Montag, 13. Juli 2026

Wenn die Zeit verfliegt


Poesie des Glaubens
Predigt mit Gedichten zu Psalm 90
(mit Hilde Domin, Mascha Kaleko, Herbert Grönemeyer u.a. - danke für diese wunderbaren Worte!)

I: Gott – schon immer da

Wo komme ich her? Wo gehe ich hin? 
Was bleibt von mir? Was bleibt von der Welt?
Fragen, die sich Menschen stellen, seit es sie gibt. 
Das Leben ist endlich und zerbrechlich. 
Schon immer. Und immer noch.
Auch heute, wo wir alle technischen und medizinischen Möglichkeiten ausreizen, 
um dagegen an zu kämpfen. 

Diese Zerbrechlichkeit, diese Endlichkeit ist schwer auszuhalten.  
Sie tut weh - mir, dir, uns.
Aber vor allem:
Was macht das mit meinem Glauben?
Was macht das mit meiner Beziehung zu Gott? 

Ps 90, 1-2 
Herr, ein Versteck bist du für uns gewesen
von Generation zu Generation.
Die Berge waren noch nicht geboren,
die ganze Welt lag in Geburtswehen.
Da bist du, Gott, schon da gewesen,
vom ersten Anfang bis in alle Zukunft.


Gott ist schon immer da. 
Schon immer da gewesen. Wird immer da sein.
"Ich bin der Ich-bin-da“ spricht Gott zu Mose 
aus dem brennenden Dornbusch.
Was auch immer von dir bleibt: Ich bleibe.
Wo auch immer du herkommst: da war ich bei dir.
Wo auch immer du hingehst: da bin ich mit dir. 
Gott steht am Anfang von allem und am Ende von allem – 
und ich mittendrin…..
Und ich merke, wie mir der Kopf schwirrt - 
wie wenn ich den Sternenhimmel betrachte 
und ich verliere mich darin und komme mir sehr klein und unbedeutend vor. 

Mascha Kaleko:
 
Wo sich berühren Raum und Zeit,
Am Kreuzpunkt der Unendlichkeit,
Ein Pünktchen im Vorüberschweben –
Das ist der Stern, auf dem wir leben.

Wo kam das her, wohin wird es wohl gehn ?
Was hier verlischt, wo mag das auferstehn ?  - 
Ein Mann, ein Fels, ein Käfer, eine Lilie
Sind Kinder einer einzigen Familie.

Das All ist eins. 
Was *gestern* heißt und *morgen*
Ist nur das Heute, unserm Blick verborgen.
Ein Korn im Stundenglase der Äonen
Ist diese Gegenwart, die wir bewohnen.

Dein Weltbild, Zwerg, wie du auch sinnst,
Bleibt ein Phantom, ein Hirngespinst.
Dein Ich - das Glas, darin sich Schatten spiegeln,
Das *Ding an sich* - ein Buch mit sieben Siegeln.

... Wo sich berühren Raum und Zeit,
Am Kreuzpunkt der Unendlichkeit -
Wie Windeswehen in gemalten Bäumen
Umrauscht uns diese Welt, die wir nur träumen. (1)

 
                                                                Klaviermusik
 
II: Menschliche Zeitlichkeit



Andreas Knapp: Zeitverschiebungen
 
die Uhren rücken vor
dem Sommer entgegen
wo ist die Stunde geblieben
 
der Jet jagt
dem Sonnenuntergang nach
und gewinnt Stunde um Stunde neue Ortszeiten
gegen Lichtgeschwindigkeit
tendiert die Zeit
nach Null
 
im Augenblick des Glücks
still stehende Stunde
im Abgrund des Schmerzes
die Sekunden auf der Streckbank
meine Uhren trügen
 
in Gott aber verdichtet sich
alle messbare Zeit
ins Unermessliche
denn Sekunden wie Jahre
bleiben un-endlich geborgen
in SEINEM ewigen Augen-Blick (2)


Was ist die Zeit? 
Arbeitszeit, Schlafenszeit, Weltzeit, Lebenszeit, Echtzeit Lichtzeit. 
Jetzt ist es in Indonesien, wo meine Tochter lebt, 5 Stunden später.
Früher brauchte ein Brief dorthin 3 Wochen. 
Jetzt schreiben wir in Echtzeit per WhatsApp.
Und es gibt Dinge, die ich sehe, die möglicherweise schon nicht mehr da sind. 
Sterne zum Beispiel. 
Der Rote Überriese Beteigeuze im Sternbild Orion ist etwa 640 Lichtjahre entfernt. 
Sollte er in diesem Moment als Supernova explodieren (und das wäre möglich!), 
könnten wir die Explosion erst in 640 Jahren sehen.

Was ist Zeit? Was ist meine Zeit -
 im Kosmos der Zeitverschiebungen?

Psalm 90, 3-6
Du bringst die Menschen zurück zum Staub.

Andere rufst du ins Leben und sprichst:
Kommt zur Welt, ihr Menschenkinder!
Denn tausend Jahre vergehen vor deinen Augen,
als wäre es gestern gewesen.
Sie gehen so schnell vorbei wie eine Nachtwache.
Du reißt die Menschen aus dem Leben, sie vergehen wie der Schlaf.
Sie sind nichts weiter als Gras, das am Morgen zu wachsen beginnt.
Am Morgen blüht es und wächst hoch,
am Abend wird es geschnitten und welkt.




Je älter ich werde, 
desto schneller scheint die Zeit zu verfliegen. 
Abschiednehmen fällt mir immer schwerer. 
Träume zerplatzen.
Eine Freundin ist todkrank. 
Sie ist so begabt, so klug, so kreativ 
und es bricht mir das Herz. 
Wir schreiben uns viel. 
Und manchmal auch ganz wenig, weil die Wort fehlen. 
Ich bete jeden Tag, dass sie wieder gesund wird. 
Dass sie nicht sterben muss.

Endlichkeit ist manchmal brutal. 
Die Zeit wird knapp. Unerträglich knapp.

Die Zeit wird knapp. 

Das scheint selbst für unsere seit Ewigkeiten existierende Erde zu gelten.
Was den Klimawandel angeht, ist es schon 5 nach 12.
Für mich ist das sehr groß - kaum zu fassen. 
Schon gar nicht zu bewältigen. 
Und es macht mir Angst.
Wer kann schon die Welt retten?
Für mich ist das groß, zu groß - für Gott aber ist das nichts. 
Gott ist viel größer als alles, was mir unermesslich erscheint.
Größer als mein Leben, 
als das Leben meiner Freundin, 
als das Leben der Welt.
Und vielleicht kann mich dieser Gedanke sogar trösten?
Oder geht das jetzt zu schnell?

Was bleibt von mir? So habe ich am Anfang gefragt. 
Der 90. Psalm ist da sehr nüchtern. 
Von mir bleibt nicht mehr als Gras.
Aber ist das so wenig? 
Es welkt, aber es führt der Erde wieder Nährstoffe zu.
Vielleicht ist das ja auch bei mir so. 
Ich hinterlasse der Erde etwas, was sie braucht.

Hilde Domin:
 
Wie wenig nütze ich bin,
ich habe den Finger und hinterlasse
nicht den kleinsten Strich
in der Luft.
 
Die Zeit verwischt mein Gesicht,
sie hat schon begonnen.
Hinter meinen Schritten im Staub
wäscht Regen die Strasse blank
wie eine Hausfrau.
 
Ich war hier.
Ich gehe vorüber
ohne Spur.
Die Ulmen am Weg
winken mir zu wie ich komme,
grün blau goldener Gruss,
und vergessen mich,
eh ich vorbei bin.

Ich gehe vorüber –
aber ich lasse vielleicht
den kleinen Ton meiner Stimme,
mein Lachen und meine Tränen
und auch den Gruss der Bäume am Abend
auf einem Stückchen Papier.
 
Und im Vorbeigehn,
ganz absichtslos,
zünde ich die ein oder andere
Laterne an
in den Herzen am Wegrand. (3)


                                                                Klaviermusik

III: Endlichkeit als Strafe?

Warum können wir eigentlich nicht ewig leben?
Warum haben wir nicht alle Zeit der Welt?

Psalm 90, 7-11
Ja, durch deinen Zorn schwand unsere Lebenskraft,
deine Wut ließ uns zu Tode erschrecken.
Du hast dir unsere Vergehen vorgenommen.
Und was wir vor dir verbergen wollten,
hast du ins Licht deines Angesichts gestellt.
Ja, unsere Lebenszeit verging durch deinen Zorn,
wir verbrachten unsere Jahre wie einen Seufzer.
Unser Leben dauert etwa 70 Jahre,
und wenn wir bei Kräften sind, auch 80 Jahre.
Das meiste daran ist nur Arbeit und vergebliche Mühe.
Schnell ist es vorüber, im Flug sind wir dahin.
Wer weiß schon, wie mächtig dein Zorn ist?
Und wer kann ermessen, wie wütend du bist?


Ist es wirklich eine Strafe, dass wir nicht ewig leben können?
Dieser Gedanke ist uralt. 
So erzählt die Bibel davon, dass der Tod Folge des Sündenfalls ist: 
weil Adam und Eva vom Baum der Erkenntnis gegessen haben, vertreibt Gott sie aus dem Paradies. 
Das, was das Leben schwer macht, Geburt, Arbeit, Krankheit, Tod, wird so verstanden, 
dass der Mensch selber das verursacht hat. 
Man stellt fest, dass man nicht im Paradies lebt, und dafür braucht es eine Erklärung. 

Krankheit und Tod, eine Strafe Gottes - ich glaube das nicht. 
Und ich habe Hiob an meiner Seite: 
er wehrt sich ebenfalls gegen diesen Gedanken und bekommt von Gott recht. 
Zu oft wurde damit auch Schindluder betrieben: 
"Wenn du nur besser geglaubt hättest, wärest du nicht krank geworden."
Und die moderne Variante ist die: 
"hättest du dich besser ernährt oder mehr Sport gemacht oder oder oder..."
Niemand hat es verdient, krank zu werden oder gar frühzeitig zu sterben.

Nein, Krankheit und Tod sind keine Strafen! 
Sie sind Teil unseres Lebens und der Tod ist eine Tatsache, die wir nicht ändern können. 
Das Leben lässt sich nicht verlängern, selbst wenn wir noch so gesund leben. 
Das ist manchmal unerträglich, aber umso wichtiger ist, was ich daraus mache.  
Ja, diese Endlichkeit ist manchmal brutal. 
Und doch: ewig will ich auch nicht leben. 
Ich will nicht, dass sich alles wiederholt.
Ich bin froh, weil damit jede Minute kostbar ist und jedes Leben wertvoll. 
Ich bin einzigartig. Nicht austauschbar.

Das Leben ist endlich. 
Und das ist brutal und zugleich gut. 
Typisch für die Psalmen, die die Gegensätze aushalten: 
Wut und Hoffnung, Liebe und Hass, Tod und Leben.

Was bleibt? Habe ich am Anfang gefragt.
Was bleibt von meinem Leben, wenn es zu Ende geht?

Rochus Spiecker:

Alles bleibt,
Nicht nur, was von der Kamera
oder vom Bandgerät aufbewahrt wurde.
Alles bleibt.
Für Gott ist unser Gestern so wirklich wie unser Morgen.
Für Gott gibt es keine abgelegten Terminkalender,
keine Müllabfuhr des Vergangenen.
Für Gott bleibt alles aktuell.
Jedes Leben ist ihm ein Ganzes.
Und der Mensch, der dieses Leben lebte,
muss es als Ganzes verantworten.
Was wird dann zählen?
Werden sich die roten Eintragungen im Terminkalender als die wichtigsten erweisen?
Wird das Problem der Steuerschuld das sorgenvollste sein?
Oder werden dann ganz andere Dinge unser Glück und unseren Kummer ausmachen?
Dinge, denen wir eigentlich
zu wenig Aufmerksamkeit schenken,
weil sie nicht im Terminkalender stehen? (4)

 
                                                Klavier + Chor gesummt zu NL 134 (Erinnere uns an den Anfang) 

IV: Lebensprotest

Ps 90, 12-17
Lass uns begreifen, welche Zeit wir zum Leben haben –
damit wir klug werden und es vernünftig gestalten.
Herr, wende dich uns wieder zu! Wie lange willst du noch zornig sein? Hab Mitleid mit deinen Knechten
Schenk uns doch schon am Morgen die ganze Fülle deiner Güte!
So wollen wir jubeln und uns freuen alle Tage unseres Lebens! 
Mach uns so viele Tage wieder froh,
wie du uns zuvor niedergedrückt hast.
Schenk uns so viele gute Jahre,
wie wir zuvor Unglück erfahren haben.
Zeig an deinen Knechten deine Macht
und an ihren Kindern deine Herrlichkeit!
So soll sich an uns erweisen, wie freundlich der Herr ist, unser Gott!
Lass das Werk unserer Hände gelingen!
Ja, das Werk unserer Hände, lass es gelingen!

Ich will klug sein. 
Ich will die Zeit, die mir zur Verfügung steht, nutzen. 
Nicht nur für mich, sondern vor allem für die Erde, die mir anvertraut ist. 
Für die Menschen, die mir am Herzen liegen. Für ein Leben, das gut zu allen ist. 

Ich will klug sein 
und nicht die Augen verschließen vor dem ganzen Mist, den wir machen. 
Auch nicht vor einer Zukunft, die wir für unsere Nachkommen kaputt machen. 
Ich will hinschauen und meine Zeit dafür einsetzen, dass auch die Zukunft lebenswert ist. 

Ich will klug sein 
und mir eingestehen, dass ich die Verantwortung nicht alleine tragen kann. 
Ja, ich will klug sein und die Endlichkeit annehmen. 
Aber zugleich will ich trauern dürfen und bei jedem Abschied weinen. 

Darum wende ich mich an dich, Gott, dass du mir hilfst. 
Dass du uns hilfst - und klug machst, 
dass du uns Zeit schenkst und unterstützt. 

Ich wende mich an dich, Gott, und protestiere für das Leben. 
Nicht dass es ewig dauern möge, aber dass wir es nicht zerstören. 
Damit alle sich ihres Lebens erfreuen können: 
Kinder und Alte, Flüchtlinge und Einheimische, 
Tiere und Pflanzen, 
Mutige und Ängstliche, Kranke und Gesunde. 

Und darum suche ich dich, Gott. 
Weil ich klug sein will. 
Weil meine Zeit endlich ist. 
Weil ich manchmal nicht weiter weiß. 
Aber ich weiß, du bist da. Immer. 
Du lässt mich nicht los. Und ich lasse dich nicht los. 
Und das bleibt.

Herbert Grönemeyer  „Land unter“

Der Wind steht schief
Die Luft aus Eis
Die Möwen kreischen stur
Elemente duellieren sich
Du hältst mich auf Kurs
Hab keine Angst vor'm Untergehn
Gischt schlägt ins Gesicht
Kämpf mich durch zum Horizont
Denn dort treff ich dich
 
Der Himmel heult
Die See geht hoch
Wellen wehren dich
Stürzen mich von Tal zu Tal
Die Gewalten gegen mich
Bist so ozeanweit entfernt
Regen peitscht von vorn
Und ist's auch sinnlos
soll's nicht sein
Ich geb dich nie verlorn
 
Geleite mich heim
Rauhe Endlosigkeit
Bist zu lange fort
Mach die Feuer an
Damit ich dich finden kann
Steig zu mir an Bord
Übernimm die Wacht
Bring mich durch die Nacht       
Rette mich durch den Sturm
Fass mich ganz fest an
Dass ich mich halten kann
Bring mich zum Ende
Lass mich nicht mehr los (5)


Amen.

Lied "Erinnere uns an den Anfang"

Am Anfang, als Leben begann, sprachst du zu uns:
Ihr seid willkommen, hast du an die Hand uns
genommen. Erinnere uns an den Anfang, 
an Ursprung und Werden, Vergehen, damit wir das
Leben verstehen, damit wir klug, damit wir klug,
damit wir klug werden.

Erinnere uns an das Staunen. Mit staunendem,
offenen Blick hast du uns als Kinder gesegnet, sind wir
allem Neuen begegnet. Erinnere uns an das Staunen,
an Ursprung und Werden, Vergehen, damit wir das
Leben verstehen, damit wir klug, damit wir klug,
damit wir klug werden.

Erinnere uns an Erfahrung. Erfahrung, die uns heute
prägt, hat uns auch durch Trauer geleitet, hat unseren
Glauben geweitet. Erinnere uns an Erfahrung,
an Ursprung und Werden, Vergehen, damit wir das
Leben verstehen, damit wir klug, damit wir klug,
damit wir klug werden.

Erinnere uns an das Ende, ans Ende, wenn du zu uns
sprichst: Willkommen seid ihr. Euer Bangen ist gänzlich
in Liebe umfangen. Erinnere uns an das Ende,
 an Ursprung und Werden, Vergehen, damit wir das
Leben verstehen, damit wir klug, damit wir klug,
damit wir klug werden.

 

(1) https://www.deutschelyrik.de/wo-sich-beruehren-raum-und-zeit.html 

(2)  https://www.kilianeum.de/aktuelles/nachrichten/na-detail/ansicht/zeitverschiebungen/

(3) https://www.deutschelyrik.de/wie-wenig-nuetze-ich-bin.html

(4) http://www.treklang.de/Meditationen6.htm

(5) https://www.letzte-version.de/songbuch/stand-der-dinge/land-unter/ 

 

 

 

 

Samstag, 18. April 2026

federleicht

wie ein adler
Predigt zu Jesaja 40, 26-31 anlässlich des Totengedenkens in der Stadtkirche Pforzheim   
 
(mit Dank an Franz K. Schön und Rainer Stuhlmann für Inspirationen)      


manchmal möchte ich wie ein vogel fliegen
wenn die trauer nicht verfliegt und die brust eng macht
wenn plötzlich beim kochen die tränen kommen oder unter der dusche
wenn jedes erste mal ohne den geliebten, ohne die geliebte furchtbar weh tut 
das erste mal ostern ohne sie
das erste mal weihnachten ohne ihn
das erste mal ins theater ohne…

manchmal möchte ich wie ein vogel fliegen
wenn der tod mich erleichtert, aber andere verstehen das nicht
wenn ich wieder einen brief von einer behörde bekomme 
sie haben immer noch nicht kapiert, dass sie nicht mehr da ist
wenn andere nicht verstehen, warum ich nicht komme 
es ist doch schon so lange her, sagen sie 

manchmal möchte ich wie ein vogel fliegen
wenn um mich herum alles zu laut wird 
alles auf mich einstürzt
wenn alle an mir zerren und jeder etwas will
tu dies, mach das, lass das sein, sprich zu diesem und schweige zu jenem
und lach doch endlich mal wieder

manchmal möchte ich wie ein vogel fliegen
des machens überdrüssig und des zuhörens müde
wenn das „auch mal was für mich tun“ nicht mehr herausführt aus der mühle 

manchmal möchte ich wie ein vogel fliegen
aber nicht wie ein rotkehlchen, das unentwegt mit den flügeln schlagen muss
nicht schon wieder alles selbst machen 
sondern gleiten wie ein albatros oder ein mauersegler oder auch wie ein adler
mit flügeln, die allein deshalb tragen, weil sie getragen werden

mich von allem lösen, was mich belastet
alles hinter mir lassen, was mich einschränkt
was mich am boden fesselt und was mir grenzen auferlegt
frei sein in der luft, über den wolken
selbst entscheiden, wie nahe ich der welt kommen will
es selbst in der hand haben
frei von menschen oder sachzwängen oder konventionen 

manchmal möchte ich wie ein vogel fliegen
und wenn ich unter die wolken komme, sehe ich alles mit anderen augen
aus anderer perspektive, mit mehr überblick
und ich sehe plötzlich keine probleme mehr und keine herausforderungen
sondern zusammenhänge und lösungen

ich sehe, dass die, die ich vermisse, immer noch da sind, nur woanders 
alles ist leichter
alles ist ganz

und dann holt sie mich wieder ein
die welt da unten, die meine welt ist 
mit meinen problemen, meiner schwere, meiner trauer
die welt, die so unvollkommen ist
die mich so ängstigt und so zornig macht
die ich so liebe, dass ich nicht ablassen kann 
zu versuchen und zu tun und zu kämpfen

manche frage hält mich fest 
trauer drückt mich auf den boden 
macht mich müde 
und ich vermisse, die ich verloren habe
ich hänge an worten, die nicht mehr gesprochen werden
das verpasste und versäumte lässt mich nicht los
wie auch der zweifel an einer welt
die einfach nicht besser werden kann oder will 

und da geht es mir wie den vögeln, die sich mausern
sie hocken auf dem boden und wissen nicht, wie ihnen geschieht
alles ist durcheinander 
sie müssen federn lassen, damit neue federn wachsen können 
verletzlich sind sie
leichte beute für ihre feinde
schutzlos ausgeliefert
und fliegen können sie erst recht nicht
 

jesaja sagt:
g*tt gibt dem müden neue kraft
und macht die schwache wieder stark
junge männer werden müde und matt,
starke krieger straucheln und fallen
aber alle, die auf g*tt hoffen, bekommen neue kraft
sie fliegen dahin wie adler
sie rennen und werden nicht matt
sie laufen und werden nicht müde

ich lasse dir neue federn wachsen, sagt g*tt zu mir
du wirst sehen und spüren, wie du neue kraft bekommst und neuen schwung 
stärker denn je
freier und flugfähiger
und auf jeden fall anders als vorher 

lass dich mitnehmen, sagt g*tt zu mir
lass dich mitnehmen nach oben
wie ein adler so hoch fliegen, dass du den überblick hast 
und dass du ausruhen kannst von dem, was dich beschwert 

g*tt hat dies zum volk israel gesagt 
zu menschen, die in schwierigen zeiten lebten
in der krise, als viele nicht mehr wussten
woran sie sich halten sollen 
was noch gilt und was trägt

kommt mit nach oben, hat er ihnen gesagt
da findet ihr sicherheit
spürt, wie ich euch trage
seht die sterne an und die berge 
und ihr findet, was ihr sucht
ihr seid teil von etwas großem, unfassbaren 
etwas, das viel größer ist als ihr
das macht eure sorgen nicht kleiner
aber ihr seid nicht alleine damit

es braucht g*ttvertrauen
sich von g*tt in die höhe mitnehmen zu lassen 
sich die welt anzusehen
und darin g*ttes kraft und gute ordnung zu erkennen 
so viel haben wir daran herumgemacht und beschädigt und zerstört 
aber g*tt traut es uns zu

ein adler vertraut beim fliegen 
nicht ausschließlich auf die kraft seiner flügel
und die fähigkeit seiner federn 
sondern auf die thermik 
und die luft zwischen sich und der erde
die trägt ihn

vielleicht ist das vertrauen in g*tt diese luft zwischen himmel und erde 
die mich aufsteigen lässt wie ein adler
der glaube an g*tt 
die diese so wunderbare und zugleich anstrengende welt geschaffen hat
eine welt, die mich manchmal verzweifeln und oft staunen lässt

leben aus g*ttes kraft ist ein leben im rhythmus mit dem tod 
schwachsein und starksein
einatmen und ausatmen
nahrung aufnehmen und verbrennen 
sich bewegen und ruhen
aufstehen und niederlegen 
es kommt die zeit der kraft 
des fliegens 
des schwebens
das verspricht g*tt mitten in der zeit der klage
der verzweiflung
der trauer 
das verspricht g*tt dem volk israel
das verspricht g*tt mir und dir

manchmal möchte ich wie ein vogel fliegen 
wie ein adler die welt von oben sehen 
und g*tt sagt: ja 
gemeinsam werden wir fliegen 
du und ich 
und alle, die du vermisst, die fliegen schon längst mit mir 
sie schauen auf dich und staunen mit dir 
über diese wunderbare welt der toten und der lebenden

und ich sage: ja, g*tt
momentan kann ich das vielleicht noch nicht 
momentan hocke ich auf dem boden 
warte, dass mir die federn wachsen 
und ich weiß, dass ich deine lebenskraft brauche
und deine ermutigung
damit ich mich aufrichten kann 
und meine flügel ausbreite 
ich brauche sie und ich will sie 
ich will schweben und leicht sein 
neu auf die welt und neu auf mein leben schauen 
und, ja, ich vertraue darauf, dass du mir das schenken wirst
 
ja, es kommt die zeit, 
da werden wir alles verstehen und alles wird federleicht sein 

Montag, 6. April 2026

Ostermontagsblues - und mittendrin Jesus


Vom Be-greifen und Hand und Fuß und Fisch und Umarmungen

Predigt zu Lukas 24, 36-45
 
1.     Ostermontagsblues mit Gefühlschaos

Gibt es den Ostermontagblues?
Drei oder gar vier intensive Tage liegen hinter uns - 
mit allen Gefühlslagen, die Leben und Tod so hergeben. 
Die einen mit viel Musik und großen Gottesdiensten, 
die anderen mit Osterfeuer und Stille, 
die dritten mit viel Familie, Ostereiersuche und vollem Haus, 
die vierten vielleicht einsam oder mit viel Langeweile - 
froh, dass die heiligen Tage endlich vorbei sind.
 
Wie mag es den Freunden und Freundinnen von Jesus gegangen sein? 
Emotionaler Abschied mit gemeinsamen Essen, 
verzweifelt und ohnmächtig, 
weil sie nichts tun konnten, nachdem Jesus von den Soldaten abgeführt wurde, 
voller Entsetzen, als sie ihn am Kreuz sehen, 
unfassbar traurig, sie konnten nur noch vor sich hinstarren. 
Dann die unglaublichen Nachrichten von den Freundinnen, die strahlend vom Grab zurückkamen 
- Jesus lebt, rufen sie! - 
und eben die beiden, die aus Emmaus zurückgekommen sind. 
Noch ganz außer Atem stammeln sie, dass sie mit Jesus das Brot geteilt hätten. 
Das ist alles zu viel auf einmal. 
Erstmal einen klaren Kopf kriegen. 
Sacken lassen. Zur Ruhe kommen.
 
Während sie noch redeten, stand der Herr plötzlich mitten unter ihnen. 
 
Jesus kommt einfach so dazu. Mitten hinein in den Blues. 
Während sie noch reden. 
Während sie noch nachdenken. 
Während sie gerade den Tisch decken. 
Während sie das Fenster öffnen um etwas Luft reinzulassen. 
Mitten in allem, was sie gerade so tun.
 
Jesus mittendrin: 
während ich nachdenke, ob ich noch genügend Kuchen übrig habe für heute Nachmittag. 
Während ich überlege, ob wir das Auto nochmal laden müssen, 
wenn mein Mann zur Schwiegermutter fährt. 
Während meine Gedanken zur Tochter gehen, die sich auf der anderen Seite der Erde darum sorgt,
welche Folgen der Irankrieg für Asien hat. Und die können heftig sein.
Jesus mittendrin, während mir die Nachrichten der Tagesschau von gestern durch den Kopf gehen, 
ich mir eine Träne um Timmy den Wal verdrücke 
und Trump am liebsten zum Mars schicken möchte. 
Jesus kommt einfach dazu. 
Mitten hinein in mein zerrissenes, fragendes Leben. 
In meinen Blues. 
In meine zersplitterte Welt, die ich nicht sortiert kriege. 

2.     Wenn der Glaube fragwürdig ist
 
Er sagte: »Friede sei mit euch!«

Friede sei mit euch. 
Der Gruß des Auferstandenen. 
Der Gruß der Engel bei der Geburt Jesu. 
Ein Gruß, der schon immer nötiger war denn je, 
weil die Welt schon immer alles andere als friedlich ist. 

Wenn Jesus in mein Leben tritt, so mitten hinein: 
was sagt er mir? Was ist seine Botschaft an mich? 
Vielleicht: Mach dir keine Sorgen, ob du gut genug vorbereitet bist. Es wird schon reichen. 
Oder: 
Habe keine Angst um deine Tochter, ich passe auf sie auf. 
Oder: 
Ja, in dein zerrissenes Leben komme ich 
und ich werde die vielen Splitter und Scherben deiner Welt wieder zusammenfügen. 
Friede sei mit dir. 

Ob ich das hören kann? Ob ich das hören will?
 
Da erschraken alle und fürchteten sich. 
Denn sie meinten, einen Geist zu sehen. 

Jesus sagte zu ihnen: »Warum seid ihr so erschrocken? 
Und warum zweifelt ihr in euren Herzen?
 

Das Herz rast, der Brustkorb verengt sich. 
Sie denken, sie haben den Totengeist von Jesus vor sich. 
Wer hätte da keine Angst? 

Ich habe Angst vor allem, was lebensfeindlich ist: 
vor Hass und Gewalt, vor der Kälte, die sich in unserer Politik ausbreitet 
und vor dem, was wir der Schöpfung antun. 
Ob ich vor dem Geist eines geliebten toten Menschen Angst hätte? 
Ich glaube nicht. 
Aber ich verstehe, dass die Jünger ihren Augen nicht trauen.
 
Denn ja, es ist nicht selbstverständlich an den auferstandenen Jesus zu glauben. 
Mich tröstet es, dass es selbst seinen Freunden und Freundinnen so geht. 
Dass sie Zweifel hatten und unsicher sind. 
Wenn selbst sie, die ja die ganze Zeit mit ihm zu tun hatten, zweifeln - 
dann ist es doch auch normal, dass ich es tu. 
 
Wer mit Gott in Berührung kommt, erschrickt erstmal. 
Die Bibel ist voll von solchen Geschichten. 
Mose muss sich am Dornbusch die Schuhe ausziehen 
und auf dem Horeb sein Gesicht verhüllen, weil die Begegnung mit Gott kaum auszuhalten ist. 
Die Hirten auf dem Feld erschrecken vor dem Licht der Engel.  
Die Jünger auf dem See erschrecken als sie mitkriegen, dass Jesus den Sturm stillen kann. 
 
Aber ich möchte nicht Angst haben vor Gott, vor Jesus schon gar nicht. 
Ich will auch nicht zweifeln, ob er wirklich auferstanden ist. 
Denn ich sehne mich nach diesem festen unerschütterlichen Glauben, 
der immer mit Gott rechnet. 
Gerade jetzt.
 
Doch die Welt macht es mir schwer. 
Oder ist es Gott selbst, der es mir schwer macht? 
Es spricht doch viel mehr gegen ihn als für ihn. 
 
Aber Jesus widerspricht:
Ich bin es wirklich: Seht meine Hände und Füße an. 
Fasst mich an und überzeugt euch selbst – 
ein Geist hat weder Fleisch noch Knochen, 
wie ihr sie bei mir sehen könnt.«
Während er das sagte, 
zeigte er ihnen seine Hände und Füße.

 
3.     Mit Hand und Fuß und Fisch

Manchmal begreife ich erst, wenn ich etwas anfassen kann. 
Fasst mich an, sagt Jesus. 
Be-greift mich. 
Mit Hand und Fuß. 
Mit den Wundmalen, mit den Spuren meines Lebens und Sterbens. 
Mit allem, was zu mir gehört. 
Berührt die Haut. 
Berührt die kleinen Härchen auf dem Handrücken. 
Spürt die Wärme. 
Ich bin kein Geist. Ich bin echt und ich lebe.

Wenn ich meine Freundin nach langer Zeit wieder treffe, nehme ich sie erstmal in den Arm. 
Ganz lange halten wir uns fest, 
als ob wir uns vergewissern müssen, dass wir wirklich beieinander sind. 
Denn selbstverständlich ist es nicht. 
Sie war sehr krank und ich bin in eine andere Stadt gezogen. 
Oft hören wir monatelang nichts voneinander. 
Und dann treffen wir uns wieder, halten uns fest im Arm 
und es ist wieder wie früher. 

Auch Gott verliere ich manchmal aus den Augen. 
Und er mich vielleicht auch? 
Aber da ist Jesus. 
Gottes Kind. 
Ein Mensch wie ich mit Haut und Haaren, Hand und Fuß, 
mit Narben und Wundmalen, Tränen in den Augen, Liebe im Herzen. 
Er lässt sich berühren und berührt. 
Und ich lese die Geschichten über ihn und mit ihm 
und mir wird es wieder warm im Herzen 
und ich weiß: das ist alles echt. 
Wahrer Mensch. Wahrer Gott. 
 

Vor lauter Freude konnten sie es immer noch nicht fassen 
und waren außer sich vor Staunen. 
Da fragte er: »Habt ihr etwas zu essen hier?«
Sie gaben ihm ein Stück gebratenen Fisch. 
Er nahm es und aß es vor ihren Augen.


Anfassen reicht nicht. 
Das Entscheidende passiert, wenn man was zusammen macht. 
Und vor allem, wenn man zusammen isst. 
Jesus und Essen - das gehört einfach zusammen. 
Geister essen nicht. Engel auch nicht. 
Aber Menschen wie du und ich essen - und am liebsten gemeinsam. 

Das letzte Abendmahl mit dem Pessachlamm und dem Brot, das sie essen. 
Die Brote und die Fische, die sie mit 5000 Menschen teilen. 
Das alles verändernde Essen mit Zachäus, 
das lehrreiche Mahl mit Maria und Marta, 
das gebrochene Brot im Gasthaus in Emmaus. 

Mit Jesus am Tisch weicht die Angst und es geht um die einfachen Dinge des Lebens: 
der Fisch wird gebraten, es riecht nach Thymian und Honig, 
das Brot wird geteilt, der Kelch gefüllt, das Leben geliebt. 
Ich lebe und ihr sollt auch leben.
 
Wenn meine Freundin und ich zusammenkommen, wird aufgetischt. 
Ein gutes Brot, Butter, Käse, manchmal auch eine Suppe - bloß nichts Kompliziertes. 
Aber lecker - und mit einer Geruchsmischung aus Petersilie, Olivenöl und Knoblauch. 
Dazu eine Flasche vom guten Wein. 
Und dann reden wir und erzählen uns und teilen, was uns bewegt und belastet. 
Ich erzähle ihr von der Tochter am anderen Ende der Welt, 
sie mir von ihrem Nachbarschaftsprojekt. 
Wir reden über unsere Familien und was uns gesundheitlich Sorgen macht. 
Alles das kommt auf den Tisch und wird geteilt. 

Wenn wir hier nach dem Gottesdienst 
oder zum theologischen Apero am Mittwoch zusammenkommen, 
teilen wir auch, was wir an Gedanken und Hoffnungen mitgebracht haben. 
Vielleicht. 
Aber eins gilt für meine Freundin und mich und für uns als Gemeinschaft hier: 
Jesus ist mit dabei, wenn wir essen und trinken und reden 
und lachen und weinen und einfach leben.
 
4.     Öffnen und verstehen und bleiben

Doch dann kommt der Abschied. 
Auch bei Jesus und seinen Freunden und Freundinnen. 
 
Der Herr sagte zu ihnen: 
»Als ich noch bei euch war, habe ich zu euch gesagt: 
Es muss alles in Erfüllung gehen, was über mich geschrieben steht – 
im Gesetz des Mose, bei den Propheten und in den Psalmen.«
Dann half er ihnen, die Heilige Schrift richtig zu verstehen.


Wie wir am Ostermontag blicken die Freunde und Freundinnen zurück 
und sie versuchen zu verstehen, was da geschehen ist. 
So vieles, was geöffnet wurde: 
das Grab und die Augen, die Schrift und nun der Verstand. 
Und nur wenn der Tod und die Auferstehung von Jesus mit dem zusammen gesehen wird, 
was mit Jesus vorher erlebt wurde, 
ergibt das Ganze einen Sinn. 

Hier ist Gott zu sehen, zu spüren, zu erleben: 
Der Gott der Lebenden, der nicht bei den Toten zu finden ist. 
Der Gott, der die Niedrigen erhöht, die Gedemütigten nicht allein lässt, 
die Kranken heilt und die Hungrigen sättigt. 
Der Gott, der gegen die Macht des Todes rebelliert 
und sich in dieser Welt immer auf die Seite des Lebens stellt 
- und damit auf die Seite aller, die für eine lebenswerte Welt einstehen – 
die einstehen für die Gedemütigten und Erniedrigten, 
die Trauernden und Kranken, Hungrigen und Durstigen. 
In allem, was die Jünger mit Jesus erlebt haben, haben sie diesen Gott kennengelernt. 
Und auch wenn Jesus nun wirklich gehen muss: 
dieser Gott bleibt.

Gibt es den Ostermontagblues? 
Wenn alles vorbei ist und der Alltag Einzug hält? 
Wenn der Osterschmuck weggeräumt wird, obwohl er noch eine Weile hängen könnte?

Heute ist ein Tag nochmal über das alles nachzudenken, 
was war und was ist und was sein wird - 
und wie das alles zusammen hängt mit diesem Gott der Lebenden. 

Mach dich gefasst: 
Auch bei dir tritt Jesus ein, selbst wenn du vielleicht gar nicht mit ihm rechnest.
(oder sogar weil du gar nicht mit ihm rechnest)
Und dann setzt er sich an deinen Tisch und teilt mit dir dein Leben, 
deine Trauer, deine Hoffnung, 
deine Sehnsucht nach einer besseren Welt.

Der Blues ist echt, aber Jesus auch. 
Und er kommt mittenhinein. 
Er kommt zu dir und sagt „Friede sei mit dir“ und du spürst, dass es stimmt.
Und du nimmst diesen Frieden mit in die nächsten 40 Tage, 
so wie die Jünger das getan haben, 
und zusammen denken wir darüber nach, 
was das mit dieser Auferstehung ist und wie es danach weitergeht.
 
Ostermontagblues? Vielleicht. 
Aber mit dem, der einfach dazukommt.   
Und dadurch wird alles anders. 
Amen.

Sonntag, 15. März 2026

Ein rosa Post-it

Eine Predigt zum mütterlichen Trost Gottes
zu Jesaja 66, 10-14


(mit besonderem Dank an Stefanie Höhner, 
deren Predigt mich zu meiner inspiriert hat)


1.

Ein rosa Post-it an der Haustür.
Jedes Mal, wenn ich die Tür aufmache, um rauszugehen, lese ich "Du schaffst es!" 
Ich weiß gar nicht, wie lange es da schon hängt. 10 Jahre? 
Oder noch länger? 
Aber ich weiß, wer es da hingehängt hat: 
Mein Sohn, als er 16/17 war. 
Da hat er überall in der Wohnung solche kleinen Post-its verteilt. Mit Mutmachworten.
Übrig geblieben ist nur noch einer. Dieser an der Haustür.
In rosa! Etwas verblichen, aber ganz klar rosa, pink!

Rosa, die Farbe Gottes. Farbe des kleinen Ostern.
Du schaffst es, ruft mir dieses Rosa zu. Und es tröstet mich, gerade jetzt.
Jetzt, da die Welt zu zerbröseln droht -  zwischen Bomben und Drohnen, 
zwischen Machthabern, die Menschen als Spielfiguren behandeln.
Jetzt, da die Landtagswahl hinter uns liegt und Ratlosigkeit und Wut die Gemüter beherrscht. 
Du schaffst es, sagt dieses Rosa.
Auch wenn draußen vor der Tür die Welt nicht so ist, wie sie sein sollte.

Dabei ist es hier doch noch harmlos, denke ich. Noch.
Wie ist es für die, deren Häuser in die Luft gesprengt werden? 
Die sich in Bunkern verstecken müssen. 
Wie ist es für die Menschen in Saporischja und Kiew, in Teheran und Tel Aviv? 
Wie ist es für die, die Angst haben oder traurig sind, was mit ihrer Stadt geschieht?

2.

Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid.

Das Exil ist vorbei. 
Nach und nach kommen sie zurück, die Bewohner von Jerusalem. 
Über 2000 Jahre ist das her. 
Sie kommen zurück: Manche von weit her, manche nur hundert Kilometer entfernt von Jerusalem. 
Voller Sehnsucht, aber auch mit trauerndem Herzen. 

Fast alles ist anders als früher. 
Dort, wo der große, prächtige Tempel stand, ist jetzt nur noch ein kleiner Steinbau. 
Hier sollen sie jetzt beten und ihre Feste feiern. 
Die Stadtmauer ist ein Wall aus Trümmern, ihre alten Häuser stehen nicht mehr. 
Die neuen sehen anders aus und in den neuen Häusern leben fremde Menschen.

Viele Jahre haben sie geweint über ihr Jerusalem. 
Nicht Heimweh-Kitsch, sondern echte Trauer. 
Die Trauer von Menschen, die alles verloren haben – Haus, Tempel, Heimat, Würde. 
Und nun stehen sie vor den Trümmern. 
Es ist nicht das Jerusalem ihrer Erinnerung. 
Es ist nicht das Jerusalem ihrer Träume. 
Es ist ein zerstörtes Jerusalem. 
Nicht anders als all die Städte dieser Welt, die ihre Menschen unter sich begraben haben.

Noch müssen die Häuser erst gebaut werden, in denen sie schlafen werden. 
Noch müssen die Felder beackert werden, 
die Körner ausgesät und das Getreide wachsen, bevor sie sich satt essen. 
Noch müssen die Brunnen gebaut werden, aus denen Wasser sprudeln wird. 
Noch stehen sie in den Trümmern ihres alten Lebens. Noch. 
Ein erschöpftes Noch. Ein Noch, das kaum noch kann. 

Aber genau dort – in dieses erschöpfte Noch – spricht Gott:

Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid. Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust.

Worte, die nicht nicht in eine heile Welt hineingesprochen wurden.
Sondern Trost für Menschen, die mit dem Wiederaufbau noch nicht einmal angefangen haben. 
Die in den Trümmern stehen und nicht wissen, wo anfangen. 
Und zu ihnen sagt Gott:
Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.

3.

Als ich mit meinem ersten Fahrrad stürzte, nahm mich meine Mutter in die Arme. 
Weich waren sie. Ich spürte ihren Herzschlag an meiner Wange. 
Ihre Jacke war nass von meinen Tränen. Und irgendwann wurden sie weniger. 
Dann wurde mein Knie erstmal mit einem Pflaster zu geklebt und es gab ein Stück vom kalten Hund. 

Das ist Trost. 
Keine Erklärung, warum ich gefallen bin. 
Kein Ratschlag, wie ich es nächstes Mal besser mache. 
Einfach: Arme. Herzschlag. Pflaster. "Kalter Hund". 
Und so tröstet Gott.

Einmal passierte es auf dem Rückweg von der Schule, dass ich in die Hose pinkelte. 
Ich schämte mich furchtbar, aber meine Mutter nahm mich in den Arm, 
ist nicht schlimm, sagte sie. So was kann passieren. 
Komm geh ins Bad, ich bring dir eine frische Hose. 
Ich wusste, alles wird wieder gut. 
Ich glaube, dass Gott das auch so sagt. Über die vielen Momente, wo ich mich schäme. 
Ist nicht schlimm. So was kann passieren. Komm. Es wird wieder gut.

Als ich älter wurde, wusste ich, dass nicht immer alles wieder gut wird. 
Und trotzdem hat meine Mutter mich getröstet. 
Sie hat ihre Hand auf meinen Arm gelegt. 
Manchmal war es eine Postkarte oder eine Schokolade.  
Du schaffst das, sagte sie mir, wenn ich Angst vor dem Abi hatte. 

Als sie starb, war ich traurig, und wusste, sie kann mich nicht mehr in den Arm nehmen. 
Und ich sie auch nicht.
Aber da waren andere, die das taten. 
Und ich wusste auch, dass es ihr nun gut geht und dass sie immer da ist. 
Wir Geschwister haben uns an Szenen mit ihr erinnert - und auch das hat uns getröstet. 
Und auch jetzt weiß ich, dass sie da ist - und hin und wieder höre ich ihre Worte: Du schaffst es. 
Und ich lese das rosafarbene Post-it an meiner Haustür 
und denke an sie und an meinen Sohn und es wird mir leichter ums Herz.

Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid.


4.

Mein Trost ist heute die Hand meines Mannes, 
der duftende Kaffee, den ich mit einer Freundin trinke und sie hört mir zu. 
Mein Trost ist das Telefonat mit meinem Bruder 
oder das Bild, das mir meine Enkelin gemalt hat. 
Mein Trost ist der Song „Up and up“ von Coldplay in Dauerschleife 
oder der Waldspaziergang und ich singe dabei „Wer nur den lieben Gott lässt walten“. 
Mein Trost ist dieser mütterliche Gott, der mich in die Arme nimmt. 
Mein Trost sind Bilder von den mutigen Frauen im Iran. 
Mein Trost ist, dass es Menschen gibt, die trotzdem aufstehen. 
Die trotzdem hingehen. Die trotzdem widersprechen. 
Mit ihnen tröstet mich Gott. 
Und mit diesem kleinen rosa Zettel an meiner Haustür: Du schaffst es.

Trost macht den Schmerz nicht weg. 
Aber er hält mich darin. 
Hält mich in meiner Sehnsucht, die nicht zur Ruhe kommt. 
Er ist kein lautes „Du schaffst es". 
Er ist leise. Vorsichtig. Fast schüchtern. Ein rosa Post-it eben. 

Er blitzt durch den Winter – nicht als Versprechen, dass jetzt schon alles gut ist. 
Sondern als Zeichen, dass Gott schon da ist, bevor es gut wird. 
Ostern ist noch weit. Aber es blitzt schon mal auf.

Gott schaut auf dieses rosa Post-it. 
Auf diese zerbrechliche Welt. 
Auf die Trümmer von Jerusalem und Kiew. 
Und Gott breitet ihren Frieden aus – wie einen Strom. Unaufhaltsam. 
Und sagt: Ich bin dabei. Ich mache neu. 
Und siehe – das ist sehr gut.

Amen.