wie ein adler
Predigt zu Jesaja 40, 26-31 anlässlich des Totengedenkens in der Stadtkirche Pforzheim
(mit Dank an Franz K. Schön und Rainer Stuhlmann für Inspirationen)
manchmal
möchte ich wie ein vogel fliegen
wenn die trauer nicht verfliegt und die brust eng macht
wenn
plötzlich beim kochen die tränen kommen oder unter der dusche
wenn
jedes erste mal ohne den geliebten, ohne die geliebte furchtbar weh tut
das erste mal ostern ohne sie
das erste mal weihnachten ohne ihn
das erste mal ins theater ohne…
manchmal
möchte ich wie ein vogel fliegen
wenn der tod mich erleichtert, aber andere verstehen das nicht
wenn ich
wieder einen brief von einer behörde bekomme
sie haben immer noch nicht kapiert, dass sie nicht mehr da ist
wenn
andere nicht verstehen, warum ich nicht komme
es ist doch schon so lange
her, sagen sie
manchmal
möchte ich wie ein vogel fliegen
wenn um
mich herum alles zu laut wird
alles auf mich einstürzt
wenn alle
an mir zerren und jeder etwas will
tu dies,
mach das, lass das sein, sprich zu diesem und schweige zu jenem
und lach
doch endlich mal wieder
manchmal
möchte ich wie ein vogel fliegen
des machens überdrüssig und des zuhörens müde
wenn das
„auch mal was für mich tun“ nicht mehr herausführt aus der mühle
manchmal
möchte ich wie ein vogel fliegen
aber
nicht wie ein rotkehlchen, das unentwegt mit den flügeln schlagen muss
nicht
schon wieder alles selbst machen
sondern gleiten wie ein albatros oder ein mauersegler oder auch
wie ein adler
mit flügeln, die allein deshalb tragen, weil sie getragen werden
mich von
allem lösen, was mich belastet
alles
hinter mir lassen, was mich einschränkt
was
mich am boden fesselt und was mir grenzen auferlegt
frei sein
in der luft, über den wolken
selbst
entscheiden, wie nahe ich der welt kommen will
es selbst
in der hand haben
frei von menschen oder sachzwängen oder konventionen
manchmal
möchte ich wie ein vogel fliegen
und wenn
ich unter die wolken komme, sehe ich alles mit anderen augen
aus
anderer perspektive, mit mehr überblick
und ich
sehe plötzlich keine probleme mehr und keine herausforderungen
sondern zusammenhänge und lösungen
ich sehe, dass die, die ich vermisse, immer noch da sind, nur
woanders
alles ist leichter
alles ist ganz
und dann
holt sie mich wieder ein
die welt da unten, die meine welt ist
mit meinen problemen, meiner schwere, meiner trauer
die welt,
die so unvollkommen ist
die mich so ängstigt und so zornig macht
die ich so liebe, dass ich nicht ablassen kann
zu versuchen und zu tun und zu
kämpfen
manche frage hält mich fest
trauer drückt mich auf den boden
macht mich müde
und ich vermisse, die ich verloren habe
ich hänge
an worten, die nicht mehr gesprochen werden
das verpasste und versäumte lässt mich nicht los
wie auch
der zweifel an einer welt
die einfach nicht besser werden kann oder will
und da
geht es mir wie den vögeln, die sich mausern
sie
hocken auf dem boden und wissen nicht, wie ihnen geschieht
alles ist
durcheinander
sie müssen federn lassen, damit neue federn wachsen können
verletzlich sind sie
leichte beute für ihre feinde
schutzlos ausgeliefert
und fliegen können sie erst recht nicht
jesaja
sagt:
g*tt gibt
dem müden neue kraft
und macht
die schwache wieder stark
junge männer werden müde und matt, starke krieger straucheln und fallen
aber
alle, die auf g*tt hoffen, bekommen neue kraft
sie fliegen dahin wie adler
sie
rennen und werden nicht matt
sie
laufen und werden nicht müde
ich lasse
dir neue federn wachsen, sagt g*tt zu mir
du wirst
sehen und spüren, wie du neue kraft bekommst und neuen schwung
stärker denn je
freier und flugfähiger
und auf jeden fall anders als vorher
lass dich
mitnehmen, sagt g*tt zu mir
lass dich
mitnehmen nach oben
wie ein adler so hoch fliegen, dass du den überblick hast
und dass du ausruhen kannst von dem, was dich
beschwert
g*tt hat dies zum volk israel gesagt
zu menschen, die in schwierigen zeiten lebten
in der krise, als viele nicht mehr wussten
woran sie sich halten sollen
was noch
gilt und was trägt
kommt mit nach oben, hat er ihnen gesagt
da findet
ihr sicherheit
spürt, wie ich euch trage
seht die sterne an und die berge
und ihr findet, was ihr sucht
ihr seid teil von etwas großem, unfassbaren
etwas, das viel größer ist als ihr
das macht
eure sorgen nicht kleiner
aber ihr seid nicht alleine damit
es
braucht g*ttvertrauen
sich von g*tt in die höhe mitnehmen zu lassen
sich die welt anzusehen
und darin g*ttes kraft und gute ordnung zu erkennen
so viel haben wir daran herumgemacht und beschädigt und zerstört
aber g*tt traut es uns zu
ein adler
vertraut beim fliegen
nicht ausschließlich auf die kraft seiner flügel
und die fähigkeit seiner federn
sondern auf die thermik
und die luft zwischen sich und der erde
die trägt ihn
vielleicht
ist das vertrauen in g*tt diese luft zwischen himmel und erde
die mich aufsteigen lässt wie ein adler
der glaube an g*tt
die diese so wunderbare und zugleich anstrengende welt
geschaffen hat
eine welt, die mich manchmal verzweifeln und oft staunen
lässt
leben aus g*ttes kraft ist ein leben im rhythmus mit dem tod
schwachsein und starksein
einatmen und ausatmen
nahrung aufnehmen und
verbrennen
sich bewegen und ruhen
aufstehen und niederlegen
es kommt die zeit der krafts
des fliegens
des schwebens
das verspricht g*tt mitten in der zeit der klage
der verzweiflung
der trauer
das verspricht g*tt dem volk israel
das verspricht g*tt mir und dir
manchmal
möchte ich wie ein vogel fliegen
wie ein adler die welt von oben sehen
und g*tt sagt: ja
gemeinsam werden wir fliegen
du und ich
und alle, die du vermisst, die fliegen schon längst mit mir
sie schauen auf dich und staunen mit dir
über diese wunderbare welt der toten
und der lebenden
und ich sage: ja, g*tt
momentan kann ich das vielleicht noch nicht
momentan hocke ich auf dem boden
warte, dass mir die federn wachsen
und ich weiß, dass ich deine lebenskraft brauche
und deine ermutigung
damit ich mich aufrichten kann
und meine flügel
ausbreite
ich brauche sie und ich will sie
ich will schweben und leicht sein
neu auf die welt und neu auf mein leben
schauen
und, ja, ich vertraue darauf, dass du mir das schenken wirst
ja, es kommt die zeit,
da werden wir alles verstehen und alles wird federleicht
sein

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen