Montag, 5. Juni 2017

Ein neuer Mitbewohner, der die Fenster aufreißt

Predigt zu Johannes 14, 23 bis 27
gehalten zu Pfingten in der Markuskirche in Pforzheim


I.
Begrüßt mit mir unseren Mitbewohner.
Gott, heiliger Geist, zieht bei dir ein und bei mir.
Er wohnt nun hier - bei uns.
Heute feiern wir sein Begrüßungsfest.
Herzlich Willkommen, Gott!
Herzlich willkommen in diesem Haus, in diesem Leben.
Willkommen heute -
an Pfingsten, dein Begrüßungsfest.
Du setzt die Welt ins Staunen und ziehst bei uns ein.

II.
Begrüßungsfest?
Hören wir auf Worte aus dem Johannesevangelium:
Jesus sprach: Wer mich liebt, der wird mein Wort halten;
und mein Vater wird ihn lieben,
und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen.
Wer aber mich nicht liebt, der hält meine Worte nicht.
Und das Wort, das ihr hört, ist nicht mein Wort,
sondern das des Vaters, der mich gesandt hat.
Das habe ich zu euch geredet, solange ich bei euch gewesen bin.
Aber der Tröster, der Heilige Geist,
den mein Vater senden wird in meinem Namen,
der wird euch alles lehren
und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.
Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch.
Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt.
Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.


III.
Gott zieht bei den Jüngern und Jüngerinnen ein!
Und damit bei dir und bei mir.
Er ist kein Gast, den wir empfangen, bewirten,
an dessen Besuch wir uns freuen,
dann aber wieder tränenreichen Abschied nehmen müssen
und ihm lange nachwinken.
Gott ist kein vorübergehender Besuch,
wo wir hinterher nur ein paar Erinnerungsstücke aus den Ecken zusammensammeln.
Nein, Gott ist und bleibt da und füllt alle Ecken aus.
Der Himmel zieht auf die Erde.

Der Heilige Geist ist unser Mitbewohner geworden.
Kein Untermieter.
Kein befristeter Mietvertrag.
Nein, Hausbewohner.
Hier in der Markuskirche. Und drüben in der Thomaskirche.
Auf dem Wartbergturm.
Im Schwimmbad und im Bahnhof.
Und in den vielen Häusern und Wohnungen in Pforzheim
und rundherum auch.
In ganz besonders unseren Herzen.
Überall, wo Liebe gelebt wird.
Der Himmel hält Einzug in die bescheidenste Hütte.

IV.
Gott wohnt, wo man ihn einlässt - sagt Martin Buber.
Jesus sagt ähnlich:
Wer mich liebt, der wird mein Wort halten;
und mein Vater wird ihn lieben,
und wir werden zu ihm kommen 

und Wohnung bei ihm nehmen.
Liebe und Liebe üben -
das ist die Basis für die Wohngemeinschaft mit Gott.
Und das offene Herz.
Gott wohnt, wo Liebe ist und gelebt wird.

Aber wo Liebe fehlt, kommt er auch.
Gott sei Dank.
Da vielleicht sogar erst recht?
Mit unserer Liebe ist es ja oft nicht weit her.
Und unser Herz ist auch nicht immer offen.
Wie bei den ängstlichen Jüngern in Jerusalem,
die sogar ihre Türen verrammelt hatten.
Der heilige Geist kommt einfach,
setzt sich funkensprühend auf deinen Kopf
und braucht keine besonders heiligen Räume.
Er öffnet einfach dein Herz.

Euer Herz erschrecke nicht.
Sagt Jesus.
Mach dir keine Sorge, ob du gut genug bist, damit Gott bei dir wohnt.
Klug genug, fromm genug, liebevoll genug, fleißig genug...
Du bist genug.
Sein Geist macht dich fähig zur Liebe.
Und ob du willst oder nicht:
Gottes Umzug ist schon längst im Gange.
Die Kartons stehen vor deiner Tür.
Und er zieht dir sogar hinterher,
auch wenn du aus der Wohnung mit ihm ausziehen willst.
Öffne deine Tür.
Und feiere mit ihm.
Koch Kaffee, backe Kuchen mit Erdbeeren,
stell die Sektgläser auf den Tisch
und lass die Korken knallen.
Und den jesidischen Nachbarn
und die alte Dame von nebenan
holst du noch dazu.

V.
Pfingsten, das Begrüßungsfest für den Heiligen Geist.
Gott zieht bei uns ein.
Er zieht in die Kirche ein
und sogar in das Haus, das ich selber bin.
Ist mir eigentlich wohl bei dem Gedanken?
Es ist schließlich kein vorübergehendes Zelten Gottes.
Ich habe jetzt einen Dauermitbewohner.
Und wie bei jeder WG zeigt der Mitbewohner Seiten an sich,
die mir vielleicht nicht so gefallen.

O Schreck! Jetzt fängt er an zu putzen.
Der Heilige Geist stellt die Möbel um.
Und entdeckt dabei,
was da im Laufe der Jahre kaputt gegangen ist.
Nimmt mir die Politur aus der Hand
und reibt stattdessen Balsam auf die Risse und Sprünge.
Er kratzt den falschen Lack ab.
Holt hinterm Sofa hervor,
was ich versteckt hatte
und meinte, längst vergessen zu haben.
Wie unbequem und lästig, dieser pfingstliche Hausbewohner!

Er wird doch nicht auch noch in den Keller gehen?
Ich weiß nicht, ob mir das recht ist.
Das Kaputte soll schön im Untergrund bleiben.
Ich hatte mich so gut eingerichtet mit all den Dingen,
über die ich nicht mehr reden will.
Von wegen, sagt mein neuer Mitbewohner.
Damit ist jetzt Schluss,
mit den Mauern und den verschlossenen Türen.
Es weht nun ein ganz neuer Wind.
Und dann reißt er auch noch die Fenster auf.

Aber wenn ich ehrlich bin, gefällt mir das,
Der frische Wind bringt vieles durcheinander,
bringt er mich auf neue Gedanken.
Und ich atme ganz neu.

VI.
Gottes Geist ist sehr dynamischer Hausbewohner.
Er lässt sich nicht einsperren.
Weder von Kirchenmauern noch von Gemeindegrenzen.
Nicht von Landesgrenzen oder Moralvorstellungen
und auch nicht von Terroristen*.
Ihre Anschläge wollen mir Angst machen und die Zäune hoch.
Aber Gottes Geistkraft lässt das nicht zu.

Meine Zäune und die Verriegelungen
- mühsam installiert -
interessieren ihn gar nicht.
Gottes Geist weht einfach
hier
und in den Unterkünften im Eutinger Tal,
im EMMA,
an der Hochschule und im Kindergarten.
Und ganz besonders gerne auf Spielplätzen
und beim Christopher-Street-Day.

Er weht überall. Auch dort, wo ich es nicht für möglich halte.
Auf dem Kirchentag saß ich auf einem Podium
zusammen mit Politikern und einem Politikwissenschaftler.
Der christliche Politikwissenschaftler
wollte die Botschaft Jesu auf das Privatleben reduzieren.
Sie sei vor allem für die "Individualethik" gedacht,
nicht für "politische Ethik".
Und ausgerechnet der linke ungläubige Politiker ließ die Geisttaube wieder frei:
Er könne mit der Bergpredigt sehr viel anfangen -
auch als gesellschaftliche Leitlinie.
Ein Flattern von Taubenflügeln war förmlich zu hören.
Ja, der Heilige Geist wehte da vieles durcheinander auf dem politischen Podium.
Und ich staune.

Auf dem Rückweg saß ich im Zug neben einem 93jährigen Physiker,
der erzählte mir von seinen Aktivitäten in den 50ern,
als sich in Göttingen 18 Atomphysiker weigerten,
an einer deutschen Atombombe zu bauen
- obwohl Adenauer das wollte.
Und damit stoppten sie gefährliche Entwicklungen in Deutschland.
Und dann erzählte er, wie sie damals gemeinsam den eisernen Vorhang ignorierten,
sie kamen einfach mit Physikern aus aller Welt zusammen
- auch mit denen aus dem Osten.
Botschafter des Friedens - wenn schon die anderen das nicht schafften.
Ja, der Heilige Geist weht auch in der Physik.
Ganz bestimmt dort besonders.
Und ich staune.

Gottes Geist lässt sich einfach nicht einsperren,
nicht von einem Adenauer und auch nicht von mir.

VII.
Gott zieht bei uns ein. Heute.
Und er bringt den Himmel mit.
Und da gehört dann auch Abschied nehmen dazu,
Abschied davon, alles festhalten zu wollen.
Abschied von dem Bedürfnis, dass da einer für mich entscheidet.
Und von der Angst, ich könnte zu sehr gefordert sein.
 
Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.
Du brauchst keine Angst zu haben, 
dein Lebenshaus sei zu klein für Gott.
Oder es sei zu unordentlich.
Gott wird zum Einwohner in deinem Leben.
Er mag die Risse und die Fugen, die du verbergen willst.
Er bricht deine allzu engen Wohnverhältnisse auf
und lässt noch andere Menschen ein.

Er reißt die Türen und Fenster auf.
Der Sommer weht herein und wärmt deine Herzen und Füße.
Vielleicht bringt er auch einen Regenschauer mit.
Begrüße diesen Gottesgeist.
Stelle Kaffee und Erdbeerkuchen auf den Tisch.
Und die Sektgläser auch.
Und dann setzt ihr euch hin und habt es gut.
Himmel und Erde werden neu.
Nichts bleibt wie es ist.

Und der Friede, welcher höher ist als alle Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

Lied

1. Vorbei sind die Tränen, das Weinen, der Schmerz,
vorbei sind das Elend, der Hass und der Streit,
das Neue wird sein, gibt uns neue Kraft,
es ist da im Hier und im Jetzt. 

Refrain: Himmel und Erde werden neu, nichts bleibt wie es ist.
Himmel und Erde, Himmel und Erde bekommen ein neues Gesicht.

2. Vorbei ist die Herrschsucht, die fressende Macht,
die drohenden Fäuste sind nicht mehr geballt,
das Neue ist da, gibt uns neue Kraft,
es ist da im Hier und im Jetzt.

Refrain: Himmel und Erde werden neu, nichts bleibt wie es ist.
Himmel und Erde, Himmel und Erde bekommen ein neues Gesicht.

3. Gott wohnt bei uns Menschen, die Zeit ist erfüllt.
Gott wischt ab die Tränen, er tröstet, er lacht.
Gott macht alles neu, gibt uns neue Kraft,
ist bei uns im Hier und im Jetzt.

Refrain: Himmel und Erde werden neu, nichts bleibt wie es ist.
Himmel und Erde, Himmel und Erde bekommen ein neues Gesicht.

Text:       Lothar Teckemeyer
Melodie: Wolfgang Teichmann



* In der Nacht auf den Pfingstsonntag fand ein tödlicher Anschlag in der Londoner Innenstadt statt


Sonntag, 7. Mai 2017

Fußball, Pfützen und die tanzende Weisheit

Predigt zu Sprüche 8, 22 - 36

(mit besonderem Dank an Florian Kunz für die Hauptanregung zum Gedicht von Kurt Marti und für ein paar Formulierungen, die ich übernommen habe (v.a. Abschnitt III und die erste Hälfte von VI)

I.
Finde das Leben, Mensch.
Finde es hier oder 5 Kilometer weiter,
heute,
morgen oder in einer Woche.
Finde das Leben.
Lass dich von der Weisheit entführen.
Denn sie weiß, wo das Leben ist.
Und was es ist.
Denn von Anfang an war sie da.
In Urzeiten schon.

II.
In der Bibel lesen wir:
Der Herr hat mich schon gehabt im Anfang seiner Wege,
ehe er etwas schuf, von Anbeginn her.
Ich bin eingesetzt von Ewigkeit her,
im Anfang, ehe die Erde war.
Als die Tiefe noch nicht war, ward ich geboren,
als die Quellen noch nicht waren, die von Wasser fließen.
Ehe denn die Berge eingesenkt waren,
vor den Hügeln ward ich geboren,
als er die Erde noch nicht gemacht hatte
noch die Fluren darauf noch die Schollen des Erdbodens.
Als er die Himmel bereitete, war ich da,
als er den Kreis zog über der Tiefe,
als er die Wolken droben mächtig machte,
als er stark machte die Quellen der Tiefe,
als er dem Meer seine Grenze setzte
und den Wassern, dass sie nicht überschreiten seinen Befehl;
als er die Grundfesten der Erde legte,
da war ich beständig bei ihm;
ich war seine Lust täglich und spielte vor ihm allezeit;
ich spielte auf seinem Erdkreis
und hatte meine Lust an den Menschenkindern.

So hört nun auf mich, meine Söhne und Töchter!
Wohl denen, die meine Wege einhalten!
Hört die Zucht und werdet weise
und schlagt sie nicht in den Wind.
Wohl dem Menschen, der mir gehorcht,
dass er wache an meiner Tür täglich,
dass er hüte die Pfosten meiner Tore!
Wer mich findet, der findet das Leben
und erlangt Wohlgefallen vom Herrn.
Wer aber mich verfehlt, zerstört sein Leben;
alle, die mich hassen, lieben den Tod.


III.
Finde das Leben, Mensch.
Folge der Weisheit.
Sie war im Anfang da... und die Weisheit war bei Gott.
War schon da bevor irgendwas da war
Alles war noch eine große Leerstelle,
eine Klammer ohne Inhalt.
Da war sie schon da, die Weisheit.
Noch bevor das Licht anging,
bevor Himmel und Erde wurden, was sie sind,
bevor sich Worte bildeten in den Herzen der Menschen,
bevor das Leben Klänge und Farben bekam.
Sie war da, bevor es Busfahrkarten und Streuselkuchen gab,
Liebesgedichte und Papierschiffchen,
Sommerregen und Schneeflocken.
Sie war schon da.

Im Anfang war die Weisheit ...
und die Weisheit war ein Kind,
Gottes Kind, erstes Geschöpf, sein Liebling.
Trägt viele Namen: Chochma, Sophia, Sapientia.
Und Sophia, die Weisheit, spielt. Und Gott mit ihr.
Beide erschaffen Neues.

IV.
Kurt Marti (aus: Die gesellige Gottheit)
Sie spielte vor dem Erschaffer

umspielte, was er geschaffen,

und schlug,
leicht hüpfend von Einfall zu Einfall,
neue Erschaffungen vor:


Warum nicht einen anmutig gekurvten Raum?
Warum nicht Myriaden pfiffiger Moleküle
Warum nicht schleierwehende Wirbel, Gase?
Oder Materie, schwebend, fliegend, rotierend?

So sei es, lachte Gott,
denn alles ist möglich,
doch muß Ordnung ins Ganze -
durch Schwerkraft zum Beispiel.
Dazu aber wünschte Sophia sich ebensoviel Leichtigkeit.

Da ersann Gott die Zeit.
Und Sophia klatschte in die Hände.



Sophia tanzte, 
leicht wie die Zeit,

zum wilden melodischen Urknall,

dem Wirbel, Bewegungen, Töne entsprangen,
Räume, Zukünfte, erste Vergangenheiten -
der kosmische Tanz, 
das sich freudig ausdehnende All.
Fröhlich streckte Sophia Gott die Arme entgegen.
Und Gott tanzte mit.


V.
Gestern schoss die Weisheit ein Tor. 
Das 2 zu 3 gegen Königsbach-Stein.
Sie umdribbelte zwei Gegenspieler
und zirkelte den Ball ins linke Eck.
Sie riss ihre Arme hoch und jubelte.
Und auf einmal waren alle anderen um sie herum
und freuten sich mit.
Auch Gott war dabei und jubelte laut.
Er spielt nicht gerne allein, sondern braucht Mitspieler.
Dich und mich.
Bei allem, was so entstehen soll.
Auch beim Fußball.

Die Weisheit liebt den Fußball.
Aber auch das Tanzen auf der Berlin-Klassenfahrt.
Leicht wie die Zeit mit Wirbeln und Bewegungen.
Mit einer Schwerkraft, die sie erdet.
Schaut nur genau hin.

Die Weisheit liebt es, mit Vollkaracho in Pfützen zu springen,
dass es nur so spritzt.
Noch mehr Spaß macht es mit anderen zusammen.
Gottes Weisheit ist gesellig.
Alle zusammen an den Händen -
zählen auf 1 - 2 - 3 und dann los.
Fast so schön wie der Urknall.
Der Schlamm sitzt dann überall, auch in den Haaren.
Und das ist es wert.

Die Weisheit liebt die Regenwürmer.
Wenn es geregnet hat, rennt sie schnell raus auf die Straße,
sammelt die Würmer auf, damit sie nicht überfahren werden.
Und sie staunt mit Gott darüber,
wie unterschiedlich kurz und lang so ein Regenwurm sein kann.
Und dass das Leben nicht nur leicht ist.

Die Weisheit baut leidenschaftlich gerne Sandburgen,
so nah wie möglich am Wasser,
damit es den Burggraben fluten kann.
Und am nächsten Morgen rennt die Weisheit hin
und schaut, ob die Burg noch da ist.
Vielleicht ist sie dann traurig, dass nur noch eine Ruine zu sehen ist.
Aber sie weiß, dass das eben so ist.
Die Zeit lässt sowas vergehen.
Erste Vergangenheiten werden sichtbar.
Nichts ist ewig, was wir erschaffen.
Aber die Weisheit erschafft weiter:
baut mit ihrem kleinen Bruder eine neue - noch schönere Burg.
Sammelt die Muscheln dafür und den Seetang.
Für das Spiel mit den Gezeiten.

VI.
Im Anfang war das Wort ... schreibt Johannes (1,1).
Der Logos, wie es im Griechischen heißt.
Logos, Sinn, Vernunft,
göttliche Weisheit und Inspiration.
Und darum wage ich mich weiter:

Im Anfang war die Weisheit,
und die Weisheit war bei Gott,
und Gott war die Weisheit.
Dieselbe war im Anfang bei Gott….

Und die Weisheit ward Fleisch
und wohnte unter uns, ...


Wird ein Mensch, wird ein Kind –
wie könnte es anders sein?
Die Weisheit liebt das, was da ist
und das was noch nicht da ist.
Sie heilt und tröstet, nimmt in den Arm und segnet.
Aus Erde und Speichel macht sie einen Brei.
Die Tische im Tempel wirft die Weisheit um.
Sie weint mit den Traurigen und lacht mit den Fröhlichen.
Mit Mirjam tanzt sie, deckt mit Marta den Tisch,
hört zu, was Maria sagt.
Und ist eins mit Gott.
Die Weisheit schreibt in den Sand.
Findet das Leben, ruft sie den Menschen zu.
Findet das Leben!

VII.
Liebe Weisheit,
komme zu mir. Erfülle mich.
Lehre mich tanzen und springen.
Ich will neugierig sein wie du.
Zeige mir die Wunder, die ich übersehe.
Lass mich staunen über den Regenwurm.
Schubse mich zum Marktplatz,
wo im Sprachenwirrwarr
die Kinder über die Wasserfontänen hüpfen.

Bewahre mich auch davor, abzustumpfen.
Ich will nicht denen auf den Leim gehen,
die es mit den Schwächsten nicht gut meinen
und die mit der Dummheit der Menschen spielen.
Gerade heute brauchen wir dich ganz besonders, Weisheit.*

Über die Toten lass mich weinen wie ein Kind.
Hilf mir, dass ich mich meiner Tränen nicht schäme.
Ich will sie sammeln im Krug und sie in Taten verwandeln.
In gute Taten. In einfache Taten.
Und auch in etwas Großes, wenn es nötig ist.
Liebe Weisheit, zeige mir, wie das geht.
Öffne mir die Räume des Lebens, die ich gestalten kann
- mit dir.

Ich will das Leben finden.
Mit dir, liebe Weisheit.
Ich finde es hier oder 5 Kilometer weiter,
heute,
morgen oder in einer Woche.
Ich will das Leben tanzen und feiern.
Mit dir, Weisheit, denn du weißt, was das Leben ist.
Von Anfang an warst du da.

Amen.


*) Heute wird in Pforzheim der zukünftige Oberbürgermeister gewählt (und es verspricht, spannend zu werden). Außerdem finden heute die Stichwahlen zur französischen Präsidentschaft statt, die große Auswirkungen auf die Zukunft Europas haben.

Sonntag, 16. April 2017

Alles ist da. In Emmaus und in Pforzheim auch.

Predigt zum Ostermontag über Lukas 24,13-35

(Danke an Thomas Hirsch-Hüffel für die entscheidende Anregung)

Und siehe, zwei von ihnen gingen an demselben Tage in ein Dorf, das war von Jerusalem etwa sechzig Stadien entfernt; dessen Name ist Emmaus. Und sie redeten miteinander von allen diesen Geschichten.
Und es geschah, als sie so redeten und einander fragten, da nahte sich Jesus selbst und ging mit ihnen. Aber ihre Augen wurden gehalten, dass sie ihn nicht erkannten.
Er sprach aber zu ihnen: Was sind das für Dinge, die ihr miteinander verhandelt unterwegs? Da blieben sie traurig stehen. Und der eine, mit Namen Kleopas, antwortete und sprach zu ihm: Bist du der Einzige unter den Fremden in Jerusalem, der nicht weiß, was in diesen Tagen dort geschehen ist?
Und er sprach zu ihnen: Was denn? Sie aber sprachen zu ihm: Das mit Jesus von Nazareth, der ein Prophet war, mächtig in Tat und Wort vor Gott und allem Volk; wie ihn unsre Hohenpriester und Oberen zur Todesstrafe überantwortet und gekreuzigt haben.
Wir aber hofften, er sei es, der Israel erlösen werde. Und über das alles ist heute der dritte Tag, dass dies geschehen ist.
Auch haben uns erschreckt einige Frauen aus unserer Mitte, die sind früh bei dem Grab gewesen,
haben seinen Leib nicht gefunden, kommen und sagen, sie haben eine Erscheinung von Engeln gesehen, die sagen, er lebe.
Und einige von denen, die mit uns waren, gingen hin zum Grab und fanden's so, wie die Frauen sagten; aber ihn sahen sie nicht.
Und er sprach zu ihnen: O ihr Toren, zu trägen Herzens, all dem zu glauben, was die Propheten geredet haben!
Musste nicht der Christus dies erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen?
Und er fing an bei Mose und allen Propheten und legte ihnen aus, was in allen Schriften von ihm gesagt war.
Und sie kamen nahe an das Dorf, wo sie hingingen. Und er stellte sich, als wollte er weitergehen.
Und sie nötigten ihn und sprachen: Bleibe bei uns; denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt. Und er ging hinein, bei ihnen zu bleiben.
Und es geschah, als er mit ihnen zu Tisch saß, nahm er das Brot, dankte, brach's und gab's ihnen.
Da wurden ihre Augen geöffnet, und sie erkannten ihn. Und er verschwand vor ihnen.
Und sie sprachen untereinander: Brannte nicht unser Herz in uns, da er mit uns redete auf dem Wege und uns die Schrift öffnete?
Und sie standen auf zu derselben Stunde, kehrten zurück nach Jerusalem und fanden die Elf versammelt und die bei ihnen waren; die sprachen: Der Herr ist wahrhaftig auferstanden und dem Simon erschienen. Und sie erzählten ihnen, was auf dem Wege geschehen war und wie er von ihnen erkannt wurde, da er das Brot brach.

I.
Alles da.
Es ist alles da in diesem einen Moment.
Die vielen Mahlzeiten mit ihm.
Das Brot in der Hand. Die Stücke, die er verteilt.
An alle, die da waren.
Und sie waren alle da.

In diesem einen Moment in einem Gasthof in Emmaus ist alles da.
Das letzte Mahl.
Der Abschied.
Der Tod. Aber vor allem die Liebe.
Auch die anderen sind da.
Der tote Judas, der sich so sehr verrannt hat in seine Idee,
und daran zerbrochen ist.
Die Frau mit dem Salböl, das sie für Jesus verschwendet.
Petrus ist auch dabei,
mit rotgeweinten Augen, in die er sich nicht schauen lässt.
Maria von Magdala ist da und verteilt den Wein.
Ihre Augen leuchten noch von der Begegnung am Grab.

Jetzt ist alles da. Hier.
Jesus ist da. Und bricht das Brot.
Keine Fragen mehr.
Nur noch da sein.
Mit offenen Augen und brennendem Herzen.

II.
Diese Momente, wo alles da ist.
Die du nicht erklären kannst, nur spüren.
Mir ging das so, als die Hebamme sagte:
„Ihre Tochter hat einen kleinen Sohn bekommen!“
Davor die bangen Stunden, weil es nicht so gut lief.
Die Sorgen ließen mich im Krankenhaus herumlaufen.
Mit klugen Argumenten versuchte ich mich zu besänftigen.
Aber das Herz war unruhig.
Und dann der eine Satz: Ihrer Tochter geht es gut. Und Ihrem Enkel auch.
Ein Moment, wo alles da ist.
Ich dachte daran, wie ich sie das erste Mal in den Armen hielt.
Und ihr 6.Geburtstag als Piratin.
Ihr Auftritt im Musical.
Und nach einem Jahr Amerika sie wieder zu umarmen.
Die langen Gespräche in den dänischen Dünen.
Auf ihrer Hochzeit sie segnen zu dürfen.
Ich dachte an meine Mutter, die das nicht mehr erleben konnte.
Alles das war da. In diesem einen Moment.
Ein Moment voller Liebe und Tränen und Nähe.

III.
Für Kleopas ist es dieser Moment im Gasthof von Emmaus.
Der Schmerz sitzt ihm noch in den Knochen.
Gefallen aus der Welt und er wusste nicht, was er noch denken konnte.
Jesus am Kreuz. War’s das jetzt?
Das kann es nicht gewesen sein.
Oder doch?

Laufen hilft. Nicht stillsitzen.
Und ihm half zu zweit zu laufen. Zusammen mit einem anderen.
Weg von diesem Ort der Gewalt. Weg vom Kreuz.
Wohin auch immer.

Woher der Dritte kam, weiß Kleopas nicht.
Er ging von dem ersten Brunnen hinter Jerusalem an mit ihnen.
Sie erzählten, weil er fragte.
Erst wollten sie nicht, dann lief es aus ihnen raus.
Man ist nicht bei sich in solchen Zeiten.
Aber es ist gut, dass jemand fragt. Und auch nicht locker lässt.

Und dann dieser Moment.
Im Gasthof von Emmaus.
Der Fremde nimmt das Brot und bricht es.
Es braucht keine Worte mehr. Nur das Brot.
Nur das, was zählt.
Ein Moment voller Liebe und Tränen und Nähe.
Alles ist da.

IV.
So ein Moment ist Gnade.
Denn du kannst ihn nicht machen,
nicht inszenieren.
Zauber, Magie, Wunder, Geschenk.
Alles Worte, die es doch nicht erfassen.
Weil es um Ewiges geht.
Um etwas, das größer ist als wir.

Mir kommen die Dortmund-Fans in den Sinn,
die nach dem Bombenanschlag auf den BVB-Bus
die Monaco-Fans zu sich nach Hause einladen
#BedforawayFans - dieser Hashtag - ein Moment, wo alles da ist.
Wo Liebe statt Hass regiert.
Und wo sie denen,
die den Flüchtlingen die Schuld geben wollen, ins Gesicht lachen.
Da ist Brot und Bier und Sprachenwirrwarr -
alles beieinander.
Und trotz Wut und Trauer und Fassungslosigkeit wurde gelacht und geküsst und geliebt.
Und es brauchte keine Worte mehr.

Erinnert ihr euch noch an die alte verwirrte Frau,
die am Sonntag vor der Vesperkirche hier in den Altarraum kam und dort blieb?
Sie rührte sich nicht von der Stelle.
Für mich war das so ein Moment, wo alles da war.
Sie war die, die eigentlich nicht hierher passte.
Und doch musste sie da sein.
Und in späteren Gottesdiensten kam sie auch.
Und da war sie wohl wirklich anstrengend. Und brauchte Hilfe.
Aber an diesem Sonntag war es für mich ein Moment, wo alles da war.
Sie wirkte so unverrückbar sicher, am richtigen Ort zu sein.
Liebe und Tränen und Nähe.

V.
So ein Moment ist Gnade.
Man kann ihn nicht erklären.
Was macht man damit?

Kleopas wacht auf aus seiner Starre und läuft los.
Läuft zurück nach Hause.
Geht zu den anderen und lebt diesen Moment.
Lässt sich davon leiten.
Und sein Herz füllen.
Und steckt damit die anderen an.
Leben,
spüren,
schmecken,
weinen
und lachen.
Und diesen Moment, wo alles da ist, erleben.

So möchte ich es auch tun.
Ich will die Momente, wo alles da ist, spüren, erkennen, sehen.
Meine Augen offen halten
und jede Faser meines Körpers darauf einstellen.

Das wird mich verletzlich machen.
Denn ich öffne mich ja.
Und das werden andere ausnutzen.
Aber das ist mir heute egal.

Denn ich weiß ja, dass dann Jesus bei mir ist.
Wenn ich Brot teile und mit Freunden Wein trinke.
Wenn ich mit meinem Enkel über den Boden krabble.
Er ist da, wenn ich über die Flüchtlinge auf dem Mittelmeer weine
und über die Folterlager für Homosexuelle in Tschetschenien.
Wenn mich die Bomben auf Afghanistan und in Syrien entsetzen.

Jesus ist bei mir gerade dann, wenn ich nicht mehr weiter weiß.
Wenn ich nur noch vor mich hinstammle
und blind das Weite suche wie Kleopas.

Auf einmal ist er da und spricht mit mir.
Ich erkenne ihn nicht.
Aber er ist da und wärmt mir das Herz.
Setzt sich mit mir hin und hört zu.
Sein Brot.
Sein Wort.
Seine Liebe.
Und Nähe.
In einem Moment und für die Ewigkeit.
Alles ist da.

Amen.










Donnerstag, 13. April 2017

Lieben, dass es weh tut. Und heilt.

Predigt zum leidenden Gottesknecht (Jes 53,2b - 13)
Karfreitag 2017

I.
Er hatte keine Gestalt und Hoheit.
Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte.
Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, 

voller Schmerzen und Krankheit.
Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg;
darum haben wir ihn für nichts geachtet.

Fürwahr, er trug unsre Krankheit 

und lud auf sich unsre Schmerzen.
Wir aber hielten ihn für den, der geplagt
und von Gott geschlagen und gemartert wäre.
Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet
und um unsrer Sünde willen zerschlagen.
Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten,
und durch seine Wunden sind wir geheilt.

Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg.
Aber der HERR warf unser aller Sünde auf ihn.
Als er gemartert ward, litt er doch willig
und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird;
und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer,
tat er seinen Mund nicht auf.

Er ist aus Angst und Gericht hinweggenommen.
Wer aber kann sein Geschick ermessen?
Denn er ist aus dem Lande der Lebendigen weggerissen,
da er für die Missetat meines Volks geplagt war.
Und man gab ihm sein Grab bei Gottlosen und bei Übeltätern,
als er gestorben war, wiewohl er niemand Unrecht getan hat
und kein Betrug in seinem Munde gewesen ist.
So wollte ihn der HERR zerschlagen mit Krankheit.

Wenn er sein Leben zum Schuldopfer gegeben hat,
wird er Nachkommen haben
und in die Länge leben,
und des HERRN Plan wird durch seine Hand gelingen.
Weil seine Seele sich abgemüht hat,
wird er das Licht schauen und die Fülle haben.
Und durch seine Erkenntnis wird er, mein Knecht, der Gerechte,
den Vielen Gerechtigkeit schaffen;
denn er trägt ihre Sünden.
Darum will ich ihm die Vielen zur Beute geben
und er soll die Starken zum Raube haben,
dafür dass er sein Leben in den Tod gegeben hat
und den Übeltätern gleichgerechnet ist
und er die Sünde der Vielen getragen hat
und für die Übeltäter gebeten.


            Musik

II.
Gott, hast du uns verlassen?
Da wird einer fertig gemacht,
zum Sündenbock abgestempelt,
klein gehalten, bespuckt.
Der Allerverachtetste und Unwerteste.
Schaut ihn euch an:
was muss der nur verbrochen haben, dass es dem so geht?
Der ist bestimmt selber Schuld.
Oh, ich hab ihm nichts getan, die anderen waren‘s.
Ich wasche meine Hände in Unschuld!
Und sag lieber nichts dazu.
Womöglich gerate ich noch in den gleichen Schlamassel...

Gott, hast du uns verlassen?
Wie den Gottesknecht.
Sind die über 40 koptischen Christen in Ägypten deine Gottesknechte?
Getötet von Terroristen.
Weil sie Christen sind.
Sind die Opfer von Stockholm deine Gottesknechte?
Wo bleibt deine Strafe für die Täter, Gott?
Oder die Flüchtlinge, die nach Afghanistan zurück geschickt werden,
in ein Land, das voller Minen und Talibanterroristen ist
und das Außenministerium warnt vor Reisen in dieses Land.
Oder der 13jährige -  über whats-app so gemobbt,
dass er sich nicht mehr in die Schule traut…
Alles Gottesknechte?
Schaut sie euch an:
was müssen sie nur verbrochen haben, dass es ihnen so ergeht?
Die sind bestimmt selber Schuld.

III.
Gott, hast du uns verlassen?
Warum müssen wir über andere schlecht reden?
Warum interessiert es uns so wenig,
wie es denen geht, denen es offensichtlich schlecht geht?
Vielleicht sogar direkt nebendran…
Und wir glauben, uns könnte das nicht treffen?

Da verdient einer sein Geld unsauber.
Aber einen anderen Platz hat er nicht gefunden.
Es geht ihm nicht gut dabei.
Die Blicke der anderen tun ihm weh.
Aber das wird er nicht zeigen.
Sonst werden sie seine Schwäche erkennen.
Aus dieser Nummer kommt er nicht mehr heraus.

Da hat eine andere einen fragwürdigen Lebenswandel.
So jedenfalls bezeichnen es die, die anders leben.
Sie selber will das eigentlich nicht.
Ihre Träume sind ganz andere.
Aber ihre Träume werden zertreten.
Weil so eine wie sie nicht träumt.
Andere träumen von ihr.
Das findet kaum einer schlimm.
Aber dass sie sich einlässt auf die Träume, das ist unmoralisch.
Moral hat mindestens zwei Gesichter. Und an welches soll sie sich halten?

Zwei Geschichten - bekannt aus der Bibel:
der Zöllner, die Sünderin.
Gescheiterte Existenzen. Menschen wie wir.
Ein anderes Leiden als die Opfer der brutalen Übergriffe
in Ägypten oder Stockholm oder Afghanistan.
Nicht vergleichbar.
Und doch Leiden - immer wieder - auch heute.
Und es gibt keine Zwei-Klassen-Leiden…

IV.
Gott, hast du uns verlassen?
Da gibt es da noch einen dritten -
der Grund, warum wir hier sind:
Jesus, ja, du.
Du predigst von Sanftmut und Barmherzigkeit,
hältst die rechte Wange hin,
nachdem dir auf die linke geschlagen wurde.
Du stellst dich vor andere Opfer,
vor die Ehebrecherin zum Beispiel.
Und du machst dich unbeliebt,
weil du Regeln in Frage stellst,
die nicht für Menschen gemacht sind.
Du liebst, dass es weh tut.
Verraten, verkauft, verloren.
Deine Freunde haben sich verkrümelt.
Die Menge schreit und will ein Opfer,
will einen, auf den sie alles abladen kann.
Dich.
Sie lacht über deine Schmerzen.
Schaut zu, wenn du gequält wirst,
achselzuckend oder geifernd.

Gott, hast du uns verlassen?
Hast du sogar Jesus verlassen, deinen Sohn?
Da steht, sitzt, hängt einer.
Und andere schütteln den Kopf,
wenden sich ab, gehen vorüber.
Es ist einsam auf Golgatha.
Da sind nur die, die da sein müssen.
Und die, die lieben, dass es weh tut.

V.
Leiden hat keine Lobby.
Liebe darf nicht weh tun.
Denn Leiden und Schmerz passen nicht in die perfekte Welt.
Karfreitag soll sich verkrümeln.
Es reicht, dass ich das täglich in den Nachrichten sehe und höre.
Mein Aufschrei im Internet und das beleuchtete Brandenburger Tor -
das muss genügen.
Nicht mehr bitte - denn sonst müsste ich genauer hinsehen,
wo ich da eigentlich stehe.
Ich müsste stehen bleiben.
Den Schmerz aushalten und mitfühlen.

Der Gottesknecht.
Die ägyptische Christin, der schwedische Angestellte,
der afghanische Flüchtling, der gemobbte Junge.
Der Zöllner, die Frau. Jesus.
Derselbe rote Faden zieht sich durch alle Geschichten.
Menschen leiden.
Unschuldig oder mitschuldig.
Heroisch oder schmuddelig.
Sympathisch oder unsympathisch.
Wer will das unterscheiden?
Jesus: unschuldiges, heroisches, sympathisches Leiden.
Für uns.
Für die Damaligen:
Ein mitschuldiger, schmuddeliger und unsympathischer Tod.
Kein Grund stehen zu bleiben.

Gott bleibt stehen.
Beim Kreuz.
Bei den Minen und im zerstörten Gotteshaus.
Und dem traurigen Jungen.
Nein, Gott, du hast uns nicht verlassen!
Du hältst dich nicht heraus
aus dem Leid und dem Unrecht in unserer Welt.
Du bleibst nicht im Himmel.
Du bist selber am Kreuz.
Du liebst.
Bist der Gottesknecht, der selber schuld ist.
Nah am Abgrund und nah an meinen Abgründen.

VI.
Nein, Gott, du hast uns nicht verlassen!
Du nimmst in Christus die Abgründe auf dich.
Du gehst tief hinein. Ganz tief.
Christus wird hingerichtet wie ein Mörder,
zwischen zwei Mördern am Kreuz links und rechts.
Dort, wo die Täter sind.
Die mit ihren Abgründen.
Die, die selber schuld sind.
Ja, da bist du, Gott, in den Abgründen - auch bei mir.
Wo ich mitlaufe oder anführe,
wo ich schweige oder zu Gerüchten beitrage,
wo ich wegschaue und geschehen lasse,
wo ich mitbeteiligt bin, ob ich will oder nicht.
Und wo ich denke, dass der oder die doch selber schuld ist.
Auch da bist du, Gott!
Und bei dir kann ich es lassen - und neuanfangen.

Das Kreuz zeigt die Welt, wie sie ist. Täter und Opfer.
Und ich sehe im Kreuz nicht nur, wie die Welt ist,
sondern, wie sie sein kann.
Voller Liebe und Vergebung.
Lieben, dass es weh tut.
Und heilt.

VII.
Nein, Gott, du hast uns nicht verlassen!
Du bist hier, mitten drin.
In alles Leid der Welt gefallen.
So tief, wie keiner.
Und weil du tiefer bist als alles Leid, kannst du alles Leid auffangen.
Bei dir wird keiner fertig gemacht.
Du liebst, dass es weh tut.
Und heilst.
Auch mich.

Fürwahr, du trugst unsre Krankheit 
und ludst auf dich unsre Schmerzen.
Wir aber hielten dich für den, der geplagt
und von Gott geschlagen und gemartert wäre.
Aber du bist um unsrer Missetat willen verwundet
und um unsrer Sünde willen zerschlagen.
Durch deine Wunden sind wir geheilt.

Amen.

Sonntag, 9. April 2017

Verschwenderische Liebe

Predigt zu Markus 14,3-9
 
(Danke an Birgit Mattausch für die Beratung des Entwurfs. Sie ist so eine wunderbare Predigerin! Ihre Texte finden sich auf frauauge.blogspot.de - sehr empfehlenswert!)

I.
Liebe ist verschwenderisch.
Die Scherben liegen noch auf dem Boden. 
Dazwischen die Reste vom Fisch und Brotkrümel.
Überall Tropfen von Nardenöl.
Sie schimmern und duften.
Ein schwerer Geruch und zugleich ganz leicht.
Vermischt sich mit dem Fisch und dem Wein und dem Schweiß.
In den Wandteppichen hängen noch die Stimmen,
die zornigen und die lauten, die leisen und die sanften auch.
Simon bückt sich und sammelt die Scherben auf.
Das Öl, das an ihnen hängt, wischt er behutsam ab,
und verteilt es auf seiner Haut.
Da wo die Narben besonders dick sind und weh tun.
Er lächelt, als er an die Frau denkt.

II.
Und als Jesus in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch,
da kam eine Frau,
die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl,
und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt.
Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander:
Was soll diese Vergeudung des Salböls?
Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können
und das Geld den Armen geben.
Und sie fuhren sie an.
Jesus aber sprach:
Lasst sie! Was bekümmert ihr sie?
Sie hat ein gutes Werk an mir getan.
Denn ihr habt allezeit Arme bei euch,
und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun;
mich aber habt ihr nicht allezeit.
Sie hat getan, was sie konnte;
sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis.
Wahrlich, ich sage euch:
Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt,
da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat.


III.
Simon, der Aussätzige, berührt seine Narben.
Der Geruch vom Nardenöl erfüllt noch den Raum.
Und er hofft, dass er möglichst lange da bleibt.
Denn er tut seinen Narben gut, auch den Narben auf seiner Seele.
Es war mutig von der Frau, einfach so hineinzutreten in die Männerrunde.
Simon kannte sie nicht und die anderen kannten sie auch nicht.
Aber als sie eintrat, verstummten sie auf einmal.
Was will sie hier?
Merkt sie nicht, dass sie stört?
Und alle Blicke waren auf sie gerichtet.
Sie wusste, was sie wollte - wohin sie wollte.
Keiner traute sich, sie aufzuhalten.
Sie sprach kein Wort.
Nur das Zerbrechen des Öl-Gefäßes aus Alabaster war zu hören.
Was sie tat, brauchte keine Worte.*
Und der Duft verströmte sich.

IV.
Liebe ist verschwenderisch.
Der liebende Duft.
Die duftende Berührung.
Alles ganz nah.
Auch mit ungewisser Zukunft.

Die Frau trat zu ihm.
Sie, die Unbekannte,
Die Liebende. Die Prophetin.

Sie salbt ihn, Jesus, zum König.
Wie einst Samuel den David salbte.
Jesus, der Gesalbte, der König.
Der auf einem Esel in Jerusalem einzog,
Er war gefeiert und bejubelt worden.
Hatte berührt und wurde berührt.
Im Tempel trat er sehr unköniglich, aber handfest auf.
Die arme Witwe bewunderte er.
Er ließ sich von der blutflüssigen Frau anfassen.
Und die todgeweihte Tochter des Jairus nahm er an die Hand.
Der Gesalbte, der verschwenderisch Liebende.

V.
Seine Verschwendung ist anstößig.
Was bringt die Rettung der kleinen Tochter von Jairus für die Toten der Welt?
Und das kleine Opfer der Witwe, wenn der Reiche nichts gibt?
Wo bleibt der Ertrag?

Und seine Verschwendung wird noch anstößiger.
Er setzt sich aus. Setzt sein Leben aus.
Verschwendet seine Liebe an Menschen, die ihn töten wollen und dies auch tun.
Er verhandelt nicht mit den Obersten, er erreicht keinen Kompromiss.
Stattdessen teilt er Brot und Wein mit seinen Freunden und Freundinnen.
Er hätte doch auch einen Pakt mit Pilatus schließen können,
ihm vormachen können, dass keine Gefahr von ihm ausgeht.
Vielleicht hätte Pilatus ihn nicht gekreuzigt
und Jesus hätte noch mehr Menschen erreicht.
Vielleicht....?
Aber stattdessen geht er ans Kreuz mit seiner verschwenderischen Liebe,
Verströmt sie an die neben ihm.
Und wird sterben - mit ihr, dieser Liebe.

VI.
Liebe ist verschwenderisch.
Kostbares Öl auf seinem Kopf.
Öl, das man hätte gut verkaufen können.
Es macht ihn zum Gesalbten.
Zum König.
Zum Sterbenden.
Als Sterbender bleibt er der Gesalbte, der König.
Der wahre König muss seine Liebe verschwenden.
Er kann sie nicht für sich behalten und nutzbringend einsetzen.
So wie das Öl von seinen Haaren tropfen muss und sich auf dem Boden verteilt.
Tropfen bildet. Scherben hinterlässt. Und die anderen verstört.

Die Frau kümmert sich nicht darum, was die anderen verstört.
Sie tut, was ansteht.
Nimmt vorweg, was kommen wird.
Sie zeigt, wer Jesus ist.
Der Gesalbte. Der verschwenderisch Liebende.
Er lässt sich salben mit Öl aus einem zerbrochenen Krug*

und ist Träger von zerbrochenen Hoffnungen.

Er trägt sie mit.

Auch unsere zerbrochenen Hoffnungen.

Sie werden getragen. Und gesalbt.

Wie unsere Narben und Wunden.

VII.
Simon bückt sich und sammelt die Scherben auf.
Das Öl, das an ihnen hängt, wischt er behutsam ab,
und verteilt es auf seiner Haut.
Da, wo die Narben besonders dick sind und weh tun.
Er lächelt, als er an die Frau denkt.
Die Namenlose.

Liebe strömt den Kopf hinab und tropft auf den Boden.
Verschwenderisch.
Sie ist da -
und bringt eine dampfende Hühnersuppe für die erkältete Pfarrerin.
Stundenlang hat sie sie gekocht für die Kranke.
Verschwenderische Liebe fährt 600 Kilometer durch die Bundesrepublik,
um dabei zu sein, wenn die Tochter ihr Abschlusszeugnis bekommt.
Sie demonstriert in Stuttgart gegen die Abschiebungen nach Afghanistan
und spricht stundenlang mit einem,
der nur noch im völkischen Denken das Heil für die Zukunft sieht.
Verschwenderische Liebe betet für dich
und umarmt dich, wenn du selber keine Kraft hast zum Lieben.
Verschwenderische Liebe komponiert unglaubliche Musik,
inspiriert von dem Licht eines Rembrandts**.
Und sie singt Töne voller Schmerz.

Liebe ist so verschwenderisch,
dass ihre Tropfen noch reichen für deine Narben,
die auf der Haut und auf der Seele.
Ihr Duft vermischt sich mit den Gerüchen deines Lebens.
Verschwenderisch bis zum Tod.
Nichts wird zurückgehalten.

Und selbst die Scherben tragen genug
für Simon,
für dich und für mich
und für alle da draußen.
Amen.

* Vielen Dank an Jonathan Overlach für diese Formulierung
** Musikalisch wurde der Gottesdienst mit Teilen aus "Golgota" von Frank Martin gestaltet, der seine Passion komponiert hat nach einer Betrachtung des Kupferstichs von Rembrandt "Die drei Kreuze"

Sonntag, 2. April 2017

Keine Opfer mehr! Auch nicht für Gott....

Predigt zu 1.Mose (Genesis) 22, 1-13

I.
(Folgendes aus https://www.unicef.de/informieren/aktuelles/blog/2015/kindersoldaten-erzaehlen/72156)
Der Tag, an dem David ein Kindersoldat wurde, hatte begonnen wie jeder andere Tag.
Der 16-Jährige verabschiedete sich morgens von seinen Eltern in einem Dorf in Südsudan und ging zur Schule. Er kam nicht mehr zurück. Bewaffnete Männer überfielen die Schule und entführten David zusammen mit rund 100 Mitschülern. "Es ist eure Pflicht zu kämpfen und euren Stamm zu verteidigen" - sagte man ihnen. David lernte drei Monate lang in einem Trainingscamp das Kämpfen. „Am schlimmsten war, morgens um drei Uhr geweckt zu werden und bis mittags trainieren zu müssen. Wir haben nur drei Mal pro Woche etwas zu essen bekommen. Wenn du die Waffe nicht richtig bedienen konntest, wurdest du geschlagen. Ich hatte keine Wahl.”

David und die anderen Kindersoldaten wurden an die Front gebracht und gezwungen, zu kämpfen. Sie konnten es nicht ertragen. Gemeinsam planten sie, bei der ersten Gelegenheit zu fliehen – auch wenn das lebensgefährlich war. „Wir waren so verzweifelt“, sagt David.

Unter dem Vorwand, wie üblich Feuerholz zu suchen, flüchteten sich rund 100 Jungen in den Wald. „Wir haben unsere Waffen und Uniformen zurückgelassen“, erzählt David. Die meisten Jungen schlugen den Weg in Richtung Sudan ein. David und vier andere konnten sich nach Bentiu zu einem Stützpunkt der Vereinten Nationen durchschlagen, in dem Zehntausende Menschen Zuflucht vor der Gewalt suchen. David hatte Glück: Eine Familie im Camp hat ihn und zwei andere Teenager aufgenommen.

II.
Kinder werden geopfert.
Für Machtinteressen. Für den Krieg. Für den eigenen Wohlstand. Für den Ehrgeiz.
Und für die Religion.
Die meisten verlieren alles, was ihr Leben ausmacht:
ihre Kindheit und Jugend, ihre Familie, ihre Würde, ihre Zukunft.
Und manche haben Glück und überleben es.
Heute wie vor 3000 Jahren.
Und auch damals begann der Tag wie jeder andere Tag.

Ich lese aus dem 1.Buch Mose, im Kapitel 22:
Nach diesen Geschichten versuchte Gott Abraham und sprach zu ihm:
Abraham! 

Und er antwortete: Hier bin ich.
Und er sprach:
Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du lieb hast,
und geh hin in das Land Morija
und opfere ihn dort zum Brandopfer auf einem Berge, den ich dir sagen werde.
Da stand Abraham früh am Morgen auf
und gürtete seinen Esel
und nahm mit sich zwei Knechte und seinen Sohn Isaak
und spaltete Holz zum Brandopfer,
machte sich auf
und ging hin an den Ort, von dem ihm Gott gesagt hatte.

Am dritten Tage hob Abraham seine Augen auf
und sah die Stätte von ferne.
Und Abraham sprach zu seinen Knechten:
Bleibt ihr hier mit dem Esel.
Ich und der Knabe wollen dorthin gehen,
und wenn wir angebetet haben, wollen wir wieder zu euch kommen.
Und Abraham nahm das Holz zum Brandopfer
und legte es auf seinen Sohn Isaak.
Er aber nahm das Feuer und das Messer in seine Hand;
und gingen die beiden miteinander.
Da sprach Isaak zu seinem Vater Abraham:
Mein Vater!
Abraham antwortete:
Hier bin ich, mein Sohn.
Und er sprach:
Siehe, hier ist Feuer und Holz;
wo ist aber das Schaf zum Brandopfer?
Abraham antwortete:
Mein Sohn, Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Brandopfer.
Und gingen die beiden miteinander.

Und als sie an die Stätte kamen, die ihm Gott gesagt hatte,
baute Abraham dort einen Altar
und legte das Holz darauf
und band seinen Sohn Isaak,
legte ihn auf den Altar oben auf das Holz
und reckte seine Hand aus
und fasste das Messer, dass er seinen Sohn schlachtete.
Da rief ihn der Engel des HERRN vom Himmel und sprach:
Abraham! Abraham!
Er antwortete: Hier bin ich.
Er sprach:
Lege deine Hand nicht an den Knaben und tu ihm nichts;
denn nun weiß ich, dass du Gott fürchtest
und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont um meinetwillen.
Da hob Abraham seine Augen auf
und sah einen Widder hinter sich im Gestrüpp mit seinen Hörnern hängen
und ging hin und nahm den Widder
und opferte ihn zum Brandopfer an seines Sohnes statt.


III.
Auch Isaak hat Glück, dass er überlebt. Wie David.
Aber Abraham ist bereit, seinen Sohn zu opfern. Mit dem Messer in der Hand.
Und schon allein das lässt mir das Blut in den Adern gefrieren.
Wie kann Abraham so etwas tun?
Und was ist das für ein Gott, der so etwas befiehlt?
Will Gott solche Opfer? Die, die sich nicht wehren können?
Will Gott etwa auch, dass Kinder und Jugendliche zu Soldaten gemacht
und damit geopfert werden?
Und mit Entsetzen sehe ich:
diese Geschichte spiegelt auch wider, was wir Menschen einander antun.
Dass wir Menschen einander opfern,
dass das Leben von einzelnen oft so wenig zählt.
Oder was wir erleiden müssen an Verlusten.
Und nicht immer ist ein Engel zu Stelle und verhindert das Schlimmste.

Ich habe den Isaak vor Augen, der neben seinem schweigenden Vater läuft,
und er weiß nicht, was geschieht.
Ahnt er was?
Und was geht in ihm vor, als er auf den Altar gebunden wird?
Und danach.
Kann er seinem Vater überhaupt noch in die Augen sehen?
Hinterher reden sie kein Wort mehr miteinander.

Lied:
|: Sometimes I feel like a motherless child, :| 3x
a long way from home, a long way from home.
|: Sometimes I feel like I'm almost gone, :| 3x
a long way from home, a long way from home.



IV.
Wie kann Abraham so etwas tun?
Er will Gott gehorchen.
Stellt den Befehl Gottes nicht in Frage.
Warum nicht?

Mir lässt diese Frage keine Ruhe.
Viel zu gut wissen wir, welche schrecklichen Folgen blinder Gehorsam hat.
Außerdem sind wir doch keine willenlosen Marionetten eines tyrannischen Gottes!
Nein, wir sind das Ebenbild Gottes, ausgestattet mit Würde und Geist und freiem Willen -
und das alles dürfen wir uns nicht nehmen lassen.
„Ich habe nur meine Pflicht getan“ - genügt nicht.
Das hat noch nie genügt.

In solchen Momenten, wo Menschen geopfert werden sollen, müssen wir „Nein“ sagen.
Was hätte Sarah, Isaaks Mutter, getan, wenn sie den Befehl erhalten hätte?
Hätte sie sich überhaupt auf den Weg gemacht
oder hätte sie nicht vielmehr gelacht
und damit jedes Einschreiten des Engels überflüssig gemacht?
Und mir fallen Worte von Emil Fackenheim in die Hände,
ein jüdischer Philosoph:
„Abraham hat die Prüfung nicht bestanden.
Er ist durchgefallen.
Als Gott Abraham befahl, Isaak zu opfern, wollte Er Abrahams Weigerung.
Er wollte nicht ‚Ja‘, sondern ‚Nein‘.“
   
Wenn wir Menschen stark genug wären, Nein zu sagen, wo es nötig ist -
uns zu verweigern, wo Menschen geopfert werden sollen,
dann könnten viele Kriege und viel Leid verhindert werden.
Dann gäbe es keine motherless children mehr.
Und keinen Verrat an unseren Kindern.
Wo Flüchtlinge in Kriegsgebiete zurückgeschickt werden, braucht es mein Nein.
Wo Hass gesät wird
oder durch Brandanschläge Todesopfer in Kauf genommen werden:
Da muss mein Nein laut sein. Und klar.
Und zusammen mit deinem Nein wird es noch lauter und klarer.

V.
Ich denk‘, ich schreib‘ euch besser schon beizeiten

Und sag‘ euch heute schon endgültig ab.

Ihr braucht nicht lange Listen auszubreiten,

Um zu sehen, daß ich auch zwei Söhne hab‘.

Ich lieb‘ die beiden, das will ich euch sagen,

Mehr als mein Leben, als mein Augenlicht,

Und die, die werden keine Waffen tragen,

Nein, meine Söhne geb‘ ich nicht!
 

Ich habe sie die Achtung vor dem Leben,

Vor jeder Kreatur als höchsten Wert,

Ich habe sie Erbarmen und Vergeben

Und wo immer es ging, lieben gelehrt.

Nun werdet ihr sie nicht mit Haß verderben,

Kein Ziel und keine Ehre, keine Pflicht

Sind‘s wert, dafür zu töten und zu sterben,

Nein, meine Söhne geb‘ ich nicht!……

(Auszug aus Reinhard Mey: Nein, meine Söhne geb’ ich nicht - https://www.youtube.com/watch?v=e0qPsYTBCtQ)

VI.
Abraham hat kein Nein gesagt.
Aber hätte Gott sich das Nein gewünscht: warum macht er das nicht deutlicher?
Warum spielt er mit ihm wie mit Hiob?
Menschen sind doch keine Spielfiguren, die Gott mal eben austestet.
Nach dem Motto: Mal sehen, wie weit ich mit Abraham und Isaak gehen kann?
An so einen Gott kann und will ich nicht glauben.

Und doch - trotz aller Zweifel -  ist da auch etwas Wichtiges,
etwas erschreckend Vertrautes:
Hier zeigt sich ein Gott, der fremd ist, dunkel.
Ein Gott, an dem wir irre werden.
Weil er auf der falschen Seite steht.
Einer, dem Abraham seinen Sohn opfert
und mit ihm auch all seine Hoffnung und Zukunft,
die er auf Gott gesetzt hat.
Was bleibt da noch übrig an Glauben?
Ein Glaube, der unterzugehen droht…
Almost gone….
Ja, das ist die Erfahrung großer Gottesfinsternis,
mir vertraut und euch bestimmt auch -
wenn wir ihn und die Welt nicht mehr begreifen -
gar nicht mehr begreifen wollen,
weil sich Abgründe auftun, wenn wir an diesen Gott denken.
Und ihm darum am liebsten den Rücken zukehren würden.

VII.
Abraham wendet diesem Gott nicht seinen Rücken zu.
Vielleicht hätte er Nein sagen können oder sollen.
Aber vielleicht ist da doch mehr.
Ein Rest Hoffnung, den er nicht bereit ist, zu opfern.
Isaak fragt ihn - nichts ahnend, was mit ihm geschehen soll:
Vater, wo ist das Schaf zum Brandopfer?
Da antwortet Abraham: „Mein Sohn, Gott wird sich ein Schaf zum Brandopfer ersehen.“


Vielleicht weicht Abraham nur aus
oder vielleicht ist seine Antwort sogar zynisch.
Aber vielleicht - und das hoffe ich - steckt da wirklich der Rest Hoffnung drin,
den Abraham noch hat.
Die Hoffnung:
Am Ende ist Gott doch und immer noch der Freund,
der er bis zu diesem Tag gewesen ist.
Am Ende wird er den unmenschlichen Befehl zurücknehmen.
Am Ende sind hoffentlich weder Isaak noch Abraham motherless children.
Vielleicht ist es das, was Abraham nicht irre werden lässt.
Und ich hoffe, dass er nur darum diesen Weg geht.
Weil er an den barmherzigen Gott glaubt - gegen den gnadenlosen Gott.
Er hält daran fest:
die dunkle Seite Gottes, die ich hier zu sehen bekomme, kann nicht alles sein.
Das ist nicht mein Gott. Da ist noch mehr.
Und das ist stärker.

VIII.
Seine Hoffnung behält recht - Gott sei dank.
Und darum möchte ich die Geschichte von hinten her lesen und verstehen.
Denn letztlich macht dieser Schluss das Entscheidende klar:
Gott will kein Menschenopfer!

In der Umgebung Israels gab es Kinderopfer
und der Prophet Jeremia klagt noch im 6.Jahrhundert v.C. über Menschenopfer in Israel.
Abraham war also nur einer in einer langen Reihe, die für Gott töten.
Aber am Ende unserer Geschichte steht Gottes Nein da.
Gott selbst ist es, der am Ende den Mord an Isaak verhindert.
Und der ihn nicht motherless zurücklässt.

Dadurch rückt er auch zurecht, wie wir uns Gott ausmalen.
Gott zeigt sich als die Mutter, die das Leben will, nicht den Tod,
als ein Gegenüber, das von uns ein rechtzeitiges Nein erwartet.
Und das keine Opfer will, sondern lebendige Menschen -
Menschen, die lieben und essen und schlafen,
schreiben, malen und Musik machen,
die diskutieren, vertrauen und Kinder groß ziehen,
die traurig sind und fröhlich
und sich gegenseitig in die Augen schauen können.

Keine Opfer mehr!
Dies gilt für alle: für die Kinder und Jugendlichen,
die wie David als Soldaten ihre Kindheit, ihre Zukunft und ihr Leben verlieren.
Das gilt für die Opfer von Gewalt und Kriegen,
für die Opfer der Flucht über das Mittelmeer, die keine legalen Wege zu uns finden.
Alles das gehört abgeschafft.
Denn Gott selbst singt: Nein, meine Söhne, meine Töchter gebe ich nicht.

Und der Friede, welcher höher ist als all unsere Vernunft 
bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

Sonntag, 12. März 2017

Alle wie Amos: Da bleiben, weiter reden, weiter denken

Rede anlässlich der AMOS-Preisverleihung 12.3.2017

I.
„Der Herr nahm mich von der Herde und sprach zu mir:
Geh hin und weissage meinem Volk Israel!“ (Amos 7,15)

Das hat Amos sich aufgeschrieben, damit er es nicht vergisst.
Vor allem, wenn er sich fragt:
Wie bin ich da nur hineingeraten - in diesen Schlamassel?

Mir ist diese Frage sehr vertraut.
Spätestens seitdem ich am 23. Februar 2014 auf einem Übertragungswagen stand.
23. Februar - der Gedenktag zur Zerstörung Pforzheims am Ende des Krieges.
Ein Tag, der - wie in Dresden - auch von Rechtsextremen missbraucht wird.
Gegen diese Rechten demonstrierten mehrere 100 Menschen.
Und vor diesen Demonstrierenden hielt ich eine Rede.

Da bin ich in was hineingeraten….
„Pforzheim war keine unschuldige Stadt.“
Im Netz und in den Zeitungen hängt dieser Satz an mir wie mit Kleister.
Mir war zwar vorher klar: Ich mache mich unbeliebt. Viele wollen das nicht hören.
Aber ich hätte nicht geglaubt, dass dieser Satz so viel Wut und Hass freisetzen würde.
Und dass mich deswegen viele in die Wüste schicken wollen, zumindest raus aus Pforzheim.

Aber ich hätte damit rechnen müssen:

Gut 20 Jahre zuvor wurden die Pfarrer Curt-Jürgen Heinemann-Grüder und Horst Zorn
in Pforzheim beschimpft und geschmäht:
sie haben dafür gesorgt, dass in Huchenfeld, einem Pforzheimer Stadtteil,
eine Mahntafel für fünf ermordete englische Kriegsgefangene errichtet wurde.
Viele Pforzheimer wollten an so was nicht erinnert werden
und begründeten das mit den 17.000 Toten der Bombardierung.
Die beiden galten als Nestbeschmutzer oder gar Verräter.

Oder 2003:
da wurde mein Vorgänger, Dr. Hendrik Stössel, von keinem Geringeren als Stefan Mappus
in die linksextreme Ecke gestellt,
weil er die Wehrmachtsausstellung von Reemtsma
in der Stadtkirche in Pforzheim ermöglichte.

Und dass das Rathaus und die Gemeinderatsfraktionen jahrelang nur zugesehen haben,
wie die rechten Fackelträger den Gedenktag der Zerstörung missbrauchten, wusste ich auch.
Erst als die NSU-Morde ans Licht kamen, wachten die Gemeinderäte auf.
Aber auch nur ein bisschen.
Die Sorge, dass die Ruhe gestört werden könnte, war immer größer
als der Wunsch, deutliche Zeichen zu setzen.
Wer sich gegen die Neonazis stellte, galt als links.
Und das war und ist in ihren Augen schlecht.

II.
Wie bin ich da nur hineingeraten?

Mein Großvater trat demonstrativ aus der NSDAP aus.
Da war Hitler gerade an die Macht gekommen.
Es hat mich schon als Kind schwer beeindruckt,
dass in dem Moment, als alle eintraten, er das Gegenteil tat.
Er tat es, weil er verhört wurde wegen seiner Freundlichkeit gegenüber Juden und Polen.
Und er tat es, obwohl er sich damit Feinde machte.
Und er verweigerte weiterhin den Hitlergruß.
Sein christlicher Glaube gab ihm dazu die Kraft.
Das alles jedenfalls erzählte meine Mutter mir und meinen Geschwistern.

Wir hörten genau zu.
Vielleicht auch, weil wir wussten, wie sich das anfühlt: nicht dazu zugehören.
Meine Mutter war nicht verheiratet. Mein Vater hatte bereits eine andere Familie.
Und so lebten wir als uneheliche Kinder in Familienverhältnissen,
die in den 60er und Anfang der 70er Jahre noch sehr verpönt waren.
Meine Mutter wurde als Nutte beschimpft.
Verwandte wollten mit ihr nichts mehr zu tun haben
und der Vermieter verbot ihr, die Sauna zu benutzen.

Aber ihr Bruder unterstützte sie.
Und es gab einen Ort, wo wir trotz und mit diesem „Makel“ willkommen und gewollt waren:
das war die Kirchengemeinde.
Die Gemeindehelferin organisierte Babysitter und nahm uns auf Freizeiten mit.
Wir Kinder feierten Kindergottesdienst und leiteten später Jugendgruppen.
Die Gemeinde war - neben meiner Familie - der einzige Ort,
wo ich über die Alkoholerkrankung meiner Mutter offen reden konnte.

Und das hat mich bis heute geprägt:
Die Kirche zeigt und lebt, dass für Gott jeder einzelne Mensch gleich wichtig ist.
Was gesellschaftlich als normal gilt, ist hier nicht das Wichtigste.
Niemand darf ausgegrenzt oder ausgeschlossen werden.
Die Welt ist kompliziert und die rasanten Veränderungen machen vielen Angst.
Aber keine Welt hat das Recht, Menschen in 1. und 2. Klasse zu unterteilen.
Auch wenn es unser Weltbild durcheinanderbringt.

Die Rechten von damals und von heute machen aber genau dies:
Sie unterteilen in 1. und 2. und 3. Klasse, wer zum Volk gehört und wer nicht.
Und mit Ressentiments und festgefügten Feindbildern schüren sie Ängste gegen Minderheiten,
denn diese bringen Unruhe - in die Ordnung, in das eigene Weltbild, das eigene Denken.
Das Ganze verbinden sie mit einem gottlosen Nationalismus -
gottlos, weil er ohne Gott auszukommen meint.
Die Nation ist dann mit ihren Grenzen wichtiger als alles andere -
vor allem wichtiger als die Menschenwürde.

III.
Tja, so bin ich da hineingewachsen.
Ich bin nicht einfach so hineingeraten,
vielmehr war ich schon immer mittendrin
in diesem Gemengelage aus Wärme und Güte
und einer Wolke von Zeugen, die gar nicht anders konnten, als sich einzumischen.
Natürlich kenne auch ich die Versuchung, in Klassen zu denken.
Aber wenn jemand anfing, Menschen abzuwerten
oder meinte bestimmen zu können, ob es jemand verdient hat, zum Volk zu gehören,
musste ich widersprechen.
Die von Gott geschenkte Menschenwürde hat immer Vorrang -
auch vor meinem eigenen Kleingeist.

Darum: Mund auf!
Auch in Pforzheim.
Auch und gerade als Theologin und als Dekanin.
Und auch, wenn es politisch wird.
Die Bibel erzählt vom Reich Gottes - das ist für mich politisch.
Die Niedrigen werden erhöht,
die Sanftmütigen und Verfolgten selig gepriesen.
Die Nächstenliebe hört beim Fremden nicht auf
und die Hungernden bekommen zu essen.
Das alles muss ich auch politisch hören.
Sonst setze ich dem Evangelium Grenzen.

Ich erinnere an die 2.These der Barmer Theologischen Erklärung:

Wie Jesus Christus Gottes Zuspruch der Vergebung aller unserer Sünden ist, so und mit gleichem Ernst ist er auch Gottes kräftiger Anspruch auf unser ganzes Leben; durch ihn widerfährt uns frohe Befreiung aus den gottlosen Bindungen dieser Welt zu freiem, dankbarem Dienst an seinen Geschöpfen.
 

Wir verwerfen die falsche Lehre, als gebe es Bereiche unseres Lebens, in denen wir nicht Jesus Christus, sondern anderen Herren zu eigen wären, Bereiche, in denen wir nicht der Rechtfertigung und Heiligung durch ihn bedürften.

Den christlichen Glauben von irgendeinem Bereich des Lebens auszuschließen,
ist mir auf dieser Grundlage nie in den Sinn gekommen.
Mein Bekenntnis zu Jesus Christus bezieht selbstverständlich
auch den gesellschaftlichen und politischen Bereich des Lebens mit ein.
Ich verstehe das freilich nicht parteipolitisch,
aber kritisch gegen ausgrenzende Positionen von Parteien.
Und immer im Sinne einer Parteinahme
für die Armen, die Benachteiligten, die Verfolgten und Gedemütigten -
kurz für alle, die allzu schnell abgewertet werden:
ob sie nun aus einem anderen Land kommen,
einen anderen Glauben haben, anders lieben oder anders aussehen.

IV.
So bin ich da hineingeraten, bin ich mittendrin -
auch in diesem Konflikt in Pforzheim.
Er ist ein Konflikt unserer gesamten Gesellschaft.

Und deswegen stehe ich hier und bekomme einen Preis in der Tradition des Propheten Amos.
Das ist für mich eine große Ehre und ich freue mich darüber.

Vielleicht kann ich mich mit Amos tatsächlich verbunden fühlen.
Es ist ja für mich - wie gesagt - selbstverständlich,
gegen alles Menschenfeindliche den Mund aufzumachen -
erst recht, wenn es vor meiner Haustür stattfindet.
Besonders mutig bin ich dabei nicht,
sondern ich übernehme schlicht Verantwortung.
Ich bin nun mal in der Position, wo ich auch gehört werde.
Gott, der Herr, redet, wer sollte nicht Prophet werden? fragt Amos selbst (Amos 3,8).
Also ducke ich mich auch nicht weg.

Ein anderer Punkt ist mir aber noch viel wichtiger:
Ich mach das Ganze nicht allein,
sondern zusammen mit vielen, die mit mir den Weg gehen.
Vorne weg meine Familie, die immer hinter mir steht:
mein Mann, meine Söhne, meine Tochter, meine Schwester, mein Bruder.
Aber auch die Kollegen und Kolleginnen, die Stadtsynode,
viele Gemeindeglieder, meine Kirchenleitung,
meine Freunde und Freundinnen - auch aus dem Internet -
und nicht zuletzt die Engagierten von der Initiative gegen Rechts.
Wir sind eine Wolke von Zeugen und Zeuginnen
für eine menschenfreundliche und vielfältige Gesellschaft.
Eine "Amos-Wolke".

Und der dritte Punkt:
Alle müssen wie Amos sein.
Dann brauchen wir noch nicht mal so einen Preis,
weil das „Wie Amos sein“ nichts Besonderes mehr ist.
Es sollte doch für alle Menschen selbstverständlich sein,
dass sie ihren Mund auftun für die Stummen,
dass sie Mitleid empfinden für die Gedemütigten
und laut widersprechen, wo die Grundrechte mit Füßen getreten werden.
Gott, der Herr, redet, wer sollte nicht Prophet werden? 
Alle müssen wie Amos sein. Dann brauchen wir auch keinen Preis.

V.
Alle wie Amos –
für diese Alle, jede und jeden Einzelnen, nehme ich diesen Preis entgegen.
Ich bin sehr dankbar und fühle mich außerordentlich geehrt.
Aber nicht weil ich diesen Preis besonders verdient hätte.
Nein, ich empfange den Preis stellvertretend
für alle, die ihren Mund auftun und für Menschlichkeit eintreten.
Mit mir werden alle geehrt, die dafür angefeindet werden,
die als Gutmenschen beschimpft, als Bahnhofsklatscher diffamiert werden.
Ich nehme den Preis für alle Theologen und Theologinnen,
denen man nicht zugesteht, dass sie sich politisch äußern und widersprechen.
Und für alle, die man deswegen aus der Stadt vertreiben will.

Wir lassen uns nicht vertreiben.
Wir gehen nicht weg.
Wir rechnen damit, dass uns die vertreiben wollen,
die eine scheinsaubere Gesellschaft vor Augen haben:
wie damals bei Amos, bei den Kollegen Heinemann-Grüder, Zorn und Stössel,
wie bei meiner Mutter.
Wir bleiben. Und stören. 

Weil unsere Worte gebraucht werden für das gute Leben.
„Sucht das Gute und nicht das Böse, auf dass ihr lebt" (Amos 5,14) - so Amos.

Wir schauen nicht weg,
wir ducken uns nicht weg,
denn sonst lassen wir das Böse seinen Weg gehen.
Wir fragen nicht mehr: wie bin ich da nur hineingeraten?
Denn wir sind schon mitten drin -
in diesen beunruhigenden Entwicklungen.

Wir gehen nicht weg.
Wir werden weiterreden
und wir denken weiter,
wie wir das Gute suchen und nicht das Böse.
Wir klären, wie wir unsere Kirche davor schützen,
dass sie von Rechten immer mehr unterwandert wird.
Und wir ermutigen uns zu Worten,
die nicht gerne gehört werden, aber notwendig sind.

Worte des Himmels.
Worte eines Gottes, vor dem wir alle gleich sind.
Worte wie:
Willkommen, du Mensch von nah und fern und egal, was du glaubst.
Angst brauchst du bei uns nicht mehr zu haben.
Du gehörst dazu, egal was die anderen sagen.*

Am Ende
lachen wir den Angstmachern und Ausgrenzerinnen frech ins Gesicht.
Und Amos - lacht mit.


(* zur Erklärung: ich bin nicht so naiv zu denken, dass wir nur alle willkommen heißen müssen und dann ist alles gut. Und die Probleme, die damit u.U. einhergehen, blenden wir aus. Aber es geht um eine grundsätzliche Haltung: Sehe ich im anderen meinen Bruder oder meine Schwester (Matthäus 25) oder nicht? Sehe ich in ihm/ihr ein geliebtes Kind Gottes oder nicht? Wenn ich das mit ja beantworte - und Jesus sagt "Ja" -, gehört der/die andere dazu. Das schließt auch Regeln und Akzeptanz der Grundwerte mit ein. Und darum müssen wir gemeinsam ringen. Billiger geht es nicht.)

Sonntag, 12. Februar 2017

Gut, dass du da bist - Grenzen, Kaffee, Lächeln, Schmatzen

Predigt zu Matthäus 9,9-13 zum Abschluss der Vesperkirche

Und als Jesus von dort wegging,
sah er einen Menschen am Zoll sitzen, der hieß Matthäus;
und er sprach zu ihm: Folge mir!
Und er stand auf und folgte ihm.
Und es begab sich, als er zu Tisch saß im Hause,
siehe, da kamen viele Zöllner und Sünder
und saßen zu Tisch mit Jesus und seinen Jüngern.
Als das die Pharisäer sahen, sprachen sie zu seinen Jüngern:
Warum isst euer Meister mit den Zöllnern und Sündern?
Als das Jesus hörte, sprach er:
Nicht die Starken bedürfen des Arztes, sondern die Kranken.
Geht aber hin und lernt, was das heißt (Hosea 6,6):
»Barmherzigkeit will ich und nicht Opfer.«
Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder.


I.
Der alte Herr kommt jeden Tag. Vier Wochen lang.
Aber dieses Jahr das erste Mal.
Er wusste von der Vesperkirche. Dass es sie gibt.
Aber doch nicht für ihn.
Er ist ja nicht arm.
Hat eine Wohnung. Eine gute Rente. Und seine Frau.
Aber die ist nun nicht mehr da.
Und seitdem ist es leer zu Hause.
Vier Wochen lang war hier Platz für ihn.
Ein freundliches Lächeln an der Kaffeetheke,
ein offener Blick bei der Essensausgabe,
und immer jemand zum Reden.
Über die einsamen Stunden,
das leere Bett neben seinem Bett,
die Bilder an der Wand von früher,
die Kissen, die sie bestickt hat, und über die er früher geschmunzelt hat.
Erinnerungsstücke nun.
Und das tut immer noch weh.
Hier kann er das erzählen.
Und es lacht ihn keiner aus.
Ein warmer Händedruck - das genügte.
Gut, dass du hier bist.
Komm, setz dich an den Tisch.

II.
Die alte Dame aus dem Nachbardorf kommt schon seit Jahren.
Nicht jeden Tag, aber so dreimal die Woche.
Ihr Mann ist schon vor Jahren gestorben.
Und sie hat sich ganz gut eingerichtet - so allein.
Sie geht aber nicht gern aus dem Haus. Schon gar nicht im Winter.
Aber wenn Vesperkirche ist, dann nimmt sie den Bus.
Und freut sich auf die vertrauten Gesichter hier.
Auf das warme Essen.
Und die Andacht zum Schluss.
Letztens hat eine Musikerin, die Frau Albert, sogar Mundharmonika gespielt.
Und bei der Schlussmelodie haben alle mitgesummt.
Die freundlichen Blicke sind es, die sie hierher locken.
Heraus aus ihrer Wohnung.
Gut, dass du hier bist.
Komm, setz dich an den Tisch.

III.
Dann ist da noch der 30jährige, der aussieht wie 50.
Alkohol und Heroin haben seinen Körper kaputt gemacht.
Oft kann er sich gar nicht aufrecht halten.
Noch nicht mal Tisch.
Aber hier wird er in Ruhe gelassen.
Gut, dass du hier bist.

Am Tisch nebenan eine junge Frau.
Sie kramt in ihrem Portemonnaie.
Geldscheine kommen nicht zum Vorschein,
sie räumt Zettel und Fahrkarten hin und her.
Mit ihren Freunden kann sie kaum noch reden.
Ihr Leben ist ohne Arbeit viel zu langweilig geworden.
Gut, dass du hier bist.
Komm, setz dich an den Tisch.

IV.
Matthäus ist auch da.
Sitzt hier - mit Jesus an einem Tisch.
Und mit den anderen, die er gar nicht kennt.
Und mit denen er normalerweise nie an einem Tisch sitzt.
Die alte Dame. Der Witwer. Der Junkie. Die Arbeitslose.
Es spielt gar keine Rolle mehr, wer sie sind und was sie tun.
Nur was sie hierher gebracht hat und was sie brauchen.
Und was sie brauchen, ist so unterschiedlich:
das Essen, der Kaffee, die Wärme, das Gespräch,
der Tisch, Ruhe, Abwechslung, freundliche Hände und Augen.
Aber eins brauchen sie alle:
den Satz: Gut, dass du hier bist.

V.
Gut, dass du dich auf den Weg gemacht hast,
dich überwunden hast.
Du bist gekommen, obwohl es glatt ist.
Und obwohl du denkst, dass du nicht hierher gehörst.
Du bist hier mit deinen Schmerzen und deiner Schuld und deinem Frust.
Die Stimme in dir sagt dir: Du hast es nicht verdient, hier zu sein.
Und doch bist du da.
Gut so.
Hier darfst du sein. Du darfst du sein.
Musst nicht stark sein. Nicht schlau. Nicht gerissen und nicht hübsch.
Die Tür zur Vesperkirche ist offen für dich.
Die Tische sind gedeckt. Der Kaffee gekocht. Die Malstifte gespitzt.
Und Jesus ist auch da.
Für dich. Und für die anderen auch.

VI.
Es gibt Menschen, die stört es, dass Jesus keinen Unterschied macht.
Dass er einfach da ist und sich nicht aufhalten lässt.
Weder von Regeln noch von Normen oder menschlichen Maßstäben.
Grenzen, die du und ich aufstellen, interessieren Jesus nicht.
Bei Jesus gibt es keine Mauer zwischen zwei Völkern
und keinen Einreisestopp.
Die Volkszugehörigkeit spielt keine Rolle
und wie jemand an Gott glaubt, ob überhaupt oder nur ein wenig,
darüber lässt sich zwar trefflich reden,
aber nicht urteilen.
Es sei denn, dass dieser Jemand anderen den Tisch verbietet.
Und das Hier sein.
»Barmherzigkeit will ich und nicht Opfer.«
Keinen korrekten Glauben. Auch nicht eifrig die Gebote erfüllen.
Sondern barmherzig sein.
Da sein. Lieben. Umarmen. Wärme geben. Annehmen. Helfen.

VII.
Auch Matthäus hat mal Grenzen gezogen.
Er hat als Zöllner nicht jeden hereingelassen in die Stadt.
Nur wer genügend bezahlen konnte, kam durch.
Und er bestimmte den Preis.
Doch das hat ihn selber ausgeschlossen.
Nämlich von der Liebe. Von der Weite Gottes.
Dann ist er Jesus begegnet.
Der hat die Schranke aufgemacht.
Die Schranke von seinem Zollhaus.
Zu seinem Leben.
Zum Herzen und zu allem, was ihn hart gemacht hat und einsam.

Er braucht die Schranken nun nicht mehr.
Er ist wertvoll, geliebt - einfach so,
auch ohne Geld und ohne Macht und ohne Einfluss.
Jetzt sitzt er hier am Tisch. Mit Jesus.
Gut, dass ich hier bin. Denkt Matthäus.
Hier gehöre ich her.
Ohne Grenzen und ohne Schranken,
aber mit gutem Essen und warmen Händen
und einem offenen Herzen.
Denn ich bin es Jesus wert.
Und die anderen auch.

VIII.
Ja, auch die, die es stört, was Jesus da macht.
Auch die sind es wert, dass sie dabei sind.
Geht hin und lernt, was das heißt:
»Barmherzigkeit will ich und nicht Opfer.«
Sagt Jesus.
Kommt, setzt euch auch an den Tisch.
Hier haben Zöllner, Sünder, Kranke, Kluge und Ängstliche alle Platz.
Ihr auch.
Denn Gottes Herz ist weit und warm und groß genug.
Öffnet die Schranken eures Herzens.
Klettert über die Mauer aus Normen und Maßstäben und Korrektheit.
Ich halte euch die Hand und zieh euch rüber.
Und dann werdet ihr schmecken und sehen und riechen und fühlen,
was das heißt: Barmherzigkeit will ich.
Ihr werdet mir begegnen.
Hier hat alles Platz, was das Leben ausmacht:
hier wird geweint und gelacht, geschmatzt und gemalt,
einer schaut missmutig und grummelt vor sich hin,
eine lächelt und nimmt ihn in den Arm,
Einer ruht sich aus und eine andere spielt mit den Kindern.
Und auch, wenn sich einer daneben benimmt, behält er seine Würde.
Und darf morgen wieder kommen.
Denn dann bin auch ich wieder da.

IX.
Die Vesperkirche hört heute auf. Bis zum nächsten Jahr.
Aber die Wärme und die Weite und die Liebe nehmt ihr mit in euer Leben.
Und ihr breitet sie weiter aus.
Ihr, die ihr Essen ausgeteilt und Kaffee ausgeschenkt habt.
Und die ihr gespült habt und Brot geschmiert und Toiletten geputzt.
Und auch ihr, die ihr hier Gäste wart. Täglich oder einmal die Woche.
Ihr Trauernden, Einsamen, Fröhlichen, Ängstlichen und Kranken.
Ihr Klugen, Schönen, Gestressten, Gelangweilten.
Alle ihr nehmt die Liebe mit. Die Weite. Und die Wärme.
Und ihr sagt nein, wo Menschen ausgegrenzt werden.
Ihr reißt Schranken und Mauern ein oder klettert einfach darüber.
Das ist nicht leicht. Und es wird Menschen geben, die das nicht wollen.
Aber Jesus wird dann auch da sein.
Und es sich bei euch bequem machen.

Und dann werdet ihr sagen:
Gut, dass ich hier bin.
Komm, setz dich mit mir an den Tisch.
Amen.

Montag, 6. Februar 2017

Majestätisches Leben und Sterben

Predigt zu Matthäus 17,1-9 und zu Filmausschnitten von "Das Beste kommt zum Schluss" (The Bucket List)

Wir haben die Filmausschnitte während der Predigt vorgeführt (und natürlich dafür auch eine Lizenz eingeholt). Gott sei Dank hatte ich einen guten Techniker, der die Ausschnitte vorher heruntergeladen hat. Aber die Szenen sind auch so gewählt, dass man zur Not "hinspringen" kann). Zum Verständnis der Predigt gebe ich sie relativ ausführlich wieder (mit dieser Schriftfarbe). Eine Inhaltsbeschreibung des gesamten Films findet man unter https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Beste_kommt_zum_Schluss
Das Lied in der Predigt hatte sich das Gottesdienstteam zuvor gewünscht. 
Die Bibeltextstellen wurden von einem Teammitglied gelesen.


I.
Szene 1 (0:19 - 1:20)
(Himalayagebirge - ein Bergsteiger stapft mühsam durch Schnee und Eis bergan. Dazu eine Stimme (Carter):)
Edward Perriman Cole starb im Mai. Es war ein Sonntag nachmittag und es war nicht eine Wolke am Himmel. Es ist schwer das Leben eines Menschen in seiner Bedeutung zu beurteilen. Einige würden sagen, man misst es an denen, die man zurücklässt. Einige würden sagen, man misst es am Glauben oder an der Liebe. Andere wiederum sagen, das Leben hat nicht die geringste Bedeutung.
Ich - ich glaube man misst sich an den Menschen, die sich ihrerseits an einem selbst messen.
Was ich Ihnen mit Sicherheit sagen kann, ist, dass Edward Cole, egal woran man es messen will, in seinen letzten Tagen mehr gelebt hat, als es die meisten Menschen in ihrem ganzen Leben tun. Ich weiß, als er starb, waren seine Augen geschlossen und sein Herz offen.


II.
Und nach sechs Tagen nahm Jesus mit sich 
Petrus und Jakobus und Johannes, dessen Bruder, 
und führte sie allein auf einen hohen Berg.

Gleißendes Licht vor dunkelblauem Himmel.
Mühsames Stapfen durch Geröll und Sand. Und Schnee und Eis.
Und dann endlich oben angekommen. Müde. Aber frei.
Auf die Welt schauen.
Und Gott spüren. Ganz allein mit Jesus.
Ohne die anderen.
Ohne die, die immer was von einem wollen,
und man weiß nicht, was man für sie tun kann.
Gott ganz nah in dieser dünnen Luft,
wo das Blau intensiver ist als sonst und die Sonne heller scheint.
Am Ende der Welt. Auf dem Dach der Welt.
Und das Herz wird weit.

Die Herzen von Edward und Carter sind eng,
als sie sich das erste Mal begegnen.
Denn sie sind todkrank.
Carter, der kluge, gläubige Familienmensch,
und Edward, der zynische, reiche Krankenhausbesitzer.
Beide in einem Zimmer.
Beide mit derselben Diagnose: nur noch ein paar Monate.
Sie könnten aber unterschiedlicher nicht sein.
Und doch freunden sie sich an. Öffnen zaghaft ihre Herzen.
Vielleicht spüren sie, dass sie füreinander gut sein können.

III.
Szene 2 (Kapitel 7 - 28:16 - 32:34) 
Im Krankenzimmer: Thomas (der eigentlich Matthew heißt) zieht die Gardinen auf ("Begrüßen wir den Tag mit einem Lächeln" - Stinkfinger von Edward - "ja, oder so") - Edward nimmt einen auf dem Boden liegenden, zerknüllten Zettel aus Toms Hand, bevor der diesen wegwirft. Edward sagt Thomas, das er bei Christies dieses Jahr nicht bieten wird. Tom fragt Edward, was er tun soll im Falle des Todes. „Gehen Sie vor, als wäre es ihr eigener“ - und schickt ihn Mandelcroissants holen
Thomas verlässt den Raum. Edward faltet das Papier auf und liest.
Carter (C) wird wach - sieht, das Edward (E)den Zettel liest. 

C:Was machst du da?  
E: Was ist das?
C (genervt): Komm, gib es her.
E: Es lag auf dem Boden. Ich wusste nicht, dass es ein Staatsgeheimnis ist
C erklärt, dass die Idee von seinem Philosophieprofessor stammt, als Aufgabe im vorausschauenden Denken. Sie sollten damals eine Löffelliste erstellen: was sie tun wollen, bevor sie den "Löffel abgeben".
C: Ich wollte nun die Liste erneuern. Aber dann…. 

E liest: „Einem fremden Menschen etwas Gutes tun - Lachen bis ich weine - das sind nicht unbedingt Brüller
C: Naja, jetzt ist es ja sowieso egal.
E: Ich würde sagen: das Gegenteil ist der Fall!  (Fängt an zu schreiben). 

C: Was machst du da?
E: Nur eine kleine Korrektur. Ich meine, willst du nicht abtreten wie ein Mann?
Feuerwerk, Kanonenschüsse, Ramba Zamba
C: So war das nie gedacht… Kanonenschüsse, Ramba Zamba....
Du verdrehst komplett den Sinn der Sache!
E: Was zum Geier soll das sein: Etwas Majestätisches erfahren?
C lächelt: warst du mal im Himalaya?
E rollt mit den Augen: Eine Fahrt mit dem Mustang Chevy - nicht übel
Ich habe auch eine Idee: Fallschirmspringen - wie wäre es damit?  - C stöhnt.
E: Jetzt kommen wir der Sache schon bedeutend näher
C: Wir kommen der Sache näher? Lass mal sehen...
E. gibt C die Liste. C liest. Lacht.
C: Das schönste Mädchen auf der Welt küssen? Und wie bitte willst du das anstellen?
E: Nie aufgeben        

C + E lachen gemeinsam
C liest weiter: Ein Tattoo - das sind deine verbliebenen Wünsche?
Ich habe Bäder genommen, die tiefgründiger waren.
E: im ersten Semester Philosophie ist Tiefgründigkeit leicht.
Was hat Doktor H. Gesagt? Wir haben nur noch Monate, richtig?
C: 1 Jahr vielleicht
E: Weißt du nicht, wie schnell 45 Jahre vergangen sind? 

Wir könnten das tun - Wir sollten es tun!
C: Nein, nein, ich könnte das gar nicht...
E: Wenn ich etwas habe, dann Geld. Also lassen wir das aus dem Spiel!
C: Aber ich  - nein, ich weiß nicht.  

E: Was weißt du nicht?
C: Das Ganze war anders gemeint. Ein metaphorischer Gedanke. Ich wollte doch nur irgendwie versuchen….
E: Bla bla bla - Metaphern - du jammerst doch rum, dir sei so viel entgangen…  Hier ist deine Chance
C: Eine Chance für was? Mich wie ein Idiot aufzuführen?
E: Es ist nie zu spät.


IV.
Edward und Carter machen sich auf den Weg.
Die Löffelliste erledigen, bevor es zu spät ist.
Einem fremden Menschen was Gutes tun.
Lachen, bis ich weine.
Fallschirm springen.
Autorennen. Ein Tattoo stechen lassen.
Safari. Pyramiden. Taj Mahal.
Edward erzählt auf der Reise von seiner Tochter, mit der er sich zerstritten hat.
Und Carter weiß nicht, ob er zu seiner Frau zurückkehren soll.
Offene Fragen: Wie willst du bestattet werden?
Hat wirklich ein Gott die Sterne geschaffen?
Wartet er am Ende des Lebens auf mich?
Wird sich die Pforte für mich öffnen? ———
Schließlich landen Carter und Edward sogar im Himalaya.
Und das ist der Wendepunkt ihrer Reise.

V.
Nach sechs Tagen nahm Jesus mit sich 
Petrus und Jakobus und Johannes, dessen Bruder, 
und führte sie allein auf einen hohen Berg.
Und er wurde verklärt vor ihnen,
und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne,
und seine Kleider wurden weiß wie das Licht.
Und siehe, da erschienen ihnen Mose und Elia; die redeten mit ihm.
Petrus aber antwortete und sprach zu Jesus:
Herr, hier ist gut sein!
Willst du, so will ich hier drei Hütten bauen,
dir eine, Mose eine und Elia eine.
Als er noch so redete, siehe, da überschattete sie eine lichte Wolke.
Und siehe, eine Stimme aus der Wolke sprach:
Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe;
den sollt ihr hören!
Als das die Jünger hörten, fielen sie auf ihr Angesicht und fürchteten sich sehr.
Jesus aber trat zu ihnen, rührte sie an und sprach:
Steht auf und fürchtet euch nicht!
Als sie aber ihre Augen aufhoben, sahen sie niemand als Jesus allein.
Und als sie vom Berge hinabgingen, gebot ihnen Jesus und sprach:
Ihr sollt von dieser Erscheinung niemandem sagen,
bis der Menschensohn von den Toten auferstanden ist.


VI.
Etwas Majestätisches erfahren.
Petrus und Jakobus und Johannes.
Mit gleißendem Licht und blauem Himmel,
einem strahlenden Jesus,
wie Schnee, nur noch heller.
Und eine mächtige Stimme aus einer Wolke.
Majestätischer geht es fast nicht mehr…
Eine Sternstunde im Glauben.

Zweifel sind weggeblasen vom Gipfelwind,
die Welt liegt zu Füßen.
Von Angesicht zu Angesicht mit Mose, Elia und Jesus.
Garanten für den richtigen Weg.
Zeugen für Majestätisches, das wirklich erfahren werden kann.
Endlich alles klar sehen und alles hautnah fühlen.
Sich endlich sicher sein, dass man auf der richtigen Seite steht.
Ja, hier ist gut sein.

Ob sie ein Loblied angestimmt haben?
So wie das, das wir nun singen?

Lied:
Herr, im Glanz deiner Majestät
auf den Stufen vor deinem Thron
stehen wir in deinem Licht. und singen dir Lieder
Du, o Herr, bist die Quelle des Lebens
und von dir leben wir


VII.
Herr, hier ist gut sein!
Willst du, so will ich hier drei Hütten bauen,
dir eine, Mose eine und Elia eine.


Schön wär’s gewesen, nicht wahr, Petrus?
Diesen majestätischen Moment festhalten,
wo der Himmelsglanz die Luft erfüllt und der Atem stockt.
Diese Klarheit nie wieder eintauschen.
Keine Vergangenheit, kein Alltag breitet seine Schatten aus.
Nur Himmel und Glanz und Schein.
Auf dem Berg bleiben - ganz oben.
Hütten bauen und da bleiben.
Keine täglichen Nachrichten über neue Dekrete von Trump.
Die Hilflosigkeit der EU geht mich nichts mehr an.
Und ob die Rechten immer mehr Macht auch bei uns bekommen,
braucht mich nicht mehr zu interessieren.

Manchmal müssen Menschen über sich selbst hinaus blicken.

Müssen Berge erklimmen. Den Blick weiten. Auf Abstand gehen.
Eine Löffelliste erstellen und in die Tat umsetzen.
Sonst bleibt ein Menschenleben kleiner als Gott es gemeint hat.

Du brauchst den weiten Blick, nicht immer, aber von Zeit zu Zeit.
Auch den Blick von oben in die Tiefe brauchst du.

Für einen Augenblick mehr zu sehen als vor Augen scheint.

Der Moment, in dem Gott dir begegnet
und du etwas von seiner Größe erkennst

und von seinem Glanz.

VIII.
Und trotzdem, keiner kann ewig auf dem Gipfel bleiben.
Du kannst solche Momente nicht festhalten und das ist gut so.
Petrus, Jakobus und Johannes wollen gerade Baumaterial zusammenschleppen,
da hören sie die Stimme:
Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe;
den sollt ihr hören!


Der liebe Sohn bleibt nicht in den Höhen des Himmels,
sondern steigt in die Tiefen hinab.
Er ist keine übermenschliche menschenferne Lichtgestalt,
sondern ein Mensch aus Fleisch und Blut.
Er nimmt Kinder in den Arm,
sitzt mit Zöllnern und Sündern an einem Tisch,
und schreit vor Schmerzen als er stirbt.
Der Sohn Gottes bleibt nicht oben, sondern geht nach unten.
Geht tief hinein und bleibt nicht außen vor.
Denn genau das macht ja seinen Glanz aus:
Er gilt nicht nur den Gipfeln,
sondern auch und gerade den Tiefen und Abgründen des Lebens.
Gottes Licht ist oben und unten,
auch da, wo Menschen viel zu früh sterben,
oder zu müde sind, um aus dem Bett aufzustehen.
Es leuchtet wie das kleine Nachtlicht,
das mich als Kind im Dunkeln getröstet hat.


IX.
Und weil das so ist, kannst auch du nicht auf dem Berg bleiben.
Du musst absteigen, zurückkehren.
In den Alltag zurück.
Dort, wo die anderen sind,
und die Steine, der Staub und der Nebel,
aber auch die Liebe und die Lust und die Tränen.
Nicht der Berg ist der heilige Ort, sondern dein Leben.

Carter und Edward haben das nach vielen Gipfeln auf ihrer Reise verstanden.
Den Himalaya bekommen sie nicht zu sehen.
Das Wetter ist zu schlecht.
Und so kehren sie zurück von ihren Gipfelerlebnissen,
ohne das Majestätische so erfahren zu haben,
wie sie es sich vorgestellt haben.
Und auch sonst konnten sie nicht alles von ihrer Löffelliste erledigen.
Sie trennen sich sogar im Streit.
Vielleicht steht das Eigentliche noch aus?

Doch dann muss Carter nochmal operiert werden.
Und er weiß, jetzt ist es ernst.
Er gibt Edward die Löffelliste und einen Brief.

X.
Szene 3 (Kapitel 22 - 1:23:20 - 1:25:35)
Ständige Bildwechsel zwischen Edward, der zu seiner Tochter fährt, und dem Krankenhaus.
(Edward sitzt im Auto und öffnet einen Brief. Carters Stimme:)
„…ob ich diesen Brief schreiben soll oder nicht. 

Letztendlich hatte ich das Gefühl, dass ich es bereuen würde, wenn ich es nicht täte  
(Bildwechsel: Carter bei der OP)
Hier ist er also.
Ich weiß, (Bild von betender Familie Carters) 

wir haben nicht gerade die harmonischten Töne getroffen, als wir zuletzt auseinander gingen,
Natürlich wollte ich nicht, dass unsere Reise so endet.

(Edwards Auto, das vor einem Haus hält)
Ich glaube, dass das meine Schuld war. Und mir tut das sehr Leid.   

(Edward vor dem Haus)
Aber ehrlich gesagt, wenn ich die Chance hätte (Edwards Tochter öffnet die Tür),
ich würde es wieder so machen.  

(Edward überreicht seiner Tochter eine große Pflanze /
Bildwechsel: Virginia, Carters Frau, füllt sich Kaffee ein)
Virginia sagte, ich sei als Fremder gegangen und als Ehemann zurückgekehrt 

(Virginia sieht den Arzt kommen)
Das verdanke ich dir.

(Bildwechsel: Edward mit seiner Tochter) 

Ich werde mich für all das, was du für mich getan hast, nie revanchieren können.
Also versuche ich es gar nicht erst, 

sondern bitte dich lieber, noch etwas für mich zu tun.
Finde die Freude in deinem Leben.  

(Bildwechsel: Virginia erhält die Nachricht vom Tod Carters)
Du hast mir einmal gesagt, du bist nicht jeder. 

Nun, das ist wahr (Virginina weint)
Du bist ganz sicher nicht jeder. Ich aber: Jeder ist jeder.

(Virginia wird von ihrem Sohn getröstet /
Bildwechsel: Edward mit seiner Tochter)
Mein Pastor sagt immer: 
(Ein Mädchen, Edwards Enkeltochter, kommt herein)
Jedes Leben ist ein Bach, der in denselben Fluss mündet, 

der in ein Jenseits fließt, das im Nebel hinter den großen Wasserfällen liegt. 
(Edward beugt sich zu herab  - er küsst das Mädchen)
 
Finde die Freude in deinem Leben, Edward.  

(Edward streicht „Kiss the most beautiful girl in the world“ auf der Löffelliste durch - 
Bildwechsel: Carter liegt tot aufgebahrt - mit geschlossenen Augen, Virginia nimmt Abschied)
Lieber Freund, schließe deine Augen und lass dich von dem Fluss nach Hause tragen.


XI.
Finde die Freude in deinem Leben.
Geh ins Leben hinein und nicht heraus.
Das Leben ist dein heiliger Ort.
Versöhne dich mit dir selbst und küsse das schönste Mädchen der Welt.
Steige vom Berg herab,
von da oben, wo du denkst, dass dir die Dinge nichts anhaben können.
Versteck dich nicht hinter der Maske des Unangreifbaren,
öffne aber dein Herz.

Steht auf und fürchtet euch nicht!
Steh auf - hab keine Angst! Finde die Freude in deinem Leben.
Diesen Ruf gönne ich der Welt von ganzem Herzen.
Ich möchte ihn weiter rufen.

Steht auf und fürchtet euch nicht!
Ich möchte das denen zurufen, die in sich mit einer Mauer umgeben
und Angst vor dem Leben haben.
Ich möchte das den Menschen zurufen, die Rechtspopulisten wählen
mit ihrer Angst vor dem Fremden und vor Veränderungen.

Steht auf und fürchtet euch nicht!
Ich möchte es denen zurufen, die die Vergangenheit verklären
und die Schattenseiten nicht wahrhaben wollen.
Die den Dresdner Oberbürgermeister bedrohen,
weil er gesagt hat, Dresden sei keine unschuldige Stadt gewesen.
Findet die Freude in eurem Leben jetzt.

Steht auf und fürchtet euch nicht!.
Stehen wir zusammen auf und steigen herab.
In eine Welt hinein, in ein Leben,
wo Gewalt und Hass keinen Platz mehr haben sollen.
Wo wir uns gegenseitig Freude machen.
Und die Herzen offen sind.

XII.
Majestätische Gipfelerlebnisse - du kannst sie nicht festhalten.
Aber sie bringen Himmel und Erde zusammen.
Und du bist dazwischen.
Und erfährst Tag für Tag und im Kleinen das Majestätische.
Das Große. Gott.

Und am Ende -
am Ende darfst du auf dem Gipfel bleiben.
Dort, wo das Licht klar ist und der Himmel tiefblau.
Wo das Leben heilig ist.
Deine Löffelliste - ist vollbracht.
Majestätisch bist du.
Mit geschlossenen Augen und offenem Herzen.


XIII.
Szene 4 (Kapitel 22 - 1:25:36 - 1:28:32)
(Edward steht vor der Trauergemeinde)
Guten Tag, mein Name ist Edward Cole.
Ich weiß nicht, was man normalerweise bei solchen Gelegenheiten sagt.
Aber wenn ich ganz ehrlich sein soll, ich hab sie zu vermeiden versucht.
Das einfachste wäre, dass ich ihn lieb gewonnen hatte. Ihn vermisse.
(Edward ringt um Fassung - holt die Löffelliste heraus). 

Carter und ich haben die Welt zusammen gesehen.
Das Erstaunliche daran ist, dass wir noch vor 3 Monaten vollkommen Fremde füreinander waren.
(E streicht durch: „Einem fremden Menschen etwas Gutes tun“)
Ich hoffe, dass es nicht allzu egoistisch klingt, 

aber die letzten Monate seines Lebens waren die besten Monate von meinem. 
Er hat mein Leben gerettet. Und das wusste er, bevor ich es wusste.

(Bildwechsel: Wieder Himalaya, der Bergsteiger ist zu sehen - Stimme von Edward:)
Ich bin zutiefst stolz, dass dieser Mann es für wert erachtet hat, mit mir befreundet zu sein. 

(Bergsteiger kommt beim Gipfel an) 
Schlussendlich glaube ich aber sagen zu dürfen, dass wir uns gegenseitig Freude gemacht haben. (Bergsteiger setzt Rucksack ab)
Und wenn ich eines Tages an meine letzte Ruhestätte gelange, 

(Der Bergsteiger nimmt die Atemmaske vom Gesicht. Es ist "Thomas", der Assistent von Edward. Er öffnet den Bergstein)
und es dazu kommen sollte, dass ich vor einer bestimmten Pforte aufwache, 
hoffe ich, dass Carter dort ist.  
(Eine Kaffeedose wird sichtbar)  
Um ein gutes Wort für mich einzulegen. 
Und um mir den Weg auf die andere Seite zu zeigen.
("Thomas" holt aus dem Rucksack eine zweite Kaffeedose mit der Asche von Edward heraus)

(Stimme von Carter:)
Edward Perriman Cole starb im Mai. 

Es war ein Sonntag nachmittag und es war nicht eine Wolke am Himmel  
(Thomas stellt  die 2. Kaffeedose in den Stein zur anderen dazu). 
Er war 81 Jahre alt. 
(Thomas holt die Löffelliste heraus und streicht den ersten Satz durch: 
„Etwas Majestätisches erfahren - dann legt er sie zu den beiden Dosen)
Ich finde es auch jetzt noch schwer, 

das Leben des Menschen in seiner Bedeutung zu beurteilen.
Aber was ich Ihnen sagen kann, ist: 

ich weiß, als er starb waren seine Augen geschlossen  
(Thomas schließt den Stein)  
und sein Herz war offen.
Und ich bin sicher, dass er mit seiner letzten Ruhestätte sehr zufrieden war.
(Thomas setzt sich den Rucksack wieder auf und geht weg)
Denn er wurde auf einem Berg begraben. Und das war gegen das Gesetz
(Blick über die Berggipfel)


Amen.