Montag, 27. Dezember 2021

Am Straßenrand der Welt

Predigt zu Heiligabend (Micha 5,1-4)*

(mit Dank an Friederike Erichsen-Wendt, Friederike Goedicke, Michaela Jecht, Anne Gideon und Stephanie Höhner für Ideensplitter und Coaching)

1. Ausgerechnet dort


Ein kleiner Punkt auf der Landkarte.
Irgendwo in einer römischen Provinz.
Bethlehem - Haus des Brotes heißt es. Ein Dorf. Mehr nicht.
Das Klima scheint rauh zu sein. Kein Platz für Fremde, noch nicht mal für Hochschwangere.
Außer in einer Absteige, die gerade mal gut genug für das Vieh ist.
Robuste Gesellen auf den Feldern, die niemand im Blick hat.
Dort am Straßenrand der Welt.
Was kann schon Gutes aus Bethlehem kommen?

2. Micha 5,1-4

Viel. Sagst du, Gott.
Und dein Prophet Micha schreibt ein paar Jahrhunderte zuvor:

Und du, Bethlehem Efrata, die du klein bist unter den Tausenden in Juda, 
aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei,
dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist.  
Indes lässt er sie plagen bis auf die Zeit, dass die, welche gebären soll, geboren hat.
Da wird dann der Rest seiner Brüder wiederkommen zu den Israeliten.
Er aber wird auftreten und sie weiden in der Kraft des Herrn
und in der Hoheit des Namens des Herrn, seines Gottes.
Und sie werden sicher wohnen;
denn er wird zur selben Zeit herrlich werden bis an die Enden der Erde.
Und es wird der Friede sein.


3. Der kleine David aus Bethelehem

Ein kleiner Punkt auf der Landkarte. Irgendwo in der Provinz.
Unwichtig. Unbedeutend. Alltäglich.
Dorthin wurde einst der alte Prophet Samuel hingeschickt, um einen neuen König zu salben.
Dorthin? Fragte er. Ja, dorthin, sagte Gott.
Stattliche Männer werden ihm, dem alten Propheten, vorgeführt. Aber sie waren es nicht.
Ein Mensch sieht, was vor Augen ist, Gott aber sieht das Herz an.
Und so wird ein Jugendlicher mit roten Haaren vom Feld weg geholt.
David heißt er. Ein Träumer, spielt Harfe, schreibt Gedichte.
Alles andere als ein starker Held. Viel zu zart für eine schwere Rüstung. Aber er ist es.
Er wird von dem alten Samuel gesalbt. Auf ihm ruht alle Hoffnung.
Ein großer König soll er werden. Obwohl ihn niemand im Blick hat.

Und er wurde ein großer König – nebenan im großen Jerusalem.
Weg vom Straßenrand der Welt.
Aber die Hoffnung auf Frieden konnte auch er nicht erfüllen.
Seine Sehnsucht nach Macht, nach Großsein war vielleicht zu verführerisch.
Und so blieb letzlich die Hoffnung auf einen neuen David.
Einer, bei dem wirklich alles gut wird. Auch der Straßenrand.

4. Stern über Bethlehem

Viele hundert Jahre später machen sich drei Sterndeuter auf den Weg.
Sie haben ihn entdeckt: Einen kleinen Punkt am Nachthimmel.
Sie wissen, dass da oben eine besondere Konstellation aus Sternen zu sehen ist.
Eine, die sie in die große Stadt Jerusalem zum großen Palast des Herodes führt,
weil sie etwas Großes, Königliches erwarten. Sie suchen das Große im Großen.
Aber dort finden sie es nicht.
Nur eine zweifelhafte Macht,
die sich an den letzten Strohhalm klammert und keinen Trick auslässt.
Der kleine helle Punkt am Nachthimmel führt sie aber weiter zum kleinen Dorf Bethlehem,
das sie nicht im Blick hatten.
Dorthin? Fragen sie. Ja, dorthin, sagt der Stern.
Dort, wo es klein und rauh und robust zugeht.
Von wo nichts Gutes, nichts Großes zu erwarten ist.
Am Straßenrand der Welt.
 
5. Im Stall in Bethlehem

Und dort ist dieses Kind, auf dem alle Hoffnung ruht.
Auch nicht viel größer als ein Punkt, jedenfalls vom Palast aus gesehen.
Geboren in einem nichts.  
Und die drei Fremden stehen vor einer Scheune.
Vielleicht hören sie ein leises Weinen oder wie sich Josef schneuzt.
Vielleicht riechen sie das Heu und den Tierdung und den Schweiß von Maria.
Vielleicht sehen sie, wie von weiter hinten dunkle Gestalten vom Feld kommen,
mit müden Schritten - auf der Suche nach was Großem, wie sie.
Und bestimmt sehen sie das Kind.
Gottes Kind, das das erste Mal atmet und schreit
und dessen Augen zum ersten Mal zwischen hell und dunkel unterscheiden.

6. Der eine Moment

Ein kleiner Punkt im Leben, ein kleiner Moment,
eigentlich ein Nichts, und doch so voller Leben und darum so wunderbar groß.
Du kennst das, oder? 


Ein Moment, den man am liebsten festhalten möchte.
Weil er so ganz anders ist, als der Rest der Zeit.
Und weil er kurz vergessen lässt, was da draußen los ist.

In so einem Moment fängt die Hoffnung an.
Vergangenheit und Zukunft verschwimmen. Ein Hirtenjunge wird gesalbt.
Ein Stern weist den Weg. Schmerzen in der Nacht kündigen das Wunder des Morgens an.
Und das Wunder liegt in deinen Armen.
Der Moment, wenn du nicht nur den einen Stern siehst,
sondern das ganze Weltall, das dich umarmt.
Weil hier im kleinen Punkt das Größte durchscheint.

7. Was das große Kind erzählt

Und dann ist dieser eine Punkt im Leben irgendwann vorbei. Der Stern zieht weiter.
Die Sterndeuter kehren in ihre Heimat zurück, die Hirten zu den Schafen,
Maria und Josef mit dem Kind nach Nazareth.

Viele viele Punkte im Leben später,
da erzählt das große Kind aus der Krippe von all dem Kleinen am Straßenrand.
Schau hin. Sagt es.
Schau auf das kleinste Senfkorn, in dem das Reich Gottes steckt. Ein Punkt in der Hand.
In ihm steckt was Großes, was Überwältigendes.
Gib ihm Erde. Gib ihm Wasser. Lass ihn wachsen.
Und so ist es mit dir.
Noch in deinem kleinsten Glauben verbirgt sich die Kraft zu größter Veränderung.

Schau hin, sagt das Kind:
die Münze der armen Witwe zählt mehr als Gold,
die Kinder sind geschickt für das Himmelreich
und das kleine Stück Brot schmeckt nach der Liebe Gottes.

Und ich sage: ja!:
in einem kleinen Kind in der Krippe am Straßenrand verbirgt sich der Gott aller Welt.
Und dort beginnt der Frieden.

8. Friede beginnt mit einem kleinen Punkt

Dort am Straßenrand. Dort im Schmerz.
Dort beginnt der Frieden, der höher ist als alle Vernunft. Dort, wo du nicht damit rechnest.
In einem kleinen Punkt auf der Landkarte oder in deinem Leben.
Der Frieden macht die groß, die klein gemacht werden.
Er kommt zu denen, die ihn nicht kennen.
Die um ihre Liebsten weinen und vor Trauer nicht wissen, was sie noch glauben können.
Denen die Tür vor der Nase zugeschlagen wird, weil man ihnen nicht traut.
Die nur einen Platz in der Krippe finden. Oder im Obdachlosenheim. Oder auf der Intensivstation.
Zu ihnen kommt er.
Die, die denken, sie seien es nicht wert: Ihnen legt Gott einen Säugling vor die Füße.
Ein Punkt in ihrem Leben. Nichts Großes.
Nur ein Schrei. Zwei Hände. Zwei Füße. Eine Nase. Zwei Augen. Ein Mund. Ein Kind.

9. Augen auf für das Kleine in deinem Leben

Ein Punkt im Leben. In deinem Leben.

So ein Punkt in meinem Leben war ein Busfahrer hier in Pforzheim.
Mein erstes Weihnachten hier. Meine erste Christvesper in der Stadtkirche.
Und ich hatte meinen 10jährigen Sohn dabei.
Ich weiß nicht mehr warum, aber wir hatten kein Auto dabei. Also Busfahren.
Warum auch nicht.

Als wir die Kirche verließen, schauten wir auf die Uhr.
Oh, wir müssen uns beeilen. Der letzte Bus fährt gleich.
Also rennen wir. Kommen an der Bushaltestelle an. Außer Atem.
Der Bus kommt. Ich krame nach meinem Geldbeutel. Mist. Ich hatte ihn nicht dabei.

Der Busfahrer schaut mich und meinen Sohn an.
Er wusste: es ist die letzte Fahrt für heute. Und wir die einzigen Fahrgäste.
Steigen Sie ein, grummelt er. Ich nehme Sie mit.
Erleichtert setzen wir uns auf die Plätze.
In meiner Manteltasche fühle ich einen Schokoweihnachtsmann -
einen von denen, die ich an die Mitarbeiter*innen verteilt hatte. Den hatte ich noch übrig.
Paar Stationen später müssen wir aussteigen.
Spontan gehe ich nach vorne zum Busfahrer, gebe ihm den kleinen Weihnachtsmann
und sage: Frohe Weihnachten!
Frohe Weihnachten, strahlt er zurück, und stellt ihn ehrfürchtig vor sich auf die Ablage.

Ein Punkt im Leben.
Ein Punkt, wo das Große aufblitzt. Das weite Herz. Der Mut zur Ausnahme.
Vielleicht auch heute. Wo du hier in der Kirche bist.  Oder zuhause am Tisch.
Und du zündest eine Kerze an oder viele. Lauter Punkte. Helle Punkte.
Und sie leuchten für dieses Kind in der Krippe.
Dieses Kind, das dir die Augen öffnet für das Kleine am Straßenrand der Welt.

10. Friede kommt aus dem Kleinen

Als die Sterndeuter zurückgehen, machen sie einen großen Bogen um das große Jerusalem.
Einen Bogen um den großen Königspalast und die großen Herren.
Weil von dort nicht der Friede kommt.
Sondern vom Kleinen. Vom Straßenrand.
Von einem Stall, wo es nach Tierdung riecht.
Wo Gott das erste Mal atmet und schreit, wo das Kind in der Krippe dich ansieht.
Wo Hirten ihre weiche Seite entdecken.
Von dort kommt der Friede.
Und von einem Busfahrer, der dich mitnimmt auf deinem Weg durch diese Welt.
Von dort? Ja, von dort.
Amen.

* wurde (leicht abgewandelt) bereits veröffentlicht unter https://predigten.evangelisch.de/predigt/am-strassenrand-der-welt-predigt-zu-mi-51-4-von-christiane-quincke

Sonntag, 12. Dezember 2021

Lichtpunkte in meine Seele gestreut

 Von Johannes, dem Täufer, Jesus und Jochen Klepper

Predigt zu Matthäus 11 und dem Lied "Die Nacht ist vorgedrungen" (EG 16)
Zum 3. Advent


1. Wie weit ist es noch?


Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern!
So sei nun Lob gesungen dem hellen Morgenstern!
Auch wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein.
Der Morgenstern bescheinet auch deine Angst und Pein.

(Matthäus 11, 2-3)
Johannes saß im Gefängnis. Dort hörte er von den Taten des Christus.
Deshalb schickte er seine Jünger zu Jesus und ließ ihn fragen:
»Bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten?"


Ist es endlich so weit?
Johannes sehnt sich nach Zeichen der Hoffnung. Nach Licht. Eingekerkert, weil er zu direkt war. Zu laut in seiner Kritik. Nun ist er stummgeschaltet, ausgeliefert. Sitzt im Dunklen. Allein.
Wie so viele auch jetzt in Weißrussland und in Saudi-Arabien, in Äthiopien und in Myanmar. 
Für sie wurden am Freitag, am Tag der Menschenrechte, die Gebäude grün angestrahlt.
Menschen, wie Johannes, und die fragen: Ist es endlich so weit?

Jochen Klepper trieb diese Frage auch um, als der das Gedicht „Die Nacht ist vorgedrungen“ 1937 schrieb. Es war finster in Deutschland. Die Nazis hatten das Land vergiftet mit einer Ideologie, die die Menschen unterteilte in wertvoll und unwert. Jochen Klepper bekam das hautnah zu spüren, denn sein Frau Johanna und seine Stieftöchter waren Jüdinnen. Für Nazis unwert. Und es wurde immer dunkler um sie herum. Auch für Jochen Klepper, der wegen seiner Ehe mit einer Jüdin seinen Beruf als Journalist und Redakteur verlor. Selbst die Kirche schützte ihn nicht. Das schlimmste war vielleicht: 1937 war noch kein Ende der Naziherrschaft abzusehen.

Was blieb, war die Hoffnung, dass es irgendwann wieder gut wird.
Dass die Nacht ein Ende hat und der Morgenstern aufleuchtet.

Auch der Täufer Johannes hat nichts anderes als diese Hoffnung.
Ist es endlich soweit? Bist du, Jesus, der, der kommen soll? Der alles zum Guten wenden wird?

Ich sitze nicht im Gefängnis wie Johannes
und ich bin nicht verfolgt und gedemütigt wie Jochen Klepper,
aber auch ich sehne mich nach diesem Licht. Danach, dass es endlich gut werde.
Ist es so weit? Bist du es, Jesus?

2. Zeichen der Hoffnung

(Matthäus 11, 4-6)
Jesus antwortete ihnen: »Geht und berichtet Johannes, was ihr hört und seht:
›Blinde sehen und Lahme gehen. Menschen mit Aussatz werden rein.
Taube hören, Tote werden zum Leben erweckt, und Armen wird die Gute Nachricht verkündet.‹
Glückselig ist, wer mich nicht ablehnt.«


Dem alle Engel dienen, wird nun ein Kind und Knecht.

Gott selber ist erschienen zur Sühne für sein Recht.

Wer schuldig ist auf Erden, verhüll nicht mehr sein Haupt.

Er soll errettet werden, wenn er dem Kinde glaubt.


Es ist so weit. Blinde sehen. Lahme gehen. Taube hören.
Und ich denke an die junge Schwedin Greta, die Millionen von Jugendlichen auf die Straße gebracht hat.
Ja, es bleibt nichts, wie es jahrhundertelang war.
Und so waren wir dieses Jahr endlich so weit und haben ein gemeinsame Chanukka-Advents-Fest geplant, christliche und jüdische Schwestern und Brüder. Nur die Pandemie konnte uns bremsen.

Blinde sehen. Lahme gehen. Taube hören. Ja, es passiert was.
Postkartenaktionen für politische Gefangene haben Erfolg. Ein großes Bündnis schickt gleich mehrere Schiffe ins Mittelmeer, damit Flüchtlinge nicht ertrinken müssen. Und die 31jährige Reem Alabali-Radovan, die einst als Geflüchtete nach Deutschland kam, ist Integrationsbeauftragte der Bundesregierung geworden.

Natürlich sind das nicht die Zeichen des Heils, auf die Jesus hinweist. Aber sie sagen mir: ich hoffe nicht vergebens darauf, dass es besser werden kann.
Es gibt Zeichen der Hoffnung. Auch jetzt. Oft sind sie nur so klein wie der Morgenstern am Himmel. Oder noch kleiner. Aber sie sind da. Mir hilft das irgendwie.
Und ich nehme diese Hoffnungszeichen mit in mein Leben.



3. Rückkehr

Die Nacht ist schon im Schwinden, macht euch zum Stalle auf!

Ihr sollt das Heil dort finden, das aller Zeiten Lauf

von Anfang an verkündet, seit eure Schuld geschah.

Nun hat sich euch verbündet, den Gott selbst ausersah.

(Matthäus 11, 7a)
Die Jünger von Johannes gingen wieder zurück.

Auch wenn die ersten Zeichen da sind, dass es anders wird: die Welt ist noch dieselbe.
Johannes bleibt noch im Gefängnis und wird ermordet. Jochen Keppler nahm sich am 11. Dezember vor 79 Jahren das Leben. Und mit ihm seine Frau Johanna, seine Stieftochter Renate. Er hätte sich von ihnen scheiden müssen. Und sie wären deportiert und ermordet worden.
Ich trauere um diese Familie, die ich nie kennengelernt habe. Um einen Dichter, der sich dem Nationalsozialismus entgegenstellte. Ich trauere um all das sinnlose Leid, die wir Menschen uns gegenseitig zufügen. Um die verpassten Chancen, wo wir mutiger und barmherziger hätten sein sollen.
Und ich weiß: auch ich bin ein Teil dieser Dunkelheit
und umso mehr sehne ich mich nach einem Licht.
Nach dem Licht, dass dieses Kind in der Krippe in meine Welt bringt.

Ich nehme mir vor, die hoffnungsstiftenden Zeichen zu sehen - sie zu finden.
Den kleinen Herrnhuter Stern in der dunkelsten Ecke meiner Wohnung.
Die Vögel, die sich über die Körner freuen, die ich ihnen hingestreut habe.
Ein fröhlich stimmendes Musikstück auf YouTube.
Oder noch besser, wenn ich es gerade live hören kann. Hier in der Kirche zum Beispiel.
Eine liebevolle Karte, die mir eine Freundin schickt. Mit sehr freundlichen Socken.
Und die Kraft, die viele immer noch aufbringen, um anderen ein wunderschönes Weihnachtsfest zu ermöglichen.
Alles das sind kleine Lichtpunkte, die mir Jesus hinstreut, wie ich den Vögeln die Körner.
Nahrung für den Winter.

Noch manche Nacht wird fallen auf Menschenleid und -schuld.

Doch wandert nun mit allen der Stern der Gotteshuld.

Beglänzt von seinem Lichte, hält euch kein Dunkel mehr,

von Gottes Angesichte kam euch die Rettung her.


4. Bald ist es so weit


Es gibt sie, die Hoffnungszeichen. Die Menschen, die ihr Licht verbreiten.
Sie klammern sich an die Hoffnung auf das Gute und machen einfach immer weiter.
Die Pfadfinder und Pfadfinderinnen, die das Friedenslicht von Bethlehem verteilen. Heute.
Die Ärztinnen und Krankenpfleger im Krankenhaus. Die Fridays-for-future-Kids. Die Leute von amnesty und seawatch. Der alte Mann, der mir mit rauher Stimme ein Weihnachtslied vorsingt.
Menschen wie Johannes und Greta und Reem Alabali-Radovan.
In ihnen allen erkenne ich das Kind aus dem Stall. Wenn ich genau hinschaue.
Und in Jochen und Johanna Klepper auch.

Gott wohnt im Dunkel und er macht es heller. Sie wischt die Tränen ab und streut mir Lichtpunkte hin wie Körner für den Winter. Worte und Gedanken und Ideen von Menschen. Ihre Liebe zum Leben und ihre Sehnsucht nach Licht.

Blinde sehen. Lahme gehen. Taube hören. Ja, das Licht ist da. Auch in mir. Es ist so weit.
Lichtpunkte in meiner Seele. Bitte, Gott, zünde sie in mir an.
Amen.

Gott will im Dunkel wohnen und hat es doch erhellt.

Als wollte er belohnen, so richtet er die Welt.

Der sich den Erdkreis baute, der lässt den Sünder nicht.

Wer hier dem Sohn vertraute, kommt dort aus dem Gericht.





Montag, 8. November 2021

Mit dir den Frieden leben

Predigt zu Micha 4, 1-5

I.
Aus dem Buch des Propheten Micha:

Am Ende der Tage wird es geschehen:
Der Berg mit dem Haus des Herrn steht felsenfest.


Am Ende der Tage wird es geschehen:
Meine Träume werden wahr.
Nichts kann mich dann noch umwerfen.
Felsenfest ist endlich mein Glaube, dass diese Welt eine gute Zukunft hat.
Wenn ich dann bete, bin ich mir sicher, dass Gott mich hört.
Am Ende der Tage gibt es CO2-freie Flugzeuge, die mir erlauben, ohne schlechtes Gewissen zu fliegen.
Und die Ärztinnen wissen, wie sie den Krebs besiegen.
Am Ende der Tage ist mir egal, wenn andere über mich urteilen.
Denn ich weiß dann auch tief in mir drin, dass ich geliebt bin. So wie ich bin.
Am Ende der Tage…

II.
Der Berg mit dem Haus des Herrn steht felsenfest.
Er ist der höchste Berg und überragt alle Hügel.

Ich gehe auf den Wallberg und schaue auf die Stadt.
Ich sehe den Stadtkirchenturm und das Rathaus.
Die Spitze vom Zeltdach der Thomaskirche.
Die Hinterhöfe in der Weststadt und die Hochhäuser vom Haidach,  
die bunten Blätter vom Büchenbronner Wald.
Ich stehe auf dem Wallberg und unter meinen Füßen sind die Trümmer der Stadt,
die Trümmer einer Nacht voller Bomben,
eines Krieges, der nicht nur die Gebäude zerstört hat.
Trümmer einer Generation, die den Krieg bejubelt hat und dann seine Opfer beweinte.
Nun überragt der Wallberg alle Hügel.
Wenn ich dort stehe, schaue ich weit.
Und ich wünsche mir, dass wir alle noch viel weiter sehen.
Bis an das Ende der Tage.
Damit wir wissen, was wir jetzt zu tun haben.

III.
Dann werden die Völker zu ihm strömen.
Viele Völker machen sich auf den Weg und sagen:
Auf, lasst uns hinaufziehen zum Berg des Herrn,
zum Haus, in dem der Gott Jakobs wohnt!
Er soll uns seine Wege weisen.
Dann können wir seinen Pfaden folgen.


Am Ende der Tage suche ich mit dir gemeinsam danach, was für die Welt gut ist.
Statt aufeinander einzudreschen.
Statt sich auszustechen oder auf das eigene Recht zu pochen.
Gemeinsam tun wir alles dafür, dass CO2 eingespart wird. Und zwar richtig.
Gemeinsam - alle Staaten der Welt - retten wir Flüchtlinge in Seenot.
Bringen sie unter und geben ihnen eine neue Heimat.
Ja, wir tun uns zusammen, damit alle genug zum Leben haben.
Muslime und Jüdinnen, Christinnen und Jesiden, Gläubige und Nichtgläubige.

Am Ende der Tage gibt es keine falschen Propheten mehr.
Keine, die wie vor über 80 Jahren einen „gesunden Volkskörper“ propagieren.
Keine, die Synagogen, Moscheen und Kirchen schänden.
Und keine, die zwischen wertem und unwertem Leben unterscheiden.

Am Ende der Tage lebe ich mit dir den Frieden
und für mich riecht er nach Rosen und Lavendel, nach Zitrone und Thymian.

IV.
Auf, lasst uns hinaufziehen zum Berg des Herrn,
denn vom Berg Zion kommt Weisung.
Das Wort des Herrn geht von Jerusalem aus.
Er schlichtet Streit zwischen vielen Völkern.
Er sorgt für das Recht unter mächtigen Staaten, bis hin in die fernsten Länder.


Am Ende der Tage wird das Recht wiederhergestellt.
Wie bei Malala, Friedensbotschafterin der UN, 24 Jahre alt.
Als  Schülerin in Pakistan schrieb sie in ihrem Blog davon,
dass auch sie das Recht habe, in die Schule zu gehen.
Sie hatte vom Tagebuch der Anne Frank gehört und ihre Wünsche und Träume veröffentlicht.
Die Taliban versuchten sie zum Schweigen zu bringen und schossen ihr in den Kopf.
Aber sie wurde gerettet - in England. Und sie ist nun lauter als je zuvor.

Am Ende der Tage wird das Recht wieder hergestellt.
Und ich bin froh, dass Gott es immer wieder tut.

V.
Dann werden sie Pflugscharen schmieden aus den Klingen ihrer Schwerter.
Und sie werden Winzermesser herstellen aus den Eisenspitzen ihrer Lanzen.


Manchmal scheint das Ende der Tage nah.
Wie in den 80er Jahren:
In Westdeutschland große Friedensdemos gegen die Aufrüstung der Supermächte.
Blockaden vor Mutlangen und Sitzwachen in Heidelberg.
In Ostdeutschland musste man subtiler vorgehen:
Schwerter zu Pflugscharen - einst von den Sowjets vor das UNO-Gebäude gestellt.
Nun als Protestzeichen gegen die Wehrerziehung und das Säbelrasseln, aufgenäht auf Jacken.
"Schwerter zu Pflugscharen" ging um die Welt.

Nach dem Fall der Mauer war die Hoffnung groß:
Der kalte Krieg hat sich endgültig erledigt, hoffte man.
Die großen Mächte der Welt haben doch nun verstanden,
dass ein Krieg mit den heutigen Waffen für alle tödlich wäre - für alle.
Es wurden sogar Abrüstungsvereinbarungen getroffen.
Schwerter zu Pflugscharen.

Und doch rasseln sie weiter mit den Säbeln und nicht mit den Winzermessern.
Russland und Weißrussland, Afghanistan und Sudan.
Und immer wieder Israel und Palästina,
ausgerechnet dort, worauf der Prophet Micha all seine Hoffnung setzt.

Wie lange dauert es noch bis zum Ende der Tage?

VI.
Dann wird es kein einziges Volk mehr geben,
das sein Schwert gegen ein anderes richtet.
Niemand wird mehr für den Krieg ausgebildet.


Malala überlebte die Schüsse und vor allem ein Satz von ihr ist um die Welt gegangen:
„Ein Kind, eine Lehrkraft, ein Stift und ein Buch können die Welt verändern“.
Die Unesco gründete den Malala-Fond.
Der soll weltweit das Recht auf Bildung durchsetzen.
Schwerter zu Schreibstiften und Büchern.
Am Ende der Tage gibt es keine Waffenexporte mehr, sondern Stiftexporte.

Vielleicht findest du das naiv?
Damit bist du nicht allein.
Und auch mir fehlt oft die Phantasie, ob es wirklich anders gehen kann.
Ob es wirklich eine Welt ohne Schwerter und Panzer geben wird.
Aber es gibt Menschen, die darüber intensiv nachdenken.
Sie entwickeln Szenarien wie es uns gelingen kann, ohne eine Armee zu existieren.
Sicherheit neu denken - sagen sie. (1)
Sie sagen: Für den Frieden brauchen wir keine Waffen,
sondern Bildung und die gerechte Verteilung von Wasser und Energie.
Wir brauchen echte und viele Gespräche - auch zwischen den Religionen - und gute Justizgerichte.
Eine Weltgemeinschaft, die Polizisten schickt und keine Soldaten.
Alles das und viel mehr - aber es geht. Sagen sie.
Nicht erst am Ende der Tage.

Und ja, ich will ihnen glauben. Diesen Propheten des Friedens.
Vielleicht spricht Micha aus ihnen?

VII.
Jeder wird unter seinem Weinstock sitzen und unter seinem Feigenbaum.
Niemand wird ihren Frieden stören.


Am Ende der Tage wird niemand unseren Frieden stören.
So soll es sein.

Wie wär es?

Auf dem Marktplatz wird getanzt - zu Gitarre und Geige, Trommeln und Gesang.
Kebba, der hier vor einer Woche in der Stadtkirche war, tanzt mit.
Er ist aus Gambia hierher geflohen und hat nun einen Ausbildungsplatz.

Die wenigen (!) Autos auf den Straßen sind so langsam,
dass jedes Kind die Straße alleine überqueren kann.
Überall Blumen. Und Lebensmittel werden nicht weggeworfen, sondern geteilt.
Die Synagoge braucht keinen Polizeischutz mehr, weil es niemanden mehr gibt, der sie bedroht.

Auf dem Lindenplatz spielen wir zusammen Boccia.
Wir ärgern uns nicht über die Kreidemalereien auf der Turmwand,
sondern malen zusammen mit den Kindern Blumen und Schmetterlinge.
Der nächste Regen wischt sie wieder ab.

Und dann gehen wir auf den Wallberg, unseren Berg Zion, und schauen auf die Stadt.
Unter unseren Füßen die Trümmer des Krieges.
Und wir wissen, dass wir den Frieden gelernt haben und niemand kann ihn uns wegnehmen.
Weil wir dort gemeinsam stehen und wissen, dass wir uns brauchen.
Ja, wir - verschiedene ganz unterschiedliche Menschen.
Gläubige und Nichtgläubige, Muslime, Jesidinnen, Jüdinnen, Christen.

VIII.
Am Ende der Tage wird es geschehen:
Aus Kriegsschiffen werden Rettungskreuzer, aus Landminen Bleistiftminen.
CO2-freie Flugzeuge lassen uns die Welt entdecken.
Wir lernen, weil wir lernen wollen - so wie wir sind.
Und wir leben den Frieden.
Für mich riecht er nach Rosen und Lavendel, nach Zitrone und Thymian.

Den Frieden leben - ich fang schon mal damit an.

Denn der Herr Zebaot hat es so bestimmt.
Noch rufen viele Völker, jedes zu seinem eigenen Gott.
Wir aber leben schon heute im Namen des Herrn, unseres Gottes,
für immer und alle Zeit.


Amen.

(1) https://www.sicherheitneudenken.de/

Dienstag, 2. November 2021

Wir lassen keine Menschen ertrinken

 

Beitrag zum Reformationsgespräch 2021

Man lässt keine Menschen ertrinken. Punkt.
Das ist kein Satz aus der Bibel, sondern aus einer Predigt von Sandra Bils.
Und ich stimme ihm uneingeschränkt zu.
Wir Christen und Christinnen können doch gar nicht anders als zustimmen.

Warum?
Ich glaube, jede Christin, jeder Christ kennt die Geschichte vom barmherzigen Samariter (1).
Sie gehört sozusagen zu unserer DNA.
Der Samariter zieht den unter die Räuber gefallenen aus dem Graben,
und versorgt ihn so gut, dass er wieder gesund wird.
Dabei fragt er nicht, warum er die gefährliche Straße gegangen ist,
was er vorher gemacht hat, was er glaubt und woher er kommt.
Er tut es einfach. Aus Nächstenliebe.

Seenotrettung ist ein Akt der Nächstenliebe.
Menschen in Not zu helfen - das gehört zu unserem Auftrag als Christen und Christinnen.
Geh hin und tu desgleichen, sagt Jesus zum Schriftgelehrten.

Menschen in Not zu helfen - das ist ja Aufgabe von eigentlich allen Menschen.
Und ja, es ist deshalb im Grunde eine staatliche Pflicht.
Aber die europäischen Staaten erfüllen diese Pflicht nicht.
Und solange sie das nicht tun, braucht es die zivile Notrettung.
Wir können uns nicht zurücklehnen und sagen: das sollten andere machen, nicht wir.
Der Samariter sagt ja auch nicht: das soll der Rabbi oder der Levit machen. Nicht ich.
Er tut es einfach. Er rettet.

Er rettet damit nicht die Welt.
Und das tun wir auch nicht, wenn wir ein Schiff ins Mittelmeer schicken.
Wir retten nicht die Welt. Wir lösen damit nicht das Problem der Flüchtlingsströme.
Aber wir retten Menschen. Von Gott geschaffene, von Gott geliebte Menschen.

Die schwangere Frau, die ihr Kind in einem sicheren Land zur Welt bringen will.
Der Vater, der seinen Kindern eine Zukunft schenken möchte.
Der Sohn, der von seiner Familie nach Europa geschickt wird, damit wenigstens er überleben kann.

Menschen, die lieben.
Menschen, die weinen und lachen.
Menschen mit einer Geschichte und hoffentlich mit einer Zukunft.
Menschen, die es wert sind, ein gutes Leben zu haben.
Und wir fragen nicht, ob sie die Rettung verdient haben oder nicht.
Spätestens seit der Reformation fragen wir nicht mehr, ob eine Rettung verdient ist oder nicht….

Erst letztens sagte wieder jemand zu mir:
Naja, Seenotrettung ja. Aber dann sollten sie wieder zurück geschickt werden.
Und ein anderer sagte:
Okay, Seenotrettung ja. Aber doch nicht die Wirtschaftsflüchtlinge.
Und ein Gemeinderat sagte: Seenotrettung ja, aber bitte nicht nach Pforzheim holen (2).
Lauter Ja-Aber-Sätze, Seenotrettung? ja, klar - aber….

Mal abgesehen davon, dass Libyen eben kein sicheres Land ist,
wohin man Geflüchtete zurück schicken kann -
und abgesehen davon, dass es bei der Rettung nicht darauf ankommt, warum jemand in Gefahr ist, -
bei solchen Ja-aber-Sätzen kommt mir Paulus in den Sinn.
Ich glaube, der kann ja-aber-Sätze genauso wenig leiden.

Paulus  hat ein Lied geschrieben. Das fängt so an:
Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte der Liebe nicht,
so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle.
(3)

Vielleicht müsste es heute anders weitergehen:

- Wenn ich das beste Grundgesetz der Welt hätte und hätte der Liebe nicht,
weil ich meine, dass es nicht für alle gilt, dann wäre es das Papier nicht wert.
- Wenn ich Recht hätte mit meiner Meinung,
dass die Menschen, die fliehen, nicht verfolgt würden, sondern „nur“ Hunger litten -
und ich hätte der Liebe nicht und lasse sie deshalb im Stich, so wäre dieses Rechthaben nichts nütze.
- Wenn ich mir allen Wohlstand erarbeitet hätte und hätte der Liebe nicht, um diesen Wohlstand zu teilen, so wäre ich arm.

Wir haben aber die Liebe. Denn wir sind geliebt.
Und wir fragen nicht, ob jemand die Liebe verdient hat.
Auch die geflüchtete schwangere Frau ist von Gott geliebt. Ist genauso wertvoll wie ich.
Und das gilt auch für den Vater und für den Sohn.
Jeder Mensch ist wertvoll.

Und deshalb lassen wir keine Menschen ertrinken.
Sondern wir geben ihnen, was sie brauchen. Nämlich das Leben.
Und wenn das niemand sonst tut, muss das eben die Kirche tun.
Ohne wenn und aber.
Punkt.

(1) Lukas 10, 25 - 36
(2) https://bnn.de/pforzheim/pforzheim-als-sicherer-hafen-fuer-fluechtlinge-afd-und-uwe-hueck-kritisieren-katja-mast   
https://seebruecke.org/sichere-haefen
(3) 1. Korinther 13


Dienstag, 12. Oktober 2021

I wonder how

25 Jahre Ordination und Popgeschichte

Rede zum Ordinationsjubiläum - gehalten am 11.10.2021

 

I wonder how, I wonder why
Yesterday you told me 'bout the blue, blue sky

And all that I can see is just a yellow lemon tree
(1)

Lemon tree von Fools Garden. Ein Nummer-1-Hit von 1996, dem Jahr, in dem wir ordiniert wurden.
Ein Song der gute Laune macht, obwohl er Langeweile beschreibt - und den Wunsch, mehr sehen zu wollen, als den yellow lemon tree, (der nur ins Lied geraten ist, weil er so gut klingt.) Ein Gute-Laune-Song aus einer Dazwischenzeit. Und ich finde, das passt zu uns. Auch wir waren so ein Fools Garden - ein Garten der Närrinnen und Narren im Predigerseminar.


Wir waren Narren und Närrinnen, die keine Sicherheit mehr hatten, ob sie übernommen werden würden. Unsicherheit war wie eine Decke, die sich über unser Selbstbewusstsein legte. Gemeinsam wärmten wir uns mit ihr. Und gemeinsam versuchten wir, sie wieder abzuschütteln, was uns nicht wirklich gelang. Aber es gelang uns, immer wieder die gute Laune zu finden: mit der Suche nach dem blue blue sky und wenn wir doch nur einen lemon tree sahen, wollten wir wenigstens die Zitronen genießen. Sauer und herb und saftig.

(So gönnten wir uns Gedichtabende mit viel Rotwein, Parodien auf die Vogelleidenschaft von Herrn Barié und drehten sogar einen Film, an den sich heute nur noch wenige erinnern. I wonder how….)

1996 - Es war Zeit Abschied zu nehmen. Time to say goodbye (2). Goodbye zu den Kurskolleg*innen, zum Lernen in der Gruppe und Gott sei Dank auch zu den Prüfungen, die manche von uns vollkommen übermüdet ablegten. Und wir fühlten uns wie candle in the wind (3) - viel zu viele beruflichen Lichter wurden ausgeblasen. Wir gehörten zu den Jahrgängen, in denen weniger als die Hälfte in den Dienst übernommen wurden. Das prägt uns. Mehr als uns lieb ist. Und ich bin sicher: das prägt auch unsere Kirche bis heute.

Nun, die wir hier sind, gehörten zu den Glücklichen (oder manchmal auch Unglücklichen), die es geschafft haben. Nicht alle blieben im Pfarramt. Manche scheiterten. Einer starb.

Yesterday you told me 'bout the blue, blue sky.
And all that I can see Is just a yellow lemon tree

Nein, das stimmt so natürlich auch nicht. Wir haben mehr gesehen als den yellow lemon tree. Wie Forrest Gump liefen wir den Marathon - hoffend, dass alles gut wird. My heart will go on(4) und klammerte sich mit Leonardo di Caprio an einer Holzplanke fest. Das Kirchenschiff versank nicht wie die Titanic. Aber es folgten viele Neuanfänge. Und das macht uns ja auch aus, uns Narren und Närrinnen, dass wir Neuanfänge gestalten. Und die Welt dreht sich weiter...

Do you believe?(5) - Glaubst du? Das fragte Cher 1998.
Ja, ich glaube, dass unser Beruf der schönste der Welt ist. Jedenfalls kann ich mir keinen Besseren vorstellen - trotz aller Zweifel. It’s my life(6) - schreit Bon Jovi trotzig in die Menge. It’s now or never. Lass auch du dich nicht niederdrücken, sondern bleibe aufrecht. Mach es wie Maria Maria(7), die Carlos Santana  an die Westside Story erinnert, und ich denke an die beiden Marias im Neuen Testament: die mit dem revolutionären Lobgesang und die, die am Grab steht und von den Engeln ins Leben geschickt wird.

Ins Leben geschickt…. - das wurden wir, aber nicht allein. Vor 25 Jahren wurde uns zugesagt, dass Gott uns beisteht in allem, was wir tun und sagen und lassen und lieben. Wir sind berufen - berufen ins Leben. Whenever. Wherever(8). Gott traut uns zu, dass wir das gut und richtig machen. Und dass wir am richtigen Platz sind.

Und diese Zusage brauchen wir. Ich zumindest, die Närrin, könnte ohne diese Zusage nicht weitermachen. Denn der Mensch heißt Mensch - Weil er vergisst, weil er verdrängt(9). I’m only human after all - don’t put the blame on me.(10)

Am meisten zweifle ich ja an mir selber und an der Welt. Can you practice what you preachin’? (11) fragten 2003 Black eyed peas. Father, Father, Father help us. Send some guidance from above. Where's the love?

Where’s the love? Ja, wir suchen nach der Liebe, die die Welt heilen könnte. Wir suchen sie und wir versuchen sie zu leben. Wir scheitern an ihr und wir entdecken doch auch ihren Schimmer. Sie ist ja da. Und die Sehnsucht nach ihr ungebrochen. Love Generation(12) - das sind wir und das wollen wir sein. Denn dazu sind wir ordiniert.

Wir sind vom selben Stern(13). Und damit meine ich nicht das Predigerseminar. Sondern das, was Ich-und-Ich besingen. Wir alle sind aus Sternenstaub - In unseren Augen war mal Glanz - Wir sind noch immer nicht zerbrochen - Wir sind ganz.

Und ja, es gibt diese klaren Momente. Wo alles richtig ist und gut und wir sind eins mit uns und unserer Ordination und unserer Welt. Vielleicht ist das dann nicht gleich die perfekte Welle, der perfekte Tag (14). (ich mag das Wort perfekt auch nicht) Aber es gelingt dann zu sagen: Ich bin hier - ich bin frei.

Dazu sind wir ordiniert: Ganz zu sein. Frei zu sein. Die Liebe Gottes zu leben und zu verkündigen. Narren und Närrinnen Gottes (vgl. 1. Kor. 4,10). Dafür müssen wir kein Poker face(15) aufsetzen, sondern bauen mit Cassandra Steen eine Stadt aus Glas und Gold, wo jedes Morgenrot und jeder Traum sich lohnt(16). Und das Herz schlägt dazu wie eine Dschungeltrommel(17). Wir rufen uns zu: „Hey, soul sister!“(18) Die soul brothers umarmen wir und tanzen happy(19) mit Pharrell Williams - diverser geworden und uns an Vielfalt freuend.  Wir bezeugen die Liebe Gottes, die sich nicht Grenzen und Zäune hält, weder an Kirchengesetze (manchmal) noch an Datenmengen.

Wir sind
geboren um zu leben(20) - mit den Wundern jeder Zeit - und das somewhere over the rainbow(21) Wir haben hier ja keine bleibende Stadt, aber ich bin doch froh, dass wir auf dem Weg zu ihr schon etwas vorangekommen sind. Und dass wir weiterhin fragen „Where is the love?“

25 Jahre Ordination. Und das nächste mal feiern wir das in 15 Jahren. Eines Tages werden wir alt sein, Baby (22) und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können. Und ich hoffe, dass wir sie auch wirklich erzählen werden, weil wir sie erlebt haben. Denn wir sind jetzt ja mittendrin. Wir verändern jetzt. Wir gestalten jetzt. Wir sind jetzt da. Life will pass me by if I don't open up my eyes(23)

Schauen wir hin und leben - und erinnern wir uns an unsere Träume, die wir vor 25 Jahren hatten und hoffentlich noch neue, die dazu gekommen sind.

Vielleicht drehen wir uns im Kreis. Running in circles(24) mit Post Malone.Vielleicht haben wir das Gefühl, dass es an der Zeit ist, loszulassen. Time to let it go. Und ja, das haben wir ja immer wieder tun müssen in den letzten 25 Jahren.

Aber heute halten wir an. Hören uns zu und halten es wie Namika:
Je ne parle pas français
(25). Aber bitte red weiter
. Alles, was du so erzählst, hört sich irgendwie nice an.  Und die Zeit bleibt einfach stehen.


25 Jahre. 1996 ordiniert. Und die Jahreslosung von damals sagt, dass es weiter geht. Wir sind nicht „gar aus“ und Gottes Barmherzigkeit hat noch kein Ende. (Klgl 3,23) Unsere Berufung hat auch noch kein Ende. Wir sehen nicht nur den
yellow lemon tree, sondern auch den blue blue sky. Wir bleiben berufen, Narren und Närrinnen Gottes zu sein. Wir fragen uns, wie und warum was passiert und halten aus, dass wir manchmal nicht wissen, wo wir sind. Aber wir sind da und bleiben da und zwar ganz.

Wir singen trotzig und aufrecht das gute Leben in diese Zeit hinein.
Ein Hoch auf das, was vor uns liegt
(26) - Dass es das Beste für uns gibt

Ein Hoch auf das, was uns vereint - Auf diese Zeit

Ein Hoch auf dieses Leben - Auf jetzt und ewig

Auf einen Tag  - Unendlichkeit

Und dafür lassen wir uns heute segnen.



[1] Lemon tree; Fools garden 1996

[2] Time to say goodbye; Andrea Bocelli + Sarah Brightman1997

[3] Candle in the wind; Elton John 1997

[4] My heart will go on; Celine Dion 1998

[5] Believe; Cher 1998

[6] It’s my life; Bon Jovi 2000

[7] Maria Maria; Carlos Santana 1999

[8] Whenever wherever; Shakira 2002

[9] Mensch; Herbert Grönemeyer 2002

[10] Human; Rag’n bone man 2016

[11] Where is the love; Black eyed peas 2003

[12] Love Generation; Bob Sinclair 2006

[13] Vom selben Stern; Ich und Ich 2007

[14] Perfekte Welle; Juli 2004

[15] Poker Face; Lady Gaga 2009

[16] Stadt; Cassandra Steen 2009

[17] My heart is beating like a jungle drum; Emilíana Torrini 2009

[18] Hey soul sister; Train 2009

[19] Happy; Pharrell Williams 2013

[20] Geboren um zu leben; Unheilig 2010

[21] Over the rainbow; Neucover von Israel Kamakawiwoʻole 1993 / Superhit aber erst 2010

[22] One day baby, we’ll be old, Asaf Avidan 2012

[23] Wake me up; Avicii 2013

[24] Circles; Post Malone 2020

[25] Je ne parle pas français; Namika 2018

[26] Auf uns; Andreas Bourani 2014

Montag, 16. August 2021

Am richtigen Platz sein

Sind wir noch zu retten?
Erste Schritte als Begnadete

Predigt zu Epheser 2, 4-10*

(mit Dank an die Kollegin Henriette Crüwell für ihren fulminanten Aufschlag, den ich weiterstricken durfte!)

1. Rettung am Staudamm

Es hätte nicht mehr viel gefehlt, wenige Zentimeter und nichts mehr wäre zu retten gewesen. Die Verwüstung war eh schon groß. Dann aber wäre alles verloren gewesen. Nach dem tagelangen Starkregen Mitte Juli hatten Schlamm und Geröll den Abfluss der Steinbachtalsperre verstopft. Und so stieg der Spiegel Zentimeter um Zentimeter. Mehrere Tausend Liter Wasser rissen metertiefe Krater in den Erdwall davor. Die Dammkrone war beschädigt - würde die Talsperre den Wassermassen standhalten? Alle standen wie gelähmt davor - ohnmächtig die Katastrophe noch verhindern zu können.

Unter ihnen ist auch der Tiefbauer Hubert Schilles. Er sagt: „In diesem Augenblick war klar, dass wir keine Zeit mehr haben, also rannten wir los, um alles in die Wege zu leiten.“ 45 Minuten später stand sein Bagger da. „Und dann bin ich da reingefahren bis zum Hauptablauf,“ erzählt er. Und er macht tatsächlich das Unmögliche möglich. Er baggert 18 Meter unter dem Wasserspiegel den Abfluss wieder frei. „Du bist unser Held, Hubert!“ feiern ihn die Geretteten. „Nein, ich bin nur ein ganz normaler Mensch,“ widerspricht er.
Auf die Frage, wie er das denn geschafft habe, antwortet er: „Ich bin ein gläubiger Mensch. Der Herrgott hat mich dahin gestellt und ich habe meinen Rosenkranz gepackt, mich gesegnet und dann bin ich da reingefahren. Ich habe keine Sekunde Angst gehabt. Ich habe gesagt: ‚Du Herr, musst wissen, was passiert.‘ Und ich war voller Vertrauen, dass die Wand nicht bricht.“

Hubert Schiller war kein Held, aber ein Geschenk. Ein Geschenk Gottes.

2. Rettung aus Gnade

Aus Gnade seid ihr gerettet – durch den Glauben.
Schreibt ein Paulusschüler.
Aus Gnade seid ihr gerettet.
Das verdankt ihr nicht eurer eigenen Kraft, sondern es ist Gottes Geschenk.
Gott hat uns so geschaffen, dass wir nun das Gute tun.



3. Keine Rettung mehr möglich?

Gerettet?
Es fehlt nicht mehr viel. Nur noch ein paar Grad. Dann ist wirklich nichts mehr zu retten, warnen uns die Wissenschaftler in ihrem jüngsten Klimabericht. Die Folgen des Klimawandels sind unübersehbar. Ja, wir können sie längst mit eigenen Augen sehen: Die Schlammmassen und Feuerstürme, die rund um den Globus alles zunichte machen. Wie gelähmt stehen wir vor dieser selbstgemachten Katastrophe.

Gerettet durch Gnade.
Und ich frage mich: „Sind wir noch zu retten?“

Die Katastrophe, in der wir mitten drin sind, lässt sich nicht mehr durch die einsame Tat eines mutigen Tiefbauers oder eines klugen Wissenschaftlers abwenden, auch nicht mit politischen Absichtserklärungen. Nur mit vereinten Kräften können wir das Ruder vielleicht noch rumreißen, so die Wissenschaftler in ihrem Klimabericht. Aber wird jetzt wirklich was geschehen? Die einen machen die Augen zu und die anderen sind wie gelähmt angesichts dieser riesengroßen Herausforderung, die da vor uns liegt. Denn die allermeisten von uns sind keine Helden.

Wie gut, dass Gott nicht nur Helden berufen hat, sondern zuallererst mal all die Mühseligen und Beladenen, die Ängstlichen und Zweifelnden. Weil wir Menschen eben Menschen sind und uns so oft die Kraft fehlt für das, was am allerdringlichsten dran ist.
Wie oft sind wir zu spät dran? Viel zu spät. Da haben wir Ausreden und viel zu viele Regeln und Gesetze. Wir schieben Dinge vor uns her und bringen uns von einer Gefahr zu nächsten.

4. Am richtigen Platz sein

Gott hat uns so geschaffen, dass wir nun das Gute tun.
Der Paulusschüler scheint der Ghostwriter für den Baggerführer Hubert Schilles zu sein. Der sagte nämlich: „Der Herrgott hat mich an diesen Platz gestellt. Er muss wissen, was er tut. Vielleicht bin ich ja sogar nur deshalb seit seinem 19. Lebensjahr Baggerführer, um in so einem Moment an Ort und Stelle zu sein und eine Katastrophe gerade noch abzuwenden.“

Gott hat uns so geschaffen, dass wir nun das Gute tun.
Gott uns in diese Zeit hineingestellt, an unseren jeweiligen Platz, damit wir jetzt als Ärztin, Steuerberater, Rentnerin, Schreiner, Jurist, Lehrerin, angehender Polizist oder Pfarrerin im Rahmen unserer Möglichkeiten tun, was zu tun ist, um seine Schöpfung zu retten.
Vielleicht ist das genau diese Gnade, von der Paulus und seine Schüler immer wieder sprechen. Die Gnade nämlich, dass Gott uns nicht nur vorbehaltlos liebt - das auch! -, sondern uns auch braucht, damit wir seine Liebe leben. Wir sind sein Geschenk für Gott. Und ein Geschenk an die Welt. Hier und heute.

5. Begnadet sein

Woher aber bekommen wir die Kraft dazu?
Die Kraft dazu bekommen wir aus dem Glauben. Da sind sich der Paulusschüler und Hubert Schilles einig. Und wieder sagt es ein jeder von ihnen auf seine Weise. „Gott hat uns zusammen mit Jesus auferweckt und hat uns zusammen mit ihm schon jetzt einen Platz im Himmel gegeben.“ Sagt der eine. Und der andere nimmt seinen Rosenkranz, bekreuzigt sich und sagt: „Der Herr wird wissen, was passiert.“

Mit dem Kreuzzeichen und dem Rosenkranz tun wir Evangelischen uns ja bekanntlich ein bisschen schwer. Schade eigentlich. Denn wo Worte fehlen, zeigt das Kreuzzeichen auf sehr sinnliche Weise, dass wir es sind, die geliebt sind. Und der Rosenkranz ist eine Erinnerung zum Anfassen, erinnert an den Gruß des Engels, der zu Maria gesagt hat: „Gegrüßet seist du Begnadete. Der Herr ist mit dir!

Gegrüßet seist du Begnadete!
Auch wir sind Begnadete. Hoffen, dass Gott mit uns ist und uns jenseits unserer menschlichen Möglichkeiten rettet. Wir sind Begnadete, beschenkt mit Liebe - und deshalb tun wir das uns Mögliche und wachsen dabei vielleicht sogar im entscheidenden Moment über uns hinaus - hoffend und betend, dass die Wand hält.

6. Schritte gehen

Und wenn die Wand nicht hält, wenn wir Angst haben und verzweifelt sind? Wenn wir scheitern und merken, dass wir die Welt nicht retten können? Dann sind wir selbst da nicht allein. Und wir klagen und rufen wie ein Kind nach seiner Mutter oder seinem Vater: „Wo bist Du? Warum bist Du nicht da? Hilf mir doch?“  Mit oder ohne Kreuzzeichen.

Ihr seid Begnadete. Ihr seid gerettet durch Gnade.
Ihr seid von Gott geliebt, bedingungslos. So wie ihr seid. Stark und schwach, mutig und feige.
Ihr, die ihr verzweifelt und so deutlich spürt, dass ihr allein die Welt nicht retten könnt.
Ihr, die ihr scheitert und euch zu Versager*innen stempelt.
Ihr seid geliebt. Und ihr seid nicht allein. Niemand von euch. Nie.
Weder 18 Meter unter dem Wasserspiegel noch angesichts der Klimakatastrophe.

Ihr seid gerettet durch Gnade.
Ihr braucht das nicht zu beweisen. Und es ist auch gar nicht so einfach, das für sich anzunehmen.
"Ich bin geliebt. Ich? Wirklich ich?"
Aber es ist Gnade, ein Geschenk, wenn jemand sagen kann: „Der Herrgott hat mich an diesen Platz gestellt!“
Und vielleicht könnt ihr es auch sagen. Irgendwann. Oder jetzt schon.
Im festen Vertrauen, dass ihr alles habt, was ihr dann braucht.
Und dann geht ihr die ersten Schritte. Als Begnadete.
 
Amen

* nach der Übersetzung der Basisbibel:
4 Gott ist reich an Barmherzigkeit.
Mit seiner ganzen Liebe hat er uns geliebt 5 und uns zusammen mit Christus lebendig gemacht.
Das tat er, obwohl wir tot waren aufgrund unserer Verfehlungen.
– Aus reiner Gnade seid ihr gerettet! –
6 Er hat uns mit Christus auferweckt und zusammen mit ihm einen Platz im Himmel gegeben.
Denn wir gehören zu Christus Jesus!
7 So wollte Gott für alle Zukunft zeigen, wie unendlich reich seine Gnade ist:
die Güte, die er uns erweist, eben weil wir zu Christus Jesus gehören.
8 Denn aus Gnade seid ihr gerettet –durch den Glauben.
Das verdankt ihr nicht eurer eigenen Kraft, sondern es ist Gottes Geschenk.
9 Er gibt es unabhängig von irgendwelchen Taten, damit niemand darauf stolz sein kann.
10 Denn wir sind Gottes Werk.
Aufgrund unserer Zugehörigkeit zu Christus Jesus hat er uns so geschaffen,
dass wir nun das Gute tun.
Gott selbst hat es im Voraus für uns bereitgestellt,
damit wir unser Leben entsprechend führen können.

Liebeserklärung Gottes

Gerufene Namen. Prophetische Zusagen. Erwünschtes Gotteskind.

Predigt zu Jesaja, 43, 1-7 (gehalten am 11.7.2021 in der Stadtkirche)
Mit Dank für Anregungen von Anne Gideon und Marei Röding)


1. Kind Gottes

Und nun spricht der Herr, der dich geschaffen hat, Jakob,
und dich gemacht hat, Israel:


Gott spricht. Kein anderer.
Geschaffen bist du, sagt Gott.
Geschaffen. Gewollt. Erwünscht. Willkommen. Geliebt. Das kann niemand zerstören.
Auch nicht die, die dich nicht willkommen heißen. Oder die dir was vormachen.
Noch nicht mal du selbst. Geschöpf Gottes. Kind Gottes.

Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst;
ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!


2. Geliebte Gottes

Ich bin dein und du bist mein. Liebeserklärung Gottes
Du gehörst zu Gott. Nichts kann euch trennen.
Du bist unverwechselbar. Etwas ganz Besonderes.
Kein namenloses Etwas, keine Nummer, sondern du.
Maria, Helmut, Andreas, Birgit, Ruth, Ahmet, Machally.

Du hast einen Namen. Den haben dir deine Eltern gegeben.
Menschen, die dich lieben.
Benjamin, Christiane, Kord, Martina, Regine, Fritz, Roland, Maddie.

Du hast einen Namen, den ich rufen kann.
Und du schaust hoch und schaust mich an und ich schau dich an.
Sabine, Katharina, Esther, Mardan, Rami, Gerhard, Mirzeta, Anny, Lio.

Es gibt und gab schon immer Tyrannen oder politische Systeme,
die die Namen auslöschen wollten.
Und es gibt und gab schon immer Menschen, die das verhindert haben.
Gott lässt das nicht zu. Schickt Menschen, die aufpassen.
Amnesty international. Die Mütter an der Plaza del Mayo. Stolpersteine.
Damit die Namen bleiben. Damit du bleibst.
Du besonderer unverwechselbarer Mensch

3. Prophetenworte I

Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein,
und wenn du durch Ströme gehst, sollen sie dich nicht ersäufen.
Wenn du ins Feuer gehst, wirst du nicht brennen,
und die Flamme wird dich nicht versengen.


Da ist ein Prophet und schreibt für Menschen im Exil.
Ihr Sehnsuchtsort ist weit weg.
An den Wassern von Babylon sitzen sie und weinen.
Sehnen sich nach der alten Heimat Israel.
Träumen davon nach Hause zu kommen.
Wollen ihr Leben zurück.
Das von früher. Bevor die Gewalt sie ins Exil gebracht hat.
Bevor Nebukadnezar 586 vor Christus Jerusalem eingenommen hat,
den Tempel zerstörte und die Stadt Jerusalem.
Wer überlebte, floh, wird verbannt, durfte nicht wieder zurückkehren.  

Da sitzen die Menschen aus Israel, weit weg von Zuhause am Euphrat und warten.
Warten und warten.
Da hört man auf so manche Stimme. Schwarzredner, Verschwörungskünstler.
Haben wir überhaupt eine gute Regierung?
Machen die das nicht für die eigene Tasche?
Ist das in Israel überhaupt gefährlich zur Zeit? Wir wollen zurück. Wie früher soll es sein!

Dagegen die Prophetenstimme - sie ist unbequem:Es wird nie wieder wie früher.

4. Prophetenworte II

Aber die Prophetenstimme sagt auch Seliges:
Fürchte dich nicht!
Propheten sind Gottes Stimme.
Sie sagen „ich“ und meinen damit Gott.
Sie sagen „du“ und meinen dich.
Propheten sprechen von Sehnsucht und von Heimat.
Und davon, keine Angst mehr haben zu müssen.
Und zu Gott zu gehören.

Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst.
Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein,


Wenn du nicht weißt, ob dein Geschäft sich noch lohnt,
weil du zu lange nichts verkaufen konntest -
will ich bei dir sein.
Wenn die Nachrichten über die Delta-Corona-Variante über dir zusammenschlagen -
will ich bei dir sein.
Wenn dein Sohn nicht mehr mit dir redet
und du hast Angst, dass ihr nie wieder zusammenkommt -
will ich bei dir sein.
Wenn du vor lauter Erschöpfung nicht schlafen kannst -
will ich bei dir sein.
Wenn du nicht weißt, wie du das nächste Schuljahr schaffen sollst -
will ich bei dir sein.
Wenn dir vor dem nächsten Arztbesuch graut -
will ich bei dir sein.

Weil du teuer bist in meinen Augen und herrlich und weil ich dich lieb habe,

5. Heimat finden

So fürchte dich nun nicht, denn ich bin bei dir.

Seit einigen Wochen lebt eine junge Frau bei uns.
Sie kommt aus Kolumbien und ist nun in die Heimat ihres Großvaters gekommen.
Hierher - nach Deutschland. Heimat oder Exil?
Sie sieht in Kolumbien keine Perspektive mehr für sich.
Das politische System ist zu korrupt und zu chauvinistisch.
Corona breitet sich nahezu ungebremst aus. Die Wirtschaft am Boden.
Nun ist sie hier - mit ihrem deutschen Pass dank ihres Großvaters.
Versucht Fuß zu fassen in der Fremde.
Mitten in der Pandemie ist das schwer für eine junge Frau, die kaum Deutsch spricht.

Sie hat Angst.
Angst um ihren Vater in Kolumbien, der vor 3 Jahren Krebs hatte.
Ob er den Krebs besiegt hat?
Und ob er endlich seine Rente bekommen wird?
Sie hat Angst um ihre Schwester in Kolumbien, die nun auch Covid bekommen hat.
Und Angst um ihre Freunde und Freundinnen,
die auf die Straße gegangen sind und gegen die Regierung protestiert haben.
Sie wurden brutal niedergeknüppelt.
14/15 jährige mussten ins Krankenhaus gebracht werden.
Was wird mit ihnen geschehen?

So fürchte dich nun nicht, denn ich bin bei dir.

Ich weiß, dass ich das meinem Gast nicht einfach so sagen kann.
Die Gefahr ist groß, dass das nach billigem Trost klingt.
Aber ich nehme sie immer wieder in den Arm.
Ich weiß, dass ihr mein Essen schmeckt, das ich ihr koche.
Und wir reden. Mehr auf englisch als auf deutsch. Und meistens am Abend.
Wir versuchen, ihr ein Stück Zuhause zu geben - auch wenn wir oft nicht da sind.
Wir haben Platz. Warum also nicht?
Und vielleicht nimmt es etwas von der Angst weg?

6. Mit Gotteskindern auf dem Weg

Ich will vom Osten deine Kinder bringen und dich vom Westen her sammeln,
ich will sagen zum Norden: Gib her!, und zum Süden: Halte nicht zurück!
Bring her meine Söhne von ferne und meine Töchter vom Ende der Erde,
alle, die mit meinem Namen genannt sind,
die ich zu meiner Ehre geschaffen und zubereitet und gemacht habe.


Du, Kind Gottes, Sohn, Tochter.
Du mit deinem Namen - verbunden mit dem Namen Gottes.
Geschaffen, gewollt, erwünscht.
Getauft und ungetauft, aber immer geliebt.
Du Kind Gottes vom Süden und vom Norden, vom Osten und vom Westen.
Du mit deiner Angst und mit deiner Sehnsucht nach einem Zuhause.
Du bist hier und Gott ist hier.
Und ihr beide gehört zusammen und Gott geht deinen Weg mit dir.
Auf deinem Weg sind auch die anderen Gotteskinder.
Mit ihren Ängsten und ihren Sehnsüchten.
Entdecke sie, lerne ihre Namen kennen.
Denn auch sie gehören zu Gott.
Lass dir von niemandem das Gegenteil einreden.

Gott hat euch beim Namen gerufen.
Fürchtet euch nicht.

Amen.