3 Tage und 3 Nächte im Fischbauch
Ostermontagspredigt zu Jona 2, 1 - 11
(mit Dank an Anne Herzig für Inspiration und einige Worte, die ich von ihr bekommen habe - sie sind blau markiert)
1. Im Fischbauch
Nach einer spektakulären Flucht findet sich Jona an einem Ort wieder,
wo er bestimmt nie nie sein wollte.
Bloß weg von hier, dachte er, als Gott ihm eine sehr unangenehme Aufgabe aufdrückte.
Bloß weit weit weg. Aufs Meer hinaus mit einem Schiff.
Doch Gott zeigt sich unerbittlich.
Das Schiff gerät in schwere Seenot, die Seeleute suchen nach einem Schuldigen
und finden ihn in Jona. Ja, Jona hat es verbockt. Und zwar so richtig. Und dann:
Der Herr aber schickte einen großen Fisch, der Jona verschlang.
Und Jona war drei Tage und drei Nächte lang im Bauch des Fisches. (Jona 2, 1)
Drei Tage und drei Nächte im Fischbauch stelle ich mir ziemlich langweilig vor.
72 Stunden an einem so dunklen, schleimigen Ort.
Drei Tage und drei Nächte eingekapselt – da käme man wohl unweigerlich ins Nachdenken.
Drei Tage und drei Nächte –
und ich, ich setze mich neben Jona auf die glitschige Fischzunge und sinniere in die Dunkelheit hinein:
Nach 2 Jahren vielleicht das erste Osterfest,
an dem Großeltern und Enkel wieder zusammen gefeiert haben.
Gottesdienste und Konzerte, Frühlingswetter,
spektakulärer Sonnenaufgang und wunderbare Mondnacht.
Aber so richtig Feierstimmung will nicht aufkommen.
Denn immer noch bleiben da Ängste, die irgendwie offiziell keiner hat, aber doch genug Menschen, um das Speiseöl und das Mehl und das Toilettenpapier wieder aus den Regalen verschwinden zu lassen.
Die Nachrichten über den Krieg, Frauen mit Kindern und Haustieren, die auch hier ankommen.
Grausame Bilder aus Butscha,
Fragen über Lieferungen von Waffen, von denen viele gar nicht wussten, dass es sie gibt.
Andere haben Angst,
dass das Geld irgendwann nicht mehr für den Einkauf im Supermarkt und die Warmmiete reicht.
Corona ist vorbei, rufen Dritte, Maßnahmen aufheben, jetzt reicht’s.
Und sie wollen sogar vor der Impfstelle trommeln, nur weil da heute Familien geimpft werden.
Drei Tage und drei Nächte, das dritte Jahr Pandemie, das erste Jahr Krieg.
Und ich sitze hier neben Jona,
und um mich herum schwimmen halbverdaute Ängste und frisch geschluckte Sorgen.
2. Klagen aus der Tiefe
Im Bauch des Fisches betete Jona zum Herrn, seinem Gott: Als ich in Not war, schrie ich laut.
(Jona 2, 2-3)
Und ich rufe mit.
Gott, ich rufe zu Dir. Mir reicht es auch.
So viele Menschen in meiner Umgebung, die sich mit Omikron infiziert haben.
Immer die Angst, ob es mich nun auch erwischt.
Und ob wir wohl unsere Feste im Sommer wirklich unbeschwert genießen können?
Das Wasser steht mir bis zum Hals.
Die Nachrichten grausen mich.
Menschen werden auf offener Straße erschossen.
Bilder von Kindern, die in Bunkern sitzen, gehen um die Welt.
Zum ersten Mal habe ich mir darüber Gedanken gemacht, ob es so etwas wie einen „Feind“ geben kann.
Gott, sind wir verloren? Wie lange soll es noch so weitergehen?
Was ist mit denjenigen, die ihre Arbeit verlieren, ihre Heimat?
Mit denjenigen, die sich selbst Öl und Brot nicht mehr leisten können?
Und in welcher Welt werden meine Enkel noch gut leben können?
Gott, ich rufe zu Dir in meiner Angst.
Schaue doch und erhöre mich, Herr, mein Gott!
Und bitte, mach meinen Sorgen ein Ende. Gerade jetzt an Ostern!
3. Jonas Gebet
Und wie betet Jona?
Als ich in Not war, schrie ich laut. Ich rief zum Herrn und er antwortete mir.
Aus dem Innern des Totenreichs rief ich um Hilfe. Da hast du mein lautes Schreien gehört.
In die Tiefe hattest du mich geworfen, mitten in den Strudel der Meere hinein.
Wasserströme umgaben mich.
Alle deine Wellen und Wogen – sie schlugen über mir zusammen!
Da dachte ich: Jetzt bin ich verloren, verstoßen aus deinen Augen.
Wie kann ich je wieder aufschauen, um deinen heiligen Tempel zu sehen?
Das Wasser stand mir bis zum Hals. Fluten der Urzeit umgaben mich.
Seetang schlang sich mir um den Kopf.
Zum Grund der Berge bin ich hinabgestiegen, in das Reich hinter den Toren des Todes.
Sie sollten für immer hinter mir zugehen.
Du aber hast mein Leben aus dem Abgrund gezogen, du Herr, du bist ja mein Gott.
Als ich am Ende war, erinnerte ich mich an den Herrn.
Mein Gebet drang durch zu dir, bis in deinen heiligen Tempel.
Ja, wer sich an Nichtigkeiten klammert, verliert seinen einzigen Halt im Leben.
Ich aber will dir mit lauter Stimme danken, Schlachtopfer will ich dir darbringen.
Auch meine Gelübde werde ich erfüllen. Hilfe findet sich beim Herrn!
(Jona 2, 3-10)
Aus dem Bauch des Fisches dringt keine Klage, sondern Dank. Vertrauen statt Angst:
Ich schrie aus dem Rachen des Todes, und du hörtest meine Stimme.
Ich rief zu dem Herrn in meiner Angst, und er antwortete mir, betet Jona.
Und ich frage mich verwundert, woher er dieses Vertrauen nimmt.
Der Fischbauch wird zu einer Heilskapsel,
die Jona vor den lebensfeindlichen Elementen um ihn herum schützt.
Der dunkle, schleimige Ort ist ein Ort der Rettung,
auch wenn dies vordergründig gar nicht so aussieht.
Aber das, was Angst gemacht hat, wird auch nicht verschwiegen.
Es ist ja auch noch da.
Jona weiß nicht, ob er heil herauskommt. Aber er weiß: Gott ist bei mir.
Selbst hier im Bauch des Fisches, am dunklen Ort.
4. Gott ist da
Jonas Worte könnten Worte des auferstandenen Jesus sein.
Worte dessen, der 3 Tage und 3 Nächte verschlungen war
und nun das Licht des Ostermorgen erblickt.
Worte von einem, der am dunklen Ort war,
wo es kein Zurück mehr gibt, den Ort der totalen Gottesfinsternis,
und der nun diesen Ort verlässt.
Die Todesnot ist überwunden.
„Du hast mein Leben aus dem Abgrund gezogen“.
Gott gibt nicht auf. Niemals und niemanden.
Gott gibt Jona nicht auf. Und Jesus erst recht nicht.
Gerade die, die von uns Menschen aufgegeben werden, liegen Gott am Herzen. Auch heute.
Und gerade heute.
Es sind so viele, über die die Wogen und Wellen des Meeres gehen,
die in ihren untauglichen Booten den Weg über das Meer suchen, um im Frieden leben zu können.
So viele Jonas, deren Gebete und Geschichten wir nicht hören.
Aber Gott hört sie.
Und schickt die Seawatch und die Seaeye hinaus und wacht mit der Seabird über dem Meer.
Das Meer, für so viele ein Ort der Flucht, des Verschlingen, des Todes - und der Rettung.
Gott ist da. Am Kreuz. Im Grab mit dem Felsen davor.
Im Fischbauch. Im Flüchtlingsboot. In der Seabird. In den Ruinen von Mariupol.
So wie bei Pinocchio.
Der trifft im Bauch des Hais, der ihn verschluckt, auf Geppetto.
Der Schreiner, der Piniocchio gemacht hat.
Er hat sich aufgemacht in die Welt und seinen hölzernen Sohn gesucht.
Gesucht bis hier unten. Und hier unten, im Fisch, hat er auf ihn gewartet.
Wie tief du auch stürzen wirst, wie dunkel auch immer der Ort ist, wo du bist:
der dich gemacht hat und der dich lieb hat, wartet dort auf dich.
Und er wird dich dort nicht lassen.
Manchmal erkennst du ihn. Aber meistens eher nicht.
Meilenweit wandern zwei Jünger neben dem Auferstandenen nach Emmaus,
bevor sie ihn erkennen.
Erst als er das Brot mit ihnen bricht, gehen ihnen die Augen auf.
Es ist so viel leichter, an den Tod zu glauben, als an das Leben, auch heute noch.
Aber Gott gibt das Leben nicht auf. Und seine Menschen erst recht nicht.
Und das ist Ostern: Gottes Lebenssturheit.
Und darum bleibt Jona auch nicht im Bauch des Fisches.
5. Ausgespuckt
Da befahl der Herr dem Fisch, Jona an Land zu bringen. Dort spuckte der Fisch ihn aus. (Jona 2, 11)
An Ostermontag ausgespuckt zu werden, ist kein besonders schönes Bild.
Jona wird nicht einfach ans Land „befördert“ oder „gebracht“, „herausgeholt“
oder „kam zurück an den Strand“.
Nein, der Fisch würgt ihn heraus, mit einer solchen Wucht, dass es bis ans rettende Ufer reicht.
Ich stelle mir vor, wie er nun am Strand sitzt.
Die Haare leicht verklebt, die Kleidung trieft vom Salzwasser.
Noch etwas verdutzt und mit müden Augen in die Sonne blinzelnd – eine Alge hängt am Fuß.
Aber dann auch ein kleines Glücksgefühl, dass sich langsam bis in die Fingerspitzen ausbreitet.
Hilfe ist bei dem Herrn.
Ostern ist kein Wohlfühlfest. (so hat mich der Pforzheimer Kurier zitiert).
Ostern ist Gottes Protest gegen die Macht der dunklen Orte.
Ostern ist Gottes Lebenssturheit, die mich irgendwo hinspuckt.
Irgendwo, wo ich ahne, dass es weiter geht.
Vielleicht in dieser Kirche
oder nachher in die Fußgängerzone vor die Impfstelle, um sie zu schützen.
Vielleicht bringe ich ihnen eine Blume oder einen Schokohasen.
Gott gibt niemanden auf.
Weder Jesus noch die Jonas dieser Welt.
Mich nicht und dich nicht.
Und er spuckt uns ins Leben zurück.
Ihm klagen wir unsere Angst und Gott hört uns zu.
Und an Gottes Hand tun wir, was unsere Aufgabe ist:
Wir überlassen diese Welt nicht dem Tod und der Gewalt,
sondern leben und lieben.
Immernoch und immerwieder.
Amen.
Dienstag, 19. April 2022
Ins Leben hinausgespuckt
Freitag, 15. April 2022
Vater, vergib - weil ich es nicht kann
Karfreitagspredigt zu Lukas 23, 33 - 49
1.
Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.
Jesus vergibt - bedingungslos, zuerst.
Jesus vergibt den Mördern. Den Attentätern. Den Bombenlegern.
Den Vergewaltigern. Den Hinrichtern.
Den Brutalen. Den Gaffern. Den Spöttern. Den Gemeinen.
Jesus vergibt, wo ich es nicht schaffe.
Vater, vergib.
Ein Wanderprediger im Winkel des römischen Reiches hängt wegen Hochverrats am Kreuz.
Man erträgt es nicht, dass einer auftaucht, der Herzen an sich bindet.
Der sagt: ‚Liebe deine Feinde.’ und das auch so meint.
Der Menschen aus ihren Zwangsjacken heraus-liebt bis sie tanzen können.
Der die Himmelssprache beherrscht, die Zauberworte aus der anderen Welt:
„Steh auf und geh.“ oder „Dein Glaube ist groß – sei gesund.“
Das ertragen sie nicht. Das halten sie für gefährlich.
Wehrkraftzersetzend. Moralschädigend. Freiheitsliebend.
Und darum demütigen sie ihn, verspotten, machen klein, zerstören.
Töten.
2.
Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.
Doch - sie wissen, was sie tun:
Sie wissen, dass sie zahllosen Menschen das Leben nehmen.
Und damit einem Kind ihre Mutter rauben, einer Frau ihren Mann,
dem Geliebten seinen Geliebten, dem Vater seine Tochter.
Sie wissen, was sie tun.
Sie wissen, dass sie Zivilisten erschießen und auf der Straße liegen lassen.
Sie wissen, dass Menschen im Mittelmehr ertrinken,
weil sie ihnen nicht helfen oder die Boote sogar zurück pushen.
Sie wissen, dass sie Menschen in die Flucht jagen und deren Heimat zerstören.
Sie wissen, dass Bomben auf eine Stadt keinen Frieden bringen.
Sie wissen, was sie Kinderseelen antun, wenn sie sie missbrauchen.
Sie wissen, dass sie einen Unschuldigen ans Kreuz nageln.
Sie wissen, was sie tun.
3.
Vater vergib -
„Father forgive“ -
Der Dompropst von Coventry lässt 1942 diese Worte in die Mauer der Kathedrale meißeln.
Deutsche Bombenangriffe hatten die Kathedrale kurz zuvor zerstört.
Dazu ein Kreuz aus Zimmermannsnägeln,
die hatten die Balken der mittelalterlichen Kathedralendecke zusammengehalten.
Ein Kreuz aus Nägeln - zwei Worte.
Ihr kennt diese Geschichte. Und diese zwei Worte.
Father forgive - Vater vergib
Überreste der Zerstörung als Zeichen der Vergebung und der Versöhnung.
Vater vergib -
Und viele von euch kennen auch die Geschichte von Marjorie Frost.
Vor 30 Jahren kam sie nach Huchenfeld.
Wo 1945 ihr Mann ermordet wurde.
Und nun steht da einer, der beim Abendmahl in Tränen ausbricht.
"Ich war einer von den Hitlerjungen, die ihn getötet haben."
Nach dem Gottesdienst ist er weg.
Marjorie sucht nach ihm.
"Ich will ihm sagen, dass ich ihm vergeben habe."
Vater vergib.
4.
Vater vergib -
die ersten Worte am Kreuz - wie eine Überschrift.
Denn darum geht es: um Vergebung, um Versöhnung,
um Heil inmitten allen Unheils, um Beziehung inmitten aller Beziehungslosigkeit,
um die ausgestreckte Hand, um Liebe inmitten allen Hasses.
Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!
Vergib denen, die meinen Tod verantworten und ihn inszenieren.
Vergib ihnen, obwohl sie ihre Schuld nicht eingestehen.
Vergib den Soldaten und den Hohepriestern, den Politikern und den Gaffern, den Mördern,
den Spöttern, den Feiglingen, denen die noch Jahrhunderte später in meinem Namen töten:
sie alle zeigen keine Reue, und dennoch:
Vater, vergib ihnen.
5.
Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!
Gott vergibt zuerst und nicht erst am Schluss. Gott vergibt bedingungslos.
Setzt neue Kräfte frei. Kräfte des Himmels. Schon immer.
Fischer trauen sich ganz Neues.
Frauen ziehen ihre Zwangsjacken aus und verschwenden ihr Salböl.
Berufsmäßige Betrüger am Zolltisch drehen sich um 180 Grad.
Freunde teilen Brot und Wein, obwohl sie alles andere als gute Freunde sind.
Und sie alle haben seine Liebe geschmeckt.
Und seine Zauberworte gehört:
vom Vater, der seinen heimkehrenden Sohn in die Arme nimmt,
vom Hirten, der sein Schaf sucht,
und vom Winzer, der auch die Spätgekommenen belohnt.
Von einem Gott, der immer zuerst da ist und immer kommt und immer wieder anfängt.
Ein Gott, der liebt was das Zeug hält und auf Teufel komm raus.
6.
Vater, vergib...
Einer hat dies schon immer gelebt und verkörpert.
Und dieser Eine geht dieses „Vater vergib“ bis zum Schluss - bis zum Kreuz.
Vater, vergib, das hört mit dem Tod nicht auf.
Das kann der Tod nicht in Frage stellen. Auch nicht die Richter und Henker.
Vater vergib - das gilt auch für die, die andere in den Tod reißen.
7.
Ich weiß nicht, ob ich das gerade kann. Vergeben.
Und ich kann es schon gar nicht von anderen erwarten. Dass sie vergeben.
Weder von den Juden, deren Großeltern von meinen Vorfahren ermordet wurden.
Noch von den Ukrainerinnen, die um ihre Brüder trauern.
In Coventry bauten sie gleich nach dem Ende des 2.Weltkrieges Brücken
zu den ehemaligen Feinden, zu uns Deutschen. Sie machten aus Feinden Freunde.
Und das war ein Geschenk. Für uns. Nichts, was wir erwarten konnten.
8.
Ich kann nicht erwarten, dass man mir vergibt.
Aber ich kann selber um Vergebung bitten - für mich.
So wie der eine, der auch am Kreuz hängt.
Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst.
Du bittest um Vergebung für mich, ohne dass ich darum bitten muss.
Du bist die Brücke zu Gott, zur Liebe, zur mir selbst, obwohl ich alle Brücken eingerissen habe.
Ich weiß, dass ich verloren bin.
Doch du kannst mich retten. Nur du mit deiner Liebe, die größer ist als meine Schuld.
Du kennst den Ort, wo ich wieder sein kann, wie Gott mich gedacht hat,
ohne Schuld, ohne Leid, ohne Schmerz. Mit dir an meiner Seite.
Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst.
9.
Da sucht einer die Nähe zu Jesus. Zur Liebe, zu Gott.
Und da antwortet die Liebe:
Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.
Heute. Nicht erst am Ende aller Tage. Nicht erst, wenn Gut und Böse gewogen wird.
Heute, nachher schon wirst du im neuen Garten Gottes sein.
10.
Jesus vergibt - bedingungslos, zuerst. So verwandelt sich dein Leben.
Jesus stirbt nicht, damit Gott uns vergeben kann,
sondern Gott vergibt radikal und lebt dies selbst noch am Kreuz.
Gottes Vergebung kommt nicht an ihr Ende, nirgendwo.
Liebe pur - dort, wo es dunkel ist, wo wir am Ende sind,
Liebe und Nähe mitten in der Katastrophe, wo jeder von uns wegrennen würde,
wo Bomben eine Stadt zerstören,
wo russische Soldaten die Ukraine überfallen und Zivilisten ermorden
Mitten in der Höllenvision der Schädelstätte reißt Jesus das Paradies weit auf,
dort, wo alles dagegen spricht.
Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.
11.
Ich gebe zu. Ich kann darauf nur hoffen.
Es fällt mir schwer, es zu sehen: den Neuanfang. den Frieden. die Liebe. das Paradies.
Jedenfalls jetzt. (vielleicht ist dieser andere, der Spötter am Kreuz, auch zu laut, zu stark?)
Ich kann es nur vorsichtig stammeln, dieses „Vater, vergib“
Ich klammere mich fest an diesen 2 Worten.
So wie ich mich an den Gekreuzigten klammere.
An ihn und seine Liebe, die am Kreuz nicht aufhört.
Ich klammere mich an die Geschichten, die die Zimmermannsnägel von Coventry schreiben
und an die Hand von Marjorie Frost.
Ich klammere mich an Jesus, der auch Henker und Menschenverächter zur Vernunft bringen kann.
An diesen Jesus, der vergibt, wo ich es nicht schaffe.
Er gibt niemanden auf. Mich nicht und dich nicht.
Und auch nicht die, die wissen, was sie tun.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft
bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.
Sonntag, 6. März 2022
Ich suche die Gnade. Denn sie ist da. Trotzdem.
Von Gegensätzen und Hoffnungsbildern
Predigt zu 2. Korinther 6, 1-11
I.
Wo ist Gottes Gnade? Wo kann ich sie entdecken?
Ich höre die Bundestagsdebatte und Worte wie Zeitenwende, Paradigmenwechsel und Aufstockung des Verteidigungshaushalts. 100 Milliarden werden mal eben zur Verfügung gestellt. Für Waffen. Dafür, wehrhaft zu sein. Verteidigungsbereit. Gnade?
Ich höre auch nachdenkliche Worte. Dass unsere Hände nicht sauber bleiben können. Dass wir nicht wissen, ob das, was jetzt richtig ist, auch gut ist. Ich höre, wie die Abgeordneten miteinander ringen, miteinander suchen. Ja, die Tage davor haben auch an ihnen gezerrt. Ich sehe sie als Menschen, die wissen, wir groß ihre Verantwortung ist. Und ich bitte für sie um deine Gnade.
Wo ist Gottes Gnade? Wo kann ich sie entdecken?
Ich sehe diesen gnadenlosen Machthaber im Kreml. Ich höre seine Lügen, seine Sätze voller Demagogie. Das Netz flutet mich mit Bildern, wie er mit nacktem Oberkörper auf einem Pferd reitet. Und wie er am großen großen Tisch sitzt - allein. Am anderen Ende irgendwelche Berater, wenn sie denn Berater sind. Gnade?
Und ich denke: wie einsam musst du, Vladimir, sein? Was hat deine Seele so vergiftet? Warum hast du nur Berater um dich herum, die dir immer nur zustimmen? Sie wollen weder dein Bestes noch das des Landes. Und du auch offenbar auch nicht. Wie können wir dich bewegen, dein Herz zu spüren? Dein Mitgefühl nicht wegzudrücken? Und auch, wenn ich dich in die Hölle wünsche, ich bitte für dich um Gnade, Vladimir Putin.
II.
Wo ist Gottes Gnade? Wo kann ich sie entdecken?
Das sagt Paulus (2. Korinther 6, 1-11):
„Wir als Gottes Mitarbeiter bitten euch auch:
Nehmt die Gnade Gottes so an, dass sie nicht ohne Wirkung bleibt.
Denn Gott spricht:
»Ich habe dich zur rechten Zeit erhört und dir am Tag der Rettung geholfen. « (Jes 49)
Seht doch! Jetzt ist die rechte Zeit. Seht doch! Jetzt ist der Tag der Rettung.
Wir wollen auf gar keinen Fall Anstoß erregen.
Denn unser Dienst soll nicht in Verruf geraten.
Vielmehr beweisen wir in jeder Lage, dass wir Gottes Diener sind:
Mit großer Standhaftigkeit ertragen wir Leid, Not und Verzweiflung.
Man schlägt uns, wirft uns ins Gefängnis und hetzt die Leute gegen uns auf.
Wir arbeiten bis zur Erschöpfung, wir schlafen nicht und essen nicht.
Zu unserem Dienst gehören ein einwandfreier Lebenswandel,
Erkenntnis, Geduld und Güte, der Heilige Geist und aufrichtige Liebe.
Zu unserem Dienst gehören außerdem die Wahrheit unserer Verkündigung
und die Kraft, die von Gott kommt.
Wir kämpfen mit den Waffen der Gerechtigkeit, in der rechten und in der linken Hand.
Wir erfüllen unseren Auftrag,
ob wir dadurch Ehre gewinnen oder Schande, ob wir verleumdet werden oder gelobt.
Wir gelten als Betrüger und sagen doch die Wahrheit.
Wir werden verkannt und sind doch anerkannt.
Wir sind vom Tod bedroht, und seht doch: Wir leben!
Wir werden ausgepeitscht und kommen doch nicht um.
Wir geraten in Trauer und bleiben doch fröhlich.
Wir sind arm und machen doch viele reich.
Wir haben nichts und besitzen doch alles!“
III.
Wo ist Gottes Gnade? Wo kann ich sie entdecken?
Paulus, du sagst, dass sie wirksam wird
in jeder, die sie annimmt.
Es ist, als ob du mir einen riesigen Container hinstellst mit lauter Müll drin und ganz ganz unten oder irgendwo dazwischen ist die Gnade. Kram sie hervor, sagst du. Sie ist ja da, die Gnade. Siehst du sie etwa nicht?
Nein.
Sie ist untergegangen im Feuer im Atomkraftwerk, in den Schüssen auf die Hochhäuser von Kiew, im Wimmern der Altern, die sich in den U-Bahn-Schächten verstecken müssen und nicht wissen, ob sie in ihre Wohnungen zurück können. Mit den Waffen der Gerechtigkeit kommen wir nicht mehr weiter. Aber ohne sie auch nicht.
Non vi sed verbo, hat einst Luther gesagt. Keine Gewalt, nur das Wort. Aber das zählt gerade nicht.
Ja, auch jetzt ist von einer Zeitenwende die Rede. Aber es ist die der Eskalation, der militärischen Stärke. Nicht die Zeitenwende, die der Gnade Raum gibt. Nicht die, die auf den einzelnen blickt.
IV.
Und doch ist sie da, sagst du, Paulus: die Gnade. Die Menschenfreundlichkeit Gottes.
Seine Liebe. Seine bedingungslose Liebe zu allem, das lebt und atmet und liebt und lacht und weint. Vielleicht ist sie verschüttet, aber sie ist da. Suche nach ihr, sagst du.
Und ich denke an den Propheten, der sich Jesaja nennt. Er lebt im Exil weit weit weg von seinem Zuhause. Sieht, wie dreckig es seinen Leuten geht, wird selber verhöhnt. Und er doch hört er Hoffnungsworte von seinem Gott und die gibt er weiter.
„Sagt den Gefangenen: Geht heraus!, Sagt zu denen in der Finsternis: Kommt hervor! Ihr Erbarmer wird sie führen und sie an die Wasserquellen leiten. Ich will alle meine Berge zum ebenen Wege machen, und meine Pfade sollen gebahnt sein.“ (Jes 49)
Er sagt es, obwohl er weiß, dass das außer ihm niemand sonst sieht und hört.
Er klammert sich an Gott, an Gottes Worte, an das, was er versprochen hat:
ich bin da für euch - gerade für euch. Und gerade jetzt.
V.
Ja, es ist unser Auftrag, diese Gnade zu verkünden.
Gegen allen Augenschein. Gegen allen Pessimismus. Gegen allen Frust. Gegen den Tod.
Wir Christen und Christinnen klammern uns an diesen Gott.
Wir klammern uns an Jesus, der in die Wüste ging und mit dem Teufel kämpfte. Und als er ihm anbot, ihm die totale Macht zu geben, lehnte er ab. Weil er wusste: ich gehöre nach ganz unten.
Ich gehöre dorthin, wo die Menschen sind. Wo sie lachen und weinen, klagen und schreien.
Dort im U-Bahn-Tunnnel in Kiew und in den Flüchtlingslagern Griechenlands.
Dort am polnischen Grenzzaun, wo nur weiße Flüchtlinge durchgelassen werden.
Dort gehöre ich hin und nicht an den riesigen Tisch der Befehlshaber.
Und ja, an diesen Jesus klammere ich mich.
An den Jesus, der mit Spucke und Lehm die Augen eines Blinden beschmiert.
Der um seinen Freund Lazarus weint und sich im Jordan taufen lässt wie alle anderen Sünder auch.
Ich klammere mich an diesen Jesus, der sich bespucken lässt und verspotten,
der in einer Krippe geboren wird von einer jungen Frau, die nichts zählt.
An diesen Jesus halte ich mich, der seine Feinde liebt und mich auch und vermutlich sogar Putin.
Und ich bin froh, dass er es tut, denn ich kann es gerade nicht:
Putin lieben und die Menschenverächter dieser Welt.
Aber ich kann auf ihn zeigen, auf diesen Jesus.
Der kann das, was ich gerade nicht kann.
Und vielleicht genügt das ja, jedenfalls im Moment?
VI.
Wo ist Gottes Gnade? Wo kann ich sie entdecken?
Ich suche sie.
Und vielleicht finde ich sie gerade nur bei diesem Jesus, der all das Furchtbare aushält.
Der ans Kreuz geht. Und der die Armen und Traurigen selig preist und mir ein Senfkorn hinhält.
Hier sagt er: das ist das Reich Gottes. Das ist die große Liebe Gottes.
Sie macht sich klein und ist doch unendlich groß.
Ich suche nach der Gnade,
nach der unendlichen Liebe Gottes, die sich so klein macht,
dass ich sie übersehen und überhören könnte.
Und ich finde sie in den Worten von Annette Kurschus, der EKD-Ratsvorsitzenden, als sie in Berlin vor zigtausend Menschen spricht. Wenn sie sagt: „Lasst uns präzise bleiben in unserem Denken und Reden. In aller Empörung – wir bleiben dabei: Wir verweigern uns der Verführung zum Hass. Wir verweigern uns der Spirale der Gewalt. Wir werden der kriegslüsternen Herrscherclique in Russland nicht das Geschenk machen, ihr Volk zu hassen.“ (1)
Gnadenworte.
Und suche weiter nach der Gnade.
Und finde sie bei Anna und Ramon, die in Russland auf die Straße gehen und gegen Putin demonstrieren. Und ich finde sie bei Liane, die mich vor einer Woche anruft und von 5 Frauen und 13 Kindern aus der Ukraine erzählt und dass sie für sie Unterkünfte gefunden hat.
Ich finde die so große und so kleine Gnade bei Männern und Frauen in ukrainischen Dörfern, die sich mit bloßen Händen den russischen Panzern entgegenstellen und den russischen Soldaten zu essen geben.
Ich finde die Gnade in den Friedenslichtern, die vor einer Woche auf dem Leopoldplatz entzündet wurde.
VII.
Ist das die Gnade, die du, Paulus meinst?
Die ich annehmen soll, dass sie nicht ohne Wirkung bleibt?
Die Gnade in den Gegensätzen meines Lebens.
Du sagst:
Wir sind vom Tod bedroht, und seht doch: Wir leben!
Wir werden ausgepeitscht und kommen doch nicht um.
Wir geraten in Trauer und bleiben doch fröhlich.
Wir sind arm und machen doch viele reich.
Wir haben nichts und besitzen doch alles!
Und ich stimme ein:
Ich bin erschöpft und doch wach.
Ich habe Angst und klammere mich doch an die kleinen Hoffnungszeichen.
Ich erlebe Krieg und glaube doch und trotzdem an den Frieden.
Ich habe nichts vorzuweisen und habe doch alles -
Denn sie ist ja da, die Gnade, die unendliche Liebe Gottes.
Sie ist da und ich suche weiter nach ihr. Gerade jetzt.
Zusammen mit Jesus.
Amen.
(1) https://www.ekd.de/ekd_de/ds_doc/220227_Rede_EKD-Ratsvorsitzende_Kurschus_auf_der_Friedenskundgebung_in_Berlin.pdf
Sonntag, 9. Januar 2022
Hinten anstehen und dann neu anfangen
Von Schlangen und Reihen, von Wasser und Fehlern
Predigt zu Matthäus 3, 13-17*
1. In der Schlange stehen
Da steht der Sohn Gottes in der Schlange.
In einer Reihe mit Leuten, die es nötig haben, die einen Neuanfang nötig haben.
Alte und junge. Reiche und Arme. Oberfromme und Besserwisser.
Soldaten sogar. Eltern mit ihren Kindern an der Hand.
Und Proviant haben sie auch mitgebracht, weil sie so lange warten müssen.
Wie in der Schlange in der Bahnhofstraße - vor dem Impfzentrum.
Oder nächsten Sonntag hier in der Stadtkirche, wenn die Vesperkirche beginnt.
Eingereiht am Ufer des Flusses wartet auch der Gottessohn, bis er dran ist.
Er steht da zwischen Menschen, die den Fehler zuerst bei sich suchen.
Sie wollen sich ändern. Noch einmal neu anfangen.
2. Skepsis und Hoffnung
Ich bin sicher, viele sind skeptisch.
Ob sich wirklich was ändern kann - bei mir?
Genährt wird der Zweifel von den anderen, den Zuschauern.
Schon die Tatsache, dass sie kommen, sich in die Reihe stellen und warten,
das wirft ein schräges Licht auf sie. (Vielen hier in der Vesperkirche geht es so)
„Die haben es wohl nötig. Einmal Loser, immer Loser.“
Und doch stehen sie hier und hoffen.
Hoffen, dass sie endlich mal nicht scheitern, dass sie die Kurve kriegen.
Und deshalb wollen sie dieses äußere Zeichen, das Wasser.
Dieses öffentliche Zeichen, das den Neuanfang spüren lässt,
den Neuanfang sichtbar macht.
3. Neu werden
Einmal ganz untertauchen und Wasser in die Ohren kriegen.
Einmal untertauchen und die Augen ganz fest zusammenkneifen.
Einmal untertauchen und den Mund zumachen müssen. Die Hand auf dem Kopf spüren.
Und dann auftauchen, wie aus dem allerersten Wasser, wie neugeboren.
Die Ohren frei machen und hinhören.
Die Augen öffnen und nicht mehr wegsehen.
Wenn es sein muss, auch den Mund aufmachen.
Neue Menschen kommen aus diesem Wasser,
Frei sind sie: Gottes Kinder, Söhne und Töchter.
Und da steht der Sohn Gottes in der Schlange. Er hat sich eingereiht.
Mitten zwischen denen, die gerade noch als Schlangenbrut beschimpft wurden.
Auf Platz 17 vielleicht.
4. Ganz unten
Der Sohn Gottes irgendwo hinten in der Reihe.
Ja, Gott ist verwirrend konsequent.
Eine Geburt mit zweifelhaftem Hintergrund mit Blut und Schweiß,
einfache Unbekannte, die diese Geburt begleiten, und ihren Feldgeruch mitbringen,
eine Fluchtgeschichte, eine Handwerker-Familie.
Glanz und Gloria kamen erst hinterher.
Das muss so sein, dass er sich hinten anstellt, als Sohn Gottes.
Nicht von dieser Welt und doch mitten in ihr drin.
Das war schon im Stall so, wo die Engel sangen.
Und auch hier ist er mittendrin und der Himmel geht auf.
Als später einmal die Kinder zur Seite geschoben werden und alle Großen sich einig sind:
„Die Kleinen stören nur. Die sind jetzt im Weg.“
Da wird er sauer und er breitet die Arme weit aus für die, die angeblich im Weg sind.
Und er nimmt die sogenannten Störenfriede auf den Schoß und sagt:
„Wer groß ist, ist eigentlich klein. Und wer klein ist, ist groß. Merkt euch das!“
Und nicht nur die Kinder macht er groß. Auch die Bettler, die Frauen, die Kranken.
Die Witwe, die ihren letzten Cent gibt, preist er.
Der Gottes Sohn irgendwo hinten in der Reihe….
Der Sohn Gottes zieht auf einem Esel in das große Jerusalem ein,
wäscht seinen Jüngern die Füße
und zeigt ihnen, was es heißt, dem anderen zu dienen.
Er lässt sich gefangen nehmen und wählt nicht den Weg des Schwertes.
Und stirbt den schmachvollen Tod eines Verbrechers am Kreuz.
Das vorläufige Ende seines Weges von einem, der sich hinten an stellt,
weil er einer wie du ist und einer wie ich,
und damit setzt er ein Zeichen. Ein öffentliches Zeichen.
5. Von oben
Jetzt aber am Jordan bei Johannes, da steht er am Anfang.
Am Anfang der Schlange der Schlangenbrut.
Die 16, die vor ihm waren, sind aus dem Wasser gestiegen.
Nun steht er vor dem Täufer.
Und Johannes, dieser Rufer in der Wüste,
hat eine Ahnung davon, mit wem er es zu tun hat.
Da kommt einer, der ist größer als ich.
Ich bin es nicht wert, dass ich mich vor ihm bücke.
Dem kann ich nicht das Wasser reichen. Nie im Leben.
Diesen kann ich nicht taufen.
„Du solltest mich taufen. Nicht ich dich. So ist es richtig.“
6. Geschehen lassen
Ein kurzer Moment der Verwirrung unter denen, die drum herum stehen.
Was ist hier los? Wer tauft jetzt wen? Wer ist oben, wer ist unten? Wer ist die Nr. 1?
Wer hat das Wasser nötig? Für wen ist dies der Tag eines öffentlichen Zeichens?
Jesus weiß, was jetzt für ihn dran ist.
„Lass es jetzt geschehen.“ sagt er zu Johannes.
Seine ersten Worte bei dieser Begegnung.
„Du oder ich. Das spielt doch hier keine Rolle.
Es geht doch nicht um uns. Wir sind hier nicht die Macher.
Wir lassen es nur geschehen. Ein anderer macht es.“
Und dann lässt Johannes es geschehen. Und Jesus lässt geschehen.
Und der Himmel öffnet sich. Etwas Neues beginnt. Für Jesus. Für Johannes.
Für alle, die an diesem Tag Zeugen werden.
Und für alle, die später von ihm zeugen werden.
Ein Neuanfang.
Ein Neuanfang durch einen, der sich hinten anstellt und der es geschehen lässt.
7. Hinten anstellen
Nicht immer haben wir uns als Christen und Christinnen
in unserer Geschichte hinten angestellt.
Nicht immer haben wir von den Kleinen groß gedacht.
Nicht immer haben wir Frauen und Männer gleich
und Menschen wie Menschen behandelt.
Nicht immer sind wir den Weg des Friedens gegangen.
Nicht immer haben wir uns in die Reihe derer gestellt,
die den Fehler zuerst bei sich suchen.
Die Versuchung ist groß, den umgekehrten Weg zu wählen,
wenn sich die Möglichkeit dazu bietet:
Vorne dran zu sein. Erste zu sein. "Ich bin jetzt dran!" zu schreien.
Vor 3 Tagen jährte sich der Sturm aufs Kapitol in Washington. Die Dokumentation im Fernsehen** hat mir die ganzen Gefühle von vor einem Jahr wieder hervorgeholt. Dieses Bangen um die Demokratie und um die Politiker und Politikerinnen im Kapitol. Beklemmend.
1000e von patriotischen Fanatikern, die ihren Glauben an Trump und eine patriarchale Welt an erste Stelle setzten. Und das Ganze garnierte sie mit Gott und Jesus.
"Wir sind jetzt dran!" Brüllten sie. Und fast wäre es ihnen gelungen. Da fehlte nicht viel.
"Wir sind das Volk!" Brüllen sogenannte Patrioten und Querdenker auf unseren Straßen.
Sie suchen die Fehler nicht bei sich, sondern bedrohen Politikerinnen und Journalisten.
Und wollten auch das Reichstagsgebäude in Berlin stürmen.
Statt an das überlastete Krankenhauspersonal zu denken, das stundenlang in Schutzkleidung schwitzen muss, wird die persönliche Maskenfreiheit betont.
Selbst vor den gelben Nazi-Sternen, mit denen einst jüdische Männer, Frauen und Kinder gebrandmarkt wurden, machen sie nicht halt und missbrauchen sie.
Wie auch immer man die politischen Maßnahmen beurteilt:
Das sind falsche Zeichen. Ganz falsche Zeichen.
In diesen Reihen sollte niemand von uns stehen. Du nicht und ich nicht.
8. Da gehöre ich hin
Sondern beim Gottessohn. Bei dem, auf den der Geist wie eine Taube herab kommt.
Bei dem, der nach ganz unten geht und nach ganz hinten.
Der sich in die Reihe derer stellt,
die den Fehler bei sich suchen und nicht bei den anderen.
In einer Reihe mit dem Friedensstifter will ich stehen.
Mir geschehen lassen, dass Gott zu mir sagt: du bist meine geliebte Tochter.
An dir habe ich Freude. So wie du bist.
Müde und abgekämpft. Mutlos und frustriert und wütend.
In Sorge über die tiefen Gräben in der Gesellschaft. An dir habe ich Freude.
An dir mit deinen Träumen und deinen Liedern.
An dir, wenn du über Hass und Gewalt erschrickst und nicht mehr weiter weißt.
An dir, die du mit anderen nach den besten Lösungen suchst
und unsicher bist, ob du sie findest.
An dir habe ich Freude, sagt Gott. Sagt Jesus. Sagt der Gottessohn.
Du bist meine Tochter, mein Sohn.
Du musst es dir nicht erstreiten, nicht erkämpfen. Du bist es einfach.
9. Neue Reihen
Es ist gut, in einer Reihe mit Jesus zu stehen. Hinten auf Platz 17.
Und ich lasse den anderen den Vortritt.
Denen, die noch mehr zweifeln als ich. Die vielleicht noch müder sind.
Gemeinsam teilen wir unseren Proviant:
den Krümel Mut und den Becher mit Hoffnung,
die so gut schmeckt wie schwerer roter Wein.
Und dann sehen wir noch die am Rand, die sich nicht trauen,
weil sie denken, dass sie nicht dazu gehören.
Oder die immer noch in den falschen Reihen stehen.
Wir machen Platz für sie und gemeinsam warten wir darauf,
dass der Geist auf uns kommt wie eine Taube, dieses göttliche Zeichen des Friedens.
Und dann. Ja, dann steigen wir aus dem Wasser.
Mit offenen Ohren und Augen und erfüllten Herzen.
Töchter und Söhne des einen Gottes.
An uns ist etwas geschehen.
Ein neuer Anfang ist gemacht.
Amen.
*)
Damals kam Jesus aus Galiläa an den Jordan zu Johannes.
Er wollte sich von ihm taufen lassen.
Johannes versuchte, ihn davon abzuhalten.
Er sagte:»Ich müsste doch eigentlich von dir getauft
werden! Und du kommst zu mir?«
Jesus antwortete: »Das müssen wir jetzt tun.
So erfüllen wir, was Gottes Gerechtigkeit fordert.«
Da gab Johannes nach.
Als Jesus getauft war, stieg er sofort aus dem Wasser.
In diesem Moment öffnete sich der Himmel über ihm.
Er sah den Geist Gottes, der wie eine Taube auf ihn
herabkam.
Da erklang eine Stimme aus dem Himmel:
»Das ist mein geliebter Sohn, an ihm habe ich Freude.«
**)
https://www.ardmediathek.de/video/dokus-im-ersten/sturm-auf-das-kapitol-oder-doku/das-erste/Y3JpZDovL2Rhc2Vyc3RlLmRlL3JlcG9ydGFnZSBfIGRva3VtZW50YXRpb24gaW0gZXJzdGVuLzE5ZjJiNWZmLWQ1MzItNGQ5Zi1iNzBjLWY0Y2QxZGJlMTE0ZQ/
https://www.arte.tv/de/videos/103011-000-A/der-sturm-aufs-kapitol/
Dienstag, 28. Dezember 2021
Mehr Gutes als du denkst
Der kleine Lord und die Gotteskinder dieser Welt
Predigt zu Weihnachten
(mit großem Dank an Holger Pyka, mit dem ich zu nächtlicher Stunde die Ideen gesponnen habe, und von dem ich auch einige Formulierungen teile (insbesondere die, die die Filmhandlung erzählen))
1. Gutes Herz?
„Keiner in der ganzen Welt hat so ein gutes Herz wie du, Großvater,
das weiß ich ganz bestimmt.“
Cedric, der kleine Lord Fauntleroy, schaut mit großen Augen seinen Großvater an, den Earl of Dorincourt. Der Diener nebendran verzieht sein Gesicht. Für mich die Schlüsselszene in dem Film, der seit 1980 an keinem Weihnachten fehlen darf: „Der Kleine Lord“. Ein Film, wo es eigentlich viel mehr um den alten Earl geht als um den kleinen Lord Fauntleroy.
Der Earl ist ein steifer alter Griesgram. Seine Untergebenen fürchten ihn, sein riesiges Schloss ist kalt und verwaist. Seine beiden Söhne sind tot, es gibt aber einen Enkel: Cedric, auch Ceddie genannt. Ausgerechnet. Ceddies Vater hatte eine bürgerliche Amerikanerin geheiratet - ist nach New York ausgewandert und hat dem Schloss und dem Earl den Rücken zugekehrt, dem er nicht mehr gut genug war. Der Earl ist verbittert, kann die Welt im Allgemeinen und Amerikaner im Besonderen nicht ausstehen. Trotzdem lässt er Cedric aus Brooklyn holen, damit er ihn zu seinem Nachfolger machen kann. „Ich muss einen Barbaren erziehen“, schnaubt er nach der ersten Begegnung mit seinem Enkel über einem Glas Sherry. Er ahnt an diesem ersten Abend noch nicht, was mit ihm in den nächsten Wochen passieren wird.
2. Kinder Gottes
Im 1. Brief des Johannes lesen wir (1. Johannes 3, 1-2):
Seht doch, wie groß die Liebe ist, die der Vater uns geschenkt hat:
Wir heißen Kinder Gottes, und wir sind es tatsächlich.
Doch diese Welt weiß nicht, wer wir sind. Denn sie hat Gott nicht erkannt.
Ihr Lieben, jetzt sind wir Kinder Gottes.
Aber was wir einmal sein werden, ist noch gar nicht sichtbar.
Wir wissen jedoch: Wenn es offenbar wird, werden wir Gott ähnlich sein.
Denn dann werden wir ihn sehen, wie er ist.
3. Das weiß ich ganz bestimmt
In dir ist mehr Gutes als du denkst, denn du bist ja ein Kind Gottes.
Das ist kein frommer Spruch und nicht nur so daher gesagt.
Es verändert dich. Es befreit deine Seele, sich wirklich zu zeigen.
Wie das gehen kann, zeigt Cedric, der kleine Lord. Er freut sich unbändig auf den ihm unbekannten Großvater. Selbst die ersten steifen Begegnungen mit dem Earl lassen ihn nicht zweifeln, dass der Earl ein gutes Herz hat.
Eines Tages beim Frühstück kommt der Dorfpfarrer ins Schloss Dorincourt. Er kommt auf Bitten des Bauern Higgins, der mit der Pacht im Rückstand ist und Medizin für seine Kinder kaufen muss.
„Higgins war und ist immer in Schwierigkeiten, weil er ein schlechter Farmer ist“, macht der Earl unmissverständlich klar und wendet sich wieder seinem Frühstück zu.
„Sollte ihm die Farm genommen werden, muss die Familie Hungers sterben“, sagt der Pfarrer.
Der Kleine Lord, der die ganze Zeit über aufgeregt von einem zum anderen geguckt hat, mischt sich ins Gespräch ein: „Mein Großvater wird das nie und nimmer erlauben!“ Der Großvater verzieht das Gesicht. „Wir haben einen Philantropen in unserer Mitte“, schnaubt er. Sein Enkel geht um den großen Tisch herum, stellt sich hinter ihn und legt ihm die Hände auf die Schulter. Der Großvater verzieht das Gesicht bei so viel un-englischer, so un-aristokratischer Nähe, aber der Kleine Lord sagt mit dem ganzen Ernst und der ganzen Überzeugungskraft eines Zehnjährigen:
„Keiner in der ganzen Welt hat so ein gutes Herz wie du, Großvater,
das weiß ich ganz bestimmt. Ich weiß, du wirst Higgins helfen. Das steht sowieso fest.“
Das sind die Momente, wo das Herz auftaut. Das Herz vom alten Earl und meines auch.
Hier sagt einer: In dir ist mehr Gutes als du denkst. Das steht sowieso fest.
Du bist ein Kind Gottes. Die Welt weiß es noch nicht.
Du selbst vielleicht auch nicht. Aber ich weiß es. Es steht sowieso fest.
Irgendwann sagt der alte Earl unter Tränen zu seinem Anwalt:
„Ich bin kein Mensch zum Gernhaben. Und doch… er vermag mich gernzuhaben.“
4. Jesus, der kleine Lord
Jesus, der große kleine Lord in der Krippe, der konnte und kann das auch:
Gernhaben, bei wem es allen anderen sonst schwerfällt. Sehen, was sonst keiner sieht.
Das Gute, das Gotteskind in der Seele. Das, was sowieso feststeht, obwohl es niemand zu hoffen wagt.
So sieht er Zachäus (Lukas 19) auf dem Baum. Ein korrupter Zollbeamter, über den alle die Nase rümpfen, weil er sie übers Ohr haut. Jesus erkennt in ihm nicht nur jemanden, über den man im Himmel ein Freudenfest feiert, sondern auch den, zu dem man sich unbedingt mal zum Essen einladen muss. Und das allein krempelt diesen Zachäus so um, dass er auf einmal alles teilt, was er hat. Er braucht seinen Schutzpanzer aus Kälte und Geld und Macht nicht mehr. Er ist frei zu lieben und zu leben wie - wie ein Kind Gottes.
Das hat der kleine große Lord Jesus geschafft, der wie Cedric keine Berührungsängste kennt. Inmitten der kaputten und verqueren Welt sieht er eine neue Welt schon anbrechen. Wasser wird zu Wein, Kranke werden geheilt, Armen wird das Evangelium verkündet. Und das alles fängt in einem Stall an und mit Hirten und Engeln und einem Kind in der Krippe. Einem Gotteskind.
5. Kraft der Veränderung
„Keiner in der ganzen Welt hat so ein gutes Herz wie du, Großvater,
das weiß ich ganz bestimmt.“
Cedric verändert den alten griesgrämigen hartherzigen Earl. Die Seele vom Earl schält sich heraus aus der Bitterkeit und er fängt an, seine Welt mit anderen Augen zu sehen. Sieht die Not seiner Pächter unterhalb von seinem Schloss und nimmt sich ihrer an. Selbstkritisch sagt er zum kleinen Lord: "Wenn du Earl sein wirst, sei verantwortungsvoller, als ich es gewesen bin.“ Er lernt Fußballspielen mit einer Blechdose und holt Cedrics Mutter ins Schloss. Und am Ende lädt er alle zu einem Weihnachtsfest ein. Der bisher so kalte und traurige Festsaal wird mit Tannengirlanden und Kerzen geschmückt. Die Tische biegen sich unter Truthähnen und Spanferkeln, helles Gelächter hallt durch den Raum, am Tisch sitzen nicht nur seine amerikanische Schwiegertochter, sondern auch ein Schuhputzer aus Brooklyn, der Pfarrer aus dem Dorf, die Bediensteten des Schlosses und sogar Mr. Higgins, der verschuldete Pächter.
Und der ehemals so kühle Earl sagt mit leicht feuchten Augen:
„Das ist das fröhlichste Weihnachtsfest, das ich gefeiert habe.“
In dir ist mehr Gutes als du denkst, denn du bist ja ein Kind Gottes.
Das Kind in der Krippe lässt jedenfalls genauso wenig locker wie Cedric, der kleine Lord. Es bahnt sich seinen Weg durch unsere Herzen wie durch das Schloss von Dorincourt. Und es verändert uns, weil es das Gute sieht. Das Gotteskind in mir und in dir.
Zu schön, um wahr zu sein? Vielleicht. Aber sowas passiert immer wieder.
Als meine Tochter 4 Jahre alt war, hat sie mich gelehrt, ganz anders und neu auf meinen Vater zu schauen. Meine Mutter war alleinerziehend, mein Vater war lange der, der meine Mutter sitzen ließ. Es gab zwar immer wieder gemeinsame Ausflüge, aber herzlich war das Verhältnis zwischen ihm und mir nie. Kurz vor seinem Tod bat er mich, ihn zu besuchen. Mein Mann überredete mich, der Bitte nachzugeben. Und so gingen wir hin. Für meine Tochter war das aufregend. Endlich würde sie ihren Opi kennenlernen. Sie strahlte ihn an. Für mich war er der Mann, der mir fern war und fremd. Für sie war es der Opi, der ihr ein tolles Buch schenkte. Sie umarmte ihn mit kindlicher Liebe und kindlichem Vertrauen.
Meinen Vater hat sie nicht verändert, aber mich. Ich sah in seinen Augen das Glück über seine Enkeltochter. Und vorsichtigen Blicke zu mir, als wollte er um Verzeihung bitten. Mein Herz wurde weicher. Meine Seele öffnete sich für ihn.
6. Befreiung
Vielleicht hast du sowas auch schon mal erlebt?
Und vielleicht kann diese unsere Welt das auch erleben, dass sie verwandelt wird, dass die Seelen weit werden? Ich jedenfalls hoffe mit aller Kraft meines kindlichen Herzens darauf. Und vielleicht wird die neue Welt so sein wird wie Weihnachten auf Schloss Dorincourt. Da ist die strenge Sitzordnung aufgehoben, da sitzen hohe Herrschaften und Untergebene Seite an Seite. Leute, die noch in der letzten Woche in München Polizisten über den Haufen rannten, schenken diesen Wein ein und gemeinsam prosten sie sich zu. Ein Bewohner des Eutinger Tals (das ist unsere "Earls Lane") reicht dem Oberbürgermeister eine Putenkeule. Geflüchtete vom Lager an der griechischen Grenze finden hier auch noch Platz und von irgendwoher erklingt Streichermusik. .
Naiv? Zu schön um wahr zu sein. Vielleicht.
Aber ich versuche, Jesus zu glauben, wenn er zu mir sagt:
„Keiner in der ganzen Welt hat so ein gutes Herz wie du, das weiß ich ganz bestimmt.“
Denn ich bin ein Kind Gottes. Und du bist ein Gotteskind.
Und wenn es offenbar wird, werden wir Gott ähnlich sein.
Fang darum schon mal mit mir an, du kleiner Lord in der Krippe.
Befreie meine Seele mit deiner Liebe.
Amen.
Montag, 27. Dezember 2021
Am Straßenrand der Welt
Predigt zu Heiligabend (Micha 5,1-4)*
(mit Dank an Friederike Erichsen-Wendt, Friederike Goedicke, Michaela Jecht, Anne Gideon und Stephanie Höhner für Ideensplitter und Coaching)
1. Ausgerechnet dort
Ein kleiner Punkt auf der Landkarte.
Irgendwo in einer römischen Provinz.
Bethlehem - Haus des Brotes heißt es. Ein Dorf. Mehr nicht.
Das Klima scheint rauh zu sein. Kein Platz für Fremde, noch nicht mal für Hochschwangere.
Außer in einer Absteige, die gerade mal gut genug für das Vieh ist.
Robuste Gesellen auf den Feldern, die niemand im Blick hat.
Dort am Straßenrand der Welt.
Was kann schon Gutes aus Bethlehem kommen?
2. Micha 5,1-4
Viel. Sagst du, Gott.
Und dein Prophet Micha schreibt ein paar Jahrhunderte zuvor:
Und du, Bethlehem Efrata, die du klein bist unter den Tausenden in Juda,
aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei,
dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist.
Indes lässt er sie plagen bis auf die Zeit, dass die, welche gebären soll, geboren hat.
Da wird dann der Rest seiner Brüder wiederkommen zu den Israeliten.
Er aber wird auftreten und sie weiden in der Kraft des Herrn
und in der Hoheit des Namens des Herrn, seines Gottes.
Und sie werden sicher wohnen;
denn er wird zur selben Zeit herrlich werden bis an die Enden der Erde.
Und es wird der Friede sein.
3. Der kleine David aus Bethelehem
Ein kleiner Punkt auf der Landkarte. Irgendwo in der Provinz.
Unwichtig. Unbedeutend. Alltäglich.
Dorthin wurde einst der alte Prophet Samuel hingeschickt, um einen neuen König zu salben.
Dorthin? Fragte er. Ja, dorthin, sagte Gott.
Stattliche Männer werden ihm, dem alten Propheten, vorgeführt. Aber sie waren es nicht.
Ein Mensch sieht, was vor Augen ist, Gott aber sieht das Herz an.
Und so wird ein Jugendlicher mit roten Haaren vom Feld weg geholt.
David heißt er. Ein Träumer, spielt Harfe, schreibt Gedichte.
Alles andere als ein starker Held. Viel zu zart für eine schwere Rüstung. Aber er ist es.
Er wird von dem alten Samuel gesalbt. Auf ihm ruht alle Hoffnung.
Ein großer König soll er werden. Obwohl ihn niemand im Blick hat.
Und er wurde ein großer König – nebenan im großen Jerusalem.
Weg vom Straßenrand der Welt.
Aber die Hoffnung auf Frieden konnte auch er nicht erfüllen.
Seine Sehnsucht nach Macht, nach Großsein war vielleicht zu verführerisch.
Und so blieb letzlich die Hoffnung auf einen neuen David.
Einer, bei dem wirklich alles gut wird. Auch der Straßenrand.
4. Stern über Bethlehem
Viele hundert Jahre später machen sich drei Sterndeuter auf den Weg.
Sie haben ihn entdeckt: Einen kleinen Punkt am Nachthimmel.
Sie wissen, dass da oben eine besondere Konstellation aus Sternen zu sehen ist.
Eine, die sie in die große Stadt Jerusalem zum großen Palast des Herodes führt,
weil sie etwas Großes, Königliches erwarten. Sie suchen das Große im Großen.
Aber dort finden sie es nicht.
Nur eine zweifelhafte Macht,
die sich an den letzten Strohhalm klammert und keinen Trick auslässt.
Der kleine helle Punkt am Nachthimmel führt sie aber weiter zum kleinen Dorf Bethlehem,
das sie nicht im Blick hatten.
Dorthin? Fragen sie. Ja, dorthin, sagt der Stern.
Dort, wo es klein und rauh und robust zugeht.
Von wo nichts Gutes, nichts Großes zu erwarten ist.
Am Straßenrand der Welt.
5. Im Stall in Bethlehem
Und dort ist dieses Kind, auf dem alle Hoffnung ruht.
Auch nicht viel größer als ein Punkt, jedenfalls vom Palast aus gesehen.
Geboren in einem nichts.
Und die drei Fremden stehen vor einer Scheune.
Vielleicht hören sie ein leises Weinen oder wie sich Josef schneuzt.
Vielleicht riechen sie das Heu und den Tierdung und den Schweiß von Maria.
Vielleicht sehen sie, wie von weiter hinten dunkle Gestalten vom Feld kommen,
mit müden Schritten - auf der Suche nach was Großem, wie sie.
Und bestimmt sehen sie das Kind.
Gottes Kind, das das erste Mal atmet und schreit
und dessen Augen zum ersten Mal zwischen hell und dunkel unterscheiden.
6. Der eine Moment
Ein kleiner Punkt im Leben, ein kleiner Moment,
eigentlich ein Nichts, und doch so voller Leben und darum so wunderbar groß.
Du kennst das, oder?
Ein Moment, den man am liebsten festhalten möchte.
Weil er so ganz anders ist, als der Rest der Zeit.
Und weil er kurz vergessen lässt, was da draußen los ist.
In so einem Moment fängt die Hoffnung an.
Vergangenheit und Zukunft verschwimmen. Ein Hirtenjunge wird gesalbt.
Ein Stern weist den Weg. Schmerzen in der Nacht kündigen das Wunder des Morgens an.
Und das Wunder liegt in deinen Armen.
Der Moment, wenn du nicht nur den einen Stern siehst,
sondern das ganze Weltall, das dich umarmt.
Weil hier im kleinen Punkt das Größte durchscheint.
7. Was das große Kind erzählt
Und dann ist dieser eine Punkt im Leben irgendwann vorbei. Der Stern zieht weiter.
Die Sterndeuter kehren in ihre Heimat zurück, die Hirten zu den Schafen,
Maria und Josef mit dem Kind nach Nazareth.
Viele viele Punkte im Leben später,
da erzählt das große Kind aus der Krippe von all dem Kleinen am Straßenrand.
Schau hin. Sagt es.
Schau auf das kleinste Senfkorn, in dem das Reich Gottes steckt. Ein Punkt in der Hand.
In ihm steckt was Großes, was Überwältigendes.
Gib ihm Erde. Gib ihm Wasser. Lass ihn wachsen.
Und so ist es mit dir.
Noch in deinem kleinsten Glauben verbirgt sich die Kraft zu größter Veränderung.
Schau hin, sagt das Kind:
die Münze der armen Witwe zählt mehr als Gold,
die Kinder sind geschickt für das Himmelreich
und das kleine Stück Brot schmeckt nach der Liebe Gottes.
Und ich sage: ja!:
in einem kleinen Kind in der Krippe am Straßenrand verbirgt sich der Gott aller Welt.
Und dort beginnt der Frieden.
8. Friede beginnt mit einem kleinen Punkt
Dort am Straßenrand. Dort im Schmerz.
Dort beginnt der Frieden, der höher ist als alle Vernunft. Dort, wo du nicht damit rechnest.
In einem kleinen Punkt auf der Landkarte oder in deinem Leben.
Der Frieden macht die groß, die klein gemacht werden.
Er kommt zu denen, die ihn nicht kennen.
Die um ihre Liebsten weinen und vor Trauer nicht wissen, was sie noch glauben können.
Denen die Tür vor der Nase zugeschlagen wird, weil man ihnen nicht traut.
Die nur einen Platz in der Krippe finden. Oder im Obdachlosenheim. Oder auf der Intensivstation.
Zu ihnen kommt er.
Die, die denken, sie seien es nicht wert: Ihnen legt Gott einen Säugling vor die Füße.
Ein Punkt in ihrem Leben. Nichts Großes.
Nur ein Schrei. Zwei Hände. Zwei Füße. Eine Nase. Zwei Augen. Ein Mund. Ein Kind.
9. Augen auf für das Kleine in deinem Leben
Ein Punkt im Leben. In deinem Leben.
So ein Punkt in meinem Leben war ein Busfahrer hier in Pforzheim.
Mein erstes Weihnachten hier. Meine erste Christvesper in der Stadtkirche.
Und ich hatte meinen 10jährigen Sohn dabei.
Ich weiß nicht mehr warum, aber wir hatten kein Auto dabei. Also Busfahren.
Warum auch nicht.
Als wir die Kirche verließen, schauten wir auf die Uhr.
Oh, wir müssen uns beeilen. Der letzte Bus fährt gleich.
Also rennen wir. Kommen an der Bushaltestelle an. Außer Atem.
Der Bus kommt. Ich krame nach meinem Geldbeutel. Mist. Ich hatte ihn nicht dabei.
Der Busfahrer schaut mich und meinen Sohn an.
Er wusste: es ist die letzte Fahrt für heute. Und wir die einzigen Fahrgäste.
Steigen Sie ein, grummelt er. Ich nehme Sie mit.
Erleichtert setzen wir uns auf die Plätze.
In meiner Manteltasche fühle ich einen Schokoweihnachtsmann -
einen von denen, die ich an die Mitarbeiter*innen verteilt hatte. Den hatte ich noch übrig.
Paar Stationen später müssen wir aussteigen.
Spontan gehe ich nach vorne zum Busfahrer, gebe ihm den kleinen Weihnachtsmann
und sage: Frohe Weihnachten!
Frohe Weihnachten, strahlt er zurück, und stellt ihn ehrfürchtig vor sich auf die Ablage.
Ein Punkt im Leben.
Ein Punkt, wo das Große aufblitzt. Das weite Herz. Der Mut zur Ausnahme.
Vielleicht auch heute. Wo du hier in der Kirche bist. Oder zuhause am Tisch.
Und du zündest eine Kerze an oder viele. Lauter Punkte. Helle Punkte.
Und sie leuchten für dieses Kind in der Krippe.
Dieses Kind, das dir die Augen öffnet für das Kleine am Straßenrand der Welt.
10. Friede kommt aus dem Kleinen
Als die Sterndeuter zurückgehen, machen sie einen großen Bogen um das große Jerusalem.
Einen Bogen um den großen Königspalast und die großen Herren.
Weil von dort nicht der Friede kommt.
Sondern vom Kleinen. Vom Straßenrand.
Von einem Stall, wo es nach Tierdung riecht.
Wo Gott das erste Mal atmet und schreit, wo das Kind in der Krippe dich ansieht.
Wo Hirten ihre weiche Seite entdecken.
Von dort kommt der Friede.
Und von einem Busfahrer, der dich mitnimmt auf deinem Weg durch diese Welt.
Von dort? Ja, von dort.
Amen.
* wurde (leicht abgewandelt) bereits veröffentlicht unter https://predigten.evangelisch.de/predigt/am-strassenrand-der-welt-predigt-zu-mi-51-4-von-christiane-quincke
Sonntag, 12. Dezember 2021
Lichtpunkte in meine Seele gestreut
Von Johannes, dem Täufer, Jesus und Jochen Klepper
Predigt zu Matthäus 11 und dem Lied "Die Nacht ist vorgedrungen" (EG 16)
Zum 3. Advent
1. Wie weit ist es noch?
Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern!
So sei nun Lob gesungen dem hellen Morgenstern!
Auch wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein.
Der Morgenstern bescheinet auch deine Angst und Pein.
(Matthäus 11, 2-3)
Johannes saß im Gefängnis. Dort hörte er von den Taten des Christus.
Deshalb schickte er seine Jünger zu Jesus und ließ ihn fragen:
»Bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten?"
Ist es endlich so weit?
Johannes sehnt sich nach Zeichen der Hoffnung. Nach Licht. Eingekerkert, weil er zu direkt war. Zu laut in seiner Kritik. Nun ist er stummgeschaltet, ausgeliefert. Sitzt im Dunklen. Allein.
Wie so viele auch jetzt in Weißrussland und in Saudi-Arabien, in Äthiopien und in Myanmar.
Für sie wurden am Freitag, am Tag der Menschenrechte, die Gebäude grün angestrahlt.
Menschen, wie Johannes, und die fragen: Ist es endlich so weit?
Jochen Klepper trieb diese Frage auch um, als der das Gedicht „Die Nacht ist vorgedrungen“ 1937 schrieb. Es war finster in Deutschland. Die Nazis hatten das Land vergiftet mit einer Ideologie, die die Menschen unterteilte in wertvoll und unwert. Jochen Klepper bekam das hautnah zu spüren, denn sein Frau Johanna und seine Stieftöchter waren Jüdinnen. Für Nazis unwert. Und es wurde immer dunkler um sie herum. Auch für Jochen Klepper, der wegen seiner Ehe mit einer Jüdin seinen Beruf als Journalist und Redakteur verlor. Selbst die Kirche schützte ihn nicht. Das schlimmste war vielleicht: 1937 war noch kein Ende der Naziherrschaft abzusehen.
Was blieb, war die Hoffnung, dass es irgendwann wieder gut wird.
Dass die Nacht ein Ende hat und der Morgenstern aufleuchtet.
Auch der Täufer Johannes hat nichts anderes als diese Hoffnung.
Ist es endlich soweit? Bist du, Jesus, der, der kommen soll? Der alles zum Guten wenden wird?
Ich sitze nicht im Gefängnis wie Johannes
und ich bin nicht verfolgt und gedemütigt wie Jochen Klepper,
aber auch ich sehne mich nach diesem Licht. Danach, dass es endlich gut werde.
Ist es so weit? Bist du es, Jesus?
2. Zeichen der Hoffnung
(Matthäus 11, 4-6)
Jesus antwortete ihnen: »Geht und berichtet Johannes, was ihr hört und seht:
›Blinde sehen und Lahme gehen. Menschen mit Aussatz werden rein.
Taube hören, Tote werden zum Leben erweckt, und Armen wird die Gute Nachricht verkündet.‹
Glückselig ist, wer mich nicht ablehnt.«
Dem alle Engel dienen, wird nun ein Kind und Knecht.
Gott selber ist erschienen zur Sühne für sein Recht.
Wer schuldig ist auf Erden, verhüll nicht mehr sein Haupt.
Er soll errettet werden, wenn er dem Kinde glaubt.
Es ist so weit. Blinde sehen. Lahme gehen. Taube hören.
Und ich denke an die junge Schwedin Greta, die Millionen von Jugendlichen auf die Straße gebracht hat.
Ja, es bleibt nichts, wie es jahrhundertelang war.
Und so waren wir dieses Jahr endlich so weit und haben ein gemeinsame Chanukka-Advents-Fest geplant, christliche und jüdische Schwestern und Brüder. Nur die Pandemie konnte uns bremsen.
Blinde sehen. Lahme gehen. Taube hören. Ja, es passiert was.
Postkartenaktionen für politische Gefangene haben Erfolg. Ein großes Bündnis schickt gleich mehrere Schiffe ins Mittelmeer, damit Flüchtlinge nicht ertrinken müssen. Und die 31jährige Reem Alabali-Radovan, die einst als Geflüchtete nach Deutschland kam, ist Integrationsbeauftragte der Bundesregierung geworden.
Natürlich sind das nicht die Zeichen des Heils, auf die Jesus hinweist. Aber sie sagen mir: ich hoffe nicht vergebens darauf, dass es besser werden kann.
Es gibt Zeichen der Hoffnung. Auch jetzt. Oft sind sie nur so klein wie der Morgenstern am Himmel. Oder noch kleiner. Aber sie sind da. Mir hilft das irgendwie.
Und ich nehme diese Hoffnungszeichen mit in mein Leben.
3. Rückkehr
Die Nacht ist schon im Schwinden, macht euch zum Stalle auf!
Ihr sollt das Heil dort finden, das aller Zeiten Lauf
von Anfang an verkündet, seit eure Schuld geschah.
Nun hat sich euch verbündet, den Gott selbst ausersah.
(Matthäus 11, 7a)
Die Jünger von Johannes gingen wieder zurück.
Auch wenn die ersten Zeichen da sind, dass es anders wird: die Welt ist noch dieselbe.
Johannes bleibt noch im Gefängnis und wird ermordet. Jochen Keppler nahm sich am 11. Dezember vor 79 Jahren das Leben. Und mit ihm seine Frau Johanna, seine Stieftochter Renate. Er hätte sich von ihnen scheiden müssen. Und sie wären deportiert und ermordet worden.
Ich trauere um diese Familie, die ich nie kennengelernt habe. Um einen Dichter, der sich dem Nationalsozialismus entgegenstellte. Ich trauere um all das sinnlose Leid, die wir Menschen uns gegenseitig zufügen. Um die verpassten Chancen, wo wir mutiger und barmherziger hätten sein sollen.
Und ich weiß: auch ich bin ein Teil dieser Dunkelheit
und umso mehr sehne ich mich nach einem Licht.
Nach dem Licht, dass dieses Kind in der Krippe in meine Welt bringt.
Ich nehme mir vor, die hoffnungsstiftenden Zeichen zu sehen - sie zu finden.
Den kleinen Herrnhuter Stern in der dunkelsten Ecke meiner Wohnung.
Die Vögel, die sich über die Körner freuen, die ich ihnen hingestreut habe.
Ein fröhlich stimmendes Musikstück auf YouTube.
Oder noch besser, wenn ich es gerade live hören kann. Hier in der Kirche zum Beispiel.
Eine liebevolle Karte, die mir eine Freundin schickt. Mit sehr freundlichen Socken.
Und die Kraft, die viele immer noch aufbringen, um anderen ein wunderschönes Weihnachtsfest zu ermöglichen.
Alles das sind kleine Lichtpunkte, die mir Jesus hinstreut, wie ich den Vögeln die Körner.
Nahrung für den Winter.
Noch manche Nacht wird fallen auf Menschenleid und -schuld.
Doch wandert nun mit allen der Stern der Gotteshuld.
Beglänzt von seinem Lichte, hält euch kein Dunkel mehr,
von Gottes Angesichte kam euch die Rettung her.
4. Bald ist es so weit
Es gibt sie, die Hoffnungszeichen. Die Menschen, die ihr Licht verbreiten.
Sie klammern sich an die Hoffnung auf das Gute und machen einfach immer weiter.
Die Pfadfinder und Pfadfinderinnen, die das Friedenslicht von Bethlehem verteilen. Heute.
Die Ärztinnen und Krankenpfleger im Krankenhaus. Die Fridays-for-future-Kids. Die Leute von amnesty und seawatch. Der alte Mann, der mir mit rauher Stimme ein Weihnachtslied vorsingt.
Menschen wie Johannes und Greta und Reem Alabali-Radovan.
In ihnen allen erkenne ich das Kind aus dem Stall. Wenn ich genau hinschaue.
Und in Jochen und Johanna Klepper auch.
Gott wohnt im Dunkel und er macht es heller. Sie wischt die Tränen ab und streut mir Lichtpunkte hin wie Körner für den Winter. Worte und Gedanken und Ideen von Menschen. Ihre Liebe zum Leben und ihre Sehnsucht nach Licht.
Blinde sehen. Lahme gehen. Taube hören. Ja, das Licht ist da. Auch in mir. Es ist so weit.
Lichtpunkte in meiner Seele. Bitte, Gott, zünde sie in mir an.
Amen.
Gott will im Dunkel wohnen und hat es doch erhellt.
Als wollte er belohnen, so richtet er die Welt.
Der sich den Erdkreis baute, der lässt den Sünder nicht.
Wer hier dem Sohn vertraute, kommt dort aus dem Gericht.
Montag, 8. November 2021
Mit dir den Frieden leben
Predigt zu Micha 4, 1-5
I.
Aus dem Buch des Propheten Micha:
Am Ende der Tage wird es geschehen:
Der Berg mit dem Haus des Herrn steht felsenfest.
Am Ende der Tage wird es geschehen:
Meine Träume werden wahr.
Nichts kann mich dann noch umwerfen.
Felsenfest ist endlich mein Glaube, dass diese Welt eine gute Zukunft hat.
Wenn ich dann bete, bin ich mir sicher, dass Gott mich hört.
Am Ende der Tage gibt es CO2-freie Flugzeuge, die mir erlauben, ohne schlechtes Gewissen zu fliegen.
Und die Ärztinnen wissen, wie sie den Krebs besiegen.
Am Ende der Tage ist mir egal, wenn andere über mich urteilen.
Denn ich weiß dann auch tief in mir drin, dass ich geliebt bin. So wie ich bin.
Am Ende der Tage…
II.
Der Berg mit dem Haus des Herrn steht felsenfest.
Er ist der höchste Berg und überragt alle Hügel.
Ich gehe auf den Wallberg und schaue auf die Stadt.
Ich sehe den Stadtkirchenturm und das Rathaus.
Die Spitze vom Zeltdach der Thomaskirche.
Die Hinterhöfe in der Weststadt und die Hochhäuser vom Haidach,
die bunten Blätter vom Büchenbronner Wald.
Ich stehe auf dem Wallberg und unter meinen Füßen sind die Trümmer der Stadt,
die Trümmer einer Nacht voller Bomben,
eines Krieges, der nicht nur die Gebäude zerstört hat.
Trümmer einer Generation, die den Krieg bejubelt hat und dann seine Opfer beweinte.
Nun überragt der Wallberg alle Hügel.
Wenn ich dort stehe, schaue ich weit.
Und ich wünsche mir, dass wir alle noch viel weiter sehen.
Bis an das Ende der Tage.
Damit wir wissen, was wir jetzt zu tun haben.
III.
Dann werden die Völker zu ihm strömen.
Viele Völker machen sich auf den Weg und sagen:
Auf, lasst uns hinaufziehen zum Berg des Herrn,
zum Haus, in dem der Gott Jakobs wohnt!
Er soll uns seine Wege weisen.
Dann können wir seinen Pfaden folgen.
Am Ende der Tage suche ich mit dir gemeinsam danach, was für die Welt gut ist.
Statt aufeinander einzudreschen.
Statt sich auszustechen oder auf das eigene Recht zu pochen.
Gemeinsam tun wir alles dafür, dass CO2 eingespart wird. Und zwar richtig.
Gemeinsam - alle Staaten der Welt - retten wir Flüchtlinge in Seenot.
Bringen sie unter und geben ihnen eine neue Heimat.
Ja, wir tun uns zusammen, damit alle genug zum Leben haben.
Muslime und Jüdinnen, Christinnen und Jesiden, Gläubige und Nichtgläubige.
Am Ende der Tage gibt es keine falschen Propheten mehr.
Keine, die wie vor über 80 Jahren einen „gesunden Volkskörper“ propagieren.
Keine, die Synagogen, Moscheen und Kirchen schänden.
Und keine, die zwischen wertem und unwertem Leben unterscheiden.
Am Ende der Tage lebe ich mit dir den Frieden
und für mich riecht er nach Rosen und Lavendel, nach Zitrone und Thymian.
IV.
Auf, lasst uns hinaufziehen zum Berg des Herrn,
denn vom Berg Zion kommt Weisung.
Das Wort des Herrn geht von Jerusalem aus.
Er schlichtet Streit zwischen vielen Völkern.
Er sorgt für das Recht unter mächtigen Staaten, bis hin in die fernsten Länder.
Am Ende der Tage wird das Recht wiederhergestellt.
Wie bei Malala, Friedensbotschafterin der UN, 24 Jahre alt.
Als Schülerin in Pakistan schrieb sie in ihrem Blog davon,
dass auch sie das Recht habe, in die Schule zu gehen.
Sie hatte vom Tagebuch der Anne Frank gehört und ihre Wünsche und Träume veröffentlicht.
Die Taliban versuchten sie zum Schweigen zu bringen und schossen ihr in den Kopf.
Aber sie wurde gerettet - in England. Und sie ist nun lauter als je zuvor.
Am Ende der Tage wird das Recht wieder hergestellt.
Und ich bin froh, dass Gott es immer wieder tut.
V.
Dann werden sie Pflugscharen schmieden aus den Klingen ihrer Schwerter.
Und sie werden Winzermesser herstellen aus den Eisenspitzen ihrer Lanzen.
Manchmal scheint das Ende der Tage nah.
Wie in den 80er Jahren:
In Westdeutschland große Friedensdemos gegen die Aufrüstung der Supermächte.
Blockaden vor Mutlangen und Sitzwachen in Heidelberg.
In Ostdeutschland musste man subtiler vorgehen:
Schwerter zu Pflugscharen - einst von den Sowjets vor das UNO-Gebäude gestellt.
Nun als Protestzeichen gegen die Wehrerziehung und das Säbelrasseln, aufgenäht auf Jacken.
"Schwerter zu Pflugscharen" ging um die Welt.
Nach dem Fall der Mauer war die Hoffnung groß:
Der kalte Krieg hat sich endgültig erledigt, hoffte man.
Die großen Mächte der Welt haben doch nun verstanden,
dass ein Krieg mit den heutigen Waffen für alle tödlich wäre - für alle.
Es wurden sogar Abrüstungsvereinbarungen getroffen.
Schwerter zu Pflugscharen.
Und doch rasseln sie weiter mit den Säbeln und nicht mit den Winzermessern.
Russland und Weißrussland, Afghanistan und Sudan.
Und immer wieder Israel und Palästina,
ausgerechnet dort, worauf der Prophet Micha all seine Hoffnung setzt.
Wie lange dauert es noch bis zum Ende der Tage?
VI.
Dann wird es kein einziges Volk mehr geben,
das sein Schwert gegen ein anderes richtet.
Niemand wird mehr für den Krieg ausgebildet.
Malala überlebte die Schüsse und vor allem ein Satz von ihr ist um die Welt gegangen:
„Ein Kind, eine Lehrkraft, ein Stift und ein Buch können die Welt verändern“.
Die Unesco gründete den Malala-Fond.
Der soll weltweit das Recht auf Bildung durchsetzen.
Schwerter zu Schreibstiften und Büchern.
Am Ende der Tage gibt es keine Waffenexporte mehr, sondern Stiftexporte.
Vielleicht findest du das naiv?
Damit bist du nicht allein.
Und auch mir fehlt oft die Phantasie, ob es wirklich anders gehen kann.
Ob es wirklich eine Welt ohne Schwerter und Panzer geben wird.
Aber es gibt Menschen, die darüber intensiv nachdenken.
Sie entwickeln Szenarien wie es uns gelingen kann, ohne eine Armee zu existieren.
Sicherheit neu denken - sagen sie. (1)
Sie sagen: Für den Frieden brauchen wir keine Waffen,
sondern Bildung und die gerechte Verteilung von Wasser und Energie.
Wir brauchen echte und viele Gespräche - auch zwischen den Religionen - und gute Justizgerichte.
Eine Weltgemeinschaft, die Polizisten schickt und keine Soldaten.
Alles das und viel mehr - aber es geht. Sagen sie.
Nicht erst am Ende der Tage.
Und ja, ich will ihnen glauben. Diesen Propheten des Friedens.
Vielleicht spricht Micha aus ihnen?
VII.
Jeder wird unter seinem Weinstock sitzen und unter seinem Feigenbaum.
Niemand wird ihren Frieden stören.
Am Ende der Tage wird niemand unseren Frieden stören.
So soll es sein.
Wie wär es?
Auf dem Marktplatz wird getanzt - zu Gitarre und Geige, Trommeln und Gesang.
Kebba, der hier vor einer Woche in der Stadtkirche war, tanzt mit.
Er ist aus Gambia hierher geflohen und hat nun einen Ausbildungsplatz.
Die wenigen (!) Autos auf den Straßen sind so langsam,
dass jedes Kind die Straße alleine überqueren kann.
Überall Blumen. Und Lebensmittel werden nicht weggeworfen, sondern geteilt.
Die Synagoge braucht keinen Polizeischutz mehr, weil es niemanden mehr gibt, der sie bedroht.
Auf dem Lindenplatz spielen wir zusammen Boccia.
Wir ärgern uns nicht über die Kreidemalereien auf der Turmwand,
sondern malen zusammen mit den Kindern Blumen und Schmetterlinge.
Der nächste Regen wischt sie wieder ab.
Und dann gehen wir auf den Wallberg, unseren Berg Zion, und schauen auf die Stadt.
Unter unseren Füßen die Trümmer des Krieges.
Und wir wissen, dass wir den Frieden gelernt haben und niemand kann ihn uns wegnehmen.
Weil wir dort gemeinsam stehen und wissen, dass wir uns brauchen.
Ja, wir - verschiedene ganz unterschiedliche Menschen.
Gläubige und Nichtgläubige, Muslime, Jesidinnen, Jüdinnen, Christen.
VIII.
Am Ende der Tage wird es geschehen:
Aus Kriegsschiffen werden Rettungskreuzer, aus Landminen Bleistiftminen.
CO2-freie Flugzeuge lassen uns die Welt entdecken.
Wir lernen, weil wir lernen wollen - so wie wir sind.
Und wir leben den Frieden.
Für mich riecht er nach Rosen und Lavendel, nach Zitrone und Thymian.
Den Frieden leben - ich fang schon mal damit an.
Denn der Herr Zebaot hat es so bestimmt.
Noch rufen viele Völker, jedes zu seinem eigenen Gott.
Wir aber leben schon heute im Namen des Herrn, unseres Gottes,
für immer und alle Zeit.
Amen.
(1) https://www.sicherheitneudenken.de/
Dienstag, 2. November 2021
Wir lassen keine Menschen ertrinken
Beitrag zum Reformationsgespräch 2021
Man lässt keine Menschen ertrinken. Punkt.
Das ist kein Satz aus der Bibel, sondern aus einer Predigt von Sandra Bils.
Und ich stimme ihm uneingeschränkt zu.
Wir Christen und Christinnen können doch gar nicht anders als zustimmen.
Warum?
Ich glaube, jede Christin, jeder Christ kennt die Geschichte vom barmherzigen Samariter (1).
Sie gehört sozusagen zu unserer DNA.
Der Samariter zieht den unter die Räuber gefallenen aus dem Graben,
und versorgt ihn so gut, dass er wieder gesund wird.
Dabei fragt er nicht, warum er die gefährliche Straße gegangen ist,
was er vorher gemacht hat, was er glaubt und woher er kommt.
Er tut es einfach. Aus Nächstenliebe.
Seenotrettung ist ein Akt der Nächstenliebe.
Menschen in Not zu helfen - das gehört zu unserem Auftrag als Christen und Christinnen.
Geh hin und tu desgleichen, sagt Jesus zum Schriftgelehrten.
Menschen in Not zu helfen - das ist ja Aufgabe von eigentlich allen Menschen.
Und ja, es ist deshalb im Grunde eine staatliche Pflicht.
Aber die europäischen Staaten erfüllen diese Pflicht nicht.
Und solange sie das nicht tun, braucht es die zivile Notrettung.
Wir können uns nicht zurücklehnen und sagen: das sollten andere machen, nicht wir.
Der Samariter sagt ja auch nicht: das soll der Rabbi oder der Levit machen. Nicht ich.
Er tut es einfach. Er rettet.
Er rettet damit nicht die Welt.
Und das tun wir auch nicht, wenn wir ein Schiff ins Mittelmeer schicken.
Wir retten nicht die Welt. Wir lösen damit nicht das Problem der Flüchtlingsströme.
Aber wir retten Menschen. Von Gott geschaffene, von Gott geliebte Menschen.
Die schwangere Frau, die ihr Kind in einem sicheren Land zur Welt bringen will.
Der Vater, der seinen Kindern eine Zukunft schenken möchte.
Der Sohn, der von seiner Familie nach Europa geschickt wird, damit wenigstens er überleben kann.
Menschen, die lieben.
Menschen, die weinen und lachen.
Menschen mit einer Geschichte und hoffentlich mit einer Zukunft.
Menschen, die es wert sind, ein gutes Leben zu haben.
Und wir fragen nicht, ob sie die Rettung verdient haben oder nicht.
Spätestens seit der Reformation fragen wir nicht mehr, ob eine Rettung verdient ist oder nicht….
Erst letztens sagte wieder jemand zu mir:
Naja, Seenotrettung ja. Aber dann sollten sie wieder zurück geschickt werden.
Und ein anderer sagte:
Okay, Seenotrettung ja. Aber doch nicht die Wirtschaftsflüchtlinge.
Und ein Gemeinderat sagte: Seenotrettung ja, aber bitte nicht nach Pforzheim holen (2).
Lauter Ja-Aber-Sätze, Seenotrettung? ja, klar - aber….
Mal abgesehen davon, dass Libyen eben kein sicheres Land ist,
wohin man Geflüchtete zurück schicken kann -
und abgesehen davon, dass es bei der Rettung nicht darauf ankommt, warum jemand in Gefahr ist, -
bei solchen Ja-aber-Sätzen kommt mir Paulus in den Sinn.
Ich glaube, der kann ja-aber-Sätze genauso wenig leiden.
Paulus hat ein Lied geschrieben. Das fängt so an:
Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte der Liebe nicht,
so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle.
(3)
Vielleicht müsste es heute anders weitergehen:
- Wenn ich das beste Grundgesetz der Welt hätte und hätte der Liebe nicht,
weil ich meine, dass es nicht für alle gilt, dann wäre es das Papier nicht wert.
- Wenn ich Recht hätte mit meiner Meinung,
dass die Menschen, die fliehen, nicht verfolgt würden, sondern „nur“ Hunger litten -
und ich hätte der Liebe nicht und lasse sie deshalb im Stich, so wäre dieses Rechthaben nichts nütze.
- Wenn ich mir allen Wohlstand erarbeitet hätte und hätte der Liebe nicht, um diesen Wohlstand zu teilen, so wäre ich arm.
Wir haben aber die Liebe. Denn wir sind geliebt.
Und wir fragen nicht, ob jemand die Liebe verdient hat.
Auch die geflüchtete schwangere Frau ist von Gott geliebt. Ist genauso wertvoll wie ich.
Und das gilt auch für den Vater und für den Sohn.
Jeder Mensch ist wertvoll.
Und deshalb lassen wir keine Menschen ertrinken.
Sondern wir geben ihnen, was sie brauchen. Nämlich das Leben.
Und wenn das niemand sonst tut, muss das eben die Kirche tun.
Ohne wenn und aber.
Punkt.
(1) Lukas 10, 25 - 36
(2) https://bnn.de/pforzheim/pforzheim-als-sicherer-hafen-fuer-fluechtlinge-afd-und-uwe-hueck-kritisieren-katja-mast
https://seebruecke.org/sichere-haefen
(3) 1. Korinther 13
Dienstag, 12. Oktober 2021
I wonder how
25 Jahre Ordination und Popgeschichte
Rede zum Ordinationsjubiläum - gehalten am 11.10.2021
I
wonder how, I wonder why
Yesterday
you told me 'bout the blue, blue sky
And
all that I can see is just a yellow lemon tree (1)
Lemon tree
von Fools Garden. Ein
Nummer-1-Hit von 1996, dem Jahr, in dem wir ordiniert wurden.
Ein Song der gute Laune macht, obwohl er Langeweile beschreibt - und den
Wunsch, mehr sehen zu wollen, als den yellow lemon tree,
(der nur ins Lied geraten ist, weil er so gut klingt.) Ein Gute-Laune-Song aus
einer Dazwischenzeit. Und ich finde, das passt zu uns. Auch wir waren so ein
Fools Garden - ein Garten der Närrinnen und Narren im Predigerseminar.
Wir
waren Narren und Närrinnen, die keine Sicherheit mehr hatten, ob sie übernommen
werden würden. Unsicherheit war wie eine Decke, die sich über unser Selbstbewusstsein
legte. Gemeinsam wärmten wir uns mit ihr. Und gemeinsam versuchten wir, sie
wieder abzuschütteln, was uns nicht wirklich gelang. Aber es gelang uns, immer
wieder die gute Laune zu finden: mit der Suche nach dem blue blue sky und wenn wir doch nur einen lemon tree sahen, wollten wir wenigstens die
Zitronen genießen. Sauer und herb und saftig.
(So gönnten wir uns
Gedichtabende mit viel Rotwein, Parodien auf die Vogelleidenschaft von Herrn
Barié und drehten sogar einen Film, an den sich heute nur noch wenige erinnern. I wonder how….)
1996
- Es war Zeit Abschied zu nehmen. Time to say goodbye (2). Goodbye zu den Kurskolleg*innen, zum
Lernen in der Gruppe und Gott sei Dank auch zu den Prüfungen, die manche von
uns vollkommen übermüdet ablegten. Und wir fühlten uns wie candle in the wind (3) - viel zu viele beruflichen Lichter wurden ausgeblasen.
Wir gehörten zu den Jahrgängen, in denen weniger als die Hälfte in den Dienst
übernommen wurden. Das prägt uns. Mehr als uns lieb ist. Und ich bin sicher:
das prägt auch unsere Kirche bis heute.
Nun, die wir hier sind, gehörten zu den Glücklichen (oder manchmal auch Unglücklichen), die es geschafft haben. Nicht alle blieben im Pfarramt. Manche scheiterten. Einer starb.
Yesterday
you told me 'bout the blue, blue sky.
And
all that I can see Is just a yellow lemon tree
Nein,
das stimmt so natürlich auch nicht. Wir haben mehr gesehen als den yellow lemon tree. Wie Forrest Gump liefen wir den
Marathon - hoffend, dass alles gut wird. My heart will go on(4) und klammerte sich mit Leonardo di
Caprio an einer Holzplanke fest. Das Kirchenschiff versank nicht wie die
Titanic. Aber es folgten viele Neuanfänge. Und das macht uns ja auch aus, uns
Narren und Närrinnen, dass wir Neuanfänge gestalten. Und die Welt dreht sich
weiter...
Do you believe?(5) - Glaubst du? Das fragte Cher 1998.
Ja,
ich glaube, dass unser Beruf der schönste der Welt ist. Jedenfalls kann ich mir
keinen Besseren vorstellen - trotz aller Zweifel. It’s my life(6) - schreit Bon Jovi trotzig in die Menge.
It’s
now or never. Lass
auch du dich nicht niederdrücken, sondern bleibe aufrecht. Mach es wie Maria Maria(7), die Carlos Santana an die Westside Story erinnert, und ich denke
an die beiden Marias im Neuen Testament: die mit dem revolutionären Lobgesang
und die, die am Grab steht und von den Engeln ins Leben geschickt wird.
Ins
Leben geschickt…. - das wurden wir, aber nicht allein. Vor 25 Jahren wurde uns
zugesagt, dass Gott uns beisteht in allem, was wir tun und sagen und lassen und
lieben. Wir sind berufen - berufen ins Leben. Whenever. Wherever(8). Gott traut uns zu, dass wir das gut
und richtig machen. Und dass wir am richtigen Platz sind.
Und diese Zusage brauchen wir. Ich zumindest, die Närrin, könnte ohne diese Zusage nicht weitermachen. Denn der Mensch heißt Mensch - Weil er vergisst, weil er verdrängt(9). I’m only human after all - don’t put the blame on me.(10)
Am meisten zweifle ich ja an mir selber und an der Welt. Can you practice what you preachin’? (11) fragten 2003 Black eyed peas. Father, Father, Father help us. Send some guidance from above. Where's the love?
Where’s
the love? Ja, wir
suchen nach der Liebe, die die Welt heilen könnte. Wir suchen sie und wir
versuchen sie zu leben. Wir scheitern an ihr und wir entdecken doch auch ihren
Schimmer. Sie ist ja da. Und die Sehnsucht nach ihr ungebrochen. Love Generation(12) - das sind wir und das wollen wir
sein. Denn dazu sind wir ordiniert.
Wir sind vom selben Stern(13). Und damit meine ich nicht das Predigerseminar. Sondern das, was Ich-und-Ich besingen. Wir alle sind aus Sternenstaub - In unseren Augen war mal Glanz - Wir sind noch immer nicht zerbrochen - Wir sind ganz.
Und
ja, es gibt diese klaren Momente. Wo alles richtig ist und gut und wir sind
eins mit uns und unserer Ordination und unserer Welt. Vielleicht ist das dann
nicht gleich die perfekte Welle, der perfekte Tag (14). (ich mag das Wort perfekt auch
nicht) Aber es gelingt dann zu sagen: Ich bin hier - ich bin frei.
Dazu
sind wir ordiniert: Ganz zu sein. Frei zu sein. Die Liebe Gottes zu leben und
zu verkündigen. Narren und Närrinnen Gottes (vgl. 1. Kor. 4,10). Dafür müssen
wir kein Poker
face(15) aufsetzen, sondern bauen mit
Cassandra Steen eine Stadt aus Glas und Gold, wo jedes Morgenrot und
jeder Traum sich lohnt(16). Und das Herz schlägt
dazu wie eine Dschungeltrommel(17). Wir rufen uns zu:
„Hey, soul sister!“(18) Die soul brothers
umarmen wir und tanzen happy(19) mit Pharrell
Williams - diverser geworden und uns an Vielfalt freuend. Wir bezeugen die Liebe Gottes, die sich nicht
Grenzen und Zäune hält, weder an Kirchengesetze (manchmal) noch an Datenmengen.
Wir sind geboren
um zu leben(20)
- mit den Wundern jeder Zeit - und das somewhere
over the rainbow(21) Wir haben hier ja
keine bleibende Stadt, aber ich bin doch froh, dass wir auf dem Weg zu ihr
schon etwas vorangekommen sind. Und dass wir weiterhin fragen „Where
is the love?“
25 Jahre Ordination. Und das nächste
mal feiern wir das in 15 Jahren. Eines Tages werden wir
alt sein, Baby (22)
und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können. Und ich hoffe, dass
wir sie auch wirklich erzählen werden, weil wir sie erlebt haben. Denn wir sind
jetzt ja mittendrin. Wir verändern jetzt. Wir gestalten jetzt. Wir sind jetzt da. Life will pass me by if I don't open up my eyes(23)
Schauen wir hin und leben - und
erinnern wir uns an unsere Träume, die wir vor 25 Jahren hatten und hoffentlich
noch neue, die dazu gekommen sind.
Vielleicht drehen wir uns im Kreis. Running
in circles(24) mit Post
Malone.Vielleicht haben wir das Gefühl, dass es an der Zeit ist, loszulassen. Time
to let it go. Und ja, das haben wir ja immer wieder
tun müssen in den letzten 25 Jahren.
Aber heute halten wir an. Hören uns zu
und halten es wie Namika:
Je ne parle pas français(25).
Aber bitte red weiter. Alles, was du so
erzählst, hört sich irgendwie nice an. Und die Zeit bleibt
einfach stehen.
25 Jahre. 1996 ordiniert. Und die Jahreslosung
von damals sagt, dass es weiter geht. Wir sind nicht „gar aus“ und Gottes
Barmherzigkeit hat noch kein Ende. (Klgl 3,23) Unsere Berufung hat auch noch
kein Ende. Wir sehen nicht nur den yellow lemon tree, sondern auch den blue
blue sky.
Wir bleiben berufen, Narren und Närrinnen Gottes zu sein. Wir fragen uns, wie
und warum was passiert und halten aus, dass wir manchmal nicht wissen, wo wir
sind. Aber wir sind da und bleiben da und zwar ganz.
Wir singen trotzig und aufrecht das
gute Leben in diese Zeit hinein.
Ein Hoch auf das, was
vor uns liegt(26)
- Dass es das Beste für uns gibt
Ein Hoch auf das, was
uns vereint - Auf diese Zeit
Ein Hoch auf dieses
Leben - Auf jetzt und ewig
Auf einen Tag - Unendlichkeit
Und dafür lassen wir uns heute segnen.
[1] Lemon tree; Fools garden 1996
[2] Time to say goodbye; Andrea Bocelli + Sarah Brightman1997
[3] Candle in the wind; Elton John 1997
[4] My heart will go on; Celine Dion 1998
[5] Believe; Cher 1998
[6] It’s my life; Bon Jovi 2000
[7] Maria Maria; Carlos Santana 1999
[8] Whenever wherever; Shakira 2002
[9] Mensch; Herbert Grönemeyer 2002
[10] Human; Rag’n bone man 2016
[11] Where is the love; Black eyed peas 2003
[12] Love Generation; Bob Sinclair 2006
[13] Vom selben Stern; Ich und Ich 2007
[14] Perfekte Welle; Juli 2004
[15] Poker Face; Lady Gaga 2009
[16] Stadt; Cassandra Steen 2009
[17] My heart is beating like a jungle drum; Emilíana Torrini 2009
[18] Hey soul sister; Train 2009
[19] Happy; Pharrell Williams 2013
[20] Geboren um zu leben; Unheilig 2010
[21] Over the rainbow; Neucover von Israel Kamakawiwoʻole 1993 / Superhit aber erst 2010
[22] One day baby, we’ll be old, Asaf Avidan 2012
[23] Wake me up; Avicii 2013
[24] Circles; Post Malone 2020
[25] Je ne parle pas français; Namika 2018
[26] Auf uns; Andreas Bourani 2014
