Predigt für eine besondere Kirche
70 Jahre Auferstehungskirche in Pforzheim
Vorinformation: Die Auferstehungskirche in Pforzheim ist die erste "Notkirche" in Deutschland, die nach dem 2.Weltkrieg eingeweiht wurde. Nach den Entwürfen von Otto Bartning wurden 48 Kirchen dieser Art in kürzester Zeit errichtet. Bartning sprach dabei von der "Gestalt aus der Kraft der Not". Mithilfe von Montagebauelementen aus Holz und den Trümmersteinen vor Ort wurde die Kirche durch Profis und Gemeindeglieder errichtet. Dadurch ist jede Kirche, trotz der vorgefertigten Montageelemente ein Unikat und strahlt Geschichte und Erlebtes aus. Vor 2 Jahren wurde beantragt, dass die "Notkirchen" zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt werden. Weitere Infos dazu unter https://www.ekiba.de/html/aktuell/aktuell_u.html?&m=31&artikel=3377&cataktuell=407
Aus Psalm 84:
Wie lieblich sind deine Wohnungen, Herr Zebaoth!
Meine Seele verlangt und sehnt sich
nach den Vorhöfen des Herrn;
mein Leib und Seele freuen sich in dem lebendigen Gott.
Der Vogel hat ein Haus gefunden
und die Schwalbe ein Nest für ihre Jungen –
deine Altäre, Herr Zebaoth, mein König und mein Gott.
Wohl denen, die in deinem Hause wohnen;
die loben dich immerdar.
Wohl den Menschen, die dich für ihre Stärke halten
und von Herzen dir nachwandeln!
Wenn sie durchs dürre Tal ziehen,
wird es ihnen zum Quellgrund,
und Frühregen hüllt es in Segen.
Sie gehen von einer Kraft zur andern
und schauen den wahren Gott in Zion.
I.
Den Schlüssel halb gedreht
und schon macht das Schloss ein vertrautes Klick
und die Tür geht auf.
Ein vertrauter Geruch empfängt mich, die Katze maunzt.
Ich ziehe die Schuhe aus, hänge den Mantel auf,
lege den Schlüssel auf die Kommode.
Zuhause - ein gutes Gefühl.
Ich gehe in die Küche, stell die Kaffeemaschine an
und hole Milch aus dem Kühlschrank.
Die Katze liegt auf dem Sofa. Ich setze mich dazu. Endlich.
Angekommen.
Zuhause sein - gut so.
Dort ist im Kühlschrank immer etwas da,
womit ich schnell was kochen kann.
Und im Keller die Flasche Wein.
Zuhause: da sind Menschen, die sich auf mich freuen.
Und manchmal auch die Katze.
Sie mag meinen Mann zwar lieber,
aber ich darf ihr auch das Futter zubereiten.
Zuhause: da dürfen alle meine Gedanken sein -
die leichten und die schweren.
Da kann ich frustriert vor mich hin schimpfen,
eine oder zwei Tränen verdrücken oder auch mehr.
Da kann ich alles aussprechen und denken.
Ungeschminkt.
Zwischen Bücherregal, Lieblingsfilmen
und Erinnerungstücken von unseren Reisen
komme ich, kommt meine Seele zur Ruhe.
Wie lieblich sind deine Wohnungen, Herr Zebaoth.
Meine Seele verlangt und sehnt sich
nach den Vorhöfen des Herrn,
mein Leib und Seele freuen sich in dem lebendigen Gott.
Der Vogel hat ein Haus gefunden
und die Schwalbe ein Nest für ihre Jungen.
II.
Ein Zuhause - das braucht meine Seele.
Wo das Herz entspannt schlagen kann
und die Augen nicht alles wachsam beobachten müssen,
weil sie sich schon auskennen.
Weil mir das vertraut ist.
Es gibt Zeiten, da musst du dein Zuhause verlassen.
Und vielleicht weißt du nicht, wie lange du weg bist
oder ob das für immer ist,
Dann nimmst du etwas mit, was deiner Seele Ruhe gibt.
Was dir Halt gibt.
Ein Foto. Ein Stein.
Vielleicht das erste Freundschaftsband.
Oder die Konfirmationsbibel.
Oder ein kleines Kreuz.
Du kannst es in die Hand nehmen oder du siehst es an.
Und Bilder kommen hoch, die dich lächeln lassen.
Oder auch weinen.
Wohl den Menschen, die dich für ihre Stärke halten
und von Herzen dir nachwandeln!
Wenn sie durchs dürre Tal ziehen,
wird es ihnen zum Quellgrund,
und Frühregen hüllt es in Segen.
Sie gehen von einer Kraft zur andern….
III.
Vor 73,5 Jahren hatten die Menschen in Pforzheim ihr Zuhause verloren.
Wie in so vielen Städten in Europa.
20 Minuten genügten in Pforzheim.
Und zurück blieben Trümmer und Tod.
Und verlorene Seelen.
Verlorene Seelen, die keine Ruhe fanden
und deren Ruhe vor der Zerstörung ihrer Häuser schon trügerisch war.
„So wandeln wir nicht nur immer wieder stumm durch die Wüstenei dieser zerstörten Stadt, sondern jeder von uns ist in der eigenen Seele in Wüste und Verlassenheit geraten.“
So Otto Bartning.
„Wir sind nun Kenner der Wüste geworden.“
Wenn die Seele nicht zur Ruhe kommen kann,
wird sie krank.
Und verbittert.
Sie weiß nicht mehr, wo Gott ist
oder ob es überhaupt noch einen Gott gibt.
Weil sie ihn nicht mehr spüren kann.
Und darum konnte den Pforzheimer Seelen
und allen, die als Geflüchtete dazu kamen,
nichts besseres geschehen,
dass Christen und Christinnen im Ausland das erkannten.
Und Geld gaben.
Ausgerechnet die ehemaligen Feinde gaben Geld,
mit dem Notkirchen gebaut werden sollten.
Ruheplatz für verlorene Seelen.
Ein Zelt in der Wüste.
Der Vogel hat ein Haus gefunden
und die Schwalbe ein Nest für ihre Jungen
IV.
Die Not hat dieses Gotteshaus gestaltet.
Trümmersteine geben ihm von außen ein Gesicht.
Das Kruzifix aus der zerstörten Stadtkirche hier drinnen.
Und bei Trümmersteinen und Kruzifix
sind und bleiben die Spuren der Zerstörung zu sehen.
Ihre Erinnerungen kommen mit in dieses Gotteshaus.
Und mit ihnen die Bilder an Vergangenes,
die dich weinen lassen und vielleicht auch lächeln..
Dieses Haus ist ein Zelt.
Bartning selber nannte es „Zelt in der Wüste“.
Ein Zelt in der Wüste schützt vor Kälte und wilden Tieren.
Aber es ist nichts Bleibendes.
Es führt mir vor Augen: ich bin immer noch unterwegs.
Und ich bleibe es.
So auch hier.
In der inneren und äußeren Wüste wurde ein Zelt errichtet.
Damit meine Seele zur Ruhe kommt.
Aber wissend:
Ich bleibe Wandernde, Pilgerin, Nomadin, Gottsucherin,
Und manchmal auch Fliehende.
Und auch wenn ich hier unbedingt bleiben will,
weiß ich doch, dass ich wieder raus muss.
Obwohl ich vielleicht genau hier die Geborgenheit spüre,
nach der ich mich im Grunde meiner Seele sehne,
kann ich nicht bleiben.
Kraft schöpfen, ja.
Zur Ruhe kommen. Ja.
Aber nicht bleiben.
Ein Zelt ist keine Dauerwohnung.
Wohl den Menschen, die dich für ihre Stärke halten
und von Herzen dir nachwandeln!
Wenn sie durchs dürre Tal ziehen,
wird es ihnen zum Quellgrund,
und Frühregen hüllt es in Segen.
V.
Gott selbst ist unterwegs
Die Wolken- und Feuersäule in der Wüste, die voranzieht.
Er wohnt nicht in einem unerschütterlichen, bombensicheren Gebäude,
sondern in einem Menschen, dem Jesus aus Nazareth.
Der zog zu Lebzeiten umher
und starb draußen vor den Toren in der Fremde.
Gott zieht mit mir unbehausten Menschen durch die Wüste,
durch die innere und die äußere.
Wohl denen, die in deinem Hause wohnen;
Ja, auch ich sehne mich danach,
ganz bei Gott zuhause zu sein.
Doch ich wohne noch nicht bei Gott.
Ich bleibe im dürren Tal, unterwegs.
Aber Gott geht mit mir.
Ist mir so ganz nah.
Und ist in mir.
Auch und gerade in der Wüstenei meines Lebens.
Und dorthin schickt er mich auch wieder hinaus.
Er gibt mir Worte mit,
alte und unbequeme,
die mich Mensch sein lassen
und mir auch da draußen ein Zuhause geben.
Gott schickt mich hinaus,
dass ich ihn dort suche, wo ich ihn nicht vermute.
In den Trümmern und den Spuren von Schmerz und Leid.
In den Tränen der alten Frau auf dem Friedhof
und im Lachen des kleinen Mädchens,
wenn es auf der Mauer hier draußen balanciert.
Gott könnte gerade auf einer Bank am Waisenhausplatz sitzen
und mit einer syrischen Familie Karten spielen.
Er hockt sich vielleicht im Benckiserpark zu den Obdachlosen und hört ihnen zu.
Und ich bin sicher:
er haust in Griechenland mit den geflohenen Familien in ihren Zelten
und er weint mit den Juden und Jüdinnen in Pittsburgh.
Und ja, dort und in diesen Menschen Gott zu spüren,
das ist wie nach Hause zu kommen.
Aber manchmal habe ich nur eine Ahnung davon.
VI.
Wie lieblich sind deine Wohnungen, Herr Zebaoth!
Meine Seele verlangt und sehnt sich
nach den Vorhöfen des Herrn;
mein Leib und Seele freuen sich in dem lebendigen Gott.
Ich wohne noch nicht bei Gott.
Aber ich bin mit ihm unterwegs,
weil ich weiß, dass er mit mir geht.
Ich weiß, dass meine Seele nur mit ihm zur Ruhe kommt.
Und darum bin ich im Unterwegssein sehr froh über Oasen.
Orte, wo ich Kraft tanken kann.
Wie in dieser Kirche hier.
Das Zelt für meine Seele. Ein Zuhause, wo gut sein ist.
Hier dürfen alle meine Gedanken sein -
die leichten und die schweren.
Hier kann ich meine Wut vor Gott bringen.
Hier kann ich Brot und Wein mit euch teilen
und eine oder zwei Tränen verdrücken oder auch mehr.
Hier bin ich zuhause
Mit meiner inneren Wüste. Ungeschminkt.
Mit den Kratzern auf meiner Seele.
Die erkenne ich am Jesus hier wieder (Kruzifix).
Eine Not-Kirche, wo meine Not Platz hat.
Und meine Freude auch.
Und wo mein Herz entspannt schlagen kann.
Dieser Gott hat uns ein Zelt gebaut,
Mit den Trümmern der Stadt
und der Kraft und der Liebe der Menschen.
Hier schöpfen wir Kraft, tanken auf,
Beten und singen - still und laut.
Und bekennen uns zu diesem Gott,
der in den Wüsten des Lebens zu finden ist.
Von hier nehme ich mit, was mir Halt gibt.
Ein Wort. Ein Liedvers. Ein Gebet vielleicht.
Ja, und dann kann ich auch wieder hinaus gehen.
Und mit Gott unterwegs sein.
Amen.
Sonntag, 28. Oktober 2018
Sonntag, 21. Oktober 2018
Raben, Ackerblumen und 6/8-Takt
Predigt zu Matthäus 6,25-34
und zur Kantate BWV 138 "Warum betrübst du dich mein Herz"*
(mit besonderem Dank an Holger Pyka (v.a. III + IV) und Michael Greßler (v.a. I) für ihre Formulierungsimpulse)
Textpassagen in Blau sind der Kantate entnommen. Den vollständigen Text der Kantate hänge ich unten an.
Sorgt euch nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet;
auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet.
Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung
und der Leib mehr als die Kleidung?
Seht die Vögel unter dem Himmel an:
Sie säen nicht, sie ernten nicht,
sie sammeln nicht in die Scheunen;
und euer himmlischer Vater ernährt sie doch.
Seid ihr denn nicht viel kostbarer als sie?
Wer ist aber unter euch, der seiner Länge eine Elle zusetzen könnte,
wie sehr er sich auch darum sorgt?
Und warum sorgt ihr euch um die Kleidung?
Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen:
Sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht.
Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit
nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen.
Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet,
das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird:
Sollte er das nicht viel mehr für euch tun, ihr Kleingläubigen?
Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen:
Was werden wir essen?
Was werden wir trinken?
Womit werden wir uns kleiden?
Nach dem allen trachten die Heiden.
Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft.
Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes
und nach seiner Gerechtigkeit,
so wird euch das alles zufallen.
Darum sorgt nicht für morgen,
denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen.
Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.
I.
Manchmal sind sie schon morgens da.
Die Sorgen.
Grau stehen sie am Bett.
Und einen grauen Schleier legen sie dir um den Tag.
Die Sorge um den kranken Ehemann:
schlägt die Therapie endlich an?
Die Sorge um den Freund:
wird er tatsächlich abgeschoben,
wie es der Brief von gestern ankündigt?
Oder die Sorge um dein Land
und ob die Demokratie noch stark genug ist.
Alles das kann so nach dir greifen,
dass du nichts anderes mehr denken kannst.
„Ach Sorgen, werdet ihr denn alle Morgen und alle Tage wieder neu?“
So könntest du mitklagen.
Ganz schlimm wird es, wenn du das Gefühl hast:
Ich muss das alles alleine tragen.
Wenn du keinen Gott an deiner Seite spürst.
Und dann singst du mit gebrochener Stimme mit:
„Ich bin verlassen, es scheint,
als wollte mich auch Gott bei meiner Armut hassen.“
II.
„Dein Vater und dein Herre Gott, der steht dir bei in aller Not.“
Ach, lieber Johann Sebastian Bach - das kommt mir zu schnell.
Ja, ich weiß, du folgst den Worten Jesu:
Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen:
Was werden wir essen?
Was werden wir trinken?
Womit werden wir uns kleiden?
Nach dem allen trachten die Heiden.
Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft.
Ich ärgere mich über diese Worte.
Empfinde sie als zynisch.
Und neige dazu, darin die typischen Worte eines Wanderpredigers zu hören.
Einer, der eben umherzieht.
Und dessen Jünger und wahrscheinlich vor allem die Jüngerinnen
nach was zu essen für alle schauen.
Keiner von uns lebt von der Hand in den Mund.
Und ich bin froh, dass wir ein soziales System haben,
In ihm können auch die Armen zumindest überleben.
Zu mehr reicht es aber auch selbst in unserem Land für viele nicht.
Wenn eine Alleinerziehende fragt:
Wie soll ich die Klassenfahrt meiner Tochter bezahlen?
Dann sage ich nicht: Nach all dem trachten die Heiden…. Darum sorge dich nicht.
Ich ärgere mich über diese Worte.
Und gerade deshalb sind sie wohl auch wichtig.
Jesu Worte reißen mich raus aus dem grauen Schleier meiner Sorgen.
Wirbeln wie ein Wind den Nebel auf.
Und sie unterbrechen meine Betriebsamkeit,
die kennt nichts anderes mehr als
das immer mehr, immer sicherer, immer weiter.
Versicherungen. Absicherungen. Geld verdienen.
Für eine gute Rente arbeiten bis zum Umfallen.
Keine Unsicherheiten zulassen.
Sorgen groß machen und politisch instrumentalisieren,
Grenzen zu. Mauern hoch.
Und besorgt auf die Straße gehen.
Sorgen klingen besser als Neid oder Missgunst oder Kleingeist.
Auf Sorgen muss man hören. Auf Neid nicht.
Da reißt Jesus die Maske ab von unserer kleinbürgerlichen Ängstlichkeit.
III.
Ja, es gibt ein Sorgen, das unfrei macht.
Es wird zum Gefängnis
und schneidet dich ab von der Welt und den Menschen um dich herum.
Ein Sorgen, das Einzelne und ganze Gesellschaften in sich verkrümmt.
Dieses Sorgen macht unfrei, weil es aus Irrtümern geboren wird:
Dass in diesem Leben irgendeine letzte, absolute Sicherheit zu haben ist
und dass wir es in der Hand haben.
Aus dem Volksmund kennen wir die Parolen:
Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott.
Jeder ist seines Glückes Schmied,
und ein bisschen Unsterblichkeit kann sich jeder schaffen,
indem er ein Haus baut, ein Kind zeugt, einen Baum pflanzt
oder ein Buch schreibt.
Aber das ist letztendlich Blödsinn.
Wer ist unter euch,
der seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen könnte,
wie sehr er sich auch darum sorgt?
Die wichtigen Dinge im Leben sind weder käuflich noch sonst wie zu sichern.
Binsenweisheit.
Das weiß der Neunjährige,
der unsterblich in seine Sitznachbarin aus seiner Klasse verliebt ist -
aber noch nicht mal eine ganze bunte Tüte vom Kiosk
noch das Versprechen, ihr jeden Tag den Schulranzen zu tragen,
kann sie dazu bewegen,
seine Freundin zu werden.
Das weiß auch die erfolgreiche Geschäftsfrau
mit viel Geld auf dem Konto,
als ihr der Arzt mit ernstem Gesicht eine Diagnose übermittelt,
in der das schlimme Wort „unheilbar“ vorkommt.
Und das wissen auch die vielen Familien in Sulawesi,
deren Dörfer vom Tsunami weggeschwemmt wurden.
Das Warnsystem hat versagt.
Aber ihre Häuser hätten sie in jedem Fall verloren.
Ganze Moscheen und Kirchen sind eingekracht.
Interessanterweise können aber gerade die Ärmsten der Welt
mit dieser Unsicherheit des Lebens besser umgehen als wir,
die wir meinen alles im Griff zu haben.
IV.
Euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft.
Glaube ich ihm das?
Glaube ich Jesus,
dass da einer ist,
der mich in diesem ganzen unsicheren Lebenswahnsinn hält und trägt?
Ja. Ich will ihm das glauben.
Obwohl oder gerade weil Jesus so anders klingt als die besorgten Stimmen,
die gerade so laut sind
und die nach Mauern und Sicherheiten und Abschottung schreien
- auch in mir.
Ich will ihm glauben, diesem Wanderprediger voller Gottvertrauen,
und mein Blick folgt seinem ausgestreckten Zeigefinger
und fällt auf Vögel, die scheinbar schwerelos den Himmel durchziehen
und auf Blumen, die das Feld bedecken.
Und bei genauerem Hinsehen entdecke ich:
es sind nicht irgendwelche Vögel und nicht irgendwelche Blumen.
Genau ist es nicht zu erkennen, aber es sind wahrscheinlich Raben,
auf die Jesus da zeigt,
Raben - diese schwarzen Biester,
bei uns als Diebe und Unglücksboten verschrien
und im alten Israel als unrein betrachtet.
Aber die eine oder andere sieht die Vögel
und denkt vielleicht an die alten Geschichte vom Propheten Elia:
Den versorgen ausgerechnet die Raben auf seiner Flucht mit Brot und Fleisch.
Ausgerechnet die Raben, denen keiner irgendetwas zugetraut hätte.
Außer Jesus:
der hält dann vielleicht noch ganz andere Überraschungen bereit.
Und es sind auch nicht nur Lilien, auf die Jesus da zeigt,
sondern alle möglichen Sorten von Ackerblumen,
unkultiviert im wahrsten Sinne des Wortes,
wilde und freie Gewächse,
die sehen nicht nur schön aus,
sondern sie können auch nach ihrem Verblühen
von den armen Leuten genutzt werden,
um den Ofen anzuheizen.
Schaut Euch die Vögel am Himmel an
und lernt von den Blumen auf dem Feld
und seht mit eigenen Augen:
Wo man nicht vor der Sorge um das eigene Leben kapituliert,
da wachsen Flügel,
da blüht es bunt und schön.
Und dieses Leben ist so viel mehr als eine sichere Bank.
V.
Ja, ich glaube ihm das, diesem Jesus,
und ich lasse die Vögel und die Blumen zurück
und höre und sehe mich um in der Welt
und entdecke immer mehr Zeichen
und, wer weiß, vielleicht sogar Wunder.
Und dann sehe ich, dass das Reich Gottes aufblitzt.
Und das Grau der Sorgen weicht den Herbstfarben.
Hier und da.
Ich sehe, dass die Sea-Watch endlich wieder den Hafen von Malta verlassen darf
und hoffentlich sticht sie bald wieder in See, um Menschenleben zu retten.
Ich höre von einer ganzen Klasse:
die sammelt Geld, damit die Mitschülerin doch noch mitfahren kann.
Ich sehe die 240.000, die auf der unteilbar-Demo in Berlin waren
und die machten das „wir sind mehr“ sichtbar.
Und ich höre Töne im 6/8-Takt:
die trösten mich und machen mein Herz leichter.
„Auf Gott steht meine Zuversicht, mein Glaube läßt ihn walten.“
Das höre ich und du hörst es auch.
Und vielleicht willst du dann sogar durch die Kirche tanzen
und ihre bunten Fenster geben den gesungenen Worten recht.
VI.
Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes
und nach seiner Gerechtigkeit,
so wird euch das alles zufallen.
Ich glaube ihm diesem Jesus.
Ich will mich von seinem Vertrauen leiten lassen -
von seinem Vertrauen statt von meiner Sorge und Angst.
Ich glaube, dass Gott es gut mit mir und der Welt meint.
Und will genau hinschauen und hinhören:
wo blitzt das Reich Gottes auf und wo ist es zu hören?
Es ist da.
Dort, wo wir beide sind.
„Nun kann ich wie im Himmel leben.“
Das höre ich und nehme es mit.
Und meine Sorgen -
die lasse ich hier.
Amen.
*Text der Kantate:
1.
Warum betrübst du dich mein Herze?
Bekümmerst dich und trägest Schmerz
Nur um das zeitliche Gut?
Ach, ich bin arm,
mich drücket schwere Sorgen.
Vom Abend bis zum Morgen
währet meine liebe Not.
Dass Gott erbarm!
Wer wird mich noch erlösen
vom Leibe dieser bösen und argen Welt?
Wie elend ists um mich bestellt!
Ach! wär ich doch nur tot.
Vertrau du deinem Herren Gott, der alle Ding erschaffen hat.
2.
Ich bin veracht'
der Herr hat mich zum Leiden am Tage seines Zorns gemacht
der Vorrat, hauszuhalten, ist ziemlich klein
man schenkt mir vor den Wein der Freuden den bittern Kelch der Tränen ein.
Wie kann ich nun mein Amt mit Ruh verwalten,
wenn Seufzer meine Speise und Tränen das Getränke sein?
3.
Er kann und will dich lassen nicht,
er weiß gar wohl, was dir gebricht,
Himmel und Erd ist sein!
Ach, wie?
Gott sorget freilich vor das Vieh,
er gibt den Vögeln seine Speise, er sättiget die jungen Raben,
nur ich, ich weiß nicht,
auf was Weise ich armes Kind mein bißchen Brot soll haben
wo ist jemand, der sich zu meiner Rettung findt?
Dein Vater und dein Herre Gott, der dir beisteht in aller Not.
Ich bin verlassen,
es scheint, als wollte mich auch Gott bei meiner Armut hassen,
da ers doch immer gut mit mir gemeint.
Ach Sorgen, werdet ihr denn alle Morgen und alle Tage wieder neu?
So klage ich immerfort
Ach! Armut! Hartes Wort, wer steht mir denn in meinem Kummer bei?
Dein Vater und dein Herre Gott, der steht dir bei in aller Not.
4.
Ach süßer Trost!
Wenn Gott mich nicht verlassen und nicht versäumen will,
so kann ich in der Stille und in Geduld mich fassen.
Die Welt mag immerhin mich hassen,
so werf ich meine Sorgen mit Freuden auf den Herrn,
und hilft er heute nicht, so hilft er mir doch morgen.
Nun leg ich herzlich gern die Sorgen unters Kissen
und mag nichts mehr als dies zu meinem Troste wissen:
5.
Auf Gott steht meine Zuversicht, mein Glaube läßt ihn walten.
Nun kann mich keine Sorge nagen, nun kann mich auch kein Armut plagen.
Bleibt er mein Vater, meine Freude er will mich wunderlich erhalten.
6.
So will ich auch recht sanfte ruhn.
Euch, Sorgen! Sei der Scheidebrief gegeben.
Nun kann ich wie im Himmel leben.
7.
Weil du mein Gott und Vater bist,
dein Kind wirst du verlassen nicht,
du väterliches Herz!
Ich bin ein armer Erdenkloß,
auf Erden weiß ich keinen Trost
und zur Kantate BWV 138 "Warum betrübst du dich mein Herz"*
(mit besonderem Dank an Holger Pyka (v.a. III + IV) und Michael Greßler (v.a. I) für ihre Formulierungsimpulse)
Textpassagen in Blau sind der Kantate entnommen. Den vollständigen Text der Kantate hänge ich unten an.
Sorgt euch nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet;
auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet.
Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung
und der Leib mehr als die Kleidung?
Seht die Vögel unter dem Himmel an:
Sie säen nicht, sie ernten nicht,
sie sammeln nicht in die Scheunen;
und euer himmlischer Vater ernährt sie doch.
Seid ihr denn nicht viel kostbarer als sie?
Wer ist aber unter euch, der seiner Länge eine Elle zusetzen könnte,
wie sehr er sich auch darum sorgt?
Und warum sorgt ihr euch um die Kleidung?
Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen:
Sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht.
Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit
nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen.
Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet,
das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird:
Sollte er das nicht viel mehr für euch tun, ihr Kleingläubigen?
Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen:
Was werden wir essen?
Was werden wir trinken?
Womit werden wir uns kleiden?
Nach dem allen trachten die Heiden.
Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft.
Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes
und nach seiner Gerechtigkeit,
so wird euch das alles zufallen.
Darum sorgt nicht für morgen,
denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen.
Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.
I.
Manchmal sind sie schon morgens da.
Die Sorgen.
Grau stehen sie am Bett.
Und einen grauen Schleier legen sie dir um den Tag.
Die Sorge um den kranken Ehemann:
schlägt die Therapie endlich an?
Die Sorge um den Freund:
wird er tatsächlich abgeschoben,
wie es der Brief von gestern ankündigt?
Oder die Sorge um dein Land
und ob die Demokratie noch stark genug ist.
Alles das kann so nach dir greifen,
dass du nichts anderes mehr denken kannst.
„Ach Sorgen, werdet ihr denn alle Morgen und alle Tage wieder neu?“
So könntest du mitklagen.
Ganz schlimm wird es, wenn du das Gefühl hast:
Ich muss das alles alleine tragen.
Wenn du keinen Gott an deiner Seite spürst.
Und dann singst du mit gebrochener Stimme mit:
„Ich bin verlassen, es scheint,
als wollte mich auch Gott bei meiner Armut hassen.“
II.
„Dein Vater und dein Herre Gott, der steht dir bei in aller Not.“
Ach, lieber Johann Sebastian Bach - das kommt mir zu schnell.
Ja, ich weiß, du folgst den Worten Jesu:
Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen:
Was werden wir essen?
Was werden wir trinken?
Womit werden wir uns kleiden?
Nach dem allen trachten die Heiden.
Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft.
Ich ärgere mich über diese Worte.
Empfinde sie als zynisch.
Und neige dazu, darin die typischen Worte eines Wanderpredigers zu hören.
Einer, der eben umherzieht.
Und dessen Jünger und wahrscheinlich vor allem die Jüngerinnen
nach was zu essen für alle schauen.
Keiner von uns lebt von der Hand in den Mund.
Und ich bin froh, dass wir ein soziales System haben,
In ihm können auch die Armen zumindest überleben.
Zu mehr reicht es aber auch selbst in unserem Land für viele nicht.
Wenn eine Alleinerziehende fragt:
Wie soll ich die Klassenfahrt meiner Tochter bezahlen?
Dann sage ich nicht: Nach all dem trachten die Heiden…. Darum sorge dich nicht.
Ich ärgere mich über diese Worte.
Und gerade deshalb sind sie wohl auch wichtig.
Jesu Worte reißen mich raus aus dem grauen Schleier meiner Sorgen.
Wirbeln wie ein Wind den Nebel auf.
Und sie unterbrechen meine Betriebsamkeit,
die kennt nichts anderes mehr als
das immer mehr, immer sicherer, immer weiter.
Versicherungen. Absicherungen. Geld verdienen.
Für eine gute Rente arbeiten bis zum Umfallen.
Keine Unsicherheiten zulassen.
Sorgen groß machen und politisch instrumentalisieren,
Grenzen zu. Mauern hoch.
Und besorgt auf die Straße gehen.
Sorgen klingen besser als Neid oder Missgunst oder Kleingeist.
Auf Sorgen muss man hören. Auf Neid nicht.
Da reißt Jesus die Maske ab von unserer kleinbürgerlichen Ängstlichkeit.
III.
Ja, es gibt ein Sorgen, das unfrei macht.
Es wird zum Gefängnis
und schneidet dich ab von der Welt und den Menschen um dich herum.
Ein Sorgen, das Einzelne und ganze Gesellschaften in sich verkrümmt.
Dieses Sorgen macht unfrei, weil es aus Irrtümern geboren wird:
Dass in diesem Leben irgendeine letzte, absolute Sicherheit zu haben ist
und dass wir es in der Hand haben.
Aus dem Volksmund kennen wir die Parolen:
Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott.
Jeder ist seines Glückes Schmied,
und ein bisschen Unsterblichkeit kann sich jeder schaffen,
indem er ein Haus baut, ein Kind zeugt, einen Baum pflanzt
oder ein Buch schreibt.
Aber das ist letztendlich Blödsinn.
Wer ist unter euch,
der seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen könnte,
wie sehr er sich auch darum sorgt?
Die wichtigen Dinge im Leben sind weder käuflich noch sonst wie zu sichern.
Binsenweisheit.
Das weiß der Neunjährige,
der unsterblich in seine Sitznachbarin aus seiner Klasse verliebt ist -
aber noch nicht mal eine ganze bunte Tüte vom Kiosk
noch das Versprechen, ihr jeden Tag den Schulranzen zu tragen,
kann sie dazu bewegen,
seine Freundin zu werden.
Das weiß auch die erfolgreiche Geschäftsfrau
mit viel Geld auf dem Konto,
als ihr der Arzt mit ernstem Gesicht eine Diagnose übermittelt,
in der das schlimme Wort „unheilbar“ vorkommt.
Und das wissen auch die vielen Familien in Sulawesi,
deren Dörfer vom Tsunami weggeschwemmt wurden.
Das Warnsystem hat versagt.
Aber ihre Häuser hätten sie in jedem Fall verloren.
Ganze Moscheen und Kirchen sind eingekracht.
Interessanterweise können aber gerade die Ärmsten der Welt
mit dieser Unsicherheit des Lebens besser umgehen als wir,
die wir meinen alles im Griff zu haben.
IV.
Euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft.
Glaube ich ihm das?
Glaube ich Jesus,
dass da einer ist,
der mich in diesem ganzen unsicheren Lebenswahnsinn hält und trägt?
Ja. Ich will ihm das glauben.
Obwohl oder gerade weil Jesus so anders klingt als die besorgten Stimmen,
die gerade so laut sind
und die nach Mauern und Sicherheiten und Abschottung schreien
- auch in mir.
Ich will ihm glauben, diesem Wanderprediger voller Gottvertrauen,
und mein Blick folgt seinem ausgestreckten Zeigefinger
und fällt auf Vögel, die scheinbar schwerelos den Himmel durchziehen
und auf Blumen, die das Feld bedecken.
Und bei genauerem Hinsehen entdecke ich:
es sind nicht irgendwelche Vögel und nicht irgendwelche Blumen.
Genau ist es nicht zu erkennen, aber es sind wahrscheinlich Raben,
auf die Jesus da zeigt,
Raben - diese schwarzen Biester,
bei uns als Diebe und Unglücksboten verschrien
und im alten Israel als unrein betrachtet.
Aber die eine oder andere sieht die Vögel
und denkt vielleicht an die alten Geschichte vom Propheten Elia:
Den versorgen ausgerechnet die Raben auf seiner Flucht mit Brot und Fleisch.
Ausgerechnet die Raben, denen keiner irgendetwas zugetraut hätte.
Außer Jesus:
der hält dann vielleicht noch ganz andere Überraschungen bereit.
Und es sind auch nicht nur Lilien, auf die Jesus da zeigt,
sondern alle möglichen Sorten von Ackerblumen,
unkultiviert im wahrsten Sinne des Wortes,
wilde und freie Gewächse,
die sehen nicht nur schön aus,
sondern sie können auch nach ihrem Verblühen
von den armen Leuten genutzt werden,
um den Ofen anzuheizen.
Schaut Euch die Vögel am Himmel an
und lernt von den Blumen auf dem Feld
und seht mit eigenen Augen:
Wo man nicht vor der Sorge um das eigene Leben kapituliert,
da wachsen Flügel,
da blüht es bunt und schön.
Und dieses Leben ist so viel mehr als eine sichere Bank.
V.
Ja, ich glaube ihm das, diesem Jesus,
und ich lasse die Vögel und die Blumen zurück
und höre und sehe mich um in der Welt
und entdecke immer mehr Zeichen
und, wer weiß, vielleicht sogar Wunder.
Und dann sehe ich, dass das Reich Gottes aufblitzt.
Und das Grau der Sorgen weicht den Herbstfarben.
Hier und da.
Ich sehe, dass die Sea-Watch endlich wieder den Hafen von Malta verlassen darf
und hoffentlich sticht sie bald wieder in See, um Menschenleben zu retten.
Ich höre von einer ganzen Klasse:
die sammelt Geld, damit die Mitschülerin doch noch mitfahren kann.
Ich sehe die 240.000, die auf der unteilbar-Demo in Berlin waren
und die machten das „wir sind mehr“ sichtbar.
Und ich höre Töne im 6/8-Takt:
die trösten mich und machen mein Herz leichter.
„Auf Gott steht meine Zuversicht, mein Glaube läßt ihn walten.“
Das höre ich und du hörst es auch.
Und vielleicht willst du dann sogar durch die Kirche tanzen
und ihre bunten Fenster geben den gesungenen Worten recht.
VI.
Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes
und nach seiner Gerechtigkeit,
so wird euch das alles zufallen.
Ich glaube ihm diesem Jesus.
Ich will mich von seinem Vertrauen leiten lassen -
von seinem Vertrauen statt von meiner Sorge und Angst.
Ich glaube, dass Gott es gut mit mir und der Welt meint.
Und will genau hinschauen und hinhören:
wo blitzt das Reich Gottes auf und wo ist es zu hören?
Es ist da.
Dort, wo wir beide sind.
„Nun kann ich wie im Himmel leben.“
Das höre ich und nehme es mit.
Und meine Sorgen -
die lasse ich hier.
Amen.
*Text der Kantate:
1.
Warum betrübst du dich mein Herze?
Bekümmerst dich und trägest Schmerz
Nur um das zeitliche Gut?
Ach, ich bin arm,
mich drücket schwere Sorgen.
Vom Abend bis zum Morgen
währet meine liebe Not.
Dass Gott erbarm!
Wer wird mich noch erlösen
vom Leibe dieser bösen und argen Welt?
Wie elend ists um mich bestellt!
Ach! wär ich doch nur tot.
Vertrau du deinem Herren Gott, der alle Ding erschaffen hat.
2.
Ich bin veracht'
der Herr hat mich zum Leiden am Tage seines Zorns gemacht
der Vorrat, hauszuhalten, ist ziemlich klein
man schenkt mir vor den Wein der Freuden den bittern Kelch der Tränen ein.
Wie kann ich nun mein Amt mit Ruh verwalten,
wenn Seufzer meine Speise und Tränen das Getränke sein?
3.
Er kann und will dich lassen nicht,
er weiß gar wohl, was dir gebricht,
Himmel und Erd ist sein!
Ach, wie?
Gott sorget freilich vor das Vieh,
er gibt den Vögeln seine Speise, er sättiget die jungen Raben,
nur ich, ich weiß nicht,
auf was Weise ich armes Kind mein bißchen Brot soll haben
wo ist jemand, der sich zu meiner Rettung findt?
Dein Vater und dein Herre Gott, der dir beisteht in aller Not.
Ich bin verlassen,
es scheint, als wollte mich auch Gott bei meiner Armut hassen,
da ers doch immer gut mit mir gemeint.
Ach Sorgen, werdet ihr denn alle Morgen und alle Tage wieder neu?
So klage ich immerfort
Ach! Armut! Hartes Wort, wer steht mir denn in meinem Kummer bei?
Dein Vater und dein Herre Gott, der steht dir bei in aller Not.
4.
Ach süßer Trost!
Wenn Gott mich nicht verlassen und nicht versäumen will,
so kann ich in der Stille und in Geduld mich fassen.
Die Welt mag immerhin mich hassen,
so werf ich meine Sorgen mit Freuden auf den Herrn,
und hilft er heute nicht, so hilft er mir doch morgen.
Nun leg ich herzlich gern die Sorgen unters Kissen
und mag nichts mehr als dies zu meinem Troste wissen:
5.
Auf Gott steht meine Zuversicht, mein Glaube läßt ihn walten.
Nun kann mich keine Sorge nagen, nun kann mich auch kein Armut plagen.
Bleibt er mein Vater, meine Freude er will mich wunderlich erhalten.
6.
So will ich auch recht sanfte ruhn.
Euch, Sorgen! Sei der Scheidebrief gegeben.
Nun kann ich wie im Himmel leben.
7.
Weil du mein Gott und Vater bist,
dein Kind wirst du verlassen nicht,
du väterliches Herz!
Ich bin ein armer Erdenkloß,
auf Erden weiß ich keinen Trost
Montag, 8. Oktober 2018
Scherbe der Erinnerung
Predigt zum 75. Jahrestag der Bombardierung Böblingens am 7.10.2018
I.
Nachmittags schien noch die Sonne. Damals.
Nachmittags waren die Böblinger auf ihren Baumäckern vor der Stadt
und ernteten Obst. *
Müde sank man abends ins Bett. Damals.
Auch unbesorgt.
Ja, es gab in jüngster Zeit immer mehr Fliegerangriffe auf Deutschland
und immer häufiger zogen feindliche Bomberpulks über die Stadt.
Und ja, der Flugplatz war im Visier der Alliierten.
Aber heute doch nicht.
Denn es hatte sich ein dichter, undurchdringlicher Nebel ausgebreitet.
Wie eine Tarnkappe hat er sich über die Stadt gelegt.
Er ließ den Gedanken an eine Gefahr gar nicht erst aufkommen.
Es war der 7. Oktober 1943.
Und dann bricht plötzlich gegen Mitternacht das Inferno los.
Kinder jagen barfuss und im Nachthemd die Treppen herab in die Keller.
Auf allen Seiten heulen Bomben herab,
explodieren mit ohrenbetäubendem Knall und zuckenden Blitzen.
Fensterscheiben bersten,
Dachziegel poltern in geräuschvollen Lawinen das Dach herab.
Brände flackern auf, Blitze zucken.
Heulen und Detonationen auf allen Seiten.
Und im Keller breitet sich Todesangst aus.
Kinder heulen und wimmern,
Frauen und Männer beten laut.
Sie schmiegen sich aneinander
und können sonst nichts tun.
Gott, sei mir gnädig, denn Menschen stellen mir nach;
täglich bekämpfen und bedrängen sie mich.
Wenn ich mich fürchte, so hoffe ich auf dich.
Sammle meine Tränen in deinen Krug;
ohne Zweifel, du zählst sie. (Ps 56, 2+9)
II.
Dauert es eine halbe Stunde?
Oder eine ganze?
Auf jeden Fall eine halbe Ewigkeit des Schreckens.
Kaum zu glauben, dass sie ein Ende hat.
Es braucht Zeit,
sich aus den Klauen der Todesangst zu lösen.
Sich wieder ins Freie trauen.
Schreckliche Bilder brennen sich ein ins Gedächtnis.
Die Trümmer. Die brennenden Balken.
Die Hitze. Der Brandgeruch, tagelang.
Die Stadtkirche ist zerstört. Der Schlossberg ein Trümmerfeld.
Und ganze Familien sind in den Kellern erstickt.
In Böblingen.
In Pforzheim. In Dresden.
In Hamburg. In Stuttgart. In Berlin.
In Coventry. In London. In Rotterdam.
Ein erbarmungsloser Krieg.
Angefacht von Menschenverächtern,
Denen zu viele,
viel zu viele Menschen in Deutschland folgten.
Gott, sei mir gnädig, denn Menschen stellen mir nach;
täglich bekämpfen und bedrängen sie mich.
Wenn ich mich fürchte, so hoffe ich auf dich.
Sammle meine Tränen in deinen Krug;
ohne Zweifel, du zählst sie. (Ps 56, 2+9)
III.
Böblingen war damals noch klein.
Aber nach dem Krieg wuchs die Stadt.
Menschen zogen hierher
und brachten ihre Geschichten mit.
Ihre Geschichten des Leids und des Krieges
und des Verlustes.
Und sie wurden aufgenommen von den Böblingern.
Obwohl nichts da war.
Eine Geschichte von denen, die kamen,
könnte die von Helga sein.**
Als kleines Mädchen ist sie bei ihrem Großvater.
In Böhmen.
Er schnitzt ihr eine Puppe.
Eines Tages bringt sie ihm Herbstzweige. Buntes Laub.
Er freut sich und steckt sie in einen Krug.
Das sieht vor dem Schnee schön aus.
Doch dann kommen 2 Soldaten.
Als der Großvater sie sieht,
schickt er die kleine Helga auf den Dachboden.
Woher die Soldaten kommen, weiß sie nicht.
Aber sie weiß, sie könnte sterben.
Im Arm hat sie nicht ihre Puppe,
sondern den Krug mit Herbstzweigen.
Nun duckt sie sich im Dunkeln.
Der eine Soldat lässt sich vom Großvater die Schuhe putzen.
Lacht ihn aus.
Und schickt den anderen ins Haus, um nachzuschauen,
Vielleicht ist da noch jemand?
Plötzlich fällt draußen ein Schuss.
Der Soldat draußen lacht. Helga fängt an zu weinen.
Und weiß: ihr Großvater ist tot.
Da sieht sie der zweite Soldat.
Schaut ihr in die Augen.
Und wie sie den Krug umarmt.
Er führt seinen Finger an seine Lippen
und flüstert: "Bleib ganz still."
Dann geht er langsam zurück.
Und stolpert.
Ein Schuss löst sich.
Helga lässt den Krug fallen, der in lauter Scherben zerfällt.
Der Soldat sammelt die Scherben ein und läuft runter.
Ich habe nur einen Krug zerschossen, ruft er.
Der andere lacht.
Zurück bleibt Helga.
Und eine Scherbe vom Krug,
die der Soldat übersehen hat.
Gott, sei mir gnädig, denn Menschen stellen mir nach;
täglich bekämpfen und bedrängen sie mich.
Wenn ich mich fürchte, so hoffe ich auf dich.
Sammle meine Tränen in deinen Krug…. (Ps 56, 2+9)
IV.
Helga kommt in den Westen. Wie so viele.
Hier baut sie ihr neues Leben auf.
Nach dem Krieg.
Und findet ein neues Zuhause.
Wie so viele.
Über das, was damals in Böhmen passiert ist,
verliert sie kein Wort.
Wie so viele.
Auch was vorher in Deutschland geschehen ist und zum Krieg geführt hat,
das schaut sie lieber nicht an.
Wie fast alle.
Nur die Scherbe vom Krug - die behält Helga.
Es ist das Letzte, was von ihrem Großvater blieb.
Und so kommen Menschen wie Helga hierher.
Aus den östlichen Gebieten.
Aus Siebenbürgen und von der Wolga.
Aus Böhmen und Pommern.
Sie müssen ihre Heimat verlassen.
Und es kommen Menschen aus Italien und Spanien und der Türkei.
Sie wollen hier arbeiten. Und werden gebraucht.
Alle sie kommen hierher und bringen ihre Geschichten mit.
Ihren Verlust. Ihre Trauer. Ihre Einsamkeit. Ihre Schuld.
Sie kommen hierher
und bauen die Stadt mit den Hiergeborenen auf und weiter.
Oft nicht gewollt und oft geschmäht,
weil sie kein Schwäbisch sprechen.
Und auch, weil man ja selbst nicht genug hatte.
Aber die Hinzugekommenen bleiben.
Verlieben sich. Heiraten. Bekommen Kinder.
Streiten sich. Versöhnen sich wieder.
Lachen. Weinen. Arbeiten. Schlafen.
Das Leben geht für alle weiter -
auch mit den Tränen im Gepäck.
Und die Erinnerung ist dabei - oft tief verschlossen.
Ganz tief unten im Herzen.
Dort tut die Narbe immer wieder weh.
Die Scherbe vom Krug.
Ein vergilbtes Schwarz-Weiß-Bild vielleicht.
Die Stimme der jüdischen Klassenkameradin,
die auf einmal weg war.
Die Locke von der Liebsten in Andalusien.
Die zerknitterte Bibel mit dem Goldrand.
Gerade noch gerettet.
Und die Erinnerungen blitzen auf.
Wie der Turmhahn - übrig von der alten Stadtkirche.
Oder wie die Trümmersteine mit den alten Jahreszahlen.
Mitten in den neuen Gebäuden.
Man hat sie mit eingebaut.
Wenn man genau hinschaut, sieht man sie.
Stolpersteine.
Reste der Erinnerung.
Zähle die Tage meiner Flucht,
sammle meine Tränen in deinen Krug;
ohne Zweifel, du zählst sie. (Ps 56,9)
V.
Gott zählt die Tränen.
Keine einzige übersieht er.
Gott setzt sich mit dir auf die Bank und hört dir zu.
Sie nimmt dich in den Arm und reicht dir ein Taschentuch,
wenn dein eigenes schon zu nass ist.
Gott weint mit -
Er verrät dich nicht.
Er sieht deine Angst in den Augen
und sagt, dass er den Krug zerschossen hat.
Und du fragst ihn,
warum er nicht auch deinen Großvater gerettet hat.
Und Gott weint um ihn, den gütigen Alten, der dir eine Puppe geschnitzt hat.
Die Frage bleibt.
Und eine Antwort gibt es nicht.
Gab es noch nie.
Außer die:
Gott steht immer auf der Seite derer,
die geschlagen und getreten, deportiert und getötet werden.
Gott selber wird getötet. Am Kreuz.
Von Henkern und Soldaten.
Von Bomben und Tretminen.
Von allem, was wir uns Menschen antun.
Aber er lässt es nicht beim Kreuz.
Und lässt es nicht beim Tod.
Sondern steht auf.
Zum Lebenstanz.
Mit denen, die für das Leben kämpfen.
Und mit denen, die dazu noch zu müde sind.
Ich sehe Gott,
wie er Nadia Murat nach ihren zahllosen Vergewaltigungen durch den IS ermutigt,
trotzdem darüber zu reden
und wie sie anderen Frauen Mut macht.
Und ich sehe Gott einen Freudentanz aufführen,
weil Nadia Murat dafür den Friedensnobelpreis bekommt.
Ich sehe Gott tanzen
zusammen mit ihrer toten Mutter
und den vielen Frauen, die gedemütigt wurden
und mit dem Großvater von Helga.
Zähle die Tage meiner Flucht,
sammle meine Tränen in deinen Krug;
ohne Zweifel, du zählst sie.
Dann werden meine Feinde zurückweichen,
wenn ich dich anrufe.
Das weiß ich, dass du mein Gott bist. (Ps 56, 9+10)
VI.
Gott zählt die Tränen und für Gott zählt jeder Mensch.
Und er führt Menschen zusammen, die einander brauchen
und sich die Augen öffnen.
Damit sie ihre Geschichten erzählen.
Und auch die Schatten nicht verschweigen.
Helga hat nach 70 Jahren den Krug wiedergefunden.
In einem Antiquitätenladen in Görlitz sieht sie ihn.
Wieder zusammengefügt.
Aber es fehlt ein Stück.
Ihr Scherbenstück.
Sie will den Krug gekaufen.
Aber der Besitzer Jakub verkauft ihn nicht.
Unverkäuflich - sagt er mit russischem Akzent.
Sie bietet 10.000 €.
Aber er geht mit ihr an einen Tisch.
Setzen Sie sich.
Und schenkt ihr Tee ein.
Erzählen Sie mir eine gute Geschichte, sagt er.
Denn wenn wir sie nicht erzählen, gibt es sie nicht.
Und Sie haben eine Geschichte mit diesem Krug.
Und dann fängt Helga an.
Stockend erst. Und die Tränen fließen.
Sie erzählt von ihrem Großvater und den Soldaten.
Vom Schnee und vom Herbstlaub und von diesem Krug.
Und dass da ein Soldat war, der sie nicht verraten hat,
der aber die Scherben aufsammelte
und selber Tränen in den Augen hatte.
Jakub nickt.
Nun können Sie den Krug mitnehmen.
Ich brauche ihn nun nicht mehr, sagt Helga.
Aber woher haben Sie den Krug?
Von meinem Vater, sagt Jakub.
Und Helga nimmt ihre Scherbe aus der Tasche
Und fügt sie zum Krug hinzu.
Zähle die Tage meiner Flucht,
sammle meine Tränen in deinen Krug;
ohne Zweifel, du zählst sie.
VII.
Deutsche Flüchtlinge und Gastarbeiter finden in Böblingen eine neue Heimat.
Hiergeborene und Dazugekommene machen Böblingen groß.
Menschen, die vor Hunger und Gewalt und Unterdrückung fliehen,
erfahren hier Schutz.
Die Kirche wird für sie alle zur „festen Burg“.***
Die Schattenseiten werden aufgedeckt.
Und ja, wir wollen alles dafür tun,
dass sowas nicht wieder passiert.
Und wir tanzen vielleicht mit Gott,
weil eine Jesidin den Friedensnobelpreis erhält.
Ihr alle bringt eure Geschichte mit.
Eure Scherben und Fotografien
und die Locken der Liebsten.
Eure Scham, eure Trauer und eure Hoffnung auf Frieden.
Und wir tragen das alles gemeinsam.
Miteinander.
Und mit Gott.
Ich habe dir, Gott, gelobt, dass ich dir danken will.
Denn du hast meine Seele vom Tode errettet, meine Füße vom Gleiten,
dass ich wandeln kann vor Gott im Licht der Lebendigen. (Ps 56, 13+14)
Amen.
* Im Wesentlichen entnommen aus: http://www.zeitreise-bb.de/boebl/boebl/gesch/angriff.html
** Die Geschichte von Helga stammt aus dem sehenswerten Kurzfilm "Eine gute Geschichte" https://www.br.de/mediathek/video/kurzfilm-von-martin-christopher-bode-eine-gute-geschichte-av:5bb5d9eb72c1c30017131b65
*** Das evangelische Gemeindehaus in Böblingen hat den Namen "Feste Burg"
I.
Nachmittags schien noch die Sonne. Damals.
Nachmittags waren die Böblinger auf ihren Baumäckern vor der Stadt
und ernteten Obst. *
Müde sank man abends ins Bett. Damals.
Auch unbesorgt.
Ja, es gab in jüngster Zeit immer mehr Fliegerangriffe auf Deutschland
und immer häufiger zogen feindliche Bomberpulks über die Stadt.
Und ja, der Flugplatz war im Visier der Alliierten.
Aber heute doch nicht.
Denn es hatte sich ein dichter, undurchdringlicher Nebel ausgebreitet.
Wie eine Tarnkappe hat er sich über die Stadt gelegt.
Er ließ den Gedanken an eine Gefahr gar nicht erst aufkommen.
Es war der 7. Oktober 1943.
Und dann bricht plötzlich gegen Mitternacht das Inferno los.
Kinder jagen barfuss und im Nachthemd die Treppen herab in die Keller.
Auf allen Seiten heulen Bomben herab,
explodieren mit ohrenbetäubendem Knall und zuckenden Blitzen.
Fensterscheiben bersten,
Dachziegel poltern in geräuschvollen Lawinen das Dach herab.
Brände flackern auf, Blitze zucken.
Heulen und Detonationen auf allen Seiten.
Und im Keller breitet sich Todesangst aus.
Kinder heulen und wimmern,
Frauen und Männer beten laut.
Sie schmiegen sich aneinander
und können sonst nichts tun.
Gott, sei mir gnädig, denn Menschen stellen mir nach;
täglich bekämpfen und bedrängen sie mich.
Wenn ich mich fürchte, so hoffe ich auf dich.
Sammle meine Tränen in deinen Krug;
ohne Zweifel, du zählst sie. (Ps 56, 2+9)
II.
Dauert es eine halbe Stunde?
Oder eine ganze?
Auf jeden Fall eine halbe Ewigkeit des Schreckens.
Kaum zu glauben, dass sie ein Ende hat.
Es braucht Zeit,
sich aus den Klauen der Todesangst zu lösen.
Sich wieder ins Freie trauen.
Schreckliche Bilder brennen sich ein ins Gedächtnis.
Die Trümmer. Die brennenden Balken.
Die Hitze. Der Brandgeruch, tagelang.
Die Stadtkirche ist zerstört. Der Schlossberg ein Trümmerfeld.
Und ganze Familien sind in den Kellern erstickt.
In Böblingen.
In Pforzheim. In Dresden.
In Hamburg. In Stuttgart. In Berlin.
In Coventry. In London. In Rotterdam.
Ein erbarmungsloser Krieg.
Angefacht von Menschenverächtern,
Denen zu viele,
viel zu viele Menschen in Deutschland folgten.
Gott, sei mir gnädig, denn Menschen stellen mir nach;
täglich bekämpfen und bedrängen sie mich.
Wenn ich mich fürchte, so hoffe ich auf dich.
Sammle meine Tränen in deinen Krug;
ohne Zweifel, du zählst sie. (Ps 56, 2+9)
III.
Böblingen war damals noch klein.
Aber nach dem Krieg wuchs die Stadt.
Menschen zogen hierher
und brachten ihre Geschichten mit.
Ihre Geschichten des Leids und des Krieges
und des Verlustes.
Und sie wurden aufgenommen von den Böblingern.
Obwohl nichts da war.
Eine Geschichte von denen, die kamen,
könnte die von Helga sein.**
Als kleines Mädchen ist sie bei ihrem Großvater.
In Böhmen.
Er schnitzt ihr eine Puppe.
Eines Tages bringt sie ihm Herbstzweige. Buntes Laub.
Er freut sich und steckt sie in einen Krug.
Das sieht vor dem Schnee schön aus.
Doch dann kommen 2 Soldaten.
Als der Großvater sie sieht,
schickt er die kleine Helga auf den Dachboden.
Woher die Soldaten kommen, weiß sie nicht.
Aber sie weiß, sie könnte sterben.
Im Arm hat sie nicht ihre Puppe,
sondern den Krug mit Herbstzweigen.
Nun duckt sie sich im Dunkeln.
Der eine Soldat lässt sich vom Großvater die Schuhe putzen.
Lacht ihn aus.
Und schickt den anderen ins Haus, um nachzuschauen,
Vielleicht ist da noch jemand?
Plötzlich fällt draußen ein Schuss.
Der Soldat draußen lacht. Helga fängt an zu weinen.
Und weiß: ihr Großvater ist tot.
Da sieht sie der zweite Soldat.
Schaut ihr in die Augen.
Und wie sie den Krug umarmt.
Er führt seinen Finger an seine Lippen
und flüstert: "Bleib ganz still."
Dann geht er langsam zurück.
Und stolpert.
Ein Schuss löst sich.
Helga lässt den Krug fallen, der in lauter Scherben zerfällt.
Der Soldat sammelt die Scherben ein und läuft runter.
Ich habe nur einen Krug zerschossen, ruft er.
Der andere lacht.
Zurück bleibt Helga.
Und eine Scherbe vom Krug,
die der Soldat übersehen hat.
Gott, sei mir gnädig, denn Menschen stellen mir nach;
täglich bekämpfen und bedrängen sie mich.
Wenn ich mich fürchte, so hoffe ich auf dich.
Sammle meine Tränen in deinen Krug…. (Ps 56, 2+9)
IV.
Helga kommt in den Westen. Wie so viele.
Hier baut sie ihr neues Leben auf.
Nach dem Krieg.
Und findet ein neues Zuhause.
Wie so viele.
Über das, was damals in Böhmen passiert ist,
verliert sie kein Wort.
Wie so viele.
Auch was vorher in Deutschland geschehen ist und zum Krieg geführt hat,
das schaut sie lieber nicht an.
Wie fast alle.
Nur die Scherbe vom Krug - die behält Helga.
Es ist das Letzte, was von ihrem Großvater blieb.
Und so kommen Menschen wie Helga hierher.
Aus den östlichen Gebieten.
Aus Siebenbürgen und von der Wolga.
Aus Böhmen und Pommern.
Sie müssen ihre Heimat verlassen.
Und es kommen Menschen aus Italien und Spanien und der Türkei.
Sie wollen hier arbeiten. Und werden gebraucht.
Alle sie kommen hierher und bringen ihre Geschichten mit.
Ihren Verlust. Ihre Trauer. Ihre Einsamkeit. Ihre Schuld.
Sie kommen hierher
und bauen die Stadt mit den Hiergeborenen auf und weiter.
Oft nicht gewollt und oft geschmäht,
weil sie kein Schwäbisch sprechen.
Und auch, weil man ja selbst nicht genug hatte.
Aber die Hinzugekommenen bleiben.
Verlieben sich. Heiraten. Bekommen Kinder.
Streiten sich. Versöhnen sich wieder.
Lachen. Weinen. Arbeiten. Schlafen.
Das Leben geht für alle weiter -
auch mit den Tränen im Gepäck.
Und die Erinnerung ist dabei - oft tief verschlossen.
Ganz tief unten im Herzen.
Dort tut die Narbe immer wieder weh.
Die Scherbe vom Krug.
Ein vergilbtes Schwarz-Weiß-Bild vielleicht.
Die Stimme der jüdischen Klassenkameradin,
die auf einmal weg war.
Die Locke von der Liebsten in Andalusien.
Die zerknitterte Bibel mit dem Goldrand.
Gerade noch gerettet.
Und die Erinnerungen blitzen auf.
Wie der Turmhahn - übrig von der alten Stadtkirche.
Oder wie die Trümmersteine mit den alten Jahreszahlen.
Mitten in den neuen Gebäuden.
Man hat sie mit eingebaut.
Wenn man genau hinschaut, sieht man sie.
Stolpersteine.
Reste der Erinnerung.
Zähle die Tage meiner Flucht,
sammle meine Tränen in deinen Krug;
ohne Zweifel, du zählst sie. (Ps 56,9)
V.
Gott zählt die Tränen.
Keine einzige übersieht er.
Gott setzt sich mit dir auf die Bank und hört dir zu.
Sie nimmt dich in den Arm und reicht dir ein Taschentuch,
wenn dein eigenes schon zu nass ist.
Gott weint mit -
Er verrät dich nicht.
Er sieht deine Angst in den Augen
und sagt, dass er den Krug zerschossen hat.
Und du fragst ihn,
warum er nicht auch deinen Großvater gerettet hat.
Und Gott weint um ihn, den gütigen Alten, der dir eine Puppe geschnitzt hat.
Die Frage bleibt.
Und eine Antwort gibt es nicht.
Gab es noch nie.
Außer die:
Gott steht immer auf der Seite derer,
die geschlagen und getreten, deportiert und getötet werden.
Gott selber wird getötet. Am Kreuz.
Von Henkern und Soldaten.
Von Bomben und Tretminen.
Von allem, was wir uns Menschen antun.
Aber er lässt es nicht beim Kreuz.
Und lässt es nicht beim Tod.
Sondern steht auf.
Zum Lebenstanz.
Mit denen, die für das Leben kämpfen.
Und mit denen, die dazu noch zu müde sind.
Ich sehe Gott,
wie er Nadia Murat nach ihren zahllosen Vergewaltigungen durch den IS ermutigt,
trotzdem darüber zu reden
und wie sie anderen Frauen Mut macht.
Und ich sehe Gott einen Freudentanz aufführen,
weil Nadia Murat dafür den Friedensnobelpreis bekommt.
Ich sehe Gott tanzen
zusammen mit ihrer toten Mutter
und den vielen Frauen, die gedemütigt wurden
und mit dem Großvater von Helga.
Zähle die Tage meiner Flucht,
sammle meine Tränen in deinen Krug;
ohne Zweifel, du zählst sie.
Dann werden meine Feinde zurückweichen,
wenn ich dich anrufe.
Das weiß ich, dass du mein Gott bist. (Ps 56, 9+10)
VI.
Gott zählt die Tränen und für Gott zählt jeder Mensch.
Und er führt Menschen zusammen, die einander brauchen
und sich die Augen öffnen.
Damit sie ihre Geschichten erzählen.
Und auch die Schatten nicht verschweigen.
Helga hat nach 70 Jahren den Krug wiedergefunden.
In einem Antiquitätenladen in Görlitz sieht sie ihn.
Wieder zusammengefügt.
Aber es fehlt ein Stück.
Ihr Scherbenstück.
Sie will den Krug gekaufen.
Aber der Besitzer Jakub verkauft ihn nicht.
Unverkäuflich - sagt er mit russischem Akzent.
Sie bietet 10.000 €.
Aber er geht mit ihr an einen Tisch.
Setzen Sie sich.
Und schenkt ihr Tee ein.
Erzählen Sie mir eine gute Geschichte, sagt er.
Denn wenn wir sie nicht erzählen, gibt es sie nicht.
Und Sie haben eine Geschichte mit diesem Krug.
Und dann fängt Helga an.
Stockend erst. Und die Tränen fließen.
Sie erzählt von ihrem Großvater und den Soldaten.
Vom Schnee und vom Herbstlaub und von diesem Krug.
Und dass da ein Soldat war, der sie nicht verraten hat,
der aber die Scherben aufsammelte
und selber Tränen in den Augen hatte.
Jakub nickt.
Nun können Sie den Krug mitnehmen.
Ich brauche ihn nun nicht mehr, sagt Helga.
Aber woher haben Sie den Krug?
Von meinem Vater, sagt Jakub.
Und Helga nimmt ihre Scherbe aus der Tasche
Und fügt sie zum Krug hinzu.
Zähle die Tage meiner Flucht,
sammle meine Tränen in deinen Krug;
ohne Zweifel, du zählst sie.
VII.
Deutsche Flüchtlinge und Gastarbeiter finden in Böblingen eine neue Heimat.
Hiergeborene und Dazugekommene machen Böblingen groß.
Menschen, die vor Hunger und Gewalt und Unterdrückung fliehen,
erfahren hier Schutz.
Die Kirche wird für sie alle zur „festen Burg“.***
Die Schattenseiten werden aufgedeckt.
Und ja, wir wollen alles dafür tun,
dass sowas nicht wieder passiert.
Und wir tanzen vielleicht mit Gott,
weil eine Jesidin den Friedensnobelpreis erhält.
Ihr alle bringt eure Geschichte mit.
Eure Scherben und Fotografien
und die Locken der Liebsten.
Eure Scham, eure Trauer und eure Hoffnung auf Frieden.
Und wir tragen das alles gemeinsam.
Miteinander.
Und mit Gott.
Ich habe dir, Gott, gelobt, dass ich dir danken will.
Denn du hast meine Seele vom Tode errettet, meine Füße vom Gleiten,
dass ich wandeln kann vor Gott im Licht der Lebendigen. (Ps 56, 13+14)
Amen.
* Im Wesentlichen entnommen aus: http://www.zeitreise-bb.de/boebl/boebl/gesch/angriff.html
** Die Geschichte von Helga stammt aus dem sehenswerten Kurzfilm "Eine gute Geschichte" https://www.br.de/mediathek/video/kurzfilm-von-martin-christopher-bode-eine-gute-geschichte-av:5bb5d9eb72c1c30017131b65
*** Das evangelische Gemeindehaus in Böblingen hat den Namen "Feste Burg"
Sonntag, 16. September 2018
Das Trotzdem buchstabieren. Da kommt noch was.
Predigt zu Apostelgeschichte 12,1-11
Mit großem Dank an Anne Gidion (1), Friederike Goedicke (2) und Michael Greßler (3) für das Zuverfügung stellen von Worten (4).
(Als Lesung wurde die Auferweckung des Lazarus gelesen (Johannes 11))
Um diese Zeit legte der König Herodes Hand an einige von der Gemeinde,
sie zu misshandeln.
Er tötete aber Jakobus, den Bruder des Johannes, mit dem Schwert.
Und als er sah, dass es den Juden gefiel, fuhr er fort
und nahm auch Petrus gefangen.
Es waren aber eben die Tage der Ungesäuerten Brote.
Als er ihn nun ergriffen hatte, warf er ihn ins Gefängnis
und überantwortete ihn vier Abteilungen von je vier Soldaten, ihn zu bewachen.
Denn er gedachte, ihn nach dem Passafest vor das Volk zu stellen.
So wurde nun Petrus im Gefängnis festgehalten;
aber die Gemeinde betete ohne Aufhören für ihn zu Gott.
Und in jener Nacht, als ihn Herodes vorführen lassen wollte,
schlief Petrus zwischen zwei Soldaten, mit zwei Ketten gefesselt,
und die Wachen vor der Tür bewachten das Gefängnis.
Und siehe, der Engel des Herrn kam herein und Licht leuchtete auf in dem Raum;
und er stieß Petrus in die Seite und weckte ihn und sprach:
Steh schnell auf!
Und die Ketten fielen ihm von seinen Händen.
Und der Engel sprach zu ihm:
Gürte dich und zieh deine Schuhe an!
Und er tat es.
Und er sprach zu ihm: Wirf deinen Mantel um und folge mir!
Und er ging hinaus und folgte ihm
und wusste nicht, dass das wahrhaftig geschehe durch den Engel,
sondern meinte, eine Erscheinung zu sehen.
Sie gingen aber durch die erste und zweite Wache
und kamen zu dem eisernen Tor, das zur Stadt führt;
das tat sich ihnen von selber auf.
Und sie traten hinaus und gingen eine Gasse weiter,
und alsbald verließ ihn der Engel.
Und als Petrus zu sich gekommen war, sprach er:
Nun weiß ich wahrhaftig, dass der Herr seinen Engel gesandt
und mich aus der Hand des Herodes errettet hat,
und von allem, was das jüdische Volk erwartete.
(Apostelgeschichte 12,1-11)
I.
„Wir wurden in unterirdische Zellen gesperrt,
gemeinsam mit anderen Terrorverdächtigen.
Dort blieben wir 13 Tage.“
Peter Steudtner erzählt mit seinem schwedischen Kollegen Ali Gharavi von ihrer Gefangenschaft in der Türkei (5). Die beiden Menschenrechtler wurden zusammen mit anderen Aktivisten von einem Seminar abtransportiert. Einfach so.
„Die erste Woche teilte ich mir die Zelle mit mutmaßlichen IS-Anhängern.
Es waren gläubige Menschen, sie beteten, rezitierten den Koran.
In der zweiten Woche kamen Gefangene dazu, von denen es hieß,
sie würden den Prediger Fethullah Gülen unterstützen;
es waren Professoren und Anwälte.
(...)
Dort brannte das Licht die ganze Zeit.
Ich habe in den zwei Wochen auf der Polizeistation so gut wie nicht geschlafen,
auch weil ich Angst hatte, dass man uns Gewalt antun würde.“
II.
Jakobus wird umgebracht.
Einfach so.
Der König Herodes wollte es so.
Und das Volk hatte Spaß daran.
Sie werden dagestanden haben –
und sie haben gebrüllt und gejohlt und applaudiert.
»Die Christen müssen weg! –
Sie gehören nicht zu uns.«
Und weil manche Mächtige
den sogenannten »Volkswillen«
höher achten als das Recht,
macht Herodes weiter.
Der Beifall der Straße ist ihm sicher.
Jetzt ist Petrus dran.
III.
Und in jener Nacht, als ihn Herodes vorführen lassen wollte,
schlief Petrus zwischen zwei Soldaten, mit zwei Ketten gefesselt,
und die Wachen vor der Tür bewachten das Gefängnis.
Wie kannst Du schlafen, Petrus?
In Fesseln geht das doch nicht.
Bist Du erschöpft genug?
Wächter, Soldaten – da sind lauter Herodes-Leute.
Und Du kannst trotzdem schlafen?
Hast Du Schmerzen? Morgen ist der Tag. Morgen wirst Du vorgeführt.
Übst Du nicht, was Du sagen kannst?
Die Anklage steht. Wer wird Dich verteidigen?
Jacobus haben sie getötet, Deinen Freund.
Ohne Anklage, ohne Prozess, einfach so.
Die halten sich an gar nichts.
Das wird bei Dir nicht besser werden.
Wie kannst Du schlafen? Wie kannst du schlafen, Petrus?
IV.
Vielleicht wusstest du um die Gebete deiner Gemeinde.
die Gemeinde betete ohne Aufhören für ihn zu Gott
Da waren welche, die ließen dich, Petrus, nicht allein.
Waren bei dir im Gebet, im Lied.
Vielleicht haben sie dich umgeben wie einen Schutzmantel.
Oder wie eine Wolke, die dich zärtlich berührte.
Vielleicht waren sie das Kissen, auf das du deinen Kopf legtest.
Und gaben dir das Vertrauen zurück,
das bestimmt auch du in den dunkelsten Nächten verloren hast.
Peter Steudtner und sein Freund Ali Gharavi erzählen:
"Wir bekamen keine ausländischen Zeitungen,
wir hatten kein Fernsehen und kein Internet.
Aber wir konnten einmal die Woche eine Stunde lang mit unseren Anwälten sprechen -
auf diese Weise haben wir von der Solidarität der Menschen in Deutschland erfahren."
Und Steudtner ergänzt:
"Meine Berliner Kirchengemeinde hielt jeden Abend eine Andacht für mich ab.
Ich setzte mich zur selben Zeit in den Hof
und sang die Lieder, die sie auch sangen:
"Wachet und betet", "Der Himmel geht über allen auf", "We shall overcome“."
V.
Die Gemeinde in Jerusalem und die Gethsemanegemeinde in Berlin:
Sie haben einfach gebetet.
Immer wieder und immerzu.
Denn sie haben diesem Türen öffnenden Gott geglaubt.
Sie haben geglaubt:
Gott kann ein Volk durchs Meer führen.
Sie haben geglaubt:
Blinde sehen und Lahme können gehen,
Armen wird das Evangelium gepredigt,
und sogar Tote stehen auf.
Das geht! Wegen Jesus.
Sie haben Gottes Botschaft geglaubt, die heißt:
„Doch! Es geht anders!“
Gottes Geschichte mit der Welt ist noch nicht vorbei.
Gott ist da. Jetzt.
VI.
Ich kann das nicht immer glauben.
Die Wirklichkeit hält mich zu sehr fest.
Die Türen bleiben verschlossen. Ketten fallen nicht einfach ab.
Gespräche verstummen. Mächtige sind wie sie sind.
Und machmal brüllt das Volk hässlich auf der Straße,
Und ich kann nichts dagegen machen.
Und damals war es genauso:
Jakobus - tot. Petrus - im Gefängnis.
Manchmal bleiben mir die Worte im Hals stecken, Gott.
Es reicht dann nur für ein stummes Kyrie.
Und ich frage Gott: Müsste nicht alles viel einfacher sein?
Mit deinen Heerscharen von Engeln, mit Wundern und überhaupt?
Ich wünsche mir einen Engel, der meine Nacht hell macht.
Einen Engel für jeden, schon bei der Geburt an die Seite gestellt.
In vertrauter Gestalt, wie man zu Petrus Zeiten glaubte.
Kein Schutzengel, aber ein Begleiter – vom Höchsten persönlich.
Einen Engel, der „Fürchte dich nicht sagt“.
Und dabei auch die Hassenden überzeugt.
Ketten löst, Aufbrüche vorbereitet, ans verschont werden erinnert.
Einen Engel, der die Sehnsucht nach Frieden stärkt.
Hühnersuppe kocht und Kranke pflegt.
Nach einem, der Pause drückt, wenn mir alles zu viel wird.
Beim Aufstehen hilft.
Und mitten in der Woche Blumen vorbei bringt.
Und Träume wahr werden lässt.
VII.
Ja, Gott: Auferstehung, mittendrin, versprichst du.
Dass die Liebe größer ist als aller Hass.
Und dass der Tod keine Macht hat.
Lazarus. Er steht auf. Lebt.
Petrus vertraut dem Wort, folgt dem Engel und kommt frei.
Beide Geschichten erzählen von deiner Art, „schon jetzt“ zu sagen,
Sie buchstabieren dein Trotzdem.
Und ich bin mittendrin mit meinem Kleinglauben.
Ich möchte glauben.
Engel stoßen Türen auf.
Wolken tragen durchs Leben.
Gefangene kommen frei.
Flüchtlinge finden Heimat.
Träume werden wahr.
Und der Ängstliche findet den Mut wieder.
VIII.
…Und als Petrus zu sich gekommen war, sprach er:
Nun weiß ich wahrhaftig, dass der Herr seinen Engel gesandt
und mich aus der Hand des Herodes errettet hat,
und von allem, was das jüdische Volk erwartete.
Dein Traum ist Wirklichkeit geworden, Petrus.
Fühlst du dich wie Peter Steudtner nach seiner Freilassung?
„Ich bin glücklich, frei zu sein, meine Liebsten,
meine Familie wieder um mich zu haben.
Gleichzeitig bin ich nach wie vor unruhig.
Der Prozess gegen uns geht ja weiter.
Acht meiner Mitangeklagten leben in der Türkei.“
Ja, auch du, Petrus, weißt, dass nun nicht einfach alles gut ist.
Du und deine Schwestern und Brüder, ihr wurdet ja weiter verfolgt.
Aber du hast ihn gespürt: den Engel Gottes bei dir.
Die Gebete haben dich umhüllt.
Und darum bist du frei. Sogar mit Fesseln.
IX.
Ich möchte glauben wie Petrus.
Ich möchte das Trotzdem buchstabieren, das Gott der Welt entgegenstellt.
Und es tut mir gut, dass ich mit meinem Kleinglauben nicht allein bin.
Dass wir hier sind und beten.
Für uns und für die in den Gefängnissen und Lagern.
Und ich hoffe und erflehe,
dass Gott Engel schickt.
Die öffnen Türen und singen „we shall over come".
Himmlische Heerscharen und irdische Helferinnen.
Schon jetzt.
Betend. Schweigend. Tröstend.
Backend, wenn nichts mehr geht.
Brote schmierend und Wunder organisierend.
Mit diesen Engeln widerspreche ich dem Hass und der Hetze, in Jesu Namen.
Mit ihnen ist mein Trotzdem stärker als mein Kleinglaube.
Und sie flüstern mir beharrlich zu:
Probier es nochmal.
Du darfst hoffen. Da kommt noch was.
Und dann stehe ich auf.
Vom Sofa, vom Boden, ja sogar aus dem Grab.
Trotzdem.
X.
Ja, ich glaube:
Wir sind nicht allein auf der Welt.
Gott schickt tatsächlich Engel.
Gott schickt sie zu den Menschen früher.
Und heute.
Zu denen, die zu fragen wagen.
Und auch denen, die niemandem mehr trauen.
Engel, die in Gefängnisse kommen,
auf Konzerten mitsingen
und gegen das Ertrinken demonstrieren.
Engel, die zeigen wie Freiheit aussehen kann.
Die Licht mitbringen, wo es am dunkelsten ist.
Und uns erlauben, uns an Jesus zu klammern, wie an einen Strohhalm.
Mit diesen Engeln werden wir selber Licht sein.
Singen mit Peter Steudtner „We shall over come“.
Und wir ziehen uns mit Petrus die Schuhe an.
Und stehen auf.
Wir treten ins Freie und wissen:
Hier ist unser Platz. Gehen wir weiter.
Und unsere Gebete verändern die Welt.
Amen.
(1) Von Anne habe ich die wunderbare Passage von Teil III bekommen.
(2) Von Friedericke kommen besonders die Teile mit den Engeln, sowie der wunderbare und beflügelnde Gedanke des buchstabierten "Trotzdem"s...
(3) Von Michael kommen vor allem die Worte von Teil II.
(4) Alle drei haben selber wunderbare Predigten zu Apostelgeschichte 12 geschrieben und gehalten. Wir stellen uns regelmäßig unsere Texte zur Verfügung. Zum Teil hatte ich selber zunächst die Passagen formuliert, fand dann aber die meiner Freund*innen so viel besser, dass ich sie mit einbaute oder auch umwandelte. So ist was ganz Neues entstanden. Eine immer wieder faszinierende Erfahrung von Predigtwerkstatt, für die ich sehr dankbar bin.
(5) Die Zitate von Steudtner und Gharavi sind dem SPIEGEL-Interview mit den beiden entnommen (http://www.spiegel.de/spiegel/peter-steudtner-und-ali-gharavi-berichten-ueber-ihre-haft-in-der-tuerkei-a-1176415.html)
Mit großem Dank an Anne Gidion (1), Friederike Goedicke (2) und Michael Greßler (3) für das Zuverfügung stellen von Worten (4).
(Als Lesung wurde die Auferweckung des Lazarus gelesen (Johannes 11))
Um diese Zeit legte der König Herodes Hand an einige von der Gemeinde,
sie zu misshandeln.
Er tötete aber Jakobus, den Bruder des Johannes, mit dem Schwert.
Und als er sah, dass es den Juden gefiel, fuhr er fort
und nahm auch Petrus gefangen.
Es waren aber eben die Tage der Ungesäuerten Brote.
Als er ihn nun ergriffen hatte, warf er ihn ins Gefängnis
und überantwortete ihn vier Abteilungen von je vier Soldaten, ihn zu bewachen.
Denn er gedachte, ihn nach dem Passafest vor das Volk zu stellen.
So wurde nun Petrus im Gefängnis festgehalten;
aber die Gemeinde betete ohne Aufhören für ihn zu Gott.
Und in jener Nacht, als ihn Herodes vorführen lassen wollte,
schlief Petrus zwischen zwei Soldaten, mit zwei Ketten gefesselt,
und die Wachen vor der Tür bewachten das Gefängnis.
Und siehe, der Engel des Herrn kam herein und Licht leuchtete auf in dem Raum;
und er stieß Petrus in die Seite und weckte ihn und sprach:
Steh schnell auf!
Und die Ketten fielen ihm von seinen Händen.
Und der Engel sprach zu ihm:
Gürte dich und zieh deine Schuhe an!
Und er tat es.
Und er sprach zu ihm: Wirf deinen Mantel um und folge mir!
Und er ging hinaus und folgte ihm
und wusste nicht, dass das wahrhaftig geschehe durch den Engel,
sondern meinte, eine Erscheinung zu sehen.
Sie gingen aber durch die erste und zweite Wache
und kamen zu dem eisernen Tor, das zur Stadt führt;
das tat sich ihnen von selber auf.
Und sie traten hinaus und gingen eine Gasse weiter,
und alsbald verließ ihn der Engel.
Und als Petrus zu sich gekommen war, sprach er:
Nun weiß ich wahrhaftig, dass der Herr seinen Engel gesandt
und mich aus der Hand des Herodes errettet hat,
und von allem, was das jüdische Volk erwartete.
(Apostelgeschichte 12,1-11)
I.
„Wir wurden in unterirdische Zellen gesperrt,
gemeinsam mit anderen Terrorverdächtigen.
Dort blieben wir 13 Tage.“
Peter Steudtner erzählt mit seinem schwedischen Kollegen Ali Gharavi von ihrer Gefangenschaft in der Türkei (5). Die beiden Menschenrechtler wurden zusammen mit anderen Aktivisten von einem Seminar abtransportiert. Einfach so.
„Die erste Woche teilte ich mir die Zelle mit mutmaßlichen IS-Anhängern.
Es waren gläubige Menschen, sie beteten, rezitierten den Koran.
In der zweiten Woche kamen Gefangene dazu, von denen es hieß,
sie würden den Prediger Fethullah Gülen unterstützen;
es waren Professoren und Anwälte.
(...)
Dort brannte das Licht die ganze Zeit.
Ich habe in den zwei Wochen auf der Polizeistation so gut wie nicht geschlafen,
auch weil ich Angst hatte, dass man uns Gewalt antun würde.“
II.
Jakobus wird umgebracht.
Einfach so.
Der König Herodes wollte es so.
Und das Volk hatte Spaß daran.
Sie werden dagestanden haben –
und sie haben gebrüllt und gejohlt und applaudiert.
»Die Christen müssen weg! –
Sie gehören nicht zu uns.«
Und weil manche Mächtige
den sogenannten »Volkswillen«
höher achten als das Recht,
macht Herodes weiter.
Der Beifall der Straße ist ihm sicher.
Jetzt ist Petrus dran.
III.
Und in jener Nacht, als ihn Herodes vorführen lassen wollte,
schlief Petrus zwischen zwei Soldaten, mit zwei Ketten gefesselt,
und die Wachen vor der Tür bewachten das Gefängnis.
Wie kannst Du schlafen, Petrus?
In Fesseln geht das doch nicht.
Bist Du erschöpft genug?
Wächter, Soldaten – da sind lauter Herodes-Leute.
Und Du kannst trotzdem schlafen?
Hast Du Schmerzen? Morgen ist der Tag. Morgen wirst Du vorgeführt.
Übst Du nicht, was Du sagen kannst?
Die Anklage steht. Wer wird Dich verteidigen?
Jacobus haben sie getötet, Deinen Freund.
Ohne Anklage, ohne Prozess, einfach so.
Die halten sich an gar nichts.
Das wird bei Dir nicht besser werden.
Wie kannst Du schlafen? Wie kannst du schlafen, Petrus?
IV.
Vielleicht wusstest du um die Gebete deiner Gemeinde.
die Gemeinde betete ohne Aufhören für ihn zu Gott
Da waren welche, die ließen dich, Petrus, nicht allein.
Waren bei dir im Gebet, im Lied.
Vielleicht haben sie dich umgeben wie einen Schutzmantel.
Oder wie eine Wolke, die dich zärtlich berührte.
Vielleicht waren sie das Kissen, auf das du deinen Kopf legtest.
Und gaben dir das Vertrauen zurück,
das bestimmt auch du in den dunkelsten Nächten verloren hast.
Peter Steudtner und sein Freund Ali Gharavi erzählen:
"Wir bekamen keine ausländischen Zeitungen,
wir hatten kein Fernsehen und kein Internet.
Aber wir konnten einmal die Woche eine Stunde lang mit unseren Anwälten sprechen -
auf diese Weise haben wir von der Solidarität der Menschen in Deutschland erfahren."
Und Steudtner ergänzt:
"Meine Berliner Kirchengemeinde hielt jeden Abend eine Andacht für mich ab.
Ich setzte mich zur selben Zeit in den Hof
und sang die Lieder, die sie auch sangen:
"Wachet und betet", "Der Himmel geht über allen auf", "We shall overcome“."
V.
Die Gemeinde in Jerusalem und die Gethsemanegemeinde in Berlin:
Sie haben einfach gebetet.
Immer wieder und immerzu.
Denn sie haben diesem Türen öffnenden Gott geglaubt.
Sie haben geglaubt:
Gott kann ein Volk durchs Meer führen.
Sie haben geglaubt:
Blinde sehen und Lahme können gehen,
Armen wird das Evangelium gepredigt,
und sogar Tote stehen auf.
Das geht! Wegen Jesus.
Sie haben Gottes Botschaft geglaubt, die heißt:
„Doch! Es geht anders!“
Gottes Geschichte mit der Welt ist noch nicht vorbei.
Gott ist da. Jetzt.
VI.
Ich kann das nicht immer glauben.
Die Wirklichkeit hält mich zu sehr fest.
Die Türen bleiben verschlossen. Ketten fallen nicht einfach ab.
Gespräche verstummen. Mächtige sind wie sie sind.
Und machmal brüllt das Volk hässlich auf der Straße,
Und ich kann nichts dagegen machen.
Und damals war es genauso:
Jakobus - tot. Petrus - im Gefängnis.
Manchmal bleiben mir die Worte im Hals stecken, Gott.
Es reicht dann nur für ein stummes Kyrie.
Und ich frage Gott: Müsste nicht alles viel einfacher sein?
Mit deinen Heerscharen von Engeln, mit Wundern und überhaupt?
Ich wünsche mir einen Engel, der meine Nacht hell macht.
Einen Engel für jeden, schon bei der Geburt an die Seite gestellt.
In vertrauter Gestalt, wie man zu Petrus Zeiten glaubte.
Kein Schutzengel, aber ein Begleiter – vom Höchsten persönlich.
Einen Engel, der „Fürchte dich nicht sagt“.
Und dabei auch die Hassenden überzeugt.
Ketten löst, Aufbrüche vorbereitet, ans verschont werden erinnert.
Einen Engel, der die Sehnsucht nach Frieden stärkt.
Hühnersuppe kocht und Kranke pflegt.
Nach einem, der Pause drückt, wenn mir alles zu viel wird.
Beim Aufstehen hilft.
Und mitten in der Woche Blumen vorbei bringt.
Und Träume wahr werden lässt.
VII.
Ja, Gott: Auferstehung, mittendrin, versprichst du.
Dass die Liebe größer ist als aller Hass.
Und dass der Tod keine Macht hat.
Lazarus. Er steht auf. Lebt.
Petrus vertraut dem Wort, folgt dem Engel und kommt frei.
Beide Geschichten erzählen von deiner Art, „schon jetzt“ zu sagen,
Sie buchstabieren dein Trotzdem.
Und ich bin mittendrin mit meinem Kleinglauben.
Ich möchte glauben.
Engel stoßen Türen auf.
Wolken tragen durchs Leben.
Gefangene kommen frei.
Flüchtlinge finden Heimat.
Träume werden wahr.
Und der Ängstliche findet den Mut wieder.
VIII.
…Und als Petrus zu sich gekommen war, sprach er:
Nun weiß ich wahrhaftig, dass der Herr seinen Engel gesandt
und mich aus der Hand des Herodes errettet hat,
und von allem, was das jüdische Volk erwartete.
Dein Traum ist Wirklichkeit geworden, Petrus.
Fühlst du dich wie Peter Steudtner nach seiner Freilassung?
„Ich bin glücklich, frei zu sein, meine Liebsten,
meine Familie wieder um mich zu haben.
Gleichzeitig bin ich nach wie vor unruhig.
Der Prozess gegen uns geht ja weiter.
Acht meiner Mitangeklagten leben in der Türkei.“
Ja, auch du, Petrus, weißt, dass nun nicht einfach alles gut ist.
Du und deine Schwestern und Brüder, ihr wurdet ja weiter verfolgt.
Aber du hast ihn gespürt: den Engel Gottes bei dir.
Die Gebete haben dich umhüllt.
Und darum bist du frei. Sogar mit Fesseln.
IX.
Ich möchte glauben wie Petrus.
Ich möchte das Trotzdem buchstabieren, das Gott der Welt entgegenstellt.
Und es tut mir gut, dass ich mit meinem Kleinglauben nicht allein bin.
Dass wir hier sind und beten.
Für uns und für die in den Gefängnissen und Lagern.
Und ich hoffe und erflehe,
dass Gott Engel schickt.
Die öffnen Türen und singen „we shall over come".
Himmlische Heerscharen und irdische Helferinnen.
Schon jetzt.
Betend. Schweigend. Tröstend.
Backend, wenn nichts mehr geht.
Brote schmierend und Wunder organisierend.
Mit diesen Engeln widerspreche ich dem Hass und der Hetze, in Jesu Namen.
Mit ihnen ist mein Trotzdem stärker als mein Kleinglaube.
Und sie flüstern mir beharrlich zu:
Probier es nochmal.
Du darfst hoffen. Da kommt noch was.
Und dann stehe ich auf.
Vom Sofa, vom Boden, ja sogar aus dem Grab.
Trotzdem.
X.
Ja, ich glaube:
Wir sind nicht allein auf der Welt.
Gott schickt tatsächlich Engel.
Gott schickt sie zu den Menschen früher.
Und heute.
Zu denen, die zu fragen wagen.
Und auch denen, die niemandem mehr trauen.
Engel, die in Gefängnisse kommen,
auf Konzerten mitsingen
und gegen das Ertrinken demonstrieren.
Engel, die zeigen wie Freiheit aussehen kann.
Die Licht mitbringen, wo es am dunkelsten ist.
Und uns erlauben, uns an Jesus zu klammern, wie an einen Strohhalm.
Mit diesen Engeln werden wir selber Licht sein.
Singen mit Peter Steudtner „We shall over come“.
Und wir ziehen uns mit Petrus die Schuhe an.
Und stehen auf.
Wir treten ins Freie und wissen:
Hier ist unser Platz. Gehen wir weiter.
Und unsere Gebete verändern die Welt.
Amen.
(1) Von Anne habe ich die wunderbare Passage von Teil III bekommen.
(2) Von Friedericke kommen besonders die Teile mit den Engeln, sowie der wunderbare und beflügelnde Gedanke des buchstabierten "Trotzdem"s...
(3) Von Michael kommen vor allem die Worte von Teil II.
(4) Alle drei haben selber wunderbare Predigten zu Apostelgeschichte 12 geschrieben und gehalten. Wir stellen uns regelmäßig unsere Texte zur Verfügung. Zum Teil hatte ich selber zunächst die Passagen formuliert, fand dann aber die meiner Freund*innen so viel besser, dass ich sie mit einbaute oder auch umwandelte. So ist was ganz Neues entstanden. Eine immer wieder faszinierende Erfahrung von Predigtwerkstatt, für die ich sehr dankbar bin.
(5) Die Zitate von Steudtner und Gharavi sind dem SPIEGEL-Interview mit den beiden entnommen (http://www.spiegel.de/spiegel/peter-steudtner-und-ali-gharavi-berichten-ueber-ihre-haft-in-der-tuerkei-a-1176415.html)
Sonntag, 12. August 2018
Wirf die Gnade nicht weg!
Predigt zu Galater 2,16-21
(mit Dank an Birgit Mattausch, Esther Philipps, Michael Greßler und Sebastian Wolfrum für Anregungen und Korrekturen)
I.
Petrus: Fischer von Beruf,
aus dem Norden, Galiläer,
was kann da Gutes herkommen?
Keine Schulbildung. Netze knüpfen, das hat er gelernt,
Und: die Angst aushalten,
wenn draußen auf dem tückischen See die Wellen über einen zusammen schlagen.
Ohne Jesus wäre er nie von dort weg gekommen.
Mit ihm hat er eine andere Welt gesehen.
Und Jesus hat Leidenschaft in ihm geweckt.
So muss man den Glauben an Gott leben. So wie Jesus das getan hat.
Und er stellt sich in den Jerusalemer Tempel und redet in den Synagogen.
Von diesem Jesus:
Der nimmt den Gescheiterten an
und liebt und beauftragt selbst Menschen wie ihn.
Gnade pur.
Paulus der Studierte.
Aus der Oberschicht.
Im Ausland aufgewachsen.
Jude und Römer.
Schon immer einer zwischen den Welten.
Belesen, vertraut mit den Philosophen seiner Zeit.
Jude mit leidenschaftlichem Herz.
So leidenschaftlich, dass er bereit war, Menschen sterben zu lassen.
Bis sich Jesus ihm in den Weg gestellt hatte,
damals, vor Damaskus.
Als er nichts mehr sehen konnte und ihm endlich die Augen aufgingen.
Die Leidenschaft blieb.
Und so geht er in die Welt.
Predigt auch denen, die nicht zum Volk Gottes gehören.
Erzählt von einem Gott, der dich mit liebenden Augen ansieht.
Und diesem Gott musst du nichts beweisen.
Gnade pur.
II.
Gnadenlos
haben sie, Petrus und Paulus,
vor ein paar Wochen beim Treffen aller Apostel gestritten.
Dass alle an Christus glauben, darauf konnten sie sich noch einigen.
Und ja, die Neuen, die Heidenchristen, gehören genauso zur christlichen Gemeinde
wie die, die von Anfang an dabei waren, die Judenchristen.
Ob sie nun schon immer dabei waren und zum Volk Israel gehören
oder ob sie neu dazu gekommen sind, weil sie keine Juden waren -
in der Gemeinde sind sie alle eins. Und alle gleichwertig.
Doch was auf dem Papier so gut aussieht, ist in der Praxis schwierig:
Beide Gruppen folgen Jesus nach.
Aber ist es für die Judenchristen zumutbar, mit den Neuen Abendmahl zu feiern,
obwohl diese sich nicht an die Regeln halten, die für sie lebenswichtig sind?
Petrus bekommt nun Muffensausen.
Er will die besonders Frommen und Wichtigen, die schon immer Da-Gewesenen nicht verärgern
und darum kommt es zum Skandal:
Er feiert plötzlich nicht mehr mit den Neuen.
Einfach so gehört man eben doch nicht zu Gott.
Paulus ist sauer.
Und sagt: Wirf die Gnade nicht weg.
Du, Petrus, baust Schranken auf, die für Gott nicht gelten.
Gott hat alle Schranken, die wir Menschen brauchen, abmontiert.
Da braucht es nichts mehr, was uns aufhält und abhält von einander.
Und von ihm.
Und das gilt für Neue und Die-schon-immer-dabei-gewesenen gleichermaßen.
III.
Im Brief an die Gemeinde in Galatien schreibt Paulus*:
Wir wissen: Kein Mensch gilt vor Gott als gerecht, weil er das Gesetz befolgt.
Als gerecht gilt man nur, wenn man an Jesus Christus glaubt.
Deshalb kamen auch wir zum Glauben an Jesus Christus.
Denn durch diesen Glauben an Christus werden wir vor Gott als gerecht gelten –
und nicht, weil wir tun, was das Gesetz vorschreibt.
Schließlich spricht Gott keinen Menschen von seiner Schuld frei,
weil er das Gesetz befolgt.
Nun wollen wir ja durch Christus vor Gott als gerecht gelten.
Wenn sich nun aber zeigt, dass wir trotzdem mit Schuld beladen sind –
was bedeutet das dann?
Etwa, dass Christus die Schuld auch noch fördert?
Auf gar keinen Fall!
Wenn ich nämlich das Gesetz wieder einführe, das ich vorher abgeschafft habe,
dann heißt das:
Ich selbst stelle mich als jemand hin, der es übertritt.
Das Gesetz hat mir den Tod gebracht.
Deshalb gelte ich für das Gesetz als gestorben, damit ich für Gott leben kann.
Mit Christus zusammen wurde ich gekreuzigt.
Deshalb lebe ich nicht mehr selbst – sondern Christus lebt in mir.
Mein jetziges Leben in diesem Körper lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes.
Er hat mir seine Liebe geschenkt und sein Leben für mich hergegeben.
Ich werfe die Gnade Gottes nicht weg.
Denn wenn wir durch das Gesetz vor Gott als gerecht gelten,
dann ist Christus ohne Grund gestorben.
Instrumental: Amazing grace - bis „like me“
IV.
Wirf die Gnade nicht weg.
Schau dich mit den Augen Gottes an. Es sind Augen der Liebe.
Petrus hat das vergessen.
Oder nicht mehr gespürt.
Aber auch du hast das verlernt, oder?
Sie ernährt sich gesund und trainiert ihre Bauchmuskeln für die Bikinifigur.
Und doch traut sie sich nicht ins Schwimmbad, weil sie sich für ihre Figur schämt.
Und sie will „normal“ sein - so wie die anderen alle.
Und doch merkt sie, dass sie auf Mädchen steht.
Sie traut sich nicht, offen zu sein.
Die anderen könnten blöde Sprüche klopfen. Und Schlimmeres.
Und sagt nicht auch die Bibel, dass das falsch ist?
Darf sie so sein?
Er sieht die Bilder von den Flüchtlingen in den libyschen Lagern.
Ihre Augen lassen ihn nicht los.
Und er erträgt es kaum, dass er so wenig tun kann.
Dass die NGOs nicht mehr aufs Meer fahren dürfen, um die Flüchtlinge zu retten.
Und selbst seine Regierung will diese Ärmsten der Armen ihrem Schicksal überlassen.
So scheint es ihm.
Und dann noch die Sprüche derer, die ständig rufen „Wir sind das Volk“.
Ist es so?
Gehört er nicht mehr zu diesem Volk,
weil er den Fliehenden ein Dach über dem Kopf geben will
und weil er sein Land für reich und stabil genug hält, es doch zu tun?
Und ja, er wird immer kleiner und mutloser.
V.
Wirf die Gnade nicht weg.
Schau dich mit den Augen Gottes an.
Dieser Gott sieht diese Frau mit dem Salböl (Lukas 7,36-50).
Alle verachten sie.
Keine will so sein wie sie mit ihrem Lebenswandel.
Man zerreißt sich das Maul über sie.
Aber Gott sieht:
Diese Frau ist eine Suchende und Fragende
und sie will ein anderes Leben führen,
doch weiß noch nicht, wie.
Aber sie weiß, dass sie voller Liebe ist
und sie brauchte jemanden, der sie liebt.
Gott sieht, dass Petrus nicht nur der Feigling ist,
der die neuen Christen versetzt, weil er mit ihnen kein Abendmahl feiern will.
Er sieht die Sorge von Petrus, dass die Gemeinde auseinanderbrechen könnte.
Und er sieht in ihm den Menschenfischer.
Und dieser Menschenfischer steht immer wieder neu auf.
Wirf die Gnade nicht weg.
Gott hat sich in dich verliebt von Anbeginn an.
Du gehörst zu ihm, egal was du tust.
Und wirf nicht weg, dass er dir viel mehr zutraut als du dir selbst.
Vielleicht ist das was ganz anderes, als du denkst.
Instrumental: Amazing grace - ganz
VI.
Gottes Gnade lebt in dir.
Selbst dann, wenn du dich für was Besseres hältst oder für besonders fromm.
Er riskiert dabei sehr viel. Sein ganzes Leben. Seine ganze Liebe.
Er hat selbst die Schranke abgebaut, damit du ganz zu ihm gehörst.
Und vielleicht denkst du: dir fehlt diese Schranke.
Sie hat dir Halt gegeben. Nun ist sie nicht mehr da.
Und du schaust anders auf dich. Und das macht dir manchmal Angst.
Aber Gott schaut dich liebevoll an.
Und traut dir zu, dass du die Welt mit seinen Augen sehen wirst.
Wirf die Gnade nicht weg.
Sie wohnt in dir. Lebt in dir.
Gott ist so verliebt in dich, dass er dich ganz ausfüllt.
Und dann fragst du nicht mehr, ob du schön genug bist.
Du bist schön. Und das darfst du zeigen.
Und wenn du dein Spiegelbild nicht magst, lächelt er dir zu.
Du bist feige und mutlos?
Gottes Gnade lebt in dir!
Du bist verzweifelt und denkst: Ich bin eine Versagerin?
Gottes Gnade lebt in dir!
Und dann stehst du auf und tust dich mit anderen zusammen.
Du betest und singst und protestierst und lädst ein.
Das, wozu du gerade die Kraft hast, das tust du.
Weil Gott es dir zutraut.
Gnade pur..
Gottes verliebte Augen.
Sie schauen dich an.
Und du lächelst zurück.
Amen
*Michael Greßler hat übrigens diesen sehr schweren Text von Paulus "übersetzt". Das gebe ich gerne hier wieder:
(mit Dank an Birgit Mattausch, Esther Philipps, Michael Greßler und Sebastian Wolfrum für Anregungen und Korrekturen)
I.
Petrus: Fischer von Beruf,
aus dem Norden, Galiläer,
was kann da Gutes herkommen?
Keine Schulbildung. Netze knüpfen, das hat er gelernt,
Und: die Angst aushalten,
wenn draußen auf dem tückischen See die Wellen über einen zusammen schlagen.
Ohne Jesus wäre er nie von dort weg gekommen.
Mit ihm hat er eine andere Welt gesehen.
Und Jesus hat Leidenschaft in ihm geweckt.
So muss man den Glauben an Gott leben. So wie Jesus das getan hat.
Und er stellt sich in den Jerusalemer Tempel und redet in den Synagogen.
Von diesem Jesus:
Der nimmt den Gescheiterten an
und liebt und beauftragt selbst Menschen wie ihn.
Gnade pur.
Paulus der Studierte.
Aus der Oberschicht.
Im Ausland aufgewachsen.
Jude und Römer.
Schon immer einer zwischen den Welten.
Belesen, vertraut mit den Philosophen seiner Zeit.
Jude mit leidenschaftlichem Herz.
So leidenschaftlich, dass er bereit war, Menschen sterben zu lassen.
Bis sich Jesus ihm in den Weg gestellt hatte,
damals, vor Damaskus.
Als er nichts mehr sehen konnte und ihm endlich die Augen aufgingen.
Die Leidenschaft blieb.
Und so geht er in die Welt.
Predigt auch denen, die nicht zum Volk Gottes gehören.
Erzählt von einem Gott, der dich mit liebenden Augen ansieht.
Und diesem Gott musst du nichts beweisen.
Gnade pur.
II.
Gnadenlos
haben sie, Petrus und Paulus,
vor ein paar Wochen beim Treffen aller Apostel gestritten.
Dass alle an Christus glauben, darauf konnten sie sich noch einigen.
Und ja, die Neuen, die Heidenchristen, gehören genauso zur christlichen Gemeinde
wie die, die von Anfang an dabei waren, die Judenchristen.
Ob sie nun schon immer dabei waren und zum Volk Israel gehören
oder ob sie neu dazu gekommen sind, weil sie keine Juden waren -
in der Gemeinde sind sie alle eins. Und alle gleichwertig.
Doch was auf dem Papier so gut aussieht, ist in der Praxis schwierig:
Beide Gruppen folgen Jesus nach.
Aber ist es für die Judenchristen zumutbar, mit den Neuen Abendmahl zu feiern,
obwohl diese sich nicht an die Regeln halten, die für sie lebenswichtig sind?
Petrus bekommt nun Muffensausen.
Er will die besonders Frommen und Wichtigen, die schon immer Da-Gewesenen nicht verärgern
und darum kommt es zum Skandal:
Er feiert plötzlich nicht mehr mit den Neuen.
Einfach so gehört man eben doch nicht zu Gott.
Paulus ist sauer.
Und sagt: Wirf die Gnade nicht weg.
Du, Petrus, baust Schranken auf, die für Gott nicht gelten.
Gott hat alle Schranken, die wir Menschen brauchen, abmontiert.
Da braucht es nichts mehr, was uns aufhält und abhält von einander.
Und von ihm.
Und das gilt für Neue und Die-schon-immer-dabei-gewesenen gleichermaßen.
III.
Im Brief an die Gemeinde in Galatien schreibt Paulus*:
Wir wissen: Kein Mensch gilt vor Gott als gerecht, weil er das Gesetz befolgt.
Als gerecht gilt man nur, wenn man an Jesus Christus glaubt.
Deshalb kamen auch wir zum Glauben an Jesus Christus.
Denn durch diesen Glauben an Christus werden wir vor Gott als gerecht gelten –
und nicht, weil wir tun, was das Gesetz vorschreibt.
Schließlich spricht Gott keinen Menschen von seiner Schuld frei,
weil er das Gesetz befolgt.
Nun wollen wir ja durch Christus vor Gott als gerecht gelten.
Wenn sich nun aber zeigt, dass wir trotzdem mit Schuld beladen sind –
was bedeutet das dann?
Etwa, dass Christus die Schuld auch noch fördert?
Auf gar keinen Fall!
Wenn ich nämlich das Gesetz wieder einführe, das ich vorher abgeschafft habe,
dann heißt das:
Ich selbst stelle mich als jemand hin, der es übertritt.
Das Gesetz hat mir den Tod gebracht.
Deshalb gelte ich für das Gesetz als gestorben, damit ich für Gott leben kann.
Mit Christus zusammen wurde ich gekreuzigt.
Deshalb lebe ich nicht mehr selbst – sondern Christus lebt in mir.
Mein jetziges Leben in diesem Körper lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes.
Er hat mir seine Liebe geschenkt und sein Leben für mich hergegeben.
Ich werfe die Gnade Gottes nicht weg.
Denn wenn wir durch das Gesetz vor Gott als gerecht gelten,
dann ist Christus ohne Grund gestorben.
Instrumental: Amazing grace - bis „like me“
IV.
Wirf die Gnade nicht weg.
Schau dich mit den Augen Gottes an. Es sind Augen der Liebe.
Petrus hat das vergessen.
Oder nicht mehr gespürt.
Aber auch du hast das verlernt, oder?
Sie ernährt sich gesund und trainiert ihre Bauchmuskeln für die Bikinifigur.
Und doch traut sie sich nicht ins Schwimmbad, weil sie sich für ihre Figur schämt.
Und sie will „normal“ sein - so wie die anderen alle.
Und doch merkt sie, dass sie auf Mädchen steht.
Sie traut sich nicht, offen zu sein.
Die anderen könnten blöde Sprüche klopfen. Und Schlimmeres.
Und sagt nicht auch die Bibel, dass das falsch ist?
Darf sie so sein?
Er sieht die Bilder von den Flüchtlingen in den libyschen Lagern.
Ihre Augen lassen ihn nicht los.
Und er erträgt es kaum, dass er so wenig tun kann.
Dass die NGOs nicht mehr aufs Meer fahren dürfen, um die Flüchtlinge zu retten.
Und selbst seine Regierung will diese Ärmsten der Armen ihrem Schicksal überlassen.
So scheint es ihm.
Und dann noch die Sprüche derer, die ständig rufen „Wir sind das Volk“.
Ist es so?
Gehört er nicht mehr zu diesem Volk,
weil er den Fliehenden ein Dach über dem Kopf geben will
und weil er sein Land für reich und stabil genug hält, es doch zu tun?
Und ja, er wird immer kleiner und mutloser.
V.
Wirf die Gnade nicht weg.
Schau dich mit den Augen Gottes an.
Dieser Gott sieht diese Frau mit dem Salböl (Lukas 7,36-50).
Alle verachten sie.
Keine will so sein wie sie mit ihrem Lebenswandel.
Man zerreißt sich das Maul über sie.
Aber Gott sieht:
Diese Frau ist eine Suchende und Fragende
und sie will ein anderes Leben führen,
doch weiß noch nicht, wie.
Aber sie weiß, dass sie voller Liebe ist
und sie brauchte jemanden, der sie liebt.
Gott sieht, dass Petrus nicht nur der Feigling ist,
der die neuen Christen versetzt, weil er mit ihnen kein Abendmahl feiern will.
Er sieht die Sorge von Petrus, dass die Gemeinde auseinanderbrechen könnte.
Und er sieht in ihm den Menschenfischer.
Und dieser Menschenfischer steht immer wieder neu auf.
Wirf die Gnade nicht weg.
Gott hat sich in dich verliebt von Anbeginn an.
Du gehörst zu ihm, egal was du tust.
Und wirf nicht weg, dass er dir viel mehr zutraut als du dir selbst.
Vielleicht ist das was ganz anderes, als du denkst.
Instrumental: Amazing grace - ganz
VI.
Gottes Gnade lebt in dir.
Selbst dann, wenn du dich für was Besseres hältst oder für besonders fromm.
Er riskiert dabei sehr viel. Sein ganzes Leben. Seine ganze Liebe.
Er hat selbst die Schranke abgebaut, damit du ganz zu ihm gehörst.
Und vielleicht denkst du: dir fehlt diese Schranke.
Sie hat dir Halt gegeben. Nun ist sie nicht mehr da.
Und du schaust anders auf dich. Und das macht dir manchmal Angst.
Aber Gott schaut dich liebevoll an.
Und traut dir zu, dass du die Welt mit seinen Augen sehen wirst.
Wirf die Gnade nicht weg.
Sie wohnt in dir. Lebt in dir.
Gott ist so verliebt in dich, dass er dich ganz ausfüllt.
Und dann fragst du nicht mehr, ob du schön genug bist.
Du bist schön. Und das darfst du zeigen.
Und wenn du dein Spiegelbild nicht magst, lächelt er dir zu.
Du bist feige und mutlos?
Gottes Gnade lebt in dir!
Du bist verzweifelt und denkst: Ich bin eine Versagerin?
Gottes Gnade lebt in dir!
Und dann stehst du auf und tust dich mit anderen zusammen.
Du betest und singst und protestierst und lädst ein.
Das, wozu du gerade die Kraft hast, das tust du.
Weil Gott es dir zutraut.
Gnade pur..
Gottes verliebte Augen.
Sie schauen dich an.
Und du lächelst zurück.
Amen
*Michael Greßler hat übrigens diesen sehr schweren Text von Paulus "übersetzt". Das gebe ich gerne hier wieder:
16
Wir haben etwas gemerkt:
Wir tun viel. Wir geben uns Mühe. Wir wollen gut sein.
Aber vor Gott stehen wir deshalb noch lange nicht gut da.
Darum haben wir angefangen, an Jesus zu glauben.
Wir haben gemerkt:
Wer an Jesus glaubt, steht vor Gott gut da.
Das genügt.
Gutes tun ist wichtig.
Aber das bringt uns nicht ins Reine mit Gott.
17
So versuchen wir, bei Jesus Christus zu stehen,
damit wir vor Gott gut dastehen.
Trotzdem machen wir viel falsch.
Wir verlassen uns aber darauf,
daß Jesus es für uns gut macht.
Er nimmt uns mit zu Gott.
Auch, wenn wir Sünde tun.
Aber ist dann Jesus vielleicht selbst ein Diener der Sünde?
Niemals!
18
Wir wollen nicht mehr alles allein schaffen.
Wir wollen uns auf Jesus verlassen.
Er stellt uns gut vor Gott hin.
Wir haben es aufgegeben:
Wir wollen nicht mehr ohne Jesus zu Gott gehen.
Wenn wir das wieder versuchen,
dann wir alles wie früher.
Wir sind ja nur Menschen und schaffen es nicht allein.
19
Ich habe gemerkt:
Jesus hat schon alles gemacht.
Meine Schuld ist mit Jesus am Kreuz gestorben.
Jetzt kann ich für Gott leben.
20
Ich lebe!
Und das kann ich, weil Christus in mir lebt.
Ich lebe!
Und jeder Tag auf dieser Welt kann gut sein
Denn ich glaube ich an den Sohn Gottes.
Der hat mich schon immer geliebt
und gibt alles für mich.
Sogar sein Leben.
21
Darum muß ich nichts mehr alleine schaffen.
Ich kann mich mühen.
Und ich werde schuldig.
Aber darauf kommt es nicht an.
Es kommt auf Jesus an.
Er hat alles für mich gemacht.
Nichts davon war umsonst.
Da spüre ich Gottes Gnade.
Und die werfe ich nicht weg.
Wir haben etwas gemerkt:
Wir tun viel. Wir geben uns Mühe. Wir wollen gut sein.
Aber vor Gott stehen wir deshalb noch lange nicht gut da.
Darum haben wir angefangen, an Jesus zu glauben.
Wir haben gemerkt:
Wer an Jesus glaubt, steht vor Gott gut da.
Das genügt.
Gutes tun ist wichtig.
Aber das bringt uns nicht ins Reine mit Gott.
17
So versuchen wir, bei Jesus Christus zu stehen,
damit wir vor Gott gut dastehen.
Trotzdem machen wir viel falsch.
Wir verlassen uns aber darauf,
daß Jesus es für uns gut macht.
Er nimmt uns mit zu Gott.
Auch, wenn wir Sünde tun.
Aber ist dann Jesus vielleicht selbst ein Diener der Sünde?
Niemals!
18
Wir wollen nicht mehr alles allein schaffen.
Wir wollen uns auf Jesus verlassen.
Er stellt uns gut vor Gott hin.
Wir haben es aufgegeben:
Wir wollen nicht mehr ohne Jesus zu Gott gehen.
Wenn wir das wieder versuchen,
dann wir alles wie früher.
Wir sind ja nur Menschen und schaffen es nicht allein.
19
Ich habe gemerkt:
Jesus hat schon alles gemacht.
Meine Schuld ist mit Jesus am Kreuz gestorben.
Jetzt kann ich für Gott leben.
20
Ich lebe!
Und das kann ich, weil Christus in mir lebt.
Ich lebe!
Und jeder Tag auf dieser Welt kann gut sein
Denn ich glaube ich an den Sohn Gottes.
Der hat mich schon immer geliebt
und gibt alles für mich.
Sogar sein Leben.
21
Darum muß ich nichts mehr alleine schaffen.
Ich kann mich mühen.
Und ich werde schuldig.
Aber darauf kommt es nicht an.
Es kommt auf Jesus an.
Er hat alles für mich gemacht.
Nichts davon war umsonst.
Da spüre ich Gottes Gnade.
Und die werfe ich nicht weg.
Sonntag, 15. Juli 2018
Töne der Hoffnung gegen Töne der Angst
Predigt zum Ökumenischen Gottesdienst anlässlich des Fests "Grüntöne" (1)
(ein Fest der Kulturen im Stadtgarten in Pforzheim)
I.
Töne der Hoffnung
Die Bibel ist voll davon.
Die schwangere Maria singt ein Lied
mit brausenden Tönen.
Ihr Magnificat - von einer umstürzenden Hoffnung,
die selbst vor dieser verzweifelten jungen Frau keinen Halt macht. (2)
Bei Abraham waren es vielleicht eher die stillen Töne.
Als er in den Sternenhimmel blickt,
macht Gott ihm Mut aufzubrechen.
Und er zieht in ein fremdes Land. (3)
Jona singt die Töne der Hoffnung im Bauch des Fisches. (4)
Er wollte vor Gott fliehen.
Die Töne der Angst in ihm waren zunächst viel stärker.
Und sie sind selbst im Bauch nicht verstummt.
Doch dann kommen neue Töne hervor
und er kann tun, was nötig ist.
II.
Das Volk Israel hat immer die Töne der Hoffnung gesungen,
selbst unter Tränen im Exil.
Sie klammerten sich förmlich daran,
dass Gott sie nicht im Stich lassen würde:
Er hat das Volk einst aus der Sklaverei gerettet.
Er wird es nun auch aus dem Exil führen.
Die Christen und Christinnen der ersten Stunde sangen dieselben Lieder.
Teilten dieselbe Hoffnung:
Ja, Gott lässt uns nicht in Stich.
Egal, was passiert: er ist bei uns.
Für sie ist aber ein weiterer Grund hinzugekommen,
diese Töne der Hoffnung anzustimmen:
Jesus ist auferstanden.
Ja, er ist auferstanden.
Das ist der Grund jeder christlichen Hoffnung:
Es gibt keinen Ort und keinen Zustand, wo wir ohne Gott sind.
Selbst im Tod sind wir nicht ohne Gott.
Und nichts, gar nichts kann uns von diesem Gott trennen.
III.
Paulus, den wir eben hörten, sagt das so:
Wir stehen in der Gnade.
Wir stehen in der Gnade. wie in einem Raum,
Oder unter einem Himmel - mit Gott.
Paulus sagt das zu seinen Schwestern und Brüdern in Rom.
Die mussten mal aufbrechen und wieder neu anfangen.
Wurden vertrieben und kamen wieder zurück.
Sie kennen Angst und Verzweiflung und Mut und Hoffnung.
Und ihnen schreibt er:
Wir stehen in der Gnade.
Und von dort erklingen die Töne der Hoffnung.
Wir stehen in der Gnade.
Das heißt nicht:
wir kennen die Töne der Angst nicht mehr.
Wir hören sie ja noch.
Und stimmen sie vielleicht auch selber an.
So ging das den Christen und Christinnen in Rom.
Und dem Volk Israel im Exil auch.
Jede von uns kennt sie, diese schrillen oder verzweifelten Töne.
Und Jesus kennt sie auch.
Sie schwingen in uns
und machen uns ganz klein und mutlos.
Sie reden uns ein, dass das Leben immer gefährlicher wird.
Oder lassen uns Europa abschotten.
Die Töne der Angst lassen uns unmenschlich werden
und Menschen ertrinken ihretwegn.
Und sie sorgen dafür,
dass wir Menschen selbst in Länder abschieben, wo ihr Leben in Gefahr ist.
Die Töne der Angst lassen uns klammern
an vermeintliche Sicherheiten, die keine sind.
Und an eine Vergangenheit, die nie so gut war,
wie wir sie erinnern.
IV.
Aber wir stehen doch in der Gnade!
Sagt Paulus.
Eine neue Zeit ist mit Jesus angebrochen.
Mit offenen Türen zu Gott, der uns losschickt wie einst Abraham.
Wir stehen in der Gnade.,
unter einem Himmel, voller Töne der Hoffnung.
Die Töne der Angst hören wir auch hier.
Aber sie sind leiser.
Denn wir wissen,
dass sie keine Macht mehr über uns haben..
Darum hören wir auf die Töne der Hoffnung.
Die Töne der Liebe und des Lebens.
Grün sind sie - wie die Bäume hier im Stadtgarten.
Grün und voll mit buntem Leben.
Diese Töne sagen uns:
Fürchte dich nicht. Du gehörst zu Gott.
Und von ihm kann dich nichts trennen.
Noch nicht mal deine Angst.
Diese Töne sagen uns:
Öffne dein Herz für die Menschen, die dir begegnen.
Denn für sie und für dich ist Jesus seinen Weg gegangen.
Fang gleich heute damit an.
Und setze dich an den Tisch und iss und rede mit ihnen.
Die Töne der Hoffnung sagen:
Hör auf die Töne, die du mit Gott fröhlich singen kannst
oder unter Tränen.
Und stelle dich an der Seite derer,
die deinen Mut brauchen:
Hier in Pforzheim und auf dem Mittelmeer.
In den Rathäusern und in den Seenotschiffen.
V.
Wir stehen in der Gnade., sagt Paulus.
Und die Liebe Gottes ist ausgegossen in unseren Herzen.
Das sagt er auch.
Und diese Liebe wird überfließen
und unseren Gesang erfüllen.
Wie bei Maria und Abraham und Jona.
Die Töne der Hoffnung schallen aus diesem Atrium hier heraus.
Und schwingen weiter in die Stadt,
die diese Hoffnung braucht.
Und aufs offene Meer hinaus.
Und nach Berlin und Brüssel und Rom und Wien.
Wer weiß, was die Töne der Hoffnung dort in Gang setzen?
Töne der Hoffnung.
Die Bibel ist voll davon.
Und unser Leben auch.
Unsere Stadt füllen wir mit ihnen.
Hören wir genau hin.
Amen.
(1)
Lesungstext und Grundlage für die Predigt: Römer 5,1-5 (Einheitsübersetzung)
Gerecht gemacht aus Glauben,
haben wir Frieden mit Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn.
Durch ihn haben wir auch den Zugang zu der Gnade erhalten, in der wir stehen,
und rühmen uns unserer Hoffnung auf die Herrlichkeit Gottes.
Mehr noch, wir rühmen uns ebenso unserer Bedrängnis;
denn wir wissen:
Bedrängnis bewirkt Geduld,
Geduld aber Bewährung,
Bewährung Hoffnung.
Die Hoffnung aber lässt nicht zugrunde gehen;
denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen
durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.
(2) Lukas 1,46-55
(3) Genesis 12
(4) Jona 2
(ein Fest der Kulturen im Stadtgarten in Pforzheim)
I.
Töne der Hoffnung
Die Bibel ist voll davon.
Die schwangere Maria singt ein Lied
mit brausenden Tönen.
Ihr Magnificat - von einer umstürzenden Hoffnung,
die selbst vor dieser verzweifelten jungen Frau keinen Halt macht. (2)
Bei Abraham waren es vielleicht eher die stillen Töne.
Als er in den Sternenhimmel blickt,
macht Gott ihm Mut aufzubrechen.
Und er zieht in ein fremdes Land. (3)
Jona singt die Töne der Hoffnung im Bauch des Fisches. (4)
Er wollte vor Gott fliehen.
Die Töne der Angst in ihm waren zunächst viel stärker.
Und sie sind selbst im Bauch nicht verstummt.
Doch dann kommen neue Töne hervor
und er kann tun, was nötig ist.
II.
Das Volk Israel hat immer die Töne der Hoffnung gesungen,
selbst unter Tränen im Exil.
Sie klammerten sich förmlich daran,
dass Gott sie nicht im Stich lassen würde:
Er hat das Volk einst aus der Sklaverei gerettet.
Er wird es nun auch aus dem Exil führen.
Die Christen und Christinnen der ersten Stunde sangen dieselben Lieder.
Teilten dieselbe Hoffnung:
Ja, Gott lässt uns nicht in Stich.
Egal, was passiert: er ist bei uns.
Für sie ist aber ein weiterer Grund hinzugekommen,
diese Töne der Hoffnung anzustimmen:
Jesus ist auferstanden.
Ja, er ist auferstanden.
Das ist der Grund jeder christlichen Hoffnung:
Es gibt keinen Ort und keinen Zustand, wo wir ohne Gott sind.
Selbst im Tod sind wir nicht ohne Gott.
Und nichts, gar nichts kann uns von diesem Gott trennen.
III.
Paulus, den wir eben hörten, sagt das so:
Wir stehen in der Gnade.
Wir stehen in der Gnade. wie in einem Raum,
Oder unter einem Himmel - mit Gott.
Paulus sagt das zu seinen Schwestern und Brüdern in Rom.
Die mussten mal aufbrechen und wieder neu anfangen.
Wurden vertrieben und kamen wieder zurück.
Sie kennen Angst und Verzweiflung und Mut und Hoffnung.
Und ihnen schreibt er:
Wir stehen in der Gnade.
Und von dort erklingen die Töne der Hoffnung.
Wir stehen in der Gnade.
Das heißt nicht:
wir kennen die Töne der Angst nicht mehr.
Wir hören sie ja noch.
Und stimmen sie vielleicht auch selber an.
So ging das den Christen und Christinnen in Rom.
Und dem Volk Israel im Exil auch.
Jede von uns kennt sie, diese schrillen oder verzweifelten Töne.
Und Jesus kennt sie auch.
Sie schwingen in uns
und machen uns ganz klein und mutlos.
Sie reden uns ein, dass das Leben immer gefährlicher wird.
Oder lassen uns Europa abschotten.
Die Töne der Angst lassen uns unmenschlich werden
und Menschen ertrinken ihretwegn.
Und sie sorgen dafür,
dass wir Menschen selbst in Länder abschieben, wo ihr Leben in Gefahr ist.
Die Töne der Angst lassen uns klammern
an vermeintliche Sicherheiten, die keine sind.
Und an eine Vergangenheit, die nie so gut war,
wie wir sie erinnern.
IV.
Aber wir stehen doch in der Gnade!
Sagt Paulus.
Eine neue Zeit ist mit Jesus angebrochen.
Mit offenen Türen zu Gott, der uns losschickt wie einst Abraham.
Wir stehen in der Gnade.,
unter einem Himmel, voller Töne der Hoffnung.
Die Töne der Angst hören wir auch hier.
Aber sie sind leiser.
Denn wir wissen,
dass sie keine Macht mehr über uns haben..
Darum hören wir auf die Töne der Hoffnung.
Die Töne der Liebe und des Lebens.
Grün sind sie - wie die Bäume hier im Stadtgarten.
Grün und voll mit buntem Leben.
Diese Töne sagen uns:
Fürchte dich nicht. Du gehörst zu Gott.
Und von ihm kann dich nichts trennen.
Noch nicht mal deine Angst.
Diese Töne sagen uns:
Öffne dein Herz für die Menschen, die dir begegnen.
Denn für sie und für dich ist Jesus seinen Weg gegangen.
Fang gleich heute damit an.
Und setze dich an den Tisch und iss und rede mit ihnen.
Die Töne der Hoffnung sagen:
Hör auf die Töne, die du mit Gott fröhlich singen kannst
oder unter Tränen.
Und stelle dich an der Seite derer,
die deinen Mut brauchen:
Hier in Pforzheim und auf dem Mittelmeer.
In den Rathäusern und in den Seenotschiffen.
V.
Wir stehen in der Gnade., sagt Paulus.
Und die Liebe Gottes ist ausgegossen in unseren Herzen.
Das sagt er auch.
Und diese Liebe wird überfließen
und unseren Gesang erfüllen.
Wie bei Maria und Abraham und Jona.
Die Töne der Hoffnung schallen aus diesem Atrium hier heraus.
Und schwingen weiter in die Stadt,
die diese Hoffnung braucht.
Und aufs offene Meer hinaus.
Und nach Berlin und Brüssel und Rom und Wien.
Wer weiß, was die Töne der Hoffnung dort in Gang setzen?
Töne der Hoffnung.
Die Bibel ist voll davon.
Und unser Leben auch.
Unsere Stadt füllen wir mit ihnen.
Hören wir genau hin.
Amen.
(1)
Lesungstext und Grundlage für die Predigt: Römer 5,1-5 (Einheitsübersetzung)
Gerecht gemacht aus Glauben,
haben wir Frieden mit Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn.
Durch ihn haben wir auch den Zugang zu der Gnade erhalten, in der wir stehen,
und rühmen uns unserer Hoffnung auf die Herrlichkeit Gottes.
Mehr noch, wir rühmen uns ebenso unserer Bedrängnis;
denn wir wissen:
Bedrängnis bewirkt Geduld,
Geduld aber Bewährung,
Bewährung Hoffnung.
Die Hoffnung aber lässt nicht zugrunde gehen;
denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen
durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.
(2) Lukas 1,46-55
(3) Genesis 12
(4) Jona 2
Sonntag, 24. Juni 2018
Wilder Honig und wilde Worte - zurück ins Leben
Predigt zu Johannes, dem Täufer
(Textgrundlage: Matthäus 3,1-12 und 11,1-15 sowie Johannes 3,22-30 (siehe unten))
- mit Dank an Michael Greßler, Michaela Jecht und Bettina Schlauraff für ein paar Formulierungsideen!
I.
Wilder Honig.
Süß ist er.
Und schmeckt nach Wald und Gestrüpp.
Nach Lavendel und Löwenzahn.
Wilder Honig ist nicht einfach da.
Er wird gemacht - von Bienen.
Er ist ihr Futter in der Blumenlosen Zeit.
Im Winter. Oder wenn es trocken ist.
Wilder Honig, geröstete Heuschrecken und kühles Wasser.
Mehr scheinst du nicht zu brauchen, Johannes.
Wilder Mann mit den wilden Worten.
Du brauchst kein festes Dach über den Kopf,
keine Altersversorgung und keinen Arzt.
Noch nicht mal Anerkennung brauchst du.
Es scheint dir egal zu sein, was die Leute von dir denken.
Und das macht dich unheimlich.
II.
War es dir wirklich egal, was die anderen denken, Johannes?
Ich finde das sehr schwer.
Und mache mir zu oft Gedanken darüber,
ob die anderen mich mögen.
Ob man mich versteht.
Oder gut findet, was ich sage oder tu.
Weil ich unsicher bin.
Und dann ist die Gefahr groß,
dass ich es ihnen recht machen will.
Und ihnen nach dem Mund rede.
Oder meinen Mund halte.
Du machst es anders.
Der wilde Mann mit den wilden Worten.
Du sprichst laut und klar.
Und du schonst niemanden.
Noch nicht mal den König.
Du scheust kein Feuer, kein scharfes Wort, keinen Streit.
Denn es geht dir um das, was wirklich zählt.
Klar und eindeutig.
Es geht dir um Gott.
Zimperlich bist du nicht.
Wilde deftige Worte kommen aus deinem Mund.
Otterngezücht, Schlangenbrut, Ehebrecher
und eine Axt, die schon angelegt ist.
Deine Worte sind hart. Vielleicht sogar zu hart.
Nicht süß wie der wilde Honig.
Eher wie die Heuschrecken.
III.
Aber du bleibst ein Suchender, Johannes.
Selbstbewusste Worte und Demut.
Eindeutig und fragend.
Beides ist da.
Du fragst nach Jesus.
Nach dem, der die Liebe lebt.
Du machst dich nicht klein,
aber du weißt, wer größer ist als du.
Denn es geht dir nie um dich, sondern um Gott.
Gott braucht dich, um den Weg zu bahnen.
Und du lässt es zu.
IV.
Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen. (Johannes 3,30)
So sprichst du von dir und Jesus.
Es ist Wendezeit.
Der Punkt, wo eine neue Richtung eingeschlagen wird.
Die Nächte werden wieder länger.
Aber der Sommer kommt.
Spargel und Rhabarber werden nicht mehr geerntet.
Die Pflanzen wachsen nicht mehr in die Höhe,
sondern in die Frucht.
Auf der Mitte zwischen Weihnachten und Weihnachten.
Zwischen Saat und Ernte.
Zwischen Gericht und himmlischem Jerusalem.
Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen.
Wendezeit.
Du lässt die Menschen in den Jordan steigen.
An der Mündung zum Toten Meer.
Dort, wo das Wasser anfängt nach Salz zu schmecken.
Die Fische kehren dort um,
denn im Toten Meer würden sie sterben.
Und du schickst uns zurück ins Leben.
Ihr wisst doch, worauf es ankommt, sagst du.
Lebt den Himmel - schon jetzt.
V.
Wilde Worte statt wilder Honig.
Du gibst uns deine Worte als Nahrung für den Winter.
Für die Wendezeit.
Jetzt, wenn die Nächte wieder länger werden.
Mit ihnen springen wir über das Johannisfeuer in die Nacht.
Sie sind nicht süß, aber sie nähren.
Sie machen uns Mut.
Mut zu klaren Worten.
Eindeutig, scharf.
Wer Ohren hat, der höre…. (Matthäus 11,15)
„Bist du es, der da kommen soll?
Oder sollen wir auf einen anderen warten?“ (Matthäus 11,3)
Das fragst du Jesus.
Mitten aus dem Gefängnis heraus.
Und Jesus antwortet:
„Blinde sehen und Lahme gehen,
Aussätzige werden rein und Taube hören,
Tote stehen auf
und Armen wird das Evangelium gepredigt;
und selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.“ (Matthäus 11, 5-6)
Und ich stelle mir vor,
wie du dich an diese Worte klammerst.
Worte - klar und eindeutig und voller Feuer.
Deine Nächte sind so lang geworden,
dass du gar nicht mehr weißt, was Licht ist.
Aber deine Sehnsucht nach diesem Licht ist genauso groß wie vorher.
Die Glut in dir ist noch nicht verloschen,
auch wenn andere sie austreten wollen.
Du hältst sie wach.
Und hörst, was passiert.
Blinde sehen. Lahme gehen. Taube hören.
Tote stehen auf.
Da wächst, was wachsen soll, auch wenn du abnimmst.
VI.
Deine Sehnsucht nach dem Licht, Johannes, ist meine.
Sie ist wie eine Glut, die in mir ist
und mich manchmal verzweifeln lässt.
Weil so vieles gegen sie spricht.
Ein Ministerpräsident spricht von Asyltourismus
und macht damit Menschen, die vor Krieg, Armut und Terror fliehen, lächerlich.
Zur Zeit irrt ein Rettungsschiff im Mittelmeer umher.
Auf der Suche nach einem europäischen Hafen -
mit 220 geflüchteten Männern und Frauen und Kindern an Bord.
Hier in Deutschland sollen Ankerzentren eingerichtet werden -
ohne Zugang zur Schule oder zur Arbeit.
Aufnahmelager für Flüchtlinge wie einst in Gurs 1939.
Und ein neuer Nationalismus macht sich breit .
Wendezeit?
Auf jeden Fall eine Zeit, wo es auf uns ankommt.
Auf Menschen, die sich nähren und stärken lassen von Worten wie
„Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium gepredigt“
Deine Sehnsucht, Johannes, ist meine.
Ich will den Himmel leben. Jetzt.
Und wenn die Nächte länger werden,
brauche ich Worte, die mir Mut machen.
Und Zeichen, die für diese Sehnsucht sprechen.
Es gibt sie, auch wenn ich sie so leicht übersehe.
Dass es nun einen Rat der Religionen in Pforzheim gibt.
Das ist so ein Zeichen.
Oder dass am letzten Mittwoch auf dem Waisenhausplatz
ein deutsch-russischer Chor mit einem iranischen Flüchtling
gemeinsam auf der Bühne stand.
Und wir feierten gemeinsam Gottesdienst.
Oder dass der landesweite Protest
gegen die Trennung von Familien an der mexikanischen Grenze
etwas bewegen kann, auch wenn es noch nicht genug ist.
Alles das sind Zeichen, die für meine Sehnsucht sprechen.
Sie sind klein.
Aber sie funkeln und strahlen und machen Lust auf mehr.
VII.
Wilder Honig, geröstete Heuschrecken und kühles Wasser.
Mehr scheinst du nicht zu brauchen, Johannes.
Wilder Mann mit den wilden Worten.
Aber so ganz stimmt das nicht.
Du brauchst zwar keine Anerkennung,
aber Worte, die dir Mut machen.
Und Zeichen, die für deine Sehnsucht sprechen.
Da geht es dir wir mir.
Und ich stelle mir vor, wo du heute stehen würdest.
Am Jordan und am Potomac River in Washington
und an der Moskwa.
An der Donau und am Tiber
und an der Enz.
Und du würdest klare und eindeutige Worte finden:
„Seht zu, bringt rechtschaffene Frucht der Buße!“ (Matthäus 3,8)
Und dann zeigst du auf den,
der größer ist als jeder Präsident und jeder Minister.
Auf ihn kommt es an.
Und auf seine Worte.
„Blinde sehen und Lahme gehen,
Aussätzige werden rein und Taube hören,
Tote stehen auf
und Armen wird das Evangelium gepredigt;
und selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.“
Und dann würdet ihr beide zusammen die Kinder aus den Lagern zu ihren Eltern bringen.
Ihr setzt euch zu ihnen und esst mit ihnen
und hört ihre Geschichten an.
Ihr hättet einen Rat für die Väter und Mütter hier in Pforzheim,
die Angst um ihre Kitaplätze haben.
Danach setzt ihr euch an den Kabinettstisch in Berlin
und legt unseren Ministerinnen und Ministern neuen Mut ins Herz.
Und die besorgten Wutbürger nehmt ihr in den Arm
und ihr macht ihr Herz leichter.
VIII.
Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen.
Deine Worte, Johannes.
Wendezeit. Jetzt.
Die Nächte werden länger.
Die Tage nehmen ab, aber der Sommer kommt.
Mit ihm essen wir Johannisbeeren und süßen Honig.
Und auf den Dächern trinken wir kühlen Weißwein.
Wir nähren unsere Sehnsucht nach dem Himmel
und halten das Feuer in uns wach.
Du, Johannes, bist dabei.
Wilder Mann mit wilden Worten.
Und du schickst uns zurück ins Leben.
Amen.
Textgrundlage:
Matthäus 3, 1-12
Zu der Zeit kam Johannes der Täufer und predigte in der Wüste von Judäa
und sprach: Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!
Denn dieser ist's, von dem der Prophet Jesaja gesprochen und gesagt hat: »Es ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Bereitet dem Herrn den Weg und macht eben seine Steige!«
Er aber, Johannes, hatte ein Gewand aus Kamelhaaren an und einen ledernen Gürtel um seine Lenden; seine Speise aber waren Heuschrecken und wilder Honig.
Da ging zu ihm hinaus Jerusalem und ganz Judäa und das ganze Land am Jordan
und ließen sich taufen von ihm im Jordan und bekannten ihre Sünden.
Als er nun viele Pharisäer und Sadduzäer sah zu seiner Taufe kommen, sprach er zu ihnen: Ihr Otterngezücht, wer hat euch gewiss gemacht, dass ihr dem künftigen Zorn entrinnen werdet? Seht zu, bringt rechtschaffene Frucht der Buße!
Denkt nur nicht, dass ihr bei euch sagen könntet: Wir haben Abraham zum Vater. Denn ich sage euch: Gott vermag dem Abraham aus diesen Steinen Kinder zu erwecken.
Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt. Darum: Jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.
Ich taufe euch mit Wasser zur Buße; der aber nach mir kommt, ist stärker als ich, und ich bin nicht wert, ihm die Schuhe zu tragen; der wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen. Er hat die Worfschaufel in seiner Hand und wird die Spreu vom Weizen trennen und seinen Weizen in die Scheune sammeln; aber die Spreu wird er verbrennen mit unauslöschlichem Feuer.
Matthäus 11,1-15
Und es begab sich, als Jesus diese Gebote an seine zwölf Jünger beendet hatte, ging er von dort weiter, zu lehren und zu predigen in ihren Städten. Da aber Johannes im Gefängnis von den Werken Christi hörte, sandte er seine Jünger und ließ ihn fragen: Bist du, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten?
Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Geht hin und sagt Johannes wieder, was ihr hört und seht: Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium gepredigt; und selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.
Als sie fortgingen, fing Jesus an, zu dem Volk über Johannes zu reden: Was zu sehen seid ihr hinausgegangen in die Wüste? Ein Schilfrohr, das vom Wind bewegt wird?
Oder was zu sehen seid ihr hinausgegangen? Einen Menschen in weichen Kleidern? Siehe, die weiche Kleider tragen, sind in den Häusern der Könige.
Oder was zu sehen seid ihr hinausgegangen? Einen Propheten? Ja, ich sage euch: Er ist mehr als ein Prophet. Dieser ist's, von dem geschrieben steht: »Siehe, ich sende meinen Boten vor dir her, der deinen Weg vor dir bereiten soll.«
Wahrlich, ich sage euch: Unter allen, die von einer Frau geboren sind, ist keiner aufgetreten, der größer ist als Johannes der Täufer; der aber der Kleinste ist im Himmelreich, ist größer als er.
Aber von den Tagen Johannes des Täufers bis heute leidet das Himmelreich Gewalt, und die Gewalt tun, reißen es an sich. Denn alle Propheten und das Gesetz haben geweissagt bis hin zu Johannes; und wenn ihr's annehmen wollt: Er ist Elia, der da kommen soll. Wer Ohren hat, der höre!
Johannes 3,22-28.30
Danach kam Jesus mit seinen Jüngern in das Land Judäa und blieb dort eine Weile mit ihnen und taufte.
Aber auch Johannes taufte in Änon, nahe bei Salim, denn es war da viel Wasser; und sie kamen und ließen sich taufen. Johannes war ja noch nicht ins Gefängnis geworfen.
Da erhob sich ein Streit zwischen den Jüngern des Johannes und einem Juden über die Reinigung. Und sie kamen zu Johannes und sprachen zu ihm: Rabbi, der bei dir war jenseits des Jordans, von dem du Zeugnis gegeben hast, siehe, der tauft, und alle kommen zu ihm.
Johannes antwortete und sprach: Ein Mensch kann nichts nehmen, wenn es ihm nicht vom Himmel gegeben ist. Ihr selbst seid meine Zeugen, dass ich gesagt habe: Ich bin nicht der Christus, sondern ich bin vor ihm her gesandt. (…)
Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen.
(Textgrundlage: Matthäus 3,1-12 und 11,1-15 sowie Johannes 3,22-30 (siehe unten))
- mit Dank an Michael Greßler, Michaela Jecht und Bettina Schlauraff für ein paar Formulierungsideen!
I.
Wilder Honig.
Süß ist er.
Und schmeckt nach Wald und Gestrüpp.
Nach Lavendel und Löwenzahn.
Wilder Honig ist nicht einfach da.
Er wird gemacht - von Bienen.
Er ist ihr Futter in der Blumenlosen Zeit.
Im Winter. Oder wenn es trocken ist.
Wilder Honig, geröstete Heuschrecken und kühles Wasser.
Mehr scheinst du nicht zu brauchen, Johannes.
Wilder Mann mit den wilden Worten.
Du brauchst kein festes Dach über den Kopf,
keine Altersversorgung und keinen Arzt.
Noch nicht mal Anerkennung brauchst du.
Es scheint dir egal zu sein, was die Leute von dir denken.
Und das macht dich unheimlich.
II.
War es dir wirklich egal, was die anderen denken, Johannes?
Ich finde das sehr schwer.
Und mache mir zu oft Gedanken darüber,
ob die anderen mich mögen.
Ob man mich versteht.
Oder gut findet, was ich sage oder tu.
Weil ich unsicher bin.
Und dann ist die Gefahr groß,
dass ich es ihnen recht machen will.
Und ihnen nach dem Mund rede.
Oder meinen Mund halte.
Du machst es anders.
Der wilde Mann mit den wilden Worten.
Du sprichst laut und klar.
Und du schonst niemanden.
Noch nicht mal den König.
Du scheust kein Feuer, kein scharfes Wort, keinen Streit.
Denn es geht dir um das, was wirklich zählt.
Klar und eindeutig.
Es geht dir um Gott.
Zimperlich bist du nicht.
Wilde deftige Worte kommen aus deinem Mund.
Otterngezücht, Schlangenbrut, Ehebrecher
und eine Axt, die schon angelegt ist.
Deine Worte sind hart. Vielleicht sogar zu hart.
Nicht süß wie der wilde Honig.
Eher wie die Heuschrecken.
III.
Aber du bleibst ein Suchender, Johannes.
Selbstbewusste Worte und Demut.
Eindeutig und fragend.
Beides ist da.
Du fragst nach Jesus.
Nach dem, der die Liebe lebt.
Du machst dich nicht klein,
aber du weißt, wer größer ist als du.
Denn es geht dir nie um dich, sondern um Gott.
Gott braucht dich, um den Weg zu bahnen.
Und du lässt es zu.
IV.
Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen. (Johannes 3,30)
So sprichst du von dir und Jesus.
Es ist Wendezeit.
Der Punkt, wo eine neue Richtung eingeschlagen wird.
Die Nächte werden wieder länger.
Aber der Sommer kommt.
Spargel und Rhabarber werden nicht mehr geerntet.
Die Pflanzen wachsen nicht mehr in die Höhe,
sondern in die Frucht.
Auf der Mitte zwischen Weihnachten und Weihnachten.
Zwischen Saat und Ernte.
Zwischen Gericht und himmlischem Jerusalem.
Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen.
Wendezeit.
Du lässt die Menschen in den Jordan steigen.
An der Mündung zum Toten Meer.
Dort, wo das Wasser anfängt nach Salz zu schmecken.
Die Fische kehren dort um,
denn im Toten Meer würden sie sterben.
Und du schickst uns zurück ins Leben.
Ihr wisst doch, worauf es ankommt, sagst du.
Lebt den Himmel - schon jetzt.
V.
Wilde Worte statt wilder Honig.
Du gibst uns deine Worte als Nahrung für den Winter.
Für die Wendezeit.
Jetzt, wenn die Nächte wieder länger werden.
Mit ihnen springen wir über das Johannisfeuer in die Nacht.
Sie sind nicht süß, aber sie nähren.
Sie machen uns Mut.
Mut zu klaren Worten.
Eindeutig, scharf.
Wer Ohren hat, der höre…. (Matthäus 11,15)
„Bist du es, der da kommen soll?
Oder sollen wir auf einen anderen warten?“ (Matthäus 11,3)
Das fragst du Jesus.
Mitten aus dem Gefängnis heraus.
Und Jesus antwortet:
„Blinde sehen und Lahme gehen,
Aussätzige werden rein und Taube hören,
Tote stehen auf
und Armen wird das Evangelium gepredigt;
und selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.“ (Matthäus 11, 5-6)
Und ich stelle mir vor,
wie du dich an diese Worte klammerst.
Worte - klar und eindeutig und voller Feuer.
Deine Nächte sind so lang geworden,
dass du gar nicht mehr weißt, was Licht ist.
Aber deine Sehnsucht nach diesem Licht ist genauso groß wie vorher.
Die Glut in dir ist noch nicht verloschen,
auch wenn andere sie austreten wollen.
Du hältst sie wach.
Und hörst, was passiert.
Blinde sehen. Lahme gehen. Taube hören.
Tote stehen auf.
Da wächst, was wachsen soll, auch wenn du abnimmst.
VI.
Deine Sehnsucht nach dem Licht, Johannes, ist meine.
Sie ist wie eine Glut, die in mir ist
und mich manchmal verzweifeln lässt.
Weil so vieles gegen sie spricht.
Ein Ministerpräsident spricht von Asyltourismus
und macht damit Menschen, die vor Krieg, Armut und Terror fliehen, lächerlich.
Zur Zeit irrt ein Rettungsschiff im Mittelmeer umher.
Auf der Suche nach einem europäischen Hafen -
mit 220 geflüchteten Männern und Frauen und Kindern an Bord.
Hier in Deutschland sollen Ankerzentren eingerichtet werden -
ohne Zugang zur Schule oder zur Arbeit.
Aufnahmelager für Flüchtlinge wie einst in Gurs 1939.
Und ein neuer Nationalismus macht sich breit .
Wendezeit?
Auf jeden Fall eine Zeit, wo es auf uns ankommt.
Auf Menschen, die sich nähren und stärken lassen von Worten wie
„Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium gepredigt“
Deine Sehnsucht, Johannes, ist meine.
Ich will den Himmel leben. Jetzt.
Und wenn die Nächte länger werden,
brauche ich Worte, die mir Mut machen.
Und Zeichen, die für diese Sehnsucht sprechen.
Es gibt sie, auch wenn ich sie so leicht übersehe.
Dass es nun einen Rat der Religionen in Pforzheim gibt.
Das ist so ein Zeichen.
Oder dass am letzten Mittwoch auf dem Waisenhausplatz
ein deutsch-russischer Chor mit einem iranischen Flüchtling
gemeinsam auf der Bühne stand.
Und wir feierten gemeinsam Gottesdienst.
Oder dass der landesweite Protest
gegen die Trennung von Familien an der mexikanischen Grenze
etwas bewegen kann, auch wenn es noch nicht genug ist.
Alles das sind Zeichen, die für meine Sehnsucht sprechen.
Sie sind klein.
Aber sie funkeln und strahlen und machen Lust auf mehr.
VII.
Wilder Honig, geröstete Heuschrecken und kühles Wasser.
Mehr scheinst du nicht zu brauchen, Johannes.
Wilder Mann mit den wilden Worten.
Aber so ganz stimmt das nicht.
Du brauchst zwar keine Anerkennung,
aber Worte, die dir Mut machen.
Und Zeichen, die für deine Sehnsucht sprechen.
Da geht es dir wir mir.
Und ich stelle mir vor, wo du heute stehen würdest.
Am Jordan und am Potomac River in Washington
und an der Moskwa.
An der Donau und am Tiber
und an der Enz.
Und du würdest klare und eindeutige Worte finden:
„Seht zu, bringt rechtschaffene Frucht der Buße!“ (Matthäus 3,8)
Und dann zeigst du auf den,
der größer ist als jeder Präsident und jeder Minister.
Auf ihn kommt es an.
Und auf seine Worte.
„Blinde sehen und Lahme gehen,
Aussätzige werden rein und Taube hören,
Tote stehen auf
und Armen wird das Evangelium gepredigt;
und selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.“
Und dann würdet ihr beide zusammen die Kinder aus den Lagern zu ihren Eltern bringen.
Ihr setzt euch zu ihnen und esst mit ihnen
und hört ihre Geschichten an.
Ihr hättet einen Rat für die Väter und Mütter hier in Pforzheim,
die Angst um ihre Kitaplätze haben.
Danach setzt ihr euch an den Kabinettstisch in Berlin
und legt unseren Ministerinnen und Ministern neuen Mut ins Herz.
Und die besorgten Wutbürger nehmt ihr in den Arm
und ihr macht ihr Herz leichter.
VIII.
Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen.
Deine Worte, Johannes.
Wendezeit. Jetzt.
Die Nächte werden länger.
Die Tage nehmen ab, aber der Sommer kommt.
Mit ihm essen wir Johannisbeeren und süßen Honig.
Und auf den Dächern trinken wir kühlen Weißwein.
Wir nähren unsere Sehnsucht nach dem Himmel
und halten das Feuer in uns wach.
Du, Johannes, bist dabei.
Wilder Mann mit wilden Worten.
Und du schickst uns zurück ins Leben.
Amen.
Textgrundlage:
Matthäus 3, 1-12
Zu der Zeit kam Johannes der Täufer und predigte in der Wüste von Judäa
und sprach: Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!
Denn dieser ist's, von dem der Prophet Jesaja gesprochen und gesagt hat: »Es ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Bereitet dem Herrn den Weg und macht eben seine Steige!«
Er aber, Johannes, hatte ein Gewand aus Kamelhaaren an und einen ledernen Gürtel um seine Lenden; seine Speise aber waren Heuschrecken und wilder Honig.
Da ging zu ihm hinaus Jerusalem und ganz Judäa und das ganze Land am Jordan
und ließen sich taufen von ihm im Jordan und bekannten ihre Sünden.
Als er nun viele Pharisäer und Sadduzäer sah zu seiner Taufe kommen, sprach er zu ihnen: Ihr Otterngezücht, wer hat euch gewiss gemacht, dass ihr dem künftigen Zorn entrinnen werdet? Seht zu, bringt rechtschaffene Frucht der Buße!
Denkt nur nicht, dass ihr bei euch sagen könntet: Wir haben Abraham zum Vater. Denn ich sage euch: Gott vermag dem Abraham aus diesen Steinen Kinder zu erwecken.
Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt. Darum: Jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.
Ich taufe euch mit Wasser zur Buße; der aber nach mir kommt, ist stärker als ich, und ich bin nicht wert, ihm die Schuhe zu tragen; der wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen. Er hat die Worfschaufel in seiner Hand und wird die Spreu vom Weizen trennen und seinen Weizen in die Scheune sammeln; aber die Spreu wird er verbrennen mit unauslöschlichem Feuer.
Matthäus 11,1-15
Und es begab sich, als Jesus diese Gebote an seine zwölf Jünger beendet hatte, ging er von dort weiter, zu lehren und zu predigen in ihren Städten. Da aber Johannes im Gefängnis von den Werken Christi hörte, sandte er seine Jünger und ließ ihn fragen: Bist du, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten?
Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Geht hin und sagt Johannes wieder, was ihr hört und seht: Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium gepredigt; und selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.
Als sie fortgingen, fing Jesus an, zu dem Volk über Johannes zu reden: Was zu sehen seid ihr hinausgegangen in die Wüste? Ein Schilfrohr, das vom Wind bewegt wird?
Oder was zu sehen seid ihr hinausgegangen? Einen Menschen in weichen Kleidern? Siehe, die weiche Kleider tragen, sind in den Häusern der Könige.
Oder was zu sehen seid ihr hinausgegangen? Einen Propheten? Ja, ich sage euch: Er ist mehr als ein Prophet. Dieser ist's, von dem geschrieben steht: »Siehe, ich sende meinen Boten vor dir her, der deinen Weg vor dir bereiten soll.«
Wahrlich, ich sage euch: Unter allen, die von einer Frau geboren sind, ist keiner aufgetreten, der größer ist als Johannes der Täufer; der aber der Kleinste ist im Himmelreich, ist größer als er.
Aber von den Tagen Johannes des Täufers bis heute leidet das Himmelreich Gewalt, und die Gewalt tun, reißen es an sich. Denn alle Propheten und das Gesetz haben geweissagt bis hin zu Johannes; und wenn ihr's annehmen wollt: Er ist Elia, der da kommen soll. Wer Ohren hat, der höre!
Johannes 3,22-28.30
Danach kam Jesus mit seinen Jüngern in das Land Judäa und blieb dort eine Weile mit ihnen und taufte.
Aber auch Johannes taufte in Änon, nahe bei Salim, denn es war da viel Wasser; und sie kamen und ließen sich taufen. Johannes war ja noch nicht ins Gefängnis geworfen.
Da erhob sich ein Streit zwischen den Jüngern des Johannes und einem Juden über die Reinigung. Und sie kamen zu Johannes und sprachen zu ihm: Rabbi, der bei dir war jenseits des Jordans, von dem du Zeugnis gegeben hast, siehe, der tauft, und alle kommen zu ihm.
Johannes antwortete und sprach: Ein Mensch kann nichts nehmen, wenn es ihm nicht vom Himmel gegeben ist. Ihr selbst seid meine Zeugen, dass ich gesagt habe: Ich bin nicht der Christus, sondern ich bin vor ihm her gesandt. (…)
Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen.
Sonntag, 25. Februar 2018
Wie konnte ich nur?
Predigt zu Matthäus 26, 36-46
zum Gedenktag der Zerstörung Pforzheims und der Nagelkreuzübergabe an die Partnergemeinde
Text (bereits vorher gelesen):
Da kam Jesus mit ihnen zu einem Garten, der hieß Gethsemane,
und sprach zu den Jüngern:
Setzt euch hierher, solange ich dorthin gehe und bete.
Und er nahm mit sich Petrus und die zwei Söhne des Zebedäus
und fing an zu trauern und zu zagen.
Da sprach Jesus zu ihnen:
Meine Seele ist betrübt bis an den Tod;
bleibt hier und wachet mit mir!
Und er ging ein wenig weiter, fiel nieder auf sein Angesicht
und betete und sprach:
Mein Vater, ist's möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber;
doch nicht, wie ich will, sondern wie du willst!
Und er kam zu seinen Jüngern und fand sie schlafend
und sprach zu Petrus:
Konntet ihr denn nicht eine Stunde mit mir wachen?
Wachet und betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt!
Der Geist ist willig; aber das Fleisch ist schwach.
Zum zweiten Mal ging er wieder hin, betete und sprach:
Mein Vater, ist's nicht möglich,
dass dieser Kelch vorübergehe, ohne dass ich ihn trinke,
so geschehe dein Wille!
Und er kam und fand sie abermals schlafend,
und ihre Augen waren voller Schlaf.
Und er ließ sie und ging wieder hin
und betete zum dritten Mal und redete abermals dieselben Worte.
Dann kam er zu den Jüngern und sprach zu ihnen:
Ach, wollt ihr weiter schlafen und ruhen?
Siehe, die Stunde ist da,
dass der Menschensohn in die Hände der Sünder überantwortet wird.
Steht auf, lasst uns gehen!
Siehe, er ist da, der mich verrät.
I.
Wie konnte ich nur?
Simon, der Petrus, ist müde.
Der Kopf ist leer. Und doch voller Gedanken.
Und Bilder.
Die vielen Menschen vor ein paar Tagen
bei dem Eingangstor.
Ihre Mäntel, die sie auf den Boden legten,
wie einen Teppich für Jesus.
Die Eselin, die sich nicht aus der Ruhe bringen ließ, in der Menschenmenge.
Augen voller Hoffnung.
Dann der Tempel mit den wunderbaren Mauern und Säulen.
Und die vielen Tiere im Vorhof.
Der wütende Jesus.
Wirft die Tische um. Geldmünzen tanzen auf den Steinen.
Zornige Augen.
Und Blicke, die Warum fragen.
Und eben der dunkle Raum.
Die Kerzen.
Das Brot und das dampfende Fleisch.
Der Wein im Krug und in dem Kelch.
Die Hand von Jesus, die den Kelch segnet, wie zu Beginn das Brot.
Tränen in den Augen der anderen.
Arme, die dich umschließen.
Und alles riecht nach Abschied.
II.
Und nun sind sie hier. In Gethsemane.
Es ist dunkel und ruhig. Und es riecht nach Zeder.
In den Ohren hallen noch die Worte nach.
Du wirst mich verleugnen, sagte Jesus auf dem Weg.
Zu ihm. Ausgerechnet zu ihm.
Simon ist müde.
Bleibt hier und wacht mit mir.
Ja, Jesus, das will ich.
Und doch fallen die Augen zu.
Nur mal kurz.
Wie konnte ich nur?
Denn da steht er, der Freund.
Schaut ihn traurig an.
Konntet ihr denn nicht eine Stunde mit mir wachen?
Simon wird es heiß und kalt zugleich.
Er schämt sich.
Möchte im Boden versinken.
Er sieht doch, wie dreckig es Jesus geht.
Er, der Starke, der Sichere, der Mutige.
Ganz zusammengefallen ist er.
Angst flackert in seinen Augen.
Und unruhig läuft er hin und her.
Und ich schlafe hier einfach ein, denkt Simon.
Dabei braucht er mich doch.
Wie konnte ich nur?
III.
Wie konnte ich nur?
Viele Deutsche haben sich das vor 73 Jahren gefragt.
Wie konnte ich nur diesem Hitler auf den Leim gehen?
Wie konnte ich die Augen davor verschließen,
dass meine jüdische Nachbarin plötzlich nicht mehr da war?
Hätte ich nicht auf die Warnungen von klugen Menschen hören können?
Wieso dachte ich, dass es mich und meine Stadt schon nicht treffen würde?
Wie konnte ich nur?
Ja, sie konnten.
Und ich werde mir diese Frage in 20 Jahren genauso stellen.
Es treibt mich um, dass ich schwach bin und nicht genug tun kann.
Ich weiß, ich müsste wach bleiben. Und beten.
Und doch schaffe ich es nicht.
Mir fallen die Augen zu.
IV.
Auch das brauche ich manchmal.
Manchmal möchte ich einfach nur schlafen
und vergessen, was um mich herum ist.
Einen Trump, der Lehrer mit Waffen ausstatten will.
Das Giftgas in Ost-Ghouta.
Das Plastik im Meer.
Die eingeschlagenen Fensterscheiben in der Huchenfelder Flüchtlingsunterkunft.
Oder die Fackelträger auf dem Wartberg.
Bilder, die nicht aus dem Kopf gehen.
Ich möchte sie wegschlafen.
Manchmal möchte ich einfach nur schlafen
und wenn ich aufwache, ist die Welt anders als jetzt.
Dann haben Mitbürger und Mitbürgerinnen der Stadt politisch was zu sagen,
auch die mit ausländischen Wurzeln
und nicht nur die, die schon immer hier waren.
Und wir wissen, dass die eigentliche Gefahr von denen ausgeht,
die zwischen wertem und unwertem Leben unterscheiden wollen.
Dann haben wir in Pforzheim genügend Kita-Plätze.
Und die Kinder leben nicht mehr in Armut wie jetzt jedes 5. Kind.
Manchmal möchte ich einfach nur schlafen
und danach soll die Welt so sein:
Bunt und fröhlich,
und die Tränen werden gemeinsam geweint.
V.
Aber wenn ich aufwache, dann ist die Welt nicht so.
Simon wacht auf und Jesus steht vor ihm.
Und hat seinen schwersten Weg noch vor sich.
Verraten und verkauft.
Aber er verurteilt nicht.
Sondern spürt dasselbe wie Simon und wie ich.
Schuld und Reue.
Angst und Zweifel,
Erschöpfung und Verrat,
Einsamkeit und dann auch Vertrauen.
Alles das macht müde
Und alles das braucht meine Wachsamkeit und mein Gebet.
VI.
Wie konnte ich nur?
Diese Frage ist die Anfechtung,
in die mich meine Lebensmüdigkeit führt.
Ich muss mich ihr stellen. Ihr ins Gesicht sehen.
Sonst holt sie mich immer wieder ein.
Und darum brauche ich einen, der mich aufweckt.
Wacht und betet.
Gott sei dank gibt es die Menschen, die wachen und beten.
VII.
Probst Howard in Coventry war so einer.
Er wachte in und bei seiner Kathedrale, als die Bomben auf sie fielen.
Und die Engel hielten den Atem an.
Und Howard legte die Zimmermannsnägel übereinander
und machte sie so zum Zeichen der Versöhnung.
Lasst uns auf Rache verzichten, rief er seinen Leuten zu.
Wacht und betet.
Betet füreinander und für die Feinde auch.
Sophie und Hans Scholl und Christoph Probst waren solche.
Selber hellwach versuchten sie alles,
damit das Land nicht in den Abgrund versank.
Ihre Flugblätter sollten aufwecken.
Sie forderten zur Sabotage auf gegen alles,
was den Krieg verlängert.
Und sie schrieben an gegen den Krieg
und gegen den Mord an die Juden.
Ihr Gebet sollte sie bewahren.
Es ist ihnen nicht gelungen.
Aber heute halten sie uns wach - 75 Jahre nach ihrem Tod.
Wacht und betet.
Unsere Nagelkreuzgemeinschaft ist so eine.
Wacht und betet.
Baut Brücken.
Und machte aus Feinden Freunde.
Die Witwe des ermordeten Soldaten John Frost kam an den Ort des Grauens,
nach Huchenfeld.
Weil sie erfuhr, dass für ihren Mann eine Gedenktafel errichtet wird,
konnte sie dem ehemaligen Hitlerjungen vergeben,
als er weinend beim Abendmahl gestand, dass er dabei war und ihren Mann tötete.
Tom Tate, der dem Mord in Huchenfeld entfliehen konnte,
fing an, mit 80 Jahren noch Deutsch zu lernen.
John Wynne, der Pilot der abgeschossenen Maschine,
schickt jedes Jahr zum 23.Februar einen Kranz mit Narzissen.
Und jeden letzten Freitag im Monat
versammeln sich hier vorne Menschen
und nehmen die Welt ins Gebet.
Gemeinsam mit allen,
die weltweit zur Nagelkreuzgemeinschaft gehören.
Wacht und betet.
VIII.
Wacht und betet. Steht auf und lasst uns gehen.
Simon hört es und tut es.
Und wird wieder versagen.
Wird Jesus verleugnen
und wird nicht unter dem Kreuz stehen.
Er wird nicht glauben können,
dass er, sein Freund, von Gott aufgeweckt wurde.
Und er wird sich fragen: wie konnte ich nur?
Die Frage begleitet sein Leben.
Er wird sie nicht los.
Und doch geht er weiter.
Und wacht und betet.
Weil Jesus ihm nicht von der Seite weicht.
Ja, da ist viel Schuld und es bleibt viel Schuld.
Diese Frage: Wie konnte ich nur?
Sie bleibt.
Aber ich kann sie nicht wegschlafen.
Und ich muss es auch nicht.
Denn da ist einer an meiner Seite.
Der trägt die Frage mit mir.
Der kommt aus der Angst
und geht den ganzen Weg, den ich gehe.
Wacht mit mir und betet mit mir und lässt mich nicht los.
Und er weckt mich auf, wenn ich eingeschlafen bin.
IX.
Wacht und betet. Steht auf und lasst uns gehen.
Lasst euch wecken von Jesus und seinen Mitstreitern und Mitstreiterinnen,
Sie fügen Zimmermannsnägel zusammen,
Werfen Flugblätter und machen Feinde zu Freunden.
Sie reparieren die zerschlagenen Fenster in der Unterkunft
Und beten gemeinsam auf dem Marktplatz für den Frieden der Stadt -
Über alle Religionsgrenzen hinweg.
Gut, dass sie da sind.
Sie wachen.
Beten.
Und stehen auf.
Mit ihm.
Und mit euch.
Amen.
zum Gedenktag der Zerstörung Pforzheims und der Nagelkreuzübergabe an die Partnergemeinde
Text (bereits vorher gelesen):
Da kam Jesus mit ihnen zu einem Garten, der hieß Gethsemane,
und sprach zu den Jüngern:
Setzt euch hierher, solange ich dorthin gehe und bete.
Und er nahm mit sich Petrus und die zwei Söhne des Zebedäus
und fing an zu trauern und zu zagen.
Da sprach Jesus zu ihnen:
Meine Seele ist betrübt bis an den Tod;
bleibt hier und wachet mit mir!
Und er ging ein wenig weiter, fiel nieder auf sein Angesicht
und betete und sprach:
Mein Vater, ist's möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber;
doch nicht, wie ich will, sondern wie du willst!
Und er kam zu seinen Jüngern und fand sie schlafend
und sprach zu Petrus:
Konntet ihr denn nicht eine Stunde mit mir wachen?
Wachet und betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt!
Der Geist ist willig; aber das Fleisch ist schwach.
Zum zweiten Mal ging er wieder hin, betete und sprach:
Mein Vater, ist's nicht möglich,
dass dieser Kelch vorübergehe, ohne dass ich ihn trinke,
so geschehe dein Wille!
Und er kam und fand sie abermals schlafend,
und ihre Augen waren voller Schlaf.
Und er ließ sie und ging wieder hin
und betete zum dritten Mal und redete abermals dieselben Worte.
Dann kam er zu den Jüngern und sprach zu ihnen:
Ach, wollt ihr weiter schlafen und ruhen?
Siehe, die Stunde ist da,
dass der Menschensohn in die Hände der Sünder überantwortet wird.
Steht auf, lasst uns gehen!
Siehe, er ist da, der mich verrät.
I.
Wie konnte ich nur?
Simon, der Petrus, ist müde.
Der Kopf ist leer. Und doch voller Gedanken.
Und Bilder.
Die vielen Menschen vor ein paar Tagen
bei dem Eingangstor.
Ihre Mäntel, die sie auf den Boden legten,
wie einen Teppich für Jesus.
Die Eselin, die sich nicht aus der Ruhe bringen ließ, in der Menschenmenge.
Augen voller Hoffnung.
Dann der Tempel mit den wunderbaren Mauern und Säulen.
Und die vielen Tiere im Vorhof.
Der wütende Jesus.
Wirft die Tische um. Geldmünzen tanzen auf den Steinen.
Zornige Augen.
Und Blicke, die Warum fragen.
Und eben der dunkle Raum.
Die Kerzen.
Das Brot und das dampfende Fleisch.
Der Wein im Krug und in dem Kelch.
Die Hand von Jesus, die den Kelch segnet, wie zu Beginn das Brot.
Tränen in den Augen der anderen.
Arme, die dich umschließen.
Und alles riecht nach Abschied.
II.
Und nun sind sie hier. In Gethsemane.
Es ist dunkel und ruhig. Und es riecht nach Zeder.
In den Ohren hallen noch die Worte nach.
Du wirst mich verleugnen, sagte Jesus auf dem Weg.
Zu ihm. Ausgerechnet zu ihm.
Simon ist müde.
Bleibt hier und wacht mit mir.
Ja, Jesus, das will ich.
Und doch fallen die Augen zu.
Nur mal kurz.
Wie konnte ich nur?
Denn da steht er, der Freund.
Schaut ihn traurig an.
Konntet ihr denn nicht eine Stunde mit mir wachen?
Simon wird es heiß und kalt zugleich.
Er schämt sich.
Möchte im Boden versinken.
Er sieht doch, wie dreckig es Jesus geht.
Er, der Starke, der Sichere, der Mutige.
Ganz zusammengefallen ist er.
Angst flackert in seinen Augen.
Und unruhig läuft er hin und her.
Und ich schlafe hier einfach ein, denkt Simon.
Dabei braucht er mich doch.
Wie konnte ich nur?
III.
Wie konnte ich nur?
Viele Deutsche haben sich das vor 73 Jahren gefragt.
Wie konnte ich nur diesem Hitler auf den Leim gehen?
Wie konnte ich die Augen davor verschließen,
dass meine jüdische Nachbarin plötzlich nicht mehr da war?
Hätte ich nicht auf die Warnungen von klugen Menschen hören können?
Wieso dachte ich, dass es mich und meine Stadt schon nicht treffen würde?
Wie konnte ich nur?
Ja, sie konnten.
Und ich werde mir diese Frage in 20 Jahren genauso stellen.
Es treibt mich um, dass ich schwach bin und nicht genug tun kann.
Ich weiß, ich müsste wach bleiben. Und beten.
Und doch schaffe ich es nicht.
Mir fallen die Augen zu.
IV.
Auch das brauche ich manchmal.
Manchmal möchte ich einfach nur schlafen
und vergessen, was um mich herum ist.
Einen Trump, der Lehrer mit Waffen ausstatten will.
Das Giftgas in Ost-Ghouta.
Das Plastik im Meer.
Die eingeschlagenen Fensterscheiben in der Huchenfelder Flüchtlingsunterkunft.
Oder die Fackelträger auf dem Wartberg.
Bilder, die nicht aus dem Kopf gehen.
Ich möchte sie wegschlafen.
Manchmal möchte ich einfach nur schlafen
und wenn ich aufwache, ist die Welt anders als jetzt.
Dann haben Mitbürger und Mitbürgerinnen der Stadt politisch was zu sagen,
auch die mit ausländischen Wurzeln
und nicht nur die, die schon immer hier waren.
Und wir wissen, dass die eigentliche Gefahr von denen ausgeht,
die zwischen wertem und unwertem Leben unterscheiden wollen.
Dann haben wir in Pforzheim genügend Kita-Plätze.
Und die Kinder leben nicht mehr in Armut wie jetzt jedes 5. Kind.
Manchmal möchte ich einfach nur schlafen
und danach soll die Welt so sein:
Bunt und fröhlich,
und die Tränen werden gemeinsam geweint.
V.
Aber wenn ich aufwache, dann ist die Welt nicht so.
Simon wacht auf und Jesus steht vor ihm.
Und hat seinen schwersten Weg noch vor sich.
Verraten und verkauft.
Aber er verurteilt nicht.
Sondern spürt dasselbe wie Simon und wie ich.
Schuld und Reue.
Angst und Zweifel,
Erschöpfung und Verrat,
Einsamkeit und dann auch Vertrauen.
Alles das macht müde
Und alles das braucht meine Wachsamkeit und mein Gebet.
VI.
Wie konnte ich nur?
Diese Frage ist die Anfechtung,
in die mich meine Lebensmüdigkeit führt.
Ich muss mich ihr stellen. Ihr ins Gesicht sehen.
Sonst holt sie mich immer wieder ein.
Und darum brauche ich einen, der mich aufweckt.
Wacht und betet.
Gott sei dank gibt es die Menschen, die wachen und beten.
VII.
Probst Howard in Coventry war so einer.
Er wachte in und bei seiner Kathedrale, als die Bomben auf sie fielen.
Und die Engel hielten den Atem an.
Und Howard legte die Zimmermannsnägel übereinander
und machte sie so zum Zeichen der Versöhnung.
Lasst uns auf Rache verzichten, rief er seinen Leuten zu.
Wacht und betet.
Betet füreinander und für die Feinde auch.
Sophie und Hans Scholl und Christoph Probst waren solche.
Selber hellwach versuchten sie alles,
damit das Land nicht in den Abgrund versank.
Ihre Flugblätter sollten aufwecken.
Sie forderten zur Sabotage auf gegen alles,
was den Krieg verlängert.
Und sie schrieben an gegen den Krieg
und gegen den Mord an die Juden.
Ihr Gebet sollte sie bewahren.
Es ist ihnen nicht gelungen.
Aber heute halten sie uns wach - 75 Jahre nach ihrem Tod.
Wacht und betet.
Unsere Nagelkreuzgemeinschaft ist so eine.
Wacht und betet.
Baut Brücken.
Und machte aus Feinden Freunde.
Die Witwe des ermordeten Soldaten John Frost kam an den Ort des Grauens,
nach Huchenfeld.
Weil sie erfuhr, dass für ihren Mann eine Gedenktafel errichtet wird,
konnte sie dem ehemaligen Hitlerjungen vergeben,
als er weinend beim Abendmahl gestand, dass er dabei war und ihren Mann tötete.
Tom Tate, der dem Mord in Huchenfeld entfliehen konnte,
fing an, mit 80 Jahren noch Deutsch zu lernen.
John Wynne, der Pilot der abgeschossenen Maschine,
schickt jedes Jahr zum 23.Februar einen Kranz mit Narzissen.
Und jeden letzten Freitag im Monat
versammeln sich hier vorne Menschen
und nehmen die Welt ins Gebet.
Gemeinsam mit allen,
die weltweit zur Nagelkreuzgemeinschaft gehören.
Wacht und betet.
VIII.
Wacht und betet. Steht auf und lasst uns gehen.
Simon hört es und tut es.
Und wird wieder versagen.
Wird Jesus verleugnen
und wird nicht unter dem Kreuz stehen.
Er wird nicht glauben können,
dass er, sein Freund, von Gott aufgeweckt wurde.
Und er wird sich fragen: wie konnte ich nur?
Die Frage begleitet sein Leben.
Er wird sie nicht los.
Und doch geht er weiter.
Und wacht und betet.
Weil Jesus ihm nicht von der Seite weicht.
Ja, da ist viel Schuld und es bleibt viel Schuld.
Diese Frage: Wie konnte ich nur?
Sie bleibt.
Aber ich kann sie nicht wegschlafen.
Und ich muss es auch nicht.
Denn da ist einer an meiner Seite.
Der trägt die Frage mit mir.
Der kommt aus der Angst
und geht den ganzen Weg, den ich gehe.
Wacht mit mir und betet mit mir und lässt mich nicht los.
Und er weckt mich auf, wenn ich eingeschlafen bin.
IX.
Wacht und betet. Steht auf und lasst uns gehen.
Lasst euch wecken von Jesus und seinen Mitstreitern und Mitstreiterinnen,
Sie fügen Zimmermannsnägel zusammen,
Werfen Flugblätter und machen Feinde zu Freunden.
Sie reparieren die zerschlagenen Fenster in der Unterkunft
Und beten gemeinsam auf dem Marktplatz für den Frieden der Stadt -
Über alle Religionsgrenzen hinweg.
Gut, dass sie da sind.
Sie wachen.
Beten.
Und stehen auf.
Mit ihm.
Und mit euch.
Amen.
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