Sonntag, 10. Februar 2019

Seenotrettung und ein Gott, der da ist

Predigt zu Markus 4,35-41 (Sturmstillung)
 
Im dazugehörigen Gottesdienst habe ich C., eine junge Frau von 31 Jahren, getauft. Sie erzählte mir im Gespräch, was sie in den letzten 6 Jahren durchgemacht hat und wie sie zum Entschluss gekommen ist, sich taufen zu lassen. (Und natürlich habe ich sie gefragt, ob ich das so in der Predigt ansprechen darf). Ihren Taufspruch aus 1.Kor 15,10 hat sie sich selbst gewählt: Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin. Im Gottesdienst habe ich sie gesiezt, aber hier möchte ich "du" zu ihr sagen. Mich hat ihre Geschichte und ihre Entschlossenheit sehr berührt.

Da ich diesen Gottesdienst sehr kurzfristig angenommen habe, war ich froh über die guten Inspirationen und Wörter-Angeboten die ich von folgenden Personen bekommen habe: Friedericke Goedicke, Elisabeth Rabe-Winnen, Michael Greßler und Herbert Grönemeyer (im Text mit blau markiert). Irgendwie ist dadurch was Gemeinsames entstanden. Danke euch!


Text von Markus 4,35-41 siehe unten (1)

I.
Sie sind unterwegs im Boot.
Fahren zur anderen Seite des Sees.
Schnell weg von hier.
Endlich ankommen.
Endlich mal wieder zur Ruhe kommen.
Auch Jesus scheint erschöpft zu sein.
So viele, die was von ihm wollten.
Und so viel, was er zu sagen hatte.

Jesus legt sich hin und schläft.
Seine Freunde werden es schon packen.
Er vertraut sich ihnen an.
Er, der Retter, schläft.
Auf dem alle Hoffnung ruht, ruht selbst.

II.
Anders die Seenotretter im Mittelmeer.
Sie ruhen nicht freiwillig.
Sie werden zur Ruhe gezwungen.
Die Mission Lifeline wartet im Mittelmeer mal wieder,
überhaupt retten zu dürfen.
Europa macht die Schotten dicht.
Und dennoch machen sich viele auf den Weg
zum anderen, zum rettenden Ufer.
Gerade jetzt unter denkbar schlechtesten Bedingungen.
Und die Seenotretter dürfen nicht rausfahren.

III.
Jesus fährt raus mit seinen Freunden.
Es waren noch andere Boote bei ihm.
Andere Boote.
Boote auf dem See Genezareth, Boote auf dem Mittelmeer.
Kleine Boote, mal mehr, mal weniger seetüchtig.

Am Anfang denken sie, alles geht gut.
Der See ist ruhig. Das Ufer in Sicht.
Alles im Griff.

Aber der Wind dreht sich.
Der Himmel heult.
Hohe Wellen. Graue Wogen.
Stürzen von Tal zu Tal. (2)
Plötzlich wird aus ruhigen Handgriffen Hektik.
Eigentlich sind die Jünger erfahrene Fischer.
Sie kennen die Tücken des Sees.
Aber diesmal ist es anders.
Es ist richtig dunkel, keine Sterne mehr zu sehen.
Gischt im Gesicht, die Hände kalt.
Die Gewalten gegen sich.
Der Kurs geht verloren – das Selbstvertrauen auch.
Selbst die geübtesten Fischer haben jetzt Angst.

Sie beten, schreien, flehen.
Jesus?
Er merkt es nicht – sie müssen ihn wecken.

IV.
Du, C., kennst die großen grauen Wogen,
die über dir hereinbrechen können.
Du weißt, wie es ist, wenn man nicht mehr weiter kann,
sich ausgeliefert fühlt.
Die flehentliche Bitte „Herr, hilf“.
Und die Angst, zu versinken
und nicht mehr ans rettende Ufer zu gelangen.
Auch du musstest ihn wecken.
Zunächst den Arzt, der dir nicht glauben wollte, dass du Hilfe brauchst.
Dann Gott.
Du hast ihn geweckt.
Energisch.
Mit anderen Worten als die Jünger von Jesus.
Aber vermutlich genauso verzweifelt.

V.
Die Jünger rütteln Jesus wach.
Meister, fragst du nichts danach, dass wir umkommen?
Und es ist gut, dass sie ihn wecken.
So wie es gut war, dass du, C., Gott geweckt hast.
Meister, fragst du nichts danach, dass wir umkommen?
Kein frommes Gebet.
Kein: Dein Wille geschehe.
Manchmal braucht es andere Worte.
Verzweifelte, laute Worte.

Wo bist du denn nur, Gott?
Du schläfst - und ich sterbe vor Angst.
Oder vor Traurigkeit.
Oder ich bin wirklich am Sterben. Todkrank.
Oder in Lebensgefahr wie die auf ihren Booten im Mittelmeer.
Wach endlich auf!

Übernimm die Wacht,
Bring mich durch die Nacht.
Rette mich durch den Sturm.
Fass mich ganz fest an.
Bis ich mich halten kann.
Bring mich zu Ende.
Lass mich nicht wieder los.


Ja, betet ruhig so.
Betet genau so.
Weckt Jesus!
Weckt Gott!
Ruft. Schreit, wenn ihr müsst.
Rüttelt ihn auf.
Packt seine Schultern.

VI.
Und er stand auf und bedrohte den Wind
und sprach zu dem Meer: Schweig! Verstumme!
Und der Wind legte sich und es ward eine große Stille.


Schweig. Verstumme.
Worte wie Rettungsringe.
Mitten im Sturm ein „Ich bin da“
Mitten im Dunkel merken - mein Schreien wird gehört.
Es gibt jemanden, den ich wecken darf.
Mitten in der Angst ein „Fürchte dich nicht!“.
Mitten drin ist Gott da.
Für mich.
Im Auge des Sturms.
Mit im Boot.
Gott ist mit auf allen Booten.
Gegen den Sturm und gegen die Angst der Nacht.

VII.
Auch für dich, C., war da dieser andere Moment:
Das kleine rettende Gebet.
Eine Hand, die dich stützte.
Ein Wort, das gut tat.
Jemand, der zuhörte.
Da war es dann da, dieses Gefühl, oder besser die Gewissheit:
Ich bin nicht allein.
Gott lässt mich nicht im Stich.
Er sitzt mit mir in einem Boot und hält mich.
Durch seine Gnade bin ich, was ich bin.
Durch seine Liebe.
Durch seine Zuneigung, für die ich nichts tun muss,
nicht anders sein muss.
In seinen Augen bin ich richtig so, wie ich bin.
Ich bin es ihm wert, dass mich die dunklen Wellen nicht verschlingen.
Rettendes Gnadenwort.

VIII.
Schweigt, ihr tosenden Wellen.
Verstumme, du wilder Sturm.
Gesprochen von dem einen, der mit im Boot sitzt.
Der an meiner Seite sitzt.
Sätze, die ich brauche, wenn mich die Wogen überwältigen.

Und dieser spricht weiter und fragt mich und dich:
Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben?
Ich höre keinen Vorwurf,
ich höre eher ein Staunen:
Du hast Angst?
Ich habe geschlafen, weil ich dir zutraue,
dass du das Boot durch die Wellen führst.
Dass du es schaffst.
Ich vertraue dir.
Hab keine Angst.

Was seid ihr so furchtsam?
Da höre ich auch Zuspruch und Trost:
Fürchte dich nicht, ich komm‘, wenn du rufst. Immer.
Ich gehe nicht weg – nicht des Nachts, nicht im Sturm.
Wenn du mich nicht siehst, such mich.
Vielleicht musst du mich wecken – aber ich bin da.
Du bist mein geliebtes Kind.
Und ich bin dein Gott.
Auch im Dunkeln. Gerade dann.

IX.
Ja, es gibt einen, den kann ich rufen.
Rufen, damit er den Sturm stillt.
Einer, der aufsteht – für mich.
In den Stürmen und Wartezimmern dieser Welt.
Einer, den ich wecken darf.
Der lässt sein bequemes Kissen liegen und ist da, für mich.
Sitzt hier an den Tischen der Vesperkirche.
Hält die runzligen Hände der alten Menschen in Pflegeheimen.
Und er wartet mit den Seeleuten auf der Mission Lifeline darauf,
dass sie endlich rausfahren dürfen.

Und mich schickt er auch los.
Aufs Meer, auf den See.
Hin zu den anderen Booten, die da noch sind.
Und fragt mich:
Hörst DU die, die schreien?
Stehst DU auf und tust, was in deiner Macht steht?
Tu es. Du bist auch dabei nicht allein.

Jesus ist mit im Boot.
Gott ist mit im Boot.
Er ist da, wo die Angst ist.
Im Boot und am Meeresgrund.
Geht mit.
Durch den Sturm, durch die Angst und in den Tod.
Und selbst er ist erschöpft.
Und er selbst fragt: Mein Gott, warum?
Wahrer Mensch.
Und wahrer Gott.

X.
Auf seinen Namen sind und werden wir getauft.
Damit wir mit ihm in einem Boot sind.
Und aufstehen und den Sturm zum Schweigen bringen.
Fragen und Zweifel - sie verstummen nicht.
Aber Gott bleibt.
Jesus bleibt.
Und ist da. Mitten im Sturm.
Und er sagt zu dir, liebe C.:
Durch Gottes Gnade bist du, was du bist.

Und zu uns allen:
Fürchtet euch nicht.

Amen.

(1)
Und am Abend desselben Tages sprach er zu ihnen: 
Lasst uns ans andre Ufer fahren.
Und sie ließen das Volk gehen
und nahmen ihn mit, wie er im Boot war,
und es waren noch andere Boote bei ihm.
Und es erhob sich ein großer Windwirbel,
und die Wellen schlugen in das Boot,
sodass das Boot schon voll wurde.
Und er war hinten im Boot und schlief auf einem Kissen.
Und sie weckten ihn auf und sprachen zu ihm:
Meister, fragst du nichts danach, dass wir umkommen?
Und er stand auf und bedrohte den Wind
und sprach zu dem Meer: Schweig! Verstumme!
Und der Wind legte sich und es ward eine große Stille.
Und er sprach zu ihnen:
Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben?
Und sie fürchteten sich sehr und sprachen untereinander:
Wer ist der, dass ihm Wind und Meer gehorsam sind!


(2) Aus "Land unter" von Herbert Grönemeyer vom Album "Chaos" von 1993

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