Sonntag, 28. März 2021

Eselreiter für die Welt

Predigt zu Palmsonntag 2021

(mit Anleihen aus Predigten von Bettina Schlauraff, Katrin Oxen und Michael Greßler)


 1. Johannes 12

Als am nächsten Tag die große Menge, die aufs Fest gekommen war,
hörte, dass Jesus nach Jerusalem kommen werde,
nahmen sie Palmzweige und gingen hinaus ihm entgegen und schrien:
Hosianna! Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn, der König von Israel!
Jesus aber fand einen jungen Esel und setzte sich darauf, wie geschrieben steht:
»Fürchte dich nicht, du Tochter Zion!
Siehe, dein König kommt und reitet auf einem Eselsfüllen.«


2. Liedstrophe*

Tochter Zion, freue dich
Jauchze laut, Jerusalem
Sieh, dein König kommt zu dir
Ja, er kommt, der Friedensfürst
Tochter Zion, freue dich
Jauchze laut, Jerusalem


3. Das Friedens-Tier


Endlich ist es soweit.
In Jerusalem ist die Stimmung ziemlich angespannt.
Lange genug hatten die Menschen auf eine Veränderung gewartet.
Auf eine bessere Zukunft. Darauf, dass es wieder wie früher sein würde.
Dass alle gut leben können. Wieder frei sind.
Das mit den Römern und den vielen Unruhen - das kann doch nicht so weitergehen.
Ob dieser Jesus endlich die Wende bringt? Den Umsturz?
Vielleicht hat er ja noch ganz andere Ideen, wie sie aus dieser Misere rauskommen können?

Und da kommt er nun. Jesus.
Und er reitet auf einem Esel.
Das ist alles? werden sich viele denken.
Jesus auf einem Esel.

Vielleicht ist der Esel grau oder schwarz. Sanft, weich, genügsam, schlau -
störrisch ist er bestimmt, der Esel. Und jung.
Manche kluge Menschen in Jerusalem werden sich an den Propheten Sacharja erinnern.
Der sah den neuen König, der alles verändern sollte, auf einem jungen Esel.
Der, auf den sie alle Hoffnung setzten, sollte genau so kommen
- auf einem jungen Esel. Nicht anders.
Er sah den neuen König sogar als ein Kind.
Barfuß wahrscheinlich, mit einem Grashalm im Mund.

Jesus ist aber erwachsen. Und der Esel vermutlich sogar viel zu klein für ihn.
Ob die Füße auf dem Boden schleifen?
Vielleicht. Vielleicht auch nicht.
Viele werden enttäuscht sein.
Ist das alles?

Andere werden aber auch wissen:
auch wenn der Esel im Alltag gebraucht wird, ist er  durchaus auch ein königliches Tier.
Auch andere Könige nahmen den Esel, um mit ihm in eine Stadt zu reiten.
Und dann war klar: dieser König kommt in Frieden.
Der Esel, das Friedens-Tier.
Für die Menschen in Israel war der Esel ein Gegenbild
zu den Pferden mit den stampfenden Hufen und schnaubenden Nüstern vor den Streitwagen
oder mit gepanzerten Kriegern auf ihrem Rücken.

Jesus setzt sich auf den Esel.
Er schert sich nicht um Reichtum. Braucht die Stärke des Pferdes nicht.
Verzichtet auf Macht. Macht sich schwach. Macht sich kleiner als er ist.
Jesus ist kein starker Held. Kein unerschütterlicher Kämpfer.
Sondern einer, der anderen die Füße wäscht.
Er nimmt Kinder in den Arm und segnet sie.
Er weint um seinen Freund Lazarus und betet einsam im Garten Gethsemane.
Er wird verlassen und verraten und verleugnet - von seinen besten Freunden.
Er wehrt sich nicht dagegen, sondern setzt sich mit ihnen sogar an einen Tisch.
Und er weiß, wie es im Grab ist.
Es gibt kein passenderes Reittier für ihn als den Esel.
Sein ganzes Leben passt auf den Rücken des jungen Esels. Und sein Sterben auch.

Jesus, der Eselreiter.
Einer auf Augenhöhe.
Keiner, der über mir thront und auf mich herabschaut.
Nein, er setzt sich auf den Esel, setzt sich zu mir und schaut mir direkt in mein Herz.
Und in meine Seele, die nicht mehr weiß, was sie noch hoffen kann.
Und die vielleicht gar nicht versteht, ob wirklich sie gemeint ist. 
Er reitet in das verzweifelt-hoffende Jerusalem
und er reitet in mein verzweifelt-hoffendes Leben hinein.

4. Johannes 12

»Fürchte dich nicht, du Tochter Zion!
Siehe, dein König kommt und reitet auf einem Eselsfüllen.«
Das verstanden seine Jünger zuerst nicht;
doch als Jesus verherrlicht war, da dachten sie daran,
dass dies von ihm geschrieben stand und man so an ihm getan hatte.
Die Menge aber, die bei ihm war,
als er Lazarus aus dem Grabe rief und von den Toten auferweckte,
bezeugte die Tat.
Darum ging ihm auch die Menge entgegen, weil sie hörte,
er habe dieses Zeichen getan.
Die Pharisäer aber sprachen untereinander:
Ihr seht, dass ihr nichts ausrichtet; siehe, alle Welt läuft ihm nach.


5. Liedstrophe*

Hosianna, Davids Sohn
Sei gesegnet deinem Volk
Gründe nun dein ewig Reich
Hosianna in der Höh’
Hosianna, Davids Sohn
Sei gesegnet deinem Volk

6. Eselreiter für die Welt

Hosianna, Davids Sohn.
Du Eselreiter.
Reite hinein in diese Welt, die dich braucht.
Reite zu den Kindern,
die endlich wieder unbeschwert mit anderen Kindern zusammen spielen wollen.
Reite zu den Jugendlichen, die Angst haben, ob sie ihren Schulabschluss schaffen.
Reite zu denen, die keine Arbeit haben.
Und zu den Müttern und Vätern,
die Fernunterricht, Job und Familie nicht mehr unter einen Hut kriegen.
Reite zu den Erntehelfern, die auf das Geld dringend angewiesen sind,
aber Angst vor den Infektionen haben.
Reite zu den Händlerinnen und Gastronomen, zu den Künstlern und Schauspielerinnen.
Komm in die Krankenhäuser und Altenheime.
Reite zu den Ärztinnen und den Krankenpflegern.
Komm zu denen, die einsam studieren.
Komm hinein in diese Stadt und in die Dörfer, in ihre Wohnungen und Häuser.

Verzweifelt-hoffend klammere ich mich an die guten Nachrichten.
Hoffe auf den Impfstoff für alle,
auf wärmeres Wetter und dass die Pandemie möglichst bald vorbei ist.
Verzweifelt sehe ich, dass meine Hoffnung zerbröselt,
weil irgendwo wieder was schiefgegangen ist.
Worauf kann ich noch hoffen?

Worauf kann ich noch hoffen?
Auf dich, du Eselreiter.
Aber du bringst nicht die Wende oder den Umsturz.
Du bist nicht der Lückenbüßer für das, was wir nicht schaffen.
Oder was andere verbocken.
Du kommst auf einem Esel und trägst meine Hoffnungsbrösel
und mit dir kommt der, der Tote aufweckt und Tränen trocknet und der alles neu macht.
Wenn es so weit ist.

Ja, auf dich hoffe ich.
Du kommst und dein Reittier verrät mir alles, was ich wissen muss.
Du stellst es an meine Seite. Sanft, leise atmend.
Und es trägt auch mich.
Es ist da, wenn ich ein Lied höre, das meine Nachbarin singt.
Es trägt mich im kleinen Video von meiner Enkelin.
Wenn ich mit meinem Sohn telefoniere. Oder mir ein Kollege eine Karte schickt.
Wenn ich sehe, was unsere Krankenschwestern und Ärzte in den Kliniken und in den Praxen leisten.

Wenn ich die Ostereier am Strauch aufhänge
und wenn meine Bundeskanzlerin mich um Verzeihung bittet und ich ihr das glaube,
dann atmet mich dein sanfter Esel an und wärmt mich,
auch bei diesen elenden Balkendiagrammen in den Nachrichten.
Nah bei mir, auch wenn ich traurig bin.

Du, Jesus, und dein Esel.
Wer müde ist, den tragt ihr ein Stück.
Und die Hoffnung habt ihr auch dabei.
Sie ist genügsam, in diesen Wochen besonders.
Keine heiter-perfekte Deko, keine große Reise, keine Menschenmenge -
anders als damals in Jerusalem.
Sie singt leise, eure Hoffnung, und mit Kinderstimme.
Sie singt, auch wenn ich selber stumm bin.
Ihre leisen und auch ihre störrischen Töne kommen zu mir und gehen mit mir.
Und sind sind da, auch und gerade wenn meine Hoffnung zu klein ist.

„Fürchte dich nicht, du Tochter Zion! Siehe, dein König kommt.“

Fürchte dich nicht, Welt.
Schau auf den Esel und schau auf den, der auf dem Esel sitzt.
Und grüße ihn, den Sohn Davids.
Er bleibt bei dir, immer.
Amen.

7. Liedstrophe*

Hosianna, Davids Sohn
Sei gegrüßet, König mild
Ewig steht dein Friedensthron
Du, des ew’gen Vaters Kind
Hosianna, Davids Sohn
Sei gegrüßet, König mild


* EG 13: Tochter Zion

Sonntag, 21. Februar 2021

Den Frieden lernen

Predigt anlässlich des Gedenktags der Zerstörung Pforzheims (23. Februar)


1. Therese: Hoffen und Beten


„Wenn ich heute zurückdenke, dann kann ich nur hoffen und beten,
dass so etwas nie wieder geschieht!“
Mit Tränen in ihren Augen spricht Therese diese Worte
am Ende eines Interviews mit der Pforzheimer Zeitung.
Am 23. Februar 1945 war sie 12 Jahre alt. Sie und ihre Familie lebten im Norden der Stadt.
Ihr Haus hatte keinen Keller, also versteckten sie sich so gut es ging, in einem Graben im Garten.
Die Angst, dass es sie erwischen würde, spürt sie noch heute.
Und noch heute hört sie das Weinen ihrer Mutter,
weil ihre zwei Schwestern unten in der Stadt waren, als die Bomben fielen.
Sie haben ihre Leichen in den Trümmern nie gefunden.

2. Wir haben gelernt

„Dass so etwas nie wieder geschehe“.
Nie wieder - wie ein Stoßgebet.
Ein Auftrag an die Menschen damals und heute:
Lebt den Frieden. Nicht den Krieg. Und lernt aus dem, was uns passiert ist. 

Und ja, wir haben gelernt.
Wir haben ein Grundgesetz, das auf dem Boden der Menschenrechte fußt.
Wir wissen, wie unsere Vorfahren hinein verstrickt waren in Schuld und Gewalt.
Und jetzt leben wir in Frieden mit unseren ehemaligen Feinden.

„Dass so etwas nie wieder geschehe.“
Die Stadt Pforzheim ist wieder aufgebaut und sie ist größer als je zuvor.
Die Narben sind sichtbar und die in den Seelen der Zeitzeugen tun immer noch weh.
Aber die Freundschaften mit Menschen in aller Welt tun uns gut.
Und unsere Stadt ist bunt und international und lernt weiter, wie es gehen kann.

3. Frieden leben

Wir leben den Frieden und jeden Tag fühlt er sich neu an.
Er schmeckt nach gefüllten Zwiebeln, die mir Wajida, meine jesidische Nachbarin vorbei bringt,
schmeckt nach Thymian und Zitrone. Aus dem Irak ist sie hierher geflohen
und hat hier ein neues Zuhause gefunden.
Das teilt sie mit mir, wenn sie mir ihre dampfende Schüssel reicht.
Die ist so heiß, dass es ohne Topflappen nicht geht. Handgehäkelt von meiner Mutter.

Frieden - er klingt nach kyrillischen Buchstaben
und nach Saz, der kurdischen Gitarre mit ihrem langen Hals, deren Töne miteinander verschwimmen.  
Er riecht nach dem Hummus meiner jüdischen Glaubensgeschwister,
zu dem sie mich an Chanukka einladen
und gemeinsam zünden wir die acht Kerzen an ihrem Leuchter an.
Und der Frieden sitzt auf der Schaukel im Garten unserer Kita der Religionen.
Dort schaukelt er mit muslimischen, orthodoxen, evangelischen und jesidischen Kindern. (1)
Irenicus heißt die Kita. Irenicus - Der Friedensbringer.

Wir lernen Frieden. Jeden Tag neu.
Wir leben hier in einer Stadt und wissen so wenig von einander.
Aber wir brauchen uns. Immer wieder machen wir uns das klar.
Und so tasten wir uns vor in die Seelenlandschaft der anderen.
Lernen uns kennen - und streiten - über die Rolle der Frauen zum Beispiel.
Wir machen auch Fehler. Und lernen daraus.
Immer wieder lernen wir, wie es gehen kann mit dem Frieden.

4. Und was sagt Gott?

„Ich will hören, was Gott zu sagen hat.
Er redet vom Frieden.
Er verspricht ihn seinem Volk und seinen Frommen.
Doch sie sollen nicht mehr zurückkehren
zu den Dummheiten der Vergangenheit!“

(Psalm 85,9)

5. Frieden ernst nehmen

Nehmt den Frieden ernst, sagt Gott.
Passt auf ihn auf. Gebt dem Hass keinen Raum.
Lasst euch nicht gegeneinander aufhetzen.
Weigert euch, zwischen wertem und unwertem Leben zu unterscheiden.
Sagt nein zum nationalistischem Albtraum.
Geht respektvoll miteinander um, auch mit denen,
die anders sind, anders lieben, anders glauben.

6. Bedrohung des Friedens

Nehmt den Frieden ernst.
Denn es gibt sie, die den Frieden bedrohen.
Sie weigern sich zu lernen. Sie wiederholen die Dummheiten der Vergangenheit.
Sie bedrohen die Synagoge und die Moscheen hier. Bereiten den Boden für Hass und Gewalt.
Und jedes Jahr kommen sie auf den Wartberg mit ihren Fackeln. Immer wieder am 23. Februar.
Nur dieses Jahr nicht - wegen Corona.
Es ist beschämend, dass wir so eine schlimme Pandemie brauchen,
damit sie nicht mehr kommen können.

Ja, sie bedrohen den Frieden.
Denn immer wieder sagen sie,
dass die Zeit vor dem schlimmen Bombenangriff doch nicht so schlimm war.
Dass Juden und Zwangsarbeiterinnen gequält und ermordet wurden, zählt für sie nicht.
Und sie wollen ein reines Deutschland, das es so noch nie gab. Und nie geben wird
(worüber ich sehr froh bin).
Sie unterscheiden zwischen wir und die, dabei gibt es doch nur - ein Wir.

7. Es ist ernst (Therese)

Therese ist 87 Jahre alt und hat für Nazis überhaupt kein Verständnis. Die Sache ist zu ernst.
Keine Rückkehr zu den Dummheiten der Vergangenheit, um keinen Preis.  
„Denen kann man nur alles Böse wünschen,
dass sie es am eigenen Körper erleben müssen“, ruft sie.
Ich war am Anfang über diesen Satz erschrocken.
Aber ich verstehe sie. Ich verstehe ihr Verzweiflung, ihr Wut.
Denn es ist sehr ernst. Es ist ernst.

Nazis sind nicht harmlos.
Auch nicht die auf dem Wartberg, auch wenn sie so friedlich tun.
Wölfe im Schafspelz. Sie sind gefährlich.
Wenn sie da oben mit ihren Fackeln stehen, wird es ernst.
Wie könnt ihr nur? Scheint Therese zu fragen.
Wenn ihr wüsstet, wie das war und wie es sich anfühlte, dann könntet ihr da nicht stehen wollen.

8. Wir nehmen Gott ernst

„Ich will hören, was Gott zu sagen hat. Er redet vom Frieden.“
Es ist ihm ernst damit.
Und wir machen das, was Gott sagt: wir leben Frieden. Wir versuchen es jedenfalls.
Wir stehen auf gegen diese Dummheiten der Vergangenheit. Immer wieder.
Wir sagen laut, dass wir ihren Hass nicht wollen und sie unserer Stadt schaden.
Wir sagen, was den Frieden bedroht und nennen die Dinge beim Namen.

Aber noch viel wichtiger: Wir leben den Frieden,
den sie bedrohen wollen.
Wir leben dieses Wir, das keine Unterscheidung braucht zwischen die da und wir hier.
Zu diesem „wir“ gehören alle, die hier leben, egal wie lange schon.
Meine jesidische Nachbarin und mein jüdischer Glaubensbruder,
mein alevitischer Freund und natürlich Therese.
Und in unserer Kita der Religionen kommen ihre Kinder und Enkel zusammen
und lernen den Frieden.

9. Um Frieden bitten

„Wenn ich heute zurückdenke, dann kann ich nur hoffen und beten,
dass so etwas nie wieder geschieht!“  
Ja, ich bete mit Therese um den Frieden für unsere Stadt und unser Land.
Ich bete um einen Frieden, der größer ist als ich und unser zerbrechliches Wir.
Größer als unsere Angst. Größer als unsere Wut und Trauer.
Dieser Friede soll uns zusammenbringen aus Nah und Fern,
mit unseren Sprachen und Gerüchen und Tönen.
Ich will diesen Frieden lernen -
mit euch und über alle Trümmer hinweg.
Immer wieder.


(1) https://www.pz-news.de/pforzheim_artikel,-Tuebinger-Forscher-nehemen-interreligioese-Kita-Irenicus-unter-die-Lupe-_arid,1537776.html

Montag, 25. Januar 2021

Ziehen lassen

Autobiographisches einer WinterWortWerkstatt



Am Wochenende war ich in einer digitalen Schreibwerkstatt mit sehr genialen Freunden und Freundinnen. Das Motto war: "ziehen lassen". Wir haben zusammen gekocht (Essen ziehen lassen) und gedacht und Worte erfunden und weitergedacht. Und zwischendurch geschrieben. Das hier ist dabei bei mir rausgekommen (mit viel "ziehen lassen") - was ziemlich Persönliches und hat mit meinen Kinder und meiner Mutter zu tun.

1.
Schnee und Sonne haben mich gestern in den Wald gezogen.
Ich zog meine Wanderschuhe an, zog den Autoschlüssel aus der Tasche.
Am Berg dann Handschuhe über die Hände gezogen.
Schwer liegt der Schnee auf den Ästen und Zweigen und drückt sie herunter.
Oder zieht die Schwerkraft?
Ich lasse meine Gedanken weiterziehen
 
Ziehen lassen.
Aktiv und Passiv miteinander verschränkt.
Ziehen ist Tun.
Mein Tun. Oder das der Schwerkraft.
Wenn ich lasse, tu ich nichts. Ich lasse tun.
Aktiv und Passiv kommen zusammen wie die Teeblätter und Wasser
Und im Ziehen lassen entsteht was neues.
Aus Wasser und Blättern wird ein Tee.
 
2.
Let my people go.
Lass mein Volk ziehen.
Ziehen lassen ist frei geben und Neu werden.
Über Grenzen gehen.
Ist Weite, die ganz unterschiedlich schmeckt. Mal bitter. Mal süß.
Und gespannt sein, was dann kommt.
 
Meine Mutter konnte mich nicht ziehen lassen.
Sie verstand nicht, warum ich mich entzog.
Hatte wohl auch Angst um mich und ob ich zurückkomme.
Hätte am liebsten eine Mauer um mich gezogen.
Aber sie konnte mich nicht festhalten.
Ich bin weggezogen.
Um auszuziehen, was nicht zu mir gehört.
 
3.
Meine Mutter konnte mich nicht ziehen lassen.
Hat es aber dann doch getan
Ist es mir leichter gefallen - als Mutter?
Ich hoffe es.
Als 2 von meinen 3 Kindern gleichzeitig ins Ausland gingen,
habe ich beim Abschied Rotz und Wasser geheult.
Aber natürlich habe ich sie ziehen lassen.
In die Weite. Ins Neue. Und in das Unbekannte.
Wie Zugvögel. Wie Wolken, die weiterziehen müssen.
 
Meine Kinder sind erwachsen.
Habe ich sie er-zogen oder habe ich sie wachsen lassen?
Eigentlich ist das Wort Erziehung furchtbar.
Ich will meine Kinder nicht irgendwohin gezogen haben,
sondern hoffe, dass sie selber spüren, wohin es sie zieht.
Und dass sie freie Menschen sind. Let my people go.
 
4.
Ja, ich habe sie ziehen lassen.
Und wenn es sie hin und wieder zu mir zieht,
freue ich mich. Ziehe sie in meine Arme.
Neues ist entstanden - wie beim Tee.
Neuer Geschmack. Neues Vertrauen.
 
Sie ziehen ihre Wege. Freie Menschen.
Und ich ziehe meinen Weg.
Ich lerne weiter, das Ziehen zu lassen.
Lasse ziehen. Auch mich.
Aktiv und Passiv miteinander verschränkt
Gespannt, was dann passiert.
Und hin und wieder zieht es uns gemeinsam in den Wald.



Sonntag, 20. Dezember 2020

Brief an Maria

Impuls zum 4. Advent zu Lukas 1, 26 - 56

Dazu empfehle ich diesen Song (nach der Werbung):
https://www.youtube.com/watch?v=GdeMcOHLHoo


Liebe Maria,
deine Begegnung mit dem Engel Gabriel berührt mich.
Erst erschrickt er dich.
Dann scheint er dich doch überzeugt zu haben, dass alles gut ist.
Beides kenne ich.

Aber da ist noch mehr:
eine plötzliche (und vermutlich auch ungewollte) Schwangerschaft.
So etwas verunsichert jede Frau, erst recht eine so junge Frau wie dich.
Du warst ja mal gerade 15 Jahre alt oder so.
Damals üblich, aber heutzutage hättest du noch ganz andere Pläne,
als mal eben ein Kind zur Welt zu bringen.

Gabriel spricht von Gnade und Gott,
und dass du und dein Kind dabei eine wichtige Rolle spielen.
Ich bin sicher, das hätte mich auch erschreckt.
Denn wer will schon wirklich ein „besonderes“ Leben.
In den Glamour-Zeitschriften klingt das oft so attraktiv,
aber wir beide wissen doch: das ist alles andere als schön.
Zu viele kritische Blicke,
zu viel Lauern, wann man ein falsches Wort sagt -
das ist nichts, was du dir wünscht und schon gar nicht deinem Kind.
Was hat dich dazu gebracht, dem Engel zu glauben?

„Ich bin bereit“, sagst du.
Ehrlich, deine schnelle„Bereitschaft“ hat mir lange Probleme bereitet.
Warst du doch deshalb Prototyp einer gehorsamen und bereitwilligen Frau,
die ich bestimmt nicht sein will.
„Maria, die Fromme“ - ein Bild der gottesfürchtigen, demütigen Mutter.
Dabei bist du doch so viel mehr,
nämlich die, die was zu sagen hat!

Du bist die, die ein Lied anstimmt, das durch die Welt geht.
Es preist die Kleinen, die Hungrigen und dass Gott die Mächtigen vom Thron stürzt.
Ein kraftvolles Lied einer kraftvollen Frau.
Du bist die, die unter schwierigen Umständen ein Kind zur Welt bringt
und dabei sehr aufnahmebereit ist für die Botschaft der Engel.
Und du bist die, die mit ansehen muss, wie ihr Sohn stirbt, und das auch aushält.
Du bist eine starke Frau mit weitem Herzen.
Eine Frau wie alle Frauen dieser Welt:
stark und schwach zugleich.
Gedemütigt und stolz.
Eine, der man eine Rolle zuweist
und die es doch schafft, diese Rollen zu durchbrechen.

Alles das hat Gabriel, der Engel wohl erkannt,
denn er nennt dich „Begnadete“.
Ja, Maria, du 15jährige unsichere junge Frau,
du bist begnadet,
denn du bist die Wegbereiterin für Gottes Barmherzigkeit,
für seinen Sanftmut und seine Gnade -
gerade so, wie du bist. Danke dafür!

Sonntag, 6. Dezember 2020

Liebe in die Stiefel - Predigt zu Nikolaus

Predigt zum 6. Dezember 2020, 2.Advent

(Die Grundidee zu dieser Predigt stammt von der wunderbaren Anne Gidion: Aufbau und Struktur und viele Textteile, die ich neu zusammengesetzt und ergänzt habe. Danke, liebe Anne!)

I

Da ist einer, der rettet in Seenotgeratene vor dem Ertrinken und Arme vor der Hungersnot.
Da ist einer, dem fällt ein reiches Erbteil zu.
Er behält es nicht allein für sich, sondern gibt den Armen was ab. Still und heimlich.
Wirft  große Goldklumpen durch die Fenster von drei jungen Frauen und trifft ihre Stiefel.
Ihr Vater hätte sie schon fast zur Prostitution geben müssen.
Doch nun haben sie genug Mitgift und sind frei.
Nikolaus.

So einen hätte ich gerne hier bei uns. Heute. In Europa.
Gerne wieder an der türkischen Küste oder auf den griechischen Inseln oder in Libyen oder in Syrien.
Gerne auch hier in Pforzheim.

Einer, der weitere Schiffe losschickt
und Flüchtlinge aus wackeligen Booten im Mittelmeer rettet.
Einer, der die Lager auf Lesbos und Samos befreit
und  Zelte nach Kroatien bringt und warme Schlafsäcke.
Einer, der den Obdachlosen ein Dach über dem Kopf gibt, ohne dass sie sich benehmen müssen.
Er bezahlt die Heizung, damit sie wieder läuft.
Und er wirft seine Goldklumpen in die Gaststätten und Tagungshäuser und Theater,
die kurz vor dem Ruin stehen.

II.

Nikolaus, komm ins Haus. Was bringst du uns heute?
Hören wir auf Prophetenworte für uns heute am Nikolaustag. Worte von Jesaja (1):

Der Geist Gottes des HERRN ist auf mir, weil der HERR mich gesalbt hat.

Da ist jemand ausgestattet. Vorbereitet.

Er hat mich gesandt, den Elenden gute Botschaft zu bringen,

„Gute Botschaft". Was ist das? Ehrliche Frage. Nikolaus 2020. Ich versuch es mal:

Es gibt eine Zukunft für dich und für die Schiffbrüchigen und für die Frierenden auch.
Für die Sorgenvollen und die Traurigen.
In dieser Zukunft ist irgendwann wieder Frühling und Sommer
und wir dürfen uns umarmen und sitzen im Warmen und lachen laut auf.
Und wir teilen unser Brot. Ja, es geht weiter und du bist nicht allein.

III.


Er hat mich gesandt, die zerbrochenen Herzen zu verbinden.

Jemand wird wieder lieben, der sich das jetzt gerade nicht vorstellen kann.
Du vermisst jemanden ein ganz kleines bisschen weniger.
Du stehst am Grab und es ist nicht mehr so, als ob jemand Dein Herz in Stücke schneidet.
Du weinst nicht mehr, wenn du dich an ihn, an sie erinnerst,
sondern die Erinnerung zaubert dir ein Lächeln auf dein Gesicht.
Es wird wärmer in deinem Bauch. Und diese Wärme erreicht dein Herz.

IV.

Er hat mich gesandt, zu verkündigen den Gefangenen die Freiheit.

Der Tag kommt, wo du deine Freunde wieder treffen darfst, auch alle auf einmal.
Der Tag kommt und du kannst rausgehen, wann du willst,
unmaskiert, du zeigst dein Gesicht und dein Herz, ohne Angst.

Und noch schöner wird es für die,
die gerade im Abschiebegefängnis sitzen und Angst haben, abgeholt zu werden.
Ihre Anwälte haben Erfolg und die Politik zeigt Erbarmen
und sie werden hier gebraucht und haben Familie und Freunde hier und dürfen bleiben.
In Freiheit.


zu verkündigen den Gebundenen, dass sie frei und ledig sein sollen;

Die Käfige für die politischen Gefangenen im Theater drüben haben keine Bedeutung mehr (2).
Die Amnesty-Befreiungsaktionen haben Erfolg.
So wie die Goldaktion von Nikolaus für die drei jungen Frauen.

Und ja, auch wir dürfen raus. Zum Gruschtelmarkt und in den Biergarten.
Zu Pfingsten das Familienfest. Und das Tauffest können wir auch endlich feiern.

V.

zu verkündigen ein gnädiges Jahr des HERRN

Es wird besser werden, dies neue Jahr,
nicht morgen vielleicht und auch nicht übermorgen, aber es kommt – es kommt.
Die Tage werden wieder länger werden. Die Sonne wieder wärmer.
Und du darfst mir die Hand geben und ich dir auch.
Deine Tochter besucht dich und der Bodensee bringt sein Wasser auf Temperatur.

Ein gnädiges Jahr -
Gnade für alle, die denken, sie sind nicht gut genug, nicht schlau genug.
Für die, die ihr Wohnzimmer noch immer nicht aufgeräumt haben
und nicht wissen, was sie schenken sollen.
Gnade für alle, die Schuldgefühle haben,
und für die, die ihr Leben nicht in den Griff bekommen.
Sie können es Gott überlassen.

VI.


und zu verkündigen einen Tag der Rache unsres Gottes,

Rache... - Ich mag das Wort nicht. Es schmeckt nach Hass und Rauch und Elend,
lieber: Tag des Rechts.
Gott wird recht haben, es wird gerecht zugehen,
Idioten treten vom Amt zurück und Rücksichtslose denken nach.
Recht schafft er denen, die jetzt rechtlos sind. Sie richtet er auf.
Aber am wichtigsten: wir brauchen keine Rechthaberei mehr.
Kein Urteil, ob ich gut genug bin oder nicht. Gott schaut anders auf mich. Und auf dich.

VII.


zu trösten alle Trauernden,

Trost.
Trost brauche ich, wenn ich an die Frierenden auf Lesbos und in Kroatischen denke.
Den braucht der Freund, der um seine große Liebe weint, gestorben auf der Intensivstation.
Trost für die Nachbarin, die nicht mehr aufstehen kann
und keiner kümmert sich um ihre geliebten Blumen.
Trost für die Caféinhaberin, die nicht weiß, wie lange sie sich noch halten kann.
Und für den Sänger, der gerade nicht singen darf.
Trost braucht unser Land, das so zerrissen ist zwischen den Diskussionen,
welche Maßnahmen richtig sind, ob wir sie überhaupt brauchen
und wie wir die schützen, die unseren Schutz brauchen.

(einmal tief atmen)

VIII.

Ich freue mich im HERRN, und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott;
 
Wir werden wieder singen!
Vom Tröster, der uns befreit und aufrichtet.
Meine Seele ist fröhlich in meinem Gott.
Die Seele singt vom Leben.
Sehnt sich nach Luft und Lachen.
Und sie kann Gott loben.
Maria, die schwangere junge Frau, die weiß, was Menschen beugt und biegt,
sie singt von dem, der sie befreit:
Meine Seele erhebt den Herrn und mein Geist freut sich Gott, meines Heilands. (3)
Und sie legt ihre Zukunft in Gottes große Hände.

IX.

denn er hat mir die Kleider des Heils angezogen 

und mich mit dem Mantel der Gerechtigkeit gekleidet, 

wie einen Bräutigam mit priesterlichem Kopfschmuck geziert 

und wie eine Braut, die in ihrem Geschmeide prangt.


Der Nikolaus ist da! Geschenketag für kleine und große Leute.
Und du wirst zum Nikolaus. Schenkst und tröstest, dass es nur so kracht.
Dein Lächeln, das bis in die Augen reicht und auch mit Maske zu sehen ist.
Leg die Geschenkeliste weg. Ruf jemand an. Verschick ein Foto.
Tanze in der Küche. Einfach so.
Lad jemand zum Waldspaziergang ein. Zu zweit oder zu dritt geht das ja.
Vergiss nicht, dir Gutes zu tun. Und anderen Gutes zu tun.
Drei Goldklumpen verändern das Leben. Liebe in den Stiefeln.
Und die Zukunft fängt jetzt an.

Amen


(1) Predigttext ist Jesaja 61,1-2 und 10. Alle violett kursiv gesetzten Zeilen sind aus dieser Textpassage.

(2) Das Stadtheater Pforzheim hat für die Beethoven-Oper Fidelio zum September 2020 gemeinsam mit Akteuren der Zivilgesellschaft 100 Käfige gestaltet und mit Figuren ausgestattet, die an heutige Verfolgte und politisch Gefangene erinnern sollen. Diese Käfige sollen im Stadtbild auftauchen.

(3) aus dem Magnifikat Lukas 1,46

Montag, 21. September 2020

Moria, Coventry, Jesus - schaut hin.

Lasst euch nicht aufhalten.
Schon gar nicht von den Bedenkenträgern....


 Predigt zu Matthäus 6,25-34 (1)

 I.
Da sitzen sie und hören ihm zu, dem Bergprediger.
Groß und Klein, Reich und Arm, ja, auch die Zweifler und Skeptiker.
Alle, die eine Sehnsucht nach Gott haben und nach Frieden,
und dass es allen Menschen gut geht und nicht nur wenigen.

Sie haben sich nicht aufhalten lassen und sind zu ihm gekommen.
Mit ihren Sorgen, die ihren Alltag auffressen.
Und obwohl sie nicht wissen, ob der Lohn von gestern noch für morgen reicht,
und ob sie den Arzt bezahlen können für die Kleine.

Sorgt euch nicht um euer Leben.
Sagt er.
Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes….

Ob sie das gerade jetzt hören wollen?
Vielleicht denken einige: der hat ja gut reden.
Lebt von der Hand in den Mund.
Er muss ja keine Kinder versorgen.
Aber andere spüren noch was anderes.
Jesus kennt doch unsere Sorgen. Er ist einer wie wir. Ist sich für nichts zu schade.
Weint mit uns und hat Brot für uns und nimmt unsere Kinder in den Arm.
Und er macht die Sorgen auch nicht klein.
Aber er weiß auch, wie sie das Leben verdunkeln können, wenn sie zu groß werden.
Sie nehmen uns die Luft und die Sicht auf das Leben.

Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen:
Was werden wir essen?
Was werden wir trinken?
Womit werden wir uns kleiden?
Nach dem allen trachten die Heiden.
Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft.


II.
Und wie die Menschen damals dem Bergprediger so zuhören,
denken sie vielleicht an ihre Vorfahren.
Die einst aufgebrochen sind aus Ägypten.
Die ließen sich nicht aufhalten, noch nicht mal vom Meer,
geschweige denn von den Soldaten der ägyptischen Armee.
Sie zogen ins Ungewisse. Dorthin, wo sie frei sein sollen.
Wo es jedem von ihnen gut gehen soll, nicht nur einigen wenigen.
Und sie machten sich Sorgen. Was werden wir essen? Was werden wir trinken?
Sollen wir nicht doch besser zurück?

Doch Gott lehrte sie das Sehen. Das Genauhinschauen.
Seht morgens genau hin: da findet ihr Manna. Das Brot der Wüste.
Und abends seht genau hin: da findet ihr Wachteln.
Und seht euch die Felsen genau an: da findet ihr Wasser.
Und verliert euer Ziel nicht aus den Augen.
Das Land, wo ihr gerecht und frei leben könnt und jeder Mensch geachtet wird.
Wo jedes Leben zählt.

Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit,
so wird euch das alles zufallen.


III.
Das Mittelmeer im September. Ein Ort, wo Leben wertlos geworden ist.
Menschen in Booten, deren Motor von der griechischen Küstenwache zerstört wurde.
Menschen in Lagern, unter Zeltplanen, dicht an dicht.
Kein Schutz vor der Kälte der Nacht, kein Schutz vor Gewalt, kein Schutz vor Corona.
Feuer brennt. Tränengas macht selbst vor Kindern nicht halt.
Man trinkt Abwasser um nicht zu verdursten.
Die Einheimischen sind verzweifelt. Ja, auch sie. Alleingelassen.
Und in Europa feilscht man um 100, 200, 400 Kinder, die man rausholen will.
Oder doch 1500?
NGOs werden ausgebremst. Boote gestoppt. Die Nächstenliebe wird aufgehalten.
Wir wollen uns keine Brandstifter holen, heißt es in den Kommentaren auf Facebook.
Die haben das nicht verdient. Sind doch selber schuld. Schickt sie zurück.
Alle? Auch die Kinder? Und die jungen? Und die alten?
Schweigen. Achselzucken.
Die Sorge, dass wir was abgeben müssten von unserem Reichtum, ist mächtiger als alles andere.

IV.
Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit,
so wird euch das alles zufallen.


Schaut genau hin. Es ist doch alles da, worauf es ankommt.
Lasst euch nicht den Blick verdunkeln.
Seht das Manna und die Wachteln. Seht das Wasser in den Felsen.
Seht die Vögel, und die Lilien. Schaut hin, wo geliebt wird und geholfen.
Darauf, dass es nicht nur euch gut geht, sondern den anderen auch.
Und dass jeder Mensch für Gott wichtig ist.....

Schaut hin auf die Bilder von Gottes Liebe:
Da ist Brot, das für alle reicht.
Der Samariter, der sich um den im Straßengraben kümmert.
Der Hirte, der noch dem letzten Schaf hinterher geht.
Jedes einzelne Leben zählt. Jedes Schaf.
Jede geflüchtete Frau aus Syrien. Jedes Kind aus Afghanistan.
Und auch die jungen Männer.
Schaut hin. Sagt Jesus. Und lasst euch nicht aufhalten.

V.
Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes…

Als der Probst Howard in die Ruine von Coventry ging, hatte er große Sorge.
Was kann aus so einer Zerstörung schon Gutes entstehen? (2)
Doch er ließ sich seinen Blick nicht davon verdunkeln.
Er schaute genau hin.
Und fand Gott. Gerade in dieser Ruine. In einem Kreuz aus 3 Nägeln.

Howard wusste:
Gott wird ihm die Kraft geben, im richtigen Moment das zu tun, was ansteht.
Er ließ sich nicht aufhalten vom Hass, von Rachegefühlen, von der Verzweiflung.
Er ließ sich auch nicht von den Bedenkenträgern aufhalten.
Von denen, die sagen: das bringt sowieso nichts.
Die haben das nicht verdient. Die müssen wir ihrem Schicksal überlassen.
Nein, er tat, was dran war. Und mit ihm viele andere.
Und sie knüpften ein Netz der Versöhnung über die ganze Welt.

VII.
Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes…

Schaut genau hin und lasst euch nicht aufhalten.
Holt die Flüchtlinge aus den Lagern raus.
Rettet die, die in Seenot geraten.
Gebt ihnen ein Zuhause. Gebt ihnen Sicherheit. Es ist ja genug Platz.
Sorgt euch nicht um euch und eure Sicherheit.
Sorgt euch aber um die Menschen, die Hilfe brauchen.
Die uns brauchen. Und die sich nach Frieden sehnen.
Lasst euch nicht aufhalten von den Parolen der besorgten Bürger.
Und von den Bedenkenträgern auch nicht.

Schaut genau hin.
Auch auf die, die hier sind und euch brauchen.
Und denen ihr zur Seite stehen könnt.
Die das Manna und die Blumen am Wegesrand nicht sehen können.
Öffnet ihnen die Augen.
Öffnet sie für das Leben. Für jede einzelne Faser des Lebens.
Und dafür, dass Gott dieses Leben liebt.

Schaut hin und sorgt euch nicht.
Keiner von euch muss seine Sorgen alleine tragen.
Gott gibt euch die Kraft, die ihr braucht.
Schaut hin und ihr findet Gott - in den Ruinen, in den Zimmermannsnägeln,
In den Lagern dieser Welt und in eurem Leben.

Schaut hin und
Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit,
so wird euch das alles zufallen.

Amen.



(1) Matthäus 6,25-34:

25Darum sage ich euch: Sorgt euch nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung? 26Seht die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel kostbarer als sie? 27Wer ist aber unter euch, der seiner Länge eine Elle zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt?
28
Und warum sorgt ihr euch um die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: Sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. 29Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen. 30Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird: Sollte er das nicht viel mehr für euch tun, ihr Kleingläubigen? 31Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? 32Nach dem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft.
33
Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen. 34Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.


(2) Die Stadtkirche in Pforzheim gehört zur weltweiten Nagelkreuz-Gemeinschaft. Der 20.9.2020 war der Nagelkreuzsonntag. Zur Hintergrundgeschichte siehe z.B. https://nagelkreuz.org/nkg-international/geschichte

Zu Beginn des Gottesdienst gab es folgende Meditation zum Wochenpsalm 127:

Wenn der HERR nicht das Haus baut,
so arbeiten umsonst, die daran bauen.
Wenn der HERR nicht die Stadt behütet,
so wacht der Wächter umsonst.

Umsonst gebaut.
Vielleicht hat damals der Probst von Coventry genau das gedacht,
als er in den Trümmern seiner Kathedrale stand.
Umsonst gebaut.
Die Bomben haben dieses Gebäude, das doch für die Ewigkeit gebaut war, zerstört.
Einfach so. Weil Hass, Macht, Gier, Wut, Gewalt stärker war.
Umsonst gebaut. Oder doch nicht?

Wenn der HERR nicht das Haus baut,
so arbeiten umsonst, die daran bauen.
Wenn der HERR nicht die Stadt behütet,
so wacht der Wächter umsonst.


Umsonst gebaut.
Vielleicht haben das die Menschen vor 75 Jahren gedacht
als sie durch die Straßen Pforzheim gingen.
Alles in Schutt und Asche. Auch die Stadtkirche.
Weil dieser Kriegswahnsinn auch vor Pforzheim nicht Halt machte.
Umsonst gebaut. Oder doch nicht?

Wenn der HERR nicht das Haus baut,
so arbeiten umsonst, die daran bauen.
Wenn der HERR nicht die Stadt behütet,
so wacht der Wächter umsonst.


Der Herr hat ein anderes Haus gebaut.
Ein Haus des Friedens. Ein Haus der Versöhnung. Eins, das die ganze Welt umspannt.
Aus 3 Zimmermannsnägeln geschmiedet. Aus Dachbalken zusammengelegt.
Ein Kreuz, das sagt: Nichts ist umsonst, was aus Liebe geschieht.
Gebt darum weiter, was Gott euch schenkt.
Seinen Frieden. Seine Versöhnung. Sein Leben.
Gott sorgt für euch. Darum sorgt euch nicht um euch.
Nicht um euren Ruf. Um eure Zukunft. Um eure Gegenwart.
Sorgt ihr für andere. Und alles andere wird er dazu tun.
So wie die 3 Nägel aus der Ruine.
Mehr brauchte der Probst von Coventry nicht für den Frieden.
Und für das Leben.
Nichts ist umsonst.




Sonntag, 28. Juni 2020

Mich umarmen lassen

Meine gegensätzlichen Seiten feiern

Predigt zu Lukas 15, 11-32

Alle Zolleinnehmer und andere Menschen, die ein Leben voller Schuld führten,
kamen zu Jesus um ihm zuzuhören. Die Pharisäer und Schriftgelehrten ärgerten sich darüber.
Sie sagten: »Mit solchen Menschen gibt er sich ab und isst sogar mit ihnen!«
Da erzählte ihnen Jesus dieses Gleichnis:
»Ein Mann hatte zwei Söhne. Der jüngere sagte zum Vater: ›Vater, gib mir den Teil der Erbschaft, der mir zusteht.‹ Da teilte der Vater seinen Besitz unter den Söhnen auf. Ein paar Tage später machte der jüngere Sohn seinen Anteil zu Geld und wanderte in ein fernes Land aus. Dort verschleuderte er sein ganzes Vermögen durch ein verschwenderisches Leben. Als er alles ausgegeben hatte, brach in dem Land eine große Hungersnot aus. Auch er begann zu hungern. Da bat er einen der Bürger des Landes um Hilfe. Der schickte ihn aufs Feld zum Schweinehüten. Er wollte seinen Hunger mit den Futterschoten stillen, die die Schweine fraßen. Aber er bekam nichts davon.
Da ging der Sohn in sich und dachte: ›Wie viele Arbeiter hat mein Vater und sie alle haben reichlich Brot zu essen. Aber ich komme hier vor Hunger um. Ich will zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe Schuld auf mich geladen – vor Gott und vor dir. Ich bin es nicht mehr wert,
dein Sohn genannt zu werden. Nimm mich als Arbeiter in deinen Dienst.‹
So machte er sich auf den Weg zu seinem Vater. Sein Vater sah ihn schon von Weitem kommen und hatte Mitleid mit ihm. Er lief seinem Sohn entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn. Aber sein Sohn sagte zu ihm: ›Vater, ich habe Schuld auf mich geladen – vor Gott und vor dir. Ich bin es nicht mehr wert, dein Sohn genannt zu werden.‹ Doch der Vater befahl seinen Dienern: ›Holt schnell das schönste Gewand aus dem Haus und zieht es ihm an. Steckt ihm einen Ring an den Finger und bringt ihm Sandalen für die Füße. Dann holt das gemästete Kalb her und schlachtet es: Wir wollen essen und feiern! Denn mein Sohn hier war tot und ist wieder lebendig. Er war verloren und ist wiedergefunden.‹ Und sie begannen zu feiern.
Der ältere Sohn war noch auf dem Feld. Als er zurückkam und sich dem Haus näherte, hörte er Musik und Tanz. Er rief einen der Diener zu sich und fragte: ›Was ist denn da los?‹ Der antwortete ihm: ›Dein Bruder ist zurückgekommen! Und dein Vater hat das gemästete Kalb schlachten lassen, weil er ihn gesund wiederhat.‹ Da wurde der ältere Sohn zornig. Er wollte nicht ins Haus gehen. Doch sein Vater kam zu ihm heraus und redete ihm gut zu. Aber er sagte zu seinem Vater: ›Sieh doch: So viele Jahre arbeite ich jetzt schon für dich! Nie war ich dir ungehorsam. Aber mir hast du noch nicht einmal einen Ziegenbock geschenkt, damit ich mit meinen Freunden feiern konnte. Aber der da, dein Sohn, hat dein Vermögen mit Huren vergeudet. Jetzt kommt er nach Hause, und du lässt gleich das gemästete Kalb für ihn schlachten.‹
Da sagte der Vater zu ihm: ›Mein lieber Junge, du bist immer bei mir. Und alles, was mir gehört, gehört auch dir. Aber jetzt mussten wir doch feiern und uns freuen: Denn dein Bruder hier war tot und ist wieder lebendig. Er war verloren und ist wiedergefunden.‹

I.
Ja, ich bin es. Ich bin wie der ältere Sohn.
Eigentlich zufrieden mit dem, was ich habe. Es geht mir ja gut.
Wie er habe ich mein Einkommen, ein Dach über dem Kopf, bin gesund - meistens.
Ich habe zu essen, zu trinken, einen Mann, 3 Kinder, eine große Familie im Hintergrund,
gute Freunde und Freundinnen.
Ich kann mit einer Rente rechnen. Weiß, wie das Wetter morgen wird.
Hab sogar noch Geld und Pläne für Urlaub.
Wollte ich das nicht immer so?

Wie der ältere Sohn arbeite ich viel und erfülle weitgehend die Erwartungen.
Klar nicht immer und dann habe ich auch ein schlechtes Gewissen.
Ich weiß, wann ich Anträge einreichen oder beim Oberkirchenrat anrufen muss.
Ich beantworte Mails und schicke Briefe. Ich telefoniere und treffe mich mit Menschen.
Ich plane und strukturiere und entscheide und höre und rede und schreibe und denke nach.

Ich bin loyal - wie er.
Ich habe mir die Corona-App heruntergeladen.
Trage beim Einkaufen die Mund-Nase-Bedeckung.
Ich mach das nicht nur aus Pflichtbewusstsein,
sondern weil ich wirklich glaube, dass das richtig ist.
Ich will verantwortlich handeln. Und ich trage Verantwortung.
Ich mach das gern, auch wenn sie mir manchmal zu schwer wird.

Ich halte es aber darum wie der ältere Sohn schwer aus,
wenn andere auf die gemeinsame Verantwortung pfeifen.
Ich empfinde sie als unsolidarisch und habe zugleich das Gefühl, unglaublich spießig zu sein.
Und vielleicht bin ich das auch?  Nein, protestiert alles in mir.

Der ältere Sohn wird aber oft so dargestellt:
Als einer der immer brav ist und dann so kleingeistig,
dass er seinem jüngeren Bruder nichts gönnt. Aber vielleicht stimmt das gar nicht?

Jedenfalls entdecke ich: Ja, ich bin so wie er.

II.
Aber ich bin auch wie der jüngere Sohn.
Ich will nicht in den vorgefertigten Bahnen und Rollen laufen.
Will sie sprengen, will neue Pfade betreten.
Ich will mich ausprobieren, Neues entdecken, auch an mir.
Und das kann ich nicht, wenn ich immer nur im Rahmen bleibe.

Ich will experimentieren - wie der jüngere Sohn.
Weit weg von irgendeiner Aufsicht. Und ich will das Leben feiern. Einfach so.
Für einen Tag ans Meer fahren. Erdbeeren essen bis mir schlecht wird.
Auf dem Marktplatz Tango tanzen.
Einen Graffiti-Workshop besuchen und es Nachts in echt ausprobieren.

Manchmal will ich auch nicht mehr nett und höflich sein.
Will frei sein von dem Bedürfnis, dass man mich mögen soll.

Und manchmal will ich noch viel mehr. Will alles hinter mir lassen - wie er.
Ganz neu anfangen. Irgendwo. Mit irgendwas. Raus aus dem gesettelten Leben.
Verrücktes tun. Und ganz schlicht leben. Ohne Spülmaschine und Smartphone.

Aber ich habe Angst davor.
Angst zu scheitern wie der jüngere Sohn
und dann auch in einem Schweinestall zu enden und eine arme Sau zu sein.
Scheitern ist ja nichts Romantisches, sondern brutal.
Ich will nicht am Boden liegen - nicht wissend, ob ich alleine wieder hoch komme.
Ich weiß, wie man sich verzettelt und alles vermasselt.
Bin schon in einer Sackgasse gelandet.
Ich habe auch schon Menschen, die ich liebe, verletzt und verlassen.
Ich bin schon geflohen vor Verantwortung,
habe mich schäbig benommen, als ein Freund mich brauchte.
Schämte mich, in den Spiegel zu schauen.
Und das alles hinterlässt Spuren und Narben.

Aber ja, wenn man ausbricht aus dem Gewohnten, macht man auch Fehler.
Der jüngere Sohn wurde oft als der Hallodri dargestellt:
Als einer, der nur seinen Spaß haben will und dabei nichts ans Morgen denkt.
Aber vielleicht stimmt das gar nicht?
Jedenfalls entdecke ich: Ja, ich bin so wie er.

III.
Ich bin wie der ältere Sohn und wie der jüngere.
Ich will alles richtig machen und ich will alles anders machen.
Ich habe mich verrannt und ich bin still stehen geblieben.
Und mit beiden Seiten bin ich auf der Suche nach mir selbst
….und nach Gott.
Fragend, ob ich so genug bin.

Und Gott?
Gott stellt diese Frage nicht, sondern breitet seine Arme aus.

Aber mir geht das noch zu schnell.
Bin noch zu sehr bei meinen Fragen und Zweifeln. Auch an Gott.

Bin ich dir wirklich willkommen, Gott?
Der Gedanke, dass ich moralisch sauberer sein müsste,
Oder ehrlicher, bibelfester oder wenigstens kraftvoll gläubig,
Dieser Gedanke steckt zu tief in mir, Gott.
Jahrhundertelange Tradition schleppe ich mit:
Dass nur brave Mädchen in den Himmel kommen.
Oder man müsste besonders genial und begabt sein, um dir wohlgefällig zu sein.
Und ich bin das alles nicht.

Bin ich trotzdem willkommen, Gott?
Ist meine zwanghafte Seite willkommen? Und meine rebellische auch?
Und sind mit mir alle anderen willkommen, die auch aus dem Rahmen fallen?
Alle bunten und schillernden, lauten und leisen?
Die arabisch und farsi sprechenden auch?
Sind wir gut genug für dich, Gott?
Wenigstens für dich, wenn schon nicht für die anderen?

IV.
So stehe ich mit klopfenden Herzen da.
Stehe vor Gott - ganz außer Atem vom Schweinestall her kommend.
Und aus meiner Schmollecke hervorkriechend.

Und Gott sagt: Natürlich bist du gut genug!
Gut genug mit allen gelebten und ungelebten Träumen.
Und Gott breitet ihre Arme aus und umfängt mich.
Mich. Mich ganz und gar. Mit meinen beiden Seiten.
Mit meiner Angst vor dem Leben und der Angst, das Leben zu verpassen.
Mit meinem Zweifel und meiner geistigen Engstirnigkeit,
Mit meinem Verantwortungsgefühl und mit meiner Abenteuerlust.

Gott gibt mir ein neues Kleid und Schmuck, wertvoll soll ich mich fühlen.
Das Kleid steht meinen beiden Seiten vortrefflich.
Und Gott tischt alles auf, was die Speisekammer hergibt.
Sorgt für gute Musik. Für Licht und Farben.
Für ein großes Fest
- für mich.
Für meine beiden Seiten.
Sie gehören zu mir. Werden beide gebraucht.
Werden beide umarmt.
Die verantwortliche Seite und die spielerische.
Die Vorsichtige und die alles Wagende.

Gut, dass du du bist, sagt Gott.
Was mein ist, ist dein. Du warst tot, doch jetzt lebst du.
Du bist da, sagt Gott. Und das ist Grund genug zum Feiern.

Aber merke dir eins:
Das Leben ist gütiger als du denkst, als du zu glauben wagst.
Viel gütiger, unendlich gütig.
Hab keine Angst, dass du zu kurz kommst.
Gönne auch anderen das Leben und die Liebe.
Und öffne dein Herz für sie, die sich wie du, nach dem Leben sehnen.

V.
Ja, ich bins.
Ich bin wie der jüngere Sohn und wie der ältere.
Ich bin Gottes Tochter.
Ich lass mich umarmen. Von Gott, Vater und Mutter.
Und feiere mit ihr das Leben.

Samstag, 9. Mai 2020

Alles beginnt mit der Sehnsucht

Was Tersteegen, Bach, das Himalaya und Ballett miteinander zu tun haben.

Zur Zeit entstehen kleine Videoandachten in der Stadtkirche unter dem Titel "Musik am Mittwoch".
Diese hier ist eine wunderbare Zusammenarbeit mit Orgel (Heike Hastedt) und Ballett (unter der Leitung von Guido Markowitz), die man sich eigentlich anhören und anschauen sollte.
Das Video ist wunderschön geworden und hier zu finden:
https://www.youtube.com/watch?v=wGlOhBV6Idg&t=5s


I.
Alles beginnt mit der Sehnsucht.
So fängt ein Gedicht von Nelly Sachs an.
Alles beginnt mit der Sehnsucht.
Mit der Sehnsucht nach Liebe und Atem und nach Leben.

Aber auch am Ende steht die Sehnsucht.
Einer meiner Lieblingsfilme ist „Das Beste kommt zum Schluss“.
In ihm erfahren Edward Cole und Carter Chambers zeitgleich,
dass sie nur noch eine kurze Zeit zu leben haben.
Zufällig liegen sie zusammen in einem Krankenzimmer.

Edward ist reich. Richtig reich. 
Und so beschließen sie, sich gemeinsam ihre Träume zu erfüllen:
das, was sie noch unbedingt erledigen wollen, bevor sie sterben.
Und sie erstellen eine Liste.

Carter, der Philosoph von den beiden, schreibt auf seine Liste:
Etwas Majestätisches erfahren.
Edward amüsiert sich darüber.
Fallschirmspringen, ein Tatoo stechen,
das schönste Mädchen auf der Welt küssen - das sei es doch.
Was zum Geier soll das sein, etwas Majestätisches erfahren?

Warst du schon mal im Himalaya? antwortet Carter.
Und er hat vor Augen diesen majestätischen Ort,
wo der Himmel so blau ist, dass er fast schwarz wirkt.
Aber natürlich steckt dahinter, hinter diesem Wunsch,  mehr.
Carter will sich am Leben wieder freuen können.
Will die Welt mit offenem Herzen umarmen.
Er sehnt sich danach, überwältigt zu werden.
Und Gott ganz nah zu sein, diesem majestätischen Wesen.

Etwas Majestätisches erfahren….  
Kennen Sie diese Sehnsucht?

Majestätisch Wesen, möcht ich recht dich preisen und im Geist dir Dienst erweisen.
Möcht ich wie die Engel immer vor dir stehen und dich gegenwärtig sehen.
Lass mich dir für und für trachten zu gefallen, liebster Gott, in allem.


II.
Edward Cole und Carter Chambers folgen ihrer Sehnsucht. 
Vieles davon ist ziemlich verrückt.
Aber sie umarmen die Welt und öffnen ihre Herzen.
Und sie entdecken, dass das Leben ein heiliger Ort ist.

Alles beginnt mit der Sehnsucht.
Schau ich auf den Beginn des Lebens, dann ist da der Atem.
Die Sehnsucht nach ihm bei der Geburt.
Selber atmen können, Luft in die Lunge bekommen.
Für die meisten von uns selbstverständlich,  aber längst nicht für alle.

Wie kostbar das Selbstverständliche ist!
Wir merken das jetzt besonders.
Eine Umarmung, ein Kuss, mal eben die Oma besuchen, arbeiten gehen.
Alles das ist gerade nicht mehr selbstverständlich.
Jede Begegnung zerbrechlich wie feinstes Porzellan.

Das Leben ist ein heiliger Ort - ja!
Aber ich sehne mich zugleich danach, dass es wieder selbstverständlich ist, dieses Leben.
Leicht.
Umfangen von Atem und Luft und von Gott.
Nichts fragen müssen. Nichts verstehen müssen.
Einfach spüren, dass alles gut wird.
Leicht sein.  
Leicht werden.

Luft, die alles füllet, drin wir immer schweben, aller Dinge Grund und Leben,
Meer ohn Grund und Ende, Wunder aller Wunder: ich senk mich in dich hinunter.
Ich in dir, du in mir, lass mich ganz verschwinden, dich nur sehn und finden.


III.
Ich in dir. Du in mir.
Dich nur sehn und finden.
Liebeserklärung pur.
Göttliche Erotik.
Die Sehnsucht danach, eins zu sein und zu verschmelzen.
Die Sehnsucht nach dem anderen, der anderen.
Nach der Berührung, dem Blick, nach der Stimme.
Nach dem zarten Finger, der mein Gesicht berührt.

Sehnsucht nach Liebe. Alles beginnt mit ihr.
Vielleicht sogar mit der Sehnsucht nach Gott.  Und Gottes Sehnsucht nach mir.
Sehnsucht nach dem, der mich liebt,  so wie ich bin und ohne dass ich was dafür tun muss.
Einfach nur da sein.
Leben. Atmen. Selber lieben.
Die Welt umarmen und das Herz öffnen.
Zum Blau gehen, das zum Schwarz wird, weil der Himmel tief ist.

Ja, sich am Leben freuen - darauf kommt es an.
Sich am Leben freuen und diesen Gott wenigstens für einen Moment finden.
Danach sehne ich mich.

Du durchdringest alles; lass dein schönstes Lichte, Herr, berühren mein Gesichte.
Wie die zarten Blumen willig sich entfalten und der Sonne stille halten,
Lass mich so, still und froh deine Strahlen fassen und dich wirken lassen


IV

Nelly Sachs:

Alles beginnt mit der Sehnsucht
Immer ist im Herzen Raum für mehr,
für Schöneres und Größeres.
Immerfort sich hinstrecken auf ein Kommendes –
das ist des Menschen Größe und Not.
Sehnsucht nach Stille, nach Freundschaft,
und Liebe.
Und wo Sehnsucht sich erfüllt,
dort bricht sie noch stärker auf:
dass es so bleibe,
dass es nicht vorübergehe.

Fing nicht auch die Menschwerdung,
Gott,
mit dieser Sehnsucht nach dem Menschen an?
So lass nun unsere Sehnsucht damit anfangen,
dich zu suchen,
und lass sie damit enden,
dich gefunden zu haben.



V.
Suchen und finden.
Kurz bevor der kluge Carter Chambers stirbt, schreibt er seinem Freund:

Ich bitte dich, noch etwas für mich zu tun:
Finde die Freude in deinem Leben, Edward.

Finde deine Freude!

Und der zynische Edward Cole findet sie, die Freude.
Er versöhnt sich mit seiner Tochter,
nimmt seine Enkeltochter in den Arm
und küsst sie, das schönste Mädchen der Welt.

Ja, und das alles, das beginnt mit der Sehnsucht.

Sonntag, 12. April 2020

Ostermorgen 2020

Dämmerung im Osten. Richtung Westen ist es noch dunkel.
Nach milder Nacht ein kühler Ostermorgen.
Ich bin keine Frühaufsteherin.
Die Glieder sind müde. Die Augen verschlafen. Der Geist träge.
Wie jedes Jahr.

Ich steige auf mein E-Bike,
froh um die Motorunterschützung als es den Wallberg rauf geht.
Die Stadt ist noch ruhig. Die Vögel melden sich zu Wort.

Am Parkplatz stelle ich mein Fahrrad ab.
Noch gar nicht so viele Autos hier.
Die letzten Meter müssen gelaufen werden.
Mit immer noch müden Beinen geht es schleppend, aber es geht.

Andere sind schon da, als ich ankomme. Es kommen noch mehr dazu.
Gesichter, die ich kenne. Und Gesichter, die ich nicht kenne.
Wir bleiben auf Corona-Abstand.
2 Frauen auf dem Geländer haben zwischen sich eine Kerze.
Und eine Flasche Wasser.
Es wird heller. Die Stadt zu unseren Füßen.

Unter unseren Füßen weiß ich die Trümmer des letzten Krieges.
75 Jahre ist das her.
Da verloren die Menschen ihr Zuhause.
Und ihr Vertrauen.
Zerstörte Stadt. Zerstörtes Leben. Zerstörte Zukunft.

Und doch ging auch hier die Sonne täglich auf.
Die Stadt wurde wieder aufgebaut.
Die Toten begraben. Trümmer beiseite geräumt und den Berg rauf geschleppt.
Tränen getrocknet. Ärmel hochgekrempelt. Zukunft Stein auf Stein geschichtet.
Angst weggedrückt. Wie haben sie damals den Ostermorgen erlebt?

Ich schaue auf die Stadt.
Hinter den Gardinen schlafen die meisten noch.
Das eine oder andere Kind wird schon auf der Suche nach Ostereiern sein.
Müde tritt die Pflegerin aus dem Krankenhaus nebenan -
ihre Nachtschicht ist zu Ende.
An den Beatmungsgeräten kämpfen Covid-19-Kranke um ihr Leben.
Der Nachbar mit seinem Tumor pausiert mit seiner Chemo.
Mit Wehen wandert die Hochschwangere ruhelos über den Flur.
Ein alter Mann stellt 2 Kaffeetassen auf den Frühstückstisch
Vermisst seine Frau, die er im Pflegeheim nicht besuchen kann.
David ist vom Alptraum aufgewacht. Er holt das Papier hervor und streicht es glatt.
Ablehnungsbescheid steht da drauf.
Und er versteht immer noch nicht, warum er in den Iran zurück muss.
Die Nachbarin geht mit ihrer Kerze in die Herz-Jesu-Kirche. Zum Osterlicht.

Der Himmelsrand im Osten ballt sich rot.
Gleich hinter dem Wartberg auf der anderen Seite.
Die Stelen hinter mir leuchten zurück.
Die 2 Frauen auf dem Geländer waschen sich die Augen.
Osteraugen. Frisch und klar.
Und plötzlich ist die Sonne da.
Fast grell kriecht sie Stück für Stück hervor
Knall-rot-orange.
Der Zaubermoment.

In mir ist es ganz ruhig.
Ich höre die anderen nicht, aber ich weiß sie um mich herum.
Das Osterlicht streckt sich mir entgegen.
Es streichelt über mein Gesicht.
Ich lebe und du sollst auch leben, sagt es mir.

Ich stehe auf, gehe ein paar Schritte zurück.
Meine Stimme drängt sich raus: Christ ist erstanden.
Etwas brüchig. Zaghaft. Und zu tief.
Aber die anderen stimmen mit ein.
Und gemeinsam singen wir.
Christ will unser Trost sein. Kyrieleis.

Frohe Ostern nicken wir uns zu.
Und dann gehe ich wieder den Berg hinunter.
In meinem Herzen:
die bekannten und die unbekannten Gesichter,
die Trümmer des Berges mit ihren Erinnerungen,
die 2 Frauen mit ihren frischgewaschenen Augen,
die Pflegerin, die ostereiersuchenden Kinder, die müden Eltern,
den besorgten David, die Covid-19-Kranken und den Nachbarn,
den alten Mann, die Gebärende,
und Jesus, den Auferstandenen.
Friede sei mit ihnen allen.

Ich steige auf mein Fahrrad.
Die Vögel sind noch lauter als vorhin.
In der Enz gluckert das Wasser und zieht weiter.

Zuhause angekommen hole ich die Tafelkreide
und schreibe auf die Straße meine Osternachricht.
Ich hänge Ostereier in die Büsche.
Mach mir einen Kaffee.
Zünde die Osterkerze an, die mir mein Freund Michael geschickt hat.
Ostermorgen 2020.

Donnerstag, 9. April 2020

Miteinander verbunden - Gründonnerstag und Bonhoeffer

Heute ist Gründonnerstag. Normalerweise würden wir heute Abend in unseren Kirchen Abendmahl feiern - in Erinnerung daran, wie Jesus mit seinen Freunden und Freundinnen am Abend vor seinem Tod das letzte Mahl zusammen war. „Normalerweise“ - aber dieses Jahr ist nichts normal, sondern alles anders. Und viele sind traurig, dass sie in diesen Tagen keine Gottesdienste in ihren Kirchen feiern können. Viele haben auch Angst vor dem Alleinsein.

Heute ist Gründonnerstag. Und: heute vor 75 Jahren wurde Dietrich Bonhoeffer im Konzentrationslager Flossenbürg von den Nazis hingerichtet. Viele Monate war er im Gefängnis gewesen, weil er am Widerstand gegen die Nazis teilgenommen hat. Auch er litt unter Einsamkeit und Angst – abgeschnitten von lieben Menschen, von der Gemeinschaft mit anderen, vom Leben überhaupt. „Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig“ – so beschreibt er seinen Zustand in einem Gedicht: „hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen, dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe.“

Farben, Blumen, Vogelstimmen, Frühlingsdüfte – im Gegensatz zu Dietrich Bonhoeffer können wir sie wahrnehmen in diesen Tagen. Trotz Corona, trotz aller Einschränkungen. Gott sei Dank! Aber unruhig und sehnsüchtig sind viele von uns jetzt auch. 
Auch ich sehne mich nach guten Worten und menschlicher Nähe. Gerade jetzt wo der Frühling da ist, möchte ich in Straßencafés sitzen, will Menschen, die ich mag, umarmen und das Leben spüren.

„Du, die Eltern, Ihr alle, die Freunde […] seid mir immer ganz gegenwärtig.“ Das schrieb Bonhoeffer aus dem Gefängnis an seine Verlobte, Maria Wedemeyer. Auch hinter den dicksten Gefängnismauern fühlte er sich verbunden mit seinen Liebsten. Ich lebe nicht im Gefängnis, aber die Verbundenheit mit euch tut auch mir gut - gerade jetzt.

Ja, ich bin mit euch verbunden. Und mit Jesus. Heute, am Gründonnerstag, und die kommenden „Heiligen Tage“ sogar ganz besonders.
Ich werde heute abend mit Freund*innen per zoom zusammensitzen, das Brot brechen, einen Schluck Wein trinken und die Worte hören, die davon erzählen, wie Jesus dieses Brot brach. Und er sitzt an meinem Tisch und an dem meiner Freund*innen auch.
Morgen suche ich mir eine stille Stunde und werde daran denken, wie einsam Jesus am Kreuz starb und wie seine Freundinnen und seine Mutter um ihn weinten. Und ich weiß, er ist ganz nah bei mir - in meinen Tränen.
Und am Ostermorgen zünde ich mir das Osterlicht an, lausche auf die Glocken und singe „Christ ist erstanden“ - vielleicht gehe ich zum Sonnenaufgang auch auf den Wallberg.
Und ich weiß: Jesus ist auch dann ganz nah bei mir - in meiner Hoffnung, dass Gott stärker ist als der Tod. Oder wie Bonhoeffer es sagt: „ Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will.“

So wird es sein.
(leicht verändert so auch heute im Pforzheimer Kurier abgedruckt)