Dämmerung im Osten. Richtung Westen ist es noch dunkel.
Nach milder Nacht ein kühler Ostermorgen.
Ich bin keine Frühaufsteherin.
Die Glieder sind müde. Die Augen verschlafen. Der Geist träge.
Wie jedes Jahr.
Ich steige auf mein E-Bike,
froh um die Motorunterschützung als es den Wallberg rauf geht.
Die Stadt ist noch ruhig. Die Vögel melden sich zu Wort.
Am Parkplatz stelle ich mein Fahrrad ab.
Noch gar nicht so viele Autos hier.
Die letzten Meter müssen gelaufen werden.
Mit immer noch müden Beinen geht es schleppend, aber es geht.
Andere sind schon da, als ich ankomme. Es kommen noch mehr dazu.
Gesichter, die ich kenne. Und Gesichter, die ich nicht kenne.
Wir bleiben auf Corona-Abstand.
2 Frauen auf dem Geländer haben zwischen sich eine Kerze.
Und eine Flasche Wasser.
Es wird heller. Die Stadt zu unseren Füßen.
Unter unseren Füßen weiß ich die Trümmer des letzten Krieges.
75 Jahre ist das her.
Da verloren die Menschen ihr Zuhause.
Und ihr Vertrauen.
Zerstörte Stadt. Zerstörtes Leben. Zerstörte Zukunft.
Und doch ging auch hier die Sonne täglich auf.
Die Stadt wurde wieder aufgebaut.
Die Toten begraben. Trümmer beiseite geräumt und den Berg rauf geschleppt.
Tränen getrocknet. Ärmel hochgekrempelt. Zukunft Stein auf Stein geschichtet.
Angst weggedrückt. Wie haben sie damals den Ostermorgen erlebt?
Ich schaue auf die Stadt.
Hinter den Gardinen schlafen die meisten noch.
Das eine oder andere Kind wird schon auf der Suche nach Ostereiern sein.
Müde tritt die Pflegerin aus dem Krankenhaus nebenan -
ihre Nachtschicht ist zu Ende.
An den Beatmungsgeräten kämpfen Covid-19-Kranke um ihr Leben.
Der Nachbar mit seinem Tumor pausiert mit seiner Chemo.
Mit Wehen wandert die Hochschwangere ruhelos über den Flur.
Ein alter Mann stellt 2 Kaffeetassen auf den Frühstückstisch
Vermisst seine Frau, die er im Pflegeheim nicht besuchen kann.
David ist vom Alptraum aufgewacht. Er holt das Papier hervor und streicht es glatt.
Ablehnungsbescheid steht da drauf.
Und er versteht immer noch nicht, warum er in den Iran zurück muss.
Die Nachbarin geht mit ihrer Kerze in die Herz-Jesu-Kirche. Zum Osterlicht.
Der Himmelsrand im Osten ballt sich rot.
Gleich hinter dem Wartberg auf der anderen Seite.
Die Stelen hinter mir leuchten zurück.
Die 2 Frauen auf dem Geländer waschen sich die Augen.
Osteraugen. Frisch und klar.
Und plötzlich ist die Sonne da.
Fast grell kriecht sie Stück für Stück hervor
Knall-rot-orange.
Der Zaubermoment.
In mir ist es ganz ruhig.
Ich höre die anderen nicht, aber ich weiß sie um mich herum.
Das Osterlicht streckt sich mir entgegen.
Es streichelt über mein Gesicht.
Ich lebe und du sollst auch leben, sagt es mir.
Ich stehe auf, gehe ein paar Schritte zurück.
Meine Stimme drängt sich raus: Christ ist erstanden.
Etwas brüchig. Zaghaft. Und zu tief.
Aber die anderen stimmen mit ein.
Und gemeinsam singen wir.
Christ will unser Trost sein. Kyrieleis.
Frohe Ostern nicken wir uns zu.
Und dann gehe ich wieder den Berg hinunter.
In meinem Herzen:
die bekannten und die unbekannten Gesichter,
die Trümmer des Berges mit ihren Erinnerungen,
die 2 Frauen mit ihren frischgewaschenen Augen,
die Pflegerin, die ostereiersuchenden Kinder, die müden Eltern,
den besorgten David, die Covid-19-Kranken und den Nachbarn,
den alten Mann, die Gebärende,
und Jesus, den Auferstandenen.
Friede sei mit ihnen allen.
Ich steige auf mein Fahrrad.
Die Vögel sind noch lauter als vorhin.
In der Enz gluckert das Wasser und zieht weiter.
Zuhause angekommen hole ich die Tafelkreide
und schreibe auf die Straße meine Osternachricht.
Ich hänge Ostereier in die Büsche.
Mach mir einen Kaffee.
Zünde die Osterkerze an, die mir mein Freund Michael geschickt hat.
Ostermorgen 2020.
Sonntag, 12. April 2020
Donnerstag, 9. April 2020
Miteinander verbunden - Gründonnerstag und Bonhoeffer
Heute
ist Gründonnerstag. Normalerweise würden wir heute Abend in unseren
Kirchen Abendmahl feiern - in Erinnerung daran, wie Jesus mit seinen
Freunden und Freundinnen am Abend vor seinem Tod das letzte Mahl
zusammen war. „Normalerweise“ - aber dieses Jahr ist nichts normal,
sondern alles anders. Und viele sind traurig, dass sie in diesen Tagen
keine Gottesdienste in ihren Kirchen feiern können. Viele haben auch Angst vor dem Alleinsein.
Heute ist Gründonnerstag. Und: heute vor 75 Jahren wurde Dietrich Bonhoeffer im Konzentrationslager Flossenbürg von den Nazis hingerichtet. Viele Monate war er im Gefängnis gewesen, weil er am Widerstand gegen die Nazis teilgenommen hat. Auch er litt unter Einsamkeit und Angst – abgeschnitten von lieben Menschen, von der Gemeinschaft mit anderen, vom Leben überhaupt. „Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig“ – so beschreibt er seinen Zustand in einem Gedicht: „hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen, dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe.“
Farben, Blumen, Vogelstimmen, Frühlingsdüfte – im Gegensatz zu Dietrich Bonhoeffer können wir sie wahrnehmen in diesen Tagen. Trotz Corona, trotz aller Einschränkungen. Gott sei Dank! Aber unruhig und sehnsüchtig sind viele von uns jetzt auch. Auch ich sehne mich nach guten Worten und menschlicher Nähe. Gerade jetzt wo der Frühling da ist, möchte ich in Straßencafés sitzen, will Menschen, die ich mag, umarmen und das Leben spüren.
„Du, die Eltern, Ihr alle, die Freunde […] seid mir immer ganz gegenwärtig.“ Das schrieb Bonhoeffer aus dem Gefängnis an seine Verlobte, Maria Wedemeyer. Auch hinter den dicksten Gefängnismauern fühlte er sich verbunden mit seinen Liebsten. Ich lebe nicht im Gefängnis, aber die Verbundenheit mit euch tut auch mir gut - gerade jetzt.
Ja, ich bin mit euch verbunden. Und mit Jesus. Heute, am Gründonnerstag, und die kommenden „Heiligen Tage“ sogar ganz besonders.
Ich werde heute abend mit Freund*innen per zoom zusammensitzen, das Brot brechen, einen Schluck Wein trinken und die Worte hören, die davon erzählen, wie Jesus dieses Brot brach. Und er sitzt an meinem Tisch und an dem meiner Freund*innen auch.
Morgen suche ich mir eine stille Stunde und werde daran denken, wie einsam Jesus am Kreuz starb und wie seine Freundinnen und seine Mutter um ihn weinten. Und ich weiß, er ist ganz nah bei mir - in meinen Tränen.
Und am Ostermorgen zünde ich mir das Osterlicht an, lausche auf die Glocken und singe „Christ ist erstanden“ - vielleicht gehe ich zum Sonnenaufgang auch auf den Wallberg.
Und ich weiß: Jesus ist auch dann ganz nah bei mir - in meiner Hoffnung, dass Gott stärker ist als der Tod. Oder wie Bonhoeffer es sagt: „ Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will.“
So wird es sein.
(leicht verändert so auch heute im Pforzheimer Kurier abgedruckt)
Heute ist Gründonnerstag. Und: heute vor 75 Jahren wurde Dietrich Bonhoeffer im Konzentrationslager Flossenbürg von den Nazis hingerichtet. Viele Monate war er im Gefängnis gewesen, weil er am Widerstand gegen die Nazis teilgenommen hat. Auch er litt unter Einsamkeit und Angst – abgeschnitten von lieben Menschen, von der Gemeinschaft mit anderen, vom Leben überhaupt. „Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig“ – so beschreibt er seinen Zustand in einem Gedicht: „hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen, dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe.“
Farben, Blumen, Vogelstimmen, Frühlingsdüfte – im Gegensatz zu Dietrich Bonhoeffer können wir sie wahrnehmen in diesen Tagen. Trotz Corona, trotz aller Einschränkungen. Gott sei Dank! Aber unruhig und sehnsüchtig sind viele von uns jetzt auch. Auch ich sehne mich nach guten Worten und menschlicher Nähe. Gerade jetzt wo der Frühling da ist, möchte ich in Straßencafés sitzen, will Menschen, die ich mag, umarmen und das Leben spüren.
„Du, die Eltern, Ihr alle, die Freunde […] seid mir immer ganz gegenwärtig.“ Das schrieb Bonhoeffer aus dem Gefängnis an seine Verlobte, Maria Wedemeyer. Auch hinter den dicksten Gefängnismauern fühlte er sich verbunden mit seinen Liebsten. Ich lebe nicht im Gefängnis, aber die Verbundenheit mit euch tut auch mir gut - gerade jetzt.
Ja, ich bin mit euch verbunden. Und mit Jesus. Heute, am Gründonnerstag, und die kommenden „Heiligen Tage“ sogar ganz besonders.
Ich werde heute abend mit Freund*innen per zoom zusammensitzen, das Brot brechen, einen Schluck Wein trinken und die Worte hören, die davon erzählen, wie Jesus dieses Brot brach. Und er sitzt an meinem Tisch und an dem meiner Freund*innen auch.
Morgen suche ich mir eine stille Stunde und werde daran denken, wie einsam Jesus am Kreuz starb und wie seine Freundinnen und seine Mutter um ihn weinten. Und ich weiß, er ist ganz nah bei mir - in meinen Tränen.
Und am Ostermorgen zünde ich mir das Osterlicht an, lausche auf die Glocken und singe „Christ ist erstanden“ - vielleicht gehe ich zum Sonnenaufgang auch auf den Wallberg.
Und ich weiß: Jesus ist auch dann ganz nah bei mir - in meiner Hoffnung, dass Gott stärker ist als der Tod. Oder wie Bonhoeffer es sagt: „ Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will.“
So wird es sein.
(leicht verändert so auch heute im Pforzheimer Kurier abgedruckt)
Dienstag, 10. März 2020
Die Stadt suchen
Eine programmatische Rede anlässlich meiner Wiederwahl am 9.3.2020
I. Suchen und Finden
Wir haben hier keine bleibende Stadt, aber die zukünftige suchen wir. (Hebr. 13,14)
Dieser Satz aus dem Hebräerbrief könnte die Überschrift der letzten 7,5 Jahre sein. Wir befinden uns zwar immer noch in derselben Stadt wie vor 8 Jahren, aber die Stadt hat sich verändert, verändert sich laufend. Vor allem aber waren wir als wanderndes Gottesvolk unterwegs - haben uns den Veränderungen in uns und um uns gestellt, haben uns auf den Weg gemacht mit dem Ziel, eine zukunftsfähige Kirche zu gestalten. Wir haben die Wege in die Zukunft gesucht - mit der Stadt, für die Stadt und in der Stadt. Haben wir sie auch gefunden? Oder hört die Suche gar nie auf?
Die Sehnsucht ist groß, endlich mal am Ziel anzukommen. Nicht nur eine Pause zu machen, sondern bleiben zu können. Der Hebräerbrief kennt diese Sehnsucht genauso wie ich und Sie und ihr. Aber er ist da ganz nüchtern: das Unterwegssein, das Auf-dem-Weg-sein gehört zum Christ*in-Sein dazu. Das eigentliche Zuhause werden wir erst im Himmel erreichen.
In mir sträubt sich ziemlich viel gegen so eine Jenseitstheologie, dafür bin ich viel zu diesseitig, das wissen Sie auch. Aber den Gedanken, dass die christliche Existenz eine suchende und eine auf-dem-Weg ist, finde ich spannend. Ich glaube, es wäre uns schon viel geholfen, wenn wir das Unterwegssein nicht nur als notwendigen Zwischenschritt zum eigentlichen Ankommen betrachten würden! Wenn wir dem Status als Suchende etwas Gutes abgewinnen könnten! Nicht im Sinne von "der Weg ist das Ziel". Wir folgen nämlich dem Wanderprediger Jesus nach. Schon das allein ist Grund genug, beweglich zu bleiben.
II. Herausforderungen und Chancen
Wer unterwegs ist, muss sich immer erneut auf neue Herausforderungen einstellen.
Die Herausforderungen für uns als Evangelische Kirche in Pforzheim sind in den letzten 7 Jahren nicht kleiner geworden. Ich nenne mal sechs Herausforderungen, ohne Anspruch auf Vollständigkeit:
- Wir leben als Kirche immer noch auf zu großem Fuß, sprich: wir geben mehr Geld aus als wir an Kirchensteuer bekommen. Wir erkennen das schon sehr gut, akzeptieren sogar, dass wir noch weitere Schritte gehen müssen, aber der Abschied von manchem, was uns liebgeworden ist, tut einfach auch weh.
- Wir sind in vielen Bereichen unterbesetzt. Die Arbeit lastet auf zu wenigen Schultern. Das macht es uns schwer, notwendige Veränderungen umzusetzen.
- Die Mitgliederzahlen sinken trotz der großen Anstrengungen, die jede und jeder von uns vornimmt. Auch das tut weh, denn wir geben uns Mühe und machen auch gute Arbeit, und haben dann doch das Gefühl, dass es vergeblich ist
- Wir leben in einer urbanen, einer städtischen Gesellschaft. Die urbane Gesellschaft wird immer säkularer - und zugleich multireligiöser. Werden wir unwichtiger? Oder haben wir mehr oder andere Kooperationspartner? Wir müssen uns auf jeden Fall noch daran gewöhnen.
- Der politische Ton wird rauher und der Rechtspopulismus ist herausfordernd stark, gerade in Pforzheim. Was bedeutet in diesem Umfeld die Botschaft von der Liebe Gottes, die allen Menschen gilt?
- Die Schere zwischen arm und reich wird immer größer. Wir selbst werden immer noch als reiche Kirche wahrgenommen. Reiche und Arme sind Teil von unserer Kirche. Wie gehen wir mit dieser Spannung um?
In der Zukunft werden neue Herausforderungen dazu kommen und wir werden auch in Zukunft immer wieder neue Wege suchen müssen, um uns diesen Herausforderungen zu stellen. Wir bleiben nicht an einer Stelle stehen - nach dem Motto: jetzt haben wir es geschafft, jetzt sind wir am Ziel. Selbst wenn wir es wollten. Es geht nicht, jedenfalls nicht, wenn wir dieses Wort vom Hebräerbrief ernstnehmen: Wir bleiben unterwegs - das gehört zu uns als Kirche, als wanderndes Gottesvolk.
Aber nicht nur die Herausforderungen sind mehr geworden, nein, auch die Chancen, diese Herausforderungen auch in Zukunft zu meistern, sind ebenfalls größer geworden. Dass wir die Wege bewältigen können, die vor uns liegen und auf denen wir jetzt schon gehen, dazu haben wir in den letzten Jahren viel getan - ich nenne auch hier mal 6 Punkte:
- Wir haben unser Gepäck leichter gemacht, indem wir uns mutig von Gebäudeflächen getrennt haben und noch trennen werden und die Gebäude, die wir behalten, werden besser sein.
- Wir haben Entscheidungen getroffen, wie wir auch in Zukunft noch viele und gute Kitas gestalten können. Das gibt uns wieder mehr Spielraum. Das spüren wir jetzt schon.
- Wir haben bezirkliche Schwerpunkte benannt und diese auch personell ausgestattet.
- Wir haben den Diakonenstellen ein klareres inhaltliches Profil gegeben
- Wir haben Gemeinden vereinigt, damit sie sich auf dem Weg gegenseitig unterstützen und zugleich in größeren Dienstgruppen die unterschiedlichen Begabungen besser zum Einsatz bringen können.
- Wir haben uns vernetzt - untereinander z.B. mit den Diakoniepunkten in den Quartieren oder für gemeindeübergreifende Veranstaltungen, aber auch mit den anderen Institutionen der Stadt, im religiösen, kulturellen, pädagogischen und politischen Bereich. Wir bauen mithilfe des Fundraisingsbeauftragten eine neue Kultur des Dialogs auf mit denen, die uns unterstützen. Wir wissen ja sehr genau, dass wir nicht allein unterwegs sind, sondern ein Teil der Welt sind, in die wir hineinwirken. Erinnern Sie sich noch an das Motto der Bezirksvisitation vor 6 Jahren? Kirche findet Stadt! Ja, unsere Kirche findet die Stadt und die Stadt findet die Kirche. Wir sind gefragt als Kooperationspartnerin und das ist eine sehr gute Basis für die Zukunft.
Liebe Synodale, wir alle zusammen haben in den letzten Jahren wirklich viel bewegt. Und ich nutze darum gerne die Gelegenheit, Ihnen allen und den Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen in dunserer Kirche ein großes Danke zu sagen: Danke für all Ihr Engagement und Ihre Leidenschaft. Danke für Ihren Mut, wegweisende und auch schmerzhafte Entscheidungen zu treffen und die Beharrlichkeit, diese auch umzusetzen. Danke für das gemeinsame Gehen auf diesem Weg und danke, dass Sie mit den Entscheidungen der letzten Jahre dafür gesorgt haben, dass wir auch die Wege vor uns gehen können. Wir sind auf einem guten Weg.
III. Das „Wir“
Wir haben hier keine bleibende Stadt, aber die zukünftige suchen wir.
Ohne dieses "wir" hätten wir dies alles nicht erreicht. Ohne dieses „Wir“ werden wir auch die zukünftigen Wege nicht gehen können. Und dies hört auch zum heutigen Anlass nicht auf, wo es darum geht, ob Sie mich als Ihre Dekanin wieder wählen wollen.
Meine Aufgabe als Dekanin war es nicht, auf den Wegen, die wir zu gehen haben, vorauszulaufen. Meine Aufgabe war es auch nicht, zu sagen, wo es lang geht. Wo es lang gehen sollte, haben wir gemeinsam entschieden.
Ich sehe aber meine Aufgabe darin, die Wandernden zu motivieren und zu ermutigen. Ich wollte und will die Gemeinsamkeit stärken, die die Kirche auf dem Weg braucht. Ich will immer noch Begabungen wahrnehmen und fördern. Und dazu helfen, dass wir untereinander Fäden knüpfen und Zusammenhänge aufdecken und entwickeln.
Mir ist es ein großes Anliegen, der Vielfalt und Lebendigkeit Raum zu geben. Ich werbe für eine offene und einladende Kirche, und nehme Impulse auf, die von den Mitgehenden, von Ihnen kommen. Ich schaue, wie diese Impulse realisiert werden können.
Außerdem war und ist mir wichtig, dass das Nachdenken über neue Schritte oder wichtige Entscheidungen und die Umsetzung gemeinsam geschieht.
So etwas kostet oft viel Kraft und Zeit - erinnern Sie sich an die Diskussionen, die wir 1 Jahr lang geführt haben, bevor wir dann zu einem erstaunlich klaren Ergebnis für die Umgestaltung unseres Kirchenbezirks kamen. Meine Aufgabe war dabei nicht nur, für das im Stadtkirchenrat entwickelte Modell zu werben und zugleich suchte ich gemiensam mit anderen nach neuen Lösungen, wenn die Fronten verhärtet schienen. Genauso wichtig war es, das große Ganze im Blick zu behalten - und: das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren: nämlich unsere evangelische Kirche in Pforzheim zukunftsfähig zu gestalten.
Der Weg, den wir gehen, ist spannend und eröffnet ganz neue Ausblicke. Aber gerade die Übergänge vom Alten zum Neuen sind oft hart und sehr anstrengend. Da geht den einen oder anderen Mitgehenden auch mal die Kraft aus. Auch ich war davon nicht ausgenommen. Aber ich habe zugleich so viel Unterstützung erfahren. Und nicht nur ich: wir unterstützen und tragen uns gegenseitig, helfenuns aus und vertreten uns - das ist in diesem Ausmaß nicht selbstverständlich, und doch geschieht es- selbst jetzt bei den vielen Vakanzen. Dafür bin ich zutiefst dankbar. Das ist das „Wir“, das ich meine und ohne das wir keinen Weg auf der Suche nach der zukünftigen Stadt gehen können.
Dieses „Wir“ muss künftig noch gestärkt werden. Durch mich und durch uns alle. Es ist wichtig, dass wir dieses „Wir“ im Blick behalten und Oasen haben, in denen wir Kraft sammeln können.
IV. Raus aus der Komfortzone
Wir haben hier keine bleibende Stadt, aber die zukünftige suchen wir.
Der Hebräerbrief macht mit diesem Satz den Christen und Christinnen seiner Zeit Mut, das Leben in der Fremde auszuhalten. Ja, sie sind Fremde in der Welt, in der sie leben und in die sie zugleich hinein gesandt sind. Der Hebräerbrief verweist dabei auf Jesus, der vor den Toren der Stadt starb, vor den Toren, draußen, nicht drinnen - ein Fremder, ein Anderer, einer, der nicht dazu gehören sollte.
Wir heute leben in einer anderen Situation, gerade hier in Deutschland. Pforzheim, die mal eine durch und durch evangelische Stadt war. Hier gilt Kirche noch was - auch wenn die Gesellschaft säkularer wird. Und dennoch: dieser Gedanke des „Fremdseins“ trifft auch auf uns und könnte uns neu öffnen.
Unsere Botschaft ist vielen fremd. Sie stört und irritiert. Dass die Nächstenliebe auch die Flüchtlinge an der Grenze Europas einschließt, wird nicht gerne gehört. Dass Versöhnung das Gegenteil von Geschichtsklitterung ist, irritiert. Dass wir einen freundschaftlichen interreligiösen Dialog auf Augenhöhe pflegen, schmeckt denen, die auf Abschottung setzen, überhaupt nicht. Vor allem aber können wir in der immer säkularer werdenden Stadt nicht mehr voraussetzen, dass unsere Botschaft verstanden wird.
Aber was folgt daraus? Wir könnten die Welt links liegen lassen und uns verschanzen hinter unseren kirchlichen Ritualen und Glaubenstraditionen. Dann wissen wir, was wir sind, wer wir sind und wo wir sind. Aber das wäre nicht im Sinne unseres Erfinders. Der hat nämlich gesagt: Geht hin. Geht in die Welt hinein. Bleibt nicht hocken, habt keine Angst um das, was war, verteidigt nicht den Status quo, sondern macht euch auf den Weg.
Geht hin - dahin, wo Menschen die Botschaft brauchen, dass sie so, wie sie sind, geliebt sind. Geht dahin, wo Menschen nicht mehr spüren, wie wertvoll sie sind. Geht auch dorthin, wo anders geglaubt wird oder Menschen auch ohne die Kirche Gutes tun. Geht dahin und schaut, wie Gott auch dort wirkt. Dazu sind wir da, das ist unser Auftrag, hinzugehen in alle Welt - weil Gott diese Welt liebt.
Wer unterwegs ist als wanderndes Gottesvolk, lässt sich auf diese Fremde ein. Auf das Nichtvertraute, das Irritierende. Jesus ist raus aus seiner Komfortzone. Er hat sich von der Syrophönizierin belehren und auf einen römischen Hauptmann eingelassen, segnete die lauten Kinder und wusch seinen Freunden die schmutzigen Füße.
Raus aus der Komfortzone - in Kontakt mit der Welt sein: Ich bin sicher, das wird uns in Zukunft immer mehr beschäftigen. Ich wünsche mir, dass wir noch mehr die Perspektive derer einnehmen, die sich bei uns fremd fühlen, dass wir auf sie hören, denn sie haben uns Interessantes zu erzählen. In der Schule und in den Kitas passiert das ständig. Auch in den Krankenhäusern geschieht dies jeden Tag.
Aber wo geschieht das in unseren Gemeinden? Warum nicht mal einen Kurs von Design-Studierenden in eine Kirche holen und sie dort 4 Wochen in dem Raum und mit dem Raum ohne Kontrolle arbeiten lassen? Und mal schauen, was dann passiert? Wie sich der Raum verändert, wie sich das Beten verändert oder das Gottesdienstfeiern? Oder worüber man miteinander ins Gespräch kommen kann?
Oder vielleicht ist es wirklich an der Zeit, dass wir eine Kasualagentur einrichten? Eine Servicestelle rund um Beerdigungen, Taufen und Hochzeiten, damit die, die was von uns wollen, nicht umständlich herumtelefonieren müssen, bis sie an die Richtigen geraten?
Oder warum nicht mal ein interkulturelles Welcome-Dinner auf einem öffentlichen Platz organisieren - zusammen mit der Interreligiösen Kita?
Vielleicht brauchen wir auch irgendwann einen Kirchenraum nicht mehr, aber statt ihn einfach nur aufzugeben starten wir einen Ideenwettbewerb im Stadtteil, was mit diesem Raum noch geschehen könnte, damit er ein Segen für die Stadt ist?
Ich weiß, das kostet alles auch Geld, darüber reden wir heute mal nicht. Ich bin sicher, Sie haben noch viel mehr Ideen!
Die zukünftige Stadt suchen wir - ja, machen wir uns auf die Suche, gehen wir raus, gehen wir hin, hin in die Welt, in die Quartiere, reißen wir die Kirchentüren auf, lassen wir den Status Quo liegen und uns durch neue, fremde Gedanken inspirieren. Neues ausprobieren und Experimente wagen - das möchte ich mit Ihnen und euch in den nächsten Jahren tun.
V. Gemeinsamer Weg?
Wir haben hier keine bleibende Stadt, aber die zukünftige suchen wir.
Gemeinsam haben wir uns auf den Weg gemacht. Wir sind uns bewusst, dass wir den Generationen nach uns eine Kirche mit leichtem Gepäck übergeben wollen, eine, mit der sie dann den Weg in dieser Welt weitergehen können, fröhlich ihre Straße ziehend.
Ja, wir sind losgegangen und diesen Weg möchte ich mit Ihnen und euch weitergehen. Ich bin so stolz auf diese Evangelische Kirche in Pforzheim: auf den Mut zu neuen Wegen, auf das Vertrauen, das unter uns immer mehr wächst. Ich bin stolz auf die wunderbaren, phantasievollen Gottesdienste, die in unseren Kirchen und auch außerhalb gefeiert werden. Ich bin stolz auf unsere klaren und friedensstiftenden Worte, die wir in diese Stadt hineinsprechen und darauf, dass Tag für Tag Menschen durch uns getröstet und begleitet werden. Ich bin stolz auf die musikalische Vielfalt unserer Kirche. Mich begeistert es, wie kreativ und neugierig wir unterwegs sind: singend und tanzend, slammend und betend, mit großer Entdeckerfreude und spannenden Kooperationen. Ich bin stolz darauf, dass wir die Stadt finden und sie uns.
Als Suchende, als Betende, als Glaubende sind wir unterwegs. Manchmal tastend und unsicher, manchmal mutig und selbstbewusst. Wir tun dies im Namen Jesu, der selber in die Fremde ging und uns in die Welt schickt. Wir bleiben unterwegs. Wir sind nicht am Ziel. Wir gehen weiter. Aber wir sind auf einem guten Weg.
Dafür danke ich Ihnen und euch von Herzen.
Sonntag, 8. März 2020
Frauennamen
Predigt zum Weltfrauentag
(mit riesengroßem Dank an Birgit Mattausch, dieser wunderbaren Predigerin, deren Worte ich weitergeschrieben habe)
1. Womens march
3 Jahre ist es her.
Da zogen die Frauen nach Washingthon. Women’s march.
Am Tag nach der Einführung von Donald Trump.
Whoopi Goldberg war dabei und Yoko Ono. Scarlett Johansson und Ashley Judd.
Eine Liste von Namen.
Pinkfarbene Wollmützen auf dem Kopf. Pussyhats.
Mit Zipfeln rechts und links. Wie Katzenohren.
Weil da einer an der Macht gekommen ist, der meint, Frauen einfach angrabschen zu können.
Der beschimpfte seine Konkurrentin Hillary Clinton als böse, widerliche, schmutzige Frau.
Nasty woman.
Und der Senatorin Elizabeth Warren erteilte man fast zeitgleich Redeverbot.
Aber sie hielt sich nicht daran.
#Nevertheless, she persisted.
Über eine Million Menschen waren damals in Amerika auf der Straße.
Weltweit demonstrierten mindestens 2 Millionen Menschen.
Mittlerweile ist die Bewegung nicht mehr so stark. Aber es gibt sie noch. Jahr für Jahr.
Und sie ist lernfähig.
Gott sei Dank haben sie sich von Frauen im Vorstand getrennt,
die antisemitisch unterwegs waren.
Ja, sie geht weiter, diese Bewegung:
Kennt ihr den pinky swear? (1)
Mit dem nimmt Elizabeth Warren kleinen Mädchen mit 2 kleinen Fingern das Versprechen ab:
„Ich will Präsidentin werden, weil Mädchen das tun!“
2. Text
Und es begab sich danach,
dass er von Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf zog
und predigte und verkündigte das Evangelium vom Reich Gottes;
und die Zwölf waren mit ihm,
dazu etliche Frauen, die er gesund gemacht hatte von bösen Geistern und Krankheiten,
nämlich Maria, genannt Magdalena, von der sieben Dämonen ausgefahren waren,
und Johanna, die Frau des Chuza, eines Verwalters des Herodes,
und Susanna und viele andere, die ihnen dienten mit ihrer Habe. (2)
3. Eine Liste von Namen
Eine Liste von Namen.
Namen von Frauen, die sich auf den Weg machen.
Die sich nicht aufhalten und nicht abhalten lassen.
Ich stelle mir vor, mein Name stehe in der Liste.
Der Liste der Freundinnen Jesu. Der Liste des Lebens.
Mein Name und der meiner Mutter: Hedi.
Und der meiner Großmutter. Ich habe sie nie kennengelernt.
Aber ich weiß, dass sie 4 Töchter und 1 Sohn großgezogen hat
und sie weigerte sich, das Mutterkreuz der Nazis anzunehmen.
Ja, ich stelle mir vor, ihr Name stünde in der Liste: Erna.
Und der meiner Schwester: Sibylle.
Und mein Name.
Und die Namen der Großmütter der Großmütter.
Und der Name meiner Tochter: Nele.
Und der Name meiner Schwiegertochter: Maddie.
Und vielleicht der Name meiner Enkelin,
von der ich noch nichts weiß und ob sie mal geboren wird.
Namen, die ich nicht mehr weiß. Und Namen, die ich noch nicht weiß.
Sie stünden in der Liste des Lebens und des Aufbrechens.
In der Liste der Freundinnen Jesu.
Zusammen mit Maria, genannt Magdalena.
Mit Johanna.
Und Susanna.
Eine Liste, so lang wie von hier bis zum Mond und zurück.
4. Den gefallenen Helden
Bis vor kurzem standen im allgemeinen nur Männer in Listen.
Zum Beispiel so:
Weltkrieg 1914 bis 18:
Den tapferen Söhnen in Dankbarkeit
Unseren gefallenen Kameraden
Den gefallenen Kriegern
Den gefallenen Helden
In ehrendem Andenken
Und auch die Bibel verfährt so:
Noah, Abraham, Ismael, Isaak.
Sie sind die Söhne von Vätern. Und sie sind die Väter von Söhnen.
Frauennamen? Fehlanzeige. Frauengeschichten? Am Rand.
Wenn sie da sind, dann halb vergessen.
Oder wisst ihr, wie die von Abraham und Sarah verstossene Hagar in der Wüste Gott nennt?
Oder kennt ihr die Namen der beiden Hebammen, die den Pharao austricksten?
Nein?
5. Zwinkern zwischen den Buchstaben
Aber heute - am Weltfrauentag - lesen wir sie laut,
die vergessenen und überlesenen Namen, wenigstens ein paar:
Maria, genannt Magdalena.
Johanna, Frau des Chuza.
Susanna und die anderen.
Hinter dem Schleier der Buchstaben und der Jahrhunderte zwinkern sie mir zu.
Sie dienten Jesus mit ihrer Habe.
So Luther übersetzt und dabei wahrscheinlich an reiche Frauen mittleren Alters gedacht,
die in ihren Häusern blieben und an ihrem Platz.
Und die - so meinte er wohl - unterstützen Jesus und die Männer um ihn hauptsächlich finanziell.
Tatsächlich aber bedeutet das griechische Wort ὑπαρχόντων
nicht nur finanziellen, materiellen Besitz.
Es meint alles, was ein Mensch hat und kann. (3)
Sie dienten Jesus mit allem, was sie hatten und was sie konnten.
Und sie zogen mit ihm. Durch Städte und Dörfer.
Durch Judäa und Galiläa. Sommers und Winters.
Sie schliefen unter dem Sternenhimmel. Mit Blick auf den großen Wagen und Kassiopeia.
Sie aßen sich satt in den Häusern der reichen Zöllner.
Sie sahen, wie Jesus sich Feinde machte und Freunde.
Hörten, wie die Blinden schrieen, wenn er ihr Dorf betrat.
Und sie saßen neben Jesus im Staub des Feldes, auf dem er redete vom Himmelreich.
6. Die Männer hinter und vor den Frauen
Was ist mit den Männern? Denke ich.
Chuza, der Verwalter des Herodes, zum Beispiel?
Hatte er genug Personal, um ohne seine Ehefrau Johanna zurecht zu kommen?
Wer legte nun seine Socken zusammen?
Und wer erinnerte ihn an den Geburtstag seiner Mutter?
Wer kümmerte sich um die Kinder, während Johanna mit Jesus um die Häuser zog?
Oder hatte sie die Kinder einfach mitgenommen?
Was ist mit den Männern? Denke ich.
Mit Petrus, Andreas, Johannes und den andern Jüngern?
Was dachten sie über Maria, genannt Magdalena? Später genannt die große Sünderin?
7 böse Geister hatte Jesus aus ihrem Frauenkörper vertrieben.
Ob die Männer es ihr noch ansahen? Und ob sie es ihnen ansah, dass sie es ihr ansahen?
7. Zeuginnen des Lebens
Maria, genannt Magdalena.
Johanna, Frau des Chuza.
Susanna und die anderen.
Ein paar Bibelseiten weiter stehen sie auf dem Berg des Todes
und sehen, wie Jesus ermordet wird.
Ein paar Bibelseiten weiter haben sie keine Tränen mehr,
ausgeweint am Kreuz und auf dem Friedhof.
Maria, genannt Magdalena.
Johanna, Frau des Chuza.
Susanna und die anderen.
Ein paar Bibelseiten weiter sagt einer zu ihnen:
Fürchtet euch nicht. Am dritten Tage ist er auferstanden.
Maria, genannt Magdalena.
Johanna, Frau des Chuza.
Susanna und die anderen.
Ein paar Bibelseiten weiter sind sie die Zeuginnen des Lebens.
Apostelinnen, die nie jemand so genannt hat.
Noch ein paar Bibelseiten weiter sind sie fast vergessen.
Und ein paar Kirchenjahrhunderte später ist es, als hätte es sie nie gegeben.
8. Kommt her zu mir alle
Aber es hat sie gegeben und sie ist da, die Liste, und heute lesen wir sie laut.
Der Liste der Freundinnen Jesu. Die Liste des Lebens.
Ich stelle mir vor, mein Name steht da drauf und dein Name auch.
Und auch der von Hans und Michael –
mit den Frauen sind auch Männer unterwegs, ich will ja nicht so sein.
Unsere Namen stünden in der Liste.
In der Liste der Freundinnen und der Freunde Jesu. Freundinnen des Lebens.
Die Namen der Mütter der in Hanau erschossenen Jugendlichen stünden auch darauf.
Und die der Frauen an der griechischen Grenze,
die alles aufgeben und versuchen um ihre Kinder in Sicherheit zubringen -
ohne gesehen zu werden.
Und die, deren Leben bedroht ist, weil sie diesen Frauen dort helfen.
Der Bundestag will von diesen Namen nichts wissen, sonst hätte er anders entschieden. (4)
(Ehrlich: ich schäme mich für unseren Bundestag!)
Aber Jesus sind ihre Namen nicht egal. Und mir auch nicht.
Und darum gehen Gott sei Dank Jünger und Jüngerinnen dorthin
und sie brauchen unsere Unterstützung.
Ja, sie alle gehören zur Liste der Freundinnen des Lebens.
Zusammen mit Maria, genannt Magdalena,
mit Johanna, Frau des Chuza
und mit Susanna und den anderen.
Zusammen mit den Namen von Sophie Scholl und Anne Frank,
von Angela Merkel und Greta Thunberg
und denen von Yoko Ono und Whoopi Goldberg und allen, die einen Pussyhat aufsetzen.
Ein Liste, so lang wie von hier bis zum Mond und zurück.
Unsere Namen stünden in der Liste.
Weil wir alle dem Leben dienen,
mit dem was wir haben und was wir können und was wir sind.
Wir sind nicht perfekt. Auch wir machen Fehler.
Auch wir sind manchmal auf dem falschen Weg.
Aber Jesus sagt zu uns:
Kommt her zu mir – alle. Grad wie ihr seid.
Mit Kind im Arm und Kind im Herzen.
Mit Falten am Hals und Metastasen in der Brust.
Mit zerschrammtem Herzen und 7 bösen Geistern und einem schlechtem Gewissen.
Und mit Schulden bei der Bank und auf der Seele.
Kommt her zu mir – alle. Grad wie ihr seid.
Und folgt mir nach.
Eure Namen werden nicht vergessen.
Amen.
(1) https://thehill.com/blogs/blog-briefing-room/news/456077-viral-photo-shows-elizabeth-warren-doing-pinky-promise-with
(2) Lukas 8,1-3
(3) Bibel in gerechter Sprache, S. 2316
(4) https://www.spiegel.de/politik/deutschland/bundestag-lehnt-aufnahme-von-5000-fluechtlingen-aus-griechenland-ab-a-75d31458-676a-4b5e-9159-e408d21adb32?fbclid=IwAR1LB5D7-TdttkgtPzIc58axGxKuRTgbNfp3___1Lt9A5FTHCniOAhWw18w
(mit riesengroßem Dank an Birgit Mattausch, dieser wunderbaren Predigerin, deren Worte ich weitergeschrieben habe)
1. Womens march
3 Jahre ist es her.
Da zogen die Frauen nach Washingthon. Women’s march.
Am Tag nach der Einführung von Donald Trump.
Whoopi Goldberg war dabei und Yoko Ono. Scarlett Johansson und Ashley Judd.
Eine Liste von Namen.
Pinkfarbene Wollmützen auf dem Kopf. Pussyhats.
Mit Zipfeln rechts und links. Wie Katzenohren.
Weil da einer an der Macht gekommen ist, der meint, Frauen einfach angrabschen zu können.
Der beschimpfte seine Konkurrentin Hillary Clinton als böse, widerliche, schmutzige Frau.
Nasty woman.
Und der Senatorin Elizabeth Warren erteilte man fast zeitgleich Redeverbot.
Aber sie hielt sich nicht daran.
#Nevertheless, she persisted.
Über eine Million Menschen waren damals in Amerika auf der Straße.
Weltweit demonstrierten mindestens 2 Millionen Menschen.
Mittlerweile ist die Bewegung nicht mehr so stark. Aber es gibt sie noch. Jahr für Jahr.
Und sie ist lernfähig.
Gott sei Dank haben sie sich von Frauen im Vorstand getrennt,
die antisemitisch unterwegs waren.
Ja, sie geht weiter, diese Bewegung:
Kennt ihr den pinky swear? (1)
Mit dem nimmt Elizabeth Warren kleinen Mädchen mit 2 kleinen Fingern das Versprechen ab:
„Ich will Präsidentin werden, weil Mädchen das tun!“
2. Text
Und es begab sich danach,
dass er von Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf zog
und predigte und verkündigte das Evangelium vom Reich Gottes;
und die Zwölf waren mit ihm,
dazu etliche Frauen, die er gesund gemacht hatte von bösen Geistern und Krankheiten,
nämlich Maria, genannt Magdalena, von der sieben Dämonen ausgefahren waren,
und Johanna, die Frau des Chuza, eines Verwalters des Herodes,
und Susanna und viele andere, die ihnen dienten mit ihrer Habe. (2)
3. Eine Liste von Namen
Eine Liste von Namen.
Namen von Frauen, die sich auf den Weg machen.
Die sich nicht aufhalten und nicht abhalten lassen.
Ich stelle mir vor, mein Name stehe in der Liste.
Der Liste der Freundinnen Jesu. Der Liste des Lebens.
Mein Name und der meiner Mutter: Hedi.
Und der meiner Großmutter. Ich habe sie nie kennengelernt.
Aber ich weiß, dass sie 4 Töchter und 1 Sohn großgezogen hat
und sie weigerte sich, das Mutterkreuz der Nazis anzunehmen.
Ja, ich stelle mir vor, ihr Name stünde in der Liste: Erna.
Und der meiner Schwester: Sibylle.
Und mein Name.
Und die Namen der Großmütter der Großmütter.
Und der Name meiner Tochter: Nele.
Und der Name meiner Schwiegertochter: Maddie.
Und vielleicht der Name meiner Enkelin,
von der ich noch nichts weiß und ob sie mal geboren wird.
Namen, die ich nicht mehr weiß. Und Namen, die ich noch nicht weiß.
Sie stünden in der Liste des Lebens und des Aufbrechens.
In der Liste der Freundinnen Jesu.
Zusammen mit Maria, genannt Magdalena.
Mit Johanna.
Und Susanna.
Eine Liste, so lang wie von hier bis zum Mond und zurück.
4. Den gefallenen Helden
Bis vor kurzem standen im allgemeinen nur Männer in Listen.
Zum Beispiel so:
Weltkrieg 1914 bis 18:
Den tapferen Söhnen in Dankbarkeit
Unseren gefallenen Kameraden
Den gefallenen Kriegern
Den gefallenen Helden
In ehrendem Andenken
Und auch die Bibel verfährt so:
Noah, Abraham, Ismael, Isaak.
Sie sind die Söhne von Vätern. Und sie sind die Väter von Söhnen.
Frauennamen? Fehlanzeige. Frauengeschichten? Am Rand.
Wenn sie da sind, dann halb vergessen.
Oder wisst ihr, wie die von Abraham und Sarah verstossene Hagar in der Wüste Gott nennt?
Oder kennt ihr die Namen der beiden Hebammen, die den Pharao austricksten?
Nein?
5. Zwinkern zwischen den Buchstaben
Aber heute - am Weltfrauentag - lesen wir sie laut,
die vergessenen und überlesenen Namen, wenigstens ein paar:
Maria, genannt Magdalena.
Johanna, Frau des Chuza.
Susanna und die anderen.
Hinter dem Schleier der Buchstaben und der Jahrhunderte zwinkern sie mir zu.
Sie dienten Jesus mit ihrer Habe.
So Luther übersetzt und dabei wahrscheinlich an reiche Frauen mittleren Alters gedacht,
die in ihren Häusern blieben und an ihrem Platz.
Und die - so meinte er wohl - unterstützen Jesus und die Männer um ihn hauptsächlich finanziell.
Tatsächlich aber bedeutet das griechische Wort ὑπαρχόντων
nicht nur finanziellen, materiellen Besitz.
Es meint alles, was ein Mensch hat und kann. (3)
Sie dienten Jesus mit allem, was sie hatten und was sie konnten.
Und sie zogen mit ihm. Durch Städte und Dörfer.
Durch Judäa und Galiläa. Sommers und Winters.
Sie schliefen unter dem Sternenhimmel. Mit Blick auf den großen Wagen und Kassiopeia.
Sie aßen sich satt in den Häusern der reichen Zöllner.
Sie sahen, wie Jesus sich Feinde machte und Freunde.
Hörten, wie die Blinden schrieen, wenn er ihr Dorf betrat.
Und sie saßen neben Jesus im Staub des Feldes, auf dem er redete vom Himmelreich.
6. Die Männer hinter und vor den Frauen
Was ist mit den Männern? Denke ich.
Chuza, der Verwalter des Herodes, zum Beispiel?
Hatte er genug Personal, um ohne seine Ehefrau Johanna zurecht zu kommen?
Wer legte nun seine Socken zusammen?
Und wer erinnerte ihn an den Geburtstag seiner Mutter?
Wer kümmerte sich um die Kinder, während Johanna mit Jesus um die Häuser zog?
Oder hatte sie die Kinder einfach mitgenommen?
Was ist mit den Männern? Denke ich.
Mit Petrus, Andreas, Johannes und den andern Jüngern?
Was dachten sie über Maria, genannt Magdalena? Später genannt die große Sünderin?
7 böse Geister hatte Jesus aus ihrem Frauenkörper vertrieben.
Ob die Männer es ihr noch ansahen? Und ob sie es ihnen ansah, dass sie es ihr ansahen?
7. Zeuginnen des Lebens
Maria, genannt Magdalena.
Johanna, Frau des Chuza.
Susanna und die anderen.
Ein paar Bibelseiten weiter stehen sie auf dem Berg des Todes
und sehen, wie Jesus ermordet wird.
Ein paar Bibelseiten weiter haben sie keine Tränen mehr,
ausgeweint am Kreuz und auf dem Friedhof.
Maria, genannt Magdalena.
Johanna, Frau des Chuza.
Susanna und die anderen.
Ein paar Bibelseiten weiter sagt einer zu ihnen:
Fürchtet euch nicht. Am dritten Tage ist er auferstanden.
Maria, genannt Magdalena.
Johanna, Frau des Chuza.
Susanna und die anderen.
Ein paar Bibelseiten weiter sind sie die Zeuginnen des Lebens.
Apostelinnen, die nie jemand so genannt hat.
Noch ein paar Bibelseiten weiter sind sie fast vergessen.
Und ein paar Kirchenjahrhunderte später ist es, als hätte es sie nie gegeben.
8. Kommt her zu mir alle
Aber es hat sie gegeben und sie ist da, die Liste, und heute lesen wir sie laut.
Der Liste der Freundinnen Jesu. Die Liste des Lebens.
Ich stelle mir vor, mein Name steht da drauf und dein Name auch.
Und auch der von Hans und Michael –
mit den Frauen sind auch Männer unterwegs, ich will ja nicht so sein.
Unsere Namen stünden in der Liste.
In der Liste der Freundinnen und der Freunde Jesu. Freundinnen des Lebens.
Die Namen der Mütter der in Hanau erschossenen Jugendlichen stünden auch darauf.
Und die der Frauen an der griechischen Grenze,
die alles aufgeben und versuchen um ihre Kinder in Sicherheit zubringen -
ohne gesehen zu werden.
Und die, deren Leben bedroht ist, weil sie diesen Frauen dort helfen.
Der Bundestag will von diesen Namen nichts wissen, sonst hätte er anders entschieden. (4)
(Ehrlich: ich schäme mich für unseren Bundestag!)
Aber Jesus sind ihre Namen nicht egal. Und mir auch nicht.
Und darum gehen Gott sei Dank Jünger und Jüngerinnen dorthin
und sie brauchen unsere Unterstützung.
Ja, sie alle gehören zur Liste der Freundinnen des Lebens.
Zusammen mit Maria, genannt Magdalena,
mit Johanna, Frau des Chuza
und mit Susanna und den anderen.
Zusammen mit den Namen von Sophie Scholl und Anne Frank,
von Angela Merkel und Greta Thunberg
und denen von Yoko Ono und Whoopi Goldberg und allen, die einen Pussyhat aufsetzen.
Ein Liste, so lang wie von hier bis zum Mond und zurück.
Unsere Namen stünden in der Liste.
Weil wir alle dem Leben dienen,
mit dem was wir haben und was wir können und was wir sind.
Wir sind nicht perfekt. Auch wir machen Fehler.
Auch wir sind manchmal auf dem falschen Weg.
Aber Jesus sagt zu uns:
Kommt her zu mir – alle. Grad wie ihr seid.
Mit Kind im Arm und Kind im Herzen.
Mit Falten am Hals und Metastasen in der Brust.
Mit zerschrammtem Herzen und 7 bösen Geistern und einem schlechtem Gewissen.
Und mit Schulden bei der Bank und auf der Seele.
Kommt her zu mir – alle. Grad wie ihr seid.
Und folgt mir nach.
Eure Namen werden nicht vergessen.
Amen.
(1) https://thehill.com/blogs/blog-briefing-room/news/456077-viral-photo-shows-elizabeth-warren-doing-pinky-promise-with
(2) Lukas 8,1-3
(3) Bibel in gerechter Sprache, S. 2316
(4) https://www.spiegel.de/politik/deutschland/bundestag-lehnt-aufnahme-von-5000-fluechtlingen-aus-griechenland-ab-a-75d31458-676a-4b5e-9159-e408d21adb32?fbclid=IwAR1LB5D7-TdttkgtPzIc58axGxKuRTgbNfp3___1Lt9A5FTHCniOAhWw18w
Dienstag, 25. Februar 2020
Wunde fängt mit W(eh) an
Mein Beitrag zum Preacher-Slam über.wunden
Pforzheim 22. Februar 2020
I. (Verwundet)
Wunden tun weh. Wunden sind wahr.
Thomas wurde als 7jähriger verschickt.
Damals - vor 40 Jahren.
So nannte man die Mästungs- und Lungenkuren für Kinder.
6 Wochen lang. Irgendwo im Schwarzwald.
Er weinte sich in den Schlaf vor lauter Heimweh.
Und dann wurde ihm das verboten. Das Weinen.
Dein Heimweh ist nicht normal. Du steckst die anderen an.
Deinetwegen können sie nicht schlafen.
Sei still. Reiß dich zusammen.
Wunden tun weh. Wunden sind wahr.
Stimmt es, dass du keinen Vater hast?
Das wird die 10jährige Sabine vor allen anderen gefragt.
Ich habe einen Vater, aber er lebt nicht bei uns.
So antwortete sie und schämte sich.
Sie waren anders als die anderen. Unvollständiger.
Ein Bruder, der Autoreifen anzündete.
Die Mutter arbeitete nachts und ging kaputt daran.
Sie selber war die Brave. Die Fassade muss stimmen.
Bloß nicht auffallen. Nicht anecken.
10 Jahre später hörte sie dann: Toll, was aus euch geworden ist.
Und sie wusste keine Antwort mehr.
Wunden tun weh. Wunden sind wahr.
Der misstrauische Blick verfolgt Ahmed überall.
Sein Deutsch ist nicht gut. Seine Haut dunkler als die der anderen.
Und er hört gerne syrische Musik.
Er weiß, was sie denken.
Der ist doch nur faul, denken sie. Der ist feige, denken sie.
Der soll doch seine Heimat wieder aufbauen, denken sie.
Aber sie kennen seine Albträume nicht.
Wenn er nachts aufwacht, schweißgebadet.
Und sie wissen nichts von seinem Onkel,
der aus dem Foltergefängnis nicht mehr zurück kam.
Wunden.
II. (Wunde mit W)
Why, wound.
Wunde fängt mit W an.
Weh mit H am Ende.
Ein weicher Buchstabe.
Ein Doppel-Buchstabe: Dubbleyou, Dubleweh.
Weil Schmerz immer doppelt zählt?
Wunde fängt mit W an.
Und das W ist ein weicher Buchstabe.
Ob ich Wunden mit W-Wörtern beschreiben kann?
(ich versuche es mal:)
III. (80 W-Wörter)
Wunden sind oft winzig und doch wirksam.
Weswegen ich sie wiederholt wegschließe.
Will sie nicht wahrnehmen.
Weigere mich, sie wahr-sein zu lassen.
Was für ein Wahnsinn.
Sie wehren sich gegen meinen Wunsch mit aller Wucht.
Kein Wischen nach links
oder kein Weg-Waschen macht sie weniger.
Kein Witzeln wandelt sie,
Kein Wechseln und Wüten würgt sie ab.
Wunden wachsen und wuchern wild,
wallen und walten, wenn ihnen kein Wort gilt.
Wunden halten mich wach.
Wunden weisen auf eine Wirklichkeit, die weich ist.
Wo Widerstand zwecklos wird,
wo Wirbelsäule, Wangen und Wimpern weinend die Wahrheit weben.
Und Wind, Wetter und Winter wüten die Wunden auf.
Wohl weiß ich, was mir weh tut.
Wer in meinen Wunden wühlt und ihre Würde wegraubt.
Wärme ist dann wichtig. Und Weinen.
Manchmal auch Whisky, Wein oder Wodka - aber wenig (!).
Keine Watte für die Wunden,
aber eine Welt, wo sie wohnen können und wertvoll sind.
Wo sie mich weich machen.
Und wahrscheinlich - wie die Wundmale Jesu - Wunder ermöglichen.
IV. (Wunden von Pforzheim)
Wunden tun weh.
Wunden sind wahr.
Und ich sehe die Wunden dieser Stadt.
Die Straßenzüge, die es nicht mehr gibt.
Der Wallberg mit seinem Schutt unter dem Gras.
Die eine Stele, die noch fehlt,
weil man für die Nazizeit hier noch keine Worte finden will (oder kann?).
Ich sehe die Stolpersteine mit Buchstaben und Zahlen.
Manchmal sehe ich sie nur zufällig.
Und ich spüre die Wunden der Menschen.
Fragen, die sie nicht stellen durften.
Warum haben ausgerechnet wir überlebt?
Wer hat hier vorher gewohnt?
Wo ist der Nachbar geblieben, nachdem sie ihn weggebracht haben?
Ihre Wunden sind vernarbt, nicht verheilt.
Manche brechen wieder auf. Gerade jetzt. 75 Jahre später.
Und zulange hat man verschwiegen, was in Pforzheim geschehen war.
Der jüdische Arzt, der nicht mehr wiederkam.
Die behinderte Schwester, die plötzlich verstarb.
Die französischen Widerstandskämpfer, ermordet im Hagenschieß.
Der Bruder, verschollen in einem nicht enden wollenden Krieg.
Die Leichen in der Enz.
Die Vergewaltigungen in der Nordstadt, als alles vorbei zu sein schien.
Verwundete Stadt.
Wunden, die immer noch da sind.
Und neue kommen dazu.
V. (Wunden zeigen)
Wunden tun weh.
Wunden sind wahr.
So viele Wunden in einer Stadt.
Alte und neue.
Serbische und irakische, syrische und deutsche Wunden.
Wunden in Hanau. Wunden in Halle.
Wir teilen diese unverheilten Wunden.
Die Wunden von damals und die Wunden heute.
Die von Thomas und Sabine und Ahmed.
Von Schawkat, Hans-Carl* und den Eltern von Mercedes in Hanau.
Die Wunden sind da und brauchen unsere Zärtlichkeit.
Brauchen Wunder der Liebe.
Zeigen wir uns unsere Wunden.
Ich zeige dir meine.
Du zeigst mir deine.
Wir tragen sie ja mit uns.
Wir bleiben verwundbar. Und das ist gut so.
Damit wir weich bleiben.
Mensch bleiben.
Nur in einer verwundbaren Welt kann ich leben.
Mit Tränen und offenen Herzen.
*Pforzheimer Kurier (bnn) vom 22.2.2020, S.27
Pforzheim 22. Februar 2020
I. (Verwundet)
Wunden tun weh. Wunden sind wahr.
Thomas wurde als 7jähriger verschickt.
Damals - vor 40 Jahren.
So nannte man die Mästungs- und Lungenkuren für Kinder.
6 Wochen lang. Irgendwo im Schwarzwald.
Er weinte sich in den Schlaf vor lauter Heimweh.
Und dann wurde ihm das verboten. Das Weinen.
Dein Heimweh ist nicht normal. Du steckst die anderen an.
Deinetwegen können sie nicht schlafen.
Sei still. Reiß dich zusammen.
Wunden tun weh. Wunden sind wahr.
Stimmt es, dass du keinen Vater hast?
Das wird die 10jährige Sabine vor allen anderen gefragt.
Ich habe einen Vater, aber er lebt nicht bei uns.
So antwortete sie und schämte sich.
Sie waren anders als die anderen. Unvollständiger.
Ein Bruder, der Autoreifen anzündete.
Die Mutter arbeitete nachts und ging kaputt daran.
Sie selber war die Brave. Die Fassade muss stimmen.
Bloß nicht auffallen. Nicht anecken.
10 Jahre später hörte sie dann: Toll, was aus euch geworden ist.
Und sie wusste keine Antwort mehr.
Wunden tun weh. Wunden sind wahr.
Der misstrauische Blick verfolgt Ahmed überall.
Sein Deutsch ist nicht gut. Seine Haut dunkler als die der anderen.
Und er hört gerne syrische Musik.
Er weiß, was sie denken.
Der ist doch nur faul, denken sie. Der ist feige, denken sie.
Der soll doch seine Heimat wieder aufbauen, denken sie.
Aber sie kennen seine Albträume nicht.
Wenn er nachts aufwacht, schweißgebadet.
Und sie wissen nichts von seinem Onkel,
der aus dem Foltergefängnis nicht mehr zurück kam.
Wunden.
II. (Wunde mit W)
Why, wound.
Wunde fängt mit W an.
Weh mit H am Ende.
Ein weicher Buchstabe.
Ein Doppel-Buchstabe: Dubbleyou, Dubleweh.
Weil Schmerz immer doppelt zählt?
Wunde fängt mit W an.
Und das W ist ein weicher Buchstabe.
Ob ich Wunden mit W-Wörtern beschreiben kann?
(ich versuche es mal:)
III. (80 W-Wörter)
Wunden sind oft winzig und doch wirksam.
Weswegen ich sie wiederholt wegschließe.
Will sie nicht wahrnehmen.
Weigere mich, sie wahr-sein zu lassen.
Was für ein Wahnsinn.
Sie wehren sich gegen meinen Wunsch mit aller Wucht.
Kein Wischen nach links
oder kein Weg-Waschen macht sie weniger.
Kein Witzeln wandelt sie,
Kein Wechseln und Wüten würgt sie ab.
Wunden wachsen und wuchern wild,
wallen und walten, wenn ihnen kein Wort gilt.
Wunden halten mich wach.
Wunden weisen auf eine Wirklichkeit, die weich ist.
Wo Widerstand zwecklos wird,
wo Wirbelsäule, Wangen und Wimpern weinend die Wahrheit weben.
Und Wind, Wetter und Winter wüten die Wunden auf.
Wohl weiß ich, was mir weh tut.
Wer in meinen Wunden wühlt und ihre Würde wegraubt.
Wärme ist dann wichtig. Und Weinen.
Manchmal auch Whisky, Wein oder Wodka - aber wenig (!).
Keine Watte für die Wunden,
aber eine Welt, wo sie wohnen können und wertvoll sind.
Wo sie mich weich machen.
Und wahrscheinlich - wie die Wundmale Jesu - Wunder ermöglichen.
IV. (Wunden von Pforzheim)
Wunden tun weh.
Wunden sind wahr.
Und ich sehe die Wunden dieser Stadt.
Die Straßenzüge, die es nicht mehr gibt.
Der Wallberg mit seinem Schutt unter dem Gras.
Die eine Stele, die noch fehlt,
weil man für die Nazizeit hier noch keine Worte finden will (oder kann?).
Ich sehe die Stolpersteine mit Buchstaben und Zahlen.
Manchmal sehe ich sie nur zufällig.
Und ich spüre die Wunden der Menschen.
Fragen, die sie nicht stellen durften.
Warum haben ausgerechnet wir überlebt?
Wer hat hier vorher gewohnt?
Wo ist der Nachbar geblieben, nachdem sie ihn weggebracht haben?
Ihre Wunden sind vernarbt, nicht verheilt.
Manche brechen wieder auf. Gerade jetzt. 75 Jahre später.
Und zulange hat man verschwiegen, was in Pforzheim geschehen war.
Der jüdische Arzt, der nicht mehr wiederkam.
Die behinderte Schwester, die plötzlich verstarb.
Die französischen Widerstandskämpfer, ermordet im Hagenschieß.
Der Bruder, verschollen in einem nicht enden wollenden Krieg.
Die Leichen in der Enz.
Die Vergewaltigungen in der Nordstadt, als alles vorbei zu sein schien.
Verwundete Stadt.
Wunden, die immer noch da sind.
Und neue kommen dazu.
V. (Wunden zeigen)
Wunden tun weh.
Wunden sind wahr.
So viele Wunden in einer Stadt.
Alte und neue.
Serbische und irakische, syrische und deutsche Wunden.
Wunden in Hanau. Wunden in Halle.
Wir teilen diese unverheilten Wunden.
Die Wunden von damals und die Wunden heute.
Die von Thomas und Sabine und Ahmed.
Von Schawkat, Hans-Carl* und den Eltern von Mercedes in Hanau.
Die Wunden sind da und brauchen unsere Zärtlichkeit.
Brauchen Wunder der Liebe.
Zeigen wir uns unsere Wunden.
Ich zeige dir meine.
Du zeigst mir deine.
Wir tragen sie ja mit uns.
Wir bleiben verwundbar. Und das ist gut so.
Damit wir weich bleiben.
Mensch bleiben.
Nur in einer verwundbaren Welt kann ich leben.
Mit Tränen und offenen Herzen.
*Pforzheimer Kurier (bnn) vom 22.2.2020, S.27
Sonntag, 23. Februar 2020
Wir nehmen die Namen mit
Ansprache zum Gedenktag der Bombardierung von Pforzheim auf dem Hauptfriedhof
I.
Wir stehen an ihren Gräbern.
An den Gräbern von Elise und Heinz, Ulrich und Karla.
Wir haben weiße Rosen auf die Grabsteine gelegt.
Wir stehen an ihren Gräbern und trauern um sie,
die vor 75 Jahren im Bombenhagel und im Feuer gestorben sind.
Wir stehen hier und wünschten uns, dass wir hier nicht stehen müssten.
Dass es keinen Krieg gegeben hätte, keine Bomben, keine Toten.
Wir wünschten uns, dass der kleine Bruder nicht im Feuer des 23. Februar gestorben,
der Onkel nicht an der Ostfront gefallen wäre.
Wir wünschten uns, dass die Pforzheimer Juden und Jüdinnen nicht deportiert
und ermordet worden wären.
Ja, wir wünschten uns, dass die Nationalsozialisten nie an die Macht gekommen wären -
auch nicht in Pforzheim.
Aber es ist geschehen.
Und darum stehen wir hier an den Gräbern der Toten des 23. Februar 1945.
An den Gräbern von Margarete und Elisabeth, Georg und Wilhelm.
II.
Hier an den Gräbern ahnen wir, was wir verloren haben:
Den Bruder, die Schwester, die Großmutter.
Menschen, die liebten und geliebt wurden
Und die noch was vor hatten in ihrem Leben.
Die dazu gehörten.
„Wir Unvollendeten zu Grabe getragen,
mit Sehnsüchten, die aus dem Grabe ragen!“
Diese Worte singt der Chor im Requiem für Tote und Lebende von Rolf Schweizer.
„Wir Unvollendeten zu Grabe getragen,
mit Sehnsüchten, die aus dem Grabe ragen!
Bevor wir entzündet, sind wir verglommen.
Bevor wir verkündet, in Rauch verschwommen.
Unser junger Gedanke, nie ausgedacht,
unser heißtolles Lachen, nie ausgelacht,
das tiefste Weinen des Lebens versäumt,
und seine Träume nie ausgeträumt!“
(Lola Landau)
Leben wurde ausgelöscht, das hätte gelebt werden sollen.
Nicht irgendein Leben, sondern das Leben von Maria und Greta, von Josef und Johannes.
Leben mit Namen und Hoffnungen und Sehnsüchten.
Leben, das geopfert wurde auf dem Kriegsaltar, den unsere Vorfahren errichtet haben.
Sinnlos geopfert für den Größenwahn einer menschenverachtenden Ideologie.
III.
Wir stehen an ihren Gräbern und wir lesen die vielen Namen.
Dazu müssen wir uns hinknien. Und vielleicht die Buchstaben berühren.
Viele Namen. Jeder Name ist ein Name zu viel,
Die, die diese Namen tragen, hätten leben sollen.
Es sind Namen, die Gott in seine Hand geschrieben hat.
Sie sind nicht vergessen und werden nicht vergessen,
selbst wenn wir, die wir erinnern, einmal nicht mehr sind.
Denn Gott vergisst nicht einen Namen.
Gott nicht.
Nicht einen.
Nicht den von Maria und Greta, nicht den von Georg und Wilhelm,
gestorben in den Trümmern von Pforzheim
Nicht den von Salomon und Benjamin und Helga, ermordet in Auschwitz.
Nicht den von André und Marguerite, erschossen im Hagenschieß.
Nicht den von Papé und Saliou, ertrunken im Mittelmeer.
Nicht den von Fatih und Mercedes, erschossen in Hanau.
Jeder und jede von ihnen ist in Gottes Hand geschrieben.
IV.
Wir hier stehen an den Gräbern der Toten der Bombennacht.
Uns bleiben ein Foto vielleicht, ein Schmuckstück, oder vielleicht auch nur Tränen.
Und die Trauer, dass wir Menschen uns ins so eine Katastrophe führen.
Dass wir Leben opfern - immer noch und immer wieder.
Und ich stimme ein in die Worte des Schweizer-Requiems:
„Wo bist du geheiligt auf Erden, großer Gott?
Stets wurde schon immer dein Name missbraucht,
Glauben und Wissen in Lüge vertauscht.
Der Mensch hat sich alles verdreht und verkehrt,
Die Kriege den Völkern als heilig erklärt.
Wo gab es denn jemals den heiligen Krieg?
Nur Mord und Zerstörung am Ende noch blieb.“
(Frohmut Schweizer)
Ja, wir stehen an den Gräbern der Toten des 23. Februars.
Wir legen eine Rose ab.
Nie wieder, hat man damals gesagt. Nie wieder sinnlosen Krieg.
Nie wieder sollten Menschen in unserem Land Angst um ihr Leben haben,
nur weil sie einen anderen Namen tragen, anders an Gott glauben, anders lieben.
Die Würde des Menschen ist unantastbar, haben wir in unser Grundgesetz geschrieben.
Nie wieder soll sie verletzt werden. Nie wieder, hat man damals gesagt.
Und doch geschieht es wieder.
Und das macht mich nicht nur traurig, sondern auch zornig.
V.
Wir stehen an den Gräbern der Toten der Bombennacht und lesen ihre Namen.
Wir nehmen ihre Namen in diesen Tag mit und wir legen die Namen der anderen dazu.
Die Namen von Auschwitz und vom Hagenschieß,
die Namen auf dem Grund des Mittelmeers, die Namen von Hanau.
Ein Meer von Namen, das uns umgibt und das uns an dieses Nie-wieder erinnert.
Wir nehmen die Namen mit und mit ihnen auch die Verantwortung,
für eine Gesellschaft einzustehen, in der die Würde jedes Menschen geschützt wird,
Weisen wir die in ihre Schranken, die die Würde nur einer Auswahl von Menschen zu sprechen.
Stehen wir ein für ein Land, von dem nie wieder Krieg ausgehen darf,
auch nicht durch Verkäufe von Waffen in Länder, wo Krieg herrscht.
VI.
Wir stehen an den Gräbern der Opfer von Krieg und Gewalt.
Ihre Namen sind im Himmel geschrieben, nicht nur hier.
Wir nehmen ihre Namen mit, aber wir tragen sie nicht allein.
Der, der den Namen trägt „Ich bin für euch da“, der trägt mit.
Und er stellt uns auf den Weg in eine Zukunft,
in der wir keine Namen mehr auf den Grabsteinen lesen müssen, sondern uns gegenseitig zurufen:
Helmut, Ursula, Lieselotte, Salomon, Benjamin, Helga, André, Marguerite,
Papé, Saliou, Fatih, Mercedes -
Gottes Geliebte.
I.
Wir stehen an ihren Gräbern.
An den Gräbern von Elise und Heinz, Ulrich und Karla.
Wir haben weiße Rosen auf die Grabsteine gelegt.
Wir stehen an ihren Gräbern und trauern um sie,
die vor 75 Jahren im Bombenhagel und im Feuer gestorben sind.
Wir stehen hier und wünschten uns, dass wir hier nicht stehen müssten.
Dass es keinen Krieg gegeben hätte, keine Bomben, keine Toten.
Wir wünschten uns, dass der kleine Bruder nicht im Feuer des 23. Februar gestorben,
der Onkel nicht an der Ostfront gefallen wäre.
Wir wünschten uns, dass die Pforzheimer Juden und Jüdinnen nicht deportiert
und ermordet worden wären.
Ja, wir wünschten uns, dass die Nationalsozialisten nie an die Macht gekommen wären -
auch nicht in Pforzheim.
Aber es ist geschehen.
Und darum stehen wir hier an den Gräbern der Toten des 23. Februar 1945.
An den Gräbern von Margarete und Elisabeth, Georg und Wilhelm.
II.
Hier an den Gräbern ahnen wir, was wir verloren haben:
Den Bruder, die Schwester, die Großmutter.
Menschen, die liebten und geliebt wurden
Und die noch was vor hatten in ihrem Leben.
Die dazu gehörten.
„Wir Unvollendeten zu Grabe getragen,
mit Sehnsüchten, die aus dem Grabe ragen!“
Diese Worte singt der Chor im Requiem für Tote und Lebende von Rolf Schweizer.
„Wir Unvollendeten zu Grabe getragen,
mit Sehnsüchten, die aus dem Grabe ragen!
Bevor wir entzündet, sind wir verglommen.
Bevor wir verkündet, in Rauch verschwommen.
Unser junger Gedanke, nie ausgedacht,
unser heißtolles Lachen, nie ausgelacht,
das tiefste Weinen des Lebens versäumt,
und seine Träume nie ausgeträumt!“
(Lola Landau)
Leben wurde ausgelöscht, das hätte gelebt werden sollen.
Nicht irgendein Leben, sondern das Leben von Maria und Greta, von Josef und Johannes.
Leben mit Namen und Hoffnungen und Sehnsüchten.
Leben, das geopfert wurde auf dem Kriegsaltar, den unsere Vorfahren errichtet haben.
Sinnlos geopfert für den Größenwahn einer menschenverachtenden Ideologie.
III.
Wir stehen an ihren Gräbern und wir lesen die vielen Namen.
Dazu müssen wir uns hinknien. Und vielleicht die Buchstaben berühren.
Viele Namen. Jeder Name ist ein Name zu viel,
Die, die diese Namen tragen, hätten leben sollen.
Es sind Namen, die Gott in seine Hand geschrieben hat.
Sie sind nicht vergessen und werden nicht vergessen,
selbst wenn wir, die wir erinnern, einmal nicht mehr sind.
Denn Gott vergisst nicht einen Namen.
Gott nicht.
Nicht einen.
Nicht den von Maria und Greta, nicht den von Georg und Wilhelm,
gestorben in den Trümmern von Pforzheim
Nicht den von Salomon und Benjamin und Helga, ermordet in Auschwitz.
Nicht den von André und Marguerite, erschossen im Hagenschieß.
Nicht den von Papé und Saliou, ertrunken im Mittelmeer.
Nicht den von Fatih und Mercedes, erschossen in Hanau.
Jeder und jede von ihnen ist in Gottes Hand geschrieben.
IV.
Wir hier stehen an den Gräbern der Toten der Bombennacht.
Uns bleiben ein Foto vielleicht, ein Schmuckstück, oder vielleicht auch nur Tränen.
Und die Trauer, dass wir Menschen uns ins so eine Katastrophe führen.
Dass wir Leben opfern - immer noch und immer wieder.
Und ich stimme ein in die Worte des Schweizer-Requiems:
„Wo bist du geheiligt auf Erden, großer Gott?
Stets wurde schon immer dein Name missbraucht,
Glauben und Wissen in Lüge vertauscht.
Der Mensch hat sich alles verdreht und verkehrt,
Die Kriege den Völkern als heilig erklärt.
Wo gab es denn jemals den heiligen Krieg?
Nur Mord und Zerstörung am Ende noch blieb.“
(Frohmut Schweizer)
Ja, wir stehen an den Gräbern der Toten des 23. Februars.
Wir legen eine Rose ab.
Nie wieder, hat man damals gesagt. Nie wieder sinnlosen Krieg.
Nie wieder sollten Menschen in unserem Land Angst um ihr Leben haben,
nur weil sie einen anderen Namen tragen, anders an Gott glauben, anders lieben.
Die Würde des Menschen ist unantastbar, haben wir in unser Grundgesetz geschrieben.
Nie wieder soll sie verletzt werden. Nie wieder, hat man damals gesagt.
Und doch geschieht es wieder.
Und das macht mich nicht nur traurig, sondern auch zornig.
V.
Wir stehen an den Gräbern der Toten der Bombennacht und lesen ihre Namen.
Wir nehmen ihre Namen in diesen Tag mit und wir legen die Namen der anderen dazu.
Die Namen von Auschwitz und vom Hagenschieß,
die Namen auf dem Grund des Mittelmeers, die Namen von Hanau.
Ein Meer von Namen, das uns umgibt und das uns an dieses Nie-wieder erinnert.
Wir nehmen die Namen mit und mit ihnen auch die Verantwortung,
für eine Gesellschaft einzustehen, in der die Würde jedes Menschen geschützt wird,
Weisen wir die in ihre Schranken, die die Würde nur einer Auswahl von Menschen zu sprechen.
Stehen wir ein für ein Land, von dem nie wieder Krieg ausgehen darf,
auch nicht durch Verkäufe von Waffen in Länder, wo Krieg herrscht.
VI.
Wir stehen an den Gräbern der Opfer von Krieg und Gewalt.
Ihre Namen sind im Himmel geschrieben, nicht nur hier.
Wir nehmen ihre Namen mit, aber wir tragen sie nicht allein.
Der, der den Namen trägt „Ich bin für euch da“, der trägt mit.
Und er stellt uns auf den Weg in eine Zukunft,
in der wir keine Namen mehr auf den Grabsteinen lesen müssen, sondern uns gegenseitig zurufen:
Helmut, Ursula, Lieselotte, Salomon, Benjamin, Helga, André, Marguerite,
Papé, Saliou, Fatih, Mercedes -
Gottes Geliebte.
Montag, 10. Februar 2020
Von Ersten und Letzten und einem Jesus, dem das egal ist
oder: was haben Thüringen, ein Gemeindehaus mit Wohnungen und Jesus miteinander zu tun?
Predigt zu Matthäus 20,1-16 (1)
I.
Von oben nach unten. Von unten nach oben.
Jesus dreht alles einmal um.
Die Letzten werden die Ersten sein. Die Ersten die Letzten.
Himmelsmaßstäbe.
Die zum Schluss kommen, kommen nicht zu spät.
Sie bekommen dasselbe wie die, die schon lange dabei sein.
Wer anfängt zu rechnen - wie wir es gewohnt sind, der wird sich wundern.
Denn Jesus hält sich nicht an unsere Berechnungen,
nicht an unsere Hierarchien und Rangordnungen.
II.
Das ist provozierender als wir denken.
Wir tun oft so, als ob wir alle gleich sind.
Aber schon am sogenannten GenderPayGap,
dem Unterschied zwischen den Gehältern von Männern und Frauen,
sehen wir, dass das nicht stimmt.
Beim synodalen Weg unserer katholischen Geschwister wird von einem Kardinal kritisiert,
dass Laien und Kleriker gemeinsam eingezogen sind und jeder gleich viel Redezeit hat. (2)
Ja, wir Evangelische empören uns leicht darüber,
aber auch wir kennen Machtgerangel um Spitzenpositionen.
Als Deutsche tun wir oft so, als ob der Rang einer Person keine Rolle spielt bei uns,
oder das Aussehen, oder die Hautfarbe oder das Geld.
Aber das stimmt nicht.
Manche bekommen noch nicht einmal eine Wohnung,
weil sie einen arabisch klingenden Namen haben.
Und wenn politisch aktive Menschen diese Unterschiede in Frage stellen,
gelten sie als linksradikal und gelten damit als No-Go für die sogenannte Mitte.
Gerade wieder passiert.
III.
Bei Jesus gibt es keine Ersten und keine Letzten..
Er heilt den blinden Bettler genauso
wie den Knecht vom römischen Hauptmann.
Spricht im Tempel wie auf dem wackligen Schiff.
Er lässt sich bedienen und er bedient selber.
Lässt sich mit kostbarem Öl salben,
reitet aber auf einem Esel in die Stadt.
Er nimmt die Kinder in den Arm,
die, die eigentlich überhaupt keine Rolle spielen damals.
Und er lässt einen reichen jungen Mann abblitzen, hat ihn aber lieb.
Die Letzten werden die Ersten sein. Und die Ersten die Letzten.
IV.
Ja, Jesus selbst lebt es so.
Er ist selber der Letzte und geht an die Seite der Letzten.
Und damit legt er sich an mit den Ersten.
Sein Kreuz ist der Ort der Letzten.
Es ist das Letzte. Etwas, das überhaupt nicht zumutbar ist.
Aber genau da geht Jesus hin. Der Erste wird zum Letzten.
Damit die Letzten die Ersten werden. Damit es keine Letzten mehr gibt.
V.
Die Jünger von Jesus verstehen das genauso wenig wie wir.
Lass doch alles beim Alten, Jesus.
Wir sind die ersten, die dir folgen. Die dir glauben.
Dann werden wir auch im Himmel an deiner Seite sein. So wie jetzt.
Und das ist ein richtig gutes Gefühl:
zu den Ersten zu gehören und nicht zu den Letzten.
Immerhin ertragen wir ja auch einiges dafür, dass wir uns so schnell entschlossen haben.
Haben Boote und Familien und Beruf liegen gelassen.
Verzichten auf das weiche Bett und die Sicherheit eines festen Daches.
Nehmen auf uns die Mühe, Tag für Tag um Essen zu betteln. Nur um bei dir zu sein.
Da haben wir uns die Belohnung doch echt verdient, oder? Immerhin sind wir die Ersten.
(Und ja: ich kenne auch heute genug Christen, die genau zu wissen meinen,
wer in den Himmel kommt und wer nicht)
VI.
Falsch, sagt Jesus. Gott ist kein Rechenautomat.
Nicht wer zuerst da ist, hat gewonnen. Auch wer später kommt, gehört zu den Ersten.
Wird genauso in den Arm genommen von Gott.
Bekommt genauso viel Liebe ab und wird genauso herzlich von ihm empfangen.
Das fühlt sich ungerecht an. Und manchmal ist es auch ungerecht.
Aber Gottes Liebe ist nicht aufzurechnen. Seine Liebe könnt ihr nicht verdienen.
Aber ihr braucht es auch nicht. Gott sei Dank.
Es hängt nicht davon ab, wieviel ihr tut und wie lange ihr schon dabei seid.
Entscheidend ist, dass ihr da seid.
Vielleicht denkt ihr, dass es zu spät ist. Aber es gibt kein zu Spät.
Ihr kommt auf den Marktplatz Gottes und findet euren Platz.
Ihr seid willkommen und könnt zupacken.
Jetzt. Nicht später. Und nicht früher. Jetzt.
VII.
Hier nebenan haben wir das Gemeindehaus umgebaut. Da sind jetzt Wohnungen drin.
Und weil Geflüchtete es besonders schwer haben, eine Wohnung zu bekommen,
haben wir mit der Stadt vereinbart, dass die Wohnung erstmal an Geflüchtete vermietet werden. (3)
Darüber haben sich nicht alle gefreut.
Vermietet doch erstmal an Deutsche, bekamen wir zu hören.
"Wir" haben doch genug Menschen, die auch eine Wohnung suchen.
Und "die" da machen doch nur Schwierigkeiten. Die haben es doch gar nicht verdient.
Ja, es gibt immer wieder Schwierigkeiten. Mit Müll und Lärm und so.
Aber das ist doch kein Grund, sie hier nicht wohnen zu lassen.
Im Gegenteil. Diese Menschen brauchen uns, euch.
Und wer das Fass mit „Wir Deutschen“ und „die da“ aufmacht,
hat offensichtlich nicht verstanden, was Jesus meint, wenn er von Liebe und Leben spricht.
VIII.
Bist du neidisch, weil ich großzügig bin?
Das lässt Jesus den Grundbesitzer fragen.
Er fragt die, die Angst haben zu kurz zu kommen.
Die meinen, dass man sich eine Grundrente oder ein Dach über dem Kopf erst verdienen muss.
Bist du neidisch, weil ich großzügig bin?
Du gönnst anderen nicht, was du bekommst?
Bekommst du dadurch weniger? Wirklich weniger?
Haben nicht auch die eine Chance verdient, die von vorne anfangen müssen.?
Deutschland ist ein reiches Land, auch wenn es mit seinen Armen nicht gut umgeht.
Aber wer bist du, deutsche Schwester, deutscher Bruder,
dass du meinst, du hättest es mehr verdient als andere, dass man sich um dich sorgt?
Bist du neidisch, weil ich großzügig bin?
Natürlich müssen wir viel dafür tun,
damit das mit dem Wohnen und Zusammenleben auch funktioniert.
Und natürlich dürfen wir auch die nicht vergessen,
die schon lange hier sind oder schon immer hier gelebt haben.
Aber wenn wir nach dem Grundsatz leben:
nur wer in die Sozialkassen gezahlt hat, darf auch daraus was bekommen,
dann schließen wir alle aus, die nicht arbeiten können oder dürfen:
Asylsuchende, Kranke, Kinder, Behinderte.
Von dieser Großzügigkeit den Schwächeren gegenüber
haben wir uns in unserem Sozialsystem etwas bewahrt
und darüber bin ich froh - trotz aller seiner Schwächen.
Aber eine Politik, die der Barmherzigkeit immer weniger Raum gibt, die will ich nicht.
Auch den Letzten einen Platz zu geben.
Jetzt da zu sein. Und zu gönnen, was da ist. Das ist christlich.
Himmelsmaßstäbe.
IX.
Die Letzten werden die Ersten sein.
Pervertiert wurde dieser Grundsatz letzten Mittwoch in Thüringen. (4)
Unwürdig war das - und gefährlich.
Da machten sich Letzte zu Ersten,
aber es ging dabei nicht um Großzügigkeit oder gar darum, dass es allen gut geht.
Es ging um Macht und ein Geschacher um die besten Plätze.
Und man tat sich zusammen mit denen,
die sehr genaue Vorstellungen davon haben, wer oben zu sein hat und wer unten.
Da sollen die Ersten die Ersten bleiben und die Letzten die Letzten.
Reiche und weiße und traditionelle Familien auf der einen Seite.
Die anderen auf die andere.
Neoliberalismus gepaart mit Rechtsextremismus.
Aber Jesus setzt andere Maßstäbe. Himmelsmaßstäbe.
Da gibt es kein Oben und kein Unten, kein rücksichtsloses Geschacher um die besten Plätze.
Da schauen wir Christen und Christinnen anders auf die Welt.
Großzügiger. Liebevoller.
Für uns gibt es keine Ersten und keine Letzten.
Neid und Machtkalkül kippen wir in die Tonne.
Wir sind alle eins in Christus. Und das gilt schon jetzt, nicht erst im Himmel.
Und egal aus welchem Land wir kommen, wie arm oder reich wir sind,
wie gebildet oder nicht, ob Mann oder Frau.
Manche nennen das gutmenschlich oder naiv. Manche nennen das linksradikal.
Aber das ist mir egal.
Gott ist gütig und großzügig. Viel mehr als ich.
Aber ich bin sein Ebenbild und ich folge Jesus nach.
Darum will ich ihm ruhig etwas mehr nacheifern.
Will, dass alle einen Platz haben und alle eine Chance für die Liebe Gottes.
Gleich hier nebenan. Und hier in der Kirche.
Die Letzten werden die Ersten sein.
Amen.
(1) »Das Himmelreich gleicht einem Grundbesitzer: Er zog früh am Morgen los, um Arbeiter für seinen Weinberg einzustellen. Er einigte sich mit den Arbeitern auf einen Lohn von einem Silberstück für den Tag. Dann schickte er sie in seinen Weinberg.
Um die dritte Stunde ging er wieder los. Da sah er noch andere Männer, die ohne Arbeit waren und auf dem Marktplatz herumstanden. Er sagte zu ihnen: ›Ihr könnt auch in meinen Weinberg gehen. Ich werde euch angemessen dafür bezahlen.‹ Die Männer gingen hin.
Später, um die sechste Stunde,und dann nochmal um die neunte Stunde machte der Mann noch einmal das Gleiche.
Als er um die elfte Stunde noch einmal losging, traf er wieder einige Männer, die dort herumstanden.
Er fragte sie: ›Warum steht ihr hier den ganzen Tag untätig herum?‹ Sie antworteten ihm: ›Weil uns niemand eingestellt hat!‹ Da sagte er zu ihnen: ›Ihr könnt auch in meinen Weinberg gehen!‹
Am Abend sagte der Besitzer des Weinbergs zu seinem Verwalter: ›Ruf die Arbeiter zusammen und zahl ihnen den Lohn aus! Fang bei den Letzten an und hör bei den Ersten auf.‹ Also kamen zuerst die Arbeiter, die um die elfte Stunde angefangen hatten. Sie erhielten ein Silberstück. Zuletzt kamen die an die Reihe, die als Erste angefangen hatten.
Sie dachten: ›Bestimmt werden wir mehr bekommen!‹ Doch auch sie erhielten jeder ein Silberstück.
Als sie ihren Lohn bekommen hatten, schimpften sie über den Grundbesitzer. Sie sagten: ›Die da, die als Letzte gekommen sind, haben nur eine Stunde gearbeitet. Aber du hast sie genauso behandelt wie uns. Dabei haben wir den ganzen Tag in der Hitze geschuftet!‹
Da sagte der Grundbesitzer zu einem von ihnen: ›Guter Mann, ich tue dir kein Unrecht. Hast du dich nicht mit mir auf ein Silberstück als Lohn geeinigt? Nimm also das, was dir zusteht, und geh! Ich will dem Letzten hier genauso viel geben wie dir. Kann ich mit dem, was mir gehört, etwa nicht das machen, was ich will? Oder bist du neidisch, weil ich so großzügig bin?‹ So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein.«
(2) https://www.katholisch.de/artikel/24382-erste-synodalversammlung-frankfurt-tag-3
(3) https://www.evkirche-pf.de/html/aktuell/aktuell_u.html?&cataktuell=&m=23507&artikel=20139&stichwort_aktuell=&default=true
(4) https://www.deutschlandfunk.de/thueringen-chronologie-der-ereignisse-seit-der-landtagswahl.1939.de.html?drn:news_id=1099678
Predigt zu Matthäus 20,1-16 (1)
I.
Von oben nach unten. Von unten nach oben.
Jesus dreht alles einmal um.
Die Letzten werden die Ersten sein. Die Ersten die Letzten.
Himmelsmaßstäbe.
Die zum Schluss kommen, kommen nicht zu spät.
Sie bekommen dasselbe wie die, die schon lange dabei sein.
Wer anfängt zu rechnen - wie wir es gewohnt sind, der wird sich wundern.
Denn Jesus hält sich nicht an unsere Berechnungen,
nicht an unsere Hierarchien und Rangordnungen.
II.
Das ist provozierender als wir denken.
Wir tun oft so, als ob wir alle gleich sind.
Aber schon am sogenannten GenderPayGap,
dem Unterschied zwischen den Gehältern von Männern und Frauen,
sehen wir, dass das nicht stimmt.
Beim synodalen Weg unserer katholischen Geschwister wird von einem Kardinal kritisiert,
dass Laien und Kleriker gemeinsam eingezogen sind und jeder gleich viel Redezeit hat. (2)
Ja, wir Evangelische empören uns leicht darüber,
aber auch wir kennen Machtgerangel um Spitzenpositionen.
Als Deutsche tun wir oft so, als ob der Rang einer Person keine Rolle spielt bei uns,
oder das Aussehen, oder die Hautfarbe oder das Geld.
Aber das stimmt nicht.
Manche bekommen noch nicht einmal eine Wohnung,
weil sie einen arabisch klingenden Namen haben.
Und wenn politisch aktive Menschen diese Unterschiede in Frage stellen,
gelten sie als linksradikal und gelten damit als No-Go für die sogenannte Mitte.
Gerade wieder passiert.
III.
Bei Jesus gibt es keine Ersten und keine Letzten..
Er heilt den blinden Bettler genauso
wie den Knecht vom römischen Hauptmann.
Spricht im Tempel wie auf dem wackligen Schiff.
Er lässt sich bedienen und er bedient selber.
Lässt sich mit kostbarem Öl salben,
reitet aber auf einem Esel in die Stadt.
Er nimmt die Kinder in den Arm,
die, die eigentlich überhaupt keine Rolle spielen damals.
Und er lässt einen reichen jungen Mann abblitzen, hat ihn aber lieb.
Die Letzten werden die Ersten sein. Und die Ersten die Letzten.
IV.
Ja, Jesus selbst lebt es so.
Er ist selber der Letzte und geht an die Seite der Letzten.
Und damit legt er sich an mit den Ersten.
Sein Kreuz ist der Ort der Letzten.
Es ist das Letzte. Etwas, das überhaupt nicht zumutbar ist.
Aber genau da geht Jesus hin. Der Erste wird zum Letzten.
Damit die Letzten die Ersten werden. Damit es keine Letzten mehr gibt.
V.
Die Jünger von Jesus verstehen das genauso wenig wie wir.
Lass doch alles beim Alten, Jesus.
Wir sind die ersten, die dir folgen. Die dir glauben.
Dann werden wir auch im Himmel an deiner Seite sein. So wie jetzt.
Und das ist ein richtig gutes Gefühl:
zu den Ersten zu gehören und nicht zu den Letzten.
Immerhin ertragen wir ja auch einiges dafür, dass wir uns so schnell entschlossen haben.
Haben Boote und Familien und Beruf liegen gelassen.
Verzichten auf das weiche Bett und die Sicherheit eines festen Daches.
Nehmen auf uns die Mühe, Tag für Tag um Essen zu betteln. Nur um bei dir zu sein.
Da haben wir uns die Belohnung doch echt verdient, oder? Immerhin sind wir die Ersten.
(Und ja: ich kenne auch heute genug Christen, die genau zu wissen meinen,
wer in den Himmel kommt und wer nicht)
VI.
Falsch, sagt Jesus. Gott ist kein Rechenautomat.
Nicht wer zuerst da ist, hat gewonnen. Auch wer später kommt, gehört zu den Ersten.
Wird genauso in den Arm genommen von Gott.
Bekommt genauso viel Liebe ab und wird genauso herzlich von ihm empfangen.
Das fühlt sich ungerecht an. Und manchmal ist es auch ungerecht.
Aber Gottes Liebe ist nicht aufzurechnen. Seine Liebe könnt ihr nicht verdienen.
Aber ihr braucht es auch nicht. Gott sei Dank.
Es hängt nicht davon ab, wieviel ihr tut und wie lange ihr schon dabei seid.
Entscheidend ist, dass ihr da seid.
Vielleicht denkt ihr, dass es zu spät ist. Aber es gibt kein zu Spät.
Ihr kommt auf den Marktplatz Gottes und findet euren Platz.
Ihr seid willkommen und könnt zupacken.
Jetzt. Nicht später. Und nicht früher. Jetzt.
VII.
Hier nebenan haben wir das Gemeindehaus umgebaut. Da sind jetzt Wohnungen drin.
Und weil Geflüchtete es besonders schwer haben, eine Wohnung zu bekommen,
haben wir mit der Stadt vereinbart, dass die Wohnung erstmal an Geflüchtete vermietet werden. (3)
Darüber haben sich nicht alle gefreut.
Vermietet doch erstmal an Deutsche, bekamen wir zu hören.
"Wir" haben doch genug Menschen, die auch eine Wohnung suchen.
Und "die" da machen doch nur Schwierigkeiten. Die haben es doch gar nicht verdient.
Ja, es gibt immer wieder Schwierigkeiten. Mit Müll und Lärm und so.
Aber das ist doch kein Grund, sie hier nicht wohnen zu lassen.
Im Gegenteil. Diese Menschen brauchen uns, euch.
Und wer das Fass mit „Wir Deutschen“ und „die da“ aufmacht,
hat offensichtlich nicht verstanden, was Jesus meint, wenn er von Liebe und Leben spricht.
VIII.
Bist du neidisch, weil ich großzügig bin?
Das lässt Jesus den Grundbesitzer fragen.
Er fragt die, die Angst haben zu kurz zu kommen.
Die meinen, dass man sich eine Grundrente oder ein Dach über dem Kopf erst verdienen muss.
Bist du neidisch, weil ich großzügig bin?
Du gönnst anderen nicht, was du bekommst?
Bekommst du dadurch weniger? Wirklich weniger?
Haben nicht auch die eine Chance verdient, die von vorne anfangen müssen.?
Deutschland ist ein reiches Land, auch wenn es mit seinen Armen nicht gut umgeht.
Aber wer bist du, deutsche Schwester, deutscher Bruder,
dass du meinst, du hättest es mehr verdient als andere, dass man sich um dich sorgt?
Bist du neidisch, weil ich großzügig bin?
Natürlich müssen wir viel dafür tun,
damit das mit dem Wohnen und Zusammenleben auch funktioniert.
Und natürlich dürfen wir auch die nicht vergessen,
die schon lange hier sind oder schon immer hier gelebt haben.
Aber wenn wir nach dem Grundsatz leben:
nur wer in die Sozialkassen gezahlt hat, darf auch daraus was bekommen,
dann schließen wir alle aus, die nicht arbeiten können oder dürfen:
Asylsuchende, Kranke, Kinder, Behinderte.
Von dieser Großzügigkeit den Schwächeren gegenüber
haben wir uns in unserem Sozialsystem etwas bewahrt
und darüber bin ich froh - trotz aller seiner Schwächen.
Aber eine Politik, die der Barmherzigkeit immer weniger Raum gibt, die will ich nicht.
Auch den Letzten einen Platz zu geben.
Jetzt da zu sein. Und zu gönnen, was da ist. Das ist christlich.
Himmelsmaßstäbe.
IX.
Die Letzten werden die Ersten sein.
Pervertiert wurde dieser Grundsatz letzten Mittwoch in Thüringen. (4)
Unwürdig war das - und gefährlich.
Da machten sich Letzte zu Ersten,
aber es ging dabei nicht um Großzügigkeit oder gar darum, dass es allen gut geht.
Es ging um Macht und ein Geschacher um die besten Plätze.
Und man tat sich zusammen mit denen,
die sehr genaue Vorstellungen davon haben, wer oben zu sein hat und wer unten.
Da sollen die Ersten die Ersten bleiben und die Letzten die Letzten.
Reiche und weiße und traditionelle Familien auf der einen Seite.
Die anderen auf die andere.
Neoliberalismus gepaart mit Rechtsextremismus.
Aber Jesus setzt andere Maßstäbe. Himmelsmaßstäbe.
Da gibt es kein Oben und kein Unten, kein rücksichtsloses Geschacher um die besten Plätze.
Da schauen wir Christen und Christinnen anders auf die Welt.
Großzügiger. Liebevoller.
Für uns gibt es keine Ersten und keine Letzten.
Neid und Machtkalkül kippen wir in die Tonne.
Wir sind alle eins in Christus. Und das gilt schon jetzt, nicht erst im Himmel.
Und egal aus welchem Land wir kommen, wie arm oder reich wir sind,
wie gebildet oder nicht, ob Mann oder Frau.
Manche nennen das gutmenschlich oder naiv. Manche nennen das linksradikal.
Aber das ist mir egal.
Gott ist gütig und großzügig. Viel mehr als ich.
Aber ich bin sein Ebenbild und ich folge Jesus nach.
Darum will ich ihm ruhig etwas mehr nacheifern.
Will, dass alle einen Platz haben und alle eine Chance für die Liebe Gottes.
Gleich hier nebenan. Und hier in der Kirche.
Die Letzten werden die Ersten sein.
Amen.
(1) »Das Himmelreich gleicht einem Grundbesitzer: Er zog früh am Morgen los, um Arbeiter für seinen Weinberg einzustellen. Er einigte sich mit den Arbeitern auf einen Lohn von einem Silberstück für den Tag. Dann schickte er sie in seinen Weinberg.
Um die dritte Stunde ging er wieder los. Da sah er noch andere Männer, die ohne Arbeit waren und auf dem Marktplatz herumstanden. Er sagte zu ihnen: ›Ihr könnt auch in meinen Weinberg gehen. Ich werde euch angemessen dafür bezahlen.‹ Die Männer gingen hin.
Später, um die sechste Stunde,und dann nochmal um die neunte Stunde machte der Mann noch einmal das Gleiche.
Als er um die elfte Stunde noch einmal losging, traf er wieder einige Männer, die dort herumstanden.
Er fragte sie: ›Warum steht ihr hier den ganzen Tag untätig herum?‹ Sie antworteten ihm: ›Weil uns niemand eingestellt hat!‹ Da sagte er zu ihnen: ›Ihr könnt auch in meinen Weinberg gehen!‹
Am Abend sagte der Besitzer des Weinbergs zu seinem Verwalter: ›Ruf die Arbeiter zusammen und zahl ihnen den Lohn aus! Fang bei den Letzten an und hör bei den Ersten auf.‹ Also kamen zuerst die Arbeiter, die um die elfte Stunde angefangen hatten. Sie erhielten ein Silberstück. Zuletzt kamen die an die Reihe, die als Erste angefangen hatten.
Sie dachten: ›Bestimmt werden wir mehr bekommen!‹ Doch auch sie erhielten jeder ein Silberstück.
Als sie ihren Lohn bekommen hatten, schimpften sie über den Grundbesitzer. Sie sagten: ›Die da, die als Letzte gekommen sind, haben nur eine Stunde gearbeitet. Aber du hast sie genauso behandelt wie uns. Dabei haben wir den ganzen Tag in der Hitze geschuftet!‹
Da sagte der Grundbesitzer zu einem von ihnen: ›Guter Mann, ich tue dir kein Unrecht. Hast du dich nicht mit mir auf ein Silberstück als Lohn geeinigt? Nimm also das, was dir zusteht, und geh! Ich will dem Letzten hier genauso viel geben wie dir. Kann ich mit dem, was mir gehört, etwa nicht das machen, was ich will? Oder bist du neidisch, weil ich so großzügig bin?‹ So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein.«
(2) https://www.katholisch.de/artikel/24382-erste-synodalversammlung-frankfurt-tag-3
(3) https://www.evkirche-pf.de/html/aktuell/aktuell_u.html?&cataktuell=&m=23507&artikel=20139&stichwort_aktuell=&default=true
(4) https://www.deutschlandfunk.de/thueringen-chronologie-der-ereignisse-seit-der-landtagswahl.1939.de.html?drn:news_id=1099678
Sonntag, 19. Januar 2020
Wein, Kaffee und warme Hände
Eine Predigt zum Fest des Lebens und zur Eröffnung der Vesperkirche
(mit Dank an Miriam Helmert für Inspiration und das eine oder andere Wort)
I. Vesperkirche
4 Wochen lang wird hier gegessen und getrunken.
4 Wochen lang gibt es hier ein warmes Essen, 4 Wochen eine warme Hand.
Eine hört zu, ein anderer verschreibt Medikamente, wieder eine spielt mit einem Kind.
Geschichten werden erzählt von zuhause, wo es kalt ist und wo das Geld fehlt.
Und andere erzählen von früher, als der Mann noch da war und das Licht heller.
Manche werden nur einmal kommen oder zweimal. Viele kommen jeden Tag.
Die einen kennt man schon gut. Andere sind neu hier.
Ganz normales Essen gibt es hier. Ganz normalen Kaffee.
Jesus ist mittendrin. Und das macht alles anders.
II. Kana
Jesus ist mittendrin.
Dort wo gegessen wird und getrunken. Wo du lachst und wo du weinst.
Wo du zuhause bist. Wo du nicht weißt, ob du dahin gehörst.
Wenn’s was zu feiern gibt, ist Jesus dabei
– auch in Kana, nicht allzu weit weg von Nazareth.
Ein rauschendes Hochzeitsfest. (1)
Ein Fest des Lebens, wo die Liebenden sich küssen,
die Freunde feiern und die Kinder dazwischen herumwuseln.
Musik spielt auf, Geschirr klappert, Stimmengewirr überall. Das Brautpaar ist glücklich.
Über dem Feuer brät ein Lamm, frisches Brot gibt es körbeweise,
Feigen und Käse stehn auf dem Tisch. Und Wein wird ausgeschenkt:
Wein von den Hängen des Golan, gold schimmernd mit fruchtiger Note, in großen Krügen.
Es wird getanzt und gesungen, gelacht und gegessen;
Und Jesus ist mittendrin und genießt die Zeit.
III. Der Wein ist alle
Doch plötzlich ist Schluss mit Lustig. Der Wein ist alle.
Ich fühle mit dem Brautpaar:
Rot vor Scham, wenn der Wein ausgeht oder das Bier nicht reicht.
Oder die Suppe ist sauer geworden über Nacht. (Ist bei meiner Hochzeit passiert)
Was haben wir übersehen in der Planung? Wie stehen wir denn jetzt da?
Und kippt jetzt die Stimmung?
Unangenehmer geht es kaum:
Die eigene Hochzeit, und die Getränke gehen aus!
Eine Vesperkirche, wo zu wenig Essen bestellt wurde.
Das Gefühl ist immer das Gleiche. Peinlich, sehr peinlich.
Denn es geht um mehr.
Es geht um mehr als die Menge oder den guten Geschmack von Wein.
Es geht um den Durst nach Leben und Freude und Sonne und Gemeinschaft.
Dass da einer mit mir als Gast gerechnet hat.
Ich bin es ihm wert, dass er sich für mich ins Zeug legt.
Und so bleibt ein schaler Nachgeschmack, wenn das Gegenteil eintritt.
Da kann man noch so sehr argumentieren:
ach, Wasser tut es doch auch. Ist eh gesünder.
Die Festlaune ist getrübt.
IV. Wasser zu Wein
Doch dann ist da Jesus.
In unsrer Welt angekommen, erwachsen geworden –
und doch letzten Endes ja nicht von dieser Welt.
Grade erst angefangen hat er, öffentlich zu wirken.
Und was tut er als erstes, sein erstes „Zeichen“?!
Er macht Wasser zu Wein.
Keine Heilung, die lebensnotwendig wäre,
Aber es geht um das Leben.
Um das Fest des Lebens mitten im Leben.
Jesus schwingt keine großen Reden,
nicht über die schlechte Vorbereitung des Bräutigams,
oder die knappe Vorratshaltung der Braut.
Auch nicht über das schwierige Trinkverhalten der Gäste,
über die Gefahren des Weinkonsums und die Ressourcenknappheit des Wassers.
Er regt sich nur kurz über seine Mutter auf:
Was willst du von mir, Frau?!,
erinnert sie kurz daran, dass seine Definition von Verwandtschaft anders ist als üblich
– und sieht dann doch ein, dass sie Recht hat mit ihrem Hinweis
Sie haben keinen Wein mehr
und der darin versteckten Bitte: „Jesus, tu doch was dagegen!“
Jesus tut, was nötig und ihm möglich ist, und was er für richtig hält:
Er macht Wasser zu Wein.
Sorgt dafür, dass die Freude am rauschenden Fest keinen Dämpfer bekommt;
und dass niemand mehr Durst leiden muss auf der Hochzeit in Kana.
Er rettet den Gastgeber, die Gäste, das ganze Fest. Jesus macht Wasser zu Wein.
V. Jesus mittendrin
Jesus ist mittendrin und etwas Alltägliches wird was Besonderes.
Das Fest des Lebens mitten im Leben. In Kana und hier.
Die Tasse Kaffee hier in der Kirche wärmt mehr als den Bauch.
Das Essen hier nährt auch die Seele.
Ein Lächeln am Nachbartisch macht den Raum plötzlich heller.
Das einfache Brötchen wird zu einem Geschenk, das noch draußen schmeckt.
4 Wochen lang wird hier Wasser zu Wein, weil Jesus mittendrin ist.
Weil jeder Gast so wichtig und wertvoll ist, dass alle alles geben dafür.
4 Wochen lang Fest des Lebens. 4 Wochen lang mit Jesus mittendrin.
VI. Fest des Lebens
Ich wünsche mir, dass dieses Fest des Lebens nicht aufhört, wenn die Vesperkirche vorbei ist.
Dass Jesus mittendrin bleibt. Dass auch dann Wasser zu Wein wird.
Das Alltägliche zum Besonderen.
Da wird mein Kaffee zu einem Festgetränk, weil ich ihn mit jemandem teile, der nicht damit rechnet.
Da sieht jemand die rumänische Bettlerin vorm Kaufhof
und weiß: sie ist ganze anderen ausgeliefert.
Er setzt sich zu ihr und versucht sie aus ihrem Elend zu befreien.
Vielleicht mit anderen zusammen? (2)
Da werden die Kinder tatsächlich aus den griechischen Flüchtlingslagern nach Deutschland geholt und nicht mehr darüber diskutiert, ob das geht oder nicht.
Und da bekommt eine todkranke Frau eine gespendete Lunge. (3)
Wasser wird zu Wein. Jesus mittendrin im Fest des Lebens, mitten im Leben.
VII. Vertrauen
Ja, das Fest des Lebens geht weiter.
Und ich wünsch mir auch so ein Vertrauen wie Maria:
Tut alles, was er euch sagt, hat sie vorsorglich zu den Dienern gesagt.
Obwohl ihr Sohn sie so distanziert zurecht gewiesen hat, weiß sie, glaubt sie:
Es wird etwas passieren.
Dafür hat sie ihn doch schließlich zur Welt gebracht.
Hat es ertragen, wenn er schon als Kind anders war als die anderen Kinder.
So ein Vertrauen zu haben wie Maria, weil Jesus mittendrin ist in meinem Leben.
Ihn bitten, dass Wunder geschehen. Und das Leben zum Fest wird. Jetzt. Hier.
Und dann das Fest des Lebens feiern wie die Menschen in Kana,
als es plötzlich 600 Liter vom besten Wein gab und das Fest wieder Fahrt aufnahm:
Die Musiker spielen, die Kinder lachen, die Leute tanzen bis zum Morgengrauen.
Und wir feiern das Fest des Lebens hier in der Kirche.
4 Wochen lang mit essen und trinken und mit warmen Händen.
Und jeder Gast ist wertvoll und wichtig.
Wir tragen dann das Fest in die Stadt und in die Welt.
Mit warmen Händen und offenen Herzen. Und wir feiern mit Jesus, der bei uns ist
Er macht Wasser zu Wein und das Alltägliche zu was ganz Besonderen.
Mitten im Leben. Und es hört nicht auf.
Amen.
(1) Johannes 2,1-11 - wurde als Lesung gelesen:
Am dritten Tag fand in Kana in Galiläa eine Hochzeit statt. Auch die Mutter von Jesus nahm daran teil. Jesus und seine Jünger waren ebenfalls zur Hochzeitsfeier eingeladen.
Während des Festes ging der Wein aus. Da sagte die Mutter von Jesus zu ihm: »Sie haben keinen Wein mehr!« Jesus antwortete ihr: »Was willst du von mir, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen.« Doch seine Mutter sagte zu den Dienern: »Tut alles, was er euch sagt!«
Dort gab es auch sechs große Wasserkrüge aus Stein. Die Juden benötigten sie, um sich zu reinigen. Jeder Krug fasste zwei bis drei Eimer. Jesus sagte zu den Dienern: »Füllt die Krüge mit Wasser.«
Die füllten sie bis zum Rand. Dann sagte er zu ihnen: »Schöpft jetzt etwas heraus und bringt es dem Festmeister.« Sie brachten es ihm. Als der Festmeister einen Schluck davon trank, war das Wasser zu Wein geworden. Er wusste natürlich nicht, woher der Wein kam. Aber die Diener, die das Wasser geschöpft hatten, wussten Bescheid. Da rief der Festmeister den Bräutigam zu sich und sagte zu ihm: »Jeder andere schenkt zuerst den guten Wein aus. Und wenn die Gäste dann angetrunken sind, folgt der weniger gute. Du hast den guten Wein bis jetzt zurückgehalten.«
Das war das erste Zeichen. Jesus vollbrachte es in Kana in Galiläa. Er machte damit seine Herrlichkeit sichtbar und seine Jünger glaubten an ihn.
(2) Hier beziehe ich mich auf einen Beitrag von Albert Esslinger-Kiefer in der PZ vom 18.1.2020
(3) Am 15.1.2020 wurde im Bundestag eine Gesetzesänderung zur Organspende beraten. Die Widerspruchslösung wurde abgelehnt. In meinem Umfeld wurden die verschiedenen Lösungsansätze sehr kontrovers diskutiert. Mich persönlich hat die ARD-Dokumentation "Organspende - Jetzt reden die Ärzte" sehr bewegt. https://www.ardmediathek.de/ard/player/Y3JpZDovL2Rhc2Vyc3RlLmRlL3JlcG9ydGFnZSBfIGRva3VtZW50YXRpb24gaW0gZXJzdGVuLzA0M2JhM2U3LTcwZGYtNDJmZS1iMjdhLTU3NTUwZTIwYWRkZg/organspende-jetzt-reden-die-aerzte
(mit Dank an Miriam Helmert für Inspiration und das eine oder andere Wort)
I. Vesperkirche
4 Wochen lang wird hier gegessen und getrunken.
4 Wochen lang gibt es hier ein warmes Essen, 4 Wochen eine warme Hand.
Eine hört zu, ein anderer verschreibt Medikamente, wieder eine spielt mit einem Kind.
Geschichten werden erzählt von zuhause, wo es kalt ist und wo das Geld fehlt.
Und andere erzählen von früher, als der Mann noch da war und das Licht heller.
Manche werden nur einmal kommen oder zweimal. Viele kommen jeden Tag.
Die einen kennt man schon gut. Andere sind neu hier.
Ganz normales Essen gibt es hier. Ganz normalen Kaffee.
Jesus ist mittendrin. Und das macht alles anders.
II. Kana
Jesus ist mittendrin.
Dort wo gegessen wird und getrunken. Wo du lachst und wo du weinst.
Wo du zuhause bist. Wo du nicht weißt, ob du dahin gehörst.
Wenn’s was zu feiern gibt, ist Jesus dabei
– auch in Kana, nicht allzu weit weg von Nazareth.
Ein rauschendes Hochzeitsfest. (1)
Ein Fest des Lebens, wo die Liebenden sich küssen,
die Freunde feiern und die Kinder dazwischen herumwuseln.
Musik spielt auf, Geschirr klappert, Stimmengewirr überall. Das Brautpaar ist glücklich.
Über dem Feuer brät ein Lamm, frisches Brot gibt es körbeweise,
Feigen und Käse stehn auf dem Tisch. Und Wein wird ausgeschenkt:
Wein von den Hängen des Golan, gold schimmernd mit fruchtiger Note, in großen Krügen.
Es wird getanzt und gesungen, gelacht und gegessen;
Und Jesus ist mittendrin und genießt die Zeit.
III. Der Wein ist alle
Doch plötzlich ist Schluss mit Lustig. Der Wein ist alle.
Ich fühle mit dem Brautpaar:
Rot vor Scham, wenn der Wein ausgeht oder das Bier nicht reicht.
Oder die Suppe ist sauer geworden über Nacht. (Ist bei meiner Hochzeit passiert)
Was haben wir übersehen in der Planung? Wie stehen wir denn jetzt da?
Und kippt jetzt die Stimmung?
Unangenehmer geht es kaum:
Die eigene Hochzeit, und die Getränke gehen aus!
Eine Vesperkirche, wo zu wenig Essen bestellt wurde.
Das Gefühl ist immer das Gleiche. Peinlich, sehr peinlich.
Denn es geht um mehr.
Es geht um mehr als die Menge oder den guten Geschmack von Wein.
Es geht um den Durst nach Leben und Freude und Sonne und Gemeinschaft.
Dass da einer mit mir als Gast gerechnet hat.
Ich bin es ihm wert, dass er sich für mich ins Zeug legt.
Und so bleibt ein schaler Nachgeschmack, wenn das Gegenteil eintritt.
Da kann man noch so sehr argumentieren:
ach, Wasser tut es doch auch. Ist eh gesünder.
Die Festlaune ist getrübt.
IV. Wasser zu Wein
Doch dann ist da Jesus.
In unsrer Welt angekommen, erwachsen geworden –
und doch letzten Endes ja nicht von dieser Welt.
Grade erst angefangen hat er, öffentlich zu wirken.
Und was tut er als erstes, sein erstes „Zeichen“?!
Er macht Wasser zu Wein.
Keine Heilung, die lebensnotwendig wäre,
Aber es geht um das Leben.
Um das Fest des Lebens mitten im Leben.
Jesus schwingt keine großen Reden,
nicht über die schlechte Vorbereitung des Bräutigams,
oder die knappe Vorratshaltung der Braut.
Auch nicht über das schwierige Trinkverhalten der Gäste,
über die Gefahren des Weinkonsums und die Ressourcenknappheit des Wassers.
Er regt sich nur kurz über seine Mutter auf:
Was willst du von mir, Frau?!,
erinnert sie kurz daran, dass seine Definition von Verwandtschaft anders ist als üblich
– und sieht dann doch ein, dass sie Recht hat mit ihrem Hinweis
Sie haben keinen Wein mehr
und der darin versteckten Bitte: „Jesus, tu doch was dagegen!“
Jesus tut, was nötig und ihm möglich ist, und was er für richtig hält:
Er macht Wasser zu Wein.
Sorgt dafür, dass die Freude am rauschenden Fest keinen Dämpfer bekommt;
und dass niemand mehr Durst leiden muss auf der Hochzeit in Kana.
Er rettet den Gastgeber, die Gäste, das ganze Fest. Jesus macht Wasser zu Wein.
V. Jesus mittendrin
Jesus ist mittendrin und etwas Alltägliches wird was Besonderes.
Das Fest des Lebens mitten im Leben. In Kana und hier.
Die Tasse Kaffee hier in der Kirche wärmt mehr als den Bauch.
Das Essen hier nährt auch die Seele.
Ein Lächeln am Nachbartisch macht den Raum plötzlich heller.
Das einfache Brötchen wird zu einem Geschenk, das noch draußen schmeckt.
4 Wochen lang wird hier Wasser zu Wein, weil Jesus mittendrin ist.
Weil jeder Gast so wichtig und wertvoll ist, dass alle alles geben dafür.
4 Wochen lang Fest des Lebens. 4 Wochen lang mit Jesus mittendrin.
VI. Fest des Lebens
Ich wünsche mir, dass dieses Fest des Lebens nicht aufhört, wenn die Vesperkirche vorbei ist.
Dass Jesus mittendrin bleibt. Dass auch dann Wasser zu Wein wird.
Das Alltägliche zum Besonderen.
Da wird mein Kaffee zu einem Festgetränk, weil ich ihn mit jemandem teile, der nicht damit rechnet.
Da sieht jemand die rumänische Bettlerin vorm Kaufhof
und weiß: sie ist ganze anderen ausgeliefert.
Er setzt sich zu ihr und versucht sie aus ihrem Elend zu befreien.
Vielleicht mit anderen zusammen? (2)
Da werden die Kinder tatsächlich aus den griechischen Flüchtlingslagern nach Deutschland geholt und nicht mehr darüber diskutiert, ob das geht oder nicht.
Und da bekommt eine todkranke Frau eine gespendete Lunge. (3)
Wasser wird zu Wein. Jesus mittendrin im Fest des Lebens, mitten im Leben.
VII. Vertrauen
Ja, das Fest des Lebens geht weiter.
Und ich wünsch mir auch so ein Vertrauen wie Maria:
Tut alles, was er euch sagt, hat sie vorsorglich zu den Dienern gesagt.
Obwohl ihr Sohn sie so distanziert zurecht gewiesen hat, weiß sie, glaubt sie:
Es wird etwas passieren.
Dafür hat sie ihn doch schließlich zur Welt gebracht.
Hat es ertragen, wenn er schon als Kind anders war als die anderen Kinder.
So ein Vertrauen zu haben wie Maria, weil Jesus mittendrin ist in meinem Leben.
Ihn bitten, dass Wunder geschehen. Und das Leben zum Fest wird. Jetzt. Hier.
Und dann das Fest des Lebens feiern wie die Menschen in Kana,
als es plötzlich 600 Liter vom besten Wein gab und das Fest wieder Fahrt aufnahm:
Die Musiker spielen, die Kinder lachen, die Leute tanzen bis zum Morgengrauen.
Und wir feiern das Fest des Lebens hier in der Kirche.
4 Wochen lang mit essen und trinken und mit warmen Händen.
Und jeder Gast ist wertvoll und wichtig.
Wir tragen dann das Fest in die Stadt und in die Welt.
Mit warmen Händen und offenen Herzen. Und wir feiern mit Jesus, der bei uns ist
Er macht Wasser zu Wein und das Alltägliche zu was ganz Besonderen.
Mitten im Leben. Und es hört nicht auf.
Amen.
(1) Johannes 2,1-11 - wurde als Lesung gelesen:
Am dritten Tag fand in Kana in Galiläa eine Hochzeit statt. Auch die Mutter von Jesus nahm daran teil. Jesus und seine Jünger waren ebenfalls zur Hochzeitsfeier eingeladen.
Während des Festes ging der Wein aus. Da sagte die Mutter von Jesus zu ihm: »Sie haben keinen Wein mehr!« Jesus antwortete ihr: »Was willst du von mir, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen.« Doch seine Mutter sagte zu den Dienern: »Tut alles, was er euch sagt!«
Dort gab es auch sechs große Wasserkrüge aus Stein. Die Juden benötigten sie, um sich zu reinigen. Jeder Krug fasste zwei bis drei Eimer. Jesus sagte zu den Dienern: »Füllt die Krüge mit Wasser.«
Die füllten sie bis zum Rand. Dann sagte er zu ihnen: »Schöpft jetzt etwas heraus und bringt es dem Festmeister.« Sie brachten es ihm. Als der Festmeister einen Schluck davon trank, war das Wasser zu Wein geworden. Er wusste natürlich nicht, woher der Wein kam. Aber die Diener, die das Wasser geschöpft hatten, wussten Bescheid. Da rief der Festmeister den Bräutigam zu sich und sagte zu ihm: »Jeder andere schenkt zuerst den guten Wein aus. Und wenn die Gäste dann angetrunken sind, folgt der weniger gute. Du hast den guten Wein bis jetzt zurückgehalten.«
Das war das erste Zeichen. Jesus vollbrachte es in Kana in Galiläa. Er machte damit seine Herrlichkeit sichtbar und seine Jünger glaubten an ihn.
(2) Hier beziehe ich mich auf einen Beitrag von Albert Esslinger-Kiefer in der PZ vom 18.1.2020
(3) Am 15.1.2020 wurde im Bundestag eine Gesetzesänderung zur Organspende beraten. Die Widerspruchslösung wurde abgelehnt. In meinem Umfeld wurden die verschiedenen Lösungsansätze sehr kontrovers diskutiert. Mich persönlich hat die ARD-Dokumentation "Organspende - Jetzt reden die Ärzte" sehr bewegt. https://www.ardmediathek.de/ard/player/Y3JpZDovL2Rhc2Vyc3RlLmRlL3JlcG9ydGFnZSBfIGRva3VtZW50YXRpb24gaW0gZXJzdGVuLzA0M2JhM2U3LTcwZGYtNDJmZS1iMjdhLTU3NTUwZTIwYWRkZg/organspende-jetzt-reden-die-aerzte
Mittwoch, 25. Dezember 2019
Gott in deinem Leben
Von Elfy und Maria, Staub und Stroh
Predigt zu Sacharja 2, 14-17
I.
Freue dich und sei fröhlich!
Denn siehe, ich komme und will bei dir wohnen.
Es ist Winter. Es ist kalt.
Und Elfy, 39 Jahre alt, gelernte Köchin, ist obdachlos. (1)
Sie sitzt im Café eines Supermarkts
und rührt Zucker in ihren Kaffee, den ihr jemand spendiert hat..
Elfy, wie sie von ihren Kumpels genannt wird, will wegkommen von der Straße.
Sie hat blonde Haare, wie ihr Sohn, als er klein war.
Aber sie sind zottelig, und es ist kein natürliches Blond.
In den vergangenen Wochen hatte sie viele Termine, ist zu Ämtern gelaufen, hat Anträge gestellt.
Bis sich Türen öffneten und Elfy das Angebot bekam,
in eine Einrichtung für betreutes Wohnen aufgenommen zu werden.
Dort hätte sie ein eigenes Zimmer und Unterstützung von Sozialarbeitern.
Ein festes Dach über dem Kopf, in greifbarer Nähe.
Wenn sie über diesen Erfolg spricht, wirkt sie aufgekratzt und lächelt.
Dann sieht man, dass ihr ein paar Zähne im Unterkiefer fehlen.
Noch vor Heiligabend könne sie einziehen, habe man ihr in Aussicht gestellt.
Für Elfy würde damit ein großer Wunsch in Erfüllung gehen.
Auch, weil ihr Sohn sie besuchen will.
„Ich möchte so gern mit ihm Weihnachten feiern“, sagt sie.
Mario ist mittlerweile 18 Jahre alt und lebt in einer anderen Stadt.
Sie sehen sich nur selten.
Er habe eine geistige Beeinträchtigung und wisse nichts von ihrer Obdachlosigkeit, sagt Elfy.
Sie schaut auf ihr Handy. Das Wohnheim hat noch nicht angerufen.
Für einen Moment verschwindet das Lächeln aus ihrem Gesicht.
II.
Freue dich und sei fröhlich!
Denn siehe, ich komme und will bei dir wohnen.
Jerusalem ist zerstört als der Prophet Sacharja seine Visionen hat.
Zerstört von Krieg und Schuld, von Rache und Hass. Kein Ort, wo man leben kann.
Dorthin ziehe ich, sagt Gott. Dort will ich wohnen.
Ich ziehe in keinen Palast und in keinen Tempel. Ich ziehe auch nicht hinter hohe Mauern.
Nein, ich will im Schutt wohnen und in den Ruinen. Zwischen Steinen und Asche.
Ich baue mir ein Lager, wo es keine Zukunft gibt.
Bei den Vergessenen und Verlassenen. Bei den Heimatlosen suche ich meine neue Heimat.
III.
Siehe, ich komme und will bei dir wohnen.
Gott ist auf Wohnungssuche.
Er nimmt Wohnung bei einer jungen Frau namens Maria.
Ihr Körper wird zum Tempel seiner Gegenwart.
Sie ist eine einfache jüdische junge Frau in Nazareth. Nichts besonderes.
Mit normalen Träumen eines jungen Mädchens
und einer normalen Zukunft, was in jener Zeit heißt, dass es gerade so reicht.
Sie steht morgens auf und tut, was man so tut.
Sie näht und backt, pflanzt und erntet, füttert Tiere und wäscht die Wäsche,
presst die Trauben zu Wein. Abends geht sie früh schlafen.
Und sie hofft, dass Joseph gut zu ihr sein wird. Aber wer weiß das schon?
Und jetzt ist auch noch Gott mit an Bord. Was soll das nur werden?
Aber nun ist das wohl so.
Ja, Gott hat sich aufgemacht von seiner heiligen Stätte
und gemeinsam mit Maria und Josef begibt sich er auf den Weg in die Stadt Davids.
Ein schwerer Weg mit schwerem Körper und Wasser in den Beinen.
Und sie finden keine Herberge. Gott auf Herbergssuche.
Und er kommt zur Welt in mitten von Tiergebrüll und Stallgeruch.
Geboren von Heimatlosen und Vertriebenen
teilt er das Schicksal der Heimatlosen und Vertriebenen dieser Erde.
Gott wird geboren in einem Futtertrog, im Zelt eines Lagers auf Lesbos
und unter der Brücke in einer deutschen Stadt, irgendwo.
Auf der Flucht vor den Bomben, die auf Pforzheim fielen,
und im Kreißsaal einer Großstadt mit lauter anderen Geburten zusammen.
Dort kommt Gott zur Welt - im Staub und im Stroh,
inmitten von Kacheln und auf schmutzigem Zeltboden.
Und dort ist Gott dann und bleibt.
IV.
Freue dich und sei fröhlich!
Denn siehe, ich komme und will bei dir wohnen.
Bei dir und bei mir - so wie du bist, so wie ich bin.
Stell dir vor, Gott klingelt und putzt seine Schuhe an der Fußmatte ab,
darauf steht vielleicht „home“. (2)
Vielleicht steigt er über die Schuhe, die du nicht aufgeräumt hast.
Vielleicht ist es dir peinlich, wie es bei dir aussieht.
Die Spinnweben in der Ecke.
Die Einkaufstasche liegt halb unausgepackt herum.
Die Krippenfiguren liegen noch auf der Kommode.
Und eigentlich hast du überhaupt keine Zeit für deinen neuen Mitbewohner.
Kopf und Herz sind zu voll mit dem ganzen Unerledigten.
Die Karten, die du schreiben wolltest, aber nicht geschrieben hast.
Der Anruf bei der Mutter, den du vor dir herschiebst.
Und das letzte Gespräch mit dem Chef.
Bei dem Gedanken daran zieht es dir sofort wieder in den Bauch.
Warum hat der nur so komische Fragen gestellt? Habe ich zu viel falsch gemacht?
Und die Kinder in den griechischen Flüchtlingslagern, auch die lassen dir keine Ruhe.
Und jetzt auch noch womöglich Gott. Hier bei dir.
Du bist dir nicht sicher, ob du das aushältst. Ob dir das nicht zu viel wird.
Denn dann müsste doch erstmal die Einkaufstasche ausgepackt werden
Und die Krippenfiguren an ihren Platz stellen.
Gott soll sich ja wohlfühlen.
Das muss doch alles richtig sein, schließlich ist ja Weihnachten.
V.
Aber Gott zieht ihre Schuhe aus, schaut sich neugierig um und fühlt sich sichtlich wohl.
Nichts muss richtig sein für Gott. Im Gegenteil.
Gott kommt in die Ruinen Jerusalems
und in ein Kaff namens Bethlehem mit den merkwürdigsten Gestalten um sich herum.
Hör auf, dich richtiger für mich machen zu wollen, sagt Gott.
Gerade in deinem so unperfekten Leben bin ich zuhause.
In deinen Fragen und deiner Angst - bin ich da. In deinen Zweifeln an dieser Welt.
In deiner Ratlosigkeit, weil du nicht weißt, wie du wirklich was ändern kannst.
Ich will nicht im Heiligtum wohnen. (3)
Sondern bei dir. Wo du leidest und wo du liebst.
Und ich bin gekommen um zu bleiben.
Setz dich also hin und schau dich selbst liebevoll an und die Welt auch.
VI.
Siehe, ich komme und will bei dir wohnen, spricht er Herr.
Er hat sich aufgemacht.
Du findest Gott in Elfy, die nach einer Bleibe sucht - und nach Liebe.
Ob es bis heute geklappt hat, weiß ich nicht.
Aber sie wollte nochmal einen neuen Anlauf nehmen. Nochmal anrufen beim Wohnheim.
Vielleicht triffst du sie auf der Straße und du rümpfst deine Nase, wie sie heute wieder aussieht,
aber dann denke daran: du siehst Gott, wenn du sie siehst.
Frage sie, wie du ihr helfen kannst. Vielleicht freut sie sich über ein warme Tasse Kaffee.
Und am meisten freut sie sich vermutlich über eine Sozialpolitik,
die ihr eine Chance zum Überleben gibt.
Du findest Gott in den Trümmern und Bruchstücken dieser Welt.
In den Kindern der griechischen Flüchtlingslager, um die sich Europa nicht schert.
Und bei den Fluchthelfern, die sie da rausholen wollen.
Du findest Gott in den Behelfsunterkünften deines Lebens.
Wo es laut und unruhig ist und manchmal auch ganz still.
Du findest ihn in einer Maria, die ihr Leben ganz neu sortieren muss
und sie weiß nicht, wo sie bleiben kann. Aber Gott bleibt bei ihr.
Du findest Gott in deinem Leben. Und er bleibt - auch bei dir.
Und für dich singen die Engel.
Amen.
Lied: Tochter Zion, freue dich
(1) Auf das Leben von Elfy hat mich Dieter Puhl aufmerksam gemacht. Ihre Krebserkrankung habe ich in meiner Predigt nicht erwähnt. Zu lesen in https://www.tagesspiegel.de/berlin/obdachlosigkeit-in-der-hauptstadt-wie-eine-krebskranke-berlinerin-auf-der-strasse-ueberlebt/25358950.html
(2) Wortideen von Birgit Mattausch
(3) Wortideen von Sebastian Wolfrum
Predigt zu Sacharja 2, 14-17
I.
Freue dich und sei fröhlich!
Denn siehe, ich komme und will bei dir wohnen.
Es ist Winter. Es ist kalt.
Und Elfy, 39 Jahre alt, gelernte Köchin, ist obdachlos. (1)
Sie sitzt im Café eines Supermarkts
und rührt Zucker in ihren Kaffee, den ihr jemand spendiert hat..
Elfy, wie sie von ihren Kumpels genannt wird, will wegkommen von der Straße.
Sie hat blonde Haare, wie ihr Sohn, als er klein war.
Aber sie sind zottelig, und es ist kein natürliches Blond.
In den vergangenen Wochen hatte sie viele Termine, ist zu Ämtern gelaufen, hat Anträge gestellt.
Bis sich Türen öffneten und Elfy das Angebot bekam,
in eine Einrichtung für betreutes Wohnen aufgenommen zu werden.
Dort hätte sie ein eigenes Zimmer und Unterstützung von Sozialarbeitern.
Ein festes Dach über dem Kopf, in greifbarer Nähe.
Wenn sie über diesen Erfolg spricht, wirkt sie aufgekratzt und lächelt.
Dann sieht man, dass ihr ein paar Zähne im Unterkiefer fehlen.
Noch vor Heiligabend könne sie einziehen, habe man ihr in Aussicht gestellt.
Für Elfy würde damit ein großer Wunsch in Erfüllung gehen.
Auch, weil ihr Sohn sie besuchen will.
„Ich möchte so gern mit ihm Weihnachten feiern“, sagt sie.
Mario ist mittlerweile 18 Jahre alt und lebt in einer anderen Stadt.
Sie sehen sich nur selten.
Er habe eine geistige Beeinträchtigung und wisse nichts von ihrer Obdachlosigkeit, sagt Elfy.
Sie schaut auf ihr Handy. Das Wohnheim hat noch nicht angerufen.
Für einen Moment verschwindet das Lächeln aus ihrem Gesicht.
II.
Freue dich und sei fröhlich!
Denn siehe, ich komme und will bei dir wohnen.
Jerusalem ist zerstört als der Prophet Sacharja seine Visionen hat.
Zerstört von Krieg und Schuld, von Rache und Hass. Kein Ort, wo man leben kann.
Dorthin ziehe ich, sagt Gott. Dort will ich wohnen.
Ich ziehe in keinen Palast und in keinen Tempel. Ich ziehe auch nicht hinter hohe Mauern.
Nein, ich will im Schutt wohnen und in den Ruinen. Zwischen Steinen und Asche.
Ich baue mir ein Lager, wo es keine Zukunft gibt.
Bei den Vergessenen und Verlassenen. Bei den Heimatlosen suche ich meine neue Heimat.
III.
Siehe, ich komme und will bei dir wohnen.
Gott ist auf Wohnungssuche.
Er nimmt Wohnung bei einer jungen Frau namens Maria.
Ihr Körper wird zum Tempel seiner Gegenwart.
Sie ist eine einfache jüdische junge Frau in Nazareth. Nichts besonderes.
Mit normalen Träumen eines jungen Mädchens
und einer normalen Zukunft, was in jener Zeit heißt, dass es gerade so reicht.
Sie steht morgens auf und tut, was man so tut.
Sie näht und backt, pflanzt und erntet, füttert Tiere und wäscht die Wäsche,
presst die Trauben zu Wein. Abends geht sie früh schlafen.
Und sie hofft, dass Joseph gut zu ihr sein wird. Aber wer weiß das schon?
Und jetzt ist auch noch Gott mit an Bord. Was soll das nur werden?
Aber nun ist das wohl so.
Ja, Gott hat sich aufgemacht von seiner heiligen Stätte
und gemeinsam mit Maria und Josef begibt sich er auf den Weg in die Stadt Davids.
Ein schwerer Weg mit schwerem Körper und Wasser in den Beinen.
Und sie finden keine Herberge. Gott auf Herbergssuche.
Und er kommt zur Welt in mitten von Tiergebrüll und Stallgeruch.
Geboren von Heimatlosen und Vertriebenen
teilt er das Schicksal der Heimatlosen und Vertriebenen dieser Erde.
Gott wird geboren in einem Futtertrog, im Zelt eines Lagers auf Lesbos
und unter der Brücke in einer deutschen Stadt, irgendwo.
Auf der Flucht vor den Bomben, die auf Pforzheim fielen,
und im Kreißsaal einer Großstadt mit lauter anderen Geburten zusammen.
Dort kommt Gott zur Welt - im Staub und im Stroh,
inmitten von Kacheln und auf schmutzigem Zeltboden.
Und dort ist Gott dann und bleibt.
IV.
Freue dich und sei fröhlich!
Denn siehe, ich komme und will bei dir wohnen.
Bei dir und bei mir - so wie du bist, so wie ich bin.
Stell dir vor, Gott klingelt und putzt seine Schuhe an der Fußmatte ab,
darauf steht vielleicht „home“. (2)
Vielleicht steigt er über die Schuhe, die du nicht aufgeräumt hast.
Vielleicht ist es dir peinlich, wie es bei dir aussieht.
Die Spinnweben in der Ecke.
Die Einkaufstasche liegt halb unausgepackt herum.
Die Krippenfiguren liegen noch auf der Kommode.
Und eigentlich hast du überhaupt keine Zeit für deinen neuen Mitbewohner.
Kopf und Herz sind zu voll mit dem ganzen Unerledigten.
Die Karten, die du schreiben wolltest, aber nicht geschrieben hast.
Der Anruf bei der Mutter, den du vor dir herschiebst.
Und das letzte Gespräch mit dem Chef.
Bei dem Gedanken daran zieht es dir sofort wieder in den Bauch.
Warum hat der nur so komische Fragen gestellt? Habe ich zu viel falsch gemacht?
Und die Kinder in den griechischen Flüchtlingslagern, auch die lassen dir keine Ruhe.
Und jetzt auch noch womöglich Gott. Hier bei dir.
Du bist dir nicht sicher, ob du das aushältst. Ob dir das nicht zu viel wird.
Denn dann müsste doch erstmal die Einkaufstasche ausgepackt werden
Und die Krippenfiguren an ihren Platz stellen.
Gott soll sich ja wohlfühlen.
Das muss doch alles richtig sein, schließlich ist ja Weihnachten.
V.
Aber Gott zieht ihre Schuhe aus, schaut sich neugierig um und fühlt sich sichtlich wohl.
Nichts muss richtig sein für Gott. Im Gegenteil.
Gott kommt in die Ruinen Jerusalems
und in ein Kaff namens Bethlehem mit den merkwürdigsten Gestalten um sich herum.
Hör auf, dich richtiger für mich machen zu wollen, sagt Gott.
Gerade in deinem so unperfekten Leben bin ich zuhause.
In deinen Fragen und deiner Angst - bin ich da. In deinen Zweifeln an dieser Welt.
In deiner Ratlosigkeit, weil du nicht weißt, wie du wirklich was ändern kannst.
Ich will nicht im Heiligtum wohnen. (3)
Sondern bei dir. Wo du leidest und wo du liebst.
Und ich bin gekommen um zu bleiben.
Setz dich also hin und schau dich selbst liebevoll an und die Welt auch.
VI.
Siehe, ich komme und will bei dir wohnen, spricht er Herr.
Er hat sich aufgemacht.
Du findest Gott in Elfy, die nach einer Bleibe sucht - und nach Liebe.
Ob es bis heute geklappt hat, weiß ich nicht.
Aber sie wollte nochmal einen neuen Anlauf nehmen. Nochmal anrufen beim Wohnheim.
Vielleicht triffst du sie auf der Straße und du rümpfst deine Nase, wie sie heute wieder aussieht,
aber dann denke daran: du siehst Gott, wenn du sie siehst.
Frage sie, wie du ihr helfen kannst. Vielleicht freut sie sich über ein warme Tasse Kaffee.
Und am meisten freut sie sich vermutlich über eine Sozialpolitik,
die ihr eine Chance zum Überleben gibt.
Du findest Gott in den Trümmern und Bruchstücken dieser Welt.
In den Kindern der griechischen Flüchtlingslager, um die sich Europa nicht schert.
Und bei den Fluchthelfern, die sie da rausholen wollen.
Du findest Gott in den Behelfsunterkünften deines Lebens.
Wo es laut und unruhig ist und manchmal auch ganz still.
Du findest ihn in einer Maria, die ihr Leben ganz neu sortieren muss
und sie weiß nicht, wo sie bleiben kann. Aber Gott bleibt bei ihr.
Du findest Gott in deinem Leben. Und er bleibt - auch bei dir.
Und für dich singen die Engel.
Amen.
Lied: Tochter Zion, freue dich
(1) Auf das Leben von Elfy hat mich Dieter Puhl aufmerksam gemacht. Ihre Krebserkrankung habe ich in meiner Predigt nicht erwähnt. Zu lesen in https://www.tagesspiegel.de/berlin/obdachlosigkeit-in-der-hauptstadt-wie-eine-krebskranke-berlinerin-auf-der-strasse-ueberlebt/25358950.html
(2) Wortideen von Birgit Mattausch
(3) Wortideen von Sebastian Wolfrum
Sonntag, 15. Dezember 2019
Welten entdecken
Predigt zum 3.Advent 2019 über Jesaja 40,1-11
verschränkt und verwoben mit den wunderbaren Gedanken und Formulierungen von Thomas Hirsch-Hüffel*
Tröstet, tröstet mein Volk!, spricht euer Gott.
Redet mit Jerusalem freundlich und predigt ihr,
dass ihre Knechtschaft ein Ende hat, dass ihre Schuld vergeben ist;
denn sie hat die volle Strafe empfangen von der Hand des Herrn für alle ihre Sünden.
Es ruft eine Stimme:
In der Wüste bereitet dem Herrn den Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott!
Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden,
und was uneben ist, soll gerade, und was hügelig ist, soll eben werden;
denn die Herrlichkeit des Herrn soll offenbart werden,
und alles Fleisch miteinander wird es sehen; denn des Herrn Mund hat's geredet.
Es spricht eine Stimme: Predige!, und ich sprach: Was soll ich predigen?
Alles Fleisch ist Gras, und alle seine Güte ist wie eine Blume auf dem Felde.
Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt; denn des Herrn Odem bläst darein.
Ja, Gras ist das Volk!
Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich.
Zion, du Freudenbotin, steig auf einen hohen Berg;
Jerusalem, du Freudenbotin, erhebe deine Stimme mit Macht;
erhebe sie und fürchte dich nicht!
Sage den Städten Judas: Siehe, da ist euer Gott; siehe, da ist Gott der Herr!
Er kommt gewaltig, und sein Arm wird herrschen.
Siehe, was er gewann, ist bei ihm, und was er sich erwarb, geht vor ihm her.
Er wird seine Herde weiden wie ein Hirte.
Er wird die Lämmer in seinen Arm sammeln
und im Bausch seines Gewandes tragen und die Mutterschafe führen.
I.
An den Wassern von Babylon sitzen sie und weinen.
Ins Exil verbannt. Weit weit weg von zuhause. Entwurzelt.
Irgendwie haben sie sich daran gewöhnt.
Die Sehnsucht überdeckt mit dem Alltäglichen.
Tun, was man halt so tun muss, um nicht aufzufallen.
Manchmal aber kribbelt es.
Und sie wissen genau: Das kann es noch nicht gewesen sein.
II.
Es ruft eine Stimme:
In der Wüste bereitet dem Herrn den Weg,
macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott!
Das hier in Babylon, das kann es noch nicht gewesen sein.
Ist das nun die ersehnte Veränderung?
Sie erinnern sich:
Ihre Vorfahren brachen einst aus Ägypten aus und wagten sich in die Wüste hinein.
Und nun ein erneuter Aufbruch? Wieder in die Wüste.
Ungewiss, was dabei rauskommt und wo man landet.
Aber mit dem sicheren Gefühl: es ist jetzt dran, sonst vertrocknen wir wie das Gras im Sommer.
III.
Das kann es noch nicht gewesen sein. Das ist noch nicht alles, was jetzt ist.
Wir sind noch nicht fertig. Immer wartet in uns etwas auf seine Geburt.
Immer ist das, was wir eigentlich sind größer als das, was wir leben.
Beate könnte auch Kinder-Animateurin auf Sizilien sein. Sie verkauft aber Reisen in Pforzheim.
Sie hätte den Blick für Architektur und das Ohr für fremde Klänge.
Aber das kann sie nur ahnen. Ihre Entscheidung fiel einmal anders aus.
Jede merkt, was noch möglich wäre an den wiederkehrenden Pubertäten:
es summt in den Knochen, die Glieder wollen etwas – aber noch ohne Ziel.
Ein anderer Mann hätte es auch sein können, eine andere Stadt.
Eine einzige Palme im Fernsehen beißt das Herz, und schon ist die Fantasie unterwegs:
Nicht nur Reisen verkaufen, sondern selber reisen und darüber schreiben?
Bin ich eigentlich noch ganz anders?
IV.
Berge fallen und Täler werden erhöht.
Verlässlich stellen sich unter der scheinbar festen biografischen Erdkruste
tektonische Verschiebungen ein. Hochhäuser und andere Lebensgebäude wackeln.
In der Tiefe Magma, glühend. Gelegentlich Ausbrüche vulkanischer Natur.
So ungeheuer flüssig wie der Erde Inneres, so unermesslich reich ist die Seele.
Wir könnten so viel mehr als in diesem Leben.
Vielleicht denke ich, ich sei schon ziemlich fertig und endlich stabil.
Aber fertig sind wir erst im Tod, und selbst da: wer weiß … –
vielleicht sehen wir dann die ganze Vielfalt unserer Tiefen und Gebirge.
Das wäre die ungeheure Landschaft, die immer in uns wohnte und bereist werden wollte.
Aber warum dann nicht jetzt? Warum immer nur die faulen Kompromisse?
Und wann ist der richtige Zeitpunkt für den Aufbruch, für das Große,
für die Möglichkeiten, die da sind?
V.
Das Große kommt. Etwas, das sich nicht greifen lässt.
Und ich stehe vor meiner eigenen Sehnsucht nach dem ganz anderen in mir
und stammel „Was soll ich glauben, was kann ich predigen“.
Ach wie gut ich den Propheten verstehe. Und wie gut, dass es auch ihm so geht.
Dass auch er spürt: Hier verschiebt sich was, das noch zu groß ist für mich.
Es wirft mich aus der Bahn, obwohl ich doch vielleicht eine Bahn legen sollte.
Aber ich setze mal einen Fuß dorthin und taste mich vor in meine Seele hinein
Schaffe Platz für das Große, das da kommt.
Adventszeit ist eine gute Zeit dafür.
VI.
Siehe da ist euer Gott, ruft der Prophet.
Und ich sehe die 17jährige, die einem Mann namens Josef versprochen ist.
Sie tut, was alle Mädels in der Zeit damals tun:
sich auf ein Leben in einer Ehe vorzubereiten, den Eltern zu helfen,
zu träumen und zu arbeiten, was anliegt.
Aber in ihr wohnen ganz andere Welten. Die sprechen eines Tages zu ihr.
Als ganz am Rand ihres Sehfeldes eine Figur auftaucht. Etwas Helles, anders als alles.
Mit Flügeln wohl und zum Fürchten auch.
In dir bereitet sich etwas Großes vor, sagt es –
oh oh. Was soll mir das? Ich bin doch verplant.
Aber da ist das Summen in den Knochen, die schlaflosen Nächte.
Da entsteht etwas wie aus dem Nichts und es keimt.
Neun Monate wird es reifen. Bei manchen und manchem dauert es viel länger.
Was nun geschieht, will einfach nur erwartet werden.
Das Erdbeben unter den Füßen, die heiße, grundlose Freude beim Aufwachen,
das Weinen ohne Anlass unter der Dusche. Mir selber zuschauen, wie an mir gearbeitet wird.
Adventliches Warten darauf, dass etwas ausgetragen und endlich geboren wird.
Marianische Existenz in guter Hoffnung.
VII.
Macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott.
Halte dich bereit.
Horch hinein in die großen Räume, die auch noch begehbar wären.
Lass dich nicht zu schnell besetzen von Sachen, die dir den Horizont vernageln.
Setz dich zu den Israeliten an die Wasser von Babylon und höre ihnen zu.
Lausche auf die Sehnsucht in dir. Auf deine Ungeduld.
Bleib ‚jungfräulich‘ empfänglich, denn immerzu kann Großes mit dir geschehen.
Was dann entsteht, braucht Begleitung.
Der Entschluss zu reisen und Reisebücher zu schreiben, ist sowas.
Das Kind der 17jährigen wird von schützenden Träumen, Schafhütern
und fernen Gestalten begleitet werden.
Was geboren wird, braucht Schutz – noch ist es klein.
Und was tut Gott? Er ist da. Er wächst – mit mir und in mir.
Und er kommt mir zugleich entgegen
und wenn ich mich verloren habe oder nicht mehr weiter kann,
dann wickelt er mich ein in den Bausch seines Gewandes und trägt mich.
VIII.
Siehe da ist euer Gott, ruft der Prophet.
Und die Freudenbotin steigt auf den Berg und ruft es laut in die Welt.
Gott ist da.
Gott ist das Ganze eurer Möglichkeiten.
Er ist Palme, Engel, Sehnsucht und eure Antwort darauf.
Er ist Ungeduld und Aufbruch, Hoffnung und Erschöpfung zugleich.
Er ist in eurer Wüste und an den Wassern von Babylon,
In euren Tränen und in euren Liedern - damals und heute.
Erwartet ihn. Er nimmt euch mit.
Amen.
* Der Blog von Thomas https://unglaeubigesstaunen.wordpress.com/ ist sehr sehr zu empfehlen! Alles, was in dieser Predigt in dieser Farbe markiert ist, ist dem Blogbeitrag "Advent 17" entnommen oder entlehnt (https://unglaeubigesstaunen.wordpress.com/2017/10/03/advent-17/?fbclid=IwAR2TUGN2mUGSjMmkzTF8NmjykWf090pgaeaLROehRHCj7DHsTCIG3x0s_Zw). Thomas selbst hat mich darauf aufmerksam gemacht, wofür ich ihm sehr dankbar bin.
verschränkt und verwoben mit den wunderbaren Gedanken und Formulierungen von Thomas Hirsch-Hüffel*
Tröstet, tröstet mein Volk!, spricht euer Gott.
Redet mit Jerusalem freundlich und predigt ihr,
dass ihre Knechtschaft ein Ende hat, dass ihre Schuld vergeben ist;
denn sie hat die volle Strafe empfangen von der Hand des Herrn für alle ihre Sünden.
Es ruft eine Stimme:
In der Wüste bereitet dem Herrn den Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott!
Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden,
und was uneben ist, soll gerade, und was hügelig ist, soll eben werden;
denn die Herrlichkeit des Herrn soll offenbart werden,
und alles Fleisch miteinander wird es sehen; denn des Herrn Mund hat's geredet.
Es spricht eine Stimme: Predige!, und ich sprach: Was soll ich predigen?
Alles Fleisch ist Gras, und alle seine Güte ist wie eine Blume auf dem Felde.
Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt; denn des Herrn Odem bläst darein.
Ja, Gras ist das Volk!
Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich.
Zion, du Freudenbotin, steig auf einen hohen Berg;
Jerusalem, du Freudenbotin, erhebe deine Stimme mit Macht;
erhebe sie und fürchte dich nicht!
Sage den Städten Judas: Siehe, da ist euer Gott; siehe, da ist Gott der Herr!
Er kommt gewaltig, und sein Arm wird herrschen.
Siehe, was er gewann, ist bei ihm, und was er sich erwarb, geht vor ihm her.
Er wird seine Herde weiden wie ein Hirte.
Er wird die Lämmer in seinen Arm sammeln
und im Bausch seines Gewandes tragen und die Mutterschafe führen.
I.
An den Wassern von Babylon sitzen sie und weinen.
Ins Exil verbannt. Weit weit weg von zuhause. Entwurzelt.
Irgendwie haben sie sich daran gewöhnt.
Die Sehnsucht überdeckt mit dem Alltäglichen.
Tun, was man halt so tun muss, um nicht aufzufallen.
Manchmal aber kribbelt es.
Und sie wissen genau: Das kann es noch nicht gewesen sein.
II.
Es ruft eine Stimme:
In der Wüste bereitet dem Herrn den Weg,
macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott!
Das hier in Babylon, das kann es noch nicht gewesen sein.
Ist das nun die ersehnte Veränderung?
Sie erinnern sich:
Ihre Vorfahren brachen einst aus Ägypten aus und wagten sich in die Wüste hinein.
Und nun ein erneuter Aufbruch? Wieder in die Wüste.
Ungewiss, was dabei rauskommt und wo man landet.
Aber mit dem sicheren Gefühl: es ist jetzt dran, sonst vertrocknen wir wie das Gras im Sommer.
III.
Das kann es noch nicht gewesen sein. Das ist noch nicht alles, was jetzt ist.
Wir sind noch nicht fertig. Immer wartet in uns etwas auf seine Geburt.
Immer ist das, was wir eigentlich sind größer als das, was wir leben.
Beate könnte auch Kinder-Animateurin auf Sizilien sein. Sie verkauft aber Reisen in Pforzheim.
Sie hätte den Blick für Architektur und das Ohr für fremde Klänge.
Aber das kann sie nur ahnen. Ihre Entscheidung fiel einmal anders aus.
Jede merkt, was noch möglich wäre an den wiederkehrenden Pubertäten:
es summt in den Knochen, die Glieder wollen etwas – aber noch ohne Ziel.
Ein anderer Mann hätte es auch sein können, eine andere Stadt.
Eine einzige Palme im Fernsehen beißt das Herz, und schon ist die Fantasie unterwegs:
Nicht nur Reisen verkaufen, sondern selber reisen und darüber schreiben?
Bin ich eigentlich noch ganz anders?
IV.
Berge fallen und Täler werden erhöht.
Verlässlich stellen sich unter der scheinbar festen biografischen Erdkruste
tektonische Verschiebungen ein. Hochhäuser und andere Lebensgebäude wackeln.
In der Tiefe Magma, glühend. Gelegentlich Ausbrüche vulkanischer Natur.
So ungeheuer flüssig wie der Erde Inneres, so unermesslich reich ist die Seele.
Wir könnten so viel mehr als in diesem Leben.
Vielleicht denke ich, ich sei schon ziemlich fertig und endlich stabil.
Aber fertig sind wir erst im Tod, und selbst da: wer weiß … –
vielleicht sehen wir dann die ganze Vielfalt unserer Tiefen und Gebirge.
Das wäre die ungeheure Landschaft, die immer in uns wohnte und bereist werden wollte.
Aber warum dann nicht jetzt? Warum immer nur die faulen Kompromisse?
Und wann ist der richtige Zeitpunkt für den Aufbruch, für das Große,
für die Möglichkeiten, die da sind?
V.
Das Große kommt. Etwas, das sich nicht greifen lässt.
Und ich stehe vor meiner eigenen Sehnsucht nach dem ganz anderen in mir
und stammel „Was soll ich glauben, was kann ich predigen“.
Ach wie gut ich den Propheten verstehe. Und wie gut, dass es auch ihm so geht.
Dass auch er spürt: Hier verschiebt sich was, das noch zu groß ist für mich.
Es wirft mich aus der Bahn, obwohl ich doch vielleicht eine Bahn legen sollte.
Aber ich setze mal einen Fuß dorthin und taste mich vor in meine Seele hinein
Schaffe Platz für das Große, das da kommt.
Adventszeit ist eine gute Zeit dafür.
VI.
Siehe da ist euer Gott, ruft der Prophet.
Und ich sehe die 17jährige, die einem Mann namens Josef versprochen ist.
Sie tut, was alle Mädels in der Zeit damals tun:
sich auf ein Leben in einer Ehe vorzubereiten, den Eltern zu helfen,
zu träumen und zu arbeiten, was anliegt.
Aber in ihr wohnen ganz andere Welten. Die sprechen eines Tages zu ihr.
Als ganz am Rand ihres Sehfeldes eine Figur auftaucht. Etwas Helles, anders als alles.
Mit Flügeln wohl und zum Fürchten auch.
In dir bereitet sich etwas Großes vor, sagt es –
oh oh. Was soll mir das? Ich bin doch verplant.
Aber da ist das Summen in den Knochen, die schlaflosen Nächte.
Da entsteht etwas wie aus dem Nichts und es keimt.
Neun Monate wird es reifen. Bei manchen und manchem dauert es viel länger.
Was nun geschieht, will einfach nur erwartet werden.
Das Erdbeben unter den Füßen, die heiße, grundlose Freude beim Aufwachen,
das Weinen ohne Anlass unter der Dusche. Mir selber zuschauen, wie an mir gearbeitet wird.
Adventliches Warten darauf, dass etwas ausgetragen und endlich geboren wird.
Marianische Existenz in guter Hoffnung.
VII.
Macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott.
Halte dich bereit.
Horch hinein in die großen Räume, die auch noch begehbar wären.
Lass dich nicht zu schnell besetzen von Sachen, die dir den Horizont vernageln.
Setz dich zu den Israeliten an die Wasser von Babylon und höre ihnen zu.
Lausche auf die Sehnsucht in dir. Auf deine Ungeduld.
Bleib ‚jungfräulich‘ empfänglich, denn immerzu kann Großes mit dir geschehen.
Was dann entsteht, braucht Begleitung.
Der Entschluss zu reisen und Reisebücher zu schreiben, ist sowas.
Das Kind der 17jährigen wird von schützenden Träumen, Schafhütern
und fernen Gestalten begleitet werden.
Was geboren wird, braucht Schutz – noch ist es klein.
Und was tut Gott? Er ist da. Er wächst – mit mir und in mir.
Und er kommt mir zugleich entgegen
und wenn ich mich verloren habe oder nicht mehr weiter kann,
dann wickelt er mich ein in den Bausch seines Gewandes und trägt mich.
VIII.
Siehe da ist euer Gott, ruft der Prophet.
Und die Freudenbotin steigt auf den Berg und ruft es laut in die Welt.
Gott ist da.
Gott ist das Ganze eurer Möglichkeiten.
Er ist Palme, Engel, Sehnsucht und eure Antwort darauf.
Er ist Ungeduld und Aufbruch, Hoffnung und Erschöpfung zugleich.
Er ist in eurer Wüste und an den Wassern von Babylon,
In euren Tränen und in euren Liedern - damals und heute.
Erwartet ihn. Er nimmt euch mit.
Amen.
* Der Blog von Thomas https://unglaeubigesstaunen.wordpress.com/ ist sehr sehr zu empfehlen! Alles, was in dieser Predigt in dieser Farbe markiert ist, ist dem Blogbeitrag "Advent 17" entnommen oder entlehnt (https://unglaeubigesstaunen.wordpress.com/2017/10/03/advent-17/?fbclid=IwAR2TUGN2mUGSjMmkzTF8NmjykWf090pgaeaLROehRHCj7DHsTCIG3x0s_Zw). Thomas selbst hat mich darauf aufmerksam gemacht, wofür ich ihm sehr dankbar bin.
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