Sonntag, 20. März 2016

Gott fällt ins Bodenlose

Predigt an Palmsonntag zu Philipper 2

Denkt im Umgang miteinander immer daran,
welchen Maßstab Christus Jesus gesetzt hat:
Von göttlicher Gestalt war er.
Aber er hielt nicht daran fest,
Gott gleich zu sein –
so wie ein Dieb an seiner Beute.
Sondern er legte die göttliche Gestalt ab
und nahm die eines Knechtes an.
Er wurde in allem den Menschen gleich.
In jeder Hinsicht war er wie ein Mensch.
Er erniedrigte sich selbst
und war gehorsam bis in den Tod –
ja, bis in den Tod am Kreuz.

Deshalb hat Gott ihn hoch erhöht:
Er hat ihm den Namen verliehen,
der allen Namen überlegen ist.
Denn vor dem Namen von Jesus
soll sich jedes Knie beugen –
im Himmel,
auf der Erde
und unter der Erde.
Und jede Zunge soll bekennen:
»Jesus Christus ist der Herr!«
Das geschieht,
um die Herrlichkeit Gottes, des Vaters,
noch größer zu machen.

(Philipper 2,5-11 - Basisbibel)

I.
Er fiel ins Bodenlose, als er die Diagnose hörte.
Guido Westerwelle sollte nur am Miniskus operiert werden.
Doch dann waren die Blutwerte richtig schlecht.
Leukämie - erfuhr er.
Und es ging los mit Chemotherapie.
Die Suche nach dem Stammzellenspender.
Endlich einen gefunden.
Der sprang dann ab.
Ein neuer wurde gefunden.
Westerwelle vertrug die Zellentherapie nicht richtig.
Aber er gab die Hoffnung nicht auf.
Kämpfte um sein Leben.
Und teilte seine Liebe.
Fühlte sich getragen
und fiel doch ins Bodenlose.
Vorgestern ist er gestorben.
Er hat den Kampf verloren.

II.
Sie fiel ins Bodenlose,
die Bischöfin, die Ratsvorsitzende.
Erwischt mit Alkohol am Steuer.
Ein schwerer Fehler, auf den sich die Medien stürzten.
„Ich falle nicht tiefer als in Gottes Hand“.
Ja, diese Worte klangen richtig.
Und doch:
Wie waren wohl die nächsten Tage und Nächte?
Die ganze Häme in den Kommentaren?
Die ganze Selbstgerechtigkeit derer,
die sie schon immer am Boden liegen sehen wollten,
schon allein,
weil sie eine Frau ist, die was zu sagen hat,
und die das auch tut,
auch wenn das nicht alle gerne hören.
Sie legte ihr Amt nieder.
Das war kein Tod,
aber den Makel wird sie nie wieder los.
Man braucht nur auf evangelikale Internetseiten zu gehen.
Es wird immer wieder rausgeholt.
Die Nacht damals,
als sie ins Bodenlose fiel.

III. (danke an Aletta Dahlhaus)
Tag für Tag fällt er ins Bodenlose.
„Du Opfer!“
Die Worte noch im Ohr.
Und ihre grinsenden, herablassenden Gesichter.
Die blauen Flecke unter seiner Haut.
Sie tun weh. Genau wie die Worte.
Aber immer so, dass es die Lehrer nicht mitbekommen.
Die Tasche geklaut. Das Handy abgezogen.
Aber er war wie erstarrt gewesen.
Hat sich nicht gewehrt. Konnte es nicht.
Wollte es eigentlich auch nicht. 
Er will kein Opfer sein.
Aber so einer wie die auch nicht.
Anderen wehzutun, das kann er sich nicht vorstellen.
Er weiß selbst, wie kaputt das einen machen kann.
Und wie man ins Bodenlose fällt.
Ohne Ausweg.

IV.
Gott fällt ins Bodenlose.
Triumphaler Einzug in Jerusalem.
Er wird gefeiert als König, als Held, als Retter.
Doch dann fallen gelassen
wie eine heiße Kartoffel.
Nein, an dem verbrennen wir uns nicht die Finger.
Die Palmzweige bleiben im Staub liegen,
zertrampelt und zerrupft.
Der Staub von den Kleidern wird abgeklopft.
Ist schließlich nicht mehr aktuell.
Ein paar Silberlinge gibt man noch aus,
damit man ihn endlich loswerden kann.

Gott fällt ins Bodenlose.
Er fällt in Gethsemane auf die Knie
und weint und fleht und bittet.
Seine Freunde schaffen es auch nicht mehr.
Er fällt in die Nacht, in das Dunkel, in die Angst.
Er kämpft um sein Leben,
und weiß doch, dass es vergeblich ist.
Gibt es noch etwas, das bodenloser ist?

In jeder Hinsicht war er wie ein Mensch.
Er erniedrigte sich selbst
und war gehorsam bis in den Tod –
ja, bis in den Tod am Kreuz.


Das Kreuz ist noch bodenloser.
Es ist der Abgrund.
Das Nichts.
Das komplette Nein zu allem Leben und Lieben.
Dahinein fällt Jesus.
Dahinein fällt Gott.

V.
Ist Gott zu schwach, um oben zu bleiben?
Er legte die göttliche Gestalt ab
und nahm die eines Knechtes an.


Ein Gott, der sich kreuzigen lässt: "so ein Schwächling".
Ein Gott, der sich auf die Verliererstraße begibt.
Wie diese Bischöfin, die sich erwischen ließ.
Wie der Sterbenskranke, der sich an jede Therapie klammerte.
Wie das Mobbingopfer, das sich nicht wehren kann.
Und wie der Fremde, der Pech hat, dass er aus dem falschen Land kommt.
So ein Gott ist das?

VI.
Ja, so ein Gott ist das. Der Gott Jesu.
Dieser Gott fällt in einen Stall,
dort wo nur Tiere hausen -
oder Menschen, die kein Dach über dem Kopf haben.

Dieser Gott flieht nach Ägypten
auf einem Esel.
Und er flieht aus Syrien und aus dem Irak und aus Eritrea.
Er kämpft um sein Leben.
Wie die Menschen in Idomeni.
Oder die, die sich immer noch in Schlepperboote begeben.
Wieder und wieder.
Weil es für sie keinen anderen Weg gibt.

Ja, dieser Gott geht in die Wüste.
Er kämpft mit dem Hunger und dem Durst
und mit Machtphantasien.
Er weiß um die Bodenlosigkeit
von Häme und Beleidigungen,
und um die Sehnsucht nach klaren Wegen.
Aber er weiß nicht, wo er abends schlafen wird.
Wie so viele in unserem Land,
ob sie nun fremd sind oder hier geboren.

Ja, und später lässt er sich bespucken und schlagen,
festnageln und fesseln.
Öffentlich.
Er fällt ins Bodenlose und stirbt.
Er fällt richtig tief - ohne doppeltem Boden.
Ohne einen, der ihn festhält.

Ja, er selber hält nichts fest.
Noch nicht mal sich selber.
Er erniedrigte sich selbst
und war gehorsam bis in den Tod –
ja, bis in den Tod am Kreuz.

VI.
Dieser Gott fällt ins Bodenlose
und er kämpft um sein Leben.
Um ein Leben in Liebe.

Denn die teilt er aus,
grenzenlos.
Und voller Macht.
Er heilt den Taubstummen
und gibt ihm die Sprache zurück.
Er umarmt die Kleinen
und schenkt ihnen Würde.
Er holt den Zyniker vom Baum
und lässt ihn neuanfangen.
Er hört der Frau am Brunnen zu
und spricht die Worte, die alles gut machen.
Er richtet die Gekrümmte auf
und weint um seinen Freund Lazarus. (danke an Michael Greßler)
Und er teilt das Brot - an alle.

Aber vor allem geht er selbst dahin,
wo sich der Boden auf tut,
wo er hinfällt, in die Tiefe fällt, in den Abgrund.

Und so kannst du sehen, wer Gott ist und was er ist:
der, der an deiner Seite ist
und nicht von deiner Seite weicht,
auch wenn du am Boden liegst.

Er legte die göttliche Gestalt ab
und nahm die eines Knechtes an.
Er wurde in allem den Menschen gleich.

 
Er teilt sein Leben und seine Liebe
mit dir, egal wo du bist.
Er, der noch nicht mal sich selber festhält,
damit er dich halten kann.
Gott ist die Liebe, die sich austeilt
und die keine Grenzen kennt,
noch nicht mal den Tod.

VII.
Das geschieht,
um die Herrlichkeit Gottes, des Vaters,
noch größer zu machen.


Der Gott, der ins Bodenlose fällt,
ist dort, wo du bist
und wo ich bin,
wo Guido Westerwelle ist
und Margot Käßmann war,
und das Mobbingopfer ebenso.
Gott ist in Idomeni und auf den Schlepperbooten,
in Istanbul und Ankara,
und am Frühstückstisch der Alleinerziehenden,
die nicht weiß, wie sie die Klassenfahrt bezahlen soll.

Ja, da ist der Gott, der ins Bodenlose fällt.
Und dieser Gott zeigt so sein wahres Gesicht.
Sein Name ist die Liebe,
die sich austeilt und die aufrichtet.
Und sie lässt sich nicht stoppen
weder von unserer Blindheit
noch gar vom Tod.
Darum musste diese Liebe ans Kreuz.

VIII.
Diese Liebe stellt nämlich alles auf den Kopf.
Sie macht aus dem Opfer den Ehrenbürger
und gibt dem Namenlosen einen Namen.
Die Gedemütigte wird aufgerichtet und
spricht hoch erhobenen Hauptes,
der Tote wird zum Leben geführt.

Und aus einer Stadt, deren Bewohner Angst vor der Zukunft haben
und die deshalb den rechten Rattenfängern auf den Leim gehen,
aus so einer Stadt wird eine, die sich auf Veränderungen freut
und Fremde und Einheimische fröhlich zusammenleben lässt.
Es wird so sein.
Weil die Liebe sich nicht stoppen lässt.
Noch nicht mal vom Kreuz.

Und für diese Liebe fällt er ins Bodenlose.
An deine Seite.
Und an meine auch.

Amen.

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