Sonntag, 10. März 2019

Den Himmel durchschritten

Gnadenthron und leere Hände und ein offener Himmel
Predigt zu Hebräer 4, 14-16 


(Ich hatte große Mühe mit diesem Text aus dem Hebräerbrief. Doch dann stieß ich auf die Predigten von 2 Freundinnen: Birgit Mattausch* und Marei Röding. Ich entlieh mir von ihnen einige Worte und Satzkombinationen und die Grundidee, den Vers 15 zu erzählen und meine Geschichte und damit zu verweben - und ich strickte die Worte weiter. Das ist dann daraus geworden. Danke an Birgit und Marei!
Als ich sie dann heute gehalten habe, habe ich sie vor allem für meinen Freund aus R. gehalten.)


14 Weil wir denn einen großen Hohenpriester haben,
Jesus, den Sohn Gottes,
der die Himmel durchschritten hat,
so lasst uns festhalten an dem Bekenntnis.
15 Denn wir haben nicht einen Hohenpriester,
der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit,
sondern der versucht worden ist in allem wie wir,
doch er hat widerstanden.
16 Darum lasst uns freimütig hinzutreten zu dem Thron der Gnade,
auf dass wir Barmherzigkeit empfangen
und Gnade finden
und so Hilfe erfahren zur rechten Zeit.


I.
Einer hat die Himmel durchschritten.
Einer ist durch alle Himmel gegangen noch heute und auch morgen.
Aber er bleibt nicht da oben. Dafür kennen wir ihn zu gut.

Wir haben ihn gesehen, neulich im Stall in Bethlehem,
ein kleines Kind, ein Säugling, bedürftig und hilflos.

Jahre später haben wir ihn mit seinen Eltern in Jerusalem gesucht.
Fanden ihn nach drei langen Tagen.
Er schaute uns an und schien nichts zu verstehen.

Wir standen mit ihm am Jordan,
tauchten mit ihm unter Wasser.
und wir sahen den Himmel offen.

In die Wüste gingen wir mit ihm.
Hinauf zur Zinne und auf einen hohen Berg, wo ihm die ganze Welt zu Füßen lag.
Und der Teufel ihm einflüsterte: "das kannst du alles haben". 

Er ist versucht worden in allem wie wir,
doch er hat widerstanden


II.
42 Tage bis Ostern,
42 Tage, in denen wir diesen Hohepriester begleiten bis in die Hölle.
Wir werden sehen, wie er Wasser in Wein verwandelt.
Werden mit ihm zu einem Brunnen gehen.
Er wird mit einer Frau sprechen und alles verstehen.
Wird essen mit Zöllnern und Sünderinnen.
Er wird schlafen im Sturm.
Wird lernen von anderen.
Wir werden ihn weinen sehen.
Um einen Freund.
Und mit den Traurigen.
Er wird Brot vermehren und Augen auftun.
Wird lachen und jubeln.
Und er wird wütend sein und Tische umwerfen und Dämonen austreiben.

III.
Einer hat die Himmel durchschritten.
Auch meine Himmel. Und meine Höllen.
Durch mein Leben ist er gegangen.

Er war bei meiner Geburt dabei.
Hockte im Barmbeker Krankenhaus bei meiner Mutter
und wischte ihr den Schweiß von der Stirn.
Er war bei mir, als ich - 8 Jahre alt - 6 Wochen in einer Kur war. Krank vor Heimweh.
Und man sagte mir, ich dürfe nicht weinen, um die anderen nicht anzustecken.
Aber er, der Hohepriester, war da,
nahm mich in den Arm und trocknete meine Tränen.

Jahre später drohte ich ihn zu verlieren.
Die Strenge meines Konfirmators erstickte meine Fragen.
Aber ich hörte die Stimme des Hohepriesters in mir: „schlag die Tür nicht zu!“
Und er schien alles zu verstehen.

Er blieb bei mir.
Erfüllte mich mit Liebe und Sehnsucht.
Stand mit mir an der Elbe, am Neckar, an der Enz.
Und ich sah den Himmel offen.

In die Wüste geht er auch mit mir.
Hält meinen Zweifel aus und meine Wut.
Weint mit mir und lacht mit mir.
Ihm vertraue ich meine Kinder an.
Ich übe, mich ganz fallen zu lassen - in ihn.
Und weiß: auch wenn ich das nicht kann - er ist da.
Und er war letzten Samstag mit mir in R.,
wo ich einen todkranken Freund besuchte.
Ja, dieser Hohepriester begleitet mich durch die Welt.
40 Tage bis an ihr Ende.

Und 42 bis zum Anfang von allem.

Denn wir haben nicht einen Hohenpriester,
der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit.


IV.
42 Tage bis Ostern.

Er wird in Betanien Brot und Wein teilen.
Wird in Gethsemane beten - einsam, verzweifelt, voller Angst.
Sie werden ihn verraten, verspotten, misshandeln, kreuzigen.
Ja, wir werden Jesus leiden sehen.

Er wird in die Hölle steigen, die nur wir Menschen uns bereiten können.
Er wird gefoltert in den libyschen Flüchtlingslager und im Mittelmeer ertrinken.
Er wird nach Afghanistan abgeschoben und eine Tretmine wird ihn töten.
Richter und Behörden interessieren sich nicht für sein Schicksal.
Sie opfern ihn für unser vermeintliches Wohlergehen.
Und für den Erfolg an den Wahlurnen.

Wir haben nicht einen Hohenpriester,
der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit


V.
Dieser Hohepriester lässt mich nicht allein.
Und die im Mittelmeer und in Afghanistan auch nicht.
Und auch nicht die um ihr Leben bangen in den Krankenhäusern und zuhause.
Er kennt die Hölle in- und auswendig.
Auch in ihr sind wir nicht ohne ihn.
Der Himmelstürmer, das Kind im Stall, der Heiler, der Sterbende - 
sein Himmel breitet sich aus über alle Abgründe dieser Welt.

Wir haben aber einen großen Hohepriester,
Jesus, den Sohn Gottes, der die Himmel durchschritten hat


Die Hölle kann ihn nicht aufhalten.
Der Himmel öffnet sich für ihn.
Und er öffnet die Himmel für uns.
Schon heute. Und jetzt.
Und nimmt uns mit.

VI.
Und dort nehmen wir Platz.
Ruhen aus.
Vor seinem Gnadenthron.
Nicht erst morgen, sondern schon heute.
Hier sind wir.
Mit viel zu kleiner Kraft und verzagtem Herzen,
Mit Angst und Zweifel.

Ich habe meinen Freund aus R. dabei,
den ich letzten Samstag vielleicht das letzte Mal in den Arm genommen habe.
Und hier stehen auch die, die wir übersehen:
Die Getretenen, Misshandelten,
die Sterbenden und die Traurigen.

Ja, wir alle ruhen aus vor diesem Gnadenthron.
Dort wird alles gut.
Der Hohepriester nimmt unsere Hände.
Richtet uns auf.
Weil hier alles Leben anfängt

Dieser Gnadenthron - golden oder vielleicht voller Staub -
er steht hier in der Kirche.
Oder bei dir im Wohnzimmer.
Am Bett im Krankenhaus oder im Rettungsschiff.
Überall dort, wo Gnade ist.
Und Mitgefühl.
Und Hilfe.
Dort, wo der Hohepriester, wo Jesus ist.

Und dort stehen wir - aufrecht.
Neuer Anfang. 42 Tage bis Ostern.
Wir strecken unsere Hände aus.
Sie sind leer.
Wir bekommen hineingelegt Mitgefühl.
Wir bekommen Gnade.
Und Hilfe.
Wir bekommen, was wir brauchen zur rechten Zeit.
In genau diesem Moment.


*) sehr empfehlenswerter Blog: https://frauauge.blogspot.com/

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