Mein Beitrag zum Preacher-Slam über.wunden
Pforzheim 22. Februar 2020
I. (Verwundet)
Wunden tun weh. Wunden sind wahr.
Thomas wurde als 7jähriger verschickt.
Damals - vor 40 Jahren.
So nannte man die Mästungs- und Lungenkuren für Kinder.
6 Wochen lang. Irgendwo im Schwarzwald.
Er weinte sich in den Schlaf vor lauter Heimweh.
Und dann wurde ihm das verboten. Das Weinen.
Dein Heimweh ist nicht normal. Du steckst die anderen an.
Deinetwegen können sie nicht schlafen.
Sei still. Reiß dich zusammen.
Wunden tun weh. Wunden sind wahr.
Stimmt es, dass du keinen Vater hast?
Das wird die 10jährige Sabine vor allen anderen gefragt.
Ich habe einen Vater, aber er lebt nicht bei uns.
So antwortete sie und schämte sich.
Sie waren anders als die anderen. Unvollständiger.
Ein Bruder, der Autoreifen anzündete.
Die Mutter arbeitete nachts und ging kaputt daran.
Sie selber war die Brave. Die Fassade muss stimmen.
Bloß nicht auffallen. Nicht anecken.
10 Jahre später hörte sie dann: Toll, was aus euch geworden ist.
Und sie wusste keine Antwort mehr.
Wunden tun weh. Wunden sind wahr.
Der misstrauische Blick verfolgt Ahmed überall.
Sein Deutsch ist nicht gut. Seine Haut dunkler als die der anderen.
Und er hört gerne syrische Musik.
Er weiß, was sie denken.
Der ist doch nur faul, denken sie. Der ist feige, denken sie.
Der soll doch seine Heimat wieder aufbauen, denken sie.
Aber sie kennen seine Albträume nicht.
Wenn er nachts aufwacht, schweißgebadet.
Und sie wissen nichts von seinem Onkel,
der aus dem Foltergefängnis nicht mehr zurück kam.
Wunden.
II. (Wunde mit W)
Why, wound.
Wunde fängt mit W an.
Weh mit H am Ende.
Ein weicher Buchstabe.
Ein Doppel-Buchstabe: Dubbleyou, Dubleweh.
Weil Schmerz immer doppelt zählt?
Wunde fängt mit W an.
Und das W ist ein weicher Buchstabe.
Ob ich Wunden mit W-Wörtern beschreiben kann?
(ich versuche es mal:)
III. (80 W-Wörter)
Wunden sind oft winzig und doch wirksam.
Weswegen ich sie wiederholt wegschließe.
Will sie nicht wahrnehmen.
Weigere mich, sie wahr-sein zu lassen.
Was für ein Wahnsinn.
Sie wehren sich gegen meinen Wunsch mit aller Wucht.
Kein Wischen nach links
oder kein Weg-Waschen macht sie weniger.
Kein Witzeln wandelt sie,
Kein Wechseln und Wüten würgt sie ab.
Wunden wachsen und wuchern wild,
wallen und walten, wenn ihnen kein Wort gilt.
Wunden halten mich wach.
Wunden weisen auf eine Wirklichkeit, die weich ist.
Wo Widerstand zwecklos wird,
wo Wirbelsäule, Wangen und Wimpern weinend die Wahrheit weben.
Und Wind, Wetter und Winter wüten die Wunden auf.
Wohl weiß ich, was mir weh tut.
Wer in meinen Wunden wühlt und ihre Würde wegraubt.
Wärme ist dann wichtig. Und Weinen.
Manchmal auch Whisky, Wein oder Wodka - aber wenig (!).
Keine Watte für die Wunden,
aber eine Welt, wo sie wohnen können und wertvoll sind.
Wo sie mich weich machen.
Und wahrscheinlich - wie die Wundmale Jesu - Wunder ermöglichen.
IV. (Wunden von Pforzheim)
Wunden tun weh.
Wunden sind wahr.
Und ich sehe die Wunden dieser Stadt.
Die Straßenzüge, die es nicht mehr gibt.
Der Wallberg mit seinem Schutt unter dem Gras.
Die eine Stele, die noch fehlt,
weil man für die Nazizeit hier noch keine Worte finden will (oder kann?).
Ich sehe die Stolpersteine mit Buchstaben und Zahlen.
Manchmal sehe ich sie nur zufällig.
Und ich spüre die Wunden der Menschen.
Fragen, die sie nicht stellen durften.
Warum haben ausgerechnet wir überlebt?
Wer hat hier vorher gewohnt?
Wo ist der Nachbar geblieben, nachdem sie ihn weggebracht haben?
Ihre Wunden sind vernarbt, nicht verheilt.
Manche brechen wieder auf. Gerade jetzt. 75 Jahre später.
Und zulange hat man verschwiegen, was in Pforzheim geschehen war.
Der jüdische Arzt, der nicht mehr wiederkam.
Die behinderte Schwester, die plötzlich verstarb.
Die französischen Widerstandskämpfer, ermordet im Hagenschieß.
Der Bruder, verschollen in einem nicht enden wollenden Krieg.
Die Leichen in der Enz.
Die Vergewaltigungen in der Nordstadt, als alles vorbei zu sein schien.
Verwundete Stadt.
Wunden, die immer noch da sind.
Und neue kommen dazu.
V. (Wunden zeigen)
Wunden tun weh.
Wunden sind wahr.
So viele Wunden in einer Stadt.
Alte und neue.
Serbische und irakische, syrische und deutsche Wunden.
Wunden in Hanau. Wunden in Halle.
Wir teilen diese unverheilten Wunden.
Die Wunden von damals und die Wunden heute.
Die von Thomas und Sabine und Ahmed.
Von Schawkat, Hans-Carl* und den Eltern von Mercedes in Hanau.
Die Wunden sind da und brauchen unsere Zärtlichkeit.
Brauchen Wunder der Liebe.
Zeigen wir uns unsere Wunden.
Ich zeige dir meine.
Du zeigst mir deine.
Wir tragen sie ja mit uns.
Wir bleiben verwundbar. Und das ist gut so.
Damit wir weich bleiben.
Mensch bleiben.
Nur in einer verwundbaren Welt kann ich leben.
Mit Tränen und offenen Herzen.
*Pforzheimer Kurier (bnn) vom 22.2.2020, S.27
Dienstag, 25. Februar 2020
Sonntag, 23. Februar 2020
Wir nehmen die Namen mit
Ansprache zum Gedenktag der Bombardierung von Pforzheim auf dem Hauptfriedhof
I.
Wir stehen an ihren Gräbern.
An den Gräbern von Elise und Heinz, Ulrich und Karla.
Wir haben weiße Rosen auf die Grabsteine gelegt.
Wir stehen an ihren Gräbern und trauern um sie,
die vor 75 Jahren im Bombenhagel und im Feuer gestorben sind.
Wir stehen hier und wünschten uns, dass wir hier nicht stehen müssten.
Dass es keinen Krieg gegeben hätte, keine Bomben, keine Toten.
Wir wünschten uns, dass der kleine Bruder nicht im Feuer des 23. Februar gestorben,
der Onkel nicht an der Ostfront gefallen wäre.
Wir wünschten uns, dass die Pforzheimer Juden und Jüdinnen nicht deportiert
und ermordet worden wären.
Ja, wir wünschten uns, dass die Nationalsozialisten nie an die Macht gekommen wären -
auch nicht in Pforzheim.
Aber es ist geschehen.
Und darum stehen wir hier an den Gräbern der Toten des 23. Februar 1945.
An den Gräbern von Margarete und Elisabeth, Georg und Wilhelm.
II.
Hier an den Gräbern ahnen wir, was wir verloren haben:
Den Bruder, die Schwester, die Großmutter.
Menschen, die liebten und geliebt wurden
Und die noch was vor hatten in ihrem Leben.
Die dazu gehörten.
„Wir Unvollendeten zu Grabe getragen,
mit Sehnsüchten, die aus dem Grabe ragen!“
Diese Worte singt der Chor im Requiem für Tote und Lebende von Rolf Schweizer.
„Wir Unvollendeten zu Grabe getragen,
mit Sehnsüchten, die aus dem Grabe ragen!
Bevor wir entzündet, sind wir verglommen.
Bevor wir verkündet, in Rauch verschwommen.
Unser junger Gedanke, nie ausgedacht,
unser heißtolles Lachen, nie ausgelacht,
das tiefste Weinen des Lebens versäumt,
und seine Träume nie ausgeträumt!“
(Lola Landau)
Leben wurde ausgelöscht, das hätte gelebt werden sollen.
Nicht irgendein Leben, sondern das Leben von Maria und Greta, von Josef und Johannes.
Leben mit Namen und Hoffnungen und Sehnsüchten.
Leben, das geopfert wurde auf dem Kriegsaltar, den unsere Vorfahren errichtet haben.
Sinnlos geopfert für den Größenwahn einer menschenverachtenden Ideologie.
III.
Wir stehen an ihren Gräbern und wir lesen die vielen Namen.
Dazu müssen wir uns hinknien. Und vielleicht die Buchstaben berühren.
Viele Namen. Jeder Name ist ein Name zu viel,
Die, die diese Namen tragen, hätten leben sollen.
Es sind Namen, die Gott in seine Hand geschrieben hat.
Sie sind nicht vergessen und werden nicht vergessen,
selbst wenn wir, die wir erinnern, einmal nicht mehr sind.
Denn Gott vergisst nicht einen Namen.
Gott nicht.
Nicht einen.
Nicht den von Maria und Greta, nicht den von Georg und Wilhelm,
gestorben in den Trümmern von Pforzheim
Nicht den von Salomon und Benjamin und Helga, ermordet in Auschwitz.
Nicht den von André und Marguerite, erschossen im Hagenschieß.
Nicht den von Papé und Saliou, ertrunken im Mittelmeer.
Nicht den von Fatih und Mercedes, erschossen in Hanau.
Jeder und jede von ihnen ist in Gottes Hand geschrieben.
IV.
Wir hier stehen an den Gräbern der Toten der Bombennacht.
Uns bleiben ein Foto vielleicht, ein Schmuckstück, oder vielleicht auch nur Tränen.
Und die Trauer, dass wir Menschen uns ins so eine Katastrophe führen.
Dass wir Leben opfern - immer noch und immer wieder.
Und ich stimme ein in die Worte des Schweizer-Requiems:
„Wo bist du geheiligt auf Erden, großer Gott?
Stets wurde schon immer dein Name missbraucht,
Glauben und Wissen in Lüge vertauscht.
Der Mensch hat sich alles verdreht und verkehrt,
Die Kriege den Völkern als heilig erklärt.
Wo gab es denn jemals den heiligen Krieg?
Nur Mord und Zerstörung am Ende noch blieb.“
(Frohmut Schweizer)
Ja, wir stehen an den Gräbern der Toten des 23. Februars.
Wir legen eine Rose ab.
Nie wieder, hat man damals gesagt. Nie wieder sinnlosen Krieg.
Nie wieder sollten Menschen in unserem Land Angst um ihr Leben haben,
nur weil sie einen anderen Namen tragen, anders an Gott glauben, anders lieben.
Die Würde des Menschen ist unantastbar, haben wir in unser Grundgesetz geschrieben.
Nie wieder soll sie verletzt werden. Nie wieder, hat man damals gesagt.
Und doch geschieht es wieder.
Und das macht mich nicht nur traurig, sondern auch zornig.
V.
Wir stehen an den Gräbern der Toten der Bombennacht und lesen ihre Namen.
Wir nehmen ihre Namen in diesen Tag mit und wir legen die Namen der anderen dazu.
Die Namen von Auschwitz und vom Hagenschieß,
die Namen auf dem Grund des Mittelmeers, die Namen von Hanau.
Ein Meer von Namen, das uns umgibt und das uns an dieses Nie-wieder erinnert.
Wir nehmen die Namen mit und mit ihnen auch die Verantwortung,
für eine Gesellschaft einzustehen, in der die Würde jedes Menschen geschützt wird,
Weisen wir die in ihre Schranken, die die Würde nur einer Auswahl von Menschen zu sprechen.
Stehen wir ein für ein Land, von dem nie wieder Krieg ausgehen darf,
auch nicht durch Verkäufe von Waffen in Länder, wo Krieg herrscht.
VI.
Wir stehen an den Gräbern der Opfer von Krieg und Gewalt.
Ihre Namen sind im Himmel geschrieben, nicht nur hier.
Wir nehmen ihre Namen mit, aber wir tragen sie nicht allein.
Der, der den Namen trägt „Ich bin für euch da“, der trägt mit.
Und er stellt uns auf den Weg in eine Zukunft,
in der wir keine Namen mehr auf den Grabsteinen lesen müssen, sondern uns gegenseitig zurufen:
Helmut, Ursula, Lieselotte, Salomon, Benjamin, Helga, André, Marguerite,
Papé, Saliou, Fatih, Mercedes -
Gottes Geliebte.
I.
Wir stehen an ihren Gräbern.
An den Gräbern von Elise und Heinz, Ulrich und Karla.
Wir haben weiße Rosen auf die Grabsteine gelegt.
Wir stehen an ihren Gräbern und trauern um sie,
die vor 75 Jahren im Bombenhagel und im Feuer gestorben sind.
Wir stehen hier und wünschten uns, dass wir hier nicht stehen müssten.
Dass es keinen Krieg gegeben hätte, keine Bomben, keine Toten.
Wir wünschten uns, dass der kleine Bruder nicht im Feuer des 23. Februar gestorben,
der Onkel nicht an der Ostfront gefallen wäre.
Wir wünschten uns, dass die Pforzheimer Juden und Jüdinnen nicht deportiert
und ermordet worden wären.
Ja, wir wünschten uns, dass die Nationalsozialisten nie an die Macht gekommen wären -
auch nicht in Pforzheim.
Aber es ist geschehen.
Und darum stehen wir hier an den Gräbern der Toten des 23. Februar 1945.
An den Gräbern von Margarete und Elisabeth, Georg und Wilhelm.
II.
Hier an den Gräbern ahnen wir, was wir verloren haben:
Den Bruder, die Schwester, die Großmutter.
Menschen, die liebten und geliebt wurden
Und die noch was vor hatten in ihrem Leben.
Die dazu gehörten.
„Wir Unvollendeten zu Grabe getragen,
mit Sehnsüchten, die aus dem Grabe ragen!“
Diese Worte singt der Chor im Requiem für Tote und Lebende von Rolf Schweizer.
„Wir Unvollendeten zu Grabe getragen,
mit Sehnsüchten, die aus dem Grabe ragen!
Bevor wir entzündet, sind wir verglommen.
Bevor wir verkündet, in Rauch verschwommen.
Unser junger Gedanke, nie ausgedacht,
unser heißtolles Lachen, nie ausgelacht,
das tiefste Weinen des Lebens versäumt,
und seine Träume nie ausgeträumt!“
(Lola Landau)
Leben wurde ausgelöscht, das hätte gelebt werden sollen.
Nicht irgendein Leben, sondern das Leben von Maria und Greta, von Josef und Johannes.
Leben mit Namen und Hoffnungen und Sehnsüchten.
Leben, das geopfert wurde auf dem Kriegsaltar, den unsere Vorfahren errichtet haben.
Sinnlos geopfert für den Größenwahn einer menschenverachtenden Ideologie.
III.
Wir stehen an ihren Gräbern und wir lesen die vielen Namen.
Dazu müssen wir uns hinknien. Und vielleicht die Buchstaben berühren.
Viele Namen. Jeder Name ist ein Name zu viel,
Die, die diese Namen tragen, hätten leben sollen.
Es sind Namen, die Gott in seine Hand geschrieben hat.
Sie sind nicht vergessen und werden nicht vergessen,
selbst wenn wir, die wir erinnern, einmal nicht mehr sind.
Denn Gott vergisst nicht einen Namen.
Gott nicht.
Nicht einen.
Nicht den von Maria und Greta, nicht den von Georg und Wilhelm,
gestorben in den Trümmern von Pforzheim
Nicht den von Salomon und Benjamin und Helga, ermordet in Auschwitz.
Nicht den von André und Marguerite, erschossen im Hagenschieß.
Nicht den von Papé und Saliou, ertrunken im Mittelmeer.
Nicht den von Fatih und Mercedes, erschossen in Hanau.
Jeder und jede von ihnen ist in Gottes Hand geschrieben.
IV.
Wir hier stehen an den Gräbern der Toten der Bombennacht.
Uns bleiben ein Foto vielleicht, ein Schmuckstück, oder vielleicht auch nur Tränen.
Und die Trauer, dass wir Menschen uns ins so eine Katastrophe führen.
Dass wir Leben opfern - immer noch und immer wieder.
Und ich stimme ein in die Worte des Schweizer-Requiems:
„Wo bist du geheiligt auf Erden, großer Gott?
Stets wurde schon immer dein Name missbraucht,
Glauben und Wissen in Lüge vertauscht.
Der Mensch hat sich alles verdreht und verkehrt,
Die Kriege den Völkern als heilig erklärt.
Wo gab es denn jemals den heiligen Krieg?
Nur Mord und Zerstörung am Ende noch blieb.“
(Frohmut Schweizer)
Ja, wir stehen an den Gräbern der Toten des 23. Februars.
Wir legen eine Rose ab.
Nie wieder, hat man damals gesagt. Nie wieder sinnlosen Krieg.
Nie wieder sollten Menschen in unserem Land Angst um ihr Leben haben,
nur weil sie einen anderen Namen tragen, anders an Gott glauben, anders lieben.
Die Würde des Menschen ist unantastbar, haben wir in unser Grundgesetz geschrieben.
Nie wieder soll sie verletzt werden. Nie wieder, hat man damals gesagt.
Und doch geschieht es wieder.
Und das macht mich nicht nur traurig, sondern auch zornig.
V.
Wir stehen an den Gräbern der Toten der Bombennacht und lesen ihre Namen.
Wir nehmen ihre Namen in diesen Tag mit und wir legen die Namen der anderen dazu.
Die Namen von Auschwitz und vom Hagenschieß,
die Namen auf dem Grund des Mittelmeers, die Namen von Hanau.
Ein Meer von Namen, das uns umgibt und das uns an dieses Nie-wieder erinnert.
Wir nehmen die Namen mit und mit ihnen auch die Verantwortung,
für eine Gesellschaft einzustehen, in der die Würde jedes Menschen geschützt wird,
Weisen wir die in ihre Schranken, die die Würde nur einer Auswahl von Menschen zu sprechen.
Stehen wir ein für ein Land, von dem nie wieder Krieg ausgehen darf,
auch nicht durch Verkäufe von Waffen in Länder, wo Krieg herrscht.
VI.
Wir stehen an den Gräbern der Opfer von Krieg und Gewalt.
Ihre Namen sind im Himmel geschrieben, nicht nur hier.
Wir nehmen ihre Namen mit, aber wir tragen sie nicht allein.
Der, der den Namen trägt „Ich bin für euch da“, der trägt mit.
Und er stellt uns auf den Weg in eine Zukunft,
in der wir keine Namen mehr auf den Grabsteinen lesen müssen, sondern uns gegenseitig zurufen:
Helmut, Ursula, Lieselotte, Salomon, Benjamin, Helga, André, Marguerite,
Papé, Saliou, Fatih, Mercedes -
Gottes Geliebte.
Montag, 10. Februar 2020
Von Ersten und Letzten und einem Jesus, dem das egal ist
oder: was haben Thüringen, ein Gemeindehaus mit Wohnungen und Jesus miteinander zu tun?
Predigt zu Matthäus 20,1-16 (1)
I.
Von oben nach unten. Von unten nach oben.
Jesus dreht alles einmal um.
Die Letzten werden die Ersten sein. Die Ersten die Letzten.
Himmelsmaßstäbe.
Die zum Schluss kommen, kommen nicht zu spät.
Sie bekommen dasselbe wie die, die schon lange dabei sein.
Wer anfängt zu rechnen - wie wir es gewohnt sind, der wird sich wundern.
Denn Jesus hält sich nicht an unsere Berechnungen,
nicht an unsere Hierarchien und Rangordnungen.
II.
Das ist provozierender als wir denken.
Wir tun oft so, als ob wir alle gleich sind.
Aber schon am sogenannten GenderPayGap,
dem Unterschied zwischen den Gehältern von Männern und Frauen,
sehen wir, dass das nicht stimmt.
Beim synodalen Weg unserer katholischen Geschwister wird von einem Kardinal kritisiert,
dass Laien und Kleriker gemeinsam eingezogen sind und jeder gleich viel Redezeit hat. (2)
Ja, wir Evangelische empören uns leicht darüber,
aber auch wir kennen Machtgerangel um Spitzenpositionen.
Als Deutsche tun wir oft so, als ob der Rang einer Person keine Rolle spielt bei uns,
oder das Aussehen, oder die Hautfarbe oder das Geld.
Aber das stimmt nicht.
Manche bekommen noch nicht einmal eine Wohnung,
weil sie einen arabisch klingenden Namen haben.
Und wenn politisch aktive Menschen diese Unterschiede in Frage stellen,
gelten sie als linksradikal und gelten damit als No-Go für die sogenannte Mitte.
Gerade wieder passiert.
III.
Bei Jesus gibt es keine Ersten und keine Letzten..
Er heilt den blinden Bettler genauso
wie den Knecht vom römischen Hauptmann.
Spricht im Tempel wie auf dem wackligen Schiff.
Er lässt sich bedienen und er bedient selber.
Lässt sich mit kostbarem Öl salben,
reitet aber auf einem Esel in die Stadt.
Er nimmt die Kinder in den Arm,
die, die eigentlich überhaupt keine Rolle spielen damals.
Und er lässt einen reichen jungen Mann abblitzen, hat ihn aber lieb.
Die Letzten werden die Ersten sein. Und die Ersten die Letzten.
IV.
Ja, Jesus selbst lebt es so.
Er ist selber der Letzte und geht an die Seite der Letzten.
Und damit legt er sich an mit den Ersten.
Sein Kreuz ist der Ort der Letzten.
Es ist das Letzte. Etwas, das überhaupt nicht zumutbar ist.
Aber genau da geht Jesus hin. Der Erste wird zum Letzten.
Damit die Letzten die Ersten werden. Damit es keine Letzten mehr gibt.
V.
Die Jünger von Jesus verstehen das genauso wenig wie wir.
Lass doch alles beim Alten, Jesus.
Wir sind die ersten, die dir folgen. Die dir glauben.
Dann werden wir auch im Himmel an deiner Seite sein. So wie jetzt.
Und das ist ein richtig gutes Gefühl:
zu den Ersten zu gehören und nicht zu den Letzten.
Immerhin ertragen wir ja auch einiges dafür, dass wir uns so schnell entschlossen haben.
Haben Boote und Familien und Beruf liegen gelassen.
Verzichten auf das weiche Bett und die Sicherheit eines festen Daches.
Nehmen auf uns die Mühe, Tag für Tag um Essen zu betteln. Nur um bei dir zu sein.
Da haben wir uns die Belohnung doch echt verdient, oder? Immerhin sind wir die Ersten.
(Und ja: ich kenne auch heute genug Christen, die genau zu wissen meinen,
wer in den Himmel kommt und wer nicht)
VI.
Falsch, sagt Jesus. Gott ist kein Rechenautomat.
Nicht wer zuerst da ist, hat gewonnen. Auch wer später kommt, gehört zu den Ersten.
Wird genauso in den Arm genommen von Gott.
Bekommt genauso viel Liebe ab und wird genauso herzlich von ihm empfangen.
Das fühlt sich ungerecht an. Und manchmal ist es auch ungerecht.
Aber Gottes Liebe ist nicht aufzurechnen. Seine Liebe könnt ihr nicht verdienen.
Aber ihr braucht es auch nicht. Gott sei Dank.
Es hängt nicht davon ab, wieviel ihr tut und wie lange ihr schon dabei seid.
Entscheidend ist, dass ihr da seid.
Vielleicht denkt ihr, dass es zu spät ist. Aber es gibt kein zu Spät.
Ihr kommt auf den Marktplatz Gottes und findet euren Platz.
Ihr seid willkommen und könnt zupacken.
Jetzt. Nicht später. Und nicht früher. Jetzt.
VII.
Hier nebenan haben wir das Gemeindehaus umgebaut. Da sind jetzt Wohnungen drin.
Und weil Geflüchtete es besonders schwer haben, eine Wohnung zu bekommen,
haben wir mit der Stadt vereinbart, dass die Wohnung erstmal an Geflüchtete vermietet werden. (3)
Darüber haben sich nicht alle gefreut.
Vermietet doch erstmal an Deutsche, bekamen wir zu hören.
"Wir" haben doch genug Menschen, die auch eine Wohnung suchen.
Und "die" da machen doch nur Schwierigkeiten. Die haben es doch gar nicht verdient.
Ja, es gibt immer wieder Schwierigkeiten. Mit Müll und Lärm und so.
Aber das ist doch kein Grund, sie hier nicht wohnen zu lassen.
Im Gegenteil. Diese Menschen brauchen uns, euch.
Und wer das Fass mit „Wir Deutschen“ und „die da“ aufmacht,
hat offensichtlich nicht verstanden, was Jesus meint, wenn er von Liebe und Leben spricht.
VIII.
Bist du neidisch, weil ich großzügig bin?
Das lässt Jesus den Grundbesitzer fragen.
Er fragt die, die Angst haben zu kurz zu kommen.
Die meinen, dass man sich eine Grundrente oder ein Dach über dem Kopf erst verdienen muss.
Bist du neidisch, weil ich großzügig bin?
Du gönnst anderen nicht, was du bekommst?
Bekommst du dadurch weniger? Wirklich weniger?
Haben nicht auch die eine Chance verdient, die von vorne anfangen müssen.?
Deutschland ist ein reiches Land, auch wenn es mit seinen Armen nicht gut umgeht.
Aber wer bist du, deutsche Schwester, deutscher Bruder,
dass du meinst, du hättest es mehr verdient als andere, dass man sich um dich sorgt?
Bist du neidisch, weil ich großzügig bin?
Natürlich müssen wir viel dafür tun,
damit das mit dem Wohnen und Zusammenleben auch funktioniert.
Und natürlich dürfen wir auch die nicht vergessen,
die schon lange hier sind oder schon immer hier gelebt haben.
Aber wenn wir nach dem Grundsatz leben:
nur wer in die Sozialkassen gezahlt hat, darf auch daraus was bekommen,
dann schließen wir alle aus, die nicht arbeiten können oder dürfen:
Asylsuchende, Kranke, Kinder, Behinderte.
Von dieser Großzügigkeit den Schwächeren gegenüber
haben wir uns in unserem Sozialsystem etwas bewahrt
und darüber bin ich froh - trotz aller seiner Schwächen.
Aber eine Politik, die der Barmherzigkeit immer weniger Raum gibt, die will ich nicht.
Auch den Letzten einen Platz zu geben.
Jetzt da zu sein. Und zu gönnen, was da ist. Das ist christlich.
Himmelsmaßstäbe.
IX.
Die Letzten werden die Ersten sein.
Pervertiert wurde dieser Grundsatz letzten Mittwoch in Thüringen. (4)
Unwürdig war das - und gefährlich.
Da machten sich Letzte zu Ersten,
aber es ging dabei nicht um Großzügigkeit oder gar darum, dass es allen gut geht.
Es ging um Macht und ein Geschacher um die besten Plätze.
Und man tat sich zusammen mit denen,
die sehr genaue Vorstellungen davon haben, wer oben zu sein hat und wer unten.
Da sollen die Ersten die Ersten bleiben und die Letzten die Letzten.
Reiche und weiße und traditionelle Familien auf der einen Seite.
Die anderen auf die andere.
Neoliberalismus gepaart mit Rechtsextremismus.
Aber Jesus setzt andere Maßstäbe. Himmelsmaßstäbe.
Da gibt es kein Oben und kein Unten, kein rücksichtsloses Geschacher um die besten Plätze.
Da schauen wir Christen und Christinnen anders auf die Welt.
Großzügiger. Liebevoller.
Für uns gibt es keine Ersten und keine Letzten.
Neid und Machtkalkül kippen wir in die Tonne.
Wir sind alle eins in Christus. Und das gilt schon jetzt, nicht erst im Himmel.
Und egal aus welchem Land wir kommen, wie arm oder reich wir sind,
wie gebildet oder nicht, ob Mann oder Frau.
Manche nennen das gutmenschlich oder naiv. Manche nennen das linksradikal.
Aber das ist mir egal.
Gott ist gütig und großzügig. Viel mehr als ich.
Aber ich bin sein Ebenbild und ich folge Jesus nach.
Darum will ich ihm ruhig etwas mehr nacheifern.
Will, dass alle einen Platz haben und alle eine Chance für die Liebe Gottes.
Gleich hier nebenan. Und hier in der Kirche.
Die Letzten werden die Ersten sein.
Amen.
(1) »Das Himmelreich gleicht einem Grundbesitzer: Er zog früh am Morgen los, um Arbeiter für seinen Weinberg einzustellen. Er einigte sich mit den Arbeitern auf einen Lohn von einem Silberstück für den Tag. Dann schickte er sie in seinen Weinberg.
Um die dritte Stunde ging er wieder los. Da sah er noch andere Männer, die ohne Arbeit waren und auf dem Marktplatz herumstanden. Er sagte zu ihnen: ›Ihr könnt auch in meinen Weinberg gehen. Ich werde euch angemessen dafür bezahlen.‹ Die Männer gingen hin.
Später, um die sechste Stunde,und dann nochmal um die neunte Stunde machte der Mann noch einmal das Gleiche.
Als er um die elfte Stunde noch einmal losging, traf er wieder einige Männer, die dort herumstanden.
Er fragte sie: ›Warum steht ihr hier den ganzen Tag untätig herum?‹ Sie antworteten ihm: ›Weil uns niemand eingestellt hat!‹ Da sagte er zu ihnen: ›Ihr könnt auch in meinen Weinberg gehen!‹
Am Abend sagte der Besitzer des Weinbergs zu seinem Verwalter: ›Ruf die Arbeiter zusammen und zahl ihnen den Lohn aus! Fang bei den Letzten an und hör bei den Ersten auf.‹ Also kamen zuerst die Arbeiter, die um die elfte Stunde angefangen hatten. Sie erhielten ein Silberstück. Zuletzt kamen die an die Reihe, die als Erste angefangen hatten.
Sie dachten: ›Bestimmt werden wir mehr bekommen!‹ Doch auch sie erhielten jeder ein Silberstück.
Als sie ihren Lohn bekommen hatten, schimpften sie über den Grundbesitzer. Sie sagten: ›Die da, die als Letzte gekommen sind, haben nur eine Stunde gearbeitet. Aber du hast sie genauso behandelt wie uns. Dabei haben wir den ganzen Tag in der Hitze geschuftet!‹
Da sagte der Grundbesitzer zu einem von ihnen: ›Guter Mann, ich tue dir kein Unrecht. Hast du dich nicht mit mir auf ein Silberstück als Lohn geeinigt? Nimm also das, was dir zusteht, und geh! Ich will dem Letzten hier genauso viel geben wie dir. Kann ich mit dem, was mir gehört, etwa nicht das machen, was ich will? Oder bist du neidisch, weil ich so großzügig bin?‹ So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein.«
(2) https://www.katholisch.de/artikel/24382-erste-synodalversammlung-frankfurt-tag-3
(3) https://www.evkirche-pf.de/html/aktuell/aktuell_u.html?&cataktuell=&m=23507&artikel=20139&stichwort_aktuell=&default=true
(4) https://www.deutschlandfunk.de/thueringen-chronologie-der-ereignisse-seit-der-landtagswahl.1939.de.html?drn:news_id=1099678
Predigt zu Matthäus 20,1-16 (1)
I.
Von oben nach unten. Von unten nach oben.
Jesus dreht alles einmal um.
Die Letzten werden die Ersten sein. Die Ersten die Letzten.
Himmelsmaßstäbe.
Die zum Schluss kommen, kommen nicht zu spät.
Sie bekommen dasselbe wie die, die schon lange dabei sein.
Wer anfängt zu rechnen - wie wir es gewohnt sind, der wird sich wundern.
Denn Jesus hält sich nicht an unsere Berechnungen,
nicht an unsere Hierarchien und Rangordnungen.
II.
Das ist provozierender als wir denken.
Wir tun oft so, als ob wir alle gleich sind.
Aber schon am sogenannten GenderPayGap,
dem Unterschied zwischen den Gehältern von Männern und Frauen,
sehen wir, dass das nicht stimmt.
Beim synodalen Weg unserer katholischen Geschwister wird von einem Kardinal kritisiert,
dass Laien und Kleriker gemeinsam eingezogen sind und jeder gleich viel Redezeit hat. (2)
Ja, wir Evangelische empören uns leicht darüber,
aber auch wir kennen Machtgerangel um Spitzenpositionen.
Als Deutsche tun wir oft so, als ob der Rang einer Person keine Rolle spielt bei uns,
oder das Aussehen, oder die Hautfarbe oder das Geld.
Aber das stimmt nicht.
Manche bekommen noch nicht einmal eine Wohnung,
weil sie einen arabisch klingenden Namen haben.
Und wenn politisch aktive Menschen diese Unterschiede in Frage stellen,
gelten sie als linksradikal und gelten damit als No-Go für die sogenannte Mitte.
Gerade wieder passiert.
III.
Bei Jesus gibt es keine Ersten und keine Letzten..
Er heilt den blinden Bettler genauso
wie den Knecht vom römischen Hauptmann.
Spricht im Tempel wie auf dem wackligen Schiff.
Er lässt sich bedienen und er bedient selber.
Lässt sich mit kostbarem Öl salben,
reitet aber auf einem Esel in die Stadt.
Er nimmt die Kinder in den Arm,
die, die eigentlich überhaupt keine Rolle spielen damals.
Und er lässt einen reichen jungen Mann abblitzen, hat ihn aber lieb.
Die Letzten werden die Ersten sein. Und die Ersten die Letzten.
IV.
Ja, Jesus selbst lebt es so.
Er ist selber der Letzte und geht an die Seite der Letzten.
Und damit legt er sich an mit den Ersten.
Sein Kreuz ist der Ort der Letzten.
Es ist das Letzte. Etwas, das überhaupt nicht zumutbar ist.
Aber genau da geht Jesus hin. Der Erste wird zum Letzten.
Damit die Letzten die Ersten werden. Damit es keine Letzten mehr gibt.
V.
Die Jünger von Jesus verstehen das genauso wenig wie wir.
Lass doch alles beim Alten, Jesus.
Wir sind die ersten, die dir folgen. Die dir glauben.
Dann werden wir auch im Himmel an deiner Seite sein. So wie jetzt.
Und das ist ein richtig gutes Gefühl:
zu den Ersten zu gehören und nicht zu den Letzten.
Immerhin ertragen wir ja auch einiges dafür, dass wir uns so schnell entschlossen haben.
Haben Boote und Familien und Beruf liegen gelassen.
Verzichten auf das weiche Bett und die Sicherheit eines festen Daches.
Nehmen auf uns die Mühe, Tag für Tag um Essen zu betteln. Nur um bei dir zu sein.
Da haben wir uns die Belohnung doch echt verdient, oder? Immerhin sind wir die Ersten.
(Und ja: ich kenne auch heute genug Christen, die genau zu wissen meinen,
wer in den Himmel kommt und wer nicht)
VI.
Falsch, sagt Jesus. Gott ist kein Rechenautomat.
Nicht wer zuerst da ist, hat gewonnen. Auch wer später kommt, gehört zu den Ersten.
Wird genauso in den Arm genommen von Gott.
Bekommt genauso viel Liebe ab und wird genauso herzlich von ihm empfangen.
Das fühlt sich ungerecht an. Und manchmal ist es auch ungerecht.
Aber Gottes Liebe ist nicht aufzurechnen. Seine Liebe könnt ihr nicht verdienen.
Aber ihr braucht es auch nicht. Gott sei Dank.
Es hängt nicht davon ab, wieviel ihr tut und wie lange ihr schon dabei seid.
Entscheidend ist, dass ihr da seid.
Vielleicht denkt ihr, dass es zu spät ist. Aber es gibt kein zu Spät.
Ihr kommt auf den Marktplatz Gottes und findet euren Platz.
Ihr seid willkommen und könnt zupacken.
Jetzt. Nicht später. Und nicht früher. Jetzt.
VII.
Hier nebenan haben wir das Gemeindehaus umgebaut. Da sind jetzt Wohnungen drin.
Und weil Geflüchtete es besonders schwer haben, eine Wohnung zu bekommen,
haben wir mit der Stadt vereinbart, dass die Wohnung erstmal an Geflüchtete vermietet werden. (3)
Darüber haben sich nicht alle gefreut.
Vermietet doch erstmal an Deutsche, bekamen wir zu hören.
"Wir" haben doch genug Menschen, die auch eine Wohnung suchen.
Und "die" da machen doch nur Schwierigkeiten. Die haben es doch gar nicht verdient.
Ja, es gibt immer wieder Schwierigkeiten. Mit Müll und Lärm und so.
Aber das ist doch kein Grund, sie hier nicht wohnen zu lassen.
Im Gegenteil. Diese Menschen brauchen uns, euch.
Und wer das Fass mit „Wir Deutschen“ und „die da“ aufmacht,
hat offensichtlich nicht verstanden, was Jesus meint, wenn er von Liebe und Leben spricht.
VIII.
Bist du neidisch, weil ich großzügig bin?
Das lässt Jesus den Grundbesitzer fragen.
Er fragt die, die Angst haben zu kurz zu kommen.
Die meinen, dass man sich eine Grundrente oder ein Dach über dem Kopf erst verdienen muss.
Bist du neidisch, weil ich großzügig bin?
Du gönnst anderen nicht, was du bekommst?
Bekommst du dadurch weniger? Wirklich weniger?
Haben nicht auch die eine Chance verdient, die von vorne anfangen müssen.?
Deutschland ist ein reiches Land, auch wenn es mit seinen Armen nicht gut umgeht.
Aber wer bist du, deutsche Schwester, deutscher Bruder,
dass du meinst, du hättest es mehr verdient als andere, dass man sich um dich sorgt?
Bist du neidisch, weil ich großzügig bin?
Natürlich müssen wir viel dafür tun,
damit das mit dem Wohnen und Zusammenleben auch funktioniert.
Und natürlich dürfen wir auch die nicht vergessen,
die schon lange hier sind oder schon immer hier gelebt haben.
Aber wenn wir nach dem Grundsatz leben:
nur wer in die Sozialkassen gezahlt hat, darf auch daraus was bekommen,
dann schließen wir alle aus, die nicht arbeiten können oder dürfen:
Asylsuchende, Kranke, Kinder, Behinderte.
Von dieser Großzügigkeit den Schwächeren gegenüber
haben wir uns in unserem Sozialsystem etwas bewahrt
und darüber bin ich froh - trotz aller seiner Schwächen.
Aber eine Politik, die der Barmherzigkeit immer weniger Raum gibt, die will ich nicht.
Auch den Letzten einen Platz zu geben.
Jetzt da zu sein. Und zu gönnen, was da ist. Das ist christlich.
Himmelsmaßstäbe.
IX.
Die Letzten werden die Ersten sein.
Pervertiert wurde dieser Grundsatz letzten Mittwoch in Thüringen. (4)
Unwürdig war das - und gefährlich.
Da machten sich Letzte zu Ersten,
aber es ging dabei nicht um Großzügigkeit oder gar darum, dass es allen gut geht.
Es ging um Macht und ein Geschacher um die besten Plätze.
Und man tat sich zusammen mit denen,
die sehr genaue Vorstellungen davon haben, wer oben zu sein hat und wer unten.
Da sollen die Ersten die Ersten bleiben und die Letzten die Letzten.
Reiche und weiße und traditionelle Familien auf der einen Seite.
Die anderen auf die andere.
Neoliberalismus gepaart mit Rechtsextremismus.
Aber Jesus setzt andere Maßstäbe. Himmelsmaßstäbe.
Da gibt es kein Oben und kein Unten, kein rücksichtsloses Geschacher um die besten Plätze.
Da schauen wir Christen und Christinnen anders auf die Welt.
Großzügiger. Liebevoller.
Für uns gibt es keine Ersten und keine Letzten.
Neid und Machtkalkül kippen wir in die Tonne.
Wir sind alle eins in Christus. Und das gilt schon jetzt, nicht erst im Himmel.
Und egal aus welchem Land wir kommen, wie arm oder reich wir sind,
wie gebildet oder nicht, ob Mann oder Frau.
Manche nennen das gutmenschlich oder naiv. Manche nennen das linksradikal.
Aber das ist mir egal.
Gott ist gütig und großzügig. Viel mehr als ich.
Aber ich bin sein Ebenbild und ich folge Jesus nach.
Darum will ich ihm ruhig etwas mehr nacheifern.
Will, dass alle einen Platz haben und alle eine Chance für die Liebe Gottes.
Gleich hier nebenan. Und hier in der Kirche.
Die Letzten werden die Ersten sein.
Amen.
(1) »Das Himmelreich gleicht einem Grundbesitzer: Er zog früh am Morgen los, um Arbeiter für seinen Weinberg einzustellen. Er einigte sich mit den Arbeitern auf einen Lohn von einem Silberstück für den Tag. Dann schickte er sie in seinen Weinberg.
Um die dritte Stunde ging er wieder los. Da sah er noch andere Männer, die ohne Arbeit waren und auf dem Marktplatz herumstanden. Er sagte zu ihnen: ›Ihr könnt auch in meinen Weinberg gehen. Ich werde euch angemessen dafür bezahlen.‹ Die Männer gingen hin.
Später, um die sechste Stunde,und dann nochmal um die neunte Stunde machte der Mann noch einmal das Gleiche.
Als er um die elfte Stunde noch einmal losging, traf er wieder einige Männer, die dort herumstanden.
Er fragte sie: ›Warum steht ihr hier den ganzen Tag untätig herum?‹ Sie antworteten ihm: ›Weil uns niemand eingestellt hat!‹ Da sagte er zu ihnen: ›Ihr könnt auch in meinen Weinberg gehen!‹
Am Abend sagte der Besitzer des Weinbergs zu seinem Verwalter: ›Ruf die Arbeiter zusammen und zahl ihnen den Lohn aus! Fang bei den Letzten an und hör bei den Ersten auf.‹ Also kamen zuerst die Arbeiter, die um die elfte Stunde angefangen hatten. Sie erhielten ein Silberstück. Zuletzt kamen die an die Reihe, die als Erste angefangen hatten.
Sie dachten: ›Bestimmt werden wir mehr bekommen!‹ Doch auch sie erhielten jeder ein Silberstück.
Als sie ihren Lohn bekommen hatten, schimpften sie über den Grundbesitzer. Sie sagten: ›Die da, die als Letzte gekommen sind, haben nur eine Stunde gearbeitet. Aber du hast sie genauso behandelt wie uns. Dabei haben wir den ganzen Tag in der Hitze geschuftet!‹
Da sagte der Grundbesitzer zu einem von ihnen: ›Guter Mann, ich tue dir kein Unrecht. Hast du dich nicht mit mir auf ein Silberstück als Lohn geeinigt? Nimm also das, was dir zusteht, und geh! Ich will dem Letzten hier genauso viel geben wie dir. Kann ich mit dem, was mir gehört, etwa nicht das machen, was ich will? Oder bist du neidisch, weil ich so großzügig bin?‹ So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein.«
(2) https://www.katholisch.de/artikel/24382-erste-synodalversammlung-frankfurt-tag-3
(3) https://www.evkirche-pf.de/html/aktuell/aktuell_u.html?&cataktuell=&m=23507&artikel=20139&stichwort_aktuell=&default=true
(4) https://www.deutschlandfunk.de/thueringen-chronologie-der-ereignisse-seit-der-landtagswahl.1939.de.html?drn:news_id=1099678
Sonntag, 19. Januar 2020
Wein, Kaffee und warme Hände
Eine Predigt zum Fest des Lebens und zur Eröffnung der Vesperkirche
(mit Dank an Miriam Helmert für Inspiration und das eine oder andere Wort)
I. Vesperkirche
4 Wochen lang wird hier gegessen und getrunken.
4 Wochen lang gibt es hier ein warmes Essen, 4 Wochen eine warme Hand.
Eine hört zu, ein anderer verschreibt Medikamente, wieder eine spielt mit einem Kind.
Geschichten werden erzählt von zuhause, wo es kalt ist und wo das Geld fehlt.
Und andere erzählen von früher, als der Mann noch da war und das Licht heller.
Manche werden nur einmal kommen oder zweimal. Viele kommen jeden Tag.
Die einen kennt man schon gut. Andere sind neu hier.
Ganz normales Essen gibt es hier. Ganz normalen Kaffee.
Jesus ist mittendrin. Und das macht alles anders.
II. Kana
Jesus ist mittendrin.
Dort wo gegessen wird und getrunken. Wo du lachst und wo du weinst.
Wo du zuhause bist. Wo du nicht weißt, ob du dahin gehörst.
Wenn’s was zu feiern gibt, ist Jesus dabei
– auch in Kana, nicht allzu weit weg von Nazareth.
Ein rauschendes Hochzeitsfest. (1)
Ein Fest des Lebens, wo die Liebenden sich küssen,
die Freunde feiern und die Kinder dazwischen herumwuseln.
Musik spielt auf, Geschirr klappert, Stimmengewirr überall. Das Brautpaar ist glücklich.
Über dem Feuer brät ein Lamm, frisches Brot gibt es körbeweise,
Feigen und Käse stehn auf dem Tisch. Und Wein wird ausgeschenkt:
Wein von den Hängen des Golan, gold schimmernd mit fruchtiger Note, in großen Krügen.
Es wird getanzt und gesungen, gelacht und gegessen;
Und Jesus ist mittendrin und genießt die Zeit.
III. Der Wein ist alle
Doch plötzlich ist Schluss mit Lustig. Der Wein ist alle.
Ich fühle mit dem Brautpaar:
Rot vor Scham, wenn der Wein ausgeht oder das Bier nicht reicht.
Oder die Suppe ist sauer geworden über Nacht. (Ist bei meiner Hochzeit passiert)
Was haben wir übersehen in der Planung? Wie stehen wir denn jetzt da?
Und kippt jetzt die Stimmung?
Unangenehmer geht es kaum:
Die eigene Hochzeit, und die Getränke gehen aus!
Eine Vesperkirche, wo zu wenig Essen bestellt wurde.
Das Gefühl ist immer das Gleiche. Peinlich, sehr peinlich.
Denn es geht um mehr.
Es geht um mehr als die Menge oder den guten Geschmack von Wein.
Es geht um den Durst nach Leben und Freude und Sonne und Gemeinschaft.
Dass da einer mit mir als Gast gerechnet hat.
Ich bin es ihm wert, dass er sich für mich ins Zeug legt.
Und so bleibt ein schaler Nachgeschmack, wenn das Gegenteil eintritt.
Da kann man noch so sehr argumentieren:
ach, Wasser tut es doch auch. Ist eh gesünder.
Die Festlaune ist getrübt.
IV. Wasser zu Wein
Doch dann ist da Jesus.
In unsrer Welt angekommen, erwachsen geworden –
und doch letzten Endes ja nicht von dieser Welt.
Grade erst angefangen hat er, öffentlich zu wirken.
Und was tut er als erstes, sein erstes „Zeichen“?!
Er macht Wasser zu Wein.
Keine Heilung, die lebensnotwendig wäre,
Aber es geht um das Leben.
Um das Fest des Lebens mitten im Leben.
Jesus schwingt keine großen Reden,
nicht über die schlechte Vorbereitung des Bräutigams,
oder die knappe Vorratshaltung der Braut.
Auch nicht über das schwierige Trinkverhalten der Gäste,
über die Gefahren des Weinkonsums und die Ressourcenknappheit des Wassers.
Er regt sich nur kurz über seine Mutter auf:
Was willst du von mir, Frau?!,
erinnert sie kurz daran, dass seine Definition von Verwandtschaft anders ist als üblich
– und sieht dann doch ein, dass sie Recht hat mit ihrem Hinweis
Sie haben keinen Wein mehr
und der darin versteckten Bitte: „Jesus, tu doch was dagegen!“
Jesus tut, was nötig und ihm möglich ist, und was er für richtig hält:
Er macht Wasser zu Wein.
Sorgt dafür, dass die Freude am rauschenden Fest keinen Dämpfer bekommt;
und dass niemand mehr Durst leiden muss auf der Hochzeit in Kana.
Er rettet den Gastgeber, die Gäste, das ganze Fest. Jesus macht Wasser zu Wein.
V. Jesus mittendrin
Jesus ist mittendrin und etwas Alltägliches wird was Besonderes.
Das Fest des Lebens mitten im Leben. In Kana und hier.
Die Tasse Kaffee hier in der Kirche wärmt mehr als den Bauch.
Das Essen hier nährt auch die Seele.
Ein Lächeln am Nachbartisch macht den Raum plötzlich heller.
Das einfache Brötchen wird zu einem Geschenk, das noch draußen schmeckt.
4 Wochen lang wird hier Wasser zu Wein, weil Jesus mittendrin ist.
Weil jeder Gast so wichtig und wertvoll ist, dass alle alles geben dafür.
4 Wochen lang Fest des Lebens. 4 Wochen lang mit Jesus mittendrin.
VI. Fest des Lebens
Ich wünsche mir, dass dieses Fest des Lebens nicht aufhört, wenn die Vesperkirche vorbei ist.
Dass Jesus mittendrin bleibt. Dass auch dann Wasser zu Wein wird.
Das Alltägliche zum Besonderen.
Da wird mein Kaffee zu einem Festgetränk, weil ich ihn mit jemandem teile, der nicht damit rechnet.
Da sieht jemand die rumänische Bettlerin vorm Kaufhof
und weiß: sie ist ganze anderen ausgeliefert.
Er setzt sich zu ihr und versucht sie aus ihrem Elend zu befreien.
Vielleicht mit anderen zusammen? (2)
Da werden die Kinder tatsächlich aus den griechischen Flüchtlingslagern nach Deutschland geholt und nicht mehr darüber diskutiert, ob das geht oder nicht.
Und da bekommt eine todkranke Frau eine gespendete Lunge. (3)
Wasser wird zu Wein. Jesus mittendrin im Fest des Lebens, mitten im Leben.
VII. Vertrauen
Ja, das Fest des Lebens geht weiter.
Und ich wünsch mir auch so ein Vertrauen wie Maria:
Tut alles, was er euch sagt, hat sie vorsorglich zu den Dienern gesagt.
Obwohl ihr Sohn sie so distanziert zurecht gewiesen hat, weiß sie, glaubt sie:
Es wird etwas passieren.
Dafür hat sie ihn doch schließlich zur Welt gebracht.
Hat es ertragen, wenn er schon als Kind anders war als die anderen Kinder.
So ein Vertrauen zu haben wie Maria, weil Jesus mittendrin ist in meinem Leben.
Ihn bitten, dass Wunder geschehen. Und das Leben zum Fest wird. Jetzt. Hier.
Und dann das Fest des Lebens feiern wie die Menschen in Kana,
als es plötzlich 600 Liter vom besten Wein gab und das Fest wieder Fahrt aufnahm:
Die Musiker spielen, die Kinder lachen, die Leute tanzen bis zum Morgengrauen.
Und wir feiern das Fest des Lebens hier in der Kirche.
4 Wochen lang mit essen und trinken und mit warmen Händen.
Und jeder Gast ist wertvoll und wichtig.
Wir tragen dann das Fest in die Stadt und in die Welt.
Mit warmen Händen und offenen Herzen. Und wir feiern mit Jesus, der bei uns ist
Er macht Wasser zu Wein und das Alltägliche zu was ganz Besonderen.
Mitten im Leben. Und es hört nicht auf.
Amen.
(1) Johannes 2,1-11 - wurde als Lesung gelesen:
Am dritten Tag fand in Kana in Galiläa eine Hochzeit statt. Auch die Mutter von Jesus nahm daran teil. Jesus und seine Jünger waren ebenfalls zur Hochzeitsfeier eingeladen.
Während des Festes ging der Wein aus. Da sagte die Mutter von Jesus zu ihm: »Sie haben keinen Wein mehr!« Jesus antwortete ihr: »Was willst du von mir, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen.« Doch seine Mutter sagte zu den Dienern: »Tut alles, was er euch sagt!«
Dort gab es auch sechs große Wasserkrüge aus Stein. Die Juden benötigten sie, um sich zu reinigen. Jeder Krug fasste zwei bis drei Eimer. Jesus sagte zu den Dienern: »Füllt die Krüge mit Wasser.«
Die füllten sie bis zum Rand. Dann sagte er zu ihnen: »Schöpft jetzt etwas heraus und bringt es dem Festmeister.« Sie brachten es ihm. Als der Festmeister einen Schluck davon trank, war das Wasser zu Wein geworden. Er wusste natürlich nicht, woher der Wein kam. Aber die Diener, die das Wasser geschöpft hatten, wussten Bescheid. Da rief der Festmeister den Bräutigam zu sich und sagte zu ihm: »Jeder andere schenkt zuerst den guten Wein aus. Und wenn die Gäste dann angetrunken sind, folgt der weniger gute. Du hast den guten Wein bis jetzt zurückgehalten.«
Das war das erste Zeichen. Jesus vollbrachte es in Kana in Galiläa. Er machte damit seine Herrlichkeit sichtbar und seine Jünger glaubten an ihn.
(2) Hier beziehe ich mich auf einen Beitrag von Albert Esslinger-Kiefer in der PZ vom 18.1.2020
(3) Am 15.1.2020 wurde im Bundestag eine Gesetzesänderung zur Organspende beraten. Die Widerspruchslösung wurde abgelehnt. In meinem Umfeld wurden die verschiedenen Lösungsansätze sehr kontrovers diskutiert. Mich persönlich hat die ARD-Dokumentation "Organspende - Jetzt reden die Ärzte" sehr bewegt. https://www.ardmediathek.de/ard/player/Y3JpZDovL2Rhc2Vyc3RlLmRlL3JlcG9ydGFnZSBfIGRva3VtZW50YXRpb24gaW0gZXJzdGVuLzA0M2JhM2U3LTcwZGYtNDJmZS1iMjdhLTU3NTUwZTIwYWRkZg/organspende-jetzt-reden-die-aerzte
(mit Dank an Miriam Helmert für Inspiration und das eine oder andere Wort)
I. Vesperkirche
4 Wochen lang wird hier gegessen und getrunken.
4 Wochen lang gibt es hier ein warmes Essen, 4 Wochen eine warme Hand.
Eine hört zu, ein anderer verschreibt Medikamente, wieder eine spielt mit einem Kind.
Geschichten werden erzählt von zuhause, wo es kalt ist und wo das Geld fehlt.
Und andere erzählen von früher, als der Mann noch da war und das Licht heller.
Manche werden nur einmal kommen oder zweimal. Viele kommen jeden Tag.
Die einen kennt man schon gut. Andere sind neu hier.
Ganz normales Essen gibt es hier. Ganz normalen Kaffee.
Jesus ist mittendrin. Und das macht alles anders.
II. Kana
Jesus ist mittendrin.
Dort wo gegessen wird und getrunken. Wo du lachst und wo du weinst.
Wo du zuhause bist. Wo du nicht weißt, ob du dahin gehörst.
Wenn’s was zu feiern gibt, ist Jesus dabei
– auch in Kana, nicht allzu weit weg von Nazareth.
Ein rauschendes Hochzeitsfest. (1)
Ein Fest des Lebens, wo die Liebenden sich küssen,
die Freunde feiern und die Kinder dazwischen herumwuseln.
Musik spielt auf, Geschirr klappert, Stimmengewirr überall. Das Brautpaar ist glücklich.
Über dem Feuer brät ein Lamm, frisches Brot gibt es körbeweise,
Feigen und Käse stehn auf dem Tisch. Und Wein wird ausgeschenkt:
Wein von den Hängen des Golan, gold schimmernd mit fruchtiger Note, in großen Krügen.
Es wird getanzt und gesungen, gelacht und gegessen;
Und Jesus ist mittendrin und genießt die Zeit.
III. Der Wein ist alle
Doch plötzlich ist Schluss mit Lustig. Der Wein ist alle.
Ich fühle mit dem Brautpaar:
Rot vor Scham, wenn der Wein ausgeht oder das Bier nicht reicht.
Oder die Suppe ist sauer geworden über Nacht. (Ist bei meiner Hochzeit passiert)
Was haben wir übersehen in der Planung? Wie stehen wir denn jetzt da?
Und kippt jetzt die Stimmung?
Unangenehmer geht es kaum:
Die eigene Hochzeit, und die Getränke gehen aus!
Eine Vesperkirche, wo zu wenig Essen bestellt wurde.
Das Gefühl ist immer das Gleiche. Peinlich, sehr peinlich.
Denn es geht um mehr.
Es geht um mehr als die Menge oder den guten Geschmack von Wein.
Es geht um den Durst nach Leben und Freude und Sonne und Gemeinschaft.
Dass da einer mit mir als Gast gerechnet hat.
Ich bin es ihm wert, dass er sich für mich ins Zeug legt.
Und so bleibt ein schaler Nachgeschmack, wenn das Gegenteil eintritt.
Da kann man noch so sehr argumentieren:
ach, Wasser tut es doch auch. Ist eh gesünder.
Die Festlaune ist getrübt.
IV. Wasser zu Wein
Doch dann ist da Jesus.
In unsrer Welt angekommen, erwachsen geworden –
und doch letzten Endes ja nicht von dieser Welt.
Grade erst angefangen hat er, öffentlich zu wirken.
Und was tut er als erstes, sein erstes „Zeichen“?!
Er macht Wasser zu Wein.
Keine Heilung, die lebensnotwendig wäre,
Aber es geht um das Leben.
Um das Fest des Lebens mitten im Leben.
Jesus schwingt keine großen Reden,
nicht über die schlechte Vorbereitung des Bräutigams,
oder die knappe Vorratshaltung der Braut.
Auch nicht über das schwierige Trinkverhalten der Gäste,
über die Gefahren des Weinkonsums und die Ressourcenknappheit des Wassers.
Er regt sich nur kurz über seine Mutter auf:
Was willst du von mir, Frau?!,
erinnert sie kurz daran, dass seine Definition von Verwandtschaft anders ist als üblich
– und sieht dann doch ein, dass sie Recht hat mit ihrem Hinweis
Sie haben keinen Wein mehr
und der darin versteckten Bitte: „Jesus, tu doch was dagegen!“
Jesus tut, was nötig und ihm möglich ist, und was er für richtig hält:
Er macht Wasser zu Wein.
Sorgt dafür, dass die Freude am rauschenden Fest keinen Dämpfer bekommt;
und dass niemand mehr Durst leiden muss auf der Hochzeit in Kana.
Er rettet den Gastgeber, die Gäste, das ganze Fest. Jesus macht Wasser zu Wein.
V. Jesus mittendrin
Jesus ist mittendrin und etwas Alltägliches wird was Besonderes.
Das Fest des Lebens mitten im Leben. In Kana und hier.
Die Tasse Kaffee hier in der Kirche wärmt mehr als den Bauch.
Das Essen hier nährt auch die Seele.
Ein Lächeln am Nachbartisch macht den Raum plötzlich heller.
Das einfache Brötchen wird zu einem Geschenk, das noch draußen schmeckt.
4 Wochen lang wird hier Wasser zu Wein, weil Jesus mittendrin ist.
Weil jeder Gast so wichtig und wertvoll ist, dass alle alles geben dafür.
4 Wochen lang Fest des Lebens. 4 Wochen lang mit Jesus mittendrin.
VI. Fest des Lebens
Ich wünsche mir, dass dieses Fest des Lebens nicht aufhört, wenn die Vesperkirche vorbei ist.
Dass Jesus mittendrin bleibt. Dass auch dann Wasser zu Wein wird.
Das Alltägliche zum Besonderen.
Da wird mein Kaffee zu einem Festgetränk, weil ich ihn mit jemandem teile, der nicht damit rechnet.
Da sieht jemand die rumänische Bettlerin vorm Kaufhof
und weiß: sie ist ganze anderen ausgeliefert.
Er setzt sich zu ihr und versucht sie aus ihrem Elend zu befreien.
Vielleicht mit anderen zusammen? (2)
Da werden die Kinder tatsächlich aus den griechischen Flüchtlingslagern nach Deutschland geholt und nicht mehr darüber diskutiert, ob das geht oder nicht.
Und da bekommt eine todkranke Frau eine gespendete Lunge. (3)
Wasser wird zu Wein. Jesus mittendrin im Fest des Lebens, mitten im Leben.
VII. Vertrauen
Ja, das Fest des Lebens geht weiter.
Und ich wünsch mir auch so ein Vertrauen wie Maria:
Tut alles, was er euch sagt, hat sie vorsorglich zu den Dienern gesagt.
Obwohl ihr Sohn sie so distanziert zurecht gewiesen hat, weiß sie, glaubt sie:
Es wird etwas passieren.
Dafür hat sie ihn doch schließlich zur Welt gebracht.
Hat es ertragen, wenn er schon als Kind anders war als die anderen Kinder.
So ein Vertrauen zu haben wie Maria, weil Jesus mittendrin ist in meinem Leben.
Ihn bitten, dass Wunder geschehen. Und das Leben zum Fest wird. Jetzt. Hier.
Und dann das Fest des Lebens feiern wie die Menschen in Kana,
als es plötzlich 600 Liter vom besten Wein gab und das Fest wieder Fahrt aufnahm:
Die Musiker spielen, die Kinder lachen, die Leute tanzen bis zum Morgengrauen.
Und wir feiern das Fest des Lebens hier in der Kirche.
4 Wochen lang mit essen und trinken und mit warmen Händen.
Und jeder Gast ist wertvoll und wichtig.
Wir tragen dann das Fest in die Stadt und in die Welt.
Mit warmen Händen und offenen Herzen. Und wir feiern mit Jesus, der bei uns ist
Er macht Wasser zu Wein und das Alltägliche zu was ganz Besonderen.
Mitten im Leben. Und es hört nicht auf.
Amen.
(1) Johannes 2,1-11 - wurde als Lesung gelesen:
Am dritten Tag fand in Kana in Galiläa eine Hochzeit statt. Auch die Mutter von Jesus nahm daran teil. Jesus und seine Jünger waren ebenfalls zur Hochzeitsfeier eingeladen.
Während des Festes ging der Wein aus. Da sagte die Mutter von Jesus zu ihm: »Sie haben keinen Wein mehr!« Jesus antwortete ihr: »Was willst du von mir, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen.« Doch seine Mutter sagte zu den Dienern: »Tut alles, was er euch sagt!«
Dort gab es auch sechs große Wasserkrüge aus Stein. Die Juden benötigten sie, um sich zu reinigen. Jeder Krug fasste zwei bis drei Eimer. Jesus sagte zu den Dienern: »Füllt die Krüge mit Wasser.«
Die füllten sie bis zum Rand. Dann sagte er zu ihnen: »Schöpft jetzt etwas heraus und bringt es dem Festmeister.« Sie brachten es ihm. Als der Festmeister einen Schluck davon trank, war das Wasser zu Wein geworden. Er wusste natürlich nicht, woher der Wein kam. Aber die Diener, die das Wasser geschöpft hatten, wussten Bescheid. Da rief der Festmeister den Bräutigam zu sich und sagte zu ihm: »Jeder andere schenkt zuerst den guten Wein aus. Und wenn die Gäste dann angetrunken sind, folgt der weniger gute. Du hast den guten Wein bis jetzt zurückgehalten.«
Das war das erste Zeichen. Jesus vollbrachte es in Kana in Galiläa. Er machte damit seine Herrlichkeit sichtbar und seine Jünger glaubten an ihn.
(2) Hier beziehe ich mich auf einen Beitrag von Albert Esslinger-Kiefer in der PZ vom 18.1.2020
(3) Am 15.1.2020 wurde im Bundestag eine Gesetzesänderung zur Organspende beraten. Die Widerspruchslösung wurde abgelehnt. In meinem Umfeld wurden die verschiedenen Lösungsansätze sehr kontrovers diskutiert. Mich persönlich hat die ARD-Dokumentation "Organspende - Jetzt reden die Ärzte" sehr bewegt. https://www.ardmediathek.de/ard/player/Y3JpZDovL2Rhc2Vyc3RlLmRlL3JlcG9ydGFnZSBfIGRva3VtZW50YXRpb24gaW0gZXJzdGVuLzA0M2JhM2U3LTcwZGYtNDJmZS1iMjdhLTU3NTUwZTIwYWRkZg/organspende-jetzt-reden-die-aerzte
Mittwoch, 25. Dezember 2019
Gott in deinem Leben
Von Elfy und Maria, Staub und Stroh
Predigt zu Sacharja 2, 14-17
I.
Freue dich und sei fröhlich!
Denn siehe, ich komme und will bei dir wohnen.
Es ist Winter. Es ist kalt.
Und Elfy, 39 Jahre alt, gelernte Köchin, ist obdachlos. (1)
Sie sitzt im Café eines Supermarkts
und rührt Zucker in ihren Kaffee, den ihr jemand spendiert hat..
Elfy, wie sie von ihren Kumpels genannt wird, will wegkommen von der Straße.
Sie hat blonde Haare, wie ihr Sohn, als er klein war.
Aber sie sind zottelig, und es ist kein natürliches Blond.
In den vergangenen Wochen hatte sie viele Termine, ist zu Ämtern gelaufen, hat Anträge gestellt.
Bis sich Türen öffneten und Elfy das Angebot bekam,
in eine Einrichtung für betreutes Wohnen aufgenommen zu werden.
Dort hätte sie ein eigenes Zimmer und Unterstützung von Sozialarbeitern.
Ein festes Dach über dem Kopf, in greifbarer Nähe.
Wenn sie über diesen Erfolg spricht, wirkt sie aufgekratzt und lächelt.
Dann sieht man, dass ihr ein paar Zähne im Unterkiefer fehlen.
Noch vor Heiligabend könne sie einziehen, habe man ihr in Aussicht gestellt.
Für Elfy würde damit ein großer Wunsch in Erfüllung gehen.
Auch, weil ihr Sohn sie besuchen will.
„Ich möchte so gern mit ihm Weihnachten feiern“, sagt sie.
Mario ist mittlerweile 18 Jahre alt und lebt in einer anderen Stadt.
Sie sehen sich nur selten.
Er habe eine geistige Beeinträchtigung und wisse nichts von ihrer Obdachlosigkeit, sagt Elfy.
Sie schaut auf ihr Handy. Das Wohnheim hat noch nicht angerufen.
Für einen Moment verschwindet das Lächeln aus ihrem Gesicht.
II.
Freue dich und sei fröhlich!
Denn siehe, ich komme und will bei dir wohnen.
Jerusalem ist zerstört als der Prophet Sacharja seine Visionen hat.
Zerstört von Krieg und Schuld, von Rache und Hass. Kein Ort, wo man leben kann.
Dorthin ziehe ich, sagt Gott. Dort will ich wohnen.
Ich ziehe in keinen Palast und in keinen Tempel. Ich ziehe auch nicht hinter hohe Mauern.
Nein, ich will im Schutt wohnen und in den Ruinen. Zwischen Steinen und Asche.
Ich baue mir ein Lager, wo es keine Zukunft gibt.
Bei den Vergessenen und Verlassenen. Bei den Heimatlosen suche ich meine neue Heimat.
III.
Siehe, ich komme und will bei dir wohnen.
Gott ist auf Wohnungssuche.
Er nimmt Wohnung bei einer jungen Frau namens Maria.
Ihr Körper wird zum Tempel seiner Gegenwart.
Sie ist eine einfache jüdische junge Frau in Nazareth. Nichts besonderes.
Mit normalen Träumen eines jungen Mädchens
und einer normalen Zukunft, was in jener Zeit heißt, dass es gerade so reicht.
Sie steht morgens auf und tut, was man so tut.
Sie näht und backt, pflanzt und erntet, füttert Tiere und wäscht die Wäsche,
presst die Trauben zu Wein. Abends geht sie früh schlafen.
Und sie hofft, dass Joseph gut zu ihr sein wird. Aber wer weiß das schon?
Und jetzt ist auch noch Gott mit an Bord. Was soll das nur werden?
Aber nun ist das wohl so.
Ja, Gott hat sich aufgemacht von seiner heiligen Stätte
und gemeinsam mit Maria und Josef begibt sich er auf den Weg in die Stadt Davids.
Ein schwerer Weg mit schwerem Körper und Wasser in den Beinen.
Und sie finden keine Herberge. Gott auf Herbergssuche.
Und er kommt zur Welt in mitten von Tiergebrüll und Stallgeruch.
Geboren von Heimatlosen und Vertriebenen
teilt er das Schicksal der Heimatlosen und Vertriebenen dieser Erde.
Gott wird geboren in einem Futtertrog, im Zelt eines Lagers auf Lesbos
und unter der Brücke in einer deutschen Stadt, irgendwo.
Auf der Flucht vor den Bomben, die auf Pforzheim fielen,
und im Kreißsaal einer Großstadt mit lauter anderen Geburten zusammen.
Dort kommt Gott zur Welt - im Staub und im Stroh,
inmitten von Kacheln und auf schmutzigem Zeltboden.
Und dort ist Gott dann und bleibt.
IV.
Freue dich und sei fröhlich!
Denn siehe, ich komme und will bei dir wohnen.
Bei dir und bei mir - so wie du bist, so wie ich bin.
Stell dir vor, Gott klingelt und putzt seine Schuhe an der Fußmatte ab,
darauf steht vielleicht „home“. (2)
Vielleicht steigt er über die Schuhe, die du nicht aufgeräumt hast.
Vielleicht ist es dir peinlich, wie es bei dir aussieht.
Die Spinnweben in der Ecke.
Die Einkaufstasche liegt halb unausgepackt herum.
Die Krippenfiguren liegen noch auf der Kommode.
Und eigentlich hast du überhaupt keine Zeit für deinen neuen Mitbewohner.
Kopf und Herz sind zu voll mit dem ganzen Unerledigten.
Die Karten, die du schreiben wolltest, aber nicht geschrieben hast.
Der Anruf bei der Mutter, den du vor dir herschiebst.
Und das letzte Gespräch mit dem Chef.
Bei dem Gedanken daran zieht es dir sofort wieder in den Bauch.
Warum hat der nur so komische Fragen gestellt? Habe ich zu viel falsch gemacht?
Und die Kinder in den griechischen Flüchtlingslagern, auch die lassen dir keine Ruhe.
Und jetzt auch noch womöglich Gott. Hier bei dir.
Du bist dir nicht sicher, ob du das aushältst. Ob dir das nicht zu viel wird.
Denn dann müsste doch erstmal die Einkaufstasche ausgepackt werden
Und die Krippenfiguren an ihren Platz stellen.
Gott soll sich ja wohlfühlen.
Das muss doch alles richtig sein, schließlich ist ja Weihnachten.
V.
Aber Gott zieht ihre Schuhe aus, schaut sich neugierig um und fühlt sich sichtlich wohl.
Nichts muss richtig sein für Gott. Im Gegenteil.
Gott kommt in die Ruinen Jerusalems
und in ein Kaff namens Bethlehem mit den merkwürdigsten Gestalten um sich herum.
Hör auf, dich richtiger für mich machen zu wollen, sagt Gott.
Gerade in deinem so unperfekten Leben bin ich zuhause.
In deinen Fragen und deiner Angst - bin ich da. In deinen Zweifeln an dieser Welt.
In deiner Ratlosigkeit, weil du nicht weißt, wie du wirklich was ändern kannst.
Ich will nicht im Heiligtum wohnen. (3)
Sondern bei dir. Wo du leidest und wo du liebst.
Und ich bin gekommen um zu bleiben.
Setz dich also hin und schau dich selbst liebevoll an und die Welt auch.
VI.
Siehe, ich komme und will bei dir wohnen, spricht er Herr.
Er hat sich aufgemacht.
Du findest Gott in Elfy, die nach einer Bleibe sucht - und nach Liebe.
Ob es bis heute geklappt hat, weiß ich nicht.
Aber sie wollte nochmal einen neuen Anlauf nehmen. Nochmal anrufen beim Wohnheim.
Vielleicht triffst du sie auf der Straße und du rümpfst deine Nase, wie sie heute wieder aussieht,
aber dann denke daran: du siehst Gott, wenn du sie siehst.
Frage sie, wie du ihr helfen kannst. Vielleicht freut sie sich über ein warme Tasse Kaffee.
Und am meisten freut sie sich vermutlich über eine Sozialpolitik,
die ihr eine Chance zum Überleben gibt.
Du findest Gott in den Trümmern und Bruchstücken dieser Welt.
In den Kindern der griechischen Flüchtlingslager, um die sich Europa nicht schert.
Und bei den Fluchthelfern, die sie da rausholen wollen.
Du findest Gott in den Behelfsunterkünften deines Lebens.
Wo es laut und unruhig ist und manchmal auch ganz still.
Du findest ihn in einer Maria, die ihr Leben ganz neu sortieren muss
und sie weiß nicht, wo sie bleiben kann. Aber Gott bleibt bei ihr.
Du findest Gott in deinem Leben. Und er bleibt - auch bei dir.
Und für dich singen die Engel.
Amen.
Lied: Tochter Zion, freue dich
(1) Auf das Leben von Elfy hat mich Dieter Puhl aufmerksam gemacht. Ihre Krebserkrankung habe ich in meiner Predigt nicht erwähnt. Zu lesen in https://www.tagesspiegel.de/berlin/obdachlosigkeit-in-der-hauptstadt-wie-eine-krebskranke-berlinerin-auf-der-strasse-ueberlebt/25358950.html
(2) Wortideen von Birgit Mattausch
(3) Wortideen von Sebastian Wolfrum
Predigt zu Sacharja 2, 14-17
I.
Freue dich und sei fröhlich!
Denn siehe, ich komme und will bei dir wohnen.
Es ist Winter. Es ist kalt.
Und Elfy, 39 Jahre alt, gelernte Köchin, ist obdachlos. (1)
Sie sitzt im Café eines Supermarkts
und rührt Zucker in ihren Kaffee, den ihr jemand spendiert hat..
Elfy, wie sie von ihren Kumpels genannt wird, will wegkommen von der Straße.
Sie hat blonde Haare, wie ihr Sohn, als er klein war.
Aber sie sind zottelig, und es ist kein natürliches Blond.
In den vergangenen Wochen hatte sie viele Termine, ist zu Ämtern gelaufen, hat Anträge gestellt.
Bis sich Türen öffneten und Elfy das Angebot bekam,
in eine Einrichtung für betreutes Wohnen aufgenommen zu werden.
Dort hätte sie ein eigenes Zimmer und Unterstützung von Sozialarbeitern.
Ein festes Dach über dem Kopf, in greifbarer Nähe.
Wenn sie über diesen Erfolg spricht, wirkt sie aufgekratzt und lächelt.
Dann sieht man, dass ihr ein paar Zähne im Unterkiefer fehlen.
Noch vor Heiligabend könne sie einziehen, habe man ihr in Aussicht gestellt.
Für Elfy würde damit ein großer Wunsch in Erfüllung gehen.
Auch, weil ihr Sohn sie besuchen will.
„Ich möchte so gern mit ihm Weihnachten feiern“, sagt sie.
Mario ist mittlerweile 18 Jahre alt und lebt in einer anderen Stadt.
Sie sehen sich nur selten.
Er habe eine geistige Beeinträchtigung und wisse nichts von ihrer Obdachlosigkeit, sagt Elfy.
Sie schaut auf ihr Handy. Das Wohnheim hat noch nicht angerufen.
Für einen Moment verschwindet das Lächeln aus ihrem Gesicht.
II.
Freue dich und sei fröhlich!
Denn siehe, ich komme und will bei dir wohnen.
Jerusalem ist zerstört als der Prophet Sacharja seine Visionen hat.
Zerstört von Krieg und Schuld, von Rache und Hass. Kein Ort, wo man leben kann.
Dorthin ziehe ich, sagt Gott. Dort will ich wohnen.
Ich ziehe in keinen Palast und in keinen Tempel. Ich ziehe auch nicht hinter hohe Mauern.
Nein, ich will im Schutt wohnen und in den Ruinen. Zwischen Steinen und Asche.
Ich baue mir ein Lager, wo es keine Zukunft gibt.
Bei den Vergessenen und Verlassenen. Bei den Heimatlosen suche ich meine neue Heimat.
III.
Siehe, ich komme und will bei dir wohnen.
Gott ist auf Wohnungssuche.
Er nimmt Wohnung bei einer jungen Frau namens Maria.
Ihr Körper wird zum Tempel seiner Gegenwart.
Sie ist eine einfache jüdische junge Frau in Nazareth. Nichts besonderes.
Mit normalen Träumen eines jungen Mädchens
und einer normalen Zukunft, was in jener Zeit heißt, dass es gerade so reicht.
Sie steht morgens auf und tut, was man so tut.
Sie näht und backt, pflanzt und erntet, füttert Tiere und wäscht die Wäsche,
presst die Trauben zu Wein. Abends geht sie früh schlafen.
Und sie hofft, dass Joseph gut zu ihr sein wird. Aber wer weiß das schon?
Und jetzt ist auch noch Gott mit an Bord. Was soll das nur werden?
Aber nun ist das wohl so.
Ja, Gott hat sich aufgemacht von seiner heiligen Stätte
und gemeinsam mit Maria und Josef begibt sich er auf den Weg in die Stadt Davids.
Ein schwerer Weg mit schwerem Körper und Wasser in den Beinen.
Und sie finden keine Herberge. Gott auf Herbergssuche.
Und er kommt zur Welt in mitten von Tiergebrüll und Stallgeruch.
Geboren von Heimatlosen und Vertriebenen
teilt er das Schicksal der Heimatlosen und Vertriebenen dieser Erde.
Gott wird geboren in einem Futtertrog, im Zelt eines Lagers auf Lesbos
und unter der Brücke in einer deutschen Stadt, irgendwo.
Auf der Flucht vor den Bomben, die auf Pforzheim fielen,
und im Kreißsaal einer Großstadt mit lauter anderen Geburten zusammen.
Dort kommt Gott zur Welt - im Staub und im Stroh,
inmitten von Kacheln und auf schmutzigem Zeltboden.
Und dort ist Gott dann und bleibt.
IV.
Freue dich und sei fröhlich!
Denn siehe, ich komme und will bei dir wohnen.
Bei dir und bei mir - so wie du bist, so wie ich bin.
Stell dir vor, Gott klingelt und putzt seine Schuhe an der Fußmatte ab,
darauf steht vielleicht „home“. (2)
Vielleicht steigt er über die Schuhe, die du nicht aufgeräumt hast.
Vielleicht ist es dir peinlich, wie es bei dir aussieht.
Die Spinnweben in der Ecke.
Die Einkaufstasche liegt halb unausgepackt herum.
Die Krippenfiguren liegen noch auf der Kommode.
Und eigentlich hast du überhaupt keine Zeit für deinen neuen Mitbewohner.
Kopf und Herz sind zu voll mit dem ganzen Unerledigten.
Die Karten, die du schreiben wolltest, aber nicht geschrieben hast.
Der Anruf bei der Mutter, den du vor dir herschiebst.
Und das letzte Gespräch mit dem Chef.
Bei dem Gedanken daran zieht es dir sofort wieder in den Bauch.
Warum hat der nur so komische Fragen gestellt? Habe ich zu viel falsch gemacht?
Und die Kinder in den griechischen Flüchtlingslagern, auch die lassen dir keine Ruhe.
Und jetzt auch noch womöglich Gott. Hier bei dir.
Du bist dir nicht sicher, ob du das aushältst. Ob dir das nicht zu viel wird.
Denn dann müsste doch erstmal die Einkaufstasche ausgepackt werden
Und die Krippenfiguren an ihren Platz stellen.
Gott soll sich ja wohlfühlen.
Das muss doch alles richtig sein, schließlich ist ja Weihnachten.
V.
Aber Gott zieht ihre Schuhe aus, schaut sich neugierig um und fühlt sich sichtlich wohl.
Nichts muss richtig sein für Gott. Im Gegenteil.
Gott kommt in die Ruinen Jerusalems
und in ein Kaff namens Bethlehem mit den merkwürdigsten Gestalten um sich herum.
Hör auf, dich richtiger für mich machen zu wollen, sagt Gott.
Gerade in deinem so unperfekten Leben bin ich zuhause.
In deinen Fragen und deiner Angst - bin ich da. In deinen Zweifeln an dieser Welt.
In deiner Ratlosigkeit, weil du nicht weißt, wie du wirklich was ändern kannst.
Ich will nicht im Heiligtum wohnen. (3)
Sondern bei dir. Wo du leidest und wo du liebst.
Und ich bin gekommen um zu bleiben.
Setz dich also hin und schau dich selbst liebevoll an und die Welt auch.
VI.
Siehe, ich komme und will bei dir wohnen, spricht er Herr.
Er hat sich aufgemacht.
Du findest Gott in Elfy, die nach einer Bleibe sucht - und nach Liebe.
Ob es bis heute geklappt hat, weiß ich nicht.
Aber sie wollte nochmal einen neuen Anlauf nehmen. Nochmal anrufen beim Wohnheim.
Vielleicht triffst du sie auf der Straße und du rümpfst deine Nase, wie sie heute wieder aussieht,
aber dann denke daran: du siehst Gott, wenn du sie siehst.
Frage sie, wie du ihr helfen kannst. Vielleicht freut sie sich über ein warme Tasse Kaffee.
Und am meisten freut sie sich vermutlich über eine Sozialpolitik,
die ihr eine Chance zum Überleben gibt.
Du findest Gott in den Trümmern und Bruchstücken dieser Welt.
In den Kindern der griechischen Flüchtlingslager, um die sich Europa nicht schert.
Und bei den Fluchthelfern, die sie da rausholen wollen.
Du findest Gott in den Behelfsunterkünften deines Lebens.
Wo es laut und unruhig ist und manchmal auch ganz still.
Du findest ihn in einer Maria, die ihr Leben ganz neu sortieren muss
und sie weiß nicht, wo sie bleiben kann. Aber Gott bleibt bei ihr.
Du findest Gott in deinem Leben. Und er bleibt - auch bei dir.
Und für dich singen die Engel.
Amen.
Lied: Tochter Zion, freue dich
(1) Auf das Leben von Elfy hat mich Dieter Puhl aufmerksam gemacht. Ihre Krebserkrankung habe ich in meiner Predigt nicht erwähnt. Zu lesen in https://www.tagesspiegel.de/berlin/obdachlosigkeit-in-der-hauptstadt-wie-eine-krebskranke-berlinerin-auf-der-strasse-ueberlebt/25358950.html
(2) Wortideen von Birgit Mattausch
(3) Wortideen von Sebastian Wolfrum
Sonntag, 15. Dezember 2019
Welten entdecken
Predigt zum 3.Advent 2019 über Jesaja 40,1-11
verschränkt und verwoben mit den wunderbaren Gedanken und Formulierungen von Thomas Hirsch-Hüffel*
Tröstet, tröstet mein Volk!, spricht euer Gott.
Redet mit Jerusalem freundlich und predigt ihr,
dass ihre Knechtschaft ein Ende hat, dass ihre Schuld vergeben ist;
denn sie hat die volle Strafe empfangen von der Hand des Herrn für alle ihre Sünden.
Es ruft eine Stimme:
In der Wüste bereitet dem Herrn den Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott!
Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden,
und was uneben ist, soll gerade, und was hügelig ist, soll eben werden;
denn die Herrlichkeit des Herrn soll offenbart werden,
und alles Fleisch miteinander wird es sehen; denn des Herrn Mund hat's geredet.
Es spricht eine Stimme: Predige!, und ich sprach: Was soll ich predigen?
Alles Fleisch ist Gras, und alle seine Güte ist wie eine Blume auf dem Felde.
Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt; denn des Herrn Odem bläst darein.
Ja, Gras ist das Volk!
Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich.
Zion, du Freudenbotin, steig auf einen hohen Berg;
Jerusalem, du Freudenbotin, erhebe deine Stimme mit Macht;
erhebe sie und fürchte dich nicht!
Sage den Städten Judas: Siehe, da ist euer Gott; siehe, da ist Gott der Herr!
Er kommt gewaltig, und sein Arm wird herrschen.
Siehe, was er gewann, ist bei ihm, und was er sich erwarb, geht vor ihm her.
Er wird seine Herde weiden wie ein Hirte.
Er wird die Lämmer in seinen Arm sammeln
und im Bausch seines Gewandes tragen und die Mutterschafe führen.
I.
An den Wassern von Babylon sitzen sie und weinen.
Ins Exil verbannt. Weit weit weg von zuhause. Entwurzelt.
Irgendwie haben sie sich daran gewöhnt.
Die Sehnsucht überdeckt mit dem Alltäglichen.
Tun, was man halt so tun muss, um nicht aufzufallen.
Manchmal aber kribbelt es.
Und sie wissen genau: Das kann es noch nicht gewesen sein.
II.
Es ruft eine Stimme:
In der Wüste bereitet dem Herrn den Weg,
macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott!
Das hier in Babylon, das kann es noch nicht gewesen sein.
Ist das nun die ersehnte Veränderung?
Sie erinnern sich:
Ihre Vorfahren brachen einst aus Ägypten aus und wagten sich in die Wüste hinein.
Und nun ein erneuter Aufbruch? Wieder in die Wüste.
Ungewiss, was dabei rauskommt und wo man landet.
Aber mit dem sicheren Gefühl: es ist jetzt dran, sonst vertrocknen wir wie das Gras im Sommer.
III.
Das kann es noch nicht gewesen sein. Das ist noch nicht alles, was jetzt ist.
Wir sind noch nicht fertig. Immer wartet in uns etwas auf seine Geburt.
Immer ist das, was wir eigentlich sind größer als das, was wir leben.
Beate könnte auch Kinder-Animateurin auf Sizilien sein. Sie verkauft aber Reisen in Pforzheim.
Sie hätte den Blick für Architektur und das Ohr für fremde Klänge.
Aber das kann sie nur ahnen. Ihre Entscheidung fiel einmal anders aus.
Jede merkt, was noch möglich wäre an den wiederkehrenden Pubertäten:
es summt in den Knochen, die Glieder wollen etwas – aber noch ohne Ziel.
Ein anderer Mann hätte es auch sein können, eine andere Stadt.
Eine einzige Palme im Fernsehen beißt das Herz, und schon ist die Fantasie unterwegs:
Nicht nur Reisen verkaufen, sondern selber reisen und darüber schreiben?
Bin ich eigentlich noch ganz anders?
IV.
Berge fallen und Täler werden erhöht.
Verlässlich stellen sich unter der scheinbar festen biografischen Erdkruste
tektonische Verschiebungen ein. Hochhäuser und andere Lebensgebäude wackeln.
In der Tiefe Magma, glühend. Gelegentlich Ausbrüche vulkanischer Natur.
So ungeheuer flüssig wie der Erde Inneres, so unermesslich reich ist die Seele.
Wir könnten so viel mehr als in diesem Leben.
Vielleicht denke ich, ich sei schon ziemlich fertig und endlich stabil.
Aber fertig sind wir erst im Tod, und selbst da: wer weiß … –
vielleicht sehen wir dann die ganze Vielfalt unserer Tiefen und Gebirge.
Das wäre die ungeheure Landschaft, die immer in uns wohnte und bereist werden wollte.
Aber warum dann nicht jetzt? Warum immer nur die faulen Kompromisse?
Und wann ist der richtige Zeitpunkt für den Aufbruch, für das Große,
für die Möglichkeiten, die da sind?
V.
Das Große kommt. Etwas, das sich nicht greifen lässt.
Und ich stehe vor meiner eigenen Sehnsucht nach dem ganz anderen in mir
und stammel „Was soll ich glauben, was kann ich predigen“.
Ach wie gut ich den Propheten verstehe. Und wie gut, dass es auch ihm so geht.
Dass auch er spürt: Hier verschiebt sich was, das noch zu groß ist für mich.
Es wirft mich aus der Bahn, obwohl ich doch vielleicht eine Bahn legen sollte.
Aber ich setze mal einen Fuß dorthin und taste mich vor in meine Seele hinein
Schaffe Platz für das Große, das da kommt.
Adventszeit ist eine gute Zeit dafür.
VI.
Siehe da ist euer Gott, ruft der Prophet.
Und ich sehe die 17jährige, die einem Mann namens Josef versprochen ist.
Sie tut, was alle Mädels in der Zeit damals tun:
sich auf ein Leben in einer Ehe vorzubereiten, den Eltern zu helfen,
zu träumen und zu arbeiten, was anliegt.
Aber in ihr wohnen ganz andere Welten. Die sprechen eines Tages zu ihr.
Als ganz am Rand ihres Sehfeldes eine Figur auftaucht. Etwas Helles, anders als alles.
Mit Flügeln wohl und zum Fürchten auch.
In dir bereitet sich etwas Großes vor, sagt es –
oh oh. Was soll mir das? Ich bin doch verplant.
Aber da ist das Summen in den Knochen, die schlaflosen Nächte.
Da entsteht etwas wie aus dem Nichts und es keimt.
Neun Monate wird es reifen. Bei manchen und manchem dauert es viel länger.
Was nun geschieht, will einfach nur erwartet werden.
Das Erdbeben unter den Füßen, die heiße, grundlose Freude beim Aufwachen,
das Weinen ohne Anlass unter der Dusche. Mir selber zuschauen, wie an mir gearbeitet wird.
Adventliches Warten darauf, dass etwas ausgetragen und endlich geboren wird.
Marianische Existenz in guter Hoffnung.
VII.
Macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott.
Halte dich bereit.
Horch hinein in die großen Räume, die auch noch begehbar wären.
Lass dich nicht zu schnell besetzen von Sachen, die dir den Horizont vernageln.
Setz dich zu den Israeliten an die Wasser von Babylon und höre ihnen zu.
Lausche auf die Sehnsucht in dir. Auf deine Ungeduld.
Bleib ‚jungfräulich‘ empfänglich, denn immerzu kann Großes mit dir geschehen.
Was dann entsteht, braucht Begleitung.
Der Entschluss zu reisen und Reisebücher zu schreiben, ist sowas.
Das Kind der 17jährigen wird von schützenden Träumen, Schafhütern
und fernen Gestalten begleitet werden.
Was geboren wird, braucht Schutz – noch ist es klein.
Und was tut Gott? Er ist da. Er wächst – mit mir und in mir.
Und er kommt mir zugleich entgegen
und wenn ich mich verloren habe oder nicht mehr weiter kann,
dann wickelt er mich ein in den Bausch seines Gewandes und trägt mich.
VIII.
Siehe da ist euer Gott, ruft der Prophet.
Und die Freudenbotin steigt auf den Berg und ruft es laut in die Welt.
Gott ist da.
Gott ist das Ganze eurer Möglichkeiten.
Er ist Palme, Engel, Sehnsucht und eure Antwort darauf.
Er ist Ungeduld und Aufbruch, Hoffnung und Erschöpfung zugleich.
Er ist in eurer Wüste und an den Wassern von Babylon,
In euren Tränen und in euren Liedern - damals und heute.
Erwartet ihn. Er nimmt euch mit.
Amen.
* Der Blog von Thomas https://unglaeubigesstaunen.wordpress.com/ ist sehr sehr zu empfehlen! Alles, was in dieser Predigt in dieser Farbe markiert ist, ist dem Blogbeitrag "Advent 17" entnommen oder entlehnt (https://unglaeubigesstaunen.wordpress.com/2017/10/03/advent-17/?fbclid=IwAR2TUGN2mUGSjMmkzTF8NmjykWf090pgaeaLROehRHCj7DHsTCIG3x0s_Zw). Thomas selbst hat mich darauf aufmerksam gemacht, wofür ich ihm sehr dankbar bin.
verschränkt und verwoben mit den wunderbaren Gedanken und Formulierungen von Thomas Hirsch-Hüffel*
Tröstet, tröstet mein Volk!, spricht euer Gott.
Redet mit Jerusalem freundlich und predigt ihr,
dass ihre Knechtschaft ein Ende hat, dass ihre Schuld vergeben ist;
denn sie hat die volle Strafe empfangen von der Hand des Herrn für alle ihre Sünden.
Es ruft eine Stimme:
In der Wüste bereitet dem Herrn den Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott!
Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden,
und was uneben ist, soll gerade, und was hügelig ist, soll eben werden;
denn die Herrlichkeit des Herrn soll offenbart werden,
und alles Fleisch miteinander wird es sehen; denn des Herrn Mund hat's geredet.
Es spricht eine Stimme: Predige!, und ich sprach: Was soll ich predigen?
Alles Fleisch ist Gras, und alle seine Güte ist wie eine Blume auf dem Felde.
Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt; denn des Herrn Odem bläst darein.
Ja, Gras ist das Volk!
Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich.
Zion, du Freudenbotin, steig auf einen hohen Berg;
Jerusalem, du Freudenbotin, erhebe deine Stimme mit Macht;
erhebe sie und fürchte dich nicht!
Sage den Städten Judas: Siehe, da ist euer Gott; siehe, da ist Gott der Herr!
Er kommt gewaltig, und sein Arm wird herrschen.
Siehe, was er gewann, ist bei ihm, und was er sich erwarb, geht vor ihm her.
Er wird seine Herde weiden wie ein Hirte.
Er wird die Lämmer in seinen Arm sammeln
und im Bausch seines Gewandes tragen und die Mutterschafe führen.
I.
An den Wassern von Babylon sitzen sie und weinen.
Ins Exil verbannt. Weit weit weg von zuhause. Entwurzelt.
Irgendwie haben sie sich daran gewöhnt.
Die Sehnsucht überdeckt mit dem Alltäglichen.
Tun, was man halt so tun muss, um nicht aufzufallen.
Manchmal aber kribbelt es.
Und sie wissen genau: Das kann es noch nicht gewesen sein.
II.
Es ruft eine Stimme:
In der Wüste bereitet dem Herrn den Weg,
macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott!
Das hier in Babylon, das kann es noch nicht gewesen sein.
Ist das nun die ersehnte Veränderung?
Sie erinnern sich:
Ihre Vorfahren brachen einst aus Ägypten aus und wagten sich in die Wüste hinein.
Und nun ein erneuter Aufbruch? Wieder in die Wüste.
Ungewiss, was dabei rauskommt und wo man landet.
Aber mit dem sicheren Gefühl: es ist jetzt dran, sonst vertrocknen wir wie das Gras im Sommer.
III.
Das kann es noch nicht gewesen sein. Das ist noch nicht alles, was jetzt ist.
Wir sind noch nicht fertig. Immer wartet in uns etwas auf seine Geburt.
Immer ist das, was wir eigentlich sind größer als das, was wir leben.
Beate könnte auch Kinder-Animateurin auf Sizilien sein. Sie verkauft aber Reisen in Pforzheim.
Sie hätte den Blick für Architektur und das Ohr für fremde Klänge.
Aber das kann sie nur ahnen. Ihre Entscheidung fiel einmal anders aus.
Jede merkt, was noch möglich wäre an den wiederkehrenden Pubertäten:
es summt in den Knochen, die Glieder wollen etwas – aber noch ohne Ziel.
Ein anderer Mann hätte es auch sein können, eine andere Stadt.
Eine einzige Palme im Fernsehen beißt das Herz, und schon ist die Fantasie unterwegs:
Nicht nur Reisen verkaufen, sondern selber reisen und darüber schreiben?
Bin ich eigentlich noch ganz anders?
IV.
Berge fallen und Täler werden erhöht.
Verlässlich stellen sich unter der scheinbar festen biografischen Erdkruste
tektonische Verschiebungen ein. Hochhäuser und andere Lebensgebäude wackeln.
In der Tiefe Magma, glühend. Gelegentlich Ausbrüche vulkanischer Natur.
So ungeheuer flüssig wie der Erde Inneres, so unermesslich reich ist die Seele.
Wir könnten so viel mehr als in diesem Leben.
Vielleicht denke ich, ich sei schon ziemlich fertig und endlich stabil.
Aber fertig sind wir erst im Tod, und selbst da: wer weiß … –
vielleicht sehen wir dann die ganze Vielfalt unserer Tiefen und Gebirge.
Das wäre die ungeheure Landschaft, die immer in uns wohnte und bereist werden wollte.
Aber warum dann nicht jetzt? Warum immer nur die faulen Kompromisse?
Und wann ist der richtige Zeitpunkt für den Aufbruch, für das Große,
für die Möglichkeiten, die da sind?
V.
Das Große kommt. Etwas, das sich nicht greifen lässt.
Und ich stehe vor meiner eigenen Sehnsucht nach dem ganz anderen in mir
und stammel „Was soll ich glauben, was kann ich predigen“.
Ach wie gut ich den Propheten verstehe. Und wie gut, dass es auch ihm so geht.
Dass auch er spürt: Hier verschiebt sich was, das noch zu groß ist für mich.
Es wirft mich aus der Bahn, obwohl ich doch vielleicht eine Bahn legen sollte.
Aber ich setze mal einen Fuß dorthin und taste mich vor in meine Seele hinein
Schaffe Platz für das Große, das da kommt.
Adventszeit ist eine gute Zeit dafür.
VI.
Siehe da ist euer Gott, ruft der Prophet.
Und ich sehe die 17jährige, die einem Mann namens Josef versprochen ist.
Sie tut, was alle Mädels in der Zeit damals tun:
sich auf ein Leben in einer Ehe vorzubereiten, den Eltern zu helfen,
zu träumen und zu arbeiten, was anliegt.
Aber in ihr wohnen ganz andere Welten. Die sprechen eines Tages zu ihr.
Als ganz am Rand ihres Sehfeldes eine Figur auftaucht. Etwas Helles, anders als alles.
Mit Flügeln wohl und zum Fürchten auch.
In dir bereitet sich etwas Großes vor, sagt es –
oh oh. Was soll mir das? Ich bin doch verplant.
Aber da ist das Summen in den Knochen, die schlaflosen Nächte.
Da entsteht etwas wie aus dem Nichts und es keimt.
Neun Monate wird es reifen. Bei manchen und manchem dauert es viel länger.
Was nun geschieht, will einfach nur erwartet werden.
Das Erdbeben unter den Füßen, die heiße, grundlose Freude beim Aufwachen,
das Weinen ohne Anlass unter der Dusche. Mir selber zuschauen, wie an mir gearbeitet wird.
Adventliches Warten darauf, dass etwas ausgetragen und endlich geboren wird.
Marianische Existenz in guter Hoffnung.
VII.
Macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott.
Halte dich bereit.
Horch hinein in die großen Räume, die auch noch begehbar wären.
Lass dich nicht zu schnell besetzen von Sachen, die dir den Horizont vernageln.
Setz dich zu den Israeliten an die Wasser von Babylon und höre ihnen zu.
Lausche auf die Sehnsucht in dir. Auf deine Ungeduld.
Bleib ‚jungfräulich‘ empfänglich, denn immerzu kann Großes mit dir geschehen.
Was dann entsteht, braucht Begleitung.
Der Entschluss zu reisen und Reisebücher zu schreiben, ist sowas.
Das Kind der 17jährigen wird von schützenden Träumen, Schafhütern
und fernen Gestalten begleitet werden.
Was geboren wird, braucht Schutz – noch ist es klein.
Und was tut Gott? Er ist da. Er wächst – mit mir und in mir.
Und er kommt mir zugleich entgegen
und wenn ich mich verloren habe oder nicht mehr weiter kann,
dann wickelt er mich ein in den Bausch seines Gewandes und trägt mich.
VIII.
Siehe da ist euer Gott, ruft der Prophet.
Und die Freudenbotin steigt auf den Berg und ruft es laut in die Welt.
Gott ist da.
Gott ist das Ganze eurer Möglichkeiten.
Er ist Palme, Engel, Sehnsucht und eure Antwort darauf.
Er ist Ungeduld und Aufbruch, Hoffnung und Erschöpfung zugleich.
Er ist in eurer Wüste und an den Wassern von Babylon,
In euren Tränen und in euren Liedern - damals und heute.
Erwartet ihn. Er nimmt euch mit.
Amen.
* Der Blog von Thomas https://unglaeubigesstaunen.wordpress.com/ ist sehr sehr zu empfehlen! Alles, was in dieser Predigt in dieser Farbe markiert ist, ist dem Blogbeitrag "Advent 17" entnommen oder entlehnt (https://unglaeubigesstaunen.wordpress.com/2017/10/03/advent-17/?fbclid=IwAR2TUGN2mUGSjMmkzTF8NmjykWf090pgaeaLROehRHCj7DHsTCIG3x0s_Zw). Thomas selbst hat mich darauf aufmerksam gemacht, wofür ich ihm sehr dankbar bin.
Freitag, 29. November 2019
Ihr gebt die Zukunft nicht auf!
Dank an Fridays for future
Rede anlässlich #NeustartKlima“-Demo von Fridays-for-future in Pforzheim*
29.11.2019
Danke, Friday for future Pforzheim! Danke, dass ihr da seid - hier (im strömenden Regen).
Aber ganz vor allem: Danke, dass ihr die Zukunft nicht aufgebt!
Ich stehe hier als Kirchenfrau. Ich vertrete eine Institution, die viele für altbacken halten, für von gestern. Und ja, manchmal stimmt das auch. Aber Gott sei Dank nicht immer. Wenn es um Ökologie geht und um Klimaschutz, um Müllvermeidung und gerechten Handel, dann ist das bei uns schon lange Thema. Allerdings taten wir das nicht, weil wir womöglich klüger als andere gewesen wären. Nein, wir bekamen durch unseren Kontakt zu Christen und Christinnen in aller Welt deutlicher und öfter zu hören: was wir hier tun, hat Folgen für die ganze Welt. Es ist nicht egal. We are one. We are one - und wir leben auf der einen gemeinsamen Welt.
Schon Anfang der 80er Jahre redeten wir von Bewahrung der Schöpfung. Seit den 00er Jahren gibt es den sogenannten Grünen Gockel für unsere Gemeinden (das ist ein Ökosiegel) und seit 2011 gibt es ein Klimaschutzkonzept. Ziel: bis nächstes Jahr sollen 40% CO2-Emissionen reduziert werden. Und dieses Ziel wird auch erreicht.
Aber - und das sage ich selbstkritisch: in vielen Gemeinden und Kirchen ist das dennoch mühsam. Viele wollen vom Klimawandel nichts hören. Autofahren ist immer noch selbstverständlich. Fliegen auch. Wir verschleudern zu viel Energie. Wir sind nicht konsequent. Und damit leben auch wir in unseren Kirchen hinterm Mond.
Vor allem haben wir aufgehört, Druck auf die Politik auszuüben. Auch wir Kirchenleute haben uns tatsächlich in sowas wie einen Schlaf einlullen lassen. Wir haben uns daran gewöhnt, dass die Klimaziele nicht erreicht werden. Und vielleicht auch gedacht: So schlimm wird das schon nicht werden.
Doch nun ihr. Ihr habt uns wachgerüttelt. Und dafür Danke! Danke, dass ihr die Zukunft nicht aufgebt! Danke, dass ihr euch nichts mehr vormachen lasst. Ihr fordert einen Neustart für das Klima. Richtig so.
Danke, dass ihr laut seid. Danke, dass ihr uns alle daran erinnert, worauf es ankommt: dass alle gut leben können - alle! Auch die Ärmsten der armen Länder, die als erstes unter der Klimaerwärmung leiden. Und ihr erinnert uns daran, dass auch eure Kinder und Enkel noch gut leben wollen.
Ihr setzt euch dafür ein, dass die Zukunft lebenswert bleibt. Dass man frei atmen kann, dass Kinder weiterhin draußen spielen können, dass wir sauberes Wasser für alle haben und gesunde Lebensmittel. Ihr kämpft dafür, dass es noch ein Zukunft für alle gibt und nicht nur für einige wenige Reiche. Danke, dass ihr dafür kämpft!
Viele von uns Alten halten euch ja für verrückt: Man beschimpft euch als Schulschwänzer.
Nicht wenige halten euch für Klimahysteriker, manche sprechen gar von Klimareligion oder Klimasekte. Von Alarmismus ist die Rede. Und von Ökodiktatur.
Dass das Quatsch ist, brauche ich euch nicht zu erzählen. Aber den Kirchenleuten, die euch unterstützen, wird dasselbe vorgeworfen. Dabei wird vor allem vollkommen übersehen, dass ihr die Wissenschaft auf eurer Seite habt. Ob wir noch 5 Jahre haben oder 10 oder 20, bis wir die CO2 Emissionen auf Null gebracht haben sollten - darüber sind sich nicht alle Wissenschaftler einig. Aber selbst wenn wir noch 20 Jahren hätten, müssten wir jetzt endlich richtig loslegen.
Und nicht noch Maßnahmen einführen, die die deutliche Reduzierung von CO2 noch bremsen, wie die Pendlerpauschale und der größere Abstand von Windkraftanlagen zu Wohnungen. Ob wir wirklich noch 20 Jahre haben, bezweifle ich, weil wir jetzt schon die einige Kipppunkte erreicht haben, die den Klimawandel umumkehrbar machen.
Aber Tatsache ist: Wir können nicht mehr warten. Act now! Krempelt die Ärmel hoch, liebe Politiker und Politikerinnen und liebe Bürger*innen, und trefft Entscheidungen, die wirklich was ändern - Entscheidungen, die vermutlich nicht populär sind, weil sie unseren Lebensstil in Frage stellen. Aber wir brauchen diese Entscheidungen. Und das hat mit Ökodiktatur nichts zu tun, sondern mit Vernunft. Das hat auch mit Hysterie und Religion nichts zu tun, sondern mit Verantwortung und Respekt.
Klimahysteriker, Klimareligion, Ökodiktatur - darüber könnte man lachen, wenn es nicht so traurig wäre und vor allem so fatale Folgen hätte. Wegschauen, ignorieren, wegdiskutieren - das alles geht nicht mehr. Denn wir müssen jetzt handeln. Jetzt und nicht erst in 10 Jahren. Und alle, die sich dafür einsetzen, brauchen unsere Unterstützung.
Wir Christen und Christinnen haben den Auftrag von Gott, seine Schöpfung zu bewahren, sie zu erhalten und zu schützen. Wir lieben das Leben, das Leben ist uns von Gott geschenkt und jedes Leben auf dieser Welt ist wertvoll. Diese wunderbare Welt ist es wert, dass wir uns für sie einsetzen, dass wir für sie kämpfen, für sie tanzen und singen, laufen und schreiben und - ja, dass wir laut sind für sie. Damit endlich was passiert.
Danke, dass ihr laut seid! Und auch wir werden laut sein und dran bleiben, das verspreche ich euch. Das Klima braucht einen Neustart.
Und darum stehe ich hier - mit euch. Ihr habt uns aufgeweckt.
Danke, dass ihr uns nicht aufgebt. Danke, dass ihr die Zukunft nicht aufgebt.
*Rede zum Auftakt der Demo in Pforzheim
Rede anlässlich #NeustartKlima“-Demo von Fridays-for-future in Pforzheim*
29.11.2019
Danke, Friday for future Pforzheim! Danke, dass ihr da seid - hier (im strömenden Regen).
Aber ganz vor allem: Danke, dass ihr die Zukunft nicht aufgebt!
Ich stehe hier als Kirchenfrau. Ich vertrete eine Institution, die viele für altbacken halten, für von gestern. Und ja, manchmal stimmt das auch. Aber Gott sei Dank nicht immer. Wenn es um Ökologie geht und um Klimaschutz, um Müllvermeidung und gerechten Handel, dann ist das bei uns schon lange Thema. Allerdings taten wir das nicht, weil wir womöglich klüger als andere gewesen wären. Nein, wir bekamen durch unseren Kontakt zu Christen und Christinnen in aller Welt deutlicher und öfter zu hören: was wir hier tun, hat Folgen für die ganze Welt. Es ist nicht egal. We are one. We are one - und wir leben auf der einen gemeinsamen Welt.
Schon Anfang der 80er Jahre redeten wir von Bewahrung der Schöpfung. Seit den 00er Jahren gibt es den sogenannten Grünen Gockel für unsere Gemeinden (das ist ein Ökosiegel) und seit 2011 gibt es ein Klimaschutzkonzept. Ziel: bis nächstes Jahr sollen 40% CO2-Emissionen reduziert werden. Und dieses Ziel wird auch erreicht.
Aber - und das sage ich selbstkritisch: in vielen Gemeinden und Kirchen ist das dennoch mühsam. Viele wollen vom Klimawandel nichts hören. Autofahren ist immer noch selbstverständlich. Fliegen auch. Wir verschleudern zu viel Energie. Wir sind nicht konsequent. Und damit leben auch wir in unseren Kirchen hinterm Mond.
Vor allem haben wir aufgehört, Druck auf die Politik auszuüben. Auch wir Kirchenleute haben uns tatsächlich in sowas wie einen Schlaf einlullen lassen. Wir haben uns daran gewöhnt, dass die Klimaziele nicht erreicht werden. Und vielleicht auch gedacht: So schlimm wird das schon nicht werden.
Doch nun ihr. Ihr habt uns wachgerüttelt. Und dafür Danke! Danke, dass ihr die Zukunft nicht aufgebt! Danke, dass ihr euch nichts mehr vormachen lasst. Ihr fordert einen Neustart für das Klima. Richtig so.
Danke, dass ihr laut seid. Danke, dass ihr uns alle daran erinnert, worauf es ankommt: dass alle gut leben können - alle! Auch die Ärmsten der armen Länder, die als erstes unter der Klimaerwärmung leiden. Und ihr erinnert uns daran, dass auch eure Kinder und Enkel noch gut leben wollen.
Ihr setzt euch dafür ein, dass die Zukunft lebenswert bleibt. Dass man frei atmen kann, dass Kinder weiterhin draußen spielen können, dass wir sauberes Wasser für alle haben und gesunde Lebensmittel. Ihr kämpft dafür, dass es noch ein Zukunft für alle gibt und nicht nur für einige wenige Reiche. Danke, dass ihr dafür kämpft!
Viele von uns Alten halten euch ja für verrückt: Man beschimpft euch als Schulschwänzer.
Nicht wenige halten euch für Klimahysteriker, manche sprechen gar von Klimareligion oder Klimasekte. Von Alarmismus ist die Rede. Und von Ökodiktatur.
Dass das Quatsch ist, brauche ich euch nicht zu erzählen. Aber den Kirchenleuten, die euch unterstützen, wird dasselbe vorgeworfen. Dabei wird vor allem vollkommen übersehen, dass ihr die Wissenschaft auf eurer Seite habt. Ob wir noch 5 Jahre haben oder 10 oder 20, bis wir die CO2 Emissionen auf Null gebracht haben sollten - darüber sind sich nicht alle Wissenschaftler einig. Aber selbst wenn wir noch 20 Jahren hätten, müssten wir jetzt endlich richtig loslegen.
Und nicht noch Maßnahmen einführen, die die deutliche Reduzierung von CO2 noch bremsen, wie die Pendlerpauschale und der größere Abstand von Windkraftanlagen zu Wohnungen. Ob wir wirklich noch 20 Jahre haben, bezweifle ich, weil wir jetzt schon die einige Kipppunkte erreicht haben, die den Klimawandel umumkehrbar machen.
Aber Tatsache ist: Wir können nicht mehr warten. Act now! Krempelt die Ärmel hoch, liebe Politiker und Politikerinnen und liebe Bürger*innen, und trefft Entscheidungen, die wirklich was ändern - Entscheidungen, die vermutlich nicht populär sind, weil sie unseren Lebensstil in Frage stellen. Aber wir brauchen diese Entscheidungen. Und das hat mit Ökodiktatur nichts zu tun, sondern mit Vernunft. Das hat auch mit Hysterie und Religion nichts zu tun, sondern mit Verantwortung und Respekt.
Klimahysteriker, Klimareligion, Ökodiktatur - darüber könnte man lachen, wenn es nicht so traurig wäre und vor allem so fatale Folgen hätte. Wegschauen, ignorieren, wegdiskutieren - das alles geht nicht mehr. Denn wir müssen jetzt handeln. Jetzt und nicht erst in 10 Jahren. Und alle, die sich dafür einsetzen, brauchen unsere Unterstützung.
Wir Christen und Christinnen haben den Auftrag von Gott, seine Schöpfung zu bewahren, sie zu erhalten und zu schützen. Wir lieben das Leben, das Leben ist uns von Gott geschenkt und jedes Leben auf dieser Welt ist wertvoll. Diese wunderbare Welt ist es wert, dass wir uns für sie einsetzen, dass wir für sie kämpfen, für sie tanzen und singen, laufen und schreiben und - ja, dass wir laut sind für sie. Damit endlich was passiert.
Danke, dass ihr laut seid! Und auch wir werden laut sein und dran bleiben, das verspreche ich euch. Das Klima braucht einen Neustart.
Und darum stehe ich hier - mit euch. Ihr habt uns aufgeweckt.
Danke, dass ihr uns nicht aufgebt. Danke, dass ihr die Zukunft nicht aufgebt.
*Rede zum Auftakt der Demo in Pforzheim
Sonntag, 3. November 2019
Gott gibt nicht auf
Arche Rebella und Regenbogen, Noah und Greta
Predigt zu Genesis 8, 18-22 und 9, 12-17 (1)
(mit herzlichen Dank an Ann-Kathrin Knittel, von der ich einige Formulierungen und Wort-Kombinationen übernommen habe)
1.
Früh morgens um 4 Uhr bauten sie die Arche - mitten in Berlin, an der Siegessäule.
Ein Schiff aus Holz. Ein Schiff - pink angemalt.
Bereit, jedes Lebewesen an Bord willkommen zu heißen.
Ein Schiff, das sagt: ein „Nach mir die Sintflut“ gibt es nicht. Wir geben noch nicht auf.
„Sagt die Wahrheit“ - haben sie darauf geschrieben. „Tell the truth“. Mitten in Berlin.
Die Arche Rebella.
Keine Arche Noah.
Aber eine Welt, die kaputt geht.
Die Archebauer und Lebensrebellen, die Straßen blockieren,
werden von vielen für verrückt gehalten.
Eine Greta Thunberg finden viele nervig.
Den Fridays-for-Future-Demonstranten wirft man vor, einer Ersatzreligion nachzulaufen. (2)
Ob es Noah damals auch so ging?
Die Bibel erzählt nichts davon, wie die anderen reagiert haben.
Sie sagt nur: Noah tat, was er tun musste. Er baute eine Arche.
2.
Ich gebe auf, sagte Gott. Ich gebe diese Welt auf.
Was hatte ich für Pläne mit ihr! Alles gut gedacht und eigentlich auch gut gemacht.
Aber hat nicht geklappt.
Das Dichten und Trachten des Menschenherzens ist böse von Jugend auf.
Die Erde ist voll von Gewalt.
Die traurige Bilanz von jemandem, der große Pläne hatte
und nun zieht er mit Zorn im Bauch einen Schlussstrich.
Er ist nur nicht ganz konsequent, denn er gibt nicht komplett auf.
Und darum lässt er eine Arche bauen, um doch noch ein paar zu retten.
Und für den Neuanfang.
3.
Schon als Kind habe ich nie verstanden, warum Gott das Leben vernichten will.
Ich kann es mir immer noch nicht vorstellen,
dass Gott tatsächlich wie ein zorniger Pubertierender ist,
der alles kurz und klein schlägt vor Wut.
Oder wie ich, wenn ich vor lauter Frust über einen schlechten Anfang einer Predigt
erstmal alles lösche, was ich geschrieben habe und dann das Laptop zuklappe
und mich schmollend auf mein Sofa verkrieche.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass Gott wirklich aufgibt.
Aber ich glaube, dass er wütend ist und vor allem verzweifelt.
Ich gebe auf, sagt ein Wissenschaftler, der jahrzehntelang vor dem Klimawandel gewarnt hat,
aber kaum jemand hat auf ihn gehört.
Ich gebe auf, sagte der Bürgermeister von Tröglitz,
nachdem Nazis vor seinem Haus aufmarschierten.
Ich gebe auf, sagen mittlerweile wieder jüdische Schwestern und Brüder
und verlassen unser Land.
4.
Wie müssen sich Noah und seine Familie gefühlt haben?
In diesem Kasten auf dem Nichts schwimmend.
Hoffend, bangend, dass der Regen endlich aufhört und diese Flut ein Ende hat.
Ich pack es nicht mehr, ich gebe auf.
Vielleicht hat Noah das gesagt oder zumindest gedacht.
Aber da sind ja noch die Kinder und die Familie und die Tiere.
Und so klammert er sich an den letzten Strohhalm, den die Taube brauchte:
wenigstens für sie gebe ich nicht auf.
Wenigstens für sie nicht aufgeben. Vielleicht war das die Wende bei Gott?
Manchmal braucht es Landunter und das lange lange Warten,
dass der Vogel mit einem Zweig wiederkommt.
Ein kleines Zeichen, dass das Leben weitergeht.
Zeit, das Schiff zu verlassen und das Leben zu lieben.
5.
Ich gebe nicht auf, sagt Gott.
Es hat sich zwar nichts geändert. Menschen und Erde sind immer noch schlimm.
Aber eine Strafe bringt nichts. Ich will die Erde nicht noch einmal verfluchen.
Die Herzen der Menschen sind hart. Keiner ist ohne Schuld.
Wie vor der Flut, so nach der Flut.
Aber ich gebe sie nicht auf: weder die Menschen noch meine Welt.
Denn da ist dieser kleine Zweig im Schnabel eines Vogels.
Ja, Gott ist inkonsequent. Gott sei Dank.
Gott ist schwach geworden. Sein Herz ist weich.
Und er gibt die Hoffnung nicht auf - auch wenn nichts perfekt ist.
6.
„Solange die Erde steht, soll nicht aufhören
Saat und Ernte, Frost und Hitze,
Sommer und Winter, Tag und Nacht“ –
Vielleicht haben wir dieses Versprechen zu selbstverständlich genommen?
In unserem reichen Europa haben wir vergessen,
wie es sich anfühlt, wenn eine Ernte ausfällt.
Aber dass die Schöpfung bedroht ist, spüren wir sehr genau.
Dazu muss Gott die Erde aber nicht mal mehr verfluchen.
Das schaffen wir Menschen ganz allein.
Seit über 40 Jahren ist klar: so geht das nicht weiter:
wir steuern auf eine Klimaerwärmung zu, die unsere Lebensgrundlagen bedroht.
Seit 40 Jahren wissen wir, dass wir was ändern müssen – im Großen wie im Kleinen.
Getan hat sich aber nicht viel. Nur, dass die Zeit immer knapper wird.
Viele wollen was tun, ich auch und bin doch nicht konsequent.
Und andere handeln weiter gemäß dem Motto: Nach uns die Sintflut.
Wir haben Angst davor, ernsthaft umzusteuern.
Und hin und wieder denke ich resigniert: Ich gebe auf. Es bringt doch nichts.
7.
Aber Gott gibt nicht auf.
Und er setzt auf große Gesten vor drohendem Wolkendunkel.
In der Mischung aus Regen und Sonne, Dunkel und Hell
bricht sich das Licht in seinen Farben.
Der Regenbogen, das Wunderzeichen,
magisch, mit goldenen Schätzen am Ende, das man nie erreicht.
Gott setzt den Regenbogen und verspricht: Nie wieder.
Er gibt der Welt ein Zeichen – zur Erinnerung für sich und uns.
Er begräbt das Kriegsbeil oder besser gesagt den Kriegsbogen.
Gott hängt seinen Bogen an den Nagel, schmiedet das Kriegsgerät um
zu einer schillernden Lichterscheinung, die nichts bringt,
außer dass Menschen die Köpfe heben und lächeln –
das ist noch radikaler als Schwerter zu Pflugscharen.
Der Regenbogen: Gottes „Ich gebe euch nicht auf“-Zeichen.
Und es kommt immer dann, wenn wir es am dringendsten brauchen.
Konsequent liebevoll und darum barmherzig inkonsequent.
8.
Gott gibt nicht auf.
Gott gibt sein Volk nicht auf.
In der Wüste und im Exil bleibt er immer an seiner Seite.
Er weinte mit unseren jüdischen Schwestern und Brüdern
um die brennenden Synagogen vor 81 Jahren
und starb mit ihnen in den deutschen Gaskammern.
Er wich nicht von ihrer Seite.
Gott gibt nicht auf.
Gott gibt Jesus nicht auf.
Er ist in ihm als er stirbt. Und er ist in ihm als er aufersteht.
Was auch immer die anderen über Jesus sagen:
Verbrecher, Sünder, Versager, Rebell -
er bleibt sein Sohn. Ist ein Teil von ihm.
Gott gibt nicht auf.
Er gibt mich nicht auf, wenn ich an mir zweifle.
Wenn ich morgens nichts aufstehen will, weil mir alles zu viel ist.
Wenn ich mir unnütz vorkomme. Wenn ich mich selber aufgebe.
Er gibt mich nicht auf. Nie. Niemals.
Gott gibt nicht auf.
Er gibt die afrikanischen Flüchtlinge nicht auf,
die der libyschen Hölle in untauglichen Schlauchbooten entfliehen.
Er kommt ihnen entgegen mit der Seawatch und der Alan Kurdi und der Lifeline.
Er wirft ihnen Schwimmwesten zu und zieht sie auf sein Schiff.
Eine neue Arche, die Leben rettet.
9.
Gott gibt niemanden auf.
Und unsere Welt und Schöpfung schon gar nicht.
Darum schickt er Jugendliche auf die Straße und Rebels for life:
die bauen mitten in Berlin eine Arche und malen sie pink an
und in Pforzheim auf dem Leopoldsplatz setzen sie sich auf die Straße.
Das sind keine Klimahysteriker oder Klimareligiösen,
wie sie immer wieder beschimpft werden.
Sondern sie geben einfach noch nicht auf.
Und mit ihnen erinnert Gott uns daran, dass seine Welt es wert ist.
Wir können für die Welt zwar keine Arche bauen,
aber endlich t, was wir können. Und das ist viel.
Wir können weniger Autofahren, weniger fliegen,
weniger Fleisch essen, weniger Palmölprodukte kaufen.
Wir können so viel.
Aber auch wenn wir das nicht können:
Gott gibt uns nicht auf.
Und darum geben wir auch nicht auf.
Schon gar nicht uns selbst.
Konsequent liebevoll und barmherzig inkonsequent.
Klammernd an jeden Strohhalm.
Zeit das Schiff zu verlassen und das Leben zu lieben.
Mit Regenbogenfarben und schillerndem Licht.
Hoffend.
Und mit Ja und Amen. (3)
(1)
So ging Noah heraus (aus der Arche) mit seinen Söhnen und mit seiner Frau und den Frauen seiner Söhne, dazu alles wilde Getier, alles Vieh, alle Vögel und alles Gewürm, das auf Erden kriecht; das ging aus der Arche, ein jedes mit seinesgleichen.
Noah aber baute dem Herrn einen Altar und nahm von allem reinen Vieh und von allen reinen Vögeln und opferte Brandopfer auf dem Altar.
Und der Herr roch den lieblichen Geruch und sprach in seinem Herzen: Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Und ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe. Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.
Und Gott sprach: Das ist das Zeichen des Bundes, den ich geschlossen habe zwischen mir und euch und allem lebendigen Getier bei euch auf ewig:
Meinen Bogen habe ich gesetzt in die Wolken; der soll das Zeichen sein des Bundes zwischen mir und der Erde. Und wenn es kommt, dass ich Wetterwolken über die Erde führe, so soll man meinen Bogen sehen in den Wolken. Alsdann will ich gedenken an meinen Bund zwischen mir und euch und allem lebendigen Getier unter allem Fleisch, dass hinfort keine Sintflut mehr komme, die alles Fleisch verderbe. Darum soll mein Bogen in den Wolken sein, dass ich ihn ansehe und gedenke an den ewigen Bund zwischen Gott und allem lebendigen Getier unter allem Fleisch, das auf Erden ist.
Und Gott sagte zu Noah: Das sei das Zeichen des Bundes, den ich aufgerichtet habe zwischen mir und allem Fleisch auf Erden.
(2) So z.B. durch Ralf Frisch in https://zeitzeichen.net/node/7759.
(3) Lied nach der Predigt:
1. Ich sage Ja zu dem, der mich erschuf. Ich sage Ja zu seinem Wort und Ruf, zum Lebensgrund und Schöpfer dieser Welt, und der auch mich in seinen Händen hält. 2. Ich sage Ja zu dem, der uns gesandt und aus dem Tod zum Leben auferstand und so trotz Hass, Gewalt und Menschenlist für uns zum Freund und Bruder worden ist. 3. Ich sage Ja zu Gottes gutem Geist, zum Weg der Liebe, den er uns verheißt, zu wagen Frieden und Gerechtigkeit in einer Welt voll Hunger, Angst und Leid.
Predigt zu Genesis 8, 18-22 und 9, 12-17 (1)
(mit herzlichen Dank an Ann-Kathrin Knittel, von der ich einige Formulierungen und Wort-Kombinationen übernommen habe)
1.
Früh morgens um 4 Uhr bauten sie die Arche - mitten in Berlin, an der Siegessäule.
Ein Schiff aus Holz. Ein Schiff - pink angemalt.
Bereit, jedes Lebewesen an Bord willkommen zu heißen.
Ein Schiff, das sagt: ein „Nach mir die Sintflut“ gibt es nicht. Wir geben noch nicht auf.
„Sagt die Wahrheit“ - haben sie darauf geschrieben. „Tell the truth“. Mitten in Berlin.
Die Arche Rebella.
Keine Arche Noah.
Aber eine Welt, die kaputt geht.
Die Archebauer und Lebensrebellen, die Straßen blockieren,
werden von vielen für verrückt gehalten.
Eine Greta Thunberg finden viele nervig.
Den Fridays-for-Future-Demonstranten wirft man vor, einer Ersatzreligion nachzulaufen. (2)
Ob es Noah damals auch so ging?
Die Bibel erzählt nichts davon, wie die anderen reagiert haben.
Sie sagt nur: Noah tat, was er tun musste. Er baute eine Arche.
2.
Ich gebe auf, sagte Gott. Ich gebe diese Welt auf.
Was hatte ich für Pläne mit ihr! Alles gut gedacht und eigentlich auch gut gemacht.
Aber hat nicht geklappt.
Das Dichten und Trachten des Menschenherzens ist böse von Jugend auf.
Die Erde ist voll von Gewalt.
Die traurige Bilanz von jemandem, der große Pläne hatte
und nun zieht er mit Zorn im Bauch einen Schlussstrich.
Er ist nur nicht ganz konsequent, denn er gibt nicht komplett auf.
Und darum lässt er eine Arche bauen, um doch noch ein paar zu retten.
Und für den Neuanfang.
3.
Schon als Kind habe ich nie verstanden, warum Gott das Leben vernichten will.
Ich kann es mir immer noch nicht vorstellen,
dass Gott tatsächlich wie ein zorniger Pubertierender ist,
der alles kurz und klein schlägt vor Wut.
Oder wie ich, wenn ich vor lauter Frust über einen schlechten Anfang einer Predigt
erstmal alles lösche, was ich geschrieben habe und dann das Laptop zuklappe
und mich schmollend auf mein Sofa verkrieche.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass Gott wirklich aufgibt.
Aber ich glaube, dass er wütend ist und vor allem verzweifelt.
Ich gebe auf, sagt ein Wissenschaftler, der jahrzehntelang vor dem Klimawandel gewarnt hat,
aber kaum jemand hat auf ihn gehört.
Ich gebe auf, sagte der Bürgermeister von Tröglitz,
nachdem Nazis vor seinem Haus aufmarschierten.
Ich gebe auf, sagen mittlerweile wieder jüdische Schwestern und Brüder
und verlassen unser Land.
4.
Wie müssen sich Noah und seine Familie gefühlt haben?
In diesem Kasten auf dem Nichts schwimmend.
Hoffend, bangend, dass der Regen endlich aufhört und diese Flut ein Ende hat.
Ich pack es nicht mehr, ich gebe auf.
Vielleicht hat Noah das gesagt oder zumindest gedacht.
Aber da sind ja noch die Kinder und die Familie und die Tiere.
Und so klammert er sich an den letzten Strohhalm, den die Taube brauchte:
wenigstens für sie gebe ich nicht auf.
Wenigstens für sie nicht aufgeben. Vielleicht war das die Wende bei Gott?
Manchmal braucht es Landunter und das lange lange Warten,
dass der Vogel mit einem Zweig wiederkommt.
Ein kleines Zeichen, dass das Leben weitergeht.
Zeit, das Schiff zu verlassen und das Leben zu lieben.
5.
Ich gebe nicht auf, sagt Gott.
Es hat sich zwar nichts geändert. Menschen und Erde sind immer noch schlimm.
Aber eine Strafe bringt nichts. Ich will die Erde nicht noch einmal verfluchen.
Die Herzen der Menschen sind hart. Keiner ist ohne Schuld.
Wie vor der Flut, so nach der Flut.
Aber ich gebe sie nicht auf: weder die Menschen noch meine Welt.
Denn da ist dieser kleine Zweig im Schnabel eines Vogels.
Ja, Gott ist inkonsequent. Gott sei Dank.
Gott ist schwach geworden. Sein Herz ist weich.
Und er gibt die Hoffnung nicht auf - auch wenn nichts perfekt ist.
6.
„Solange die Erde steht, soll nicht aufhören
Saat und Ernte, Frost und Hitze,
Sommer und Winter, Tag und Nacht“ –
Vielleicht haben wir dieses Versprechen zu selbstverständlich genommen?
In unserem reichen Europa haben wir vergessen,
wie es sich anfühlt, wenn eine Ernte ausfällt.
Aber dass die Schöpfung bedroht ist, spüren wir sehr genau.
Dazu muss Gott die Erde aber nicht mal mehr verfluchen.
Das schaffen wir Menschen ganz allein.
Seit über 40 Jahren ist klar: so geht das nicht weiter:
wir steuern auf eine Klimaerwärmung zu, die unsere Lebensgrundlagen bedroht.
Seit 40 Jahren wissen wir, dass wir was ändern müssen – im Großen wie im Kleinen.
Getan hat sich aber nicht viel. Nur, dass die Zeit immer knapper wird.
Viele wollen was tun, ich auch und bin doch nicht konsequent.
Und andere handeln weiter gemäß dem Motto: Nach uns die Sintflut.
Wir haben Angst davor, ernsthaft umzusteuern.
Und hin und wieder denke ich resigniert: Ich gebe auf. Es bringt doch nichts.
7.
Aber Gott gibt nicht auf.
Und er setzt auf große Gesten vor drohendem Wolkendunkel.
In der Mischung aus Regen und Sonne, Dunkel und Hell
bricht sich das Licht in seinen Farben.
Der Regenbogen, das Wunderzeichen,
magisch, mit goldenen Schätzen am Ende, das man nie erreicht.
Gott setzt den Regenbogen und verspricht: Nie wieder.
Er gibt der Welt ein Zeichen – zur Erinnerung für sich und uns.
Er begräbt das Kriegsbeil oder besser gesagt den Kriegsbogen.
Gott hängt seinen Bogen an den Nagel, schmiedet das Kriegsgerät um
zu einer schillernden Lichterscheinung, die nichts bringt,
außer dass Menschen die Köpfe heben und lächeln –
das ist noch radikaler als Schwerter zu Pflugscharen.
Der Regenbogen: Gottes „Ich gebe euch nicht auf“-Zeichen.
Und es kommt immer dann, wenn wir es am dringendsten brauchen.
Konsequent liebevoll und darum barmherzig inkonsequent.
8.
Gott gibt nicht auf.
Gott gibt sein Volk nicht auf.
In der Wüste und im Exil bleibt er immer an seiner Seite.
Er weinte mit unseren jüdischen Schwestern und Brüdern
um die brennenden Synagogen vor 81 Jahren
und starb mit ihnen in den deutschen Gaskammern.
Er wich nicht von ihrer Seite.
Gott gibt nicht auf.
Gott gibt Jesus nicht auf.
Er ist in ihm als er stirbt. Und er ist in ihm als er aufersteht.
Was auch immer die anderen über Jesus sagen:
Verbrecher, Sünder, Versager, Rebell -
er bleibt sein Sohn. Ist ein Teil von ihm.
Gott gibt nicht auf.
Er gibt mich nicht auf, wenn ich an mir zweifle.
Wenn ich morgens nichts aufstehen will, weil mir alles zu viel ist.
Wenn ich mir unnütz vorkomme. Wenn ich mich selber aufgebe.
Er gibt mich nicht auf. Nie. Niemals.
Gott gibt nicht auf.
Er gibt die afrikanischen Flüchtlinge nicht auf,
die der libyschen Hölle in untauglichen Schlauchbooten entfliehen.
Er kommt ihnen entgegen mit der Seawatch und der Alan Kurdi und der Lifeline.
Er wirft ihnen Schwimmwesten zu und zieht sie auf sein Schiff.
Eine neue Arche, die Leben rettet.
9.
Gott gibt niemanden auf.
Und unsere Welt und Schöpfung schon gar nicht.
Darum schickt er Jugendliche auf die Straße und Rebels for life:
die bauen mitten in Berlin eine Arche und malen sie pink an
und in Pforzheim auf dem Leopoldsplatz setzen sie sich auf die Straße.
Das sind keine Klimahysteriker oder Klimareligiösen,
wie sie immer wieder beschimpft werden.
Sondern sie geben einfach noch nicht auf.
Und mit ihnen erinnert Gott uns daran, dass seine Welt es wert ist.
Wir können für die Welt zwar keine Arche bauen,
aber endlich t, was wir können. Und das ist viel.
Wir können weniger Autofahren, weniger fliegen,
weniger Fleisch essen, weniger Palmölprodukte kaufen.
Wir können so viel.
Aber auch wenn wir das nicht können:
Gott gibt uns nicht auf.
Und darum geben wir auch nicht auf.
Schon gar nicht uns selbst.
Konsequent liebevoll und barmherzig inkonsequent.
Klammernd an jeden Strohhalm.
Zeit das Schiff zu verlassen und das Leben zu lieben.
Mit Regenbogenfarben und schillerndem Licht.
Hoffend.
Und mit Ja und Amen. (3)
(1)
So ging Noah heraus (aus der Arche) mit seinen Söhnen und mit seiner Frau und den Frauen seiner Söhne, dazu alles wilde Getier, alles Vieh, alle Vögel und alles Gewürm, das auf Erden kriecht; das ging aus der Arche, ein jedes mit seinesgleichen.
Noah aber baute dem Herrn einen Altar und nahm von allem reinen Vieh und von allen reinen Vögeln und opferte Brandopfer auf dem Altar.
Und der Herr roch den lieblichen Geruch und sprach in seinem Herzen: Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Und ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe. Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.
Und Gott sprach: Das ist das Zeichen des Bundes, den ich geschlossen habe zwischen mir und euch und allem lebendigen Getier bei euch auf ewig:
Meinen Bogen habe ich gesetzt in die Wolken; der soll das Zeichen sein des Bundes zwischen mir und der Erde. Und wenn es kommt, dass ich Wetterwolken über die Erde führe, so soll man meinen Bogen sehen in den Wolken. Alsdann will ich gedenken an meinen Bund zwischen mir und euch und allem lebendigen Getier unter allem Fleisch, dass hinfort keine Sintflut mehr komme, die alles Fleisch verderbe. Darum soll mein Bogen in den Wolken sein, dass ich ihn ansehe und gedenke an den ewigen Bund zwischen Gott und allem lebendigen Getier unter allem Fleisch, das auf Erden ist.
Und Gott sagte zu Noah: Das sei das Zeichen des Bundes, den ich aufgerichtet habe zwischen mir und allem Fleisch auf Erden.
(2) So z.B. durch Ralf Frisch in https://zeitzeichen.net/node/7759.
(3) Lied nach der Predigt:
1. Ich sage Ja zu dem, der mich erschuf. Ich sage Ja zu seinem Wort und Ruf, zum Lebensgrund und Schöpfer dieser Welt, und der auch mich in seinen Händen hält. 2. Ich sage Ja zu dem, der uns gesandt und aus dem Tod zum Leben auferstand und so trotz Hass, Gewalt und Menschenlist für uns zum Freund und Bruder worden ist. 3. Ich sage Ja zu Gottes gutem Geist, zum Weg der Liebe, den er uns verheißt, zu wagen Frieden und Gerechtigkeit in einer Welt voll Hunger, Angst und Leid.
4. Ich sage Ja zu Wasser, Kelch und Brot, Wegzehrung, Zeichen, Zuspruch
in der Not. Ich sage Ja und Amen, weil gewiss ein andres Ja schon
längst gesprochen ist.
(Text und Melodie: Okko Herly)
Sonntag, 25. August 2019
Lieben ohne Abstriche
Wie geht lieben? Von Religions for peace, Jesus und einem Jungen, der an die frische Luft muss*
Predigt zu Markus 12,28-34
Und es trat zu ihm einer der Schriftgelehrten,
der ihnen zugehört hatte, wie sie miteinander stritten.
Als er sah, dass er ihnen gut geantwortet hatte, fragte er ihn:
Welches ist das höchste Gebot von allen?
Jesus antwortete:
Das höchste Gebot ist das: »Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein,
und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben
von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft«.
Das andre ist dies: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst«.
Es ist kein anderes Gebot größer als diese.
Und der Schriftgelehrte sprach zu ihm:
Ja, Meister, du hast recht geredet!
Er ist einer, und ist kein anderer außer ihm;
und ihn lieben von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt und mit aller Kraft,
und seinen Nächsten lieben wie sich selbst,
das ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer.
Da Jesus sah, dass er verständig antwortete, sprach er zu ihm:
Du bist nicht fern vom Reich Gottes.
Und niemand wagte mehr, ihn zu fragen.
I. (Wie geht lieben?)
Niemand wagte mehr, ihn zu fragen.
Doch. Ich frage.
Ich soll Gott lieben. Meine Nächste. Und mich selbst.
Aber wie?
II. (Lieben über Religionsgrenzen)
900 Menschen aus aller Welt und allen Religionen der Welt treffen sich letzte Woche in Lindau. Religions for Peace.
Auf der Straße, an Tischen auf der Straße.
In Hallen. Auf der Wiese. Und auch hinter verschlossenen Türen.
Die Royinghas zusammen mit den Buddhisten von Myanmar.
Der Muslim vom Nordsudan mit der Christin im Südsudan.
Manchmal müssen Türen zu sein, um wirklich offen miteinander reden zu können.
Und dann wieder Türen öffnen. Hören. Fragen. Reden. Feiern. Essen. Entscheiden. Beten.
Nicht die großen theologischen Themen wurden besprochen, sondern wie das geht:
miteinander leben, sich versöhnen, Frieden stiften.
Die Süddeutsche Zeitung schreibt:
„Ein solches Treffen mach die erste Begegnung verfeindeter Gruppen möglich.
Konfliktparteien treffen sich zum hundertsten Mal, was die Sache auch nicht immer einfacher macht; aber auch der Vertreter des American Jewish Committee und die den Muslimbrüdern nahestehende Muslimin müssen hier miteinander auskommen. Manchmal dienen solche Treffen dazu, neue Ideen populär zu machen.“
Worauf kommt es an? Das ist ihre Leitfrage.
Was haben wir gemeinsam? Worauf können wir bauen?
Auf die Liebe zu Gott, auch wenn wir unterschiedlich glauben.
Auf die Liebe zum Nächsten und zu uns selbst - weil jeder Mensch es wert ist.
Und das hat konkrete Folgen.
Ich lese in der Süddeutschen weiter:
„Religions for Peace unterstützt die Verbreitung eines DNA-Tests, der es nach einer Vergewaltigung erlaubt, den Täter zu identifizieren - eine große Hilfe, wenn es um den Nachweis von Kriegsverbrechen geht und den Kampf gegen Vergewaltiger."
Und ich lese auch:
"Ohne Religions for Peace wäre es damals nicht zum Friedensschluss im Bosnienkrieg gekommen.“
So geht lieben.
Liebe konkret. Und gerade dann, wenn es schwer ist.
III. (Jesus liebt I)
Wie geht lieben?
Nur, wenn es wichtiger ist als alles andere.
Wichtiger als alle Regeln und Normen und Gesetze.
Jesus liebt. Liebt ohne Abstriche. Grenzenlos.
Gelähmte, Aussätzige, Blinde, Kranke, Traurige, Verzweifelte, Andersseiende.
Er liebt sie. Ganz praktisch. Sagt nicht: der oder die verdient meine Liebe nicht.
Und selbst als er es einmal so sagt bei der Syrophönizierin, lernt er dazu:
Die Liebe ist unteilbar.
Und sie reicht für alle wie das Brot für die 5000 Hungrigen.
Jesus hört und spricht, fragt und betet, feiert und isst und liebt -
hinter verschlossenen Türen und auf der Straße.
Und die 900 in Lindau haben es ihm nachgemacht,
ob sie nun an ihn glauben oder nicht.
Denn so geht lieben. Und nur darauf kommt es an.
IV. (Jesus liebt II)
Wie geht lieben?
Jesus isst mit einem, der ihn verrät. Lässt sich anfassen von einem, der zweifelt.
Jesus weint und lacht, schreibt im Sand und wirft Tische um.
Jesus nimmt die störenden Kinder in den Arm und segnet sie.
Und er erzählt von einem Ungläubigen.
Der kümmert sich um einen Fremden, der unter die Räuber gefallen war.
So geht lieben, sagt er.
Schaut euch um. Schaut die Menschen um euch an - liebevoll.
Sie sind Gottes Kinder wie ihr. Gott gibt keinen von ihnen auf.
Und dann erzählt er von dem einem Schaf:
das wird gerettet, obwohl da ja noch andere 99 sind.
Jesus liebt ohne Abstriche.
Mit dieser Liebe geht er ans Kreuz, liebt weiter
und der Himmel öffnet sich für ihn.
V. (sich selbst lieben)
Wie geht lieben?
Nur wenn du dich selbst liebst.
Vielleicht das schwerste von allen.
Denn du kennst dich ja gut genug.
Auch das, was du für nicht liebenswert, für nicht gut genug hältst
Darum beginne mit Hören.
Hören auf Gott. Auf Adonai. Den einzigen.
Höre nicht auf die, die sagen: es ist zu wenig, was du tust.
Höre auf den, der dich geschaffen hat.
Der ist größer und mehr als du.
Und er trägt dich und liebt dich so wie du bist und mit allem, was du bist und nicht bist.
Voller Liebe.
VI. (verbunden sein)
Letzte Woche lief im Openair-Kino „Der Junge muss an die frische Luft“.
Da geht es um die Kindheit von Hape Kerkeling.
Der dickliche Junge entdeckt seine komische Seite,
weil er versucht, seine traurige Mutter aufzuheitern.
Als sie sich dann doch das Leben nimmt, hat er das Gefühl versagt zu haben.
Vielleicht hätte ich mich noch mehr anstrengen müssen. Würde Mama dann noch leben?
Er hat es nicht geschafft, ihre Liebe zum Leben zu erhalten.
Doch da sind seine Oma und sein Opa. Sie nehmen ihn an die Hand.
Und dank seiner großen bunten und lauten Familie schafft er es,
weiter zu leben und weiter zu lachen und weiter das Leben zu lieben.
Am Ende des Films schaut der erwachsene Hape den jungen Hape an -
mit einer Liebe im Blick, die mich weinen ließ.
Und der erwachsene Hape sagt:
"Dass der kleine dicke, schüchterne Junge aus dem Kohlenpott das alles mit naivem Gottvertrauen schaffen würde, hätte ich ihm nie zugetraut. Das hat er gut gemacht.
Und ich weiß:
Ich bin meine Mutter und mein Vater, meine Großaltern, mein Bruder, meine Tante Gertrud, Tante Lisbeth, Tante Hedwig, Onkel Kurt und Tante Veronika. Ich bin Frau Edelmund, Frau Rädere und Frau Strecke und viele mehr. Jeder hat mich zu dem gemacht, was ich bin.
Ich bin die gescheckte Kuh auf der Weide, das gelbe Korn auf dem Feld und der rote Mohn am Wegesrand. Ich bin der schmale Trampelpfad und dessen Ende. Ich bin der wolkenlose Himmel. Ich bin wach.“
So geht lieben.
VII. (gemeinsam lieben)
Liebe Gott. Liebe dich selbst. Liebe die Menschen.
Mehr braucht es nicht, sagt Jesus.
Und er stimmt damit ein in das Bekenntnis seines Volkes.
Gott ist größer als wir und als alles, was wir denken können, das haben wir gemeinsam.
Und die Liebe ist das wichtigste Gebot - auch das ist gemeinsam. Und so viel mehr.
Wir Christen und Christinnen haben diese Gemeinsamkeit fast 2000 Jahre lang geleugnet,
haben unsere jüdischen Wurzeln verraten.
Unsere Vorfahren wollten sie vor 80 Jahren auslöschen.
Nie wieder darf das geschehen!
Darum gehören wir an die Seite unserer jüdischen Geschwister
und mit ihnen zusammen an die Seite der muslimischen und buddhistischen
und hinduistischen und jesidischen Schwestern und Brüder.
Wir sind miteinander verwoben, Teil eines großen Ganzen,
wie Hape mit der Kuh und dem Mohn und mit seinen Tanten und Onkeln.
Wir alle gehören zu Gott und zu dieser wunderbaren Welt, in die er uns geworfen hat.
Wir lassen uns nicht gegeneinander ausspielen für ein sogenanntes christliches Abendland.
Gemeinsam leben wir als Religions for peace.
Hinter verschlossenen Türen und auf der Straße.
Hören. Fragen. Reden. Feiern. Essen. Entscheiden. Beten. Für Gottes Welt.
So geht lieben. Und nicht anders.
Lieben ohne Abstriche.
VIII. (Mehr nicht)
Du bist nicht fern vom Reich Gottes, sagt Jesus zu seinem Gesprächspartner.
Und niemand wagte mehr, ihn zu fragen.
Lieben.
Lieben.
Lieben.
Das geht.
Und das will ich hören - und tun.
Mehr Worte brauche ich nicht.
Amen.
*Mit Dank an Birgit Mattausch und Franz K. Schön für Impulse und Anregungen!
Predigt zu Markus 12,28-34
Und es trat zu ihm einer der Schriftgelehrten,
der ihnen zugehört hatte, wie sie miteinander stritten.
Als er sah, dass er ihnen gut geantwortet hatte, fragte er ihn:
Welches ist das höchste Gebot von allen?
Jesus antwortete:
Das höchste Gebot ist das: »Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein,
und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben
von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft«.
Das andre ist dies: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst«.
Es ist kein anderes Gebot größer als diese.
Und der Schriftgelehrte sprach zu ihm:
Ja, Meister, du hast recht geredet!
Er ist einer, und ist kein anderer außer ihm;
und ihn lieben von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt und mit aller Kraft,
und seinen Nächsten lieben wie sich selbst,
das ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer.
Da Jesus sah, dass er verständig antwortete, sprach er zu ihm:
Du bist nicht fern vom Reich Gottes.
Und niemand wagte mehr, ihn zu fragen.
I. (Wie geht lieben?)
Niemand wagte mehr, ihn zu fragen.
Doch. Ich frage.
Ich soll Gott lieben. Meine Nächste. Und mich selbst.
Aber wie?
II. (Lieben über Religionsgrenzen)
900 Menschen aus aller Welt und allen Religionen der Welt treffen sich letzte Woche in Lindau. Religions for Peace.
Auf der Straße, an Tischen auf der Straße.
In Hallen. Auf der Wiese. Und auch hinter verschlossenen Türen.
Die Royinghas zusammen mit den Buddhisten von Myanmar.
Der Muslim vom Nordsudan mit der Christin im Südsudan.
Manchmal müssen Türen zu sein, um wirklich offen miteinander reden zu können.
Und dann wieder Türen öffnen. Hören. Fragen. Reden. Feiern. Essen. Entscheiden. Beten.
Nicht die großen theologischen Themen wurden besprochen, sondern wie das geht:
miteinander leben, sich versöhnen, Frieden stiften.
Die Süddeutsche Zeitung schreibt:
„Ein solches Treffen mach die erste Begegnung verfeindeter Gruppen möglich.
Konfliktparteien treffen sich zum hundertsten Mal, was die Sache auch nicht immer einfacher macht; aber auch der Vertreter des American Jewish Committee und die den Muslimbrüdern nahestehende Muslimin müssen hier miteinander auskommen. Manchmal dienen solche Treffen dazu, neue Ideen populär zu machen.“
Worauf kommt es an? Das ist ihre Leitfrage.
Was haben wir gemeinsam? Worauf können wir bauen?
Auf die Liebe zu Gott, auch wenn wir unterschiedlich glauben.
Auf die Liebe zum Nächsten und zu uns selbst - weil jeder Mensch es wert ist.
Und das hat konkrete Folgen.
Ich lese in der Süddeutschen weiter:
„Religions for Peace unterstützt die Verbreitung eines DNA-Tests, der es nach einer Vergewaltigung erlaubt, den Täter zu identifizieren - eine große Hilfe, wenn es um den Nachweis von Kriegsverbrechen geht und den Kampf gegen Vergewaltiger."
Und ich lese auch:
"Ohne Religions for Peace wäre es damals nicht zum Friedensschluss im Bosnienkrieg gekommen.“
So geht lieben.
Liebe konkret. Und gerade dann, wenn es schwer ist.
III. (Jesus liebt I)
Wie geht lieben?
Nur, wenn es wichtiger ist als alles andere.
Wichtiger als alle Regeln und Normen und Gesetze.
Jesus liebt. Liebt ohne Abstriche. Grenzenlos.
Gelähmte, Aussätzige, Blinde, Kranke, Traurige, Verzweifelte, Andersseiende.
Er liebt sie. Ganz praktisch. Sagt nicht: der oder die verdient meine Liebe nicht.
Und selbst als er es einmal so sagt bei der Syrophönizierin, lernt er dazu:
Die Liebe ist unteilbar.
Und sie reicht für alle wie das Brot für die 5000 Hungrigen.
Jesus hört und spricht, fragt und betet, feiert und isst und liebt -
hinter verschlossenen Türen und auf der Straße.
Und die 900 in Lindau haben es ihm nachgemacht,
ob sie nun an ihn glauben oder nicht.
Denn so geht lieben. Und nur darauf kommt es an.
IV. (Jesus liebt II)
Wie geht lieben?
Jesus isst mit einem, der ihn verrät. Lässt sich anfassen von einem, der zweifelt.
Jesus weint und lacht, schreibt im Sand und wirft Tische um.
Jesus nimmt die störenden Kinder in den Arm und segnet sie.
Und er erzählt von einem Ungläubigen.
Der kümmert sich um einen Fremden, der unter die Räuber gefallen war.
So geht lieben, sagt er.
Schaut euch um. Schaut die Menschen um euch an - liebevoll.
Sie sind Gottes Kinder wie ihr. Gott gibt keinen von ihnen auf.
Und dann erzählt er von dem einem Schaf:
das wird gerettet, obwohl da ja noch andere 99 sind.
Jesus liebt ohne Abstriche.
Mit dieser Liebe geht er ans Kreuz, liebt weiter
und der Himmel öffnet sich für ihn.
V. (sich selbst lieben)
Wie geht lieben?
Nur wenn du dich selbst liebst.
Vielleicht das schwerste von allen.
Denn du kennst dich ja gut genug.
Auch das, was du für nicht liebenswert, für nicht gut genug hältst
Darum beginne mit Hören.
Hören auf Gott. Auf Adonai. Den einzigen.
Höre nicht auf die, die sagen: es ist zu wenig, was du tust.
Höre auf den, der dich geschaffen hat.
Der ist größer und mehr als du.
Und er trägt dich und liebt dich so wie du bist und mit allem, was du bist und nicht bist.
Voller Liebe.
VI. (verbunden sein)
Letzte Woche lief im Openair-Kino „Der Junge muss an die frische Luft“.
Da geht es um die Kindheit von Hape Kerkeling.
Der dickliche Junge entdeckt seine komische Seite,
weil er versucht, seine traurige Mutter aufzuheitern.
Als sie sich dann doch das Leben nimmt, hat er das Gefühl versagt zu haben.
Vielleicht hätte ich mich noch mehr anstrengen müssen. Würde Mama dann noch leben?
Er hat es nicht geschafft, ihre Liebe zum Leben zu erhalten.
Doch da sind seine Oma und sein Opa. Sie nehmen ihn an die Hand.
Und dank seiner großen bunten und lauten Familie schafft er es,
weiter zu leben und weiter zu lachen und weiter das Leben zu lieben.
Am Ende des Films schaut der erwachsene Hape den jungen Hape an -
mit einer Liebe im Blick, die mich weinen ließ.
Und der erwachsene Hape sagt:
"Dass der kleine dicke, schüchterne Junge aus dem Kohlenpott das alles mit naivem Gottvertrauen schaffen würde, hätte ich ihm nie zugetraut. Das hat er gut gemacht.
Und ich weiß:
Ich bin meine Mutter und mein Vater, meine Großaltern, mein Bruder, meine Tante Gertrud, Tante Lisbeth, Tante Hedwig, Onkel Kurt und Tante Veronika. Ich bin Frau Edelmund, Frau Rädere und Frau Strecke und viele mehr. Jeder hat mich zu dem gemacht, was ich bin.
Ich bin die gescheckte Kuh auf der Weide, das gelbe Korn auf dem Feld und der rote Mohn am Wegesrand. Ich bin der schmale Trampelpfad und dessen Ende. Ich bin der wolkenlose Himmel. Ich bin wach.“
So geht lieben.
VII. (gemeinsam lieben)
Liebe Gott. Liebe dich selbst. Liebe die Menschen.
Mehr braucht es nicht, sagt Jesus.
Und er stimmt damit ein in das Bekenntnis seines Volkes.
Gott ist größer als wir und als alles, was wir denken können, das haben wir gemeinsam.
Und die Liebe ist das wichtigste Gebot - auch das ist gemeinsam. Und so viel mehr.
Wir Christen und Christinnen haben diese Gemeinsamkeit fast 2000 Jahre lang geleugnet,
haben unsere jüdischen Wurzeln verraten.
Unsere Vorfahren wollten sie vor 80 Jahren auslöschen.
Nie wieder darf das geschehen!
Darum gehören wir an die Seite unserer jüdischen Geschwister
und mit ihnen zusammen an die Seite der muslimischen und buddhistischen
und hinduistischen und jesidischen Schwestern und Brüder.
Wir sind miteinander verwoben, Teil eines großen Ganzen,
wie Hape mit der Kuh und dem Mohn und mit seinen Tanten und Onkeln.
Wir alle gehören zu Gott und zu dieser wunderbaren Welt, in die er uns geworfen hat.
Wir lassen uns nicht gegeneinander ausspielen für ein sogenanntes christliches Abendland.
Gemeinsam leben wir als Religions for peace.
Hinter verschlossenen Türen und auf der Straße.
Hören. Fragen. Reden. Feiern. Essen. Entscheiden. Beten. Für Gottes Welt.
So geht lieben. Und nicht anders.
Lieben ohne Abstriche.
VIII. (Mehr nicht)
Du bist nicht fern vom Reich Gottes, sagt Jesus zu seinem Gesprächspartner.
Und niemand wagte mehr, ihn zu fragen.
Lieben.
Lieben.
Lieben.
Das geht.
Und das will ich hören - und tun.
Mehr Worte brauche ich nicht.
Amen.
*Mit Dank an Birgit Mattausch und Franz K. Schön für Impulse und Anregungen!
Sonntag, 18. August 2019
Nichts zu verlieren
Vom Mut zur Entscheidung und davon, keine Angst vor Fehlern zu haben
Predigt zu Philipper 3, 7-14
I.
Gewinnen und verlieren.
Ich spiele gerne.
Trotzdem sind das Worte, die ich eigentlich aus meinem Wortschatz verbannen möchte.
Denn da schwingt Leistungsdruck mit und Wettkampf.
Eben, im Gleichnis (1), da gab es ganz klar 2 Gewinner und 1 Verlierer
und der Verlierer hatte ziemlich schlechte Karten.
Unsere Gesellschaft krankt daran, dass wir zur Gewinnerseite zählen wollen.
Populisten spielen gerne diese Karte und schüren Neid und Angst.
Niemand will zu den Verlierern gehören.
II.
Aber heute haben wir es mit einem großen Verlierer zu tun.
Mit dir, Paulus. Du warst mal kräftig auf der Gewinnerspur:
„Ich könnte mich rühmen.
Ich bin am 8. Tag beschnitten worden, wie es sich gehört.
Ich stamme aus dem Volk Israel, vom Stamm Benjamin.
Ich lebte als Pharisäer nach allen Ordnungen des Gesetzes
und verfolgte mit all meiner Kraft die christliche Gemeinde,
die sich nicht an die mir wichtigen Ordnungen hielt.
Ich bin untadelig gewesen, gemessen an dem, was das Gesetz vorschreibt.“ (2)
III.
Alles richtig gemacht. Aber dann, Paulus, ist etwas Entscheidendes passiert.
„Aber dies alles, was mir früher als Vorteil erschien,
habe ich durch Christus als Nachteil erkannt.
Ich betrachte überhaupt alles als Verlust im Vergleich mit dem überwältigenden Gewinn,
dass ich Jesus Christus als meinen Herrn kenne.
Durch ihn hat für mich alles andere seinen Wert verloren, ja, ich halte es für bloßen Dreck.
Nur noch Christus besitzt für mich einen Wert.Zu ihm möchte ich um jeden Preis gehören.
Deshalb will ich nicht mehr durch mein eigenes Tun vor Gott als gerecht bestehen.
Ich suche nicht meine eigene Gerechtigkeit, die aus der Befolgung des Gesetzes kommt,
sondern die Gerechtigkeit, die von Gott kommt und denen geschenkt wird, die glauben.
Ich möchte vor Gott als gerecht bestehen,
indem ich mich in vertrauendem Glauben auf das verlasse,
was er durch Christus für mich getan hat.
Ich möchte nichts anderes mehr kennen als Christus:
Ich möchte die Kraft seiner Auferstehung erfahren, ich möchte sein Leiden mit ihm teilen.
Mit ihm gleich geworden in seinem Tod, hoffe ich auch, zur Auferstehung der Toten zu gelangen.
Ich meine nicht, dass ich schon vollkommen bin und das Ziel erreicht habe.
Ich laufe aber auf das Ziel zu, um es zu ergreifen,
nachdem Jesus Christus von mir Besitz ergriffen hat.
Ich bilde mir nicht ein, Brüder und Schwestern, dass ich es schon geschafft habe.
Aber die Entscheidung ist gefallen!
Ich lasse alles hinter mir und sehe nur noch, was vor mir liegt.
Ich halte geradewegs auf das Ziel zu, um den Siegespreis zu gewinnen.
Dieser Preis ist das ewige Leben, zu dem Gott mich durch Jesus Christus berufen hat.“ (3)
IV.
Gewinnen und verlieren.
Auch deine Worte, Paulus, aber du stellst sie auf den Kopf.
Die vermeintlichen Gewinner sind die eigentlichen Verlierer.
Und die Verlierer die Gewinner.
Für dich ist nun eine neue Zeit angebrochen, eine Zeit mit Jesus, eine freie Zeit.
Und die rufst du hier aus. So radikal, dass mir etwas unheimlich wird.
So ein radikaler Bruch mit der Vergangenheit - du nennst sie „Dreck“ - hat auch was Fanatisches.
Aber ich kann dich - glaube ich - verstehen:
Da in Philippi sind Leute, die sagen: man muss was tun, um zu Gott zu gehören.
Man muss besonders fest glauben, die Gebote halten,
sich nichts zu schulden kommen lassen, alles richtig machen - erst dann gehört man dazu.
Doch das alles hast du hinter dir gelassen.
Ich gewinne nichts, wenn ich möglichst gut da stehen will, sagst du.
Denn damit werde ich nie fertig.
Ich mache ja schließlich immer wieder Fehler, weil ich gar nicht perfekt sein kann.
Also renne ich wie ein Hamster im Hamsterrad meinen eigenen Erfolgsrezepten oder denen von anderen hinterher und komme doch nicht wirklich vom Fleck weg.
Ich kann nur noch verlieren. Darum hat das für dich keinen Wert mehr.
V.
Aber was dann, Paulus?
Jesus ist dein Wert. Jesus ist dein Maßstab.
Ja, du hast erkannt, dass Gott dich liebt, obwohl du so unvollkommen bist.
Du tust, was du gut kannst, z.B. klug mit Worten umgehen.
Und offensichtlich kannst du gut an einer Sache dran bleiben. Und andere motivieren.
Du tust das für dich und für andere. Und das ist gut. Aber daran hängt nicht, wie wertvoll du bist.
Denn du kennst ja auch deine Schattenseiten ziemlich gut.
Für deine Gerechtigkeit, wie du sagen würdest, ist das völlig egal.
Jesus ist dein Wert.
Und darum hast du keine Angst mehr vor Fehlern.
Gerade mit deinen Fehlern, mit offenen Flanken bist du Jesus ganz nahe.
Und aus deinen Fehlern kann Gott noch was Gutes machen.
VI.
Ich glaube, das gehört zu dem, was du gewonnen hast, Paulus: Keine Angst mehr, Fehler zu machen.
Umgekehrt war das vielleicht das Verhängnis des dritten Knechts im Gleichnis vorhin (4):
er hatte Angst, Fehler zu machen - und hat darum gar nichts gemacht.
Diese Angst vor Fehlern kenne ich. Ich bin ja ein Kind unserer Leistungsgesellschaft.
Also kämpfe auch ich darum, gut genug zu sein, perfekt, stark, keine Fehler zu machen.
Meinen Handtremor versuche ich zu verbergen. Ich könnte ja für nervös gehalten werden.
Und ich denke immer darüber nach, was denn die anderen von mir denken könnten.
Dabei könnte mir das doch egal sein, oder?
Ich glaube, nicht nur ich erlebe diesen Druck, perfekt sein zu müssen, so stark.
Photoshop macht Bilder perfekt.
Und wer diese Bilder mit dem eigenen Spiegelbild vergleicht, fühlt sich schnell hässlich.
Es ist sehr schwer, zu den eigenen Nichtperfektionen zu stehen. Was ist noch echt?
VII.
Alles richtig machen zu wollen - das kann so lähmen.
Bevor ich etwas falsch mache, lieber mal nichts tun? Nicht wenige machen das so.
In Sachen Klimawandel haben wir bisher weitgehend den Kopf in den Sand gesteckt wie der 3. Knecht seine anvertrauten Talente. Doch jetzt wecken uns die Fridays-for-future-Jugendlichen.
Trotzdem machen viele weiter oder beschimpfen sogar eine Greta Thunberg, statt nun endlich mal selber mutige Entscheidungen zu treffen oder die Jugendlichen zu unterstützen.
Auch unsere Kirche in Pforzheim hat in der Vergangenheit vielleicht zu viele Entscheidungen vor sich her geschoben - gerade was den Umgang mit Gebäuden angeht.
Und ich glaube: auch aus Angst, Fehler zu machen.
Das kann fatal sein.
Erst recht, wenn es ums Eingemachte geht. Wenn Haltung gefragt ist.
Dietrich Bonhoeffer wusste das, damals im "3. Reich":
Es gibt Situationen, wo wir handeln müssen,
auch wenn wir wissen, dass wir damit Schuld auf uns laden.
Seine Beteiligung am Hitler-Attentat war so etwas.
Nichts zu tun, wäre vielleicht korrekter gewesen, tadelloser, und trotzdem falsch.
Und mit noch größerer Schuld verbunden.
Unsere Kirche hat das erst nach dem 2.Weltkrieg erkannt.
Manchmal muss man sich entscheiden, auf welcher Seite man steht.
VIII.
Du hast nichts zu verlieren, sagst du zu mir, Paulus
Darum habe auch keine Angst davor, etwas falsch zu machen.
Du bist nicht vollkommen - Gott sei Dank.
Wenn du was falsch machst, macht Gott trotzdem was Gutes draus. Vertraue darauf.
Klammere dich nicht an falsche Sicherheiten.
Und klammere dich nicht an die trügerischen Wahrheiten der Vergangenheit.
Vertraue darauf, dass Gott deinen Weg der richtigen und der falschen Entscheidungen mitgeht
und dich aus dem Dreck wieder raus zieht.
IX.
Gewinnen und verlieren - Gott stellt das alles auf den Kopf.
Ich gewinne, weil Jesus an meiner Seite ist.
Ich gewinne, weil ich zu Jesus gehöre - zu dem, der als Loser ans Kreuz genagelt wurde.
Der hat alles verloren und schließlich alles gewonnen, weil Gott bei ihm blieb.
Ich gewinne, weil ich keine Angst mehr vorm Verlieren habe -
denn ich kann nichts verlieren, was wirklich wichtig ist:
Gottes Liebe und dass ich so, wie ich bin, ins Leben geschmissen wurde.
Zur "geliebten Gurkentruppe Gottes" gehöre ich (5).
Und damit zu den Gewinnerinnen:
Unvollkommen und zugleich geliebt und wertvoll.
Und so braucht uns die Welt. Und nicht anders.
Amen.
(1) Als Lesung wurde aus Matthäus 25, 14-30 - ein sehr schwieriges Gleichnis, finde ich:
Denn es ist wie mit einem Menschen, der außer Landes ging: Er rief seine Knechte und vertraute ihnen sein Vermögen an;
dem einen gab er fünf Zentner Silber, dem andern zwei, dem dritten einen, jedem nach seiner Tüchtigkeit, und ging außer Landes. Sogleich ging der hin, der fünf Zentner empfangen hatte, und handelte mit ihnen und gewann weitere fünf dazu. Ebenso gewann der, der zwei Zentner empfangen hatte, zwei weitere dazu. Der aber einen empfangen hatte, ging hin, grub ein Loch in die Erde und verbarg das Geld seines Herrn.
Nach langer Zeit kam der Herr dieser Knechte und forderte Rechenschaft von ihnen. Da trat herzu, der fünf Zentner empfangen hatte, und legte weitere fünf Zentner dazu und sprach: Herr, du hast mir fünf Zentner anvertraut; siehe da, ich habe fünf Zentner dazugewonnen. Da sprach sein Herr zu ihm: Recht so, du guter und treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel setzen; geh hinein zu deines Herrn Freude!
Da trat auch herzu, der zwei Zentner empfangen hatte, und sprach: Herr, du hast mir zwei Zentner anvertraut; siehe da, ich habe zwei dazugewonnen. Sein Herr sprach zu ihm: Recht so, du guter und treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel setzen; geh hinein zu deines Herrn Freude!
Da trat auch herzu, der einen Zentner empfangen hatte, und sprach: Herr, ich wusste, dass du ein harter Mann bist: Du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst ein, wo du nicht ausgestreut hast; und ich fürchtete mich, ging hin und verbarg deinen Zentner in der Erde. Siehe, da hast du das Deine. Sein Herr aber antwortete und sprach zu ihm: Du böser und fauler Knecht! Wusstest du, dass ich ernte, wo ich nicht gesät habe, und einsammle, wo ich nicht ausgestreut habe? Dann hättest du mein Geld zu den Wechslern bringen sollen, und wenn ich gekommen wäre, hätte ich das Meine wiederbekommen mit Zinsen.
Darum nehmt ihm den Zentner ab und gebt ihn dem, der zehn Zentner hat. Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden. Und den unnützen Knecht werft hinaus in die äußerste Finsternis; da wird sein Heulen und Zähneklappern.
(2) Philipper 2, 5-6 (Übersetzung: Gute Nachricht)
(3) Philipper 2,7-10 (Übersetzung: Gute Nachricht)
(4) Siehe Gleichnis (1)
(5) Anspielung auf die Predigt von Sandra Bils vom Deutschen Evangelischen Kirchentag 2019
Predigt zu Philipper 3, 7-14
I.
Gewinnen und verlieren.
Ich spiele gerne.
Trotzdem sind das Worte, die ich eigentlich aus meinem Wortschatz verbannen möchte.
Denn da schwingt Leistungsdruck mit und Wettkampf.
Eben, im Gleichnis (1), da gab es ganz klar 2 Gewinner und 1 Verlierer
und der Verlierer hatte ziemlich schlechte Karten.
Unsere Gesellschaft krankt daran, dass wir zur Gewinnerseite zählen wollen.
Populisten spielen gerne diese Karte und schüren Neid und Angst.
Niemand will zu den Verlierern gehören.
II.
Aber heute haben wir es mit einem großen Verlierer zu tun.
Mit dir, Paulus. Du warst mal kräftig auf der Gewinnerspur:
„Ich könnte mich rühmen.
Ich bin am 8. Tag beschnitten worden, wie es sich gehört.
Ich stamme aus dem Volk Israel, vom Stamm Benjamin.
Ich lebte als Pharisäer nach allen Ordnungen des Gesetzes
und verfolgte mit all meiner Kraft die christliche Gemeinde,
die sich nicht an die mir wichtigen Ordnungen hielt.
Ich bin untadelig gewesen, gemessen an dem, was das Gesetz vorschreibt.“ (2)
III.
Alles richtig gemacht. Aber dann, Paulus, ist etwas Entscheidendes passiert.
„Aber dies alles, was mir früher als Vorteil erschien,
habe ich durch Christus als Nachteil erkannt.
Ich betrachte überhaupt alles als Verlust im Vergleich mit dem überwältigenden Gewinn,
dass ich Jesus Christus als meinen Herrn kenne.
Durch ihn hat für mich alles andere seinen Wert verloren, ja, ich halte es für bloßen Dreck.
Nur noch Christus besitzt für mich einen Wert.Zu ihm möchte ich um jeden Preis gehören.
Deshalb will ich nicht mehr durch mein eigenes Tun vor Gott als gerecht bestehen.
Ich suche nicht meine eigene Gerechtigkeit, die aus der Befolgung des Gesetzes kommt,
sondern die Gerechtigkeit, die von Gott kommt und denen geschenkt wird, die glauben.
Ich möchte vor Gott als gerecht bestehen,
indem ich mich in vertrauendem Glauben auf das verlasse,
was er durch Christus für mich getan hat.
Ich möchte nichts anderes mehr kennen als Christus:
Ich möchte die Kraft seiner Auferstehung erfahren, ich möchte sein Leiden mit ihm teilen.
Mit ihm gleich geworden in seinem Tod, hoffe ich auch, zur Auferstehung der Toten zu gelangen.
Ich meine nicht, dass ich schon vollkommen bin und das Ziel erreicht habe.
Ich laufe aber auf das Ziel zu, um es zu ergreifen,
nachdem Jesus Christus von mir Besitz ergriffen hat.
Ich bilde mir nicht ein, Brüder und Schwestern, dass ich es schon geschafft habe.
Aber die Entscheidung ist gefallen!
Ich lasse alles hinter mir und sehe nur noch, was vor mir liegt.
Ich halte geradewegs auf das Ziel zu, um den Siegespreis zu gewinnen.
Dieser Preis ist das ewige Leben, zu dem Gott mich durch Jesus Christus berufen hat.“ (3)
IV.
Gewinnen und verlieren.
Auch deine Worte, Paulus, aber du stellst sie auf den Kopf.
Die vermeintlichen Gewinner sind die eigentlichen Verlierer.
Und die Verlierer die Gewinner.
Für dich ist nun eine neue Zeit angebrochen, eine Zeit mit Jesus, eine freie Zeit.
Und die rufst du hier aus. So radikal, dass mir etwas unheimlich wird.
So ein radikaler Bruch mit der Vergangenheit - du nennst sie „Dreck“ - hat auch was Fanatisches.
Aber ich kann dich - glaube ich - verstehen:
Da in Philippi sind Leute, die sagen: man muss was tun, um zu Gott zu gehören.
Man muss besonders fest glauben, die Gebote halten,
sich nichts zu schulden kommen lassen, alles richtig machen - erst dann gehört man dazu.
Doch das alles hast du hinter dir gelassen.
Ich gewinne nichts, wenn ich möglichst gut da stehen will, sagst du.
Denn damit werde ich nie fertig.
Ich mache ja schließlich immer wieder Fehler, weil ich gar nicht perfekt sein kann.
Also renne ich wie ein Hamster im Hamsterrad meinen eigenen Erfolgsrezepten oder denen von anderen hinterher und komme doch nicht wirklich vom Fleck weg.
Ich kann nur noch verlieren. Darum hat das für dich keinen Wert mehr.
V.
Aber was dann, Paulus?
Jesus ist dein Wert. Jesus ist dein Maßstab.
Ja, du hast erkannt, dass Gott dich liebt, obwohl du so unvollkommen bist.
Du tust, was du gut kannst, z.B. klug mit Worten umgehen.
Und offensichtlich kannst du gut an einer Sache dran bleiben. Und andere motivieren.
Du tust das für dich und für andere. Und das ist gut. Aber daran hängt nicht, wie wertvoll du bist.
Denn du kennst ja auch deine Schattenseiten ziemlich gut.
Für deine Gerechtigkeit, wie du sagen würdest, ist das völlig egal.
Jesus ist dein Wert.
Und darum hast du keine Angst mehr vor Fehlern.
Gerade mit deinen Fehlern, mit offenen Flanken bist du Jesus ganz nahe.
Und aus deinen Fehlern kann Gott noch was Gutes machen.
VI.
Ich glaube, das gehört zu dem, was du gewonnen hast, Paulus: Keine Angst mehr, Fehler zu machen.
Umgekehrt war das vielleicht das Verhängnis des dritten Knechts im Gleichnis vorhin (4):
er hatte Angst, Fehler zu machen - und hat darum gar nichts gemacht.
Diese Angst vor Fehlern kenne ich. Ich bin ja ein Kind unserer Leistungsgesellschaft.
Also kämpfe auch ich darum, gut genug zu sein, perfekt, stark, keine Fehler zu machen.
Meinen Handtremor versuche ich zu verbergen. Ich könnte ja für nervös gehalten werden.
Und ich denke immer darüber nach, was denn die anderen von mir denken könnten.
Dabei könnte mir das doch egal sein, oder?
Ich glaube, nicht nur ich erlebe diesen Druck, perfekt sein zu müssen, so stark.
Photoshop macht Bilder perfekt.
Und wer diese Bilder mit dem eigenen Spiegelbild vergleicht, fühlt sich schnell hässlich.
Es ist sehr schwer, zu den eigenen Nichtperfektionen zu stehen. Was ist noch echt?
VII.
Alles richtig machen zu wollen - das kann so lähmen.
Bevor ich etwas falsch mache, lieber mal nichts tun? Nicht wenige machen das so.
In Sachen Klimawandel haben wir bisher weitgehend den Kopf in den Sand gesteckt wie der 3. Knecht seine anvertrauten Talente. Doch jetzt wecken uns die Fridays-for-future-Jugendlichen.
Trotzdem machen viele weiter oder beschimpfen sogar eine Greta Thunberg, statt nun endlich mal selber mutige Entscheidungen zu treffen oder die Jugendlichen zu unterstützen.
Auch unsere Kirche in Pforzheim hat in der Vergangenheit vielleicht zu viele Entscheidungen vor sich her geschoben - gerade was den Umgang mit Gebäuden angeht.
Und ich glaube: auch aus Angst, Fehler zu machen.
Das kann fatal sein.
Erst recht, wenn es ums Eingemachte geht. Wenn Haltung gefragt ist.
Dietrich Bonhoeffer wusste das, damals im "3. Reich":
Es gibt Situationen, wo wir handeln müssen,
auch wenn wir wissen, dass wir damit Schuld auf uns laden.
Seine Beteiligung am Hitler-Attentat war so etwas.
Nichts zu tun, wäre vielleicht korrekter gewesen, tadelloser, und trotzdem falsch.
Und mit noch größerer Schuld verbunden.
Unsere Kirche hat das erst nach dem 2.Weltkrieg erkannt.
Manchmal muss man sich entscheiden, auf welcher Seite man steht.
VIII.
Du hast nichts zu verlieren, sagst du zu mir, Paulus
Darum habe auch keine Angst davor, etwas falsch zu machen.
Du bist nicht vollkommen - Gott sei Dank.
Wenn du was falsch machst, macht Gott trotzdem was Gutes draus. Vertraue darauf.
Klammere dich nicht an falsche Sicherheiten.
Und klammere dich nicht an die trügerischen Wahrheiten der Vergangenheit.
Vertraue darauf, dass Gott deinen Weg der richtigen und der falschen Entscheidungen mitgeht
und dich aus dem Dreck wieder raus zieht.
IX.
Gewinnen und verlieren - Gott stellt das alles auf den Kopf.
Ich gewinne, weil Jesus an meiner Seite ist.
Ich gewinne, weil ich zu Jesus gehöre - zu dem, der als Loser ans Kreuz genagelt wurde.
Der hat alles verloren und schließlich alles gewonnen, weil Gott bei ihm blieb.
Ich gewinne, weil ich keine Angst mehr vorm Verlieren habe -
denn ich kann nichts verlieren, was wirklich wichtig ist:
Gottes Liebe und dass ich so, wie ich bin, ins Leben geschmissen wurde.
Zur "geliebten Gurkentruppe Gottes" gehöre ich (5).
Und damit zu den Gewinnerinnen:
Unvollkommen und zugleich geliebt und wertvoll.
Und so braucht uns die Welt. Und nicht anders.
Amen.
(1) Als Lesung wurde aus Matthäus 25, 14-30 - ein sehr schwieriges Gleichnis, finde ich:
Denn es ist wie mit einem Menschen, der außer Landes ging: Er rief seine Knechte und vertraute ihnen sein Vermögen an;
dem einen gab er fünf Zentner Silber, dem andern zwei, dem dritten einen, jedem nach seiner Tüchtigkeit, und ging außer Landes. Sogleich ging der hin, der fünf Zentner empfangen hatte, und handelte mit ihnen und gewann weitere fünf dazu. Ebenso gewann der, der zwei Zentner empfangen hatte, zwei weitere dazu. Der aber einen empfangen hatte, ging hin, grub ein Loch in die Erde und verbarg das Geld seines Herrn.
Nach langer Zeit kam der Herr dieser Knechte und forderte Rechenschaft von ihnen. Da trat herzu, der fünf Zentner empfangen hatte, und legte weitere fünf Zentner dazu und sprach: Herr, du hast mir fünf Zentner anvertraut; siehe da, ich habe fünf Zentner dazugewonnen. Da sprach sein Herr zu ihm: Recht so, du guter und treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel setzen; geh hinein zu deines Herrn Freude!
Da trat auch herzu, der zwei Zentner empfangen hatte, und sprach: Herr, du hast mir zwei Zentner anvertraut; siehe da, ich habe zwei dazugewonnen. Sein Herr sprach zu ihm: Recht so, du guter und treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel setzen; geh hinein zu deines Herrn Freude!
Da trat auch herzu, der einen Zentner empfangen hatte, und sprach: Herr, ich wusste, dass du ein harter Mann bist: Du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst ein, wo du nicht ausgestreut hast; und ich fürchtete mich, ging hin und verbarg deinen Zentner in der Erde. Siehe, da hast du das Deine. Sein Herr aber antwortete und sprach zu ihm: Du böser und fauler Knecht! Wusstest du, dass ich ernte, wo ich nicht gesät habe, und einsammle, wo ich nicht ausgestreut habe? Dann hättest du mein Geld zu den Wechslern bringen sollen, und wenn ich gekommen wäre, hätte ich das Meine wiederbekommen mit Zinsen.
Darum nehmt ihm den Zentner ab und gebt ihn dem, der zehn Zentner hat. Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden. Und den unnützen Knecht werft hinaus in die äußerste Finsternis; da wird sein Heulen und Zähneklappern.
(2) Philipper 2, 5-6 (Übersetzung: Gute Nachricht)
(3) Philipper 2,7-10 (Übersetzung: Gute Nachricht)
(4) Siehe Gleichnis (1)
(5) Anspielung auf die Predigt von Sandra Bils vom Deutschen Evangelischen Kirchentag 2019
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