zu Jesaja 66, 10-14
(mit besonderem Dank an Stefanie Höhner,
deren Predigt mich zu meiner inspiriert hat)
1.
Ein rosa Post-it an der Haustür.
Jedes Mal, wenn ich die Tür aufmache, um rauszugehen, lese ich "Du schaffst es!"
Ich weiß gar nicht, wie lange es da schon hängt. 10 Jahre?
Oder noch länger?
Aber ich weiß, wer es da hingehängt hat:
Mein Sohn, als er 16/17 war.
Da hat er überall in der Wohnung solche kleinen Post-its verteilt. Mit Mutmachworten.
Übrig geblieben ist nur noch einer. Dieser an der Haustür.
In rosa! Etwas verblichen, aber ganz klar rosa, pink!
Rosa, die Farbe Gottes. Farbe des kleinen Ostern.
Du schaffst es, ruft mir dieses Rosa zu. Und es tröstet mich, gerade jetzt.
Jetzt, da die Welt zu zerbröseln droht - zwischen Bomben und Drohnen,
zwischen Machthabern, die Menschen als Spielfiguren behandeln.
Jetzt, da die Landtagswahl hinter uns liegt und Ratlosigkeit und Wut die Gemüter beherrscht.
Du schaffst es, sagt dieses Rosa.
Auch wenn draußen vor der Tür die Welt nicht so ist, wie sie sein sollte.
Dabei ist es hier doch noch harmlos, denke ich. Noch.
Wie ist es für die, deren Häuser in die Luft gesprengt werden?
Die sich in Bunkern verstecken müssen.
Wie ist es für die Menschen in Saporischja und Kiew, in Teheran und Tel Aviv?
Wie ist es für die, die Angst haben oder traurig sind, was mit ihrer Stadt geschieht?
2.
Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid.
Das Exil ist vorbei.
Nach und nach kommen sie zurück, die Bewohner von Jerusalem.
Über 2000 Jahre ist das her.
Sie kommen zurück: Manche von weit her, manche nur hundert Kilometer entfernt von Jerusalem.
Voller Sehnsucht, aber auch mit trauerndem Herzen.
Fast alles ist anders als früher.
Dort, wo der große, prächtige Tempel stand, ist jetzt nur noch ein kleiner Steinbau.
Hier sollen sie jetzt beten und ihre Feste feiern.
Die Stadtmauer ist ein Wall aus Trümmern, ihre alten Häuser stehen nicht mehr.
Die neuen sehen anders aus und in den neuen Häusern leben fremde Menschen.
Viele Jahre haben sie geweint über ihr Jerusalem.
Nicht Heimweh-Kitsch, sondern echte Trauer.
Die Trauer von Menschen, die alles verloren haben – Haus, Tempel, Heimat, Würde.
Und nun stehen sie vor den Trümmern.
Es ist nicht das Jerusalem ihrer Erinnerung.
Es ist nicht das Jerusalem ihrer Träume.
Es ist ein zerstörtes Jerusalem.
Nicht anders als all die Städte dieser Welt, die ihre Menschen unter sich begraben haben.
Noch müssen die Häuser erst gebaut werden, in denen sie schlafen werden.
Noch müssen die Felder beackert werden,
die Körner ausgesät und das Getreide wachsen, bevor sie sich satt essen.
Noch müssen die Brunnen gebaut werden, aus denen Wasser sprudeln wird.
Noch stehen sie in den Trümmern ihres alten Lebens. Noch.
Ein erschöpftes Noch. Ein Noch, das kaum noch kann.
Aber genau dort – in dieses erschöpfte Noch – spricht Gott:
Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid. Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust.
Worte, die nicht nicht in eine heile Welt hineingesprochen wurden.
Sondern Trost für Menschen, die mit dem Wiederaufbau noch nicht einmal angefangen haben.
Die in den Trümmern stehen und nicht wissen, wo anfangen.
Und zu ihnen sagt Gott:
Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.
3.
Als ich mit meinem ersten Fahrrad stürzte, nahm mich meine Mutter in die Arme.
Weich waren sie. Ich spürte ihren Herzschlag an meiner Wange.
Ihre Jacke war nass von meinen Tränen. Und irgendwann wurden sie weniger.
Dann wurde mein Knie erstmal mit einem Pflaster zu geklebt und es gab ein Stück vom kalten Hund.
Das ist Trost.
Keine Erklärung, warum ich gefallen bin.
Kein Ratschlag, wie ich es nächstes Mal besser mache.
Einfach: Arme. Herzschlag. Pflaster. "Kalter Hund".
Und so tröstet Gott.
Einmal passierte es auf dem Rückweg von der Schule, dass ich in die Hose pinkelte.
Ich schämte mich furchtbar, aber meine Mutter nahm mich in den Arm,
ist nicht schlimm, sagte sie. So was kann passieren.
Komm geh ins Bad, ich bring dir eine frische Hose.
Ich wusste, alles wird wieder gut.
Ich glaube, dass Gott das auch so sagt. Über die vielen Momente, wo ich mich schäme.
Ist nicht schlimm. So was kann passieren. Komm. Es wird wieder gut.
Als ich älter wurde, wusste ich, dass nicht immer alles wieder gut wird.
Und trotzdem hat meine Mutter mich getröstet.
Sie hat ihre Hand auf meinen Arm gelegt.
Manchmal war es eine Postkarte oder eine Schokolade.
Du schaffst das, sagte sie mir, wenn ich Angst vor dem Abi hatte.
Als sie starb, war ich traurig, und wusste, sie kann mich nicht mehr in den Arm nehmen.
Und ich sie auch nicht.
Aber da waren andere, die das taten.
Und ich wusste auch, dass es ihr nun gut geht und dass sie immer da ist.
Wir Geschwister haben uns an Szenen mit ihr erinnert - und auch das hat uns getröstet.
Und auch jetzt weiß ich, dass sie da ist - und hin und wieder höre ich ihre Worte: Du schaffst es.
Und ich lese das rosafarbene Post-it an meiner Haustür
und denke an sie und an meinen Sohn und es wird mir leichter ums Herz.
Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid.
4.
Mein Trost ist heute die Hand meines Mannes,
der duftende Kaffee, den ich mit einer Freundin trinke und sie hört mir zu.
Mein Trost ist das Telefonat mit meinem Bruder
oder das Bild, das mir meine Enkelin gemalt hat.
Mein Trost ist der Song „Up and up“ von Coldplay in Dauerschleife
oder der Waldspaziergang und ich singe dabei „Wer nur den lieben Gott lässt walten“.
Mein Trost ist dieser mütterliche Gott, der mich in die Arme nimmt.
Mein Trost sind Bilder von den mutigen Frauen im Iran.
Mein Trost ist, dass es Menschen gibt, die trotzdem aufstehen.
Die trotzdem hingehen. Die trotzdem widersprechen.
Mit ihnen tröstet mich Gott.
Und mit diesem kleinen rosa Zettel an meiner Haustür: Du schaffst es.
Trost macht den Schmerz nicht weg.
Aber er hält mich darin.
Hält mich in meiner Sehnsucht, die nicht zur Ruhe kommt.
Er ist kein lautes „Du schaffst es".
Er ist leise. Vorsichtig. Fast schüchtern. Ein rosa Post-it eben.
Er blitzt durch den Winter – nicht als Versprechen, dass jetzt schon alles gut ist.
Sondern als Zeichen, dass Gott schon da ist, bevor es gut wird.
Ostern ist noch weit. Aber es blitzt schon mal auf.
Gott schaut auf dieses rosa Post-it.
Auf diese zerbrechliche Welt.
Auf die Trümmer von Jerusalem und Kiew.
Und Gott breitet ihren Frieden aus – wie einen Strom. Unaufhaltsam.
Und sagt: Ich bin dabei. Ich mache neu.
Und siehe – das ist sehr gut.
Amen.
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