Samstag, 18. April 2026

federleicht

wie ein adler
Predigt zu Jesaja 40, 26-31 anlässlich des Totengedenkens in der Stadtkirche Pforzheim   
 
(mit Dank an Franz K. Schön und Rainer Stuhlmann für Inspirationen)      


manchmal möchte ich wie ein vogel fliegen
wenn die trauer nicht verfliegt und die brust eng macht
wenn plötzlich beim kochen die tränen kommen oder unter der dusche
wenn jedes erste mal ohne den geliebten, ohne die geliebte furchtbar weh tut 
das erste mal ostern ohne sie
das erste mal weihnachten ohne ihn
das erste mal ins theater ohne…

manchmal möchte ich wie ein vogel fliegen
wenn der tod mich erleichtert, aber andere verstehen das nicht
wenn ich wieder einen brief von einer behörde bekomme 
sie haben immer noch nicht kapiert, dass sie nicht mehr da ist
wenn andere nicht verstehen, warum ich nicht komme 
es ist doch schon so lange her, sagen sie 

manchmal möchte ich wie ein vogel fliegen
wenn um mich herum alles zu laut wird 
alles auf mich einstürzt
wenn alle an mir zerren und jeder etwas will
tu dies, mach das, lass das sein, sprich zu diesem und schweige zu jenem
und lach doch endlich mal wieder

manchmal möchte ich wie ein vogel fliegen
des machens überdrüssig und des zuhörens müde
wenn das „auch mal was für mich tun“ nicht mehr herausführt aus der mühle 

manchmal möchte ich wie ein vogel fliegen
aber nicht wie ein rotkehlchen, das unentwegt mit den flügeln schlagen muss
nicht schon wieder alles selbst machen 
sondern gleiten wie ein albatros oder ein mauersegler oder auch wie ein adler
mit flügeln, die allein deshalb tragen, weil sie getragen werden

mich von allem lösen, was mich belastet
alles hinter mir lassen, was mich einschränkt
was mich am boden fesselt und was mir grenzen auferlegt
frei sein in der luft, über den wolken
selbst entscheiden, wie nahe ich der welt kommen will
es selbst in der hand haben
frei von menschen oder sachzwängen oder konventionen 

manchmal möchte ich wie ein vogel fliegen
und wenn ich unter die wolken komme, sehe ich alles mit anderen augen
aus anderer perspektive, mit mehr überblick
und ich sehe plötzlich keine probleme mehr und keine herausforderungen
sondern zusammenhänge und lösungen

ich sehe, dass die, die ich vermisse, immer noch da sind, nur woanders 
alles ist leichter
alles ist ganz

und dann holt sie mich wieder ein
die welt da unten, die meine welt ist 
mit meinen problemen, meiner schwere, meiner trauer
die welt, die so unvollkommen ist
die mich so ängstigt und so zornig macht
die ich so liebe, dass ich nicht ablassen kann 
zu versuchen und zu tun und zu kämpfen

manche frage hält mich fest 
trauer drückt mich auf den boden 
macht mich müde 
und ich vermisse, die ich verloren habe
ich hänge an worten, die nicht mehr gesprochen werden
das verpasste und versäumte lässt mich nicht los
wie auch der zweifel an einer welt
die einfach nicht besser werden kann oder will 

und da geht es mir wie den vögeln, die sich mausern
sie hocken auf dem boden und wissen nicht, wie ihnen geschieht
alles ist durcheinander 
sie müssen federn lassen, damit neue federn wachsen können 
verletzlich sind sie
leichte beute für ihre feinde
schutzlos ausgeliefert
und fliegen können sie erst recht nicht
 

jesaja sagt:
g*tt gibt dem müden neue kraft
und macht die schwache wieder stark
junge männer werden müde und matt,
starke krieger straucheln und fallen
aber alle, die auf g*tt hoffen, bekommen neue kraft
sie fliegen dahin wie adler
sie rennen und werden nicht matt
sie laufen und werden nicht müde

ich lasse dir neue federn wachsen, sagt g*tt zu mir
du wirst sehen und spüren, wie du neue kraft bekommst und neuen schwung 
stärker denn je
freier und flugfähiger
und auf jeden fall anders als vorher 

lass dich mitnehmen, sagt g*tt zu mir
lass dich mitnehmen nach oben
wie ein adler so hoch fliegen, dass du den überblick hast 
und dass du ausruhen kannst von dem, was dich beschwert 

g*tt hat dies zum volk israel gesagt 
zu menschen, die in schwierigen zeiten lebten
in der krise, als viele nicht mehr wussten
woran sie sich halten sollen 
was noch gilt und was trägt

kommt mit nach oben, hat er ihnen gesagt
da findet ihr sicherheit
spürt, wie ich euch trage
seht die sterne an und die berge 
und ihr findet, was ihr sucht
ihr seid teil von etwas großem, unfassbaren 
etwas, das viel größer ist als ihr
das macht eure sorgen nicht kleiner
aber ihr seid nicht alleine damit

es braucht g*ttvertrauen
sich von g*tt in die höhe mitnehmen zu lassen 
sich die welt anzusehen
und darin g*ttes kraft und gute ordnung zu erkennen 
so viel haben wir daran herumgemacht und beschädigt und zerstört 
aber g*tt traut es uns zu

ein adler vertraut beim fliegen 
nicht ausschließlich auf die kraft seiner flügel
und die fähigkeit seiner federn 
sondern auf die thermik 
und die luft zwischen sich und der erde
die trägt ihn

vielleicht ist das vertrauen in g*tt diese luft zwischen himmel und erde 
die mich aufsteigen lässt wie ein adler
der glaube an g*tt 
die diese so wunderbare und zugleich anstrengende welt geschaffen hat
eine welt, die mich manchmal verzweifeln und oft staunen lässt

leben aus g*ttes kraft ist ein leben im rhythmus mit dem tod 
schwachsein und starksein
einatmen und ausatmen
nahrung aufnehmen und verbrennen 
sich bewegen und ruhen
aufstehen und niederlegen 
es kommt die zeit der krafts 
des fliegens 
des schwebens
das verspricht g*tt mitten in der zeit der klage
der verzweiflung
der trauer 
das verspricht g*tt dem volk israel
das verspricht g*tt mir und dir

manchmal möchte ich wie ein vogel fliegen 
wie ein adler die welt von oben sehen 
und g*tt sagt: ja 
gemeinsam werden wir fliegen 
du und ich 
und alle, die du vermisst, die fliegen schon längst mit mir 
sie schauen auf dich und staunen mit dir 
über diese wunderbare welt der toten und der lebenden

und ich sage: ja, g*tt
momentan kann ich das vielleicht noch nicht 
momentan hocke ich auf dem boden 
warte, dass mir die federn wachsen 
und ich weiß, dass ich deine lebenskraft brauche
und deine ermutigung
damit ich mich aufrichten kann 
und meine flügel ausbreite 
ich brauche sie und ich will sie 
ich will schweben und leicht sein 
neu auf die welt und neu auf mein leben schauen 
und, ja, ich vertraue darauf, dass du mir das schenken wirst
 
ja, es kommt die zeit, 
da werden wir alles verstehen und alles wird federleicht sein 

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