Sonntag, 17. April 2016

Wunderbare Leichtigkeit des Seins: tanzende Töne, Jesus mittendrin und die Liebe in der Welt

Predigt zu 1.Joh 5,1-4 
 
(Mit Anklängen an das wunderbares Stück "Wie im Himmel" vom Pforzheimer Stadttheater und Dank an Bettina Schlauraff für ein paar Gedanken)

Wer glaubt:
Jesus ist der Christus,
hat Gott zum Vater.
Und wer seinen Vater liebt,
liebt auch seine Geschwister,
die ja denselben Vater haben.

Ob wir die Kinder Gottes lieben,
erkennen wir daran:
Wir lieben Gott
und halten seine Gebote.
Denn unsere Liebe zu Gott äußert sich darin,
dass wir seine Gebote halten.

Und es ist nicht schwer,
seine Gebote zu halten.
Denn jeder, der Gott zum Vater hat,
besiegt die Welt.
Dabei ist es unser Glaube,
mit dem wir diesen Sieg über die Welt erringen.

I.
Es ist nicht schwer, sagt Daniel.
Daniel, der Meisterdirigent, steht vor dem Dorfchor.
Gestern im Theater.
Er zweifelt, ob das geht mit denen.
Sie zweifeln, ob das geht mit ihm.
Aber nun sind sie da.
Und suchen den Himmel.
Suchen Töne, die schon längst da sind.
Wollen himmlische Töne finden.
Klingen lassen.

Es ist nicht schwer, sagt Daniel trotzdem.
Ihr werdet die Töne finden, die in euch sind.
Und die Töne werden euch finden.
Wenn ihr daran glaubt.
Wenn ihr eure Zweifel loslasst.
Wenn ihr seid, die ihr seid.

II.
Es ist nicht schwer,
schreibt einer in einem Rundschreiben,
den wir Johannesbrief nennen.
Es ist nicht schwer,
die richtigen,
die himmlischen Töne zu finden.
Die Töne klingen zu lassen, dass ihr zu Gott gehört.
Dass ihr zu Jesus Christus gehört.
Ihr werdet die Töne finden, die in euch sind
und die euch zueinander führen.
Und die Töne werden euch finden.
Wenn ihr daran glaubt.
Wenn ihr eure Zweifel loslasst.
Wenn ihr seid, die ihr von Gott her seid.

Es ist nicht schwer,
schreibt er, nennen wir ihn Johannes.
Schreibt für Menschen,
die nicht mehr wissen, wo sie hingehören.
An Männer und Frauen, die sich fremd fühlen,
in einer Umgebung, wo ihr Glaube nicht Fuß fasst.
Sie wollen mit dieser Welt nichts zu tun haben,
halten sich raus,
schotten sich ab,
ziehen sich zurück.
Jesus ist in meinem Herzen.
Das genügt. Mehr brauche ich nicht.
Und die Welt kann mir gestohlen bleiben.

III.
Die Welt kann mir gestohlen bleiben.
Das denkt Daniel, als er in sein Heimatdorf zurück kehrt.

Die Welt kann mir gestohlen bleiben.
Auch ich ertappe mich bei diesem Gedanken.

Da werden Gruselgeschichten erzählt von Flüchtlingen.
So wie im Januar von Lisa, die angeblich vergewaltigt wurde.
Und diese Lügengeschichte treibt 700 Menschen auf unseren Marktplatz.
Und sie treibt Tausende in die Arme der AFD.
Die Welt kann mir gestohlen bleiben.
Lasst mich in Ruhe damit. Ich will es nicht mehr hören.
Das denke ich dann.
Du auch?

Da führt ein übergroßes Haushaltsdefizit in Pforzheim vielleicht dazu,
dass ausgerechnet bei den Armen und Bedürftigen gespart werden muss.
Dabei hat Pforzheim die dritthöchste Millionärsdichte in Deutschland.
Das ist doch verrückt.
Ach, lasst mich in Ruhe damit.
Das denke ich dann. Will es nicht wirklich hören.
Weil es mir Angst macht.
Die Welt soll mir doch gestohlen bleiben.

Der erneute Krankenhausbesuch der Freundin.
Die Aussichten stehen schlecht.
Die Chemo hat sie schwach gemacht.
Die hin und her geschobenen Millionen wegen der WM in Deutschland.
Oder die Arbeiter in Katar, die wegen der zukünftigen WM in Löchern hausen.
Die Kinder am Zaun von Idomeni.
Die fragwürdigen Ergebnisse mit Istanbul.

Ich will es nicht mehr hören.
Tür zu.
Schotten dicht.
Bettdecke über den Kopf.
Oder eine Liebesschnulze auf DVD anschauen.
Oder wie Daniel der Welt entfliehen.
Die Welt kann mir gestohlen bleiben.

IV.
Aber auf Dauer geht das nicht.
Sagt Johannes.
Und das weiß ich auch.
Die Welt kann mir nicht gestohlen bleiben.
Denn ich bin ein Teil von ihr.
Ich gehöre zu ihr.
So wie ich zu Gott gehöre.

Wer glaubt:
Jesus ist der Christus,
hat Gott zum Vater.
Und wer seinen Vater liebt,
liebt auch seine Geschwister,
die ja denselben Vater haben.


Jesus ist keine Idee, kein Gedanke.
Jesus ist ein richtiger Mensch.
Und nur so ist er der Messias.
Einer, der mittendrin ist.

Mittendrin in diesem Chaos,
und dort, wo es ganz ordentlich zu geht.
Unter der Bettdecke
und in der Küche, wo das Geschirr immer noch schmutzig herumsteht.
Jesus ist mittendrin,
wo Alte weinen,
und Junge tanzen
und Liebende sich umarmen.
Jesus zieht sich auch mal zurück,
in die Wüste oder auf ein Boot oder einen Berg.
Und heute würde er vielleicht auch mal eine Liebesschnulze sehen
und mit Daniel in das Heimatdorf zurückkehren.
Warum auch nicht?

Aber dann geht er wieder in die Welt,
und ist ganz und gar da.
Sie bleibt ihm nicht gestohlen.
Und er verdammt sie nicht.
Denn sie ist es, die seine Liebe braucht.
Sie ist es, die ihn hören muss.
Ihn und seine Töne der Liebe.
Die Töne der Freiheit und der Leichtigkeit.
Die Töne des Friedens.
Gottes Töne.

V.
Und so wie die Welt zu Gott gehört,
gehörst auch du zu Gott.
Und die Welt gehört zu dir.
Diese schwierige, anstrengende
und doch auch so bezaubernde Welt.
Du machst die Tür zu,
oder steigst auf ein Boot
oder du gehst in die Wüste.
Die Welt gehört trotzdem zu dir.
Und du zu ihr.
So wie Daniel zum Dorf gehört.
Und das Dorf zu ihm.
Und beide sind Teil der Welt.

Wer seinen Vater liebt,
liebt auch seine Geschwister,
die ja denselben Vater haben.


Du kannst die Welt nicht in Stich lassen,
nicht links liegen lassen.
Sie kann dir nicht egal sein.
Denn sie braucht Gottes Liebe.
Die unglaubliche Leichtigkeit seiner Liebe.
Die hohen Töne und die tiefen Töne,
die Sopranstimmen und die Bassstimmen,
die Stimmen dazwischen auch, Alt und Tenor.
Die krächzenden Stimmen und die glockenhellen.
Alle diese Stimmen, die von Gottes Liebe singen,
die Welt braucht sie.
Sie braucht dich.
So wie du bist mit deinen Brüchen und Narben,
mit allem, was du mitbringst.

VI.
Ob wir die Kinder Gottes lieben,
erkennen wir daran:
Wir lieben Gott
und halten seine Gebote.
Denn unsere Liebe zu Gott äußert sich darin,
dass wir seine Gebote halten.
Und es ist nicht schwer,
seine Gebote zu halten.


Es ist nicht schwer.
Denn du trägst Gott im Herzen,
diesen Gott,
wo du die bist, die du bist,
und der, der du sein willst.
Diesen Gott, der dir Flügel verleiht.
Seine Liebe trägst du mit dir
und behältst sie nicht für dich.
Das geht nicht.
Denn sie drängt hinaus.
Sie drängt dich hinaus.
Dort, wo die anderen sind mit ihren Brüchen und Narben.
Dort, wo du einfach das tust, was ansteht.
Das, was du kannst.
Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Und du machst deine Augen auf
und öffnest deine Ohren
und dein Herz.
Und dann lächelst du der gestressten Verkäuferin zu,
oder du schreibst einen Brief für einen Gefolterten,
oder du besuchst einen, der Angst hat vor den Flüchtlingen,
oder du widersprichst dem Hetzer im Bus,
der an Fremden kein gutes Haar lässt.
Du kümmerst dich um die,
die dein solidarisches Herz brauchen,
und deine Stimme.
Die Töne der Liebe statt Schreie der Angst.
Das sind die Gebote.

Unsere Welt braucht dich,
sie braucht diese unglaubliche Leichtigkeit des Seins.
Es ist nicht schwer,
sagt Johannes.
Wir ahnen,
es ist nicht immer leicht.
Aber mit Gottes Liebe in deinem Herzen geht es leichter.
Sie ist stärker als das, was dir entgegen steht,
stärker als deine Vergeblichkeiten und deine Schwächen,
stärker sogar als deine Sterblichkeit,
stärker als die Tür, die du schließen willst.

VII.
Es ist nicht schwer.
In Indien, bei unserer Partnerkirche,
habe ich diese Leichtigkeit gespürt.
Wo traurige Kinder wieder lachen können,
Kinder, die von der Welt ausgeschlossen werden.
Sie lachen wieder,
weil sie von unseren Schwester und Brüdern zu hören und spüren bekommen,
wie wertvoll sie sind.

Ich habe diese Leichtigkeit der Liebe gespürt,
als sich so viele von euch für mich eingesetzt haben:
ihr habt mir Briefe geschrieben,
mir gute Worte gesagt,
und auch anderen das gesagt.
Ihr habt mir gezeigt,
dass ich vor Lügengeschichten keine Angst haben muss.

Ich spüre diese Leichtigkeit,
wenn ich unsere Chöre hier höre.
Diese hohen und tiefen Töne der Freiheit und des Friedens.
Sie berühren mich im Herzen.
Durch sie spüre ich, wie großartig und wunderschön diese Welt ist.

Und auch Daniel, der Meisterdirigent, hat sie gespürt,
die Leichtigkeit der Liebe.
Und die Dorfbewohner auch.
Wie im Himmel kommen sie zusammen.
So wie sie sind.
Mit ihren Brüchen und Narben und Ängsten.
Sie öffnen ihre Herzen füreinander,
schützen sich,
stärken sich,
singen zusammen.
Und entdecken Neuland.
Eine wunderbare Leichtigkeit von neuen, himmlischen Tönen.
Und sie überwinden, was sie eingeengt hat.
Mit ihrer Liebe.
Mit Gottes Liebe.

VIII.
Es ist nicht schwer,
die Liebe zu leben,
weil wir zu Gott gehören,
sagt Johannes.

Es ist nicht schwer
,
die Töne der Liebe zu singen,
denn sie sind da,
sagt Daniel.

Es ist nicht schwer,
Liebe zu geben,
weil wir geliebt sind,
sagen die indischen Geschwister.

Es ist nicht schwer,
sagen viele von euch.

Und so sage auch ich mir selbst und dir:
es ist nicht schwer.
Ich darf die sein, die ich bin,
und du auch.
Gottes Welt braucht meine und deine Liebe.
Wir leben sie
und tanzen sie
und zeigen sie,
singen sie
und widersprechen durch sie.

Und das tun wir
mit Gottes wunderbarer Leichtigkeit des Seins
Sie ist in uns.
Jetzt und allezeit.

Amen.




Sonntag, 3. April 2016

Ein Gott mit Narben

Predigt zu Johannes 20,19-29, inspiriert von Michael Greßler, einem großartigen Prediger


Wichtige Vorbemerkung: Diese Predigt basiert in Idee, Aufbau, Anlage und zum nicht geringen Teil auch Worten auf einer wunderbaren Predigt von Michael Greßler, die er letztes Jahr gehalten hat. In meinen Vorbereitungen stieß ich auf seine Predigt, die genau die Gedanken formulierte, die ich mir vorher gemacht hatte. Ich habe sie deshalb als Grundlage genommen und bearbeitet. Das Original ist aber noch gut erkennbar. Ich habe lange überlegt, ob ich diese Predigt, die ich heute gehalten habe, überhaupt veröffentlichen sollte. Da mich aber mehrere Hörende darum baten, tu ich das nun ganz bewusst. Denn sie ist auch ein gutes Beispiel für die Predigtgemeinschaft, die ich mit vielen Kollegen und Kolleginnen in den sozialen Medien teile, und für dich ich sehr dankbar bin. Ich freue mich, dass auch meine Predigten anderen Kolleg/innen geholfen haben, ihre Predigten zu formulieren. Und hier war es mal umgekehrt. Das alles ist auch ein Wirken des Heiligen Geistes.
Angeblich gibt es beim Predigen kein CopyRight, aber ich möchte doch würdigen, wem ich meine Predigt im Wesentlichen verdanke: nämlich dem genialen Prediger Michael Greßler und am Schluss auch ein bischen was von Holger Pyka. Die Predigt von Michael stelle ich unten mit ein (er hat es mir erlaubt...). So hat jede/r, der/die will, einen kleinen Einblick in die Predigtwerkstatt...

I.
»Am Abend des ersten Tages der Woche,
waren die Jünger versammelt,
und die Türen waren verschlossen  …«


Am Abend desselben Tages
machst du die Tür hinter dir zu.

Du gehst in deine Wohnung und lässt alles andre draußen.
Die geschnittenen Hecken.
Die saubergewischte Haustreppe.
Die geputzten Fenster
und die Ostereier am Strauch im Garten.
Aber auch den Lärm.
Und die Nachrichten.
Von den Bomben in Lahore.
Und vom Tod.

Am Abend desselben Tages ziehst du dich aus.
Du hängst deine Sachen über den Stuhl.
Du gehst ins Bad und siehst dich im Spiegel.
So sieht dich sonst keiner.
Fassade weg. Kleider weg.
Ungeschminkt.
Du siehst deine Falten.
Und du siehst deine Narben.
Am Abend desselben Tages
legst du Deine Fassung ab.
Leib und Seele liegen bloß.

Türen zu. Und Fenster zu.
Vieles kannst du draußen lassen.
Doch manches wirst du nicht los.
Deine Narben nicht.
Deine Zweifel nicht.
Und deine Angst auch nicht.
Aber das muss ja keiner wissen.

»Am Abend des ersten Tages der Woche
waren die Jünger versammelt,
und die Türen waren verschlossen aus Furcht vor den Juden.
Da kam Jesus und trat mitten unter sie …«


Am Abend desselben Tages kommt Jesus.
Er fragt nicht.
Er kommt einfach.
Er kommt:
Ungefragt und ungebeten, unerwartet und unverhofft.
Er kommt hinter die verschlossene Tür.
Er tritt hinter die Fassade.
Einfach so.
Plötzlich ist er da. In einem Wort, das mitten ins Herz geht.
Und sagt: Friede sei mit dir.
Trotz deiner Furcht.
Und trotz deiner Zweifel.
Und obwohl du die Tür fest zu gemacht hast.

»Da kam Jesus und trat mitten unter sie
und spricht zu ihnen:
Friede sei mit euch!«


Er kommt, und er weiß, was ist.
Mit dir.
Und mit den anderen.
Er kommt und er kennt dich.
Er kommt, und er kennt deine Angst.
Deine Zweifel.
Und deine Narben, die kennt er auch.
Ihretwegen kommt er ja.

»Da kommt Jesus und trat mitten unter sie
und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch!
Und als er das gesagt hatte,
zeigte er ihnen die Hände und seine Seite.
Da wurden die Jünger froh, dass sie den Herrn sahen.«


Jesus kommt durch die verschlossene Tür,
und er sagt einfach: »Friede sei mit dir«.
Und dann schlägt er seine Kleider zurück.
Er öffnet sein Gewand und legt es ab.
Er zieht sich aus vor dir.
Er zeigt dir, wie er ist.
Wie Gott ist.
Leib und Seele bloß.
Ohne, dass du ihn darum gebeten hättest.
Und er zeigt dir seine Narben.

»Da wurden die Jünger froh, dass sie den Herrn sahen.«

Und sie sehen: Der Herr hat Narben wie wir.
Jesus weiß, was das ist.
Jesus kennt die Schmerzen.
Er kennt unsere Furcht.
Er kennt unsere Zweifel.
Vor ihm brauchen wir uns nicht zu verstecken.
Und nicht zu schämen.

II.
»Da sprach Jesus abermals zu ihnen:
Friede sei mit euch!
Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.
Und als er das gesagt hatte,
blies er sie an und spricht zu ihnen:
Nehmt hin den heiligen Geist!
Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen;
und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.«


Geht hinaus, sagt Jesus.Ich bin zu euch gekommen. Hinter eure Fassade.
Nun geht auch ihr.

Öffnet die verschlossene Tür.
Geht hinaus in die Welt.
Geht hin zu den Menschen.
Macht die Augen auf und schaut und geht.
Schaut genau hin.
Auch hinter die Fassaden.
Und legt den Finger in die Wunden dieser Welt.
Davon gibt es genug.

Nicht nur in Syrien und in Pakistan und in Brüssel.
Wunden gibt es auch da, wo ihr hingehen könnt.
Auch in eurer Stadt. In euren Straßen.
In der Gemeinde. Am Arbeitsplatz. Beim Fußball.
In der Zeitung. Im Internet.

Geht da hin. Schweigt nicht. Habt keine Scheu. Habt Mut.
Habt Geist. Habt Kraft. Habt klare Worte.

»Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen;
und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.«


Nennt das Böse böse.
Und nennt das Gute gut.
Geht hinter die verschlossenen Türen.
Lasst euch vom heiligen Geist führen.
Scheut euch nicht, unbequem zu sein.

Die Nachbarn wollen nicht hören,
dass Gottes Liebe allen Menschen gilt,
auch den Muslimen und den Flüchtlingen?
Sagt es trotzdem.

Die Arbeitskollegen wollen nicht wahrnehmen,
dass sie einer gefährlichen Politik folgen,
wenn diese Angst vor Fremden macht?
Sagt es trotzdem.

Die Mannschaftsfreunde merken nicht,
wie verächtlich sie über Frauen reden?
Sagt es ihnen.

Und um meiner Liebe willen: Vergebt.
Zeigt selber, wie es anders gehen kann:
mit Liebe und Glaube und Hoffnung.

»Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen.«

III.
Aber nach acht Tagen
sitzt du dann doch wieder hinter verschlossener Tür.
Ob du nun Thomas heißt oder nicht.

Du würdest so gern gehen in die Welt.
Mit klaren Worten. Und mutigen Taten.
Mit großer Kraft. Und mit lauter Vergebung.

Aber du hast weder Mut noch Kraft noch Klarheit.
Und der Zweifel nagt.
Und deine Narben tun weh. Nach wie vor.
Da hinter deinen verschlossenen Türen.

»Und nach acht Tagen
waren seine Jünger abermals drinnen versammelt,
und Thomas war bei ihnen. 

Kommt Jesus, als die Türen verschlossen waren,
und tritt mitten unter sie und spricht:
Friede sei mit euch!
Danach spricht er zu Thomas:
Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände
und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite …«


Jesus kommt wieder.
Er bleibt nicht weg.
Kein einmaliges Event, dass er da war vor 8 Tagen.
Auch verschlossene Türen und Herzen halten ihn nicht auf.

Und er zeigt dir noch einmal,
was er denn für ein Gott ist:
Ein Gott mit Narben.
Auferstanden.
Lebendig. Aber mit Wunden.

Nach acht Tagen – heute – kommt Jesus zu dir.
Er kommt verwundet.
Verwundet wie du selbst.
Und verwundet wie die Welt.

So ein Gott ist das.
Ein echter, ein ungeschminkter Gott.
Ein Gott mit Narben und Striemen.
Aber lebendig.

Mit Narben und Striemen und Wunden.
Von der Liebe.
Er hat geliebt, bis es wehgetan hat.
Dich und die ganze Welt.
Er hat geliebt, bis es geblutet hat.

Und er zeigt dir das.
Er schämt sich nicht dafür.
Er trägt seine Narben offen.
Und er lässt dich das fassen,
du, die du die Fassung verloren hast,
du, der du dich deiner Narben schämst,
und deiner Zweifel
und deiner Angst.

»Reiche deinen Finger her
und sieh meine Wunden,
und reiche deine Hand her
und lege sie in meine Seite«.


Du darfst Jesus anfassen.
Du darfst diesen Gott berühren.
Er ist dir ganz nah.
Und du erkennst, wer er ist.

»Mein Herr und mein Gott.« —

So ist Gott und nicht anders.
Ein Gott mit Narben und Wunden.
Ein Gott mit Tränen in den Augen.
Der die Berührung sucht.
Der sein Leben mit dir teilt.
Und dein Leben in den Arm nimmt.

Mitten in der Gruft.
Und in deinen verschlossenen Räumen.
Ein Gott, vor dem du dich nicht schämen musst.
Bei dem du ganz bist, die du bist und der du bist.
Schwach und stark.
Ängstlich und mutig.
Hoffnungsvoll und verzweifelt.
Gläubig und ungläubig.

IV.
„Da sprach Jesus abermals zu ihnen:
Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.
Und als er das gesagt hatte, blies er sie an und spricht zu ihnen:
Nehmt hin den Heiligen Geist!“


Öffne die Türen wieder.
Und wieder.
Und noch einmal.
Geh hinaus.
Geh mit deinen Wunden in die verwundete Welt.
Verstecke deine Narben nicht und versuche nicht, perfekt zu sein.
Lebe - die Liebe.
Lebe - mit diesem Gott mit Narben und Wunden.
Und sage, was gesagt werden muss.
Lege deinen Finger in die Wunde.
Du Furchtsamer, du Zweifelnde, du Kraftloser.
Jesus ist bei dir. In dir.
Ganz nah - so nah, dass du ihn berühren kannst.
Friede sei mit dir.

Amen.


Und hier die Original-Predigt von Michael:

»Narbenspiel«
Eine Predigt
zum Sonntag Quasimodogeniti,
12. April 2015 in Burgstall (Württemberg) 
   

Text: Joh 20,20-29; (Reihe 1)
                       
Evangelium
Am Abend des ersten Tages der Woche,
waren die Jünger versammelt,
und die Türen waren verschlossen
aus Furcht vor den Juden.

Da kam Jesus und trat mitten unter sie
und spricht zu ihnen:
Friede sei mit euch!
Und als er das gesagt hatte,
zeigte er ihnen die Hände und seine Seite.
Da wurden die Jünger froh, daß sie den Herrn sahen.

Da sprach Jesus abermals zu ihnen:
Friede sei mit euch!
Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.
Und als er das gesagt hatte,
blies er sie an und spricht zu ihnen:
Nehmt hin den heiligen Geist!
Welchen ihr die Sünden erlaßt, denen sind sie erlassen;
und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.

Thomas aber, der Zwilling genannt wird,
einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam.
Da sagten die andern Jünger zu ihm:
Wir haben den Herrn gesehen.
Er aber sprach zu ihnen:
Wenn ich nicht in seinen Händen die Nägelmale sehe
und meinen Finger in die Nägelmale lege
und meine Hand in seine Seite lege,
kann ich's nicht glauben.

Und nach acht Tagen
waren seine Jünger abermals drinnen versammelt,
und Thomas war bei ihnen.
Kommt Jesus, als die Türen verschlossen waren,
und tritt mitten unter sie und spricht:
Friede sei mit euch!
Danach spricht er zu Thomas:
Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände
und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite,
und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!

Thomas antwortete und sprach zu ihm:
Mein Herr und mein Gott!
Spricht Jesus zu ihm:
Weil du mich gesehen hast, Thomas, darum glaubst du.
Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!


Die Gnade unsers Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen.


I. Hinter verschlossener Tür
 
»Am Abend des ersten Tages der Woche,
waren die Jünger versammelt,
und die Türen waren verschlossen  …«


Am Abend desselben Tages
machst du das Haus hinter dir zu.

Du gehst hinein und läßt alles andre draußen.
Die geschnittenen Hecken.
Die geputzten Fenster
und die Tür mit dem Osterkränzchen dran.
Die saubergewischten Fensterbänke.
Die frischgestrichene Fassade.
Alles picobello von außen.

Am Abend desselben Tages ziehst du dich aus.
Du hängst deine Sachen über den Stuhl.
Du gehst ins Bad und siehst dich im Spiegel.
So sieht dich sonst keiner.
Fassade weg. Kleider weg.
Du legst die Prothese ab.
Du siehst dich.
Ungeschminkt.
Du siehst deine Falten.
Und du siehst deine Narben.
Am Abend desselben Tages
legst du Deine Fassung ab.
Leib und Seele bloß.

Türen zu. Und Fester zu.
Vieles kannst du draußen lassen.
Und manches wirst du nicht los.
Deine Narben nicht.
Und deine Angst auch nicht.

»Am Abend des ersten Tages der Woche
waren die Jünger versammelt,
und die Türen waren verschlossen aus Furcht vor den Juden.
Da kam Jesus und trat mitten unter sie …«


Am Abend desselben Tages kommt Jesus.

Er fragt nicht.
Er kommt einfach.
Er kommt:
Ungefragt und ungebeten, unerwartet und unverhofft.
Er kommt hinter die verschlossene Tür.
Er kommt hinter die Fassade.

Unerwartet und ungefragt.
Aber nicht unwissend.
Er kommt. … Und er weiß.

»Da kam Jesus und trat mitten unter sie
und spricht zu ihnen:
Friede sei mit euch!«

Er kommt, und er weiß, was ist.
Mit dir.
Er kommt und er kennt dich.
Er kommt, und er kennt deine Angst.
Und deine Narben, die kennt er auch.
Ihretwegen kommt er ja.

»Da kommt Jesus und trat mitten unter sie
und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch!
Und als er das gesagt hatte,
zeigte er ihnen die Hände und seine Seite.
Da wurden die Jünger froh, daß sie den Herrn sahen.«


Jesus kommt, denn er kennt deine Narben.
Jesus kommt, denn er weiß, wie weh es tut.
Jesus kommt, damit du wieder froh wirst.

Er kommt, und er sagt einfach: »Friede sei mit dir«.
Und dann schlägt er seine Kleider zurück.
Er öffnet sein Gewand und legt es ab.
Er zieht sich aus vor dir.
Ohne, daß du ihn darum gebeten hättest.
Und zeigt dir seine Narben.

»Da wurden die Jünger froh, daß sie den Herrn sahen.«

Und sie sehen: Der Herr hat Narben wie wir.
Jesus weiß, was das ist. Jesus kennt die Schmerzen.

»Da wurden die Jünger froh, daß sie den Herrn sahen.«
Und ich wurde auch froh.

II. Hinaus in die Welt

»Da sprach Jesus abermals zu ihnen:
Friede sei mit euch!
Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.
Und als er das gesagt hatte,
blies er sie an und spricht zu ihnen:
Nehmt hin den heiligen Geist!
Welchen ihr die Sünden erlaßt, denen sind sie erlassen;
und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.«


»Geht hinaus«, sagt Jesus.
»Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.«
»Ich bin zu euch gekommen. Hinter eure Fassade.
Nun geht auch ihr.

Geht hin. Geht hin in die Welt.
Geht hin zu den Menschen.
Macht die Augen auf und schaut und geht.
Schaut genau hin.
Schaut hinter die Fassaden.
Und legt den Finger in die Wunden dieser Welt.
Davon gibt es genug.

Auch da, wo ihr hingehen könnt.
Nicht nur in Syrien und in der Ukraine und in Afrika.
Da könntest du sagen: Was kann ich schon tun?
Wunden gibt es genug. Auch da, wo Du hingehen kannst.
Auch in unserem Land. Auch bei deinen Nachbarn.

Geht da hin. Schweigt nicht. Habt keine Scheu. Habt Mut.
Habt Geist. Habt Kraft. Habt klare Worte.«
»Welchen ihr die Sünden erlaßt, denen sind sie erlassen;
und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.«

»Nennt das Böse böse.
Und nennt das Gute gut.

Geht hinter die verschlossenen Türen.
Mahnt und weist zurecht.

Und um meiner Liebe willen: Vergebt.«

»Welchen ihr die Sünden erlaßt, denen sind sie erlassen.«

III. Mein Herr und mein Gott
Aber nach acht Tagen
sitzt du dann doch wieder hinter verschlossener Tür.
Ob du nun Thomas heißt oder nicht.

Du würdest so gern gehen in die Welt.
Mit klaren Worten. Und mutigen Taten.
Mit großer Kraft. Und mit lauter Vergebung.

Aber du hast weder Mut noch Kraft noch Klarheit.
Manchmal.
Und deine Narben tun weh. Nach wie vor.
Da hinter deinen verschlossenen Türen.

»Und nach acht Tagen
waren seine Jünger abermals drinnen versammelt,
und Thomas war bei ihnen.

Kommt Jesus, als die Türen verschlossen waren,
und tritt mitten unter sie und spricht:
Friede sei mit euch!
Danach spricht er zu Thomas:
Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände
und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite …«


Nach acht Tagen kommt Jesus wieder.

Und er zeigt dir noch einmal,
was er denn für ein Gott sei:
Ein Gott mit Narben.

Auferstanden.
Lebendig. Aber mit Wunden.

Nach acht Tagen – heute – kommt Jesus zu dir.
Er kommt verwundet.
Verwundet wie du selbst.
Und verwundet wie die Welt.

So ein Gott ist das.
Ein echter, ein ungeschminkter Gott.
Ein Gott mit Narben und Striemen.

Mit Narben und Striemen und Wunden.
Von der Liebe.
Er hat geliebt, bis es wehgetan hat.
Dich und die ganze Welt.
»Also hat Gott die Welt geliebt«
Er hat geliebt, bis es geblutet hat.
Er trug deine Krankheit
und lud auf sich deine Schmerzen.

Und er zeigt dir das.
Er schämt sich nicht dafür.
Er trägt seine Narben offen.

»Reiche deinen Finger her
und sieh meine Wunden,
und reiche deine Hand her
und lege sie in meine Seite«.


Da wurde ich froh, daß ich den Herrn sah.
Diesen Herrn. Den mit den Wunden.
»Mein Herr und mein Gott.« —

Und nach acht Tagen …
Nach acht Tagen kommt Jesus.
Und du siehst:
Durch seine Wunden bin ich geheilt. –
Nach acht Tagen kommt Jesus.
Und er sagt:
»Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich dich.
Geh mit deinen Wunden in die verwundete Welt.
Ich gehe mit.«
–
Nach acht Tagen kommt Jesus. Dein Herr und dein Gott.
Und du weißt:
Er lebt. Und du sollst auch leben.
Amen.


Der Friede Gottes,
der höher ist, als alle Vernunft,
bewahre eure Herzen und Sinne
in Christus Jesus.

Lied: Wie schön leuchtet der Morgenstern (70,1-5;)

Sonntag, 27. März 2016

Flucht ins Leben - mit vollen Netzen, geteilten Broten und heilender Musik

Predigt zu Markus 16 an Ostern

(Lesung 1.Korinther 15,1-11 -
außerdem vorher: Teile 1-4 der Bachkantate "Halt im Gedächtnis Jesum Christ" und die Taufe eines kleinen Mädchens)

I.
Nachdem er ihn gesehen hat, ging es ihm erstmal gar nicht gut.
Das Sehen ist dem Paulus vergangen,
damals vor Damaskus.
Es hat ihn zu Boden geworfen.
Ob er es sofort begriffen hat,
dieses Licht, dieser Jesus, der da in sein Leben trat,
ausgerechnet dieser Gekreuzigte?

Es klingt so einfach bei Paulus.
„das Evangelium, das ich euch verkündigt habe,
ihr habt es auch angenommen,
ihr steht auch fest darin“ (1.Kor. 15)

Der Schrecken von Golgotha vorbei -
von heute auf morgen?
Der Schrecken von Brüssel?
Der Schrecken von Al-Asrija?
Der Schrecken der Todesnachrichten?
Der Schrecken der Kündigung für eine Freundin?
Nein, er steckt fest in den Gliedern.
Er lässt sich nicht mal so eben abschütteln.

II.
Und als der Sabbat vergangen war,
kauften Maria von Magdala
und Maria, die Mutter des Jakobus,
und Salome
wohlriechende Öle,
um hinzugehen und ihn zu salben.
Und sie kamen zum Grab am ersten Tag der Woche,
sehr früh, als die Sonne aufging.

Und sie sprachen untereinander:
Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür?
Und sie sahen hin
und wurden gewahr, dass der Stein weggewälzt war;
denn er war sehr groß.

Und sie gingen hinein in das Grab
und sahen einen Jüngling zur rechten Hand sitzen,
der hatte ein langes weißes Gewand an,
und sie entsetzten sich.
Er aber sprach zu ihnen:
Entsetzt euch nicht!
Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten.
Er ist auferstanden, er ist nicht hier.
Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten.
Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus,
dass er vor euch hingehen wird nach Galiläa;
dort werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat.

Und sie gingen hinaus
und flohen von dem Grab;
denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen.
Und sie sagten niemandem etwas;
denn sie fürchteten sich.

(Markus 16,1-8)

III.
Zittern und Entsetzen
statt fröhliches Osterlachen.
Sie fliehen vom Grab
anstatt das Leben zu feiern.
Haben sie den Engel nicht gehört?
Entsetzt euch nicht!
Die Worte kommen nicht an.

Du kennst das, nicht wahr?
Die Schatten sind zu groß.
Zu tief.
Der Schmerz füllt das ganze Herz aus.
Blind vor Wut.
Taub für Trost.
Das Vogelzwitschern am frühen Morgen
findet in einer anderen Welt statt.
Nicht in deiner.
Die Sonne scheint in einer anderen Welt.
Nicht in deiner.
Der Engel spricht in einer anderen Welt.
Nicht in deiner.
Nicht jetzt.
Und dann siehst du nur den leeren Platz.
Da, wo er sein sollte.
Aber nicht ist.
Noch nicht mal mehr salben kannst du ihn.
Das Verpasste.
Das Zu-spät-sein.
Nichts sonst.

IV.
Die Toten von Brüssel sind noch nicht begraben.
Der Schock der Kündigung ist noch nicht verdaut.
Doch jetzt Osterlieder singen?
Fröhlich zum nächsten Punkt übergehen?
Karfreitag abhaken?
Wie einen schlechten Traum beiseite legen?

Nein, das geht nicht.
Bei den Frauen am Grab auch nicht.
Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen
Sie können noch nicht mal darüber reden.

Der Tod wird nicht verdrängt.
Das Grab ist noch da.
Das Grabtuch trägt die Spuren.
Es ist alles noch da.
Die Wunden sind tief.
Die Mutter kommt vom Flughafen in Brüssel nicht mehr zurück.
Der Job ist immer noch weg.
Die Kinder müssen umziehen.
Die Worte vom Entlass-Gespräch hallen noch nach.
Das Kreuz ist da - auch nach Ostern.

V.
Geht aber hin....
Etwas ist trotzdem anders.
Der Tod wird nicht verdrängt,
sondern besiegt.
Maria, Maria und Salome verharren nicht in Schockstarre.
Sie setzen sich in Bewegung.
Oder werden sie bewegt?

Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus,
dass er vor euch hingehen wird nach Galiläa;
dort werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat.
Und sie gingen hinaus
und flohen von dem Grab.


Sie fliehen und lassen den Totenort hinter sich.
Sie fliehen ins Leben.
Weg vom Grab.
Weg vom Tod.
Weg von der Gewalt.
Weg von der Leere.

Sie fliehen wie die Tausenden,
die zu uns kommen wollen.
Auch diese wollen ins Leben fliehen.
Weg von den Gräbern ihrer Ermordeten.
Weg von der Leere der zerbombten Häuser.
Weg von dort, wo es keine Hoffnung mehr gibt.

Sie fliehen wie die Arbeitslosen,
die im Erwerbslosentreff zusammen kommen.
Weg von der Leere eines langen Tages.
Weg vom trostlosen Küchentisch.
Weg von dem „Ich bin nichts mehr wert“.

VI.
Die Frauen fliehen vom Grab
hinein ins Leben.
Nach Galiläa.
Dort, wo das Brot geteilt wurde und für alle genug war.
Dort, wo die Schwiegermutter von Petrus wieder gesund wurde.
Dort, wo die Fischernetze nach einer langen leeren Nacht auf einmal voll waren,
voller Hoffnung und Mut.
Dorthin fliehen sie.
Dorthin laufen sie.
Sie bleiben nicht stehen.
Und verkriechen sich nicht in ihr Entsetzen.
Sondern sie gehen.
Rennen.
Eilen.
Fliehen.

VII.
Der Engel ist es, der sie auf den Weg schickt.
Seine Worte können sie nicht hören.
Das Entsetzen hält sie gepackt.
Und doch schafft er es, dass sie gehen.
Dass sie sich bewegen.
Dass sie ins Leben gehen.
Und den Tod hinter sich lassen.

Die andere Welt, aus der er kommt,
sie bricht herein in ihre Welt.
In meine Welt.
Sie ist schon längst in meiner Welt.
Gottes Licht ist schon längst da.
Auch dort, wo es dunkel ist.

Ja, Gottes Lebenswelt ist mitten in unserer Totenwelt.
Dort, wo wir sind.
Da bricht sie herein.
Bricht sie auf.
Da werden Fische gefangen,
obwohl es unmöglich ist.
Da reichen 5 Brote für 5000 Menschen,
obwohl es unmöglich ist.
Und da schöpfen Geflüchtete Hoffnung,
obwohl sie alles verloren haben.
Da finden Frauen den Mut, doch zu reden.
Und die Trauernden in Brüssel öffnen ihre Türen für die Fliehenden.

VIII.
Das Entsetzen aber bleibt.
Auch in Galiläa.
Auch nach Ostern gibt es keine Insel reiner Glückseligkeit.
Und es werden auch nicht alle den Weg schaffen - weg vom Grab.

Aber die Friedhofsruhe wird gestört.
Die Friedhofsruhe, die uns vormacht,
dass es nur noch den Tod gibt und nichts sonst,
dass wir mit Gewalt und Hass nun mal leben müssten,
die wird gestört.
Denn der Gekreuzigte bleibt nicht im Grab,
sondern geht nach Galiläa,
dorthin, wo die andere Welt,
die Welt Gottes in unsere Welt einbricht.
Dort ist er zu sehen.
Nicht im Grab.
Geht aber hin ... nach Galiläa;
dort werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat.


IX.
Im letzten September kamen 750 Flüchtlinge
im Belair in Sasbachwalden unter,
von heute auf morgen.
Bei 2400 Einwohnern.
Die Bewohner von Sasbachwalden waren sauer.
Unter den Flüchtlingen gab es schnell Unruhe.

Im Januar aber startete der Kirchenmusiker Patrick Bach ein Projekt:
innerhalb von 3 Tagen stellte er einen Chor zusammen
aus Flüchtlingen und Einheimischen,
die sangen mit ihm voller Inbrunst und Begeisterung „We are the world“.
Viele schiefe Töne dabei, aber Töne mit Herz.

Monate lang schon lebten sie nebeneinander,
aber sie kannten sich nicht.
Und nun sangen sie und klatschten und fassten sich an den Händen.
Ja, einige tanzten sogar mit dem Bürgermeister.
Zu sehen im Fernsehen.
Menschen, die aus dem Entsetzen kamen,
und Menschen, die ins Entsetzen kamen:
sie flohen gemeinsam ins Leben.
Dorthin, wo die Welt Gottes in unsere Welt einbricht,
und uns zueinander bringt,
uns Grenzen überwinden lässt.

X.
Entsetzt euch nicht!
Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten.
Er ist auferstanden, er ist nicht hier.
Geht aber hin .... nach Galiläa;
dort werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat.


Die Frauen fliehen vom Grab ins Leben.
Paulus wird geblendet
und fängt nochmal von vorne an.
Syrische Frauen und irakische Männer fliehen vor dem Tod.
Hier leben sie neu.
Und in Sasbachwalden lassen alte und neue Bewohner ihr Entsetzen hinter sich
und sie singen -
und entdecken sich neu.
Die gekündigte Freundin kann ihre Trauer teilen mit Freunden.

Ja, die Welt bleibt gebrochen.
Aber Gottes Welt ist zu sehen.
Mit vollen Netzen, geteilten Broten und heilender Musik.
Und da bist du nicht zu spät,
sondern fängst an,
den Tod lässt du hinter dir.
Dort, wo du lebst.

Amen.

Donnerstag, 24. März 2016

Sie wissen, was sie tun - und Gott auch

Meditation zu Lukas 23 (Karfreitag)
 
Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.

Jesus vergibt -
bedingungslos, zuerst.
Jesus vergibt den Mördern.
Den Attentätern.
Den Bombenlegern.
Den Brutalen.
Den Gaffern.
Den Spöttern.
Den Gemeinen.
Jesus vergibt,
wo ich es nicht schaffe.

Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.

Doch - sie wissen, was sie tun:
Sie wissen,
dass sie zahllosen Menschen das Leben nehmen.
Und damit einem Kind ihre Mutter rauben,
einer Frau ihren Mann,
dem Geliebten seinen Geliebten,
dem Vater seine Tochter.

Sie wissen, was sie tun.
Sie wissen,
dass das Sperren der Balkanroute
die Menschen ins Mittelmeer treibt.
Sie wissen,
dass die Anti-Flüchtlingsdemo vor der Unterkunft
den geflüchteten Menschen darin Angst einjagt.
Sie wissen,
dass die Bomben auf eine Stadt keinen Frieden bringen.
Sie wissen,
dass sie einen Unschuldigen ans Kreuz nageln.
Sie wissen,
was sie tun.

Vater, vergib...

Gott vergibt - endlos.
Auch wenn mir das nicht gefällt.
Gott hört am Kreuz nicht auf.
Selbst dort, wo wir am Ende sind,
wo alles Leben verlöscht,
wo es für uns kein Zurück mehr gibt -
selbst dort vergibt Gott.

Mitten in der Katastrophe,
wo jeder von uns wegrennen würde,
wo Bomben eine Stadt zerstören,
wo Terroristen Leben kaputt machen - und Vertrauen,
wo Frauen im Irak hingemetzelt werden,
wo rechter Mob vor Asylheimen herumgrölt
oder wo der Krebs ein Leben kaputt macht:
Selbst da ist Gott da.
Gibt niemanden auf.
Und macht einen neuen Anfang.

Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.

Mitten in der Höllenvision der Schädelstätte
reißt Jesus das Paradies weit auf.

Das Paradies bricht in die Hölle,
die Vergebung nimmt die Schuld,
der Schuldlose
zieht die Verdammten
mit sich in den Himmel.
Denn Gott gibt niemanden auf.
Auch die nicht, die wissen, was sie tun.
Mich auch nicht.
Und
auch dich nicht.

Vater, vergib...
Heute... Paradies...
Am Kreuz.
Amen.





Sonntag, 20. März 2016

Gott fällt ins Bodenlose

Predigt an Palmsonntag zu Philipper 2

Denkt im Umgang miteinander immer daran, welchen Maßstab Christus Jesus gesetzt hat:
Von göttlicher Gestalt war er.
Aber er hielt nicht daran fest, Gott gleich zu sein – so wie ein Dieb an seiner Beute.
Sondern er legte die göttliche Gestalt ab und nahm die eines Knechtes an.
Er wurde in allem den Menschen gleich. In jeder Hinsicht war er wie ein Mensch.
Er erniedrigte sich selbst und war gehorsam bis in den Tod –
ja, bis in den Tod am Kreuz.

Deshalb hat Gott ihn hoch erhöht:
Er hat ihm den Namen verliehen, der allen Namen überlegen ist.
Denn vor dem Namen von Jesus soll sich jedes Knie beugen –
im Himmel, auf der Erde und unter der Erde.
Und jede Zunge soll bekennen: »Jesus Christus ist der Herr!«
Das geschieht, um die Herrlichkeit Gottes, des Vaters, noch größer zu machen.

(Philipper 2,5-11 - Basisbibel)

I.
Er fiel ins Bodenlose, als er die Diagnose hörte.
Guido Westerwelle sollte nur am Miniskus operiert werden.
Doch dann waren die Blutwerte richtig schlecht. Leukämie - erfuhr er.
Und es ging los mit Chemotherapie. Die Suche nach dem Stammzellenspender.
Endlich einen gefunden. Der sprang dann ab. Ein neuer wurde gefunden.
Westerwelle vertrug die Zellentherapie nicht richtig.
Aber er gab die Hoffnung nicht auf.
Kämpfte um sein Leben. Und teilte seine Liebe.
Fühlte sich getragen und fiel doch ins Bodenlose.
Vorgestern ist er gestorben. Er hat den Kampf verloren.

II.
Sie fiel ins Bodenlose, die Bischöfin, die Ratsvorsitzende.
Erwischt mit Alkohol am Steuer. Ein schwerer Fehler, auf den sich die Medien stürzten.
„Ich falle nicht tiefer als in Gottes Hand“. Ja, diese Worte klangen richtig.
Und doch: Wie waren wohl die nächsten Tage und Nächte?
Die ganze Häme in den Kommentaren?
Die ganze Selbstgerechtigkeit derer, die sie schon immer am Boden liegen sehen wollten,
schon allein, weil sie eine Frau ist, die was zu sagen hat,
und die das auch tut, auch wenn das nicht alle gerne hören.
Sie legte ihr Amt nieder.
Das war kein Tod, aber den Makel wird sie nie wieder los.
Man braucht nur auf evangelikale Internetseiten zu gehen.
Es wird immer wieder rausgeholt.
Die Nacht damals, als sie ins Bodenlose fiel.

III. (danke an Aletta Dahlhaus)
Tag für Tag fällt er ins Bodenlose.
„Du Opfer!“ Die Worte noch im Ohr.
Und ihre grinsenden, herablassenden Gesichter. Die blauen Flecke unter seiner Haut.
Sie tun weh. Genau wie die Worte.
Aber immer so, dass es die Lehrer nicht mitbekommen.
Die Tasche geklaut. Das Handy abgezogen.
Aber er war wie erstarrt gewesen. Hat sich nicht gewehrt. Konnte es nicht.
Wollte es eigentlich auch nicht. 
Er will kein Opfer sein. Aber so einer wie die auch nicht.
Anderen wehzutun, das kann er sich nicht vorstellen.
Er weiß selbst, wie kaputt das einen machen kann.
Und wie man ins Bodenlose fällt. Ohne Ausweg.

IV.
Gott fällt ins Bodenlose.
Triumphaler Einzug in Jerusalem.
Er wird gefeiert als König, als Held, als Retter.
Doch dann fallen gelassen wie eine heiße Kartoffel.
Nein, an dem verbrennen wir uns nicht die Finger.
Die Palmzweige bleiben im Staub liegen, zertrampelt und zerrupft.
Der Staub von den Kleidern wird abgeklopft. Ist schließlich nicht mehr aktuell.
Ein paar Silberlinge gibt man noch aus, damit man ihn endlich loswerden kann.

Gott fällt ins Bodenlose.
Er fällt in Gethsemane auf die Knie und weint und fleht und bittet.
Seine Freunde schaffen es auch nicht mehr.
Er fällt in die Nacht, in das Dunkel, in die Angst.
Er kämpft um sein Leben, und weiß doch, dass es vergeblich ist.
Gibt es noch etwas, das bodenloser ist?

In jeder Hinsicht war er wie ein Mensch.
Er erniedrigte sich selbst und war gehorsam bis in den Tod –
ja, bis in den Tod am Kreuz.


Das Kreuz ist noch bodenloser. Es ist der Abgrund.
Das Nichts. Das komplette Nein zu allem Leben und Lieben.
Dahinein fällt Jesus. Dahinein fällt Gott.

V.
Ist Gott zu schwach, um oben zu bleiben?
Er legte die göttliche Gestalt ab und nahm die eines Knechtes an.

Ein Gott, der sich kreuzigen lässt: "so ein Schwächling".
Ein Gott, der sich auf die Verliererstraße begibt.
Wie diese Bischöfin, die sich erwischen ließ.
Wie der Sterbenskranke, der sich an jede Therapie klammerte.
Wie das Mobbingopfer, das sich nicht wehren kann.
Und wie der Fremde, der Pech hat, dass er aus dem falschen Land kommt.
So ein Gott ist das?

VI.
Ja, so ein Gott ist das. Der Gott Jesu.
Dieser Gott fällt in einen Stall, dort wo nur Tiere hausen -
oder Menschen, die kein Dach über dem Kopf haben.

Dieser Gott flieht nach Ägypten auf einem Esel.
Und er flieht aus Syrien und aus dem Irak und aus Eritrea.
Er kämpft um sein Leben. Wie die Menschen in Idomeni.
Oder die, die sich immer noch in Schlepperboote begeben.
Wieder und wieder. Weil es für sie keinen anderen Weg gibt.

Ja, dieser Gott geht in die Wüste.
Er kämpft mit dem Hunger und dem Durst und mit Machtphantasien.
Er weiß um die Bodenlosigkeit von Häme und Beleidigungen,
und um die Sehnsucht nach klaren Wegen.
Aber er weiß nicht, wo er abends schlafen wird.
Wie so viele in unserem Land, ob sie nun fremd sind oder hier geboren.

Und später lässt er sich bespucken und schlagen, festnageln und fesseln.
Öffentlich.
Er fällt ins Bodenlose und stirbt.
Er fällt richtig tief - ohne doppeltem Boden.
Ohne einen, der ihn festhält.

Er selber hält nichts fest. Noch nicht mal sich selber.
Er erniedrigte sich selbst und war gehorsam bis in den Tod –
ja, bis in den Tod am Kreuz.

VI.
Dieser Gott fällt ins Bodenlose und er kämpft um sein Leben.
Um ein Leben in Liebe.

Denn die teilt er aus, grenzenlos. Und voller Macht.
Er heilt den Taubstummen und gibt ihm die Sprache zurück.
Er umarmt die Kleinen und schenkt ihnen Würde.
Er holt den Zyniker vom Baum und lässt ihn neuanfangen.
Er hört der Frau am Brunnen zu und spricht die Worte, die alles gut machen.
Er richtet die Gekrümmte auf und weint um seinen Freund Lazarus. 
(danke an Michael Greßler)
Und er teilt das Brot - an alle.

Aber vor allem geht er selbst dahin, wo sich der Boden auf tut,
wo er hinfällt, in die Tiefe fällt, in den Abgrund.

Und so kannst du sehen, wer Gott ist und was er ist:
der, der an deiner Seite ist und nicht von deiner Seite weicht,
auch wenn du am Boden liegst.

Er legte die göttliche Gestalt ab und nahm die eines Knechtes an.
Er wurde in allem den Menschen gleich.

 
Er teilt sein Leben und seine Liebe mit dir, egal wo du bist.
Er, der noch nicht mal sich selber festhält, damit er dich halten kann.
Gott ist die Liebe, die sich austeilt und die keine Grenzen kennt,
noch nicht mal den Tod.

VII.
Das geschieht, um die Herrlichkeit Gottes, des Vaters, noch größer zu machen.

Der Gott, der ins Bodenlose fällt,
ist dort, wo du bist und wo ich bin,
wo Guido Westerwelle ist und Margot Käßmann war,
und das Mobbingopfer ebenso.
Gott ist in Idomeni und auf den Schlepperbooten, in Istanbul und Ankara,
und am Frühstückstisch der Alleinerziehenden,
die nicht weiß, wie sie die Klassenfahrt bezahlen soll.

Ja, da ist der Gott, der ins Bodenlose fällt.
Und dieser Gott zeigt so sein wahres Gesicht.
Sein Name ist die Liebe, die sich austeilt und die aufrichtet.
Und sie lässt sich nicht stoppen
weder von unserer Blindheit noch gar vom Tod.
Darum musste diese Liebe ans Kreuz.

VIII.
Diese Liebe stellt nämlich alles auf den Kopf.
Sie macht aus dem Opfer den Ehrenbürger und gibt dem Namenlosen einen Namen.
Die Gedemütigte wird aufgerichtet und spricht hoch erhobenen Hauptes,
der Tote wird zum Leben geführt.

Und aus einer Stadt, deren Bewohner Angst vor der Zukunft haben
und die deshalb den rechten Rattenfängern auf den Leim gehen,
aus so einer Stadt wird eine, die sich auf Veränderungen freut
und Fremde und Einheimische fröhlich zusammenleben lässt.
Es wird so sein.
Weil die Liebe sich nicht stoppen lässt. Noch nicht mal vom Kreuz.

Und für diese Liebe fällt er ins Bodenlose.
An deine Seite. Und an meine auch.

Amen.

Sonntag, 13. März 2016

Von Tränen und Zuhören und einem Sohn, der ganz unten ist

Predigt zu Hebräer 5

(vorherige Lesung aus Markus 14 =  Gethsemane-Szene)

In den Tagen seines irdischen Lebens hat Jesus
seine Gebete und sein Flehen vor Gott gebracht.
Mit lautem Rufen und unter Tränen
brachte er sie vor Gott.
Denn der konnte ihn aus dem Tod retten.
Und aufgrund seiner Ehrfurcht vor Gott
ist er erhört worden.
Obwohl er der Sohn war,
musste er durch das, was er gelitten hat,
den Gehorsam lernen.
So wurde er zur Vollendung gebracht.
Seitdem ist er für alle, die ihm gehorsam sind,
der Urheber ihrer ewigen Rettung geworden.

(Hebräer 5,7-9, Basisbibel)

I. 
Sie stand etwas verloren da
vor dem Altarraum
betrachtete das Kreuz
nach dem Gottesdienst.
Sie schien auf mich zu warten.
Und so trat ich zu ihr.
„Kann ich was für Sie tun?“
Sie nickte.
„Haben Sie kurz Zeit für mich?
Ich brauche eine, die mir zuhört.“
Wir setzten uns in die Taufecke,
weit weg von den anderen am Eingang.
Stumm saßen wir da.
Und plötzlich flossen die Tränen.
Ihr ganzer Körper bebte.
Aus meiner Tasche wühlte ich die Taschentücher heraus.
Wortlos nahm sie diese entgegen.
Und dann erzählte sie mir
stockend
von ihrem Lebensgefährten, der eine andere hat.
Und sie hat ihn belauscht.
Und seine Whats-App Nachrichten gelesen,
die er an die andere geschrieben hat.
Dafür schämt sie sich.
Und für ihre Tränen.
Für ihre Wut.
Und ihren Hass.

Mit lautem Rufen und unter Tränen
brachte Jesus sein Flehen vor Gott.


II. (Gethsemane)
Dunkel ist es hier zwischen den Sträuchern
und unter den Bäumen.
Da hinten sitzen die Freunde.
Ja, einmal tief durchatmen.
Zur Besinnung kommen.
Die letzten Stunden sacken lassen.
In sich hören. Auf Gott hören.
Denn die Seele ist betrübt.

Der Verrat von Judas.
Die Angst der Hohepriester.
Das Machtgehabe der Römer.
Der Wankelmut des Volkes.
Aufgeheizte Stimmung in Jerusalem.
Und er, Jesus,  mittendrin.
Der Druck ist einfach zu groß.
Und ja, er hat Angst.
Verdammte Angst vor dem, was kommt.

Gott, hörst du mich?
Aus der Tiefe, HERR, rufe ich dich:
Mein Herr, höre meinen Hilfeschrei!
Deine Ohren sollen aufmerksam sein!
Vernimm mein Flehen um Gnade! 

(Psalm 130)

Die Tränen fließen.
Gott, hörst du mich?
Hört mich sonst einer?
Wer steht mir bei?
Wer rettet mich?
Wer stützt mich?
Du, Gott?

Mit lautem Rufen und unter Tränen
brachte Jesus sein Flehen vor Gott.


III.
Tränen fließen.
Im Garten Gethsemane und in der Kirche.
Nach der 5 in der Mathearbeit und im Liebeskummer.
Auf dem Friedhof und am Grenzzaun.
Am Sterbebett und im Abschiebegefängnis.
Zwischen den Bombentrümmern
und im Bett, das nun viel zu groß ist.
Es sind die Tränen von Maria von Magdala,
deren ganze Hoffnung am Kreuz stirbt.
Es sind die Tränen von Bathseba,
die ihr totes Kind im Arm hält.
Und die Tränen von Jeremia,
der um das zerstörte Jerusalem weint.
Es sind die Tränen Gottes.

IV.
Ja, Gott weint.
Weil er hört.
Er hört hin.
Hört zu.

Er sitzt nicht oben
im fernen Himmel
auf einem Thron.
Sondern hat sein Ohr ganz unten.
Er hört das Schreien seines Volkes in Ägypten.
Er hört das Murren in der Wüste.
Das Klagen an den Wassern in Babylon.
Und Hiob,
der seinem Gott seine ganze Wut entgegen brüllt.

Gott hört.
Gott hört, was in dir ist.
Er setzt sich mit dir auf die Bank.
Er kniet mit dir im dunklen Garten Gethesemane.
Und hockt bei dir im Schlamm an der mazedonischen Grenze.
Gott nimmt die vom IS vergewaltigten Frauen in den Arm
und richtet sie auf.
Gott hört ihr Weinen.
Und dein Weinen auch.
Denn Gott ist ganz da.
Ganz unten.
Da, wo du bist.

V. (die Idee für die beiden nächsten Abschnitte verdanke ich Michael Greßler)
„Obwohl er der Sohn war...“
hören wir.
"Obwohl..."
Du musst doch gar nicht weinen, Jesus.
Du könntest doch anders.
Du könntest rausgehen aus dem Garten.
Mit erhobenen Armen die Römer aus der Stadt jagen,
und sie untergehen lassen im Meer,
wie es einst Mose getan hat.
Oder du klärst auf, dass das alles ein Missverständnis war,
und dann führst du ein ganz normales Leben wie alle anderen auch.
Oder du verbündest dich mit den Mächtigen der Stadt,
und dann stehst du auch auf der Seite der Sieger.
Oder du präsentierst den Soldaten einen anderen,
dem man die Schuld in die Schuhe schieben kann.
Oder du begibst dich sofort in den Himmel,
da wo es schön ist und kein Schmerz und kein Leid.
Und du machst die Himmelstür einfach hinter dir zu.
Und die Grenzen dicht.

Das alles könntest du tun.
Weil du der Sohn bist.
Der Sohn Gottes.
Und Gott ist doch allmächtig.

Obwohl er der Sohn war,
musste er durch das, was er gelitten hat,
den Gehorsam lernen.
So wurde er zur Vollendung gebracht.


VI.
Aber du tust es nicht.
Du gehst diesen deinen Weg.
Den Weg, den wir alle gehen.
Du stellst die Frage nach dem Warum.
Du weißt nicht, wem du noch trauen kannst.
Fühlst dich alleingelassen.
Verraten und verkauft.
Du gehst diesen deinen Weg ans Kreuz.
Denn Gott hört dich.
Und du hörst Gott.
Und mit Gott hörst du die Welt.

Nicht obwohl du der Sohn bist.
Sondern weil du der Sohn bist.

Denn das ist dein wahres Ich.
Und das wahre Ich Gottes.
War es das, was du gehört hast in Gethesemane?
„Nicht, was ich will, sondern was du willst.“
Und so wurdest du zur Vollendung gebracht.

VII.
Deine Tränen sind meine Tränen.
Weil du bist, der du bist,
fallen meine Tränen nicht ins Leere.
An keinem Ort der Tränen bin ich allein.
Denn du hörst mich.
Hörst mir zu.
Hörst mich an.
Ohne mich zu verurteilen.
Ohne mich zu verdammen.
Ohne mir meine Tränen auszureden.
Sie dürfen fließen.
Weil du da bist.
Weil du der Sohn bist.

VIII.
Und so stehe auch ich in Gethsemane
und weiß nicht, wem ich noch trauen kann,
und habe Todesangst.
Oder ich sitze in der Kirche und schäme mich.
Vielleicht habe ich Angst vor morgen,
ob die Synode auch richtig entscheiden wird.
Vielleicht ertrage ich nicht mehr,
mit wievielen Vorurteilen Menschen einander begegnen.
Oder ich klammere mich am Grenzzaun in Idomeni
und weiß nicht, wie es weitergehen soll.

Aber du hörst mich.
Und ich höre auf dich.
Weil ich dazu gehöre.
Zu dir.
Einfach so.
So wie ich bin
mit meiner Angst,
meinem Zweifel,
meiner Wut,
meinen Tränen.

Und dann spüre ich, wie es sein soll.
Die Tränen sollen nicht ins Leere fallen.
Sie fallen in Gottes Seele.
Und die Tränen der anderen fallen in meine Seele.
Ich höre ihr Rufen und kann nicht mehr weghören.
Ich sehe die Tränen und kann nicht mehr wegschauen.
Sie gehen mich was an.
Grenzen dicht machen - das geht nicht.
Selbst wenn Politiker das sagen.
Denn auch die anderen da draußen gehören zu dir, Gott.

XI.
Die Frau aus der Kirche gab mir die Taschentuchpackung zurück.
Sie sah erschöpft aus.
Aber sie richtete sich leicht auf.
„Was kann ich für Sie tun?“ fragte ich.
„Mich umarmen.
Und für mich beten.“
Ich umarmte sie.
Und betete für sie.
Dann stand sie auf.
„Danke“ und gab mir die Hand.
Ich blieb noch eine Weile sitzen.
Horchte weiter.

Und wusste:
Mit lautem Rufen und unter Tränen
bringt Jesus sein Flehen vor Gott.

Amen.

Sonntag, 28. Februar 2016

Der Duft der Liebe und der schlechte Geruch des Hasses

Predigt zu Epheser 5

I.
Aus dem Brief an die Gemeinde in Ephesus:

So folgt nun Gottes Beispiel als die geliebten Kinder
und lebt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt hat
und hat sich selbst für uns gegeben als Gabe und Opfer,
Gott zu einem lieblichen Geruch.
(Epheser 5)

Lebt in der Liebe. Wie ein schöner Duft für Gott.

Welcher Duft weht wohl durch den Tempel
als die alte Witwe ihn betritt?
(aus der Lesung Markus 12,41-44)
Sie holt die 2 Münzen heraus, dieses kleine Etwas
und legt sie in den Opferkasten.
Ihre Kleider sind zerschlissen
viel zu oft gewaschen,
vielleicht muffeln sie auch,
die Farbe ist schon draußen
und die Flicken ganz schrumpelig wie ihre Haut.
Unscheinbar sind die Münzen
und doch liegt ihr ganzen Herz in ihnen,
denn mehr hat sie nicht.
Aber das ist so viel.
 Lebt in der Liebe.
Wie ein schöner Duft von Gott.

Welcher Duft weht wohl durch das Haus einer Kollegin von mir?
(Hommage an Bettina Schlauraff - vermutlich sind nicht alle Angaben richtig, weil ich nur aus der Erinnerung geschrieben habe)
Da wohnt in einem Stockwerk 1 syrische Familie
und mit ihnen 2 junge Männer, Omar und Mohammed.
Da weht der Duft nach Koriander und Thymian und Gebackenem,
aber auch der Duft der Tränen durch das Haus..
Die Angst um die in Aleppo-Gebliebenen.

Doch dann sitzen sie beieinander:
der kleine Sohn der Pfarrerin und der 10jährige von der syrischen Familie.
Und sie bauen eine neue Stadt - gemeinsam.
Der Duft ihrer klebrigen Hände
und ihrer fröhlichen Augen
und von der Schokolade,
die sie sich immer wieder in den Mund schieben.

Und die Pfarrerin setzt sich auf die Bank zu Mohammed,
der auf das Foto in seiner Hand starrt.
Und sie hört ihm zu und gibt ihm ein Taschentuch
und nimmt ihn in den Arm.
Ein warmer Duft nach Liebe.
Lebt in der Liebe.
Wie ein schöner Duft von Gott.

II.
Welcher Duft wehte durch Ephesus?
Eine der größten Städte des römischen Reiches.
Mit einer riesigen Marktbasilika zu Ehren des Augustus.
Es war eine saubere Stadt, sagt man.
Reich und wohlhabend.
Auf Reinlichkeit legte man großen Wert.
Es gab große berühmte Bäder.
Der Duft der wohlriechenden Öle weht durch Ephesus.
Aber haben sie auch in der Liebe gelebt?

Von Unzucht aber und jeder Art Unreinheit oder Habsucht
soll bei euch nicht einmal die Rede sein,
wie es sich für die Heiligen gehört.
Auch schandbare und närrische oder lose Reden stehen euch nicht an,
sondern vielmehr Danksagung. (Epheser 5)

III.
Ein schlechter Duft wehte durch die Straßen von Ephesus.
Da nützten auch die großen Bäder nichts.
Und auch nicht die wohlriechenden Öle.
Sklavinnen wurden ausgebeutet.
Sie hatten keine Chance, sich zu wehren gegen ihre Herren,
hatten in jeder Hinsicht zu dienen - auch im Bett.
Auch die Christen verdienten ganz gut daran,
am Sklavenverkauf
oder am Verkauf von Amuletten.
Und man redete mehr übereinander als miteinander.
Machte die anderen schlecht, damit man selber besser dastand.

Ein schlechter Geruch weht durch unsere Straßen.
Frauen, die zur Prostitution gezwungen werden.
Aber auch die alltägliche Gewalt im Kleinen.
Der anzügliche Blick von oben nach unten.
Im Aufzug.
Die Hand auf dem Hintern.
Das Plakat, das für die feuchten Täler des Schwarzwalds mit einer nackten Frau wirbt.
Die Tuningmesse, die nicht ohne sich räkelnde Mädchen auskommt.
Und in Köln wehte in der Silvesternacht der Geruch der Angst und der Scham.
Wir sind aufmerksam geworden seit dem.
Passen auf. Zeigen an. Achten mehr darauf.
Das ist gut.
Wenn da nicht das schandbare, närrische und lose Reden wäre.
Dass nun "alle Nordafrikaner" so seien.
Und alle Flüchtlinge.
Aber die Deutschen nicht.
Der Geruch der Überheblichkeit.
Der Geruch der Vorverurteilung.
Der Geruch des Hasses.

Ja, er weht durch unsere Straßen, der Geruch des Hasses,
der üble Geruch.
Er lässt Menschen nach Bürgerwehren rufen.
Er wirft in Moscheebaustellen tote Schweine.
Er macht Flüchtlingskindern in ankommenden Bussen Angst.
Er beschimpft die Bundeskanzlerin als Diktatorin.
Er schießt auf Flüchtlingsunterkünfte.
Und er will heute mittag um 12 Uhr auf dem Marktplatz gegen Flüchtlinge hetzen.
(Der rechtsextreme "Arminiusbund" hatte eine Demo angekündigt)
Das ist nicht der Duft von Gott.

IV.
Denn das sollt ihr wissen,
dass kein Unzüchtiger oder Unreiner oder Habsüchtiger
– das sind Götzendiener –
ein Erbteil hat im Reich Christi und Gottes.
Lasst euch von niemandem verführen mit leeren Worten;
denn um dieser Dinge willen kommt der Zorn Gottes
über die Kinder des Ungehorsams.
Darum seid nicht ihre Mitgenossen. (Epheser 5)

Was ist dein Duft?
Welchem Duft folgst du?
Von welchem Duft lässt du dich leiten?

Ich kann den Duft eurer Brandopfer nicht mehr riechen,
schleudert Amos der Oberschicht Israels entgegen.
Auch in unserem Land wird neu geopfert
auf dem Altar der leeren Versprechungen.
Da werden die Rechte von fliehenden Menschen geopfert.
Da wird das Wissen geopfert, dass Familien zusammengehören,
auch wenn sie aus fremden Ländern gehören.
Da wird der Respekt geopfert - auch von Christen,
wenn sie andere beschimpfen als Gutmenschen.
Wenn sie die Welt in schwarz und weiß einteilen,
in deutsche und nicht-deutsche,
in Richtig-Liebende und Falsch-Liebende,
in Gläubige und Ungläubige,
und Hauptsache, du bist auf der richtigen Seite.
Die Verführung der leeren Worte, auch in einer Partei, die Angst schürt.
Und da wird auf dem Wartberg das Gedenken der Bombentoten geopfert
für unversöhnlichen Hass. (23. Februar)
Aber Gott will diese Opfer nicht.

Er will keine Opfer, wo es den Opfernden nur um sich selber geht.
Er will keine Opfer, wo andere instrumentalisiert werden.
Er will keine Opfer, mit denen uns Angst gemacht wird.
Er will keine Opfer, die wir brauchen, damit es uns - und zwar nur uns - besser geht.
Vermeintlich besser.
Gott will diese Opfer nicht.
Er wird selber zum Opfer.
Und lebt die Liebe.

V.
Mit seinem Duft verführt dich Gott zur Liebe.
Es ist der Duft der armen Witwe, die ihren letzten Penny gibt;
der Duft der Hände, die Brote aus ihren Taschen holen und mit 5000 Menschen teilen.
Es ist der Duft des Salböls, das die Sünderin über den Kopf von Jesus ausschüttet;
der Duft des Wassers, mit dem Jesus die Füße seiner Freunde und Freundinnen wäscht.
Es ist der Duft des Samariters, der den unter die Räuber gefallenen pflegt;
und der Duft der weinenden Frauen, die zum Grab Jesu gehen.

Ja, ein verführerischer Duft.
Es ist der Duft der Liebe zum Leben.
Der Duft des Lichts.

VI.
Lasst euch von niemandem verführen mit leeren Worten;
denn um dieser Dinge willen kommt der Zorn Gottes
über die Kinder des Ungehorsams.
Darum seid nicht ihre Mitgenossen.
Denn ihr wart früher Finsternis;
nun aber seid ihr Licht in dem Herrn.
Lebt als Kinder des Lichts. (Epheser 5)

Lebe als Kind des Lichts.
Lebe mit dem Duft Gottes.
Lass dich von dem Duft seiner Liebe verführen
statt von leeren Worten des Hasses.

Hol das Brot aus deiner Tasche und teile es.
Oder den kleinen Penny.
Verbinde den Unter-die-Räuber-gefallenen
oder backe für den alten Mann von nebenan einen Kuchen.
Widersprich, wenn einer gegen Fremde hetzt
oder eine Frau dumm anmacht.
Tröste das weinende Kind,
hilf einem Fremden, eine Fahrkarte zu kaufen.
Denn du bist geliebt.
Geliebt von Gott.

Ja, du - Kind des Lichts.
Heller als jede Dunkelheit.
Stärker als jeder Hass.
Tiefer als jedes Opfer.
Ein Duft, der die Welt erfüllt.
Und durch alle Ritzen dringt.
Auch dorthin, wo es immer noch dunkel und muffig ist.

Vielleicht ist das nicht mehr als 1 Penny,
aber es genügt.
Lebe in der Liebe.
Wie ein schöner Duft von Gott.

Amen.

Mittwoch, 24. Februar 2016

Hier gab es nur noch das Entsetzen - und viele haben trotzdem gehofft

Ansprache zur Gedenkfeier angesichts des Jahrestags der Zerstörung von Pforzheim, 23.2.2016

I.
„Würde des Todes? Hier gab es keine mehr!
Hier gab es nur noch das Entsetzen
und einen ohnmächtigen Hass auf die gewissenlosen Verbrecher,
die diesen entsetzlichsten aller Kriege vom Zaun gebrochen hatten
und mit ihrem Geschwätz vom Endsieg und den neuen Waffen das Volk betörten.“


Worte von Elisabeth Kuhn.
Sie überlebte die Pforzheimer Bombennacht.
„Hier gab es nur noch das Entsetzen und einen ohnmächtigen Hass“ -
was auch sonst?
Tränen der Trauer, der Wut, der Verzweiflung.
Aber auch die leergeweinten Augen,
die nicht wissen, ob es noch eine Zukunft gibt.
Und das zerrissene Herz,
das die Verwandten und Freunde so schmerzlich vermisst.
Vielleicht sogar die Scham, selber davon gekommen zu sein.
Und letztlich das Wissen,
dass es keine Worte gibt, die das wirklich fassen können.

II.
„Hier gab es nur noch das Entsetzen“ -
und wieviele haben dann doch wieder gehofft?
Gehofft auf ein „Nie wieder“?
Gehofft, dass wir doch nun endlich eines begriffen haben sollten:
Hass, Gewalt und Krieg bringen nur Trauer und Tod und keinen Sieg.
Wieviele hat diese Hoffnung getragen,
als sie die Trümmersteine zusammen trugen
und daraus neue Häuser und Kirchen und Wege bauten?

Und doch fliegen wieder Bomber über Städte.
Lassen ihre tödliche Fracht fallen
dort, wo Menschen leben.
Kluge und dumme Menschen.
Alte und junge.
Böse und gute. Menschen, wie wir.

„Eines Abends, als wir gerade spielten, sahen wir viele Flugzeuge am Himmel.
Wir haben hoch geschaut.
Plötzlich hörten wir sehr laute Bombenexplosionen,
und Leute haben geschrien,
viele lagen verletzt am Boden.
Meine Freunde und ich haben uns auf den Boden gelegt.
Alles um mich herum war voller Staub.
Ich hatte riesige Angst und bin nach Hause gerannt.
Am nächsten Tag bin ich aufgewacht,
als Bomben direkt vor unser Haus fielen.
Das war der Moment,
als meine Familie beschloss zu fliehen.“

Diese Worte stammen nicht aus Pforzheim,
sondern vom 15-jährigen Mohammed aus Syrien.
(http://www.unicef.de/informieren/blog/2015/kindheit-kann-nicht-warten-teil2/94560)

III.
Mohammed reiht sich ein
in die vielen Überlebenden
aus Coventry, Dresden, Guernica, Rotterdam,
Hamburg, Pforzheim, Grosny und Aleppo.
Und wir hören diese Überlebenden
auch in den Klageliedern aus der Bibel:

„Von Tränen sind meine Augen ganz blind,
es brennt und tobt in meinen Eingeweiden,
Schmerz und Verzweiflung brechen aus mir heraus;
denn ich sah, wie mein Volk zugrunde ging.
Kinder und Säuglinge sah ich verschmachten,
draußen auf den Straßen der Stadt.
Gequält von Hunger und Durst schrien sie laut nach ihren Müttern.
Wie Verwundete brachen sie zusammen,
draußen auf den Straßen der Stadt,
und in den Armen ihrer Mütter taten sie den letzten Atemzug.

Jerusalem, du geliebte Stadt,
ich weiß nicht, was ich dir sagen soll!
Mit welchem Schicksal soll ich deins vergleichen,
um dich zu trösten, du Jungfrau Zion!
Dein Schaden ist unermesslich wie das Meer!
Kann dich noch jemand heilen?“

(Klagelieder 2.Kapitel)

IV.
Wir hören diese Worte
und wir hören in ihnen die Klagenden von vor 71 Jahren
und von vor 75 Jahren und von vor 1 Jahr.
Pforzheim, du geliebte Stadt, ich weiß nicht, was ich dir sagen soll.
Guernica, mit welchen Schicksal soll ich deins vergleichen?
Aleppo, dein Schaden ist unermesslich wie das Meer!
Kann dich noch jemand heilen?

Wir hören diese Worte und sind diesen Menschen nahe,
auch weil wir genau spüren:
solche Worte soll niemand mehr klagen müssen.
Es soll einfach nicht sein.
Denn uns wurde das Leben geschenkt, damit wir es leben.
Leben!
Es ist zu kostbar, zu wertvoll -
kein Mensch hat es verdient, unter Trümmersteinen sein Leben zu beenden.
Oder nur noch Entsetzen zu spüren.
Und wenn Menschen in unsere Stadt kommen,
die diesen Trümmern entfliehen,
oder die nur noch Entsetzen verspüren,
dann wünsche ich uns, dass wir uns verbunden fühlen,
dass wir sie willkommen heißen
und ein sicheres Dach über den Kopf geben.
Weil wir in Pforzheim wissen,
was es bedeutet, wenn es kein Dach mehr gibt.

V.
„Hier gab es nur noch das Entsetzen“ - schreibt eine Zeitzeugin.
Und viele haben trotzdem gehofft.
Sie fingen an, die Stadt wieder zu bauen.
Eine Stadt, in der Menschen leben und arbeiten können.
Eine Stadt, wo sie sich treffen, wo sie tanzen und feiern,
wo sie beten und trauern, wo sie lieben und Pläne schmieden können.
Eine Stadt wurde gebaut,
die offen sein soll für Menschen, die dazu kommen.

Es liegt an uns, ob wir diese Stadt so leben.
Ob wir anknüpfen an die Erfahrung, dass es nur gemeinsam geht.
Ob wir uns zu Handlangern des Hasses machen lassen
oder zu einladenden Menschen.
Ob wir uns von Ideologien leiten lassen, die mit der Angst spielen -
wie schon einmal -
oder ob wir uns von Liebe und Versöhnung leiten lassen.
Und auch von der Hoffnung unserer Vorfahren,
die aus den Trümmern eine neue Stadt bauten.

VI.
„Hier gab es nur noch das Entsetzen“ - schreibt eine Zeitzeugin.
Und viele haben trotzdem gehofft.
Und daraus gelernt.
Ein anderer Zeitzeuge, Dieter Bolz, sagte:
„Nie mehr so etwas.
Es fing alles so harmlos an und man hat die Augen zugemacht.
Man darf heute die Augen nicht zu machen...“


Nein, man darf die Augen nicht mehr zu machen,
nicht vor den Toten in Syrien,
nicht vor den Ertrunkenen im Mittelmeer,
nicht vor dem Mob, der Flüchtlingen Angst einjagt,
nicht vor einer Ideologie, die wieder vom reinen Deutschland spricht.
Denn wir wissen, was es bedeutet, wenn wir dieser Ideologie folgen.

Nie mehr so etwas.
Nie mehr so etwas, sondern genau hinsehen.
Und anpacken.
Aus den Trümmern Neues bauen.
Mauern und Zäune abreißen.
Wege zueinander bahnen.
Uns nicht gegeneinander hetzen lassen,
sondern miteinander leben und Leben gestalten.

In dieser Hoffnung wurde die Stadt wieder aufgebaut.
In dieser Hoffnung wird hoffentlich auch Aleppo wieder aufgebaut.
In dieser Hoffnung kommen Menschen in diese Stadt.
In dieser Hoffnung, dass wir Frieden leben können.
Und das ist unsere Aufgabe.
Das sind wir den Opfern schuldig.
Und einem Gott, von dem die Klagelieder sagen:
„Von Gottes Güte kommt es, dass wir noch leben.
Sein Erbarmen ist noch nicht zu Ende.“ (Klagelieder 3)

Amen.

Sonntag, 7. Februar 2016

Die Liebe in der U-Bahn

Fragmentarisches zu 1.Korinther 13. Predigt vom 7.2.2016

I.
„Am Mittwoch bin ich der Liebe begegnet.“
schreibt Regina Kramer aus Berlin
(Frankfurter Rundschau 2003 oder 2004)
„Es war gegen 18 Uhr, die U-Bahn war sehr voll,
da trat sie mir auf den Fuß.
Ich sah sie verärgert an:
„Sie könnten sich wenigstens entschuldigen!“
Sie überlegte und sagte schließlich:
„Das hat selten jemand von mir verlangt.“
Arrogante Ziege, dachte ich
und sah woanders hin.

Am Hackeschen Markt kamen die Kontrolleure.
Ich zeigte meine Umweltkarte.
Die Liebe suchte.
Sie zog jede Menge Zettel mit Telefonnummern aus ihrer Tasche
und bat die Kontrolleure um Geduld.
Die nickten und kontrollierten die anderen Fahrgäste.
So wie die Liebe suchte,
war es mir klar, dass sie schwarz fuhr.
Ich weiß nicht warum, aber ich riet ihr:
Sagen Sie einfach,
Sie kommen aus einem kleinen Kaff im Westen,
und deshalb wüssten Sie nicht,
wie man in der Hauptstadt U-Bahn fährt.“
Die Kontrolleure kamen wieder.
„Na, meine Liebe, haben wir nun den Fahrschein gefunden?“ -
„Ja“, flötete sie
und hielt ihnen einen perfekt gestempelten Schein hin.
Die Kontrolleure lächelten...
„Nett, dass Sie mir helfen wollten“, strahlte die Liebe
und legte wie zufällig die Hand auf meine Hand.
„Sie nerven“, sagte ich...
„Wie Sie meinen“, sagte die Liebe
und stieg am Alexanderplatz aus...
Zu Hause stellte ich fest,
dass mein neues T-Shirt ein kleines Loch hatte,
in Herzhöhe.
Verflixt...“

II.
Ja, Liebe nervt. Und sie fährt schwarz.
Sie tritt auf die Füße und macht ein Loch ins T-Shirt.
Die Liebe - ist sie so leicht wie die in der U-Bahn?
Nein, sie ist auch schwer und enttäuschend.
Raubt den Kopf und lenkt ab,
wenn ich mich doch eigentlich konzentrieren sollte.

Hand in Hand gehen.
Das öffentliche Geständnis auf Facebook.
Die Stunden am Krankenbett, vorsichtig die zerknitterte Hand halten.
Das kleine bunte Pflaster auf dem blutenden Knie.
Das erste Bild aus dem Kindergarten.
Der Kuss nachts auf der Straße.
Das Taschentuch für die bittere Tränen.
Das neue Kleid, extra für den Liebsten.
Die Autofahrt einmal quer durch Deutschland - einfach so.
Der „Ich hab schon lange nichts mehr von dir gehört“-Anruf.
Die Umarmung am Flughafen.
Das klare Wort, das ich sonst nicht hören mag.
Das „Komm, ich erkläre es dir nochmal“ bei den Hausaufgaben.

Die Liebe -
sie lässt uns nicht los und sie erwischt uns:
zwischen zwei Menschen, in der Familie,
unter Freunden, in der Gemeinde,
mitten in der U-Bahn und sogar in der Politik.
Ob wir wollen oder nicht.
Logisch und unlogisch.

III.  
Selbst der spröde Paulus ist nicht frei von Liebe
und singt ein Liebeslied.
Nur ist es keine Frau, oder kein Mann, für die er dichtet.
(wobei, wer weiß, wen er da vielleicht auch im Kopf hatte? aber wir wissen es nicht) -
Er dichtet für eine zerstrittene Gemeinde in Korinth:

Wenn ich mit Menschen- und Engelszungen redete
und hätte die Liebe nicht,
so wäre ich ein tönendes Erz
oder eine klingende Schelle.
Und wenn ich prophetisch reden könnte
und wüsste alle Geheimnisse
und alle Erkenntnis
und hätte allen Glauben,
so dass ich Berge versetzen könnte,
und hätte die Liebe nicht,
so wäre ich nichts.
 Und wenn ich all meine Habe den Armen gäbe
und ließe meinen Leib verbrennen,
und hätte die Liebe nicht,
so wäre mir‘s nichts nütze.


IV.
Die Korinther können viel.
Erfinden und forschen,
phantasieren und hoffen.
Neues entdecken
und scheinbar Unmögliches möglich machen.
Berge versetzen. Welten verändern.
Aber anstatt sich daran zu freuen, gibt es Streit.
Ich bin der wahre Christ, weil ich in Zungen rede.
Du nicht.
Ich bin die wirkliche Christin, weil ich mein letztes Hemd hergebe.
Du nicht.

So auch heute:
Ich bin der wahre Christ, weil ich die Bibel wortwörtlich lese.
Du nicht.
Ich bin die wahre Christin, weil ich in einer Ehe lebe mit einem Mann.
Du nicht.
Du nicht, die du auch in anders Gläubigen Kinder Gottes siehst.
Du nicht, der du schwul bist.

V.
Doch genau das sind nicht die Töne von Paulus.
Denn egal wie konsequent,
wie genial oder wie gläubig du bist -
wenn die Liebe nicht dabei ist,
nützt dir das alles nichts.
Es zählt alles nichts.
Lieblosigkeit macht alles kaputt.
Da werden aus guten Worten
plattmachende Hammerschläge,
aus dem befreienden Wort Gottes
wird eine Zwangsjacke,
aus dem Ruf zur Veränderung
ein erstickender Fanatismus
und aus der guten Tat
eine Last, die jegliche Lust tötet.

Dagegen singt Paulus das Lied der Liebe.
An dieser Liebe wird alles gemessen.
Mit ihr hören Menschen aufeinander,
nehmen einander wahr
und lassen einander frei.
Und so singt Paulus weiter:

Die Liebe ist langmütig und freundlich,
die Liebe eifert nicht,
die Liebe treibt nicht Mutwillen,
sie bläht sich nicht auf,
sie verhält sich nicht ungehörig,
sie sucht nicht das Ihre,
sie lässt sich nicht erbittern,
sie rechnet das Böse nicht zu,
sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit,
sie freut sich aber an der Wahrheit,
sie erträgt alles,
sie glaubt alles,
sie hofft alles,
sie duldet alles.


VI.
Liebe ist kein Gefühl,
keine momentane Glücksstimmung.
Liebe tut etwas - sie nervt, sie schmunzelt,
sie tritt auf die Füße und macht ein Loch ins T-Shirt.
Ja, sie macht,
sie handelt, und zwar gegen den Strom,
gegen den Augenschein,
aber viel vernünftiger als du denkst.
Liebe befreit deinen Verstand von seinem Egoismus,
deinen Glauben von seiner Herrschsucht,
die Enge deines Herzen.
Liebe macht nicht mit, wenn gegen Flüchtlinge gehetzt wird.
Stattdessen geht sie hin und bringt den Kindern Tischtennis bei.
Liebe protestiert gegen Ungerechtigkeit, aber nicht gegen Menschen.
Liebe widerspricht den Hasskommentaren im Internet
und weigert sich, Zäune zu bauen, die Menschen ausschließen.
Oder gar auf sie zu schießen, weil sie in unser Land kommen.
Stattdessen packt sie mit an, auch hier in der Vesperkirche.
Liebe lässt ganz neu auf die Welt schauen,
fragt aber auch mal nach, wenn Leute Blödsinn erzählen.
Und macht obendrein ein Loch ins T-Shirt.
In Herzhöhe.
Vor allem aber macht die Liebe eins:
Sie fragt nicht danach, ob es erlaubt ist zu lieben.

VII.
Das macht die Liebe verletzlich.
Und jede, die liebt, auch.
Sie wird angegriffen wie Jesus, der diesen Weg geht.
Den Weg der Liebe, die nicht fragt, ob es erlaubt ist zu lieben.
Den Weg, der ans Kreuz führt.
Den Weg, wo ein Mensch sich ausliefert um der Liebe willen.
Es ist die Liebe Gottes,
so vollkommen, dass wir immer wieder an ihr scheitern.

Paulus weiß das auch:

Unser Wissen ist Stückwerk
und unser prophetisches Reden ist Stückwerk.
Wenn aber kommen wird das Vollkommene,
so wird das Stückwerk aufhören.
Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind
und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind;
als ich aber erwachsen wurde, tat ich ab, was kindlich war.
Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild;
dann aber von Angesicht zu Angesicht.
Jetzt erkenne ich stückweise;
dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.
Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei;
aber die Liebe ist die größte unter ihnen.


Alles, was ich machen und tun will,
was ich erkennen und wissen will,
alles das ist Stückwerk und ist begrenzt -
und vor allem nur ein Ausschnitt dessen, was möglich ist.
Das gilt für meine Konkurrenzkämpfe genauso wie für meine Mauern.
Sie sind Stückwerk.
Es gilt für das Ringen um die richtige Asylpolitik
wie um die Zukunft der Kirche.
Sie sind Stückwerk.
Ja, das gilt auch, wenn ich meine, die vermeintliche Wahrheit zu kennen.
Sie ist Stückwerk.
Und das gilt auch für die Liebe, die ich lebe.
Und darum sollte ich erst recht nicht vorschreiben,
wer wen lieben darf und wen nicht.

VIII.
Mein Leben bleibt Fragment
und auch mein Glauben und Lieben und Hoffen bleiben Fragment.
Stückchen und Fetzen.
Der Moment, dass alles ganz und heil ist, kommt noch.
Aber wann, weiß ich nicht.
Darum ist der Weg der Liebe kein leichter Weg.
Er ist manchmal sogar harte Arbeit.
Ein erwachsener Weg.
Denn ich stoße ständig auf meine Unvollkommenheit
und auf die der anderen.
Auch Jesus stieß auf diese Unvollkommenheit,
auf die Unfähigkeit zu lieben -
und liebte trotzdem weiter.
Er setzte auf die Liebe.
Weil Gott die Liebe ist.

Und die brauche ich, die Liebe, die Gott ist.
Damit ich mich selbst lieben kann,
so unvollkommen wie ich bin.
Ich brauche seine Geduld,
um nicht „kurzen Prozess“ zu machen.
Ich brauche seine Vergebung,
um nicht gnadenlos zu urteilen,
um nicht an meinen eigenen Abgründen zu verzweifeln,
Ich brauche den,
der meinen unvollkommenen Weg geht.
Und dabei auf die Liebe setzt.

IX.
Mit Augen dieser Liebe schaut Gott mich und dich an.
Und mit diesen Augen schrumpfen Zäune und Mauern,
das, was uns Angst macht,
selbst die Hass-Kommentare werden kleiner.
Und eine U-Bahnfahrt wird plötzlich zum Ereignis,
das dein Leben verändern kann.
Es ist eine trotzige Liebe, die dich entwaffnet.
Sie kann nerven und dir auf die Füße treten.
Und dich vor allem in Gang setzen.
Es bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei;
aber die Liebe ist die größte unter ihnen.

Mit diesem Lied auf den Lippen und im Herzen,
in den Spuren Jesu,
unvollkommen,
gehst du frei und trotzig
und auf einmal ist da ein Loch im T-Shirt,
dort, wo das Herz ist.
Amen.

Donnerstag, 31. Dezember 2015

Gott ist für dich

Predigt zum Jahreswechsel 2015/2016

Predigttext Röm 8,31ff wird bereits als Lesung gelesen:

Was wollen wir nun hierzu sagen?
Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein?
Der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat,
sondern hat ihn für uns alle dahingegeben –
wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?

Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen?
Gott ist hier, der gerecht macht.
Wer will verdammen?
Christus Jesus ist hier, der gestorben ist,
ja vielmehr,
der auch auferweckt ist,
der zur Rechten Gottes ist und uns vertritt.

Wer will uns scheiden von der Liebe Christi?
Trübsal oder Angst oder Verfolgung
oder Hunger oder Blöße
oder Gefahr oder Schwert?

Aber in dem allen überwinden wir
weit durch den, der uns geliebt hat.
Denn ich bin gewiss,
dass weder Tod noch Leben,
weder Engel noch Mächte noch Gewalten,
weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges,
weder Hohes noch Tiefes
noch eine andere Kreatur
uns scheiden kann
von der Liebe Gottes,
die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.


I.
Wofür bist du?
Für wen bin ich?
Nächstes Jahr sind Landtagswahlen.
Da stelle ich mir diese Frage,
wie die meisten Menschen in Baden-Württemberg.
Für wen bin ich?
Für was bin ich?
Denn Politiker stehen für Inhalte.
Sie vertreten etwas.
Oder sie wollen etwas gerade nicht.
Will ich dasselbe wie sie?

Am Ende des Jahres schaue ich zurück.
Und frage:
Für was war ich?

II.
Also gut:
ich war ganz klar für den Supermarkt oben im Rodgebiet,
schon wegen der vielen alten Menschen dort.
Ich war für ein großes gemeinsames Zeichen
gegen die Rechtsextremisten am 23. Februar.
Und ich bin dafür, dass wir die Flüchtlinge und Fremden freundlich aufnehmen.
Ich bin dafür eingetreten,
dass wir auch die Partnerschaft von homosexuellen Christen segnen dürfen.
Ich bin für eine gute Zukunft unserer Kirche in Pforzheim,
und ich bin bereit, im kommenden Jahr
mit der Synode die nötigen Entscheidungen
dafür zu fällen, auch wenn das nicht leicht wird.

Und ich bin für meine Kinder...
Dafür, dass sie alle Chancen bekommen sollen,
ihr Leben zu gestalten,
so wie es ihnen entspricht.
Vielleicht bin ich nicht mit allem einverstanden, was sie so tun.
Oder was mein Mann tut, auch nicht.
Aber ich bin dafür, dass sie es entscheiden dürfen.
Und ich sie dann unterstütze.
Und meinen Mann auch.

Es gibt vieles, wofür ich bin und gewesen bin.
Das „dagegen“ sein ist dann auch nicht weit.
Und natürlich gibt es da auch so manches,
wogegen ich bin.
Gegen Gewalt zum Beispiel.
Oder gegen Fremdenhass.
Aber gegen Menschen möchte ich nicht sein.
Ich möchte für Menschen sein.
Für sie da sein. Für sie eintreten. Für sie kämpfen.
So wie ich froh bin, wenn jemand für mich ist.
Für mich da ist.
Für mich eintritt.
Für mich kämpft.
Mir den Rücken stärkt.
Mir auf die Beine hilft.
Sich vor mich stellt.
Mir Mut macht.

III.
Was wollen wir nun hierzu sagen?
Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein?


Ich möchte nicht gegen andere Menschen sein.
Aber oft bin ich gegen mich selber.
Ich bin mit mir am strengsten.
Und wenn ich auf das vergangene Jahr zurückschaue,
fällt mir auch da viel ein, warum ich gegen mich bin.
Wo ich falsche Entscheidungen getroffen habe.
Wo ich etwas nicht geschafft habe trotz guter Vorsätze.
Wo ich zu lasch war.
Zu feige. Zu träge. Zu müde. Zu laut. Oder zu leise.
Ja, ich bin selber ungnädig mit mir.
Und das könnte mich von Gott trennen.
Mich von meiner Lebensader abschneiden.
Mir die Kraft nehmen.
Wenn da nicht Gott selber wäre....

IV.
Was wollen wir nun hierzu sagen?
Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein?


Gott selber hält zu mir.
Ist eine wie ich. Und einer wie du.
Macht sich angreifbar. Setzt sich aus.
Wird Mensch. Mitten in meiner Welt.
Weint die Tränen. Lacht den Ärger weg.
Trinkt Wein und teilt das Brot.
Sitzt stundenlang am Tisch und hört zu.
Vergisst die Zeit.
Und schreibt einen 5-seitigen Brief. Nur für mich.
Macht einen Spaziergang im Wald
und übt die ersten mühsamen Schritte mit mir.
Fällt hin und steht auf.

Gott flüchtet sich auf ein Boot im Mittelmeer
und wärmt sich am Feuer nahe beim Grenzzaun.
Gott kocht kurdisch - unverschämt gut.
Und reicht mir gefüllte Auberginen.
Gott lernt mühsam ein paar Brocken Deutsch
und hat Angst, nicht bleiben zu dürfen.

Gott hängt auch an den Überlebensschläuchen -
nebenan auf der Intensivstation.
Und er sitzt am Bettrand und hält die Hand.
Tränen tropfen auf die runzlige Haut.
Sie nehmen Abschied.
Und teilen den Schmerz.
Und trösten.

Gott sitzt drüben in der Kneipe
und weiß nicht, wie er die Heizung nächsten Monat bezahlen soll.
Er ist froh, dass es bald die Vesperkirche gibt.
Da kann er sich wenigstens ein paar Stunden aufwärmen.
Und ebenso steht er hier stundenlang
und spült das Geschirr der Vesperkirchengäste.
Er ist froh, dass er was tun kann.
Und ein kleiner Schwatz mit den Gästen ist auch drin.

Ja, Gott ist für mich.
Trauert mit mir um die Toten von Paris
und von Beirut und von Bagdad.
Gott weint mit den entführten Mädchen in Nigeria.
Gott schreibt für den gefangenen Blogger Raif Badawi
Briefe nach Saudi-Arabien.
Und steht sogar mit Angela Merkel auf,
lässt Flüchtlinge in das Land,
und muss dafür „Merkel muss weg“-Rufe anhören.

V.
Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein?
Christus Jesus ist hier, der gestorben ist,
ja vielmehr,
der auch auferweckt ist,
der zur Rechten Gottes ist und uns vertritt.


Von diesem Gott und seiner Liebe
von diesem wahren Menschen
kann mich nichts trennen.
Nichts!
Selbst wenn ich mich selbst nicht lieben kann.
Nichts kann mich trennen von ihm.
Weder im alten noch im neuen Jahr.

Das neue Jahr wird mit diesem Gott nicht besser als das alte.
Es wird nicht weniger leidvoll sein,
nicht weniger schmerzhaft,
nicht weniger tränenreich,
nicht weniger kalt,
nicht weniger furchtsam.
Nichts davon verschwindet, weil Gott mich liebt.
Aber ich bin nicht allein damit.
Gott nimmt mich in den Arm,
streicht mir über den Kopf,
schaut mir ins Gesicht,
richtet mich auf,
wie eine Mutter, die mich tröstet,
ob wir nun alt sind oder jung.

VI.
In dem allen überwinden wir
weit durch den, der uns geliebt hat.


Gott stellt dich ins neue Jahr,
wie auch immer es sein wird.
So wie er dich ins alte Jahr gestellt hat.
Und egal ob du für ihn bist oder nicht,
ob du dich für seine Liebe einsetzt,
für seine Gerechtigkeit,
seinen Frieden,
ob du das schaffst oder nicht:
du bist Geliebte, bist Geliebter.

Auch als Geliebte werde ich dafür und dagegen sein.
Werde ich für die Liebe kämpfen,
und werde ich scheitern.
Auch als Geliebte werde ich fassungslos sein,
dass Pegida immer noch Menschen anzieht,
und dass Flüchtlingsunterkünfte immer noch in Brand gesteckt werden,
und dass es Menschen nicht gegönnt wird,
dass es ihnen genauso gut gehen soll wie uns.
Auch als Geliebte werde ich mich machtlos fühlen,
und dem Hass und der Gewalt nur wenig entgegen setzen können.
Vielleicht sogar weniger denn je.
Weil ich nicht mitmachen kann bei dieser Nicht-Liebe.

VII.
In dem allen überwinden wir
weit durch den, der uns geliebt hat.


Die Liebe, die du lebst,
sie bringt dich nicht auf die Gewinnerspur.
Aber in die Spur Jesu.
Und die hat auch Platz für dein Schwachsein.
Für die nicht erfüllten Vorsätze.
Die nimmst du mit ins neue Jahr.

Wer will uns scheiden von der Liebe Christi?
Trübsal oder Angst oder Verfolgung
oder Hunger oder Blöße
oder Gefahr oder Schwert?

Oder du selbst?
Selbst das geht nicht.
Und das ist gut so.

VIII.
Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein?
Heute abend feierst du die Liebe Gottes,
von der dich nichts trennen kann.
Weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges.
Auch im neuen Jahr nicht.
Denn du gehst nicht allein.
Du bleibst Geliebte, Geliebter Gottes.
Gott ist für dich.
Für dich da.
Tritt für dich ein.
Kämpft für dich.
Stärkt dir den Rücken.
Hilft dir auf die Beine.
Stellt sich vor dich.
Und macht dir Mut.
Darum geh.

Und der Friede Gottes,
welcher höher ist als alle Vernunft,
bewahre eure Herzen und Sinne
in Christus Jesus.

Amen.