Dienstag, 12. Oktober 2021

I wonder how

25 Jahre Ordination und Popgeschichte

Rede zum Ordinationsjubiläum - gehalten am 11.10.2021

 

I wonder how, I wonder why
Yesterday you told me 'bout the blue, blue sky

And all that I can see is just a yellow lemon tree
(1)

Lemon tree von Fools Garden. Ein Nummer-1-Hit von 1996, dem Jahr, in dem wir ordiniert wurden.
Ein Song der gute Laune macht, obwohl er Langeweile beschreibt - und den Wunsch, mehr sehen zu wollen, als den yellow lemon tree, (der nur ins Lied geraten ist, weil er so gut klingt.) Ein Gute-Laune-Song aus einer Dazwischenzeit. Und ich finde, das passt zu uns. Auch wir waren so ein Fools Garden - ein Garten der Närrinnen und Narren im Predigerseminar.


Wir waren Narren und Närrinnen, die keine Sicherheit mehr hatten, ob sie übernommen werden würden. Unsicherheit war wie eine Decke, die sich über unser Selbstbewusstsein legte. Gemeinsam wärmten wir uns mit ihr. Und gemeinsam versuchten wir, sie wieder abzuschütteln, was uns nicht wirklich gelang. Aber es gelang uns, immer wieder die gute Laune zu finden: mit der Suche nach dem blue blue sky und wenn wir doch nur einen lemon tree sahen, wollten wir wenigstens die Zitronen genießen. Sauer und herb und saftig.

(So gönnten wir uns Gedichtabende mit viel Rotwein, Parodien auf die Vogelleidenschaft von Herrn Barié und drehten sogar einen Film, an den sich heute nur noch wenige erinnern. I wonder how….)

1996 - Es war Zeit Abschied zu nehmen. Time to say goodbye (2). Goodbye zu den Kurskolleg*innen, zum Lernen in der Gruppe und Gott sei Dank auch zu den Prüfungen, die manche von uns vollkommen übermüdet ablegten. Und wir fühlten uns wie candle in the wind (3) - viel zu viele beruflichen Lichter wurden ausgeblasen. Wir gehörten zu den Jahrgängen, in denen weniger als die Hälfte in den Dienst übernommen wurden. Das prägt uns. Mehr als uns lieb ist. Und ich bin sicher: das prägt auch unsere Kirche bis heute.

Nun, die wir hier sind, gehörten zu den Glücklichen (oder manchmal auch Unglücklichen), die es geschafft haben. Nicht alle blieben im Pfarramt. Manche scheiterten. Einer starb.

Yesterday you told me 'bout the blue, blue sky.
And all that I can see Is just a yellow lemon tree

Nein, das stimmt so natürlich auch nicht. Wir haben mehr gesehen als den yellow lemon tree. Wie Forrest Gump liefen wir den Marathon - hoffend, dass alles gut wird. My heart will go on(4) und klammerte sich mit Leonardo di Caprio an einer Holzplanke fest. Das Kirchenschiff versank nicht wie die Titanic. Aber es folgten viele Neuanfänge. Und das macht uns ja auch aus, uns Narren und Närrinnen, dass wir Neuanfänge gestalten. Und die Welt dreht sich weiter...

Do you believe?(5) - Glaubst du? Das fragte Cher 1998.
Ja, ich glaube, dass unser Beruf der schönste der Welt ist. Jedenfalls kann ich mir keinen Besseren vorstellen - trotz aller Zweifel. It’s my life(6) - schreit Bon Jovi trotzig in die Menge. It’s now or never. Lass auch du dich nicht niederdrücken, sondern bleibe aufrecht. Mach es wie Maria Maria(7), die Carlos Santana  an die Westside Story erinnert, und ich denke an die beiden Marias im Neuen Testament: die mit dem revolutionären Lobgesang und die, die am Grab steht und von den Engeln ins Leben geschickt wird.

Ins Leben geschickt…. - das wurden wir, aber nicht allein. Vor 25 Jahren wurde uns zugesagt, dass Gott uns beisteht in allem, was wir tun und sagen und lassen und lieben. Wir sind berufen - berufen ins Leben. Whenever. Wherever(8). Gott traut uns zu, dass wir das gut und richtig machen. Und dass wir am richtigen Platz sind.

Und diese Zusage brauchen wir. Ich zumindest, die Närrin, könnte ohne diese Zusage nicht weitermachen. Denn der Mensch heißt Mensch - Weil er vergisst, weil er verdrängt(9). I’m only human after all - don’t put the blame on me.(10)

Am meisten zweifle ich ja an mir selber und an der Welt. Can you practice what you preachin’? (11) fragten 2003 Black eyed peas. Father, Father, Father help us. Send some guidance from above. Where's the love?

Where’s the love? Ja, wir suchen nach der Liebe, die die Welt heilen könnte. Wir suchen sie und wir versuchen sie zu leben. Wir scheitern an ihr und wir entdecken doch auch ihren Schimmer. Sie ist ja da. Und die Sehnsucht nach ihr ungebrochen. Love Generation(12) - das sind wir und das wollen wir sein. Denn dazu sind wir ordiniert.

Wir sind vom selben Stern(13). Und damit meine ich nicht das Predigerseminar. Sondern das, was Ich-und-Ich besingen. Wir alle sind aus Sternenstaub - In unseren Augen war mal Glanz - Wir sind noch immer nicht zerbrochen - Wir sind ganz.

Und ja, es gibt diese klaren Momente. Wo alles richtig ist und gut und wir sind eins mit uns und unserer Ordination und unserer Welt. Vielleicht ist das dann nicht gleich die perfekte Welle, der perfekte Tag (14). (ich mag das Wort perfekt auch nicht) Aber es gelingt dann zu sagen: Ich bin hier - ich bin frei.

Dazu sind wir ordiniert: Ganz zu sein. Frei zu sein. Die Liebe Gottes zu leben und zu verkündigen. Narren und Närrinnen Gottes (vgl. 1. Kor. 4,10). Dafür müssen wir kein Poker face(15) aufsetzen, sondern bauen mit Cassandra Steen eine Stadt aus Glas und Gold, wo jedes Morgenrot und jeder Traum sich lohnt(16). Und das Herz schlägt dazu wie eine Dschungeltrommel(17). Wir rufen uns zu: „Hey, soul sister!“(18) Die soul brothers umarmen wir und tanzen happy(19) mit Pharrell Williams - diverser geworden und uns an Vielfalt freuend.  Wir bezeugen die Liebe Gottes, die sich nicht Grenzen und Zäune hält, weder an Kirchengesetze (manchmal) noch an Datenmengen.

Wir sind
geboren um zu leben(20) - mit den Wundern jeder Zeit - und das somewhere over the rainbow(21) Wir haben hier ja keine bleibende Stadt, aber ich bin doch froh, dass wir auf dem Weg zu ihr schon etwas vorangekommen sind. Und dass wir weiterhin fragen „Where is the love?“

25 Jahre Ordination. Und das nächste mal feiern wir das in 15 Jahren. Eines Tages werden wir alt sein, Baby (22) und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können. Und ich hoffe, dass wir sie auch wirklich erzählen werden, weil wir sie erlebt haben. Denn wir sind jetzt ja mittendrin. Wir verändern jetzt. Wir gestalten jetzt. Wir sind jetzt da. Life will pass me by if I don't open up my eyes(23)

Schauen wir hin und leben - und erinnern wir uns an unsere Träume, die wir vor 25 Jahren hatten und hoffentlich noch neue, die dazu gekommen sind.

Vielleicht drehen wir uns im Kreis. Running in circles(24) mit Post Malone.Vielleicht haben wir das Gefühl, dass es an der Zeit ist, loszulassen. Time to let it go. Und ja, das haben wir ja immer wieder tun müssen in den letzten 25 Jahren.

Aber heute halten wir an. Hören uns zu und halten es wie Namika:
Je ne parle pas français
(25). Aber bitte red weiter
. Alles, was du so erzählst, hört sich irgendwie nice an.  Und die Zeit bleibt einfach stehen.


25 Jahre. 1996 ordiniert. Und die Jahreslosung von damals sagt, dass es weiter geht. Wir sind nicht „gar aus“ und Gottes Barmherzigkeit hat noch kein Ende. (Klgl 3,23) Unsere Berufung hat auch noch kein Ende. Wir sehen nicht nur den
yellow lemon tree, sondern auch den blue blue sky. Wir bleiben berufen, Narren und Närrinnen Gottes zu sein. Wir fragen uns, wie und warum was passiert und halten aus, dass wir manchmal nicht wissen, wo wir sind. Aber wir sind da und bleiben da und zwar ganz.

Wir singen trotzig und aufrecht das gute Leben in diese Zeit hinein.
Ein Hoch auf das, was vor uns liegt
(26) - Dass es das Beste für uns gibt

Ein Hoch auf das, was uns vereint - Auf diese Zeit

Ein Hoch auf dieses Leben - Auf jetzt und ewig

Auf einen Tag  - Unendlichkeit

Und dafür lassen wir uns heute segnen.



[1] Lemon tree; Fools garden 1996

[2] Time to say goodbye; Andrea Bocelli + Sarah Brightman1997

[3] Candle in the wind; Elton John 1997

[4] My heart will go on; Celine Dion 1998

[5] Believe; Cher 1998

[6] It’s my life; Bon Jovi 2000

[7] Maria Maria; Carlos Santana 1999

[8] Whenever wherever; Shakira 2002

[9] Mensch; Herbert Grönemeyer 2002

[10] Human; Rag’n bone man 2016

[11] Where is the love; Black eyed peas 2003

[12] Love Generation; Bob Sinclair 2006

[13] Vom selben Stern; Ich und Ich 2007

[14] Perfekte Welle; Juli 2004

[15] Poker Face; Lady Gaga 2009

[16] Stadt; Cassandra Steen 2009

[17] My heart is beating like a jungle drum; Emilíana Torrini 2009

[18] Hey soul sister; Train 2009

[19] Happy; Pharrell Williams 2013

[20] Geboren um zu leben; Unheilig 2010

[21] Over the rainbow; Neucover von Israel Kamakawiwoʻole 1993 / Superhit aber erst 2010

[22] One day baby, we’ll be old, Asaf Avidan 2012

[23] Wake me up; Avicii 2013

[24] Circles; Post Malone 2020

[25] Je ne parle pas français; Namika 2018

[26] Auf uns; Andreas Bourani 2014

Montag, 16. August 2021

Am richtigen Platz sein

Sind wir noch zu retten?
Erste Schritte als Begnadete

Predigt zu Epheser 2, 4-10*

(mit Dank an die Kollegin Henriette Crüwell für ihren fulminanten Aufschlag, den ich weiterstricken durfte!)

1. Rettung am Staudamm

Es hätte nicht mehr viel gefehlt, wenige Zentimeter und nichts mehr wäre zu retten gewesen. Die Verwüstung war eh schon groß. Dann aber wäre alles verloren gewesen. Nach dem tagelangen Starkregen Mitte Juli hatten Schlamm und Geröll den Abfluss der Steinbachtalsperre verstopft. Und so stieg der Spiegel Zentimeter um Zentimeter. Mehrere Tausend Liter Wasser rissen metertiefe Krater in den Erdwall davor. Die Dammkrone war beschädigt - würde die Talsperre den Wassermassen standhalten? Alle standen wie gelähmt davor - ohnmächtig die Katastrophe noch verhindern zu können.

Unter ihnen ist auch der Tiefbauer Hubert Schilles. Er sagt: „In diesem Augenblick war klar, dass wir keine Zeit mehr haben, also rannten wir los, um alles in die Wege zu leiten.“ 45 Minuten später stand sein Bagger da. „Und dann bin ich da reingefahren bis zum Hauptablauf,“ erzählt er. Und er macht tatsächlich das Unmögliche möglich. Er baggert 18 Meter unter dem Wasserspiegel den Abfluss wieder frei. „Du bist unser Held, Hubert!“ feiern ihn die Geretteten. „Nein, ich bin nur ein ganz normaler Mensch,“ widerspricht er.
Auf die Frage, wie er das denn geschafft habe, antwortet er: „Ich bin ein gläubiger Mensch. Der Herrgott hat mich dahin gestellt und ich habe meinen Rosenkranz gepackt, mich gesegnet und dann bin ich da reingefahren. Ich habe keine Sekunde Angst gehabt. Ich habe gesagt: ‚Du Herr, musst wissen, was passiert.‘ Und ich war voller Vertrauen, dass die Wand nicht bricht.“

Hubert Schiller war kein Held, aber ein Geschenk. Ein Geschenk Gottes.

2. Rettung aus Gnade

Aus Gnade seid ihr gerettet – durch den Glauben.
Schreibt ein Paulusschüler.
Aus Gnade seid ihr gerettet.
Das verdankt ihr nicht eurer eigenen Kraft, sondern es ist Gottes Geschenk.
Gott hat uns so geschaffen, dass wir nun das Gute tun.



3. Keine Rettung mehr möglich?

Gerettet?
Es fehlt nicht mehr viel. Nur noch ein paar Grad. Dann ist wirklich nichts mehr zu retten, warnen uns die Wissenschaftler in ihrem jüngsten Klimabericht. Die Folgen des Klimawandels sind unübersehbar. Ja, wir können sie längst mit eigenen Augen sehen: Die Schlammmassen und Feuerstürme, die rund um den Globus alles zunichte machen. Wie gelähmt stehen wir vor dieser selbstgemachten Katastrophe.

Gerettet durch Gnade.
Und ich frage mich: „Sind wir noch zu retten?“

Die Katastrophe, in der wir mitten drin sind, lässt sich nicht mehr durch die einsame Tat eines mutigen Tiefbauers oder eines klugen Wissenschaftlers abwenden, auch nicht mit politischen Absichtserklärungen. Nur mit vereinten Kräften können wir das Ruder vielleicht noch rumreißen, so die Wissenschaftler in ihrem Klimabericht. Aber wird jetzt wirklich was geschehen? Die einen machen die Augen zu und die anderen sind wie gelähmt angesichts dieser riesengroßen Herausforderung, die da vor uns liegt. Denn die allermeisten von uns sind keine Helden.

Wie gut, dass Gott nicht nur Helden berufen hat, sondern zuallererst mal all die Mühseligen und Beladenen, die Ängstlichen und Zweifelnden. Weil wir Menschen eben Menschen sind und uns so oft die Kraft fehlt für das, was am allerdringlichsten dran ist.
Wie oft sind wir zu spät dran? Viel zu spät. Da haben wir Ausreden und viel zu viele Regeln und Gesetze. Wir schieben Dinge vor uns her und bringen uns von einer Gefahr zu nächsten.

4. Am richtigen Platz sein

Gott hat uns so geschaffen, dass wir nun das Gute tun.
Der Paulusschüler scheint der Ghostwriter für den Baggerführer Hubert Schilles zu sein. Der sagte nämlich: „Der Herrgott hat mich an diesen Platz gestellt. Er muss wissen, was er tut. Vielleicht bin ich ja sogar nur deshalb seit seinem 19. Lebensjahr Baggerführer, um in so einem Moment an Ort und Stelle zu sein und eine Katastrophe gerade noch abzuwenden.“

Gott hat uns so geschaffen, dass wir nun das Gute tun.
Gott uns in diese Zeit hineingestellt, an unseren jeweiligen Platz, damit wir jetzt als Ärztin, Steuerberater, Rentnerin, Schreiner, Jurist, Lehrerin, angehender Polizist oder Pfarrerin im Rahmen unserer Möglichkeiten tun, was zu tun ist, um seine Schöpfung zu retten.
Vielleicht ist das genau diese Gnade, von der Paulus und seine Schüler immer wieder sprechen. Die Gnade nämlich, dass Gott uns nicht nur vorbehaltlos liebt - das auch! -, sondern uns auch braucht, damit wir seine Liebe leben. Wir sind sein Geschenk für Gott. Und ein Geschenk an die Welt. Hier und heute.

5. Begnadet sein

Woher aber bekommen wir die Kraft dazu?
Die Kraft dazu bekommen wir aus dem Glauben. Da sind sich der Paulusschüler und Hubert Schilles einig. Und wieder sagt es ein jeder von ihnen auf seine Weise. „Gott hat uns zusammen mit Jesus auferweckt und hat uns zusammen mit ihm schon jetzt einen Platz im Himmel gegeben.“ Sagt der eine. Und der andere nimmt seinen Rosenkranz, bekreuzigt sich und sagt: „Der Herr wird wissen, was passiert.“

Mit dem Kreuzzeichen und dem Rosenkranz tun wir Evangelischen uns ja bekanntlich ein bisschen schwer. Schade eigentlich. Denn wo Worte fehlen, zeigt das Kreuzzeichen auf sehr sinnliche Weise, dass wir es sind, die geliebt sind. Und der Rosenkranz ist eine Erinnerung zum Anfassen, erinnert an den Gruß des Engels, der zu Maria gesagt hat: „Gegrüßet seist du Begnadete. Der Herr ist mit dir!

Gegrüßet seist du Begnadete!
Auch wir sind Begnadete. Hoffen, dass Gott mit uns ist und uns jenseits unserer menschlichen Möglichkeiten rettet. Wir sind Begnadete, beschenkt mit Liebe - und deshalb tun wir das uns Mögliche und wachsen dabei vielleicht sogar im entscheidenden Moment über uns hinaus - hoffend und betend, dass die Wand hält.

6. Schritte gehen

Und wenn die Wand nicht hält, wenn wir Angst haben und verzweifelt sind? Wenn wir scheitern und merken, dass wir die Welt nicht retten können? Dann sind wir selbst da nicht allein. Und wir klagen und rufen wie ein Kind nach seiner Mutter oder seinem Vater: „Wo bist Du? Warum bist Du nicht da? Hilf mir doch?“  Mit oder ohne Kreuzzeichen.

Ihr seid Begnadete. Ihr seid gerettet durch Gnade.
Ihr seid von Gott geliebt, bedingungslos. So wie ihr seid. Stark und schwach, mutig und feige.
Ihr, die ihr verzweifelt und so deutlich spürt, dass ihr allein die Welt nicht retten könnt.
Ihr, die ihr scheitert und euch zu Versager*innen stempelt.
Ihr seid geliebt. Und ihr seid nicht allein. Niemand von euch. Nie.
Weder 18 Meter unter dem Wasserspiegel noch angesichts der Klimakatastrophe.

Ihr seid gerettet durch Gnade.
Ihr braucht das nicht zu beweisen. Und es ist auch gar nicht so einfach, das für sich anzunehmen.
"Ich bin geliebt. Ich? Wirklich ich?"
Aber es ist Gnade, ein Geschenk, wenn jemand sagen kann: „Der Herrgott hat mich an diesen Platz gestellt!“
Und vielleicht könnt ihr es auch sagen. Irgendwann. Oder jetzt schon.
Im festen Vertrauen, dass ihr alles habt, was ihr dann braucht.
Und dann geht ihr die ersten Schritte. Als Begnadete.
 
Amen

* nach der Übersetzung der Basisbibel:
4 Gott ist reich an Barmherzigkeit.
Mit seiner ganzen Liebe hat er uns geliebt 5 und uns zusammen mit Christus lebendig gemacht.
Das tat er, obwohl wir tot waren aufgrund unserer Verfehlungen.
– Aus reiner Gnade seid ihr gerettet! –
6 Er hat uns mit Christus auferweckt und zusammen mit ihm einen Platz im Himmel gegeben.
Denn wir gehören zu Christus Jesus!
7 So wollte Gott für alle Zukunft zeigen, wie unendlich reich seine Gnade ist:
die Güte, die er uns erweist, eben weil wir zu Christus Jesus gehören.
8 Denn aus Gnade seid ihr gerettet –durch den Glauben.
Das verdankt ihr nicht eurer eigenen Kraft, sondern es ist Gottes Geschenk.
9 Er gibt es unabhängig von irgendwelchen Taten, damit niemand darauf stolz sein kann.
10 Denn wir sind Gottes Werk.
Aufgrund unserer Zugehörigkeit zu Christus Jesus hat er uns so geschaffen,
dass wir nun das Gute tun.
Gott selbst hat es im Voraus für uns bereitgestellt,
damit wir unser Leben entsprechend führen können.

Liebeserklärung Gottes

Gerufene Namen. Prophetische Zusagen. Erwünschtes Gotteskind.

Predigt zu Jesaja, 43, 1-7 (gehalten am 11.7.2021 in der Stadtkirche)
Mit Dank für Anregungen von Anne Gideon und Marei Röding)


1. Kind Gottes

Und nun spricht der Herr, der dich geschaffen hat, Jakob,
und dich gemacht hat, Israel:


Gott spricht. Kein anderer.
Geschaffen bist du, sagt Gott.
Geschaffen. Gewollt. Erwünscht. Willkommen. Geliebt. Das kann niemand zerstören.
Auch nicht die, die dich nicht willkommen heißen. Oder die dir was vormachen.
Noch nicht mal du selbst. Geschöpf Gottes. Kind Gottes.

Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst;
ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!


2. Geliebte Gottes

Ich bin dein und du bist mein. Liebeserklärung Gottes
Du gehörst zu Gott. Nichts kann euch trennen.
Du bist unverwechselbar. Etwas ganz Besonderes.
Kein namenloses Etwas, keine Nummer, sondern du.
Maria, Helmut, Andreas, Birgit, Ruth, Ahmet, Machally.

Du hast einen Namen. Den haben dir deine Eltern gegeben.
Menschen, die dich lieben.
Benjamin, Christiane, Kord, Martina, Regine, Fritz, Roland, Maddie.

Du hast einen Namen, den ich rufen kann.
Und du schaust hoch und schaust mich an und ich schau dich an.
Sabine, Katharina, Esther, Mardan, Rami, Gerhard, Mirzeta, Anny, Lio.

Es gibt und gab schon immer Tyrannen oder politische Systeme,
die die Namen auslöschen wollten.
Und es gibt und gab schon immer Menschen, die das verhindert haben.
Gott lässt das nicht zu. Schickt Menschen, die aufpassen.
Amnesty international. Die Mütter an der Plaza del Mayo. Stolpersteine.
Damit die Namen bleiben. Damit du bleibst.
Du besonderer unverwechselbarer Mensch

3. Prophetenworte I

Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein,
und wenn du durch Ströme gehst, sollen sie dich nicht ersäufen.
Wenn du ins Feuer gehst, wirst du nicht brennen,
und die Flamme wird dich nicht versengen.


Da ist ein Prophet und schreibt für Menschen im Exil.
Ihr Sehnsuchtsort ist weit weg.
An den Wassern von Babylon sitzen sie und weinen.
Sehnen sich nach der alten Heimat Israel.
Träumen davon nach Hause zu kommen.
Wollen ihr Leben zurück.
Das von früher. Bevor die Gewalt sie ins Exil gebracht hat.
Bevor Nebukadnezar 586 vor Christus Jerusalem eingenommen hat,
den Tempel zerstörte und die Stadt Jerusalem.
Wer überlebte, floh, wird verbannt, durfte nicht wieder zurückkehren.  

Da sitzen die Menschen aus Israel, weit weg von Zuhause am Euphrat und warten.
Warten und warten.
Da hört man auf so manche Stimme. Schwarzredner, Verschwörungskünstler.
Haben wir überhaupt eine gute Regierung?
Machen die das nicht für die eigene Tasche?
Ist das in Israel überhaupt gefährlich zur Zeit? Wir wollen zurück. Wie früher soll es sein!

Dagegen die Prophetenstimme - sie ist unbequem:Es wird nie wieder wie früher.

4. Prophetenworte II

Aber die Prophetenstimme sagt auch Seliges:
Fürchte dich nicht!
Propheten sind Gottes Stimme.
Sie sagen „ich“ und meinen damit Gott.
Sie sagen „du“ und meinen dich.
Propheten sprechen von Sehnsucht und von Heimat.
Und davon, keine Angst mehr haben zu müssen.
Und zu Gott zu gehören.

Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst.
Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein,


Wenn du nicht weißt, ob dein Geschäft sich noch lohnt,
weil du zu lange nichts verkaufen konntest -
will ich bei dir sein.
Wenn die Nachrichten über die Delta-Corona-Variante über dir zusammenschlagen -
will ich bei dir sein.
Wenn dein Sohn nicht mehr mit dir redet
und du hast Angst, dass ihr nie wieder zusammenkommt -
will ich bei dir sein.
Wenn du vor lauter Erschöpfung nicht schlafen kannst -
will ich bei dir sein.
Wenn du nicht weißt, wie du das nächste Schuljahr schaffen sollst -
will ich bei dir sein.
Wenn dir vor dem nächsten Arztbesuch graut -
will ich bei dir sein.

Weil du teuer bist in meinen Augen und herrlich und weil ich dich lieb habe,

5. Heimat finden

So fürchte dich nun nicht, denn ich bin bei dir.

Seit einigen Wochen lebt eine junge Frau bei uns.
Sie kommt aus Kolumbien und ist nun in die Heimat ihres Großvaters gekommen.
Hierher - nach Deutschland. Heimat oder Exil?
Sie sieht in Kolumbien keine Perspektive mehr für sich.
Das politische System ist zu korrupt und zu chauvinistisch.
Corona breitet sich nahezu ungebremst aus. Die Wirtschaft am Boden.
Nun ist sie hier - mit ihrem deutschen Pass dank ihres Großvaters.
Versucht Fuß zu fassen in der Fremde.
Mitten in der Pandemie ist das schwer für eine junge Frau, die kaum Deutsch spricht.

Sie hat Angst.
Angst um ihren Vater in Kolumbien, der vor 3 Jahren Krebs hatte.
Ob er den Krebs besiegt hat?
Und ob er endlich seine Rente bekommen wird?
Sie hat Angst um ihre Schwester in Kolumbien, die nun auch Covid bekommen hat.
Und Angst um ihre Freunde und Freundinnen,
die auf die Straße gegangen sind und gegen die Regierung protestiert haben.
Sie wurden brutal niedergeknüppelt.
14/15 jährige mussten ins Krankenhaus gebracht werden.
Was wird mit ihnen geschehen?

So fürchte dich nun nicht, denn ich bin bei dir.

Ich weiß, dass ich das meinem Gast nicht einfach so sagen kann.
Die Gefahr ist groß, dass das nach billigem Trost klingt.
Aber ich nehme sie immer wieder in den Arm.
Ich weiß, dass ihr mein Essen schmeckt, das ich ihr koche.
Und wir reden. Mehr auf englisch als auf deutsch. Und meistens am Abend.
Wir versuchen, ihr ein Stück Zuhause zu geben - auch wenn wir oft nicht da sind.
Wir haben Platz. Warum also nicht?
Und vielleicht nimmt es etwas von der Angst weg?

6. Mit Gotteskindern auf dem Weg

Ich will vom Osten deine Kinder bringen und dich vom Westen her sammeln,
ich will sagen zum Norden: Gib her!, und zum Süden: Halte nicht zurück!
Bring her meine Söhne von ferne und meine Töchter vom Ende der Erde,
alle, die mit meinem Namen genannt sind,
die ich zu meiner Ehre geschaffen und zubereitet und gemacht habe.


Du, Kind Gottes, Sohn, Tochter.
Du mit deinem Namen - verbunden mit dem Namen Gottes.
Geschaffen, gewollt, erwünscht.
Getauft und ungetauft, aber immer geliebt.
Du Kind Gottes vom Süden und vom Norden, vom Osten und vom Westen.
Du mit deiner Angst und mit deiner Sehnsucht nach einem Zuhause.
Du bist hier und Gott ist hier.
Und ihr beide gehört zusammen und Gott geht deinen Weg mit dir.
Auf deinem Weg sind auch die anderen Gotteskinder.
Mit ihren Ängsten und ihren Sehnsüchten.
Entdecke sie, lerne ihre Namen kennen.
Denn auch sie gehören zu Gott.
Lass dir von niemandem das Gegenteil einreden.

Gott hat euch beim Namen gerufen.
Fürchtet euch nicht.

Amen.

Montag, 14. Juni 2021

Willkommensworte

Predigt zu 1. Korinther 14, 1-12*

(diese Predigt wurde - leicht abgewandelt - bereits veröffentlicht unter https://predigten.evangelisch.de/predigt/auf-dem-weg-der-liebe-predigt-zu-1-korinther-141-12-von-christiane-quincke)

1. Giftpfeilworte

„Mit dieser Hose kannst du doch nicht vor dem Altar stehen!“
„Eine Frau auf der Kanzel? Das geht nicht!“
„Du nimmst die Bibel nicht ernst, sonst würdest du keine Homosexuellen trauen.“
„Wie kannst du nur mit Muslimen zusammen beten? Glaubst du etwa nicht an Jesus?“

Worte, die ich so oft gehört habe, dass ich sie nicht zählen kann.
Wie Giftpfeile haben sie mich getroffen, früher,
und manche treffen mich noch heute.
Ihre Botschaft ist für mich eindeutig: ich gehöre nicht dazu.
Nicht zum Kreis der Rechtgläubigen. Nicht zu denen, die wissen, was sich gehört.
Und am Ende noch nicht mal zu Jesus.

Genau das soll nicht passieren, sagt Paulus.
Eure Worte sollen Gemeinde aufbauen, trösten und ermutigen.
Nicht ausgrenzen. Sagt er.
„Bleibt unbeirrt auf dem Weg der Liebe!“


2. Liebe ist der Maßstab

Bleibt unbeirrt auf dem Weg der Liebe.
Die Liebe ist der Maßstab. Auch wenn es um Worte geht.
Auf dem Weg der Liebe wird kein Mensch ausgegrenzt. 

Niemand.
Und das buchstabiert Paulus durch.

In Korinth gibt es Christen und Christinnen,
die auf ihr inniges Verhältnis zu Gott besonders stolz sind.
Sie haben dafür sogar eine eigene Sprache - die Zungenrede, die "unbekannte Sprache" -
eine Sprache, die nur sie selber und Gott verstehen.
Mit Gott auf du und du.

Das ist okay, aber es hilft den anderen nicht, schreibt Paulus.
Im Gegenteil: es schließt die anderen aus, weil sie nicht verstehen, worum es geht.
Vielleicht bekommen sie sogar das Gefühl, dass sie noch nicht fest genug glauben
oder dass an ihrer Beziehung zu Gott was nicht stimmt.
Und das ist lieblos.


3. Verstehen

Bleibt unbeirrt auf dem Weg der Liebe.
Worte sollen verbinden, nicht ausschließen.
Und doch tun sie es. Oft sogar unbeabsichtigt.
Auch hier bei uns. Hier in der Kirche.
Bis zur Reformation haben die Pfarrer auf Latein gepredigt.
Das Volk verstand sie nicht.
Es nahm am Schauspiel der Kleriker teil, aber gehörte nicht wirklich dazu.
Auch die Bibel gab es noch nicht in Deutsch.
Das änderte sich dann.
Plötzlich gab es die Muttersprache in der Bibel und auf der Kanzel.
Aber verstanden die Leute wirklich, was gesagt wurde?

Ich fasse mir an meine eigene Nase: wie oft habe ich viel zu lange Sätze verwendet?
Und Worte, die nur die wirklich Eingeweihten verstehen?

Vor vielen Jahren habe ich ein Gemeindepraktikum in Argentinien gemacht
und ich musste auf Spanisch predigen.
Das war das Beste, was mir passieren konnte -
die beste Übung, von der Gelehrten-Sprache wegzukommen.
Denn da konnte ich nicht kompliziert sprechen.

Aber damit es nicht getan. Es geht nicht nur um verschwurbelte Sätze.
Manchmal liegen Welten zwischen uns.
Ich lebe in meiner Welt, die in vielem anders ist als die meiner Hörer und Hörerinnen.
Meine Erfahrungen sind nicht ihre, nicht eure.
Trotzdem denke ich viel zu oft denke, dass wir dieselbe Sprache haben.
Dabei stimmt das vielleicht gar nicht.
Und viel zu oft benutze ich auch Worte, die ausgrenzen,
und Sätze, die ihr nicht versteht.


4. Jede*r gehört dazu

Ich hoffe, dass ihr mich jetzt versteht.
Dass ich euch, die ihr mir zuhört, mit genommen habe.
Dass ihr noch dabei seid.
Denn jede und jeder von euch gehört dazu.

Ihr alle.
Mir liegt an einer Kirche, die niemanden ausgrenzt.
Ich will mit euch eine Kirche gestalten, die den Weg der Liebe geht.
Eine Kirche, die für euch alle ein guter, ein sicherer, ein liebevoller Ort ist.

Ich weiß, dass der Weg noch weit ist.
(Und er hört beim Gendersternchen noch lange nicht auf)

Immer noch denken viele, dass Kinder nicht zum Abendmahl dürfen,
weil sie es angeblich nicht verstehen.


Immer noch gibt es evangelische Kirchen, die Frauen nicht auf die Kanzeln lassen.
Ja, dazu hat auch Paulus beigetragen.
Er hat seine eigenen Worte nicht ernstgenommen.

Immer noch hören viel zu viele Menschen, dass sie nicht willkommen sind,
nur weil sie anders lieben, anders fühlen, anders sind, als die sogenannte Norm.
Gerade erst wieder musste ich in einer kirchlichen Zeitschrift lesen,
dass sie krank seien oder sündig und pervers leben -
auch daran trägt Paulus seinen Anteil.
Und ich schäme mich dafür, dass das immer noch passiert.


5. Willkommen heißen

Bleibt unbeirrt auf dem Weg der Liebe.
Jesus lebt sie, diese Liebe. Geht diesen Weg.
Vor 2000 Jahren hat er Kinder in den Arm genommen, Zachäus vom Baum geholt und sich vor die Frau gestellt, die vom Mob gelyncht werden sollte.
Vor wen würde er sich heute stellen?
Vor die Synagoge, vor die Moschee, vor die Beratungsstelle für Abtreibungen vielleicht?
An seinem Tisch sitzen sie alle, die nirgendwo einen Platz bekommen.
Die immer weggejagt werden, die sind willkommen.
Und das gilt auch für mich. Und für euch.
Niemand wird weggeschickt.
Jedes verwundete Herz wird umarmt.


6. Mit Worten verbinden

Bleibt unbeirrt auf dem Weg der Liebe.
Geht ihn weiter, ihr Christen und Christinnen.
Mit euren vielen Stimmen und den vielen Weisen zu leben.
Geht den Weg nicht für euch allein, sondern zusammen mit allen, die lieben.
Geht ihn mit den Muslimen und den Jüdinnen, den Atheistinnen und den Frommen.
Die Liebe hört an den Kirchenmauern nicht auf.
Sie gehört hinein in die Welt.
In die Flüchtlingsheime und in das Rathaus.
Ans Krankenbett und ins Nagelstudio.
Sprecht Worte, die verbinden.
Öffnet euer Herz für die, die anders sind als ihr.
Denn das ist der Weg von Jesus.
Kein anderer.


7. Willkommensworte

Darum lasst uns die Giftpfeilworte in Willkommensworte verwandeln:

Auch vor dem Altar darf jede sein, wie sie ist.
Eine Frau auf der Kanzel? Wunderbar!
Wir nehmen die Liebe Gottes ernst. Darum trauen wir Homosexuell Liebende.
Wir glauben an die Größe Gottes und darum beten wir mit Muslimen zusammen.

Könnten Willkommensworte so klingen?

Worte, die verwundete Herzen umarmen.
Die ermutigen und trösten.
Prophetische Worte der Liebe.
Worte, die ich noch mehr hören will und anderen sagen will.

Denn sie verbinden. Mit Jesus.
Euch und mich und die ganze Welt.


Amen.

* nach der Übersetzung der Basisbibel:

Bleibt unbeirrt auf dem Weg der Liebe!
Strebt nach den Gaben, die der Heilige Geist schenkt –
vor allem aber danach, als Prophet zu reden.
Wer in unbekannten Sprachen redet, spricht nicht zu den Menschen, sondern zu Gott.
Denn niemand versteht ihn.
Was er unter dem Einfluss des Geistes sagt, bleibt vielmehr ein Geheimnis.
Wer dagegen als Prophet redet, spricht zu den Menschen.
Er baut die Gemeinde auf, er ermutigt die Menschen und tröstet sie.
Wer in unbekannten Sprachen redet, baut damit nur sich selbst auf.
Wer aber als Prophet redet, baut die Gemeinde auf. (….)

Was wäre, Brüder und Schwestern,
wenn ich zu euch komme und in unbekannten Sprachen rede.
Was habt ihr davon, wenn ich euch nichts Verständliches vermittle?
Das kann eine Vision sein oder eine Erkenntnis, eine prophetische Botschaft oder eine Lehre. (…..)
Niemand weiß, wie viele Sprachen es auf der Welt gibt. Und kein Volk ist ohne Sprache.
Wenn ich eine Sprache nicht verstehe, werde ich für den ein Fremder sein, der sie spricht.
Und wer sie spricht, ist umgekehrt ein Fremder für mich.

Das gilt auch für euch.
Ihr strebt nach den Gaben des Heiligen Geistes.
Dann strebt nach Gaben, die die Gemeinde aufbauen.
Davon könnt ihr nicht genug haben.

Sonntag, 30. Mai 2021

Nikodemus-Stunde

Nächtliche Gespräche.
Ein Gott, der nicht zu fassen ist.
Ein Wind, der weht, wo er will.

Predigt zu Johannes 3, 1-8


1. (Johannes 3,1-2)
Unter den Pharisäern gab es einen, der Nikodemus hieß.
Er war einer der führenden Männer des jüdischen Volkes.
Eines Nachts ging er zu Jesus


2.
Die Nikodemus-Stunde. Ich mag sie.
Die Stunde in der Nacht. Im Zwischenraum.
Die Gespräche zwischen Tür und Angel. Oder die entscheidende Frage beim Abschied.
Mit meiner Freundin Britta im Treppenhaus sitzen - damals als 15jährige.
Auf dem Absatz zwischen unseren Stockwerken. Das Licht aus lassen. Flüstern.
Wie verliebt sie war. Und ich auch.
Und dass ich nicht weiß, was mit meiner Mutter los ist.
Und sie nicht weiß, ob sie die Klasse schafft.
Irgendwann war die Stunde vorbei.
Eine Umarmung. Bis morgen. Schlaf gut.

3.
Die Nikodemus-Stunde.
Dunkelblau und geheimnisvoll. Manchmal auch beängstigend. Oder voller Hoffnung?
Da kommt hoch, was am Tag heruntergeschluckt wird.
Was unklar geblieben ist, bricht sich Bahn.
Fragen wirbeln im Kopf und melden sich wie ein Ohrwurm in der Nacht.
Sie lassen dich nicht zur Ruhe kommen.
Du musst aufstehen. Ein Glas Wasser trinken. Mit jemandem reden vielleicht.

4. (Johannes 3, 2)
Eines Nachts ging Nikodemus zu Jesus und sagte zu ihm:
»Rabbi, wir wissen: Du bist ein Lehrer, den Gott uns geschickt hat.
Denn keiner kann solche Zeichen tun, wie du sie vollbringst, wenn Gott nicht mit ihm ist.«


5.
Die Nikodemusstunde.
Ob Nikodemus auch einfach nicht schlafen konnte?
Jesus faszinierte ihn. So viel hatte er über ihn gehört.
Ja, er war belesen. Kannte sich aus. War klug, gelehrt.
Und gehörte zum Hohen Rat, dem obersten, religiösen Entscheidungsgremium.
Und obwohl er diesem Jesus eigentlich mit mehr Distanz begegnen sollte,
ließ ihn nicht los, was er mitbekommen hatte.
Dieser Jesus kümmerte sich nicht, ob den Obersten gefiel, was er sagte.
Mischte den Tempel auf, verbündete sich mit Johannes dem Täufer und machte Wasser zu Wein.
Den hat der Himmel geschickt, denkt Nikodemus.

6.
Viele sagen: Nikodemus hätte sich nicht getraut, Jesus offen am Tag anzusprechen.
Es hätte seinem Image geschadet.
Vielleicht ist das so.
Vielleicht wollte er aber auch einfach nur einen ruhigen Moment nutzen.

Das Leben lässt am Tag keine Lücken, in denen die Fragen wachsen.
Und manchmal gilt das nicht nur für die Tage, sondern gleich für die Jahre.
Nikodemus kommt in der Tageszeit, die eine Lücke ist, die vor dem Schlafengehen.
Er kommt vielleicht auch in einer Lebenszeit, in der er diese Lücke besonders spürt.
Dass da etwas fehlt. Dass da doch mehr sein muss. (1)

Vielleicht wollte er Jesus einfach für sich allein.
Vielleicht war es auch nur einfach die Nacht, die dunkelblaue Stunde, die ihn zu Jesus brachte.
Irgendwo auf einem Dach. Mit den Sternen über ihren Köpfen.
Ein Becher Wein. Und der kühle Nacht-Wind.
Jedenfalls hat er sie genutzt. Die blaue Stunde. Es ist seine. Mit Jesus.
Und der lässt sich darauf ein.

7. (Johannes 3, 3-7)
Jesus antwortete: "Wahrlich, wahrlich, das sage ich dir:
Nur wenn jemand neu geboren wird, kann er das Reich Gottes sehen."
Darauf sagte Nikodemus zu ihm:
"Wie kann denn ein Mensch geboren werden, der schon alt ist?
Man kann doch nicht in den Mutterleib zurückkehren und ein zweites Mal geboren werden!"
Jesus antwortete: "Wahrlich, wahrlich, das sage ich dir:
Nur wenn jemand aus Wasser und Geist geboren wird, kann er in das Reich Gottes hineinkommen.
Was aus dem Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; und was aus dem Geist geboren ist, das ist Geist.
Wundere dich also nicht, dass ich dir gesagt habe: ›Ihr müsst von oben her neu geboren werden.‹"


8.
Es ist nie zu spät, die Welt mit neuen Augen zu sehen, sagt Jesus.
Mit den Augen des Neugeborenen auf die Welt schauen.
Das ist so dieser Anfangsmoment voller Unschuld, den sich vielleicht jede von uns wünscht.
Nichts mitschleppen an Erwartungen und Enttäuschungen.

Nichts, was mich geformt und verformt hat.
Einfach zurückstrahlen, wenn mich ein Gesicht anlächelt.
Ohne Vorbehalte und Vorurteile. Ohne Bitterkeit. Einfach so. Voller Vertrauen.
Was im Laufe des Lebens dazu gekommen ist, hindert mich nicht.

9.
Nikodemus kann sich das nicht vorstellen. Und ich verstehe ihn gut.
Denn das alte ist ja da. Ich kann es nicht einfach wegradieren.
Es ist genauso in mir wie meine Sehnsucht nach dem neuen.
Es macht mich zu dem, was ich bin.

10.
Mag sein, sagt Jesus. Aber lass dich darauf nicht festlegen.
Stelle die Fragen, die dich nicht schlafen lassen:
"Ist das schon alles? Will ich das so lassen, wie es jetzt ist?
Habe ich gefunden, was mich erfüllt? Oder suche ich immer noch?"

Du bist ein Kind des Geistes, sagt Jesus.
Und der Geist legt nicht fest und lässt sich nicht festlegen.
Kommt von oben her. Lässt neu denken. Neu sehen. Anders sehen.
Unter dem Nachthimmel. Auf dem Dach. Im Treppenhaus.
Betrachte das Leben neu. Entdecke es:
Da wird Wasser zu Wein, das Leben zum Fest, ein Kind zum Messias.
Da wird das Dunkel hell und die Nacht zum Tag.
Da gibt es Wasser am Brunnen und Tote wachen auf.
Und Gott ist da. In den Fragen. Im Suchen nach Antworten.
Im Verstehen und im Nicht-Verstehen. In der Lücke, die das Leben hinterlässt.
In der Nikodemus-Stunde.

11.
Irgendwann ist die Nikodemus-Stunde zu Ende.
Britta und ich trennen uns. Nikodemus steigt vom Dach herunter.
Aber die Fragen bleiben. Seine Fragen. Meine Fragen.
Nach dem, was mich ausmacht. Mich erfüllt. Mich lebendig macht. Mich beatmet.
Das Leben bleibt offen.

12.
Stelle weiterhin deine Fragen, sagt Jesus. Und komme wieder.
Suche die Lücken in deinem Leben, die dich weit machen. Und dich dich öffnen.
Sie bringen dich in die Nacht, unter den offenen Himmel.
Bringen dich zu mir. Aufs Dach. Wo alles anders aussieht.
Oder auf den Absatz im Treppenhaus zwischen den Stockwerken.

Halte dich offen. Gib dich mit einfachen Antworten nicht zufrieden.
Halte es aus, dass da noch was ist, das du nicht kennst. (1)
Es kommt zu dir. Gott kommt zu dir.

13. (Johannes 3, 7-8)
"Wundere dich also nicht, dass ich dir gesagt habe:
›Ihr müsst von oben her neu geboren werden.‹
Auch der Wind weht, wo er will.  Du hörst sein Rauschen.
Aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er geht.
Genauso ist es mit jedem, der vom Geist geboren wird."


14.
Und so ist Gott.
Nicht zu fassen. Nicht aufzuhalten. Nicht festzulegen.
Aber Gott ist da. Zu spüren, zu schmecken, zu hören.
Im Rauschen des Windes.
Im Regentropfen. In der Pfingstrose.
Im Becher Wein, den ich mit Freunden trinke.
In den Sonnenstrahlen, die meine Haut wärmen.
Im Boot, das rausfährt, um die Flüchtlinge aus dem Meer zu sammeln.
Im Lied, dass die vier Stimmen heute für uns singen.
Im Labor, das einen Impfstoff entwickelt.
Im Treppenhaus auf dem Absatz zwischen zwei Stockwerken.

Gott ist da.
Wie der Wind.
Niemand weiß, wie er weht.
Aber dass er weht, ist nicht zu bestreiten. (1)

15.
Und wenn dich deine Fragen schlaflos machen, dann ist das vielleicht der Wind.
Er treibt dich hinaus. Lässt dich suchen, was dir fehlt.
Und du gehst raus in die Nacht. Suchst dir einen guten Platz mit Jesus.
Vielleicht habt ihr Wein dabei. Vielleicht auch Tee.
Und Gott ist bei dir.
In der Nikodemus-Stunde.


(1) Diese Sätze habe ich mir aus einer Predigt von Kathrin Oxen geliehen. Danke dafür!

Übersetzung des biblischen Textes aus der Basis-Bibel mit ein paar Luther-Anleihen....


Sonntag, 9. Mai 2021

Wie ein Vater und wie eine Mutter

Ein Gebet
Inspiriert vom Vaterunser

Wie ein Vater bist du, Gott.
Einer, der mich in die Arme nimmt, wenn ich nach Hause komme.
Du nimmst mich in den Arm und fragst nicht,
warum meine Hände so schmutzig sind,
sondern drückst mir Seife in die Hand und ein frisches Handtuch.
Deine Arme, Gott, sind groß und warm und umfangen mich
und du freust dich einfach, dass ich da bin.
Zündest Kerzen für mich an. Deckst den Tisch.
Du gibst mir meine Würde zurück.

Wie ein Vater bist du, Gott.Und wie eine Mutter.
Eine, die die Suppe auf den Tisch stellt und mir einen Löffel in die Hand drückt.
Setz dich, Kind. Iss.
Und deine Suppe, Gott, schmeckt nach Zitrone und Minze und nach frischem Gemüse.
Und du setzt dich dazu, Gott, und strahlst mich an
und ich erzähle dir, was mir gut getan hat und was meine Seele schwer macht.
Wie eine Mutter streichst du mir über den Kopf.

Und ich weiß: alles wird gut. Irgendwie wird doch alles gut.
Denn ich bin ja dein Kind. Dein geliebtes Kind.

Wie ein Vater bist du, Gott, und wie eine Mutter.
Und ich will, dass die Welt endlich so wird, wie du sie gedacht hast.
Eine Welt, in der alle deine Kinder in Würde leben können.
Wo auf deine demonstrierenden Kinder nicht geschossen wird, wie gerade in Kolumbien.
Eine Welt, in der sich auch die Pflegenden erholen können.

Ist es möglich, Gott, dass es diese Welt schon jetzt gibt?
Jetzt und nicht erst im Himmel?

Wie ein Vater bist du, Gott. Und wie eine Mutter.
Und es bricht dir das Herz,
dass immer noch viel zu viele Menschen nicht genug zum Leben haben.
Dass sie nicht wissen, ob ihre Rente bis zum Ende des Monats reicht.
Oder ob sie die neuen Schuhe für ihre Kinder bezahlen können.
Ich glaube auch, Gott, dass du dich über den Gabenzaun freust,
den wir hier in der Nähe 4 Wochen lang stehen hatten.
Dort konnten Alte und Junge, Arme und Reiche teilen, was sie hatten.
Das Deo, die Dosensuppe, eine Tüte Mehl.

Du weißt, dass auch ich Teil dieser Ungerechtigkeiten bin.
Aber du verurteilst mich nicht, sondern lässt mich neu anfangen. Jeden Tag.
Es gibt Tage, da mag ich mich selber nicht. Mag nicht in den Spiegel schauen.
Aber du schaust mich an. Und nimmst mich in den Arm.

Wie ein Vater bist du, Gott. Und wie eine Mutter.
Und ich lege dir hin, was mich rastlos und ratlos macht.
Warum Menschen mit Hasskommentaren auf Facebook unterwegs sind.
Warum viele nur ein Lachsmiley übrig haben,
wenn es um ertrinkende Flüchtlinge oder Covid-Tote geht.
Ich lege es dir hin und hoffe, dass dieses Böse ein Ende hat.
Ich hoffe, dass du mir hilfst, das Richtige zu tun.
Dass du mir hilfst, deine Liebe zu leben, die stärker ist als alles Böse.

Du traust mir zu, dass ich das schaffe: deine Liebe zu leben.
Aber ob mir das gelingt oder nicht:
Deine Arme sind immer da für mich.
Und dafür danke ich dir.

Freitag, 2. April 2021

Ausgeliefert. Ausgespielt. Angewiesen. Vollbracht.

Predigt zu Karfreitag 2021


 1. Johannes 19, 16-22


Da lieferte Pilatus ihnen Jesus aus, damit er gekreuzigt werden konnte. Jesus wurde abgeführt. Er trug sein Kreuz selbst aus der Stadt hinaus zu dem Ort, der »Schädelplatz« heißt, auf Hebräisch Golgota. Dort wurde Jesus gekreuzigt und mit ihm noch zwei andere – einer auf jeder Seite und Jesus in der Mitte. Pilatus ließ ein Schild oben am Kreuz anbringen, auf dem geschrieben stand:»Jesus der Nazoräer, der König der Juden.« Viele Juden lasen das Schild. Denn der Ort, wo Jesus gekreuzigt wurde, lag nahe bei der Stadt. Die Inschrift war in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache abgefasst. Die führenden Priester des jüdischen Volkes sagten zu Pilatus: »Schreibe nicht: ›Der König der Juden‹, sondern: ›Dieser Mann hat behauptet: Ich bin der König der Juden.‹« Pilatus erwiderte:»Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.«

2. Ausgeliefert

Ausgeliefert hat Pilatus ihn.
Ausgeliefert den religiösen Führern. Dem Volk. Den Soldaten.
Ausgeliefert an die Welt.
Dem Spott ausgeliefert und dem Mobbing. Dem Neid und dem Hass.
Ausgeliefert der Willkür. Des Spiels mit der Macht.
Wer ausgeliefert wird, hat keinen Einfluss mehr darauf, was mit ihm passiert.
Kann sich nicht wehren. Ist machtlos.
In den Gefängnissen dieser Welt. In den Folterkammern. Auf den Hinrichtungsplätzen.
Ausgeliefert den Tiefen des Mittelmeeres oder der Kälte auf Lesbos.
Ausgeliefert einem Virus, wenn es im Körper ist.
Ausgeliefert an mich.

Gott lässt sich ausliefern.
Er lässt sich von einem König in das Dorf Bethlehem schicken.
Er lässt sich die Tür vor die Nase schlagen:
hier ist kein Platz für dich.
Er lässt sich in einen Futtertrog legen.
Lässt sich in die Flucht schlagen.
Gott lässt sich abführen und bespucken,
verleugnen und verraten.
Er lässt sich foltern und ans Kreuz schlagen.
Gott lässt sich ausliefern.

Warum wehrt er sich nicht?
Er, der Allmächtige - von einem Befehlshaber ausgeliefert.
Warum tut er nichts dagegen?

Die einzige Antwort, die ich darauf habe:
Weil Gott Mensch geworden ist.
Ganz und gar. Ohne Abstriche.
Gott hat sich als Mensch ausgeliefert.

3. Johannes 19, 23-24

Nachdem die Soldaten Jesus gekreuzigt hatten, teilten sie seine Kleider unter sich auf. Sie waren zu viert, und jeder erhielt einen Teil. Dazu kam noch das Untergewand. Das war in einem Stück gewebt und hatte keine Naht. Die Soldaten sagten zueinander: »Das zerschneiden wir nicht! Wir lassen das Los entscheiden, wem es gehören soll.« So ging in Erfüllung, was in der Heiligen Schrift steht: »Sie verteilen meine Kleider unter sich und werfen das Los über mein Gewand.« Genau das taten die Soldaten.

4. Ausgespielt

Ausgespielt haben sie ihn.
Jesus hat nichts mehr zu melden. Nichts mehr zu sagen.
Er zählt nicht mehr. Eine Nummer. Mehr nicht.
Was er hat, ist interessant, nicht was er ist.
Dass da eine Mutter ist, die um ihn weint - eine Freundin, die um ihn trauert.
Dass er liebt und geliebt wird.
Dass er Träume hat und Hoffnungen. Dass er leben will.
Lieben. Lachen. Tanzen. Umarmen. Glauben. Weinen. Staunen. Zweifeln. Sich freuen.
Das alles interessiert nicht.

Man blendet aus, dass hier ein konkreter Mensch stirbt.
Rückt von ihm ab. Weicht aus.
Wir können sowieso nicht alle aufnehmen, sagen manche über die Mittelmeertoten.
Hätte er mal nicht mit seinem Pass geschummelt,
sagt jemand über einen abgeschobenen Flüchtling,
der nun in Afghanistan ums Leben gekommen ist
Er hätte sowieso nicht mehr lange gelebt, hört die Tochter,
deren Vater an Covid gestorben ist.
Ausgespielt. Eine Nummer. Mehr nicht.

Wer anfängt, vom dem Vater zu erzählen,
der immer da war, wenn man ihn brauchte,
stört die, für die die Maskentragepflicht ein Menschheitsverbrechen ist.
Wer von der geflüchteten Mutter erzählt,
die ihre beiden Söhne im Mittelmeer verloren hat, gilt als Sozialromantikerin.

Man spielt mit den Zahlen. Mit dem Leben. Mit dem Tod.
Pech gehabt. Uninteressant. Ausgespielt.
Oder doch nicht?

5. Johannes 19, 25-27

Nahe bei dem Kreuz von Jesus standen seine Mutter und ihre Schwester. Außerdem waren Maria, die Frau von Klopas, und Maria aus Magdala dabei. Jesus sah seine Mutter und neben ihr den Jünger, den er besonders liebte. Da sagte Jesus zu seiner Mutter:»Frau, sieh: Er ist jetzt dein Sohn.« Dann sagte er zu dem Jünger: »Sieh: Sie ist jetzt deine Mutter.« Von dieser Stunde an nahm der Jünger sie bei sich auf.

6. Angewiesen

Angewiesen sind sie.
Keine steht alleine unter dem Kreuz.
Und Jesus ist auch nicht allein.
Da sind noch die anderen da.
Die Marias, die Mutter von Jesus und die anderen.
Und der eine von den Freunden ist auch da:
der steht Jesus besonders nahe.

Und der Ausgelieferte und Ausgespielte spricht zu ihnen:
Ihr gehört zusammen. Bleibt beieinander.
Tragt zusammen, was für eine allein zu schwer ist.
Sein Liebesmanifest im Tod.

Bleibt beieinander. Aufeinander angewiesen.
Tröstet die Tochter, die um ihren Vater trauert. Stellt eine Kerze ins Fenster.
Kocht eine Suppe für die, die Kraft braucht. Oder bringt ihr einen Kuchen.
Betet für sie.

Bleibt beieinander und lasst euch nicht gegenseitig ausspielen.
Guckt nach denen, die gerade besonders still sind.
So viele, denen die Kraft fehlt und die keine Stimme haben.

Die Aktivistin, eingesperrt im Gefängnis. Die erschöpfte Altenpflegerin,
Der verprügelte Flüchtlingsjunge. Der Virologe - keine Power mehr zum Kämpfen.
Der verzweifelte Musiker. Das Kind, müde. Die Politikerin, aufgezehrt vom Vergeblichen.

Lasst sie alle nicht in Stich. Auch wenn ihr gerade nicht mehr tun könnt, als da zu sein.
Unterm Kreuz. Für sie. Auf euch angewiesen.

7.  Johannes 19, 28-30

Nachdem das geschehen war, wusste Jesus, dass jetzt alles vollbracht war. Damit vollendet würde, was in der Heiligen Schrift steht, sagte er: »Ich bin durstig!« In der Nähe stand ein Gefäß voll Essig. Die Soldaten tauchten einen Schwamm hinein. Dann legten sie ihn um einen Ysopbund und hielten ihn Jesus an den Mund. Nachdem Jesus den Essig genommen hatte, sagte er: »Es ist alles vollbracht.« Er ließ den Kopf sinken und starb.

8. Vollbracht

Vollbracht.
Ein Wort, das ich nie wirklich verstehe.
Will es mich vertrösten? Alles ist gut so? Alles soll so sein?
Kein Mensch kann das wirklich wollen. Und kein Gott.

Aber nun ist es da, dieses Wort: vollbracht.
Und ich schaue auf diesen Ausgelieferten und Ausgespielten und Angewiesenen.
Der bringt noch im Sterben Liebende zusammen.
Sorgt dafür, dass da welche beieinander stehen. Einander halten und stützen.

Dieser Tod reißt nicht auseinander, sondern führt zusammen.
Er führt Gott hinein, wo es dunkel ist. Wo nichts mehr ist. Wo alles auseinander bricht.
Wo wir an unser Ende kommen - ausgeliefert und ausgespielt und angewiesen.
Da ist Gott.
Bei den Müden und Erschöpften, den Verzweifelten und Ausgepowerten,
den Verprügelten und Kraftlosen und Eingesperrten - da ist er: der Liebende.
Er bleibt mit seiner Liebe. Er hält das aus, was ich nicht mehr aushalte.
Und er hält mich aus. Ist bei mir. Voll und ganz.

Es ist vollbracht.
Dieses ausgelieferte, ausgespielte, angewiesene Leben ist vollbracht.
Da ist kein Makel und kein Scheitern, auch wenn die anderen das so sehen.
Es ist ganz. Ganz und gar. Es ist vollständig. Wie das Tuch, um das die Soldaten würfeln.
Alles was vorher Liebe war ist immer noch voller Liebe.
Und die Liebe geht mit in den Tod. Sie bleibt. Voll und ganz.

Ausgeliefert. Ausgespielt. Angewiesen. Vollbracht. 

Amen.