Montag, 21. September 2020

Moria, Coventry, Jesus - schaut hin.

Lasst euch nicht aufhalten.
Schon gar nicht von den Bedenkenträgern....


 Predigt zu Matthäus 6,25-34 (1)

 I.
Da sitzen sie und hören ihm zu, dem Bergprediger.
Groß und Klein, Reich und Arm, ja, auch die Zweifler und Skeptiker.
Alle, die eine Sehnsucht nach Gott haben und nach Frieden,
und dass es allen Menschen gut geht und nicht nur wenigen.

Sie haben sich nicht aufhalten lassen und sind zu ihm gekommen.
Mit ihren Sorgen, die ihren Alltag auffressen.
Und obwohl sie nicht wissen, ob der Lohn von gestern noch für morgen reicht,
und ob sie den Arzt bezahlen können für die Kleine.

Sorgt euch nicht um euer Leben.
Sagt er.
Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes….

Ob sie das gerade jetzt hören wollen?
Vielleicht denken einige: der hat ja gut reden.
Lebt von der Hand in den Mund.
Er muss ja keine Kinder versorgen.
Aber andere spüren noch was anderes.
Jesus kennt doch unsere Sorgen. Er ist einer wie wir. Ist sich für nichts zu schade.
Weint mit uns und hat Brot für uns und nimmt unsere Kinder in den Arm.
Und er macht die Sorgen auch nicht klein.
Aber er weiß auch, wie sie das Leben verdunkeln können, wenn sie zu groß werden.
Sie nehmen uns die Luft und die Sicht auf das Leben.

Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen:
Was werden wir essen?
Was werden wir trinken?
Womit werden wir uns kleiden?
Nach dem allen trachten die Heiden.
Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft.


II.
Und wie die Menschen damals dem Bergprediger so zuhören,
denken sie vielleicht an ihre Vorfahren.
Die einst aufgebrochen sind aus Ägypten.
Die ließen sich nicht aufhalten, noch nicht mal vom Meer,
geschweige denn von den Soldaten der ägyptischen Armee.
Sie zogen ins Ungewisse. Dorthin, wo sie frei sein sollen.
Wo es jedem von ihnen gut gehen soll, nicht nur einigen wenigen.
Und sie machten sich Sorgen. Was werden wir essen? Was werden wir trinken?
Sollen wir nicht doch besser zurück?

Doch Gott lehrte sie das Sehen. Das Genauhinschauen.
Seht morgens genau hin: da findet ihr Manna. Das Brot der Wüste.
Und abends seht genau hin: da findet ihr Wachteln.
Und seht euch die Felsen genau an: da findet ihr Wasser.
Und verliert euer Ziel nicht aus den Augen.
Das Land, wo ihr gerecht und frei leben könnt und jeder Mensch geachtet wird.
Wo jedes Leben zählt.

Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit,
so wird euch das alles zufallen.


III.
Das Mittelmeer im September. Ein Ort, wo Leben wertlos geworden ist.
Menschen in Booten, deren Motor von der griechischen Küstenwache zerstört wurde.
Menschen in Lagern, unter Zeltplanen, dicht an dicht.
Kein Schutz vor der Kälte der Nacht, kein Schutz vor Gewalt, kein Schutz vor Corona.
Feuer brennt. Tränengas macht selbst vor Kindern nicht halt.
Man trinkt Abwasser um nicht zu verdursten.
Die Einheimischen sind verzweifelt. Ja, auch sie. Alleingelassen.
Und in Europa feilscht man um 100, 200, 400 Kinder, die man rausholen will.
Oder doch 1500?
NGOs werden ausgebremst. Boote gestoppt. Die Nächstenliebe wird aufgehalten.
Wir wollen uns keine Brandstifter holen, heißt es in den Kommentaren auf Facebook.
Die haben das nicht verdient. Sind doch selber schuld. Schickt sie zurück.
Alle? Auch die Kinder? Und die jungen? Und die alten?
Schweigen. Achselzucken.
Die Sorge, dass wir was abgeben müssten von unserem Reichtum, ist mächtiger als alles andere.

IV.
Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit,
so wird euch das alles zufallen.


Schaut genau hin. Es ist doch alles da, worauf es ankommt.
Lasst euch nicht den Blick verdunkeln.
Seht das Manna und die Wachteln. Seht das Wasser in den Felsen.
Seht die Vögel, und die Lilien. Schaut hin, wo geliebt wird und geholfen.
Darauf, dass es nicht nur euch gut geht, sondern den anderen auch.
Und dass jeder Mensch für Gott wichtig ist.....

Schaut hin auf die Bilder von Gottes Liebe:
Da ist Brot, das für alle reicht.
Der Samariter, der sich um den im Straßengraben kümmert.
Der Hirte, der noch dem letzten Schaf hinterher geht.
Jedes einzelne Leben zählt. Jedes Schaf.
Jede geflüchtete Frau aus Syrien. Jedes Kind aus Afghanistan.
Und auch die jungen Männer.
Schaut hin. Sagt Jesus. Und lasst euch nicht aufhalten.

V.
Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes…

Als der Probst Howard in die Ruine von Coventry ging, hatte er große Sorge.
Was kann aus so einer Zerstörung schon Gutes entstehen? (2)
Doch er ließ sich seinen Blick nicht davon verdunkeln.
Er schaute genau hin.
Und fand Gott. Gerade in dieser Ruine. In einem Kreuz aus 3 Nägeln.

Howard wusste:
Gott wird ihm die Kraft geben, im richtigen Moment das zu tun, was ansteht.
Er ließ sich nicht aufhalten vom Hass, von Rachegefühlen, von der Verzweiflung.
Er ließ sich auch nicht von den Bedenkenträgern aufhalten.
Von denen, die sagen: das bringt sowieso nichts.
Die haben das nicht verdient. Die müssen wir ihrem Schicksal überlassen.
Nein, er tat, was dran war. Und mit ihm viele andere.
Und sie knüpften ein Netz der Versöhnung über die ganze Welt.

VII.
Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes…

Schaut genau hin und lasst euch nicht aufhalten.
Holt die Flüchtlinge aus den Lagern raus.
Rettet die, die in Seenot geraten.
Gebt ihnen ein Zuhause. Gebt ihnen Sicherheit. Es ist ja genug Platz.
Sorgt euch nicht um euch und eure Sicherheit.
Sorgt euch aber um die Menschen, die Hilfe brauchen.
Die uns brauchen. Und die sich nach Frieden sehnen.
Lasst euch nicht aufhalten von den Parolen der besorgten Bürger.
Und von den Bedenkenträgern auch nicht.

Schaut genau hin.
Auch auf die, die hier sind und euch brauchen.
Und denen ihr zur Seite stehen könnt.
Die das Manna und die Blumen am Wegesrand nicht sehen können.
Öffnet ihnen die Augen.
Öffnet sie für das Leben. Für jede einzelne Faser des Lebens.
Und dafür, dass Gott dieses Leben liebt.

Schaut hin und sorgt euch nicht.
Keiner von euch muss seine Sorgen alleine tragen.
Gott gibt euch die Kraft, die ihr braucht.
Schaut hin und ihr findet Gott - in den Ruinen, in den Zimmermannsnägeln,
In den Lagern dieser Welt und in eurem Leben.

Schaut hin und
Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit,
so wird euch das alles zufallen.

Amen.



(1) Matthäus 6,25-34:

25Darum sage ich euch: Sorgt euch nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung? 26Seht die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel kostbarer als sie? 27Wer ist aber unter euch, der seiner Länge eine Elle zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt?
28
Und warum sorgt ihr euch um die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: Sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. 29Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen. 30Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird: Sollte er das nicht viel mehr für euch tun, ihr Kleingläubigen? 31Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? 32Nach dem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft.
33
Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen. 34Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.


(2) Die Stadtkirche in Pforzheim gehört zur weltweiten Nagelkreuz-Gemeinschaft. Der 20.9.2020 war der Nagelkreuzsonntag. Zur Hintergrundgeschichte siehe z.B. https://nagelkreuz.org/nkg-international/geschichte

Zu Beginn des Gottesdienst gab es folgende Meditation zum Wochenpsalm 127:

Wenn der HERR nicht das Haus baut,
so arbeiten umsonst, die daran bauen.
Wenn der HERR nicht die Stadt behütet,
so wacht der Wächter umsonst.

Umsonst gebaut.
Vielleicht hat damals der Probst von Coventry genau das gedacht,
als er in den Trümmern seiner Kathedrale stand.
Umsonst gebaut.
Die Bomben haben dieses Gebäude, das doch für die Ewigkeit gebaut war, zerstört.
Einfach so. Weil Hass, Macht, Gier, Wut, Gewalt stärker war.
Umsonst gebaut. Oder doch nicht?

Wenn der HERR nicht das Haus baut,
so arbeiten umsonst, die daran bauen.
Wenn der HERR nicht die Stadt behütet,
so wacht der Wächter umsonst.


Umsonst gebaut.
Vielleicht haben das die Menschen vor 75 Jahren gedacht
als sie durch die Straßen Pforzheim gingen.
Alles in Schutt und Asche. Auch die Stadtkirche.
Weil dieser Kriegswahnsinn auch vor Pforzheim nicht Halt machte.
Umsonst gebaut. Oder doch nicht?

Wenn der HERR nicht das Haus baut,
so arbeiten umsonst, die daran bauen.
Wenn der HERR nicht die Stadt behütet,
so wacht der Wächter umsonst.


Der Herr hat ein anderes Haus gebaut.
Ein Haus des Friedens. Ein Haus der Versöhnung. Eins, das die ganze Welt umspannt.
Aus 3 Zimmermannsnägeln geschmiedet. Aus Dachbalken zusammengelegt.
Ein Kreuz, das sagt: Nichts ist umsonst, was aus Liebe geschieht.
Gebt darum weiter, was Gott euch schenkt.
Seinen Frieden. Seine Versöhnung. Sein Leben.
Gott sorgt für euch. Darum sorgt euch nicht um euch.
Nicht um euren Ruf. Um eure Zukunft. Um eure Gegenwart.
Sorgt ihr für andere. Und alles andere wird er dazu tun.
So wie die 3 Nägel aus der Ruine.
Mehr brauchte der Probst von Coventry nicht für den Frieden.
Und für das Leben.
Nichts ist umsonst.




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