Sonntag, 28. Juni 2020

Mich umarmen lassen

Meine gegensätzlichen Seiten feiern

Predigt zu Lukas 15, 11-32

Alle Zolleinnehmer und andere Menschen, die ein Leben voller Schuld führten,
kamen zu Jesus um ihm zuzuhören. Die Pharisäer und Schriftgelehrten ärgerten sich darüber.
Sie sagten: »Mit solchen Menschen gibt er sich ab und isst sogar mit ihnen!«
Da erzählte ihnen Jesus dieses Gleichnis:
»Ein Mann hatte zwei Söhne. Der jüngere sagte zum Vater: ›Vater, gib mir den Teil der Erbschaft, der mir zusteht.‹ Da teilte der Vater seinen Besitz unter den Söhnen auf. Ein paar Tage später machte der jüngere Sohn seinen Anteil zu Geld und wanderte in ein fernes Land aus. Dort verschleuderte er sein ganzes Vermögen durch ein verschwenderisches Leben. Als er alles ausgegeben hatte, brach in dem Land eine große Hungersnot aus. Auch er begann zu hungern. Da bat er einen der Bürger des Landes um Hilfe. Der schickte ihn aufs Feld zum Schweinehüten. Er wollte seinen Hunger mit den Futterschoten stillen, die die Schweine fraßen. Aber er bekam nichts davon.
Da ging der Sohn in sich und dachte: ›Wie viele Arbeiter hat mein Vater und sie alle haben reichlich Brot zu essen. Aber ich komme hier vor Hunger um. Ich will zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe Schuld auf mich geladen – vor Gott und vor dir. Ich bin es nicht mehr wert,
dein Sohn genannt zu werden. Nimm mich als Arbeiter in deinen Dienst.‹
So machte er sich auf den Weg zu seinem Vater. Sein Vater sah ihn schon von Weitem kommen und hatte Mitleid mit ihm. Er lief seinem Sohn entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn. Aber sein Sohn sagte zu ihm: ›Vater, ich habe Schuld auf mich geladen – vor Gott und vor dir. Ich bin es nicht mehr wert, dein Sohn genannt zu werden.‹ Doch der Vater befahl seinen Dienern: ›Holt schnell das schönste Gewand aus dem Haus und zieht es ihm an. Steckt ihm einen Ring an den Finger und bringt ihm Sandalen für die Füße. Dann holt das gemästete Kalb her und schlachtet es: Wir wollen essen und feiern! Denn mein Sohn hier war tot und ist wieder lebendig. Er war verloren und ist wiedergefunden.‹ Und sie begannen zu feiern.
Der ältere Sohn war noch auf dem Feld. Als er zurückkam und sich dem Haus näherte, hörte er Musik und Tanz. Er rief einen der Diener zu sich und fragte: ›Was ist denn da los?‹ Der antwortete ihm: ›Dein Bruder ist zurückgekommen! Und dein Vater hat das gemästete Kalb schlachten lassen, weil er ihn gesund wiederhat.‹ Da wurde der ältere Sohn zornig. Er wollte nicht ins Haus gehen. Doch sein Vater kam zu ihm heraus und redete ihm gut zu. Aber er sagte zu seinem Vater: ›Sieh doch: So viele Jahre arbeite ich jetzt schon für dich! Nie war ich dir ungehorsam. Aber mir hast du noch nicht einmal einen Ziegenbock geschenkt, damit ich mit meinen Freunden feiern konnte. Aber der da, dein Sohn, hat dein Vermögen mit Huren vergeudet. Jetzt kommt er nach Hause, und du lässt gleich das gemästete Kalb für ihn schlachten.‹
Da sagte der Vater zu ihm: ›Mein lieber Junge, du bist immer bei mir. Und alles, was mir gehört, gehört auch dir. Aber jetzt mussten wir doch feiern und uns freuen: Denn dein Bruder hier war tot und ist wieder lebendig. Er war verloren und ist wiedergefunden.‹

I.
Ja, ich bin es. Ich bin wie der ältere Sohn.
Eigentlich zufrieden mit dem, was ich habe. Es geht mir ja gut.
Wie er habe ich mein Einkommen, ein Dach über dem Kopf, bin gesund - meistens.
Ich habe zu essen, zu trinken, einen Mann, 3 Kinder, eine große Familie im Hintergrund,
gute Freunde und Freundinnen.
Ich kann mit einer Rente rechnen. Weiß, wie das Wetter morgen wird.
Hab sogar noch Geld und Pläne für Urlaub.
Wollte ich das nicht immer so?

Wie der ältere Sohn arbeite ich viel und erfülle weitgehend die Erwartungen.
Klar nicht immer und dann habe ich auch ein schlechtes Gewissen.
Ich weiß, wann ich Anträge einreichen oder beim Oberkirchenrat anrufen muss.
Ich beantworte Mails und schicke Briefe. Ich telefoniere und treffe mich mit Menschen.
Ich plane und strukturiere und entscheide und höre und rede und schreibe und denke nach.

Ich bin loyal - wie er.
Ich habe mir die Corona-App heruntergeladen.
Trage beim Einkaufen die Mund-Nase-Bedeckung.
Ich mach das nicht nur aus Pflichtbewusstsein,
sondern weil ich wirklich glaube, dass das richtig ist.
Ich will verantwortlich handeln. Und ich trage Verantwortung.
Ich mach das gern, auch wenn sie mir manchmal zu schwer wird.

Ich halte es aber darum wie der ältere Sohn schwer aus,
wenn andere auf die gemeinsame Verantwortung pfeifen.
Ich empfinde sie als unsolidarisch und habe zugleich das Gefühl, unglaublich spießig zu sein.
Und vielleicht bin ich das auch?  Nein, protestiert alles in mir.

Der ältere Sohn wird aber oft so dargestellt:
Als einer der immer brav ist und dann so kleingeistig,
dass er seinem jüngeren Bruder nichts gönnt. Aber vielleicht stimmt das gar nicht?

Jedenfalls entdecke ich: Ja, ich bin so wie er.

II.
Aber ich bin auch wie der jüngere Sohn.
Ich will nicht in den vorgefertigten Bahnen und Rollen laufen.
Will sie sprengen, will neue Pfade betreten.
Ich will mich ausprobieren, Neues entdecken, auch an mir.
Und das kann ich nicht, wenn ich immer nur im Rahmen bleibe.

Ich will experimentieren - wie der jüngere Sohn.
Weit weg von irgendeiner Aufsicht. Und ich will das Leben feiern. Einfach so.
Für einen Tag ans Meer fahren. Erdbeeren essen bis mir schlecht wird.
Auf dem Marktplatz Tango tanzen.
Einen Graffiti-Workshop besuchen und es Nachts in echt ausprobieren.

Manchmal will ich auch nicht mehr nett und höflich sein.
Will frei sein von dem Bedürfnis, dass man mich mögen soll.

Und manchmal will ich noch viel mehr. Will alles hinter mir lassen - wie er.
Ganz neu anfangen. Irgendwo. Mit irgendwas. Raus aus dem gesettelten Leben.
Verrücktes tun. Und ganz schlicht leben. Ohne Spülmaschine und Smartphone.

Aber ich habe Angst davor.
Angst zu scheitern wie der jüngere Sohn
und dann auch in einem Schweinestall zu enden und eine arme Sau zu sein.
Scheitern ist ja nichts Romantisches, sondern brutal.
Ich will nicht am Boden liegen - nicht wissend, ob ich alleine wieder hoch komme.
Ich weiß, wie man sich verzettelt und alles vermasselt.
Bin schon in einer Sackgasse gelandet.
Ich habe auch schon Menschen, die ich liebe, verletzt und verlassen.
Ich bin schon geflohen vor Verantwortung,
habe mich schäbig benommen, als ein Freund mich brauchte.
Schämte mich, in den Spiegel zu schauen.
Und das alles hinterlässt Spuren und Narben.

Aber ja, wenn man ausbricht aus dem Gewohnten, macht man auch Fehler.
Der jüngere Sohn wurde oft als der Hallodri dargestellt:
Als einer, der nur seinen Spaß haben will und dabei nichts ans Morgen denkt.
Aber vielleicht stimmt das gar nicht?
Jedenfalls entdecke ich: Ja, ich bin so wie er.

III.
Ich bin wie der ältere Sohn und wie der jüngere.
Ich will alles richtig machen und ich will alles anders machen.
Ich habe mich verrannt und ich bin still stehen geblieben.
Und mit beiden Seiten bin ich auf der Suche nach mir selbst
….und nach Gott.
Fragend, ob ich so genug bin.

Und Gott?
Gott stellt diese Frage nicht, sondern breitet seine Arme aus.

Aber mir geht das noch zu schnell.
Bin noch zu sehr bei meinen Fragen und Zweifeln. Auch an Gott.

Bin ich dir wirklich willkommen, Gott?
Der Gedanke, dass ich moralisch sauberer sein müsste,
Oder ehrlicher, bibelfester oder wenigstens kraftvoll gläubig,
Dieser Gedanke steckt zu tief in mir, Gott.
Jahrhundertelange Tradition schleppe ich mit:
Dass nur brave Mädchen in den Himmel kommen.
Oder man müsste besonders genial und begabt sein, um dir wohlgefällig zu sein.
Und ich bin das alles nicht.

Bin ich trotzdem willkommen, Gott?
Ist meine zwanghafte Seite willkommen? Und meine rebellische auch?
Und sind mit mir alle anderen willkommen, die auch aus dem Rahmen fallen?
Alle bunten und schillernden, lauten und leisen?
Die arabisch und farsi sprechenden auch?
Sind wir gut genug für dich, Gott?
Wenigstens für dich, wenn schon nicht für die anderen?

IV.
So stehe ich mit klopfenden Herzen da.
Stehe vor Gott - ganz außer Atem vom Schweinestall her kommend.
Und aus meiner Schmollecke hervorkriechend.

Und Gott sagt: Natürlich bist du gut genug!
Gut genug mit allen gelebten und ungelebten Träumen.
Und Gott breitet ihre Arme aus und umfängt mich.
Mich. Mich ganz und gar. Mit meinen beiden Seiten.
Mit meiner Angst vor dem Leben und der Angst, das Leben zu verpassen.
Mit meinem Zweifel und meiner geistigen Engstirnigkeit,
Mit meinem Verantwortungsgefühl und mit meiner Abenteuerlust.

Gott gibt mir ein neues Kleid und Schmuck, wertvoll soll ich mich fühlen.
Das Kleid steht meinen beiden Seiten vortrefflich.
Und Gott tischt alles auf, was die Speisekammer hergibt.
Sorgt für gute Musik. Für Licht und Farben.
Für ein großes Fest
- für mich.
Für meine beiden Seiten.
Sie gehören zu mir. Werden beide gebraucht.
Werden beide umarmt.
Die verantwortliche Seite und die spielerische.
Die Vorsichtige und die alles Wagende.

Gut, dass du du bist, sagt Gott.
Was mein ist, ist dein. Du warst tot, doch jetzt lebst du.
Du bist da, sagt Gott. Und das ist Grund genug zum Feiern.

Aber merke dir eins:
Das Leben ist gütiger als du denkst, als du zu glauben wagst.
Viel gütiger, unendlich gütig.
Hab keine Angst, dass du zu kurz kommst.
Gönne auch anderen das Leben und die Liebe.
Und öffne dein Herz für sie, die sich wie du, nach dem Leben sehnen.

V.
Ja, ich bins.
Ich bin wie der jüngere Sohn und wie der ältere.
Ich bin Gottes Tochter.
Und ich lass mich umarmen. Von Gott, Vater und Mutter.
Und ich feiere mit ihr das Leben.

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