Sonntag, 29. Januar 2017

Schwankend in den Wellen der Welt

Predigt zu Matthäus 14, 22-33 - Christuskirche Pforzheim 29.1.2017

(mit herzlichen Dank an Philipp Rottach und Michael Greller für geniale Ideen und Formulierungen, die in diese Predigt hineingeflossen sind)

Und alsbald drängte Jesus die Jünger, in das Boot zu steigen 
und vor ihm ans andere Ufer zu fahren, bis er das Volk gehen ließe. 
Und als er das Volk hatte gehen lassen, 
stieg er auf einen Berg, um für sich zu sein und zu beten. 
Und am Abend war er dort allein. 
Das Boot aber war schon weit vom Land entfernt 
und kam in Not durch die Wellen; 
denn der Wind stand ihm entgegen.

Aber in der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen und ging auf dem Meer. 
Und da ihn die Jünger sahen auf dem Meer gehen, erschraken sie und riefen: 
Es ist ein Gespenst!, und schrien vor Furcht. 
Aber sogleich redete Jesus mit ihnen und sprach: 
Seid getrost, ich bin's; fürchtet euch nicht!

Petrus aber antwortete ihm und sprach: 
Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser. 
Und er sprach: Komm her! 
Und Petrus stieg aus dem Boot 
und ging auf dem Wasser 
und kam auf Jesus zu. 
Als er aber den starken Wind sah, erschrak er 
und begann zu sinken und schrie: Herr, rette mich! 
Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: 
Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?

Und sie stiegen in das Boot und der Wind legte sich. 
Die aber im Boot waren, fielen vor ihm nieder und sprachen: 
Du bist wahrhaftig Gottes Sohn!I. 


I.
Losgefahren. Mitten hinein.
Geht hin in alle Welt, sagt er. 
Fahrt über die Tiefen des Sees, 
über die Bodenlosigkeiten der Welt. 

Und wartet nicht auf den besten Zeitpunkt.
Denn der ist jetzt.
Auch wenn der Wind euch entgegenbläst.
Fürchtet euch nicht!

Und jetzt bläst der Wind.
Und du mittendrin im Boot. 
Das Ufer ist weit weg. 
Du klammerst dich fest an der Reling. Aber sie ist rutschig.
Es ist dunkel. Und dir ist schlecht. 
Ein dahinschlingernder Halt. 
Wo es keinen Halt gibt. 
Du weißt nicht, was richtig ist. 
Und wo das Chaos lauert und der Gegenwind dich frieren lässt.
Fürchtet euch nicht!

II.
Unaufhörlich schlagen die Wellen gegen das Boot, 
toben und tosen um dein Leben herum. 
Wenn du denkst, dass es jetzt mal ruhiger werden könnte, geht es erst richtig los.
Als das Kind krank war und du bei der Arbeit nicht fehlen konntest, 
weil ein Projekt abgeschlossen werden musste.
Als dein Mann ein Pflegefall wurde 
und du selber kaum noch die Kraft hattest, ihm beizustehen.
Als die Bomben auf dein Haus fielen 
und du wusstest, jetzt kann ich nicht mehr bleiben. 
Und du sammeltest das bischen, was noch da war, 
zogst die Kinder an und gemeinsam suchtet ihr den Weg raus. 
Und dann wart ihr endlich an der Grenze und es ging nicht mehr weiter. 

Unaufhörlich schlagen die Wellen gegen das Boot.
Die ständigen Ankündigungen von Donald Trump. 
Die jüngsten Daten zum Klimawandel. 
Die brennenden Flüchtlingsheime.
Der Hass. Die Angst. Die Häme. Der Rassismus.
Neue Medien, Segen oder Fluch, Flüchtlinge, 
Rechtspopulismus, Obergrenze, 
Arbeit und noch mehr Arbeit, Sorgen um die Rente, 
Fake-News, Oberbürgermeisterwahl, Kirchenreform...
(puh....)
Und die Gischt spritzt dir ins Gesicht 
und hängt sich wie Tränen an deine müden Augen. 
Fürchtet euch nicht!

III.
Das Boot schlingert und schaukelt. 
Ohne einen, der den Sturm beruhigt. 
Der alles friedlich macht.
Oder wenigstens Brot und Wein verteilt.
Ohne Jesus.

Doch kurz vorm Morgengrauen kommt er.
Kommt ins laute Brausen hinein. 
Mitten im Wasser.
Läuft über die Tiefen und die Tiefen haben ihn nicht ergriffen. 

Und da ihn die Jünger sahen auf dem Meer gehen, 
erschraken sie und riefen: 
Es ist ein Gespenst!, und schrien vor Furcht. 

Das Leben tobt rundherum.
Die Welt spielt verrückt.
An Jesus kannst du womöglich grade nicht denken.
Es ist ja so viel anders. Schlimmes.
Und wenn er dann kommt?

Ist es Trost? Ist es ein Schrecken?
Hast du noch mit ihm gerechnet?
Oder ist er ein verzerrtes Wunschbild?
Aber er spricht.
Seid getrost, ich bin's; fürchtet euch nicht!

Es braust. Das Boot schwankt.
Kein Grund zu sehen.
Und dann das Wort. Nur das Wort. 
»Fürchtet euch nicht. Ich bins.«
Mehr hast du nicht.
Aber das hast du. Das wohl.
„Ich bins. Fürchtet euch nicht.“

IV.
Jesus soll einsteigen. Denkst du.
Er soll die Wellen beruhigen. 
Das Boot sicher machen - und die Welt auch. 
Halt geben. Frieden.
Aber er tut es nicht. Noch nicht.
Jesus bleibt auf Distanz. 
Er bleibt auf dem Wasser, in den Wellen, über den bodenlosen Tiefen.

Er bleibt da draußen.
Sitzt in der Pressekonferenz und hört Donald Trump zu, 
schaut sich kurz bei Twitter um, 
rast mit dem gestressten Vertriebsleiter zu seinem Meeting, 
und starrt mit den Verzweifelten die Wand an. 
Besucht die Mineure im Ispringer Tunnel 
und wischt der Hebamme den Schweiß von der Stirn. 
Dann teilt Jesus mit dem gemobbten Jungen aus der 8a sein Pausenbrot 
und fährt mit einem Flüchtlingsboot von Libyen nach Lampedusa, 
lässt eine Nelke in ein frisches Grab fallen 
und hat dabei Tränen in den Augen. 
Er weint um die Millionen von den Nazis Ermordeten 
und wartet in Kairo mit den fassungslosen Flüchtlingen, 
die nicht in die USA einwandern dürfen, weil sie Muslime sind. 
Und er hört staunend die Reden auf AfD-Parteitagen, 
wo sie seine Wahrheit mit Füßen treten 
und seine Worte der Nächstenliebe belächeln.

Da bleibt er.
Mittendrin im Sturm und im Gegenwind. 
Jesus stillt ihn nicht. Spricht kein Machtwort. 
Auch wenn du es dir wünscht.
Sondern er ist mittendrin. Draußen.
Ich bins’s. Fürchtet euch nicht!

V.
Geht hin in alle Welt. 
Bleibt nicht im Boot, 
verkriecht euch nicht vor den Wellen.
Wagt es rauszugehen! 
Verlasst die Sicherheit eurer Gottesdienste und Gemeindehäuser 
und geht in die Kneippen, Chatrooms und Bürgerversammlungen
oder wie die New Yorker auf den Flughafen*.
Sagt mutig die Wahrheit. 
Geht meinen Weg. 
Seid Salz, seid Licht. 
Seid da. 
Mittendrin in den Wellen.
Fürchtet euch nicht!

Und du kletterst auf die Reling. 
Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser. 
Kein: Befiehl dem Sturm aufzuhören.
Kein: Komm in unser Boot.
Sondern: Befiehl mir zu dir zu kommen. 
In deine Nähe. 
Auf den unsicheren Grund.
In die Wellenberge und die bodenlose Tiefe. 
Die letzte Sicherheit verlassen. 
Auf dein Wort hören. Dir vertrauen. 
Bei dir Halt finden, wenn ich schon sonst keinen Halt habe.
Sprich du nur ein Wort, so.… so schaffe ich es vielleicht.

Und er sprach: Komm her! 
Und du steigst mitten in die Wellen. In die wirre Welt

Ein Schritt.
Und noch einer.
Schwankend.
Der Blick: Zu Jesus.
Jesus, dein Trost im Leben und Sterben.
Fürchtet euch nicht!

VI.
Doch dann verlässt dich der Mut. 
Außerhalb vom sicheren Boot. 
Wellen und Wind hautnah.
Sie reißen dir deine Sicherheiten aus der Hand. 
Du erschrickst vor deinem Mut. 
Vor dem, was da unten lauert.
Die Angst hat dich wieder im Griff.
Auch mit Jesus. 

Du wolltest endlich mal widersprechen, 
wo andere klein gemacht werden.
Aber dann fehlen dir doch die richtigen Worte.
Du wolltest gegen die ewigen Nörgler ankämpfen 
und sie bitten, mit an zu packen. 
Aber dann denkst du, wer bin ich schon? 
Und vielleicht ist das da ja doch nicht Jesus, sondern nur ein Gespenst?
Vielleicht stimmt das ja gar nicht mit dem Reich Gottes und mit der Liebe für alle?
Vielleicht haben ja die Spötter und die Selbstgerechten recht und die Neider auch?
Du solltest möglich schnell wieder Land gewinnen, denkst du.
Und diese Wellen sind wild und die Stimmen viel lauter als Jesus.

Dich verlässt der Mut und du versinkst.
Du spürst, wie die Wellen über dir zusammenschlagen.
Und du weißt, du schaffst das nicht alleine.
Herr, hilf mir, rufst du.

Herr, hilf mir...

VII.
Und dann: 
Zugreifen: Da ist die Hand.
Gottes Hand. Jesu Hand.
Ich bin’s. Fürchtet euch nicht!
Festhalten!

Und er zieht dich nach oben.
Nimmt dich mit ins Boot.
Das Herz klopft immer noch.
Und du verstehst keineswegs alles.
Aber Jesus ist da, rührt dich an.
Mit seinen Worten.
Mit seiner Hand.

Ich bins. 
Bin mitten in der Welt bei dir. 
Ich bin da, wo du bist. 

VI.
Ich bin’s. Fürchtet euch nicht!
Mittendrin im Boot. 
Das Ufer ist weit weg. Und du bist in der Welt. 
Nicht am rettenden Ufer, 
sondern dort, wo es tost und tobt und rauscht.
Aber du bist nicht allein. 
Auch nicht, wenn du deinen Fuß aufs Wasser setzt.

Du weißt: es geht. 
Mit Jesus ist Unmögliches möglich.
Und ich schaffe es.
Du wirst mutig. Und wagst wieder mal etwas Neues. 
Denn Jesus ist da und ruft dir zu: Komm her.
Du vertraust ihm. Und der Wind legt sich.

Aber du weißt auch, dass es nicht immer klappt.
Du versinkst. 
Du bist Teil des weltlichen Tobens, 
machst mit beim Rennen und Jagen. 
Beim Neiden und Verzagen.
Aber auch dann bist du nicht allein.
Jesus nimmt deine Hand.
Und er steigt mit dir ein in dein Boot - 
zu den anderen, die genauso Angst haben wie du.
Und gemeinsam wisst ihr: Jesus ist Gottes Sohn.
Er ist Gottes Sohn, weil er bei euch ist, 
auch in tosenden Wellen. 
Er ist Gottes Sohn, weil er dir Grund gibt. 
Selbst wenn du versinkst.

Ich bin’s. Sagt er. Fürchtet euch nicht!
Geh hin in alle Welt. 
Der Gottessohn hält dich.

Und der Friede, welcher höher ist als alle Vernunft bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

*) Gestern (28.1.2017) haben angesichts des Dekrets des US-Präsidenten, Menschen aus 7 Ländern trotz vorhandener Visa etc. nicht mehr einreisen zu lassen, tausende Amerikaner*innen an den Flughäfen in den USA demonstriert. In New York waren es m.W. besonders viele

Sonntag, 8. Januar 2017

Mittendrin - im Jordan, auf der Mahnwache, im Leben

Predigt zu Matthäus 3,13-17 - Stadtkirche Pforzheim 8.1.2017
(mit Dank an Michael Greßler, Thomas Hirsch-Hüffel, Birgit Mattausch und Friederike Goedicke fürs kritische Mitdenken)

Zu der Zeit kam Jesus aus Galiläa an den Jordan zu Johannes,
dass er sich von ihm taufen ließe.
Aber Johannes wehrte ihm und sprach:
Ich bedarf dessen, dass ich von dir getauft werde,
und du kommst zu mir?
Jesus aber antwortete und sprach zu ihm:
Lass es jetzt geschehen!
Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen.
Da ließ er's geschehen.
Und als Jesus getauft war, stieg er alsbald herauf aus dem Wasser.
Und siehe, da tat sich ihm der Himmel auf,
und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herabfahren
und über sich kommen.
Und siehe, eine Stimme aus dem Himmel sprach:
Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.

(Matthäus 3,13-17)

I.
Mittenhinein tritt der Gottessohn.
Mitten in das Volk.
In den Fluss.
Mitten ins Leben.

Dieses Mittenhinein hört einfach nicht auf.
Voller Gnade lässt Gott sich nicht bremsen.
Der Stall, die Hirten, das dunkle Feld.
Mittenhinein.
Die Flucht nach Ägypten, weil einem Mächtigen das einzelne Leben nichts zählt.
Mittendrin.
In der Menge, die gebannt dem Täufer zuhört.
Mittenhinein.
In das Wasser, das allen Unrat mit sich führt, und von dem doch alle leben.
Die Stimme, die vom Himmel kommt.
Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.
Auch sie kommt mittenhinein.
Weil der Himmel offen ist.

II.
Dabei ist er doch wirklich was Besonderes.
Hat einen tadellosen Stammbaum.
Gelehrte verneigen sich vor ihm.
Ein Stern weist den Weg.
Engel begleiten die Eltern.
Viel Licht. Viel Bewegung. Seinetwegen.
Der wahre Gottessohn.
Das ist keine kleine Nummer, sondern richtig groß.
Größer als ich. Und als du. Und als Johannes.
Größer als wir alle zusammen.

Aber das erste, was der Gottessohn tut:
er predigt nicht, tritt nicht auf wie ein Gottessohn,
sondern er geht mittenhinein,
stellt sich mit all den anderen ins Wasser und lässt sich taufen.
Er selbst stellt sich nicht über Johannes, sondern neben ihn und unter ihn.
Zusammen mit den Sündern. Mit denen, die Johannes zur Umkehr ruft.

III.
Das geht doch nicht.
Ich bedarf dessen, dass ich von dir getauft werde,
und du kommst zu mir?

Es geht nicht, dass du als Kind in der Krippe liegst.
Es geht nicht, dass du dich in eine Reihe stellst mit diesen Leuten hier.
Mit denen, die keine Ahnung haben.
Und die sich nicht an die Gesetze halten.
Oder die aus der Reihe tanzen, einfach so.

Es geht nicht, dass du dich nächste Woche hier an die Tische der Vesperkirche setzt.
Da, wo die sitzen, die gerade besonders frieren.
Und die, deren Ehe kaputt gegangen ist.
Und die, deren Wohnung noch kalt ist, selbst wenn die Heizung heiß bollert.
Es geht nicht, dass du das Geschirr abspülst, nebenan im zugigen Durchgang.
Es geht nicht, dass du im Bett in der Thalesunterkunft liegst, wo du nicht schlafen kannst, weil dein Bettnachbar ständig umherläuft. Ruhelos. Rastlos.
Es geht nicht, dass du wie Sansal im türkischen Gefängnis sitzt, vorher zusammengeschlagen, weil du die Politik von Erdogan kritisierst.
Das alles geht nicht. Denn du bist doch groß.
Königlich. Herrschaftlich. Göttlich.

IV.
Lass es jetzt geschehen!
Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen.

Mach nicht groß 'rum mit dem, was geht oder nicht geht.
Lass es zu.
Lass die Liebe geschehen: Gott hat sie für jeden und jede.
Lass das Recht geschehen:
Es gilt auch dann schon, wenn die Welt noch unterscheidet zwischen Rechtlosen und Rechthabenden, zwischen linker Tür und rechter Tür.
Hier und jetzt, mittendrin geschieht das Reich Gottes.
Es hält sich nicht daran, ob es in deinen Augen geht oder nicht.
Lass es jetzt geschehen!
Denn Gott nimmt das Geschehen in die Hand.
Hier und jetzt, wenn ein Großer ins Wasser steigt zu den Kleinen.
Wenn er sich in die Reihe stellt zu denen, die sich nach Liebe sehnen,
nach Angenommensein, nach Güte.
Hier und jetzt und nicht erst, wenn wir meinen, uns das leisten zu können.
Lass es jetzt geschehen!

V.
Da ließ er's geschehen.
Und siehe, da tat sich ihm der Himmel auf.

Das Geschehenlassen ist schwer.
Nicht nur für Johannes.
Das Heft nicht in der Hand zu haben.
Auf Kontrolle verzichten.

Mir ging das so, als ich die Mahnwache für die Opfer von Aleppo organisiert habe.
Kurz vor Weihnachten.
Über das Forum Asyl wurden auch syrische Flüchtlinge eingeladen.
Diese wollten aber nicht nur teilnehmen, sondern auch aktiv gestalten.
Aber so richtig erklären konnten sie mir nicht, was sie machen wollten.
Ich machte noch deutlich, dass ich keine Kampfansagen will.
Sondern dass wir der Opfer gedenken. Dass wir um sie trauern. Für sie beten.
Erst recht nach dem Anschlag in Berlin.
Ja, sie nickten.

Aber ab dann hieß es für mich:
Geschehen lassen. Auf Kontrolle verzichten.
Was würde kommen? Würden sie eine Anti-Assad-Demo machen?
Wir alle wissen ja, dass es da nicht nur eine Seite der Bösen gibt.
Konnte ich das wirklich geschehen lassen?

Was dann zu sehen war, war für mich das Berührendste der letzten Wochen.
Kinder und Jugendliche spielten Vogelgezwitscher, Gewehrschüsse und Bombendonner per Handy ab - mitten auf dem Leopoldsplatz.
Dazu zeigten sie, wie es ihnen in Aleppo erging:
Auf der Straße spielen und dann nach Unterschlupf suchen.
Ausgebombt werden. Tote beklagen. Tote begraben.
Dann ein Lied - vorgesungen von Kindern. Übersetzt von einem 12jährigen.
Und wir, die wir zuschauten, standen dicht an dicht -
mit Kerzen in der Hand
und wir trauerten gemeinsam mit den syrischen Flüchtlingen.
Da ließ er's geschehen.
Und siehe, da tat sich ihm der Himmel auf.


Ja, der Himmel tat sich auf - mittendrin, auf dem Leopoldsplatz.
Auch wenn immer noch Krieg war. Und Trauer und Wut.
Aber wir standen beieinander.
Im Leid um die Toten in Aleppo und in Berlin.
Und Gott war da. Jesus war war.
Der Gottessohn, der in die Abgründe steigt.
Mittenhinein. Mittendrin.

VI.
Mittenhinein kommt eine Stimme - von sehr weit her.
Und doch aus der Mitte, weil das gar nicht anders geht.
Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.
Mein Sohn, der mittendrin ist und nicht von oben herab kommt.
Der soweit mittendrin ist, dass sie ihn rausschubsen.
Der auf Machtsymbole verzichtet und dem Teufel eine lange Nase macht,
aber die Sanftmütigen und die Friedensstifter selig preist.
Er sitzt am Tisch mit den Vesperkirchengästen,
übersetzt das Friedenslied der syrischen Kinder,
teilt sein Brot mit dir.
und bleibt doch unfassbar.
Und das alles geht.
Dieser Sohn sagt dir: auch du bist Gottes Kind, an dem er Wohlgefallen hat.
In der Krippe liegst DU.
Auf der Flucht vor Herodes bist DU.
In das Wasser des Jordans steigst DU.
Und so bist auch DU mittendrin im Leben.
Und du lässt es geschehen.
Hier und jetzt.
Die Wogen der Liebe Gottes umspülen dich.
Und der Himmel tut sich auf.

Amen.

Samstag, 24. Dezember 2016

Gott drückt dir sein Kind in die Arme

Predigt zu Jesaja 9,1-6 (Heiligabend 2016)
(mit Dank an Martina Reister-Ulrichs für die Grundidee und an Jörg Breu, der mir noch ein paar Verbesserungsvorschläge gemacht hat)

Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht,
und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.
Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude.
Vor dir freut man sich, wie man sich freut in der Ernte,
wie man fröhlich ist, wenn man Beute austeilt.
Denn du hast ihr drückendes Joch,
die Jochstange auf ihrer Schulter
und den Stecken ihres Treibers zerbrochen wie am Tage Midians.
Denn jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht,
und jeder Mantel, durch Blut geschleift,
wird verbrannt und vom Feuer verzehrt.

Denn uns ist ein Kind geboren,
ein Sohn ist uns gegeben,
und die Herrschaft ist auf seiner Schulter;
und er heißt
Wunder-Rat,
Gott-Held,
Ewig-Vater,
Friede-Fürst;
auf dass seine Herrschaft groß werde
und des Friedens kein Ende
auf dem Thron Davids und in seinem Königreich,
dass er's stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit
von nun an bis in Ewigkeit.
Solches wird tun der Eifer des Herrn Zebaoth.


I.
Gott drückt dir sein Kind in die Arme.
Heute. Einfach so. Und ohne dich zu fragen.
Du hattest gar keine Chance, dich dagegen zu wehren.
Und nun ist es da.

Du schaust es an und weißt gar nicht so richtig, was du damit anfangen sollst.
Es ist dir wehrlos ausgeliefert.
Wehrt sich nicht gegen deine Zärtlichkeit.
Duldet es, dass du es verhätschelst und verkitscht und ganz harmlos machst.
Und sogar, dass du es vergisst.

Du hast eigentlich gar keine Zeit für dieses Kind.
Deine Wohnung ist nicht aufgeräumt.
Die Karte an die Patentante noch nicht geschrieben.
Der Streit mit dem Chef geht dir noch nach.
Und all die furchtbaren Bilder von Berlin und Aleppo.
Was soll da dieses Kind?
Aber Gott hat es dir in deine Arme gelegt.

Denn uns ist ein Kind geboren,
ein Sohn ist uns gegeben,
und die Herrschaft ist auf seiner Schulter


II.
Gott drückt dir ihr Kind in die Arme.
In die Arme, die so gerne umarmen.
Die du hängen lässt, wenn du nicht mehr kannst.
Und die du zeigst, wenn du die Ärmel hochkrempelst.
In deine Arme.

Gott drückt ihr Kind in Arme,
die im Pflegeheim eine Greisin aufrechtsetzen, damit sie den Weihnachtsbaum im Gang sehen kann.
In Arme, die voll bepackt sind mit Geschenken für die Nichten und Neffen.
Aber auch in Arme, die nicht wissen wohin mit sich, weil da keiner ist, den sie umarmen können.
Gott drückt ihr Kind in Arme,
die verschränkt sind und nichts mit ihm zu tun haben wollen.
In Arme, die sich nach oben recken und um Hilfe rufen.
In Arme, die in diesen Tagen Blumen und Kerzen an den Breitscheidplatz bringen.
In Arme, die Maschinengewehre über die Schulter legen.

Gott drückt ihr Kind in die Arme der Welt.
Eine Welt, wo Kinder keinen Platz haben.
Wo sie still sein müssen und unauffällig.
Karrierepläne liegen schon in der Wiege und alles ist perfekt geplant.
Für die Erwachsenen, nicht für das Kind.
Oder sie spielen zwischen den Trümmern in Aleppo.
Sie haben sich daran gewöhnt - auch an die traurigen Gesichter der Großeltern.
Oder sie warten mit ihrer kleinen Schwester am Grenzzaun von Griechenland.
Oder sie klammern sich an die wackeligen Ränder vom Boot, das sie über das Mittelmeer bringen soll.

Gott legt sein Kind in die Trümmer von Aleppo,
in das Flüchtlingslager in Griechenland
und in das Boot auf den Wellen des Mittelmeeres.
Gott legt sein Kind in die allzu perfekten Betten von Reihenhäusern
und in die Intensivstation vom Klinikum mit ihren Beatmungsgeräten.
Gott macht keinen Unterschied.
Ihr Kind gehört überall hin. Und auch dorthin, wo es nicht hingehört.

Denn uns ist ein Kind geboren,
ein Sohn ist uns gegeben,
und die Herrschaft ist auf seiner Schulter


III.
Ja, es passt nicht in diese Welt. Hat noch nie hineingepasst.
Nicht zu Jesajas Zeiten.
Nicht zu Marias Zeiten und zu Josefs auch nicht.
Es trägt fremde Namen, die so gar nicht zu ihm passen.
Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst.

Namen eines Hoffnungsträgers, der die Sehnsucht gar nicht tragen kann.
Namen einer Welt, die keine Chance bei uns hat.
Denn es ist kein Held des Krieges, kein Triumphator,
kein Reiter auf hohem Ross mit Pauken und Trompeten,
sondern ein Friedensbringer.
Einer, der auf dem Esel kommt.
Der mit seiner Familie sogar fliehen muss ins ägyptische Exil.
Und letztlich und nackt und bloß am Kreuz stirbt.
Gott selbst.
Das Gotteskind.

Und gerade weil es nicht in diese Welt passt, kommt es in diese Welt.

Denn uns ist ein Kind geboren,
ein Sohn ist uns gegeben,
und die Herrschaft ist auf seiner Schulter.


IV.
Gott drückt dir sein Kind in die Arme.
So verletzlich - nur so kommt es in dein Herz.
Und du weißt: Auf dieses Kleine kommt es an.
Auf das Kleine in dir. Auf das Zarte. Das, was dich angreifbar macht.
Du musst nicht tun, als seist du stark.
Du musst keine Waffen tragen.
Du brauchst keine Rolle mehr zu spielen.
Du kannst einfach nur das Gotteskind sein.
Mit der ganzen Liebe, die da ist und die zu dir kommt.

Dieses Gotteskind in deinen Armen, in deinem Herzen, passt nicht in diese Welt.
Und so kannst du diese Welt nicht lassen, wie sie ist.
Da soll es keine Bombentrümmer geben,
und keine ertrinkenden Flüchtlinge.
Keine Mörder, die unschuldige Menschen töten auf Weihnachtsmärkten.
Und auf der Intensivstation soll keiner alleine sein.

V.
Gott drückt dir ihr Kind in deine Arme
und es passt nicht in diese Welt,
aber es verändert sie.
Und darum ist es egal, ob dein Wohnzimmer aufgeräumt ist oder nicht.
Du machst dich auf den Weg zur mürrischen Nachbarin und schenkst ihr eine Blume.
Vielleicht bleibt sie mürrisch. Vielleicht aber wird sie lächeln.
Oder du überlegst dir, wen du noch heute zum Essen einlädst.
Oder wenigstens anrufst. Und dann tust du es.

Und auf Rechthaberei hast du keine Lust mehr.
Weil das Gotteskind in deinen Armen ist, hast du keine Angst.
Schaust mit ihm zusammen neugierig auf alles Neue und Fremde.
Du lässt dir auch keine Angst machen, auch nicht von Terroristen,
sondern freust dich auf die Menschen, denen du begegnest.

Mit dem Gotteskind im Arm nimmst du allen Mut zusammen,
und sagst laut:
Hilfe für Fremde und Notleidende ist kein Luxusgut,
das wir uns nur gönnen,
wenn wir es uns leisten können.
Du sagst es laut, aber mit Liebe.
Das Kind in deinen Armen lässt nicht zu,
dass Menschen, die Hilfe brauchen, gegenseitig ausgespielt werden.

Es lässt dich weinen, wenn du an die zwölf Menschen denkst,
die brutal ermordet wurden am vergangenen Montag
und an die, die sie liebhaben.
Es lässt dich weinen, wenn du die Bilder aus Syrien siehst,
und es sind Tränen der Trauer und der Liebe
über jedes Kind Gottes, das durch Gewalt stirbt.
Juden, Christen, Muslime und alle anderen.
Gotteskinder - wie du.

Du merkst, dass dieses Kind in deinen Armen zwar zart, aber überhaupt nicht harmlos ist.
Es verändert dich.
Wird die Mächtigen vom Thron stoßen
und die Niedrigen erheben
Es wird zerbrechen daran.
Und leben.
Mit dir und für dich.
Und für diese Welt, in die es nicht hineinpasst und doch gehört.
Wie kein anderes Kind der Welt.

Denn uns ist ein Kind geboren,
ein Sohn ist uns gegeben,
und die Herrschaft ist auf seiner Schulter.


VI.
Gott drückt dir sein Kind in die Arme.
Du schaust es an und es nimmt dich ein.
Voll und ganz und mit Haut und Haaren.
Dich, du Gotteskind. Mit Licht im Herzen.
Es verändert dich. Du öffnest deine Arme.
Und du veränderst die Welt. Mit diesem Kind.

Denn uns ist ein Kind geboren,
ein Sohn ist uns gegeben,
und die Herrschaft ist auf seiner Schulter;
und er heißt
Wunder-Rat,
Gott-Held,
Ewig-Vater,
Friede-Fürst;
auf dass seine Herrschaft groß werde
und des Friedens kein Ende .

Amen.

Sonntag, 11. Dezember 2016

Es muss sein - auch 2017

Predigt zu Lukas 3,1-14
(geändert und aktualisiert zum 3.Advent 2017)

mit Dank an Michael Greßler, Silke Wolfrum, Peter Michael Schmudde und Martina Servatius für einige Formulierungen

Im fünfzehnten Jahr der Herrschaft des Kaisers Tiberius,
als Pontius Pilatus Statthalter in Judäa war
und Herodes Landesfürst von Galiläa
und sein Bruder Philippus Landesfürst von Ituräa und der Landschaft Trachonitis
und Lysanias Landesfürst von Abilene,
als Hannas und Kaiphas Hohepriester waren,
da geschah das Wort Gottes zu Johannes,
dem Sohn des Zacharias (und der Elisabeth),
in der Wüste.
 

Und er kam in die ganze Gegend um den Jordan
und predigte die Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden,
wie geschrieben steht im Buch der Worte des Propheten Jesaja (Jesaja 40,3-5):
»Es ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste:
Bereitet den Weg des Herrn, macht seine Steige eben!
Alle Täler sollen erhöht werden,
und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden;
und was krumm ist, soll gerade werden,
und was uneben ist, soll ebener Weg werden,
und alles Fleisch wird das Heil Gottes sehen.«

Da sprach Johannes zu der Menge,
die hinausging, um sich von ihm taufen zu lassen:
Ihr Otterngezücht,
wer hat euch gewiss gemacht,
dass ihr dem künftigen Zorn entrinnen werdet?
Seht zu, bringt rechtschaffene Früchte der Buße;
und nehmt euch nicht vor zu sagen:
Wir haben Abraham zum Vater.
Denn ich sage euch: 

Gott kann dem Abraham aus diesen Steinen Kinder erwecken.
Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt;
jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.

Und die Menge fragte ihn und sprach:
Was sollen wir nun tun?
Er antwortete aber und sprach zu ihnen:
Wer zwei Hemden hat, der gebe dem, der keines hat;
und wer Speise hat, tue ebenso.
Es kamen aber auch Zöllner, um sich taufen zu lassen, 

und sprachen zu ihm:
Meister, was sollen denn wir tun?
Er sprach zu ihnen:
Fordert nicht mehr, als euch vorgeschrieben ist!
Da fragten ihn auch Soldaten und sprachen:
Was sollen denn wir tun?
Und er sprach zu ihnen:
Tut niemandem Gewalt noch Unrecht
und lasst euch genügen an eurem Sold!


I.
Muss das sein?
Da macht man sich auf den Weg in die Wüste.
Heißer Sand unter den Fußsohlen. Ständig Durst.
Alles verschwitzt. Aber es ist die Sehnsucht, die einen hier raus bringt.
Hierher zu Johannes, dem Täufer.
Sich von ihm taufen lassen. Dann wird alles besser. Ganz bestimmt.
Und dann:
Wüste Publikumsbeschimpfung.
Ihr Otterngezücht. Ihr Schlangenbrut. Was denkt ihr, wer ihr seid?

Muss das sein? Muss das heute sein? Mitten im Advent?
Dieser Johannes ist kein Schokoladenweihnachtsmann,
kein lieblicher Engel und kein Kurrende-Sänger.
Johannes ist ein harter, unbequemer, sperriger Kerl.
Wenn Johannes auftritt, ist erstmal alles andere als eitel Sonnenschein.
Johannes stört.
Er ist die Gegendemonstration zu unserem Ruhebedürfnis.
Er ist  eine Zumutung.

II.
Muss das sein?
Ja, nicht immer muss das sein. Aber vielleicht gerade heute.
Vielleicht gerade in diesem Jahr,
in dem Angela Merkel Bundeskanzlerin ist
und Sigmar Gabriel deutscher Außenminister,
Und in Pforzheim ein neuer Oberbürgermeiste gewählt wurde.
In diesem Jahr, in dem israelische Fahnen abgefackelt werden.
Und Synagogen wieder in Brand gesteckt.
Und in dem Flüchtende in Libyen als Sklaven gehalten werden.
In diesem Jahr, da ergeht das Wort des Herrn.
An uns. Eine Zumutung.

III.
Gerade jetzt brauchen wir so eine Zumutung!
Wir brauchen Menschen, Boten Gottes, Propheten,
die ihren Finger in die Wunde der Welt legen,
dorthin, wo wir lieber nicht so genau hinschauen.

Der Weg wird bereitet, jetzt.
Jetzt - im Advent - heißt es:
hingucken und wegschaffen, was da noch quer in der Landschaft liegt:
Tote Steine und Staub, den wir mitschleppen.
Bäume, schön anzusehen, doch ohne eine Frucht, weil sie nur Fassade sind;
Und am liebsten würden wir sie liegen lassen. Oder einfach nicht hinsehen.
Was sollen wir auch sonst tun?

IV.
Aber du kannst der Welt nicht aus dem Weg gehen, sagt Johannes.
Und du kannst Gott nicht ausweichen.
Denn dieser Gott kommt.
Hierher und heute.
Und wenn du denkst, dass du ja sowieso auf der richtigen Seite stehst:
täusch dich nicht.
Wenn du denkst, dass du ja den richtigen Glauben hast
oder das richtige Parteibuch
oder genügend Einfluss auf die Entscheidungsträger:
Täusch dich nicht.
Und wenn du denkst,
du kannst ignorieren,
dass Hass und Menschenverachtung unser Zusammenleben gefährden:
dann täusch dich nicht!
Gott kommt.
Bereite ihm den Weg. Räum weg, was im Weg steht.
Denn nichts ist sicher.
Und am Ende entscheidet Gott.

V.
Muss das sein?
Johannes, du störst unser adventliches Ringen um etwas mehr Ruhe.
Du stellst alles in Frage, was uns Sicherheit gibt.
Der Weg muss eben sein, denn der Heiland wird zu allen Menschen kommen.
Zu allen.
Nicht nur zu uns, die wir uns auf der richtigen Seite wähnen.
Nein, auch zu denen, auf deren Kosten wir leben.
Oder die wir nicht hier haben wollen.
Oder die stören.
Oder zu denen, die nicht wissen, ob sie ihre Familie hierher holen können.

Was krumm ist soll gerade werden.
Ganze Täler sollen erhöht werden.
Berge und Hügel sollen erniedrigt werden.
Deine Worte sind wie der Wüstensand im Weltgetriebe.
Sie knirschen. Sie reiben.
Sie sind laut, wo wir unsere Ruhe haben wollen.
Und wo es sich nur um uns selbst dreht.

Aber sie lassen auch hoffen.
Darauf, dass es geht.
Dass Gott kommt.
Und dass es besser wird mit uns.

VI.
Was sollen wir denn tun?
Eine bange Frage.
Denn das Wort vom Zorn Gottes steckt in den Knochen
Das Bild von der zerstörerischen Axt geht nicht mehr aus dem Kopf.

Was sollen wir denn tun?
Das ist auch eine gute Frage.
Kein „Da kann man halt nichts machen“ mehr.

Und du, Johannes, antwortest.
Überraschend.
Der große Zeigefinger wird zur offenen Hand.
»Wer zwei Hemden hat, der gebe dem,
der keines hat; und wer Speise hat, tue ebenso. …
Fordert nicht mehr, als euch vorgeschrieben ist! …
Tut niemandem Gewalt oder Unrecht …«


Nichts Unmögliches.
Nur das, was die Liebe gebietet.
Das, was du schaffen kannst.
Kein radikaler Verzicht auf das Schöne.
Aber teile, wovon du mehr als genug hast.
Von deiner Zeit. Oder deinem Brot. Oder deinem Geld.
Oder gebe ein oder zwei Euro mehr aus,
damit die Näherin in Bangladesh wirklich was davon hat.
Sei fair und bereichere dich nicht auf Kosten der anderen.
Genügsamkeit statt gierigem Verlangen.
Ist das alles?
Warum nicht?

Es sind die Maßstäbe, die gelten.
Das ist das Maß, an dem wir gemessen werden.
Das Maß der Liebe.
Und das ist immer noch eine Zumutung.
Weil wir uns selber das Maß oft genug nicht gönnen.
Gott verzichtet selber auf alle Ansprüche und Ränge.
Er ebnet alles ein, was uns von ihm trennt.
Räumt Steine und Müll und Schutt und Bäume aus dem Weg.
Und macht so alles möglich.
Aber dann kann es auch anders gehen.
Muss anders gehen.

VII.
Johannes, der Gegendemonstrant gegen unser Ruhebedürfnis,
er kommt mit der Politik der kleinen Schritte.
Der Traum von einer Welt, wie Gott sie will, soll Wirklichkeit werden.
Aber das passiert nicht von heute auf morgen, nicht Knall auf Fall,
sondern in mühsamer und manchmal auch müheloser Kleinarbeit.
Und statt vor den Bergen der unerledigten Ungerechtigkeiten zu erstarren,
lohnt es sich einfach anzufangen.

Einen Brief für Deniz schreiben, der seit über 300 Tagen im türkischen Gefängnis sitzt.
Einen Benefizkinonachmittag organisieren für Shawkat,
damit er seine Familie aus Syrien hierher holen kann.
Mit Trajan von Anwalt zu Anwalt gehen
und von Gericht zu Gericht
und nun darf er endlich bleiben.
Er hat ja schon längst eine Arbeit.
Beim nächsten Mal bei H+M fragen, ob sie auch faire Kleidung haben.
Und ... ja, Zeichen gegen Menschenverachtung setzen,
egal ob der Oberbürgermeister das passend findet oder nicht.*

VIII.
Es lohnt sich, anzufangen.
Es braucht nichts Unmögliches.
Nur das, was die Liebe gebietet.
Umso wichtiger, dass wir sie uns sagen lassen.
Diese Worte, die wie Sand im Weltgetriebe sind.
Die uns losschicken, zu lieben.
Verschwitzt und kleinmütig wie wir sind.
Aber voller Sehnsucht.

Gut, dass es Störenfriede wie Johannes gibt, die uns auf den Weg bringen.
Ein Weg der über Berge und durch Täler geht, hoch und tief.
Und durch die  Wüste, deren Sand uns die Fußsohlen verbrennt.

»Bereitet den Weg des Herrn.«
Muss das sein?
Ja, es muss sein.
Und es wird sein.
Und er, der Herr, wird bei uns sein.

Amen.

*) In der vergangenen Woche hat der Pforzheimer Oberbürgermeister öffentlich die seit 5 Jahren übliche und seit 3 Jahren intensivierte Praxis in Frage gestellt, am 23.2. (dem Tag der Zerstörung Pforzheims am Ende des 2.Weltkriegs) auch deutliche Zeichen gegen die rechtsextreme Instrumentalisierung des Gedenkens zu setzen.

Sonntag, 4. Dezember 2016

Zeichen der Zeit

Predigt zu Matthäus 24,1-14
(mit Dank für einige Formulierungsideen an Alexander Ebel und Birgit Mattausch)

I.
Zeichen der Zeit.
Ein Kirschzweig bleibt am Kleid der Barbara hängen
Auf dem Weg in ihr Gefängnis.
Gefoltert und zum Tod verurteilt bleibt ihr nicht mehr viel Zeit.
Aber sie hat ja diesen Zweig.
Den benetzt sie mit dem Wasser aus ihrem Trinknapf.
Als sie Wochen später abgeholt wird, um hingerichtet zu werden, blüht der Zweig.
“Du schienst tot, aber bist aufgeblüht zu schönem Leben.
So wird auch es auch mit meinem Tod sein.
Ich werde zu neuem, ewigen Leben aufblühen”.

II.
Zeichen der Zeit.
Blätter werden gelb, dann braun. Und sie fallen herab. Bedecken den Boden.
Irgendwann nur noch eine schwarze feuchte Masse.
Kahle Bäume. Kurze Tage. Lange Nächte. Winterzeit.
Aber wir hängen Lichter in die Bäume und Sterne an die Zweige.
Wir zünden Kerzen an.
Zeichen, die was anderes ankündigen.
Zeichen der Liebe - mitten im Winter.

III.
Zeichen der Zeit bei Matthäus:
Und Jesus ging aus dem Tempel fort
und seine Jünger traten zu ihm und zeigten ihm die Gebäude des Tempels.
Er aber antwortete und sprach zu ihnen:
Seht ihr nicht das alles?
Wahrlich, ich sage euch:
Es wird hier nicht ein Stein auf dem andern bleiben, der nicht zerbrochen werde.

Und als er auf dem Ölberg saß, traten seine Jünger zu ihm
und sprachen, als sie allein waren:
Sage uns, wann wird das geschehen?
Und was wird das Zeichen sein für dein Kommen und für das Ende der Welt?
Jesus aber antwortete und sprach zu ihnen:
Seht zu, dass euch nicht jemand verführe.
Denn es werden viele kommen unter meinem Namen und sagen:
Ich bin der Christus, und sie werden viele verführen.
Ihr werdet hören von Kriegen und Kriegsgeschrei; seht zu und erschreckt nicht.
Denn es muss geschehen. Aber es ist noch nicht das Ende.
Denn es wird sich ein Volk gegen das andere erheben
und ein Königreich gegen das andere;
und es werden Hungersnöte sein und Erdbeben hier und dort.
Das alles aber ist der Anfang der Wehen.

Dann werden sie euch der Bedrängnis überantworten und euch töten.
Und ihr werdet gehasst werden um meines Namens willen von allen Völkern.
Dann werden viele zu Fall kommen
und werden sich untereinander verraten
und sich untereinander hassen.
Und es werden sich viele falsche Propheten erheben und werden viele verführen.
Und weil die Missachtung des Gesetzes überhandnehmen wird,
wird die Liebe in vielen erkalten.
Wer aber beharrt bis ans Ende, der wird selig.
Und es wird gepredigt werden
dies Evangelium vom Reich in der ganzen Welt
zum Zeugnis für alle Völker,
und dann wird das Ende kommen.


IV.
Die Zeichen der Zeit machen mir Angst.
Die Zeichen unserer Zeit sind es, die mich umtreiben.

Da bleibt in Aleppo kein Stein mehr auf dem Anderen.
Der 15 jährige namenlose Junge muss weinend seine Mutter begraben
und die kleine Schwester kämpft im halbzerschossenen Krankenhaus ums Überleben.
Auf die Fliehenden fallen weitere Bomben.
Hilflos sehe ich Bilder und die Videos
und weiß nicht, was ich tun kann.
Und ich werde schamesrot,
wenn ich die Erfolgszahlen der baden-württembergischen Rüstungsindustrie sehe.
Zeichen unserer Zeit.

V.
In Pforzheim haben über 25 % die AfD gewählt,
in manchen Stadtteilen sind es über 50%.
Sie haben eine Partei gewählt, die mit der Angst hausieren geht.
Sie haben Angst, weniger zu haben als jetzt, weil Flüchtlinge da sind.
Sie haben Angst, nachts auf die Straßen zu gehen, weil Flüchtlinge da sind.
Sie haben vor dem Islam Angst, weil Flüchtlinge da sind.
Aber wenn man sich die Zahlen anschaut, weiß man, dass diese Angst unbegründet ist.
Niemand hat weniger, weil die Flüchtlinge da sind.
Es ist auf den Straßen nicht gefährlicher geworden.
Und „den“ Islam gibt es sowieso nicht, sondern Muslime, die sehr verschieden sind.
Außerdem gibt es auch christliche und jesidische Flüchtlinge.
Aber das alles spielt keine Rolle mehr. Man hat Angst.
Und will gefälligst ernstgenommen werden. Was auch immer das heißt.
Und so gewinnen die Populisten dieser Welt die Oberhand.
Und diese wollen Frauen zurück an den Herd schicken,
geben der Homolobby die Schuld an allem
und lassen Tausende im Meer ertrinken. Sind ja schließlich selber schuld.
Und es werden sich viele falsche Propheten erheben und werden viele verführen.
Zeichen der Zeit.

VI.
Die Liebe wird in vielen erkalten. So lesen wir bei Matthäus.
Erkaltete Liebe - ein Zeichen unserer Zeit
Eine Liebe, die sich in kahlen Ästen der Bäume verfängt.
Ihr Licht ist erloschen in Reihenhäusern und Eigentumswohnungen,
um deren Wertverlust man fürchtet, weil nebenan eine Flüchtlingsunterkunft entsteht.
Aber man verbrämt es mit der Sorge um Schulräume, die fehlen könnten.
Die Liebe ist erkaltet an den Stammtischen oder auch in der gepflegten Bar,
wo man sich über Kopftücher aufregt,
aber nicht darüber, dass es immer noch zu wenig Sprachkurse für die Neuangekommenen gibt.
Die Liebe ist erkaltet, wo man nicht mehr miteinander redet,
sondern übereinander,
und wo Bischöfinnen und Pfarrer verächtlich beschimpft und bedroht werden,
weil sie sich für den Dialog mit Muslimen einsetzen.
Zeichen unserer Zeit.
Zeichen auch für das Ende der Welt?

VII.
Nein, es sind Zeichen einer Welt, die ist, wie sie ist.
Aber wir hoffen darauf, dass diese Welt, wie sie ist, zum Ende kommt.
Wer aber beharrt bis ans Ende, der wird selig.
Und es wird gepredigt werden
dies Evangelium vom Reich in der ganzen Welt
zum Zeugnis für alle Völker,
und dann wird das Ende kommen.


Zeichen einer neuen Zeit.
Zeichen dafür, dass die Welt, wie sie ist, nicht bleibt, wie sie ist.
Da kommt ein Kind zur Welt -
zwischen Heu und Stroh, Staub und Dreck und tierischen Gerüchen.
Da kommt ein Kind zur Welt und Gelehrte machen sich auf, um dieses Kind zu sehen.
Der Vater des Kindes ist ein Träumer
und bleibt trotz vieler Peinlichkeiten an der Seite seiner Familie.
Seine Mutter, ein junges Mädchen wird zu einer Prophetin
und singt mit kraftvoller Stimme.
Das Kind wird zu einem Mann, der Blinde sehend macht, Taube hörend, Lahme gehend.
Und er lebt die Liebe, die Gott allen Menschen schenkt.
Er lebt diese Liebe noch am Kreuz und Gott bekennt sich zu ihm, der die Liebe ist.
Zeichen einer neuen Zeit.
Zeichen für das Ende einer Welt, die nicht so bleiben soll, wie sie ist.

VIII.
Es gibt Christen, die glauben, dass das Ende der Welt bevorsteht,
weil die Evangelische Kirche nun schwule und lesbische Paare traut
und weil der Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm sein Brustkreuz verborgen hat.
Und vielleicht haben sie sogar Recht.
Aber anders, als sie denken.
Es sind dies Zeichen für das Ende dieser Welt.
Zeichen dafür, dass die Liebe sich Bahn bricht und aufblüht.
Wo Menschen sich lieben dürfen.
Wo Menschen auf das Rechthaben verzichten.
Und wo sie die Not der anderen sehen.

Ja, ich hätte gerne noch viel mehr Zeichen für das Ende der Welt.
Dass die Liebe eben nicht erkaltet ist.
Lachende Kinder, unbeschwert. Auch in Aleppo oder Jemen.

Jeder hat genug zu essen.

Nicht, dass es nichts mehr zu weinen gäbe
.
Aber dass es für jede Träne jemanden gibt, der sie auffängt und dich mit.

Friedensverträge werden geschlossen und gehalten.
Die Rüstungsindustrie sattelt um, weil sie für ihre Waffen keine Abnehmer mehr hat.

Niemand muss Angst haben.
Jeder Mensch findet eine Heimat und den Schutz, den er braucht.

Und Minderheiten kommen zu ihrem Recht,
ohne dass die Mehrheit an ihren Vorteilen festklebt.
Und die Engel singen zusammen mit uns im Chor.

Es wäre das Ende der Welt, wie wir sie kennen.

Zeichen einer neuen Zeit.

IX.
Das Ende der Welt, wie wir sie kennen, ist schon da.
Mit Christus.
Mit dem Kind im Stall.
Mit dem Sterbenden auf Golgotha.
Mit dem Auferstandenen, der bis zum Ende der Welt bei uns bleibt.
Und du zündest eine Kerze an - an diesen Tagen, die kürzer werden. Und kälter.
Liebe ist da. Klein und doch stark. Neu entfacht. Mitten im Winter.
Und du singst ein Adventslied.
Mit einer glühenden, eine hellen Liebe.

X.
Zeichen der neuen Zeit.
Ein Kirschzweig bleibt am Kleid der Barbara hängen.
Auf dem Weg in ihr Gefängnis.
Gefoltert und zum Tod verurteilt bleibt ihr nicht mehr viel Zeit.
Aber sie hat ja diesen Zweig.
Den benetzt sie mit dem Wasser aus ihrem Trinknapf.
Als sie Wochen später abgeholt wird, um hingerichtet zu werden, blüht der Zweig.
Und zeigt ihr:
Das Ende der Welt, wie wir sie kennen, ist schon da.
Liebe blüht auf, die längst verloren schien.
Sie macht dich selig.

Und der Friede, welcher höher ist als alle Vernunft, 
bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.

Sonntag, 27. November 2016

Mitten ins Leben

Predigt zum 1.Advent und zum Lied "Nun komm, der Heiden Heiland" 

Das Lied wurde während der Predigt gesungen. 
Unmittelbar vor der Predigt sang der Jugendchor eine Vertonung von Jesaja 11
und davor wurde das Evangelium aus Matthäus 21 (Jesu Einzug in Jerusalem) gelesen.
Ein weiterer wichtiger Hintergrund zur Predigt: 
Es war ein gemeinsamer Gottesdienst von 2 Gemeinden, die in den vergangenen Wochen visitiert wurden (= besucht von der Kirchenbezirksleitung). Die beiden Gemeinden werden in Zukunft noch mehr miteinander kooperieren, was in der Vergangenheit immer wieder zu Komplikationen geführt hat.

I.
Der Heiland kommt.
Jesus kommt. Mitten hinein in die Stadt.
Hierher. In den Posaunenchor. In den Jugendchor.
In die Ältestenkreise von M... - und C....gemeinde.
In die Visitationskommission.
In das Quartier.

Der Heiland kommt.
Der, der als König gefeiert und als Messias erhofft wird.
Der, von dem Jesaja sagt und der Jugendchor singt.
Einer mit dem Geist Gottes.
Einer an der Seite der Armen.
Der Heiland mischt Staub und Speichel, um damit einen Tauben hörend zu machen.
Er spricht die Friedensstifter selig
und reitet selber mit provokanter Schlichtheit als Friedensbringer auf einem Esel.
Für ihn werden die Palmen gewedelt und Mäntel in den Staub gelegt.
Tore werden geöffnet und laut hört man das „Hosianna, du Sohn Davids“.
Zöllner klettern seinetwegen auf Bäume und Frauen stiften ihr kostbarstes Öl.
Denn sie freuen sich, dass er kommt.
Dass er in ihr Leben kommt. Mit ihnen zu tun haben will.
Obwohl sie doch überhaupt nicht wichtig sind.
Gerade zu ihnen, die so oft hören: was willst du hier?
Oder: wer bist du schon?

II.
Ja, zu ihnen kommt der Heiland. Und auch hierher in die Kirche.
Festlich und erhaben. Schlicht und bescheiden.
Alles zugleich. So sind wir hier. Und so singen wir zum Heiland:

1. Nun komm, der Heiden Heiland, der Jungfrauen Kind erkannt, 
    dass sich wunder alle Welt, Gott solch Geburt ihm bestellt.
2. Er ging aus der Kammer sein, dem königlichen Saal so rein, 

    Gott von Art und Mensch, ein Held; sein' Weg er zu laufen eilt.
3. Sein Lauf kam vom Vater her und kehrt wieder zum Vater, 

    fuhr hinunter zu der Höll und wieder zu Gottes Stuhl.
4. Dein Krippen glänzt hell und klar, die Nacht gibt ein neu Licht dar. 

    Dunkel muß nicht kommen drein, der Glaub bleib immer im Schein.
5. Lob sei Gott dem Vater g'tan; Lob sei Gott seim ein'gen Sohn, 

    Lob sei Gott dem Heilgen Geist immer und in Ewigkeit.

„Nun komm, der Heiden Heiland“ - über lange Zeit der Adventschoral schlechthin.
Gedichtet von keinem Geringeren als Martin Luther im Jahr 1524.
Als Vorlage hatte er dafür einen alten lateinischen Hymnus aus dem 4.Jahrhundert
von Ambrosius aus Mailand.
Im Vorgängergesangbuch vor unserem heutigen
war „Nun komm, der Heiden Heiland“ noch die Nummer 1.
Das war kein Zufall.
Das war Programm. Sozusagen die Ansage für den Advent.
Wer das erste Lied aufschlägt, soll sofort erfahren, worum es geht.
Der Heiland kommt. Mitten ins Leben.

III.
Nun komm, der Heiden Heiland!
Alte Worte, eigentümliche Versform, geballte Theologie.
Die ganze Geschichte der Menschwerdung Gottes in wenigen Strophen.
Und viel zum Stolpern.

Da sind die Heiden.
Ja, die Völker sind das. Die, die eben nicht Israel sind.
Heiden: Kein Negativ-Begriff für die sogenannten Verlorenen,
wie er sich im Laufe der Geschichte entwickelte.
Sondern - ein Wort für alle, die auf der Suche nach Gott sind,
nach Wahrheit und Erlösung, für alle, die nicht sicher sind, ob sie zu Gott gehören.
Heiden sind Menschen auf der Suche nach Gott.
Also ich und du. Wir hier.

Darum, liebe Heiden von Pforzheim, euer Heiland soll kommen.
Der Heiland ist der, der heil macht, der ganz macht, was kaputt ist.
Jesus heilt den blinden Bartimäus und die blutflüssige Frau.
Er richtet die gekrümmte Frau auf und stellt sich vor die Ehebrecherin.
Der Heiland erquickt die mühselig Beladenen und nimmt die Kinder in den Arm.
Er bringt einfache Hirten und weise Gelehrte in einem Stall zusammen,
und kündigt noch am Kreuz den Verbrechern das Paradies an.
Und durch ein Stückchen Brot bringt der Heiland selbst den Feind an seinen Tisch.

IV.
Dieser Heiland lässt nicht alles beim Alten.
Er kommt, um zu bewegen. Die, die ihn suchen. Die Gott suchen.
Er kommt und bringt Menschen zusammen, die von alleine nicht auf die Idee kommen würden.
Er wendet ihren Blick von sich auf die anderen, auf die, die Hilfe brauchen.
Und dafür genügt ein Glaube, der so klein ist wie ein Senfkorn.

Und darum macht er sich selber ganz klein.
Der Heiland kommt mitten hinein ins Leben.
Dort wo es nur allzu menschlich zu geht.

Wir singen nocheinmal die Strophen 2 und 3:
2. Er ging aus der Kammer sein, dem königlichen Saal so rein, 
    Gott von Art und Mensch, ein Held; sein' Weg er zu laufen eilt.
3. Sein Lauf kam vom Vater her und kehrt wieder zum Vater, 

    fuhr hinunter zu der Höll und wieder zu Gottes Stuhl.

V.
Der Heiland kommt mitten hinein ins Leben.
Gott bleibt nicht im Himmel, sondern wird Mensch.
Gott und Mensch kommen zusammen
Königlicher Saal und jämmerlicher Stall -
Himmel und Hölle,
Dunkel und Hell.
Galadinner und Vesperkirche.
Stroh und Palmenzweige.
Weihnachtsoratorium und Klagegesang.
„Macht hoch die Tür“ und „Auch wer zur Nacht geweinet“
Hosianna und Kreuziget ihn.
Alles das. Alles das ist das Leben. Unser Leben.
Und da hinein, in dieses Leben mit allem, was es so liebenswert und grausam macht, begibt sich der menschgewordene Gott.

Der Heiland ist göttlich anders und doch menschlich wie wir.
Es genügt, dass er das Kind einer einfachen jungen Frau ist,
die Jungfrau - mehr braucht es nicht, um Heiland für die Menschen zu sein,
keine mächtigen Männer, keine großen Herrscher oder Ahnentafeln.
Kein Pass über eine legale Einreise. Kein Adelsprädikat.
Keine Unterhaltserklärung. Kein Beweis.
Sondern das Menschsein pur.
Schwach wie ein Kind, aber gerade in dieser Schwäche stark.
Gefährdet wie ein schutzloser Säugling. Und gerade deshalb glaubwürdig.
Geboren in einer Absteige und schmachvoll sterbend draußen vor den Stadtmauern.
Und gerade dadurch der Hoffnungsträger derer, die an den Rändern unserer Gesellschaft leben.

VI.
Nun komm, der Heiden Heiland!
Der Heiland kam mitten ins Leben von Martin Luther.
Das hat ihm die Augen geöffnet.
Ein Gott, der ganz an meiner Seite ist, der sich in mein Leben begibt, das ist ein gnädiger Gott.
Das ist ein Gott, der mich frei macht von der Angst, etwas nicht richtig zu machen.
Denn auch das, was ich falsch mache, trägt er mit.
Dieser Heiland, der mitten ins Leben kommt, ist kein gleichgültiger Gott.
Er lebt mit. Er weint mit. Freut sich mit.
Lacht. Genießt. Er jubelt. Und klagt.
Der Heiland kommt mitten ins Leben.
Und er bewegt. Weil er verändert. Neu macht.
Weil der Himmel aufgerissen wird.
Weil Himmel und Erde zusammenkommen.
Und das sollte sogar die Kirche verändern.

So wird es auch hier geschehen. In den Gemeinden der XRegion.
Der Heiland kommt - mitten in die Xregion.
Und er bewegt. Er führt euch hier zusammen. Und verändert euch.
Euch, die ihr Gott sucht und die ihr zweifelt und klagt
und die ihr euch freut und mal etwas Neues ausprobiert, egal ob es Erfolg hat.
Er öffnet euch die Augen füreinander.
Er lässt euch sehen, was die anderen brauchen von euch.
Was ihr voneinander braucht und was ihr einander geben könnt.

Der Heiland lässt euch gemeinsam neue Wege gehen.
Dorthin, wo die anderen Gottsucher sind.
Mutig, denn eure Ängste könnt ihr ihm überlassen.
Und das, woran euer Herz hängt, auch.
Wenn euer Glaube so groß ist, wie ein Senfkorn, genügt es.

Der Heiland kommt - und reißt die Himmel auf.
Denn er kommt mitten ins Leben. In deins und meins.
Amen.

Lied: O Heiland, reiß die Himmel auf....

Sonntag, 6. November 2016

Niemand ist eine Insel

Predigt zu Römerbrief 14, 7-9 - gehalten in der Stadtkirche am 6.11.2016
(auch ein Beispiel einer Predigtwerkstatt. Darum Danke an Peter Krogull, Michaela Jecht und Rene Enzenauer. 
Und wichtig: vor der Predigt wurden 2 Mädchen getauft!)
 
Keiner von uns lebt nur für sich selbst
und keiner stirbt nur für sich selbst.
Denn wenn wir leben, so leben wir dem Herrn.
Und wenn wir sterben, so sterben wir dem Herrn.
Ob wir also leben oder ob wir sterben –
so sind wir des Herrn!
Denn das ist der Grund, warum Christus gestorben ist
und wieder lebendig wurde:

Er sollte der Herr sein über die Toten und die Lebenden.

I.
Will Freeman (1) ist ein freier Mann. 36 Jahre alt. Single. Wohlhabend. Er lebt in einem tollen Haus in London. Muss noch nicht mal arbeiten. Denn Geld verdient Will Freeman ganz automatisch. Sein Vater hat nämlich mal ein Lied geschrieben, das ein großer Weihnachtshit in England wurde. Einen Teil seines Tages verbringt er nun damit, dieses Geld wieder auszugeben, zum Beispiel für teure Turnschuhe. Einen zweiten Teil seines Tages verbringt Will vor dem Fernseher mit seinen Lieblingssendungen. Streit um die Fernbedienung gibt es dabei nicht. Will lebt ja alleine. Wenn er mal Lust auf Zweisamkeit hat, macht sich der gutaussehende Will gezielt auf die Suche nach Frauen, die leicht zu haben und - noch wichtiger - leicht loszuwerden sind.
„Ich bin eine Insel - ich brauche niemanden“, sagt er trotzig. „Und das ist gut so.“
Will Freeman - frei und unabhängig, einer der sich selbst lebt - Hauptfigur im Roman „About a Boy“ von Nick Hornby.

Keiner von uns lebt nur für sich selbst
und keiner stirbt nur für sich selbst.
Denn wenn wir leben, so leben wir dem Herrn.
Und wenn wir sterben, so sterben wir dem Herrn.
Ob wir also leben oder ob wir sterben –
so sind wir des Herrn!


II.
Einmal leben können wie Will Freeman.
Ohne Verpflichtungen. Ohne Abhängigkeiten.
Ohne Terminkalender. Ohne Schule oder Chef oder Eltern oder Kinder.

Einmal alles loslassen. (2)
Und die Pflicht rufen lassen.
Die Fäden lösen,
die mich festbinden an mein tägliches „Sollen“ und „Müssen“
Einmal frei sein von allen .
Einmal ohne das „Du“ und das „Wir“.
Einmal tun und lassen können.
Einmal ich selbst sein können.
Sich selbst leben können.

Reizvoll?
Für die Familien J. und M. vielleicht schon. (3)
Wer nachts geweckt wird, um das schreiende Baby zu beruhigen, sehnt sich danach, wieder allein sein zu können.
Wer für einen Ausflug ins Grüne umständlich alle Babysachen im Kinderwagen verstauen muss - wer dafür den richtige Zeitpunkt für den Mittagsschlaf abpassen will, denkt mit Wehmut zurück als nur die eigenen Handschuhe und Schuhe nötig waren.

Keiner von uns lebt nur für sich selbst
und keiner stirbt nur für sich selbst.


III.
Will Freeman lernt Marcus kennen, einen zwölfjährigen Jungen - so ziemlich das Gegenteil von ihm: Marcus hat keinen reichen Vater, sondern nur eine arme Mutter, noch dazu depressiv. Keine freie, unbeschwerte Kindheit. Zu früh erwachsen.
Beide, Will und Marcus, ziehen einen Nutzen aus Ihrer Verbindung:
Will gibt Marcus ab und zu als seinen Sohn aus, um als angeblich alleinerziehender Vater besser bei alleinerziehenden Müttern zu landen. Marcus darf dafür bei Will nachmittags Fernsehen gucken. Die ersten Fäden werden gesponnen.

Will lernt diesen merkwürdigen Jungen kennen und er wächst ihm ans Herz.
Marcus ist ein Außenseiter in seiner Schule. Das tut Will irgendwie leid.
Und so wird der jugendlich wirkende Erwachsene ein Lehrer für den aus der Zeit gefallenen Jugendlichen -  erteilt ein paar Lektionen in Jugendkultur und Coolness.
Marcus wiederum zeigt Will, dass das Leben aus mehr als Turnschuhen und Coolness besteht.
Die Fäden werden immer dicker, immer fester.
Am Ende ist alles anders und neu. Und viele Fäden sind da.
Der ernsthafte Junge Marcus entdeckt durch Will das unbeschwerte Kind in sich.
Der berufsjugendliche Will lernt durch Marcus, was Verantwortung bedeutet.
Und kann sich auf einmal richtig verlieben.

Keiner von uns lebt nur für sich selbst
und keiner stirbt nur für sich selbst.
Denn wenn wir leben, leben wir für den Herrn.
Und wenn wir sterben, sterben wir für den Herrn.
Ob wir also leben oder ob wir sterben –
immer gehören wir dem Herrn!


IV.
Niemand ist eine Insel.
Und wer die eigene Insellage aufgibt, verliert nicht, sondern gewinnt:
ein Leben voller Geheimnisse, die man noch nicht kennt.
Fremde Gedanken, die weiterführen.
Liebe, für die ich mich nicht verstellen muss.

Keiner lebt nur für sich selbst.
Du hängst an 1000 Fäden. Immer. (4)
Von Anfang deines Lebens an.
Und manchmal ist das gut.
Denn 1000 Fäden geben Halt und Wärme,
Sie geben Nähe und Geborgenheit.
Die Fäden, die dich halten,
sie lehren dich die Welt verstehen.
Sie zeigen dir, wie Lachen geht.
Sie nehmen dich an die Hand,
damit du auf eignen Füßen laufen lernen kannst.
Die 1000 Fäden, die dich umweben,
sie können deine Tränen trocken, wenn du weinst.
Sie können trösten und dir sagen: Es wird am Ende alles gut.
Sie zeigen dir, was Liebe ist.
Und sie nehmen dir die Einsamkeit.
Und wenn du irgendwann einmal im Sterbezimmer liegst,
Wenn der Tag gekommen ist, an dem du dann zum letzten Mal
die Sonne aufgehen siehst,
selbst dann noch ist mindestens ein dicker, großer Faden da.
Der von Gott.
Mit ihm bist du verbunden. Von Anfang an.
Der Faden, mit dem du mit Gott verbunden bist, der bleibt.
Er reißt nicht. Nie. Egal was du tust.
Und egal was andere sagen.
Denn das ist der Grund, warum Christus gestorben ist
und wieder lebendig wurde:
Er sollte der Herr sein über die Toten und die Lebenden.


V.
Keiner von uns lebt nur für sich selbst
und keiner stirbt nur für sich selbst.


Du bist mit Gott verbunden.
Von Anfang an. Und bis zum Ende.
Und du bist keine Insel, sondern mit der Welt verbunden.

Mit den Menschen.

Ein jeder lebt für den anderen.
 Lebt vom anderen.
 (5)
Vom „Guten Morgen“ beim Bäcker.
Von dem Lächeln der Kassiererin.
Von der Umarmung der Geliebten.
Du lebst von den Näherinnen in Bangladesh
und von den Kindern, die in Indien deinen Müll sortieren.
Du lebst von dem Krankenpfleger, der letzte Nacht gearbeitet hat,
und von der Politikerin, die über gerechtere Löhne nachdenkt.

Keiner von lebt nur für sich selbst.

Und du hängst an tausend Fäden.
Wie Paulus.

Der sitzt und schreibt an Menschen, die sich nicht verbunden fühlen.
Die unterscheiden zwischen „die da“ und "wir",

zwischen "ich" und "die glauben nicht richtig".
Er schreibt an Christen, die vergessen haben, dass sie verbunden sind.
So wie heute das viele vergessen und wieder unterscheiden
zwischen „die da“ und „wir“,
und die sagen, dass „die da“ nicht dazu gehören.
Die da - die hierher geflohen sind
Die da - mit der anderen Hautfarbe. Mit dem anderen Glauben.
Die da, anders lieben oder gleich lieben.
Aber diese Unterscheidung zählt bei Christus nicht.
Denn durch Gott sind wir verbunden.
Ob wir wollen oder nicht.

VI.
Und genau dafür ist einer gestorben.
Christus. Der Herr über die Toten und die Lebenden.
Er hat nicht für sich selbst gelebt. Sondern ganz nah an den anderen.
Mit seiner Liebe. Ohne ein „die da“.
Er ist darum auch nicht sich selbst gestorben.
Sondern dafür, dass es kein „die da“ und „wir“ mehr gibt.
Dafür, dass niemand für sich selbst bleiben muss,
sondern verbunden ist mit Gott - egal, was andere sagen oder tun.

Ob wir also leben oder ob wir sterben –
so sind wir des Herrn!


Verbunden mit Gott bist du frei, deine Fäden zu spannen.
Ob es der 12jährige Marcus ist, der neue Fäden zu Will Freeman spannt.
Oder V. und G. (6)
Ob du der Papst bist und nach Lund gehst, um neue Gemeinsamkeiten mit den Protestanten zu entdecken. (7)
Oder ob du ein bayrischer Dekan bist, der den Vorsitzenden vom Zentralrat der Muslime in seine Kirche einlädt. (8)
Ob du als Frau eine Frau liebst, oder als Mann einen Mann, oder als Frau einen Mann.
Du bist verbunden mit Gott.
Und darum freier als Will Freeman.

Du bist frei und verbunden. Mit Gott. Mit den anderen.
Verbunden mit Gott lebst du die Liebe zu den anderen.
Verbunden mit Gott gibt es für dich kein „die da“.
Denn auch „die da“ sind verbunden mit Gott.
Gehören zu ihm, ob sie leben oder sterben. Wie du.

Keiner von uns lebt nur für sich selbst
und keiner stirbt nur für sich selbst.
Denn wenn wir leben, so leben wir dem Herrn.
Und wenn wir sterben, so sterben wir dem Herrn.
Ob wir also leben oder ob wir sterben –
so sind wir des Herrn!


Und das macht dich wirklich frei.
Amen.

(1) danke an Peter Krogull für die Idee und die Anregungen zur Geschichte über Will Freeman aus "About a boy" (Pastoralblätter Nov.2016) - ich bin froh, dass ich den Roman vor einigen Jahren selber gelesen habe, darum hatte ich sofort ein Bild vor Augen. Der Roman wurde 2002 verfilmt mit Hugh Grant und Toni Colette.
(2) die folgenden Zeilen habe ich von Michaela Jecht 
(3) Das sind die Tauffamilien
(4) Der folgende Abschnitt ist wesentlich bestimmt von Formulierungen von Rene Enzenauer, der widerum Ideen von Michaela Jecht weiterverarbeitet hat. Vor allem die Idee mit den Fäden stammt von ihr.
(5) Im Folgenden wieder viele Ideen von Michaela Jecht, die ich weitergesponnen habe
(6) die Täuflinge
(7) http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2016-10/reformation-lund-papst-franziskus-bundespraesident-joachim-gauck
(8) http://n-land.de/news/altdorf/kluge-und-differenzierte-worte-als-einstieg-zum-dialog