, freue dich
Jauchze laut, Jerusalem


3. Das Friedens-Tier

Endlich ist es soweit.
In Jerusalem ist die Stimmung ziemlich angespannt.
Lange genug hatten die Menschen auf eine Veränderung gewartet.
Auf eine bessere Zukunft. Darauf, dass es wieder wie früher sein würde.
Dass alle gut leben können. Wieder frei sind.
Das mit den Römern und den vielen Unruhen - das kann doch nicht so weitergehen.
Ob dieser Jesus endlich die Wende bringt? Den Umsturz?
Vielleicht hat er ja noch ganz andere Ideen, wie sie aus dieser Misere rauskommen können?

Und da kommt er nun. Jesus.
Und er reitet auf einem Esel.
Das ist alles? werden sich viele denken.
Jesus auf einem Esel.

Vielleicht ist der Esel grau oder schwarz. Sanft, weich, genügsam, schlau -
störrisch ist er bestimmt, der Esel. Und jung.
Manche kluge Menschen in Jerusalem werden sich an den Propheten Sacharja erinnern.
Der sah den neuen König, der alles verändern sollte, auf einem jungen Esel.
Der, auf den sie alle Hoffnung setzten, sollte genau so kommen
- auf einem jungen Esel. Nicht anders.
Er sah den neuen König sogar als ein Kind.
Barfuß wahrscheinlich, mit einem Grashalm im Mund.

Jesus ist aber erwachsen. Und der Esel vermutlich sogar viel zu klein für ihn.
Ob die Füße auf dem Boden schleifen?
Vielleicht. Vielleicht auch nicht.
Viele werden enttäuscht sein.
Ist das alles?

Andere werden aber auch wissen:
auch wenn der Esel im Alltag gebraucht wird, ist er  durchaus auch ein königliches Tier.
Auch andere Könige nahmen den Esel, um mit ihm in eine Stadt zu reiten.
Und dann war klar: dieser König kommt in Frieden.
Der Esel, das Friedens-Tier.
Für die Menschen in Israel war der Esel ein Gegenbild
zu den Pferden mit den stampfenden Hufen und schnaubenden Nüstern vor den Streitwagen
oder mit gepanzerten Kriegern auf ihrem Rücken.

Jesus setzt sich auf den Esel.
Er schert sich nicht um Reichtum. Braucht die Stärke des Pferdes nicht.
Verzichtet auf Macht. Macht sich schwach. Macht sich kleiner als er ist.
Jesus ist kein starker Held. Kein unerschütterlicher Kämpfer.
Sondern einer, der anderen die Füße wäscht.
Er nimmt Kinder in den Arm und segnet sie.
Er weint um seinen Freund Lazarus und betet einsam im Garten Gethsemane.
Er wird verlassen und verraten und verleugnet - von seinen besten Freunden.
Er wehrt sich nicht dagegen, sondern setzt sich mit ihnen sogar an einen Tisch.
Und er weiß, wie es im Grab ist.
Es gibt kein passenderes Reittier für ihn als den Esel.
Sein ganzes Leben passt auf den Rücken des jungen Esels. Und sein Sterben auch.

Jesus, der Eselreiter.
Einer auf Augenhöhe.
Keiner, der über mir thront und auf mich herabschaut.
Nein, er setzt sich auf den Esel, setzt sich zu mir und schaut mir direkt in mein Herz.
Und in meine Seele, die nicht mehr weiß, was sie noch hoffen kann.
Und die vielleicht gar nicht versteht, ob wirklich sie gemeint ist. 
Er reitet in das verzweifelt-hoffende Jerusalem
und er reitet in mein verzweifelt-hoffendes Leben hinein.

4. Johannes 12

»Fürchte dich nicht, du Tochter Zion!
Siehe, dein König kommt und reitet auf einem Eselsfüllen.«
Das verstanden seine Jünger zuerst nicht;
doch als Jesus verherrlicht war, da dachten sie daran,
dass dies von ihm geschrieben stand und man so an ihm getan hatte.
Die Menge aber, die bei ihm war,
als er Lazarus aus dem Grabe rief und von den Toten auferweckte,
bezeugte die Tat.
Darum ging ihm auch die Menge entgegen, weil sie hörte,
er habe dieses Zeichen getan.
Die Pharisäer aber sprachen untereinander:
Ihr seht, dass ihr nichts ausrichtet; siehe, alle Welt läuft ihm nach.


5. Liedstrophe*

Hosianna, Davids Sohn
Sei gesegnet deinem Volk
Gründe nun dein ewig Reich
Hosianna in der Höh’
Hosianna, Davids Sohn
Sei gesegnet deinem Volk

6. Eselreiter für die Welt

Hosianna, Davids Sohn.
Du Eselreiter.
Reite hinein in diese Welt, die dich braucht.
Reite zu den Kindern,
die endlich wieder unbeschwert mit anderen Kindern zusammen spielen wollen.
Reite zu den Jugendlichen, die Angst haben, ob sie ihren Schulabschluss schaffen.
Reite zu denen, die keine Arbeit haben.
Und zu den Müttern und Vätern,
die Fernunterricht, Job und Familie nicht mehr unter einen Hut kriegen.
Reite zu den Erntehelfern, die auf das Geld dringend angewiesen sind,
aber Angst vor den Infektionen haben.
Reite zu den Händlerinnen und Gastronomen, zu den Künstlern und Schauspielerinnen.
Komm in die Krankenhäuser und Altenheime.
Reite zu den Ärztinnen und den Krankenpflegern.
Komm zu denen, die einsam studieren.
Komm hinein in diese Stadt und in die Dörfer, in ihre Wohnungen und Häuser.

Verzweifelt-hoffend klammere ich mich an die guten Nachrichten.
Hoffe auf den Impfstoff für alle,
auf wärmeres Wetter und dass die Pandemie möglichst bald vorbei ist.
Verzweifelt sehe ich, dass meine Hoffnung zerbröselt,
weil irgendwo wieder was schiefgegangen ist.
Worauf kann ich noch hoffen?

Worauf kann ich noch hoffen?
Auf dich, du Eselreiter.
Aber du bringst nicht die Wende oder den Umsturz.
Du bist nicht der Lückenbüßer für das, was wir nicht schaffen.
Oder was andere verbocken.
Du kommst auf einem Esel und trägst meine Hoffnungsbrösel
und mit dir kommt der, der Tote aufweckt und Tränen trocknet und der alles neu macht.
Wenn es so weit ist.

Ja, auf dich hoffe ich.
Du kommst und dein Reittier verrät mir alles, was ich wissen muss.
Du stellst es an meine Seite. Sanft, leise atmend.
Und es trägt auch mich.
Es ist da, wenn ich ein Lied höre, das meine Nachbarin singt.
Es trägt mich im kleinen Video von meiner Enkelin.
Wenn ich mit meinem Sohn telefoniere. Oder mir ein Kollege eine Karte schickt.
Wenn ich sehe, was unsere Krankenschwestern und Ärzte in den Kliniken und in den Praxen leisten.

Wenn ich die Ostereier am Strauch aufhänge
und wenn meine Bundeskanzlerin mich um Verzeihung bittet und ich ihr das glaube,
dann atmet mich dein sanfter Esel an und wärmt mich,
auch bei diesen elenden Balkendiagrammen in den Nachrichten.
Nah bei mir, auch wenn ich traurig bin.

Du, Jesus, und dein Esel.
Wer müde ist, den tragt ihr ein Stück.
Und die Hoffnung habt ihr auch dabei.
Sie ist genügsam, in diesen Wochen besonders.
Keine heiter-perfekte Deko, keine große Reise, keine Menschenmenge -
anders als damals in Jerusalem.
Sie singt leise, eure Hoffnung, und mit Kinderstimme.
Sie singt, auch wenn ich selber stumm bin.
Ihre leisen und auch ihre störrischen Töne kommen zu mir und gehen mit mir.
Und sind sind da, auch und gerade wenn meine Hoffnung zu klein ist.

„Fürchte dich nicht, du Tochter Zion! Siehe, dein König kommt.“

Fürchte dich nicht, Welt.
Schau auf den Esel und schau auf den, der auf dem Esel sitzt.
Und grüße ihn, den Sohn Davids.
Er bleibt bei dir, immer.
Amen.

7. Liedstrophe*

Hosianna, Davids Sohn
Sei gegrüßet, König mild
Ewig steht dein Friedensthron
Du, des ew’gen Vaters Kind
Hosianna, Davids Sohn
Sei gegrüßet, König mild


* EG 13: Tochter Zion

Sonntag, 21. Februar 2021

Den Frieden lernen

Predigt anlässlich des Gedenktags der Zerstörung Pforzheims (23. Februar)


1. Therese: Hoffen und Beten


„Wenn ich heute zurückdenke, dann kann ich nur hoffen und beten,
dass so etwas nie wieder geschieht!“
Mit Tränen in ihren Augen spricht Therese diese Worte
am Ende eines Interviews mit der Pforzheimer Zeitung.
Am 23. Februar 1945 war sie 12 Jahre alt. Sie und ihre Familie lebten im Norden der Stadt.
Ihr Haus hatte keinen Keller, also versteckten sie sich so gut es ging, in einem Graben im Garten.
Die Angst, dass es sie erwischen würde, spürt sie noch heute.
Und noch heute hört sie das Weinen ihrer Mutter,
weil ihre zwei Schwestern unten in der Stadt waren, als die Bomben fielen.
Sie haben ihre Leichen in den Trümmern nie gefunden.

2. Wir haben gelernt

„Dass so etwas nie wieder geschehe“.
Nie wieder - wie ein Stoßgebet.
Ein Auftrag an die Menschen damals und heute:
Lebt den Frieden. Nicht den Krieg. Und lernt aus dem, was uns passiert ist. 

Und ja, wir haben gelernt.
Wir haben ein Grundgesetz, das auf dem Boden der Menschenrechte fußt.
Wir wissen, wie unsere Vorfahren hinein verstrickt waren in Schuld und Gewalt.
Und jetzt leben wir in Frieden mit unseren ehemaligen Feinden.

„Dass so etwas nie wieder geschehe.“
Die Stadt Pforzheim ist wieder aufgebaut und sie ist größer als je zuvor.
Die Narben sind sichtbar und die in den Seelen der Zeitzeugen tun immer noch weh.
Aber die Freundschaften mit Menschen in aller Welt tun uns gut.
Und unsere Stadt ist bunt und international und lernt weiter, wie es gehen kann.

3. Frieden leben

Wir leben den Frieden und jeden Tag fühlt er sich neu an.
Er schmeckt nach gefüllten Zwiebeln, die mir Wajida, meine jesidische Nachbarin vorbei bringt,
schmeckt nach Thymian und Zitrone. Aus dem Irak ist sie hierher geflohen
und hat hier ein neues Zuhause gefunden.
Das teilt sie mit mir, wenn sie mir ihre dampfende Schüssel reicht.
Die ist so heiß, dass es ohne Topflappen nicht geht. Handgehäkelt von meiner Mutter.

Frieden - er klingt nach kyrillischen Buchstaben
und nach Saz, der kurdischen Gitarre mit ihrem langen Hals, deren Töne miteinander verschwimmen.  
Er riecht nach dem Hummus meiner jüdischen Glaubensgeschwister,
zu dem sie mich an Chanukka einladen
und gemeinsam zünden wir die acht Kerzen an ihrem Leuchter an.
Und der Frieden sitzt auf der Schaukel im Garten unserer Kita der Religionen.
Dort schaukelt er mit muslimischen, orthodoxen, evangelischen und jesidischen Kindern. (1)
Irenicus heißt die Kita. Irenicus - Der Friedensbringer.

Wir lernen Frieden. Jeden Tag neu.
Wir leben hier in einer Stadt und wissen so wenig von einander.
Aber wir brauchen uns. Immer wieder machen wir uns das klar.
Und so tasten wir uns vor in die Seelenlandschaft der anderen.
Lernen uns kennen - und streiten - über die Rolle der Frauen zum Beispiel.
Wir machen auch Fehler. Und lernen daraus.
Immer wieder lernen wir, wie es gehen kann mit dem Frieden.

4. Und was sagt Gott?

„Ich will hören, was Gott zu sagen hat.
Er redet vom Frieden.
Er verspricht ihn seinem Volk und seinen Frommen.
Doch sie sollen nicht mehr zurückkehren
zu den Dummheiten der Vergangenheit!“

(Psalm 85,9)

5. Frieden ernst nehmen

Nehmt den Frieden ernst, sagt Gott.
Passt auf ihn auf. Gebt dem Hass keinen Raum.
Lasst euch nicht gegeneinander aufhetzen.
Weigert euch, zwischen wertem und unwertem Leben zu unterscheiden.
Sagt nein zum nationalistischem Albtraum.
Geht respektvoll miteinander um, auch mit denen,
die anders sind, anders lieben, anders glauben.

6. Bedrohung des Friedens

Nehmt den Frieden ernst.
Denn es gibt sie, die den Frieden bedrohen.
Sie weigern sich zu lernen. Sie wiederholen die Dummheiten der Vergangenheit.
Sie bedrohen die Synagoge und die Moscheen hier. Bereiten den Boden für Hass und Gewalt.
Und jedes Jahr kommen sie auf den Wartberg mit ihren Fackeln. Immer wieder am 23. Februar.
Nur dieses Jahr nicht - wegen Corona.
Es ist beschämend, dass wir so eine schlimme Pandemie brauchen,
damit sie nicht mehr kommen können.

Ja, sie bedrohen den Frieden.
Denn immer wieder sagen sie,
dass die Zeit vor dem schlimmen Bombenangriff doch nicht so schlimm war.
Dass Juden und Zwangsarbeiterinnen gequält und ermordet wurden, zählt für sie nicht.
Und sie wollen ein reines Deutschland, das es so noch nie gab. Und nie geben wird
(worüber ich sehr froh bin).
Sie unterscheiden zwischen wir und die, dabei gibt es doch nur - ein Wir.

7. Es ist ernst (Therese)

Therese ist 87 Jahre alt und hat für Nazis überhaupt kein Verständnis. Die Sache ist zu ernst.
Keine Rückkehr zu den Dummheiten der Vergangenheit, um keinen Preis.  
„Denen kann man nur alles Böse wünschen,
dass sie es am eigenen Körper erleben müssen“, ruft sie.
Ich war am Anfang über diesen Satz erschrocken.
Aber ich verstehe sie. Ich verstehe ihr Verzweiflung, ihr Wut.
Denn es ist sehr ernst. Es ist ernst.

Nazis sind nicht harmlos.
Auch nicht die auf dem Wartberg, auch wenn sie so friedlich tun.
Wölfe im Schafspelz. Sie sind gefährlich.
Wenn sie da oben mit ihren Fackeln stehen, wird es ernst.
Wie könnt ihr nur? Scheint Therese zu fragen.
Wenn ihr wüsstet, wie das war und wie es sich anfühlte, dann könntet ihr da nicht stehen wollen.

8. Wir nehmen Gott ernst

„Ich will hören, was Gott zu sagen hat. Er redet vom Frieden.“
Es ist ihm ernst damit.
Und wir machen das, was Gott sagt: wir leben Frieden. Wir versuchen es jedenfalls.
Wir stehen auf gegen diese Dummheiten der Vergangenheit. Immer wieder.
Wir sagen laut, dass wir ihren Hass nicht wollen und sie unserer Stadt schaden.
Wir sagen, was den Frieden bedroht und nennen die Dinge beim Namen.

Aber noch viel wichtiger: Wir leben den Frieden,
den sie bedrohen wollen.
Wir leben dieses Wir, das keine Unterscheidung braucht zwischen die da und wir hier.
Zu diesem „wir“ gehören alle, die hier leben, egal wie lange schon.
Meine jesidische Nachbarin und mein jüdischer Glaubensbruder,
mein alevitischer Freund und natürlich Therese.
Und in unserer Kita der Religionen kommen ihre Kinder und Enkel zusammen
und lernen den Frieden.

9. Um Frieden bitten

„Wenn ich heute zurückdenke, dann kann ich nur hoffen und beten,
dass so etwas nie wieder geschieht!“  
Ja, ich bete mit Therese um den Frieden für unsere Stadt und unser Land.
Ich bete um einen Frieden, der größer ist als ich und unser zerbrechliches Wir.
Größer als unsere Angst. Größer als unsere Wut und Trauer.
Dieser Friede soll uns zusammenbringen aus Nah und Fern,
mit unseren Sprachen und Gerüchen und Tönen.
Ich will diesen Frieden lernen -
mit euch und über alle Trümmer hinweg.
Immer wieder.


(1) https://www.pz-news.de/pforzheim_artikel,-Tuebinger-Forscher-nehemen-interreligioese-Kita-Irenicus-unter-die-Lupe-_arid,1537776.html

Montag, 25. Januar 2021

Ziehen lassen

Autobiographisches einer WinterWortWerkstatt



Am Wochenende war ich in einer digitalen Schreibwerkstatt mit sehr genialen Freunden und Freundinnen. Das Motto war: "ziehen lassen". Wir haben zusammen gekocht (Essen ziehen lassen) und gedacht und Worte erfunden und weitergedacht. Und zwischendurch geschrieben. Das hier ist dabei bei mir rausgekommen (mit viel "ziehen lassen") - was ziemlich Persönliches und hat mit meinen Kinder und meiner Mutter zu tun.

1.
Schnee und Sonne haben mich gestern in den Wald gezogen.
Ich zog meine Wanderschuhe an, zog den Autoschlüssel aus der Tasche.
Am Berg dann Handschuhe über die Hände gezogen.
Schwer liegt der Schnee auf den Ästen und Zweigen und drückt sie herunter.
Oder zieht die Schwerkraft?
Ich lasse meine Gedanken weiterziehen
 
Ziehen lassen.
Aktiv und Passiv miteinander verschränkt.
Ziehen ist Tun.
Mein Tun. Oder das der Schwerkraft.
Wenn ich lasse, tu ich nichts. Ich lasse tun.
Aktiv und Passiv kommen zusammen wie die Teeblätter und Wasser
Und im Ziehen lassen entsteht was neues.
Aus Wasser und Blättern wird ein Tee.
 
2.
Let my people go.
Lass mein Volk ziehen.
Ziehen lassen ist frei geben und Neu werden.
Über Grenzen gehen.
Ist Weite, die ganz unterschiedlich schmeckt. Mal bitter. Mal süß.
Und gespannt sein, was dann kommt.
 
Meine Mutter konnte mich nicht ziehen lassen.
Sie verstand nicht, warum ich mich entzog.
Hatte wohl auch Angst um mich und ob ich zurückkomme.
Hätte am liebsten eine Mauer um mich gezogen.
Aber sie konnte mich nicht festhalten.
Ich bin weggezogen.
Um auszuziehen, was nicht zu mir gehört.
 
3.
Meine Mutter konnte mich nicht ziehen lassen.
Hat es aber dann doch getan
Ist es mir leichter gefallen - als Mutter?
Ich hoffe es.
Als 2 von meinen 3 Kindern gleichzeitig ins Ausland gingen,
habe ich beim Abschied Rotz und Wasser geheult.
Aber natürlich habe ich sie ziehen lassen.
In die Weite. Ins Neue. Und in das Unbekannte.
Wie Zugvögel. Wie Wolken, die weiterziehen müssen.
 
Meine Kinder sind erwachsen.
Habe ich sie er-zogen oder habe ich sie wachsen lassen?
Eigentlich ist das Wort Erziehung furchtbar.
Ich will meine Kinder nicht irgendwohin gezogen haben,
sondern hoffe, dass sie selber spüren, wohin es sie zieht.
Und dass sie freie Menschen sind. Let my people go.
 
4.
Ja, ich habe sie ziehen lassen.
Und wenn es sie hin und wieder zu mir zieht,
freue ich mich. Ziehe sie in meine Arme.
Neues ist entstanden - wie beim Tee.
Neuer Geschmack. Neues Vertrauen.
 
Sie ziehen ihre Wege. Freie Menschen.
Und ich ziehe meinen Weg.
Ich lerne weiter, das Ziehen zu lassen.
Lasse ziehen. Auch mich.
Aktiv und Passiv miteinander verschränkt
Gespannt, was dann passiert.
Und hin und wieder zieht es uns gemeinsam in den Wald.



Sonntag, 20. Dezember 2020

Brief an Maria

Impuls zum 4. Advent zu Lukas 1, 26 - 56

Dazu empfehle ich diesen Song (nach der Werbung):
https://www.youtube.com/watch?v=GdeMcOHLHoo


Liebe Maria,
deine Begegnung mit dem Engel Gabriel berührt mich.
Erst erschrickt er dich.
Dann scheint er dich doch überzeugt zu haben, dass alles gut ist.
Beides kenne ich.

Aber da ist noch mehr:
eine plötzliche (und vermutlich auch ungewollte) Schwangerschaft.
So etwas verunsichert jede Frau, erst recht eine so junge Frau wie dich.
Du warst ja mal gerade 15 Jahre alt oder so.
Damals üblich, aber heutzutage hättest du noch ganz andere Pläne,
als mal eben ein Kind zur Welt zu bringen.

Gabriel spricht von Gnade und Gott,
und dass du und dein Kind dabei eine wichtige Rolle spielen.
Ich bin sicher, das hätte mich auch erschreckt.
Denn wer will schon wirklich ein „besonderes“ Leben.
In den Glamour-Zeitschriften klingt das oft so attraktiv,
aber wir beide wissen doch: das ist alles andere als schön.
Zu viele kritische Blicke,
zu viel Lauern, wann man ein falsches Wort sagt -
das ist nichts, was du dir wünscht und schon gar nicht deinem Kind.
Was hat dich dazu gebracht, dem Engel zu glauben?

„Ich bin bereit“, sagst du.
Ehrlich, deine schnelle„Bereitschaft“ hat mir lange Probleme bereitet.
Warst du doch deshalb Prototyp einer gehorsamen und bereitwilligen Frau,
die ich bestimmt nicht sein will.
„Maria, die Fromme“ - ein Bild der gottesfürchtigen, demütigen Mutter.
Dabei bist du doch so viel mehr,
nämlich die, die was zu sagen hat!

Du bist die, die ein Lied anstimmt, das durch die Welt geht.
Es preist die Kleinen, die Hungrigen und dass Gott die Mächtigen vom Thron stürzt.
Ein kraftvolles Lied einer kraftvollen Frau.
Du bist die, die unter schwierigen Umständen ein Kind zur Welt bringt
und dabei sehr aufnahmebereit ist für die Botschaft der Engel.
Und du bist die, die mit ansehen muss, wie ihr Sohn stirbt, und das auch aushält.
Du bist eine starke Frau mit weitem Herzen.
Eine Frau wie alle Frauen dieser Welt:
stark und schwach zugleich.
Gedemütigt und stolz.
Eine, der man eine Rolle zuweist
und die es doch schafft, diese Rollen zu durchbrechen.

Alles das hat Gabriel, der Engel wohl erkannt,
denn er nennt dich „Begnadete“.
Ja, Maria, du 15jährige unsichere junge Frau,
du bist begnadet,
denn du bist die Wegbereiterin für Gottes Barmherzigkeit,
für seinen Sanftmut und seine Gnade -
gerade so, wie du bist. Danke dafür!