Mittwoch, 13. März 2024

Augenblicke der Wahrheit

Von einem feigen Petrus und einer feigen Kirche und dass das nicht so bleiben muss

Predigt zu Lk 22*

Simon ist ein mutiger Mann.
Als Fischer direkt von den Booten weg zum Jünger von Jesus berufen.
Galiläer durch und durch – sein Akzent verrät das.
Und er erkannte früh, wer Jesus ist.
Dafür bekommt er von Jesus den Ehrentitel „Petrus“ – Stein, Fels.
Jesus traut ihm viel zu.

Auch jetzt ist Simon Petrus mutig, zumindest am Anfang.
Nachdem Jesus abgeführt wurde, wagt er sich als einziger nahe heran an den Ort,
wo Jesus verhört werden soll.
Mitten in den Hof des Hohepriesters setzt er sich zu Fremden ans Feuer.
Keiner seiner Freunde und Freundinnen ist bei ihm. Er ist alleine dort.
Aber das ignoriert er.
Denn er möchte aus der Nähe mitbekommen, wie es mit Jesus weitergeht.
Und ihm vielleicht sogar helfen?
Er hat es ja versprochen.

2. Augenblick der Wahrheit

Doch in was für eine Gesellschaft ist er da geraten?
Tuschelnde Stimmen. Blicke treffen ihn, die ihn genau ansehen – mustern – kritisch beäugen.
Das ist er: der Augenblick der Wahrheit.

Offensichtlich hat sich Petrus selbst übernommen –
er ist der ganzen Situation nicht gewachsen.
Zunächst tuschelt die Magd zu den anderen „Dieser war auch mit ihm.“
Petrus wehrt sich: „Frau, ich kenne ihn nicht“.
Und dann geht das noch zweimal so.
Er windet sich und leugnet selbst da, wo es nichts zu leugnen gibt.
Ein schöner Felsen ist das, der unter kritischen Blicken und tuschelndem Flüstern 
und ganz allein unter Fremden immer mehr ins Wanken kommt!
Dabei hätte Petrus es doch ahnen können:
Binnen weniger Tage hat sich seine Welt komplett verändert.
Binnen weniger Stunden sieht sein Leben ganz anders aus.
War er vor kurzem noch Jünger eines gefeierten Rabbis und Heilers,
hält die Politik seinen besten Freund nun für einen Verbrecher.
Und das ist auch für Petrus gefährlich.
Hat er es erst jetzt realisiert?

3. Feigheit

Und ja, da ist er, der Augenblick der Wahrheit.
Aus dem mutigen Simon ist der feige Petrus geworden.
In dem Moment, als er merkt, was passiert ist, ist es zu spät.
Jesus schaut ihn an. Der Hahn kräht.
Der Augenblick der Wahrheit tut weh. So weh, dass er sich nur noch schämt.
Allein im Hof mit der Wahrheit und mit sich selbst.
Was hab ich nur gemacht?

Ein Augenblick der Wahrheit ist für unsere Kirche der 25. Januar in diesem Jahr:
die ForuM-Studie wurde der Öffentlichkeit vorgestellt** -
die Studie, die das jahrzehntelange Versagen der evangelischen Kirchen in Deutschland
im Umgang mit sexualisierter Gewalt durch ihre Mitarbeiter dokumentiert.
Weggeschaut, ignoriert, weggehört, lächerlich gemacht, geschwiegen -
alles das haben viel zu viele in unserer Kirche gemacht,
obwohl Betroffene sich an sie gewandt haben.
Statt sich auf ihre Seite zu stellen und ihnen zu glauben,
hat die Kirche sogar die Täter geschützt.
Denn es waren ja die "netten", die "tollen", die "charismatischen" Pfarrer und Leiter -
"nein, der doch nicht. Das musst du dir ausgedacht haben.
Und wir müssen doch auch an ihn denken."

Und so ging es weiter und weiter und jahrzehntelang passierte - nichts.
"Wir sind nicht zuständig. Nein, ich bin es nicht."
Und auf einmal kräht der Hahn. Und Jesus schaut uns an.

Ja, unsere Kirche war feige
und hat ausgerechnet die unter uns in Stich gelassen, die ihr vertraut haben.
Und wir müssen sehr aufpassen, dass wir dasselbe nicht wieder tun.
Indem wir uns rausreden:
"ach, das war doch früher so. Heute haben wir das im Griff.
Und schließlich gab es das woanders ja auch. Das ist doch ein gesellschaftliches Problem.
Und in den Vereinen ist das noch viel schlimmer."

Und so gehen die Relativierungen weiter.
Dabei hat der Hahn schon längst gekräht
und jetzt muss Schluss sein mit diesen Ausflüchten und Verweigerungen.

4. Beistehen

Simon Petrus macht es uns vor.
Jetzt weicht er nicht mehr aus, sondern weint.
Große Worte, große Gesten helfen nicht weiter.
Nur noch Tränen. Nur noch echt sein. Nur noch da sein.
Auf dem Hof der Wahrheit.
Die eigene Feigheit anschauen.

Ich hätte ihm gewünscht, dass er da im Hof nicht alleine gewesen wäre.
Ich stelle mir vor, Maria Magdalena wäre auch dabei gewesen.
Am Feuer, als das Dienstmädchen über Simon spricht:
Der da war auch mit ihm zusammen!
Und Simon sagt: Ich kenne ihn gar nicht.

Und Maria Magdalena tritt ans Feuer und sagt:
Ich kenne ihn und dieser Jesus ist der gütigste Mensch, den ich kenne.
Und aus dem Schatten tritt Levi in den Feuerschein und sagt:
Ja, er hat mich dazu gebracht, dass ich all meinen Besitz geteilt habe!
Und so fasst sich auch Simon ans Herz und sagt:
Ihr habt recht, ich kenne ihn auch. Ich kenne ihn sehr gut.
Und noch besser kennt er mich. Und darüber bin ich froh.
Vielleicht hätte Simon das gebraucht?
Dass da noch andere mit ihm stehen und er nicht alleine ist?
Dann hätte er vielleicht seinen Mut wieder gefunden.

5. Andere stärken

Er hat es dann ja verstanden.
Das war ja der Auftrag von Jesus an ihn:
Stärke deine Brüder und Schwestern!
Steh ihnen bei. Stell dich an ihre Seite. Richte sie auf. Tu dich mit ihnen zusammen.

Und vielleicht brauchte er genau diesen Tiefpunkt im Hof des Hohepriesters:
Die Erkenntnis: Alleine bin ich nicht stark genug.
Ich bin auch nicht besser als die anderen.
Und trotzdem hält Jesus an mir fest.
Jesus schaut mich an, sieht mein Versagen, meinen Kampf, meine Tränen, meine Feigheit.
Trotzdem traut er mir zu, ein Felsen zu sein und andere zu stärken.
Und genau das muss ich nun tun.

Ja, Simon Petrus schämt sich aus tiefstem Herzen für seine Feigheit
und sein Wegducken und gerade darin ist er ein Vorbild.
Er hört schließlich auf, feige zu sein.
Und geht dafür sogar ins Gefängnis.

6. Augenblicke der Wahrheit

Der Augenblick der Wahrheit kann dich einsam machen.
Der Augenblick der Wahrheit treibt dir die Tränen der Scham in die Augen.
Der Augenblick der Wahrheit kann dir aber auch die Augen öffnen
und du weißt, was zu tun ist.

Für unsere Kirche ist der Augenblick der Wahrheit gekommen.
Und auch wir wissen, was zu tun ist.
Zuhören, aufdecken, hinsehen, ehrlich sein,
und Entschädigung zahlen.
Und alles dafür tun, dass Betroffene von Gewalt nie wieder in Stich gelassen werden.
Das ist bei weitem noch nicht alles. Aber es ist dran.
Es ist dran, endlich mit der Feigheit aufzuhören.
Das Gute ist: wir sind nicht alleine unterwegs. Und Jesus traut uns das zu.

7. Mutig sein

Der Augenblick der Wahrheit führt ins Licht.
Für Simon Petrus ist die Nacht vorbei.
Der Morgen bricht an. Rosarot.
Der letzte Blick von Jesus gilt ihm.
Und er weiß, dass er nicht allein ist.

Und auch du bist dann nicht allein.
Jesus sieht dich an.  
Und auch dein Morgen bricht an. Rosarot.

Und da sind die Schwestern und Brüder,
die du stark machst und die dich stark machen.
Zusammen tretet ihr ein für alles, was unseren Freund und Bruder Jesus ausmacht:
für seine Liebe zu den Menschen.
In den nächsten Wochen und Monaten wird euer Mut gebraucht.
Und ihr seid nicht allein.

Mit euch ist der Friede, welcher höher ist als all unsere Vernunft.
Er bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.

*) Lukas 22, 24 - 34 und 54 - 62

Die Jünger begannen darüber zu streiten, wer von ihnen der Wichtigste war.
Aber Jesus sagte zu ihnen::
»Die Könige herrschen über ihre Völker, und die Machthaber lassen sich Wohltäter nennen.
Aber ihr sollt nicht so sein:
Sondern wer unter euch der Wichtigste ist, soll sein wie der Geringste –,
und wer führen will, wie einer, der dient.
Wer ist denn wichtiger? Der zu Tisch liegt und isst oder der ihn bedient?
Natürlich der zu Tisch liegt! Doch ich bin unter euch wie einer, der dient.
Ihr habt mit mir durchgehalten, wann immer ich auf die Probe gestellt wurde.
So gebe ich euch Anteil an der Herrschaft, die mein Vater mir übertragen hat:
In meinem Reich sollt ihr an meinem Tischessen und trinken.
Ihr sollt auf Thronen sitzen und über die zwölf Stämme Israels Gericht halten.«

Simon, Simon! Sieh doch:
Der Satan hat sich von Gott erbeten, euch durchzusieben wie den Weizen!
Aber ich habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht aufhört.
Wenn du dann wieder zu mir zurückgekehrt bist, sollst du deine Brüder und Schwestern stärken.«

Petrus entgegnete Jesus:
»Herr! Ich bin bereit, mit dir ins Gefängnis zu gehen – ja, sogar mit dir zu sterben!«
Aber Jesus erwiderte:
»Das sage ich dir, Petrus:
Noch bevor heute der Hahn kräht, wirst du dreimal abstreiten, dass du mich kennst.«
-------------------------------------
Die Männer nahmen Jesus fest, führten ihn ab
und brachten ihn in das Haus des Hohepriesters.
Petrus folgte in einiger Entfernung.
In der Mitte des Hofes brannte ein Feuer, um das sich einige Leute versammelt hatten.
Petrus setzte sich mitten unter sie.
Ein Dienstmädchen sah Petrus dort im Schein des Feuers sitzen.
Sie musterte ihn aufmerksam und sagte: »Der da war auch mit ihm zusammen!«
Petrus stritt das ab und sagte: »Ich kenne ihn gar nicht, Frau!«
Kurz darauf sah ihn jemand anderes und sagte: »Du gehörst auch zu denen!«
Aber Petrus erwiderte: »Mensch, ich doch nicht!«
Etwa eine Stunde später behauptete ein anderer:
»Ganz bestimmt gehört er zu denen! Er kommt doch auch aus Galiläa.«
Aber Petrus stritt es wieder ab: »Mensch, ich weiß überhaupt nicht, wovon du sprichst.«
Im selben Moment, während er noch redete, krähte ein Hahn.
Der Herr drehte sich um und blickte Petrus an.
Da erinnerte sich Petrus an das, was der Herr zu ihm gesagt hatte:
»Noch bevor heute der Hahn kräht, wirst du dreimal abstreiten, mich zu kennen.«
Und Petrus lief hinaus und weinte heftig.


**) Siehe www.forum-studie.de

Freitag, 1. März 2024

Dass so etwas nie wieder geschieht.....


 Ansprache anlässlich des Gedenktags der Zerstörung Pforzheims am 23. Februar
(1)
 

„Wenn ich heute zurückdenke, dann kann ich nur hoffen
und beten, dass so etwas nie wieder geschieht!“ 


Das sagte eine Zeitzeugin vor 3 Jahren (2).
Am 23. Februar 1945 war sie 12 Jahre alt.
Sie und ihre Familie lebten im Norden der Stadt. 
Ihr Haus hatte keinen Keller, also versteckten sie sich, so gut es ging,
in einem Graben im Garten. 
Die Angst, dass es sie erwischen würde, ist immer noch präsent.
Wie auch das Weinen der Mutter.
Denn da waren ja noch die 2 Schwestern unten in der Stadt, als die Bomben fielen.
Sie haben sie in den Trümmern nie gefunden. 



„Dass so etwas nie wieder geschehe“.

Nie wieder - wie ein Stoßgebet. 

Ein Auftrag an die Menschen damals und heute:
Lebt den Frieden. Nicht den Krieg. Und lernt aus dem, was uns passiert ist. 



Und ja, wir haben gelernt. 

Wir haben ein Grundgesetz, das auf dem Boden der Menschenrechte fußt. 

„Dass so etwas nie wieder geschehe.“ 

Die Stadt Pforzheim ist wieder aufgebaut und sie ist größer als je zuvor. 

Die Freundschaften mit Menschen in aller Welt tun uns gut. 

Unsere Stadt ist bunt und international und lernt jeden Tag neu,
wie es gehen kann mit dem Frieden.
 
Aber Narben sind sichtbar – alleine hier auf dem Hauptfriedhof -
und die Narben in den Seelen der Zeitzeugen tun immer noch weh.
Wir wissen, wie unsere Vorfahren hinein verstrickt waren in Schuld und Gewalt. 

Und es gibt wieder Krieg in Europa.

Und ja, alles das mahnt uns: Nie wieder.




Wir lernen den Frieden und jeden Tag fühlt er sich neu an. 

Er riecht nach gefüllten Zwiebeln, die mir Wajida, meine jesidische Nachbarin, vorbei bringt,
duftet nach Thymian und Zitrone.
Aus dem Irak ist Wajida hierher geflohen und hat hier ein neues Zuhause gefunden. 

Das alles teilt sie mit mir, wenn sie mir ihre dampfende Schüssel reicht. 



Wir lernen den Frieden -
er klingt nach kyrillischen und arabischen Buchstaben,

und nach Saz, der kurdischen Gitarre mit ihrem langen Hals, deren Töne miteinander verschwimmen.  

Er schmeckt nach dem Hummus meiner jüdischen Glaubensgeschwister, 

zu dem sie mich an Chanukka einladen. 

Gemeinsam zünden wir die Kerzen am Chanukka-Leuchter an
und wir teilen unsere Sorgen um den Frieden in Israel und Gaza
zusammen mit unseren muslimischen Freunden.
In der Vesperkirche teilen wir Zeit, Essen und Frieden mit Alten und Jungen.

Und die Kinder in der Pforzheimer Kita der Religionen leben jeden Tag diesen Frieden.
Irenicus heißt die Kita. Irenicus - Der Friedensbringer.

Wir leben hier in einer Stadt und wissen so wenig voneinander. 

Aber wir brauchen uns. Immer wieder machen wir uns das klar. 

Und so tasten wir uns vor und lernen uns kennen. 

Wir machen auch Fehler. Und lernen daraus. 

Immer wieder lernen wir, wie es gehen kann mit dem Frieden.

Und wir spüren genau: nie wieder ist jetzt.


Im Vers 9, vom 85. Psalm heißt es:

„Ich will hören, was Gott zu sagen hat. Er redet vom Frieden. 

Er verspricht ihn seinem Volk und seinen Frommen. 

Doch sie sollen nicht mehr zurückkehren zu den Dummheiten der Vergangenheit!“




Nehmt den Frieden ernst, sagt Gott. 
Passt auf ihn auf.
Gebt der Liebe Raum und nicht dem Hass. 

Verbindet euch, statt euch gegeneinander aufhetzen zu lassen. 

Sagt ja zu Menschenrechten, die allen gelten, ja zur Demokratie,
und sagt nein zum nationalistischem Albtraum. 

Geht respektvoll miteinander um,
auch mit denen,
die anders sind, anders lieben, anders glauben. 



Ja, nehmen wir den Frieden ernst,
denn es gibt sie, die den Frieden bedrohen. 

Sie wiederholen die "Dummheiten der Vergangenheit". 

Sie überfallen die Ukraine. Sie ermorden Menschen in israelischen Kibbuzim.
Sie opfern ihre eigene Bevölkerung im Gaza und im Iran und in Russland.


Es gibt sie, die die Dummheiten der Vergangenheit wiederholen:

Sie bedrohen die Synagoge und die Moscheen hier.
Bereiten den Boden für Hass und Gewalt. 

Und jedes Jahr kommen sie auf den Wartberg mit ihren Fackeln.
Immer wieder am 23. Februar. 

Nie wieder ist jetzt!



Und wenn es uns ernst ist mit dem Frieden,
dann stehen wir auf gegen diese Dummheiten der Vergangenheit.

Immer wieder. 

Wir sagen laut, dass wir nur miteinander leben können und wollen,
- ohne den Hass der Ewiggestrigen. 

Wir stellen uns vor die, die bedroht werden.

Wir lassen den Frieden nicht nur auf der Zunge zergehen, sondern köcheln ihn weiter.
Mit allen Zutaten, die bei den Menschen in unserer Stadt zu finden sind.
Das gibt uns Kraft.
Kraft für den Frieden.
Kraft für unsere Demokratie.

„Wenn ich heute zurückdenke,
dann kann ich nur hoffen und beten, 
dass so etwas nie wieder geschieht!“  


Ja, ich bete mit der Zeitzeugin um den Frieden für unsere Stadt und unser Land. 

Ich bete um einen Frieden, der größer ist als unser zerbrechliches Wir. 

Dieser Friede soll uns zusammenbringen aus Nah und Fern, 

mit unseren Sprachen und Gerüchen und Tönen.
Zu diesem Frieden gehören meine jesidische Nachbarin
und mein jüdischer Glaubensbruder, 
mein alevitischer Freund
und natürlich unsere Zeitzeuginnen.


Ich will diesen Frieden lernen - mit euch und über alle Trümmer hinweg. 

Immer wieder. Denn nie wieder ist jetzt.



(1) Am  23.2.1945 wurde Pforzheim durch Bomben der britischen Luftwaffe innerhalb von 20 Minuten zerstört. 80% der Innenstadt lag in Trümmer, nahezu ein Drittel der damaligen Bevölkerung kam ums Leben (ca 17.600 Menschen). Bis heute ist dieses traumatische Ereignis präsent. Und leider wird es durch rechte und rechtsextreme Gruppen geschichtsrevisionistisch interpretiert bishin zu einer sog. "Fackelmahnwache" auf dem Wartberg am Rand der Stadt.
Jedes Jahr rund um den 23.2. gibt es seitens der Stadt und ihrer Bevölkerung zahlreiche Veranstaltungen, die das Gedenken auf vielfältige Weise gestalten.
Wichtig dazu ist die sog. "Pforzheimer Erklärung" (https://www.pforzheim.de/stadt/stadtgeschichte/gedenken-friedenskultur/gedenktage/23-februar/erklaerung-zum-23-februar-2023.html)
Meine Rede habe ich auf dem Hauptfriedhof gehalten.

(1) https://www.pz-news.de/pforzheim_artikel,-Tod-im-Feuersturm-Video-Interview-mit-Zeitzeugin-Therese-Ratzenberger-zum-23-Februar-1945-_arid,1415026.html

Dienstag, 6. Februar 2024

Manchmal lässt du auf dich warten, Gott

Predigt zu Markus 4

1.
Wo bist du, Gott?
Wir bitten dich, dass dein Reich kommen möge. Jedes Mal in diesem Gottesdienst.
Dass du da bist, dass wir dich spüren, dass wir mit dir eins sind, im Einklang mit der Schöpfung.
Und dann schlage ich die Zeitungen auf oder höre im Radio
oder lese im Netz von jungen Männern, die im Iran hingerichtet werden,
weil sie für die Freiheit von Frauen kämpfen.
Oder von AfDlern, die offen davon sprechen, die Parteiendemokratie abschaffen zu wollen.
Ich höre von Familien, denen das Geld fehlt für die Klassenreise ihres jüngsten Kindes.
Oder ich höre Detlev Zander, wie er von sich und den vielen Menschen spricht,
die in unserer evangelischen Kirche sexualisierte Gewalt erfahren haben
und die nie gehört wurden.
Wo bist du, Gott? Wo bleibst du? Wann kommst du endlich?

Jesus erzählt von dir auf seine Weise (Markus 4):
»Mit dem Reich Gottes ist es wie bei einem Bauern.
Er streut die Körner auf das Land,
dann legt er sich schlafen und steht wieder auf –
tagaus, tagein.
Die Saat geht auf und wächst – aber der Bauer weiß nicht, wie das geschieht.
Ganz von selbst bringt die Erde die Frucht hervor.
Zuerst den Halm, dann die Ähre und zuletzt den reifen Weizen in der Ähre.
Wenn das Getreide reif ist, schickt er sofort die Erntearbeiter los,
denn die Erntezeit ist da.«


2.
Du lässt auf dich warten, Gott!
Und ich muss mich in Geduld üben. Oje!
Dein Wort ruht in der Erde und ich muss das aushalten.
Die Samen hast du gelegt.
Worte zur Nächstenliebe und Fremdenliebe.
Worte der Hoffnung, dass alles gut werden kann.
Das Wissen, dass jeder Mensch von dir geliebt ist und eine Würde hat,
egal woher er kommt und wen sie liebt.
Worte, dass es nicht gerecht ist, wenn Menschen in Armut leben.
Ja, diese Samen hast du gelegt, und ich streue sie weiter.

Und ja, auch ich habe meinen Anteil daran.
Ich lege die Hände nicht einfach in den Schoß. Ich streue weiter.
Ich widerspreche, wo Menschen das Netz mit Hass überfluten.
Ich versuche mit denen ins Gespräch zu kommen,
die alles, was schief läuft, auf die Ampel schieben oder auf die Medien oder auf die Migranten.
Ich spende für Brot für die Welt.
Ich gehe sogar demonstrieren.
Und unterstütze die Vesperkirche.
Samen für das Reich Gottes.
Nicht damit ich besser da stehe oder mich gut fühle,
sondern damit die Welt zu einem besseren Ort wird.
Ein Ort, wo alle spüren, dass du da bist. Oder bald da bist.
Den Boden bereiten.

3.
Ja, du lässt auf dich warten, sagt Jesus.
Und ich merke, dass ich nicht immer Samen streuen kann.
Ich kann nicht alles. Und das ist gut so.
Schlafen und ruhen sind genauso wichtig wie streuen und ackern.
Pause machen. Ausruhen. Loslassen. Überhaupt: lassen. Nicht immer nur tun.
Das ist schwer heutzutage.
Und zugleich werden immer mehr Menschen auf dazu gezwungen.
Sie können nicht mehr. Werden krank. Oder einfach nur müde.
Und manche dürfen auch nicht.
Packerinnen bei Klingel verlieren ihre Arbeit.
Oder Flüchtlinge dürfen oft nicht arbeiten.

Okay, das ist nicht dasselbe wie bei dem Bauern, von dem Jesus erzählt.
Aber manchmal fühlt es sich vielleicht genauso an:
Ich. Kann. Nichts. Tun.

Ich kann nichts ändern.
Und wenn ich das Gefühl habe, dass alles vergeblich ist.
Meine Stimme zählt nichts. Rechte Ideologie wird immer lauter.
Die Armen werden noch ärmer. Und die Abschiebungen gnadenloser.

Ja, du lässt auf dich warten, Gott.
Und das halte ich manchmal nur schwer aus.

4.
»Mit dem Reich Gottes ist es wie bei einem Bauern.
Er streut die Körner auf das Land,
dann legt er sich schlafen und steht wieder auf –
tagaus, tagein.
Die Saat geht auf und wächst – aber der Bauer weiß nicht, wie das geschieht.“


Manchmal weiß ich auch nicht, wie was geschieht.
Dass seit 3 Wochen die Menschen auf die Straße gehen, um die Demokratie zu verteidigen.
Dass ein iranischer Sänger doch wieder frei kommt.
Dass 50 deutsche Unternehmen die Viertagewoche testen.

Ja, manchmal wissen wir nicht, wie was geschieht.
Als vor 25 Jahren Maria Trautz und Christel Rieke in Pforzheim die Idee mit der Vesperkirche hatten
und anfingen, diese Idee umzusetzen, hätten sie auch nicht gedacht, wie groß sie werden würde.
Wieviele helfen würden, wieviele spenden würden,
wieviele her kommen und sich auf diese Zeit freuen.
Die Saat, die sie gelegt hatten, ging auf und sie wussten nicht, wie ihnen geschah.

Als ich letztes Jahr am 15. Oktober
mit über 20 anderen aus den verschiedenen Religionen unserer Stadt in der Synagoge war,
um unseren jüdischen Freunden zu zeigen, dass wir an ihrer Seite sind,
war es wie ein „ich weiß nicht, wie das geschieht“.
Denn es war wie ein Wunder.
8 Jahre vorher wäre das so noch nicht möglich gewesen.
Damals - vor 8 Jahren - gab es hasserfüllte Gazademos und brennende Davidssterne.
Und nun - letzten Oktober - waren wir gemeinsam da:
Muslime, Jesiden, Aleviten, Christen. Als Freunde und Freundinnen.
Die Saat, über Jahre gelegt -
viele Gespräche, viele Besuche, viel Lachen, viel Streit, viel gemeinsam Essen,
viel Zuhören und sogar getanzt haben wir zusammen -
und nun ging die Saat auf:
wir waren und blieben beieinander -
auch als sich um uns herum die Welt spaltete in pro Gaza und pro Israel.

5.
Auch wenn es wichtig ist, die Saat zu kennen, die wir streuen:
Es ist gut, dass wir manchmal nicht wissen, warum was gedeiht.
Dass nicht alles erklärbar ist oder nicht alles einfach zu machen.
Das Stück Wunderhafte macht zumindest mich demütig.
Ich weiß ja, dass es nicht an mir alleine liegt, ob eine Saat aufgeht.
Ich brauche andere Menschen dazu, die mitsäen und ackern.
Manchmal muss es einfach der richtige Zeitpunkt sein.
Und du musst da sein, Gott....

Ich bin dankbar, dass Correctiv nun aufgedeckt hat,
was die AfD Menschenverachtendes denkt und sagt - auch wenn mir vieles nicht neu war.
Aber auf einmal haben es alles gehört.
Ich bin dankbar, dass es nun diese ForuM-Studie gibt,
die aufdeckt, wie in meiner geliebten evangelischen Kirche jahrzehntelang weggeschaut wurde,
als Pfarrer ihre Macht missbraucht haben.
Auch wenn es weh tut: wir müssen hinschauen und hinhören und ernst nehmen, was da passiert ist.
Und dann das Richtige tun: Betroffene entschädigen und Täter bestrafen.
Auch wenn es verjährt ist.
Da haben viele Menschen viel Saat gelegt und nun geht sie auf.
Und das ist gut so.

6.
Auch wenn ich manchmal nicht weiß, wie was geschieht:
ich kann den Boden bereiten.
Ich kann Samen streuen. Ich kann Pause machen. Und ich kann hinsehen.
Und dann entdecke ich auch, wenn etwas wächst und da ist.
Und wenn die Zeit reif ist, dass was passiert.
Und ich entdecke dich, Gott.
Mitten drin. Mitten in meinem Leben. Mitten in meiner Welt.

Hier an den Tischen der Vesperkirche. Und im Hefezopf.
Und bei Brot und Kelch im Abendmahl.
Im richtigen Wort zur richtigen Zeit, das mich ermutigt.
In der Sprachnachricht von meinem Freund Michael, der mir zeigt, wie nah er mir ist -
trotz der vielen 100 Km zwischen uns  .
In den Blumensträußen am Straßenrand zwischen Neuhausen und Schellbronn.
Und im leidenschaftlichen Streit mit meinen jüdischen Freunden.
Ja, auch in der Studie zur sexualisierten Gewalt, weil endlich die Betroffenen zu Wort kommen.
Worte, die lange in der Erde ruhten. Viel zu lange.

Ja, da bist du, Gott. Auch wenn du immer wieder auf dich warten lässt.
Und ich entdecke dich, wenn es Zeit ist.
Und ich weiß nicht, wie das geschieht.
Aber ich will, dass mir das nichts ausmacht. Sondern dass ich auf dich vertraue.

Ich säe die Saat, ich schlafe und wache, esse und trinke,
ich halte meine Augen und Ohren offen,
und es kommt der Moment, da wächst die Saat.
Da wird sie grün und stark.
Weil du sie wachsen lässt.
Tun und Lassen und wach sein.
Und dann bist du da, Gott.
Ja, jetzt bist du da.
Amen.

Montag, 15. Januar 2024

Gnade gegen Gift


Von stärkender Musik, müden Händen und trotzigen Feiern
Predigt zu Hebräer 12 und zur Kantate "Wie schön leuchtet der Morgenstern" von Johann Kuhnau

1.
Kommt ihr Völker! Kommt und huldigt diesem Kind!
Leichtfüßig, mit aufstrebenden Tönen und Koloraturen.
Wasser wird zu Wein, ein Fest wie eine Hochzeit.
Kommt mit tanzenden Schritten, denn Gott ist da.
In diesem Kind, das wir seit drei Wochen feiern.
Engel auf den Feldern singen. Hirten wird es hell.
Ein Stück vom Himmel mitten in der Welt.

Zu fröhlich? Zu hell?
Ich gestehe, mir tut diese Fröhlichkeit gut, diese hellen Töne, die Schönheit der Musik.
Mit tut es gut, heute nochmal ein Stück Weihnachten zu haben.
Denn ja, es ist ja noch Weihnachten,
auch wenn die meisten ihren Weihnachtsbaum schon entsorgt haben.
Hier (in der Stadtkirche) erinnern wir daran, dass noch Weihnachten ist. (seht den Baum!)
Und die Kantate heute erinnert daran.
An dieses Kind, an die Engel, an die Hirten - an den Glanz, der die Nacht erhellt.

2.
Ja, es tut mir gut, weil der Rest der Wochen so gar nicht weihnachtlich ist.
Demonstrationen von Landwirten, die von Populisten instrumentalisiert werden.
Die Ampel muss weg - Schilder und Erschießungswünsche gegen Politikerinnen,
Und viel zu viele ignorieren das und finden es sogar gut.
Deportationspläne von AfD und Werteunion,
Israel wird von der Eishockey-WM ausgeschlossen.
Ein Teil meiner Freunde und meiner Familie überlegt, auszuwandern,
weil sie sich nicht mehr sicher fühlen.

„Alle Himmel sind sein eigen, wie sollt‘ sich nicht vor ihm die ganze Erde neigen.“
Ja, diese Zuversicht von Johann Kuhnau wünsche ich mir.
Mir fällt sie gerade schwer.

3.
Damit befinde ich mich in guter Gesellschaft.
Offensichtlich fehlte Christen und Christinnen am Ende des 1. Jahrhunderts
auch diese fröhliche unbeschwerte Zuversicht.
Denn im Hebräerbrief heißt es:
Macht die müden Hände und die erlahmten Knie wieder stark!
Und schafft für eure Füße gerade Pfade.
Denn was lahm ist, soll nicht auch noch fehltreten, sondern geheilt werden.


Ihr habt einen Berg vor euch, sagt der Hebräerbrief.
Euer Weg als wanderndes Gottesvolk ist anstrengend.
Da können die Beine schon mal zittrig werden, wenn es steil wird
oder die Angst zu groß ist, dass man ausrutscht.
Gut ist es, wenn ihr dann nicht alleine seid, sondern euch gegenseitig unterstützt.

Und aufeinander achtet.

4.
Was das heißt, sagt der Hebräerbrief so:
Bemüht euch um Frieden mit allen Menschen.
Achtet darauf, dass niemand zurückbleibt und so die Gnade Gottes verliert.
Lasst keinen Spross aus einer giftigen Wurzel aufgehen.
Sonst richtet sie Unheil an, und viele werden durch sie vergiftet.


Ja, es gibt sie, diese giftgewordenen Pflanzen.
Es gibt sie, diese toxischen Sätze und Parolen.
Wenn Hass gesät wird. Wenn Neid geschürt wird.
Wenn man sich über eine mehrgewichtige Frau lustig macht.
Wenn man einer Familie mit arabischem Namen keine Wohnung vermietet.
Wenn eine Transfrau zusammengeschlagen wird.
Wenn man sagt, dass Geflüchtete hierher kommen, um sich die Zähne machen zu lassen.

Alles das meint der Hebräerbrief, wenn er sagt:
Eine giftige Wurzel richtet Unheil an.
Das Gift derer, die Angst schüren, vergiftet gerade unsere Gesellschaft.

Umso wichtiger ist es, sich um den Frieden zu bemühen und für einander da zu sein.
Sich gegenseitig zu stärken, zu stützen und niemanden in Stich lassen.
Die Gnade Gottes gilt allen. Sorgt dafür, dass dies auch alle, die es brauchen, spüren.

Es geht um geschwisterliche Solidarität - nicht mehr und nicht weniger.
Dass wir nicht zulassen, dass es Menschen 2.Klasse geben soll.
Denn Gottes Gnade gilt allen. Gott ist für alle Mensch geworden.

(Oder wie es in der Kantate heißt:
O Wundersohn, dein überirdisch Wesen
hat sich zum Thron den irdschen Leib erlesen,
damit der Mensch, die Erde zu deinem Himmel werde.
)

5.
Johann Kuhnau hat seiner Kantate übrigens einen ganz besonderen Akzent verliehen.
Philipp Nicolai besingt in seinem Choral „Wie schön leuchtet der Morgenstern“
die innige Zweierbeziehung mit seinem Jesus.
Die Welt bleibt dabei außen vor.

Dagegen betont Kuhnau mit den Texten zwischen den Choralversen,
dass Gott in die Welt hineinkommt, nicht nur in das Herz des Beters.
Gott kommt in die Welt und diese Welt wird nicht verdrängt oder verniedlicht.
Kuhnaus Kantate spricht von schlechter Krippe und dem Stall als Herberge,
spricht von Niedrigkeit, die nicht verklärt wird.
Und eben in dieser Niedrigkeit, in dieser Welt ist Gott zu finden.
Nirgendwo sonst.

6.
In einer Woche beginnt hier die Vesperkirche.
Vor 24 Jahren fand sie das erste Mal statt.
Lasst uns Zeichen setzen, dass niemand alleine sein muss. So hieß es damals.
Lasst uns dafür sorgen, dass wenigstens vier Wochen lang alle genug zu essen haben.
Lasst uns wenigstens vier Wochen lang Wärme schenken und miteinander essen und trinken.
Und ja, diese Kirche soll der Ort dafür sein.

Vier Wochen sind nicht viel.
Und ja, eigentlich sollte die Vesperkirche nicht nötig sein.
Eigentlich sollten alle immer genug zu essen haben, immer eine warme Wohnung.
Niemand sollte einsam sein. Aber noch ist das so.
Und solange das so ist, brauchen wir sowas wie die Suppenküche und wie die Vesperkirche.
Einen Ort, wo müde Hände und wankende Knie gestärkt werden.
Eine Zeit, wo niemand zurückbleibt.
Eine Geste, dass die Gnade Gottes bleibt und allen gilt.
Ein Stück vom himmlischen Jerusalem.
Einen Ort, wo Gott sichtbar wird.

7.
In der Niedrigkeit leuchtet ein Strahl von seiner Göttlichkeit -
so singt der Tenor in Kuhnaus Kantate.
Wo müde Hände und wankende Knie gestärkt werden, wird Gott sichtbar, sagt der Hebräerbrief.
Ihr seid auf dem Weg mit Gott - und eigentlich seid ihr schon längst angekommen.
Dort, wo es hell ist,
wo Gnade vor Recht ergeht,
wo Engel den Hirten singen und Weise vor einem Kind knien.
Und jetzt geht ihr zurück vom Stall in den Alltag und das ist mühsam,
aber das Kind in der Krippe geht mit euch mit.
Und mitten auf eurem Weg, in eurer Müdigkeit und Erschöpfung,
da hört ihr Worte, die euch Mut machen und aufrichten:

"Ihr seid bereits zu dem Berg Zion gekommen und zu der Stadt des lebendigen Gottes, dem himmlischen Jerusalem, und zu den  vielen tausend Engeln und zur Festversammlung."

Wasser ist bereits zu Wein geworden.
Das Fest der Liebe Gottes feiert ihr bereits.
Hier in der Kirche vier Wochen im Jahr und jede Woche in der Suppenküche.
Ihr feiert es, wenn ihr den toxischen Parolen des Hasses widersprecht.
Ihr feiert es, wenn ihr die schönsten Kantaten singt.
Ihr feiert es, wenn ihr zusammenkommt und mit Respekt begegnet.
Ihr feiert es, wenn ihr euch an die Seite derer stellt, die aus dem Land verjagt werden sollen.

8.
Mir macht das Mut.
Mir machen die Worte vom Hebräerbrief Mut.
Und eine Kantate wie die von Johann Kuhnau tut mir gut.

Denn Gott ist da.
Jesus ist da. Jesus ist hier.
Und ich feiere mit ihm.
Gerade dann, wenn der Weg mühsam ist und die Hände müde sind.

Ich lasse mich anstecken von Gottes Liebe zur Welt
und dann lasse ich die süße Musica ganz freudenreich erschallen,
Singe, springe, jubiliere, triumphiere und danke meinem Gott, dass er bei mir ist.
Auch und gerade jetzt.
Amen.




Mittwoch, 27. Dezember 2023

Wie eine Feder

Was der Film "Forrest Gump" mit Weihnachten zu tun hat

Predigt zum 2. Weihnachtstag 2023

1. 

Eine Feder treibt im Wind. Wirbelnd zieht sie ihre Bahnen über der Stadt und landet fast auf der Schulter eines Fußgängers, wird beinahe vom Auto überfahren und fällt schließlich auf die abgewetzten dreckigen Schuhe von Forrest Gump. Der sitzt an einer Bushaltestelle und wartet. Forrest hebt die Feder auf. Sanft hält er sie zwischen Daumen und Zeigefinger und betrachtet sie neugierig, fasziniert. Dann öffnet er seinen kleinen Reisekoffer, holt ein Buch heraus, öffnet es an der Stelle, wo viele Wolken zu sehen sind, legt die Feder sanft hinein und schließt den Koffer wieder. Eine Frau setzt sich neben ihn und beginnt ein Buch zu lesen. Er begrüßt sie und stellt sich vor. Ich bin Forrest, Forrest Gump. Die Frau nickt ihm freundlich zu und liest weiter.

2.

Doch Forrest redet weiter. Erzählt von seiner Mutter und ihrer Pralinenschachtelweisheit.
Und von ihrer Wärme und wie sie ihm Mut gemacht hat. Dass er gut so ist, wie er ist. Er, der nicht so richtig in diese Welt zu passen scheint. Mit seiner Naivität und seinem kindlichen Blick auf das Leben. Er freut sich an den kleinen Dingen wie zum Beispiel die Feder, die zu ihm vom Himmel fällt. Er ist absolut ehrlich und spielt nie mit fiesen Tricks. Verweigert jegliche Manipulationen und überrascht genau damit seine Umwelt. Bei alledem versucht er beharrlich - und meistens rennend - das Wertvollste, Heiligste und Verletzlichste eines Menschenleben zu behüten: die Liebe. Die Liebe ist der rote Faden in seinem komplizierten Leben: die Liebe, die er von seinen Mitmenschen empfangen hat und die er weitergibt. Er glaubt felsenfest an das Gute im Menschen und dass alles im Leben einen Sinn ergibt.

(Feather-Theme z.B. https://www.mytravelingpiano.com/video/forrest-gump-soundtrack/)

3.

Als ich den Film vor 29 Jahren im Kino sah, hab ich hinterher geheult wie ein kleines Kind. Mit seiner naiven Verletzlichkeit hat Forrest mich im Innersten berührt. Als Kind wurde ich oft belächelt für meine Träumereien. Tollpatschig und verträumt - irgendwie nicht geeignet für diese raue Welt - so hieß es oft. Und ja, meine Mutter sorgte sich um mich, ob ich mich überhaupt durchsetzen könnte. Sie selber wurde oft für ihre Gutgläubigkeit ausgelacht. Es scheint bei uns in den Genen zu liegen. 

Manchmal kommt es auch jetzt noch vor, dass ich belächelt werde, nicht ernstgenommen, weil ich nicht fassen kann, was Menschen sich gegenseitig antun. Und weil ich mich nicht damit abfinden will. Ja, ich weiß, auf viele wirke ich eher tough. Aber diese naive, gutgläubige, verträumte Seite ist auch ein Teil von mir. Und ich mag diese Seite, auch wenn sie manchmal untergeht.

Forrest Gump hat das alles wieder anklingen lassen. Er sagt mir: es ist gut so, wie du bist. Auch wenn die Welt es dir manchmal schwer macht. Es ist gut, dass es eine zarte, leichte Seele gibt - wie eine Feder. Manchmal umher wirbelnd und vielleicht wird sie sogar überrollt? Oder sie landet auf dem Schuh genau des Menschen, der sie zu würdigen weiß. Der sich an ihr erfreut und sie schützt und bewahrt.

4.

Forrest Gump scheint nicht in diese Welt zu passen. Und doch hat er sie verzaubert. Forrest hat eine Wirkung auf die Menschen um ihn herum gehabt, ohne es zu wollen. Die Art und Weise, die Haltung, mit der er auf die Welt schaut, verändert die Welt. Und das gehört für mich zu Weihnachten. Der Glaube an das Gute im Menschen, seine unerschütterliche Liebe ausgerechnet zu Jenny, die ihn immer wieder in Stich lässt, seine Freundschaft zu Bubba und Lieutenant Dan - alles versehrte, zutiefst verletzte Menschen, für die er einfach da ist, selbst im Tod - das ist wie Weihnachten.

5.

Ja, das ist Weihnachten ohne Christbaumkerzen und Gänsebraten, ohne Glitzerlametta und Jubelchor. Es ist Weihnachten in der Tiefe, Weihnachten, wenn nach 3 Tagen das Aufräumen anfängt und der Alltag beginnt und man sich fragt: Gilt sie denn immer noch, die Botschaft von Weihnachten? Der Engelruf „Fürchtet euch nicht!“ - der Friedensgruß für alle Menschen. Was bleibt von Weihnachten übrig, wenn die Lieder verklungen sind, die Panzer wieder rollen und die Raketen wieder geschossen werden?

Dass Gott mit seiner Liebe in der Welt ist, das bleibt. Forrest Gump ist einer, für den die Liebe auch dann nicht aufhört, als Jenny stirbt. Sein Blick auf die Welt ist auch dann noch voll mit Liebe und Staunen und Wohlwollen. Wer liebt, schaut anders auf die Welt und entdeckt überall die Spuren der Liebe. Die Spuren von Gottes Herrlichkeit. Schwer wie die Trauer und leicht wie die Feder. Und Forrest ist überwältigt, dass ausgerechnet er einen Sohn hat.

Liedstrophe: 
Da wo die tiefsten Schatten sind, lässt Gottes Licht sich sehn. Noch ist es klein - so wie das Kind, vor dem die Hirten stehen. Sie haben nichts als nur verzagte Herzen mitgebracht. Aber Gott hat den Himmel aufgemacht in der Nacht. Gott hat heute seinen Himmel aufgemacht.

6.

Gott hat seinen Himmel aufgemacht und ein Kind in die Krippe gelegt. Dieses Kind wird wie alle Kinder wachsen und es wird staunen über das Leben, über Federn und Tiere, über Sterne und tiefe Geschichten. Es wird das Gute in den Menschen sehen und über das Böse weinen. Es passt nicht in diese Welt und die Welt wird es nicht verstehen. Aber die Welt wird nicht mehr wie vorher sein.

Gott hat seinen Himmel aufgemacht und hat Engel zu Nobodys geschickt, zu Menschen mit Schwielen an den Händen und jeder Menge Sprüchen auf Lager. Zu Menschen, die man nicht ernstnimmt, die keine Lobby haben. Damals auf den Feldern. Heute bei Amazon, in den Flüchtlingslagern oder an den Außengrenzen Europas. Zu ihnen schickt Gott Engel, die ihnen die Angst vor dem Morgen nehmen. Wie goldene Federn wirbeln sie über den Feldern und lassen gerade diese Nobodys spüren: Auf euch kommt es an, egal ob man es euch zutraut oder nicht. Ihr seid genau richtig. Die Welt braucht euch, so wie ihr seid.

7.

Gott hat seinen Himmel aufgemacht für alle, die eigentlich nur das Gute in anderen Menschen sehen wollen. Die nicht mit Bösem rechnen und ehrlich bis in die Haarspitzen sind. Die dafür belächelt werden oder für dumm gehalten. Die ihre offenen Flanken zeigen und sich nicht schützen. Menschen wie Forrest. Kinder. Träumerinnen. Tänzer.

Gott hat seinen Himmel aufgemacht und eine Feder fliegen lassen. Auch für mich. Und für dich. Vielleicht ist sie golden und strahlt, vielleicht ist sie weiß wie bei Forrest Gump, vielleicht ist sie aber auch taubengrau. Und ich möchte wie Forrest diese Feder in die Hand nehmen und betrachten. Und stell dir vor, dass Gott dich wie die Feder in die Hand nimmt. Gott sieht dich an freut sich an dir wie Forrest. Sammelt dich behutsam auf, wenn du dich vom Leben hin und her geworfen fühlst. Ich wünsche dir diesen zarten, liebevollen Blick auf dein Leben, das nicht gerade federleicht ist. Und ich weiß, dass dieser Blick aus der Krippe kommt. Von diesem Kind, das von Gott dort hineingelegt wurde. Verletzlich und klein und viel zu gut für diese Welt.

8.

Am Ende des Films bringt Forrest seinen Sohn zum Schulbus. Jenny ist gestorben. Forrest muss sich um seinen Sohn alleine kümmern. Mit seiner ganzen naiven, ehrlichen und großen Liebe sorgt er für ihn. Als sie auf den Bus warten, öffnet er das Buch, das die Feder beherbergte und die Feder fällt heraus. Ein Wind wirbelt sie auf, als der Schulbus losfährt. 

Die Liebe ist schwer und leicht zugleich und sie wird gelebt.
Einfach gelebt. Golden oder weiß oder taubengrau. Mit Tränen und mit Lachen.
Staunend und zart und voller Geschichten und Narben.

Gottes Spuren. Weihnachtsspuren - wie eine Feder.
Behutsam in die Hand genommen und dann wieder frei gelassen.
Und wir gehen weiter ins Leben.

Amen.

 




Montag, 25. Dezember 2023

Weihnachtssehnsucht

Von Gotteskindern, Erwachsenen und einer großen Gottesfamilie

Predigt zu Galater 4, 4-7 

1.  Zwischen Sehnsucht und Überforderung
 
Weihnachten lässt niemanden kalt.
Manchen ist Weihnachten too much und sie fliehen.
Möglichst weit weg.
Dorthin wo es warm ist und möglichst keine Verwandten.

Manche können nicht genug von Weihnachten kriegen und fahren alles auf, was sie haben.
Die Wohnung blitzblank. Weihnachtsschmuck auf jeder Fensterbank.
Die Gans schon vor Wochen bestellt.

Und dazwischen bin ich.
Nur ein paar Fenstersterne haben es dieses Jahr an die Fenster geschafft
(und das auch erst gestern).
Aber der Käse fürs Raclette liegt seit 4 Tagen im Kühlschrank.
Die Krippe aus der Garage ist da, wenn auch staubig.
Irgendwo liegen noch Weihnachtskarten, die ich schreiben wollte.
Und meine Gedanken kreisen zwischen Geiseln und AfD-Bürgermeister,
zwischen dem kleinen Lord und Ottolenghi-Rezept.
Das bin ich. Und du vielleicht auch.
Irgendwie dazwischen.
Zwischen Sehnsucht und Überforderung -
auf dem Weg zum ganz eigenen Weihnachten.
 
2. Meine kindliche Sehnsucht


Ich bin ja kein Kind mehr.
Aber je älter ich werde, desto größer die Sehnsucht.

So richtig beschreiben kann ich sie gar nicht.
Ja, nach Frieden sehne ich mich natürlich.
Aber wie sieht er aus? Und kann er mal endlich nicht so verletzlich sein?

Und sehnst du dich auch nach Heilsein?
Dass die kleinen Risse in deiner Seele nicht mehr so weh tun.
Dass du zufrieden bist mit dir selbst.
Dass du dein Leben besser auf die Reihe kriegst.
Dass du dir selbst verzeihen kannst.

Und willst du auch wie ich endlich vertrauen können?
Ganz und gar und nicht nur ein bisschen.
Keine Angst mehr haben, dass jemand dein Vertrauen ausnutzt.
Überhaupt keine Angst mehr haben -
weder vor der Nacht noch vor deinen Gedanken,
weder vor bösen Menschen noch vor einer 4 Grad wärmeren Zukunft.

Und vielleicht sehnst du dich auch einfach nur danach, dass alles übersichtlich ist.
Ganz schlicht. Ganz einfach. Wesentlich.
Damit du hinterher kommst mit deiner Seele und deinem kaputten Knie.

Du bist kein Kind mehr,
aber das Kind in dir hat große Augen und ein großes Herz und will einfach geborgen sein.
 
3. Erwachsen sein


Als ich noch ein Kind war, wollte ich endlich erwachsen sein. Gerade auch an Weihnachten.
Endlich selbst bestimmen, wie es gehen kann.
Ich musste damals in die Christvesper und eine Predigt hören, die ich nicht verstanden habe.
Die Lieder mochte ich schon damals.
Aber der laute Gesang meiner Mutter neben mir war mir irgendwie peinlich.
Am 1. Weihnachtstag Verwandte besuchen,
Weihnachtskarpfen essen, den ich als Kind nicht leiden konnte
(und heute auch noch nicht).
Die Erwachsenen redeten und redeten.
Es ging oft laut zu,
nicht selten auch wurde es ungemütlicher, wenn vergangene Streitpunkte wieder hoch kamen,
oder weil wir pubertierenden Kinder keine Lust mehr auf diese Großfamilie hatten.
Manche meiner Freunde haben sich damals losgeeist
und sind zumindest am späten Heiligen Abend auf Kneipentour gegangen
(Ja, das ging!).
Irgendwie habe ich sie beneidet, hätte mich das aber nie getraut.
 
Und heute? Ich bin erwachsen. Kann selbst bestimmen. Und ich mache vieles anders.
In der Familie einigen wir uns meistens auf das Essen (ohne Karpfen).
Der Baum wird so geschmückt, wie ich das will (naja, meine Enkelin bestimmt mit).
Und ich singe immer noch gerne die Weihnachtslieder.

Aber vor allem spüre ich, dass ich manchmal gerne wieder Kind wäre.
Ich würde gerne wieder die Stimme meiner Mutter hören.
Würde‚ mich gerne wieder einfach treiben lassen.
Ohne Druck. Ohne alles richtig machen zu müssen.
 
Kennst du diesen Wunsch auch?
Keine Verantwortung übernehmen.
Die Tage sollen so endlos sein wie damals.
Schwarzweißfilme schauen.
Und diese warme stickige Luft auf der Haut spüren,
die lauten Stimmen der Erwachsenen vorbeiziehen lassen und nicht mitreden müssen.
Oder wie der kleine Lord alle Herzen verzaubern und alle sitzen vereint am Tisch.

Ist das die Ur-Sehnsucht? Wieder Kind zu sein?
Womöglich ein Kind zu sein, dass ich nie war und du auch nicht?
 
4. Gottes Kind



Dabei bist du ja ein Kind.
Ein ganz besonders geliebtes. Ein von Gott geliebtes Kind.
Mit Haut und Haaren, Runzeln und Falten,
geschminkt und ungeschminkt,
festlich gekleidet oder in bequemer Jogginghose,
mit gewaschenen Haaren oder dreckigen Fingernägeln - du bist ein geliebtes Kind.
Wertvoll, königlich, würdevoll, klug, schön, wichtig, unverzichtbar.
Gottes Kind. Du.

Und dafür musst du nichts tun. Nichts!
 
Paulus hat dazu was geschrieben
- noch bevor die Weihnachtgeschichte aufgeschrieben wurde -
die mit den Hirten und mit der Krippe, mit Maria und Josef und dem Kind im Stall,
mit den Engeln und mit Bethlehem...
Paulus kannte die Weihnachtsgeschichte noch nicht.
Und er schreibt ungefähr so*:



Als die Zeit gekommen war, sandte Gott seinen Sohn.
Der wurde geboren von einer Frau.
Ein Kind wie alle Kinder.

Dadurch machte Gott alle Menschen zu seinen Kindern.
Frei zu einem Leben, das ihrer Würde entspricht.

Auch du bist ein Kind Gottes.
Und du trägst das Erbe Gottes weiter.

 
5. Gottes Familie


Ob Weihnachten dich kalt lässt oder nicht:
Weihnachten verstrickt dich hinein in die Gottesfamilie.
Sie ist Patchwork pur.
Alleinerziehende, Stief- und Schwiegerkinder, Adoptiveltern und Pflegekinder,
Singles, Paare, Geschiedene, Verwitwete.
Eine unverheiratet Schwangere gehört genauso dazu wie der Träumer Josef,
harte Arbeiter genauso wie Büchernarren wie Flügelwesen.
Und diese Gottesfamilie hat so gar nichts von heiler, bürgerlicher, glücklicher Familienidylle.
Im Gegenteil.
 
In Gottes Familie musst du nicht brav den Erwachsenen zuhören,
sondern darfst deinen Mund auf machen.
Du musst keine Bedingungen erfüllen, um dazu zugehören.
Du darfst lieben, wen du willst.
Du musst nichts geputzt haben, auch keine Fenster.
Du musst keinen Weihnachtsbaum aufgestellt haben, keine Gans im Ofen.
Du kannst dich schwer tun mit Geschenken, schreibst vielleicht keine Weihnachtskarten,
schaltest das Radio vielleicht aus bei „Last Christmas“.
So wie du bist, bist du Kind Gottes.
Kind Gottes zwischen Sehnsucht und Überfordertsein.
 
6. Gottes Sehnsucht


Gott selbst ist ein Kind.
Sehnsüchtig nach Liebe.
Ein Niemand von Niemandseltern.
Geboren inmitten von Tiergestank, aufgewachsen in einem ganz normalen Dorf.
Und erwachsen geworden lebt dieses Kind Gottes Sehnsucht nach Liebe.
Berührt Augen und Ohren und Seelen von lauter Leuten, die nicht dazu gehören.
Aber für ihn sind sie Teil seiner Familie, seiner Gottes Familie.
Auf Du und Du mit Gott.
 
Und da sind sie nun, die Kinder Gottes:
Der Krankenpfleger, erschöpft und ausgelaugt.
Die jüdischen Geschwister hier in Pforzheim
und die, deren Liebsten als Geiseln ausharren müssen.
Die palästinensischen Kinder, geopfert von Terroristen,
weil sie deren Schulen als Versteck benutzen.
Die Frauen im Iran und Afghanistan, zum Schweigen gebracht.
Die jesidischen Geschwister, die aus Deutschland abgeschoben werden.
Die jungen Eltern, alleingelassen und übernächtigt.

Kinder der Gottesfamilie.
Deine Geschwister. Meine Geschwister. 

Wertvoll, königlich, würdevoll, klug, schön, wichtig, unverzichtbar. 

Sehnsüchtig und überfordert.

Wir haben uns diese Gottesfamilie nicht ausgesucht.
Aber Gott hat uns sehnsüchtig zusammengesucht.
Umarmt diese Welt wie der kleine Lord am Weihnachtsabend seinen Großvater.
 
7. Sehnsuchtsgeschichte


Und deine, meine Sehnsucht?
Die an Weihnachten besonders groß ist?
Die nach dem Heilsein und dem Vertrauen und dem Frieden?
Ich habe sie als Erwachsene.
Und ich habe sie als Gottes geliebtes Kind.
Die Sehnsucht bleibt bei mir - sie bleibt, egal wie alt ich bin.
Und manchmal öffnet dieses Sehnsucht Gottes mein Herz.
Wenigstens einen Spalt breit.
Und dann schau ich, was passiert.

Liebes Gotteskind,
mit unserer Sehnsucht sind wir nicht allein.
Sie kommt im Stall zur Welt, im Niemandsland, dort, wo heute Krieg ist.
Die Sehnsucht nach Heilsein, nach Vertrauen und Frieden -
sie ist klein und runzlig und menschlich.
Vielleicht ist sie auch ganz leise. Und kaum zu hören.
Vielleicht versteckt sie sich in den unaufgeräumten Ecken bei mir zuhause?
Vielleicht entdeckst du sie bei dir?
Deine Sehnsucht und Gottes Sehnsucht nach dir.
 
Diese Sehnsucht ist die gemeinsame Geschichte der Gottesfamilie, aller Kinder Gottes.
Sie ist unsere Geschichte. Unsere Weihnachtsgeschichte.
Sie lässt dich nicht kalt und mich auch nicht.
Gott strickt uns zusammen zu einer Familie.
Mit Hirten und Maria und Josef und Engeln.
Mit Tieren und Sternen und Fürchtet euch nicht.
Mit großen Augen und hellen Liedern.
Und einem warmen Herzen - voller Sehnsucht.
Amen.

*) Danke an Birgit Mattausch für die Anregung zur Übersetzung und zur Konzentration auf wenige Aussagen

Sonntag, 10. Dezember 2023

Mit kleiner Kraft ins Leben

Von offenen und verschlossenen Türen,
dem Seher Johannes und ganz viel Mut und Würde

Predigt zu Offenbarung 3, 7-11 am 2. Advent 2023


1 Geöffnete Türen

Schreib an den Engel der Gemeinde in Philadelphia:
„So spricht der Heilige, der Wahrhaftige, der den Schlüssel Davids hat. –
Was er öffnet, kann niemand wieder schließen.
Und was er schließt, kann niemand wieder öffnen. –
Er lässt euch sagen: Ich kenne deine Taten.
Sieh hin, ich habe vor dir eine Tür geöffnet, die niemand wieder schließen kann.
Du hast zwar nur eine kleine Kraft.
Aber dennoch hast du an meinem Wort festgehalten und hast meinen Namen nicht verleugnet.“


Die Tür zu Gott ist offen. Die Tür bleibt offen.
Vielleicht nur einen Spalt breit. Aber das genügt.

Für Johannes ist es mehr als ein Spalt.
Weit geöffnet sind seine Sinne. Weit offen die Tür zur Stimme Gottes.
Die hört er auf der Insel Patmos  - verbannt, geflohen, zurückgezogen.
So genau weiß das niemand.
Aber die Tür zu Gott ist offen und sie bleibt offen -
schreibt er nach Philadelphia, ein Ort im wirtschaftlichen Niedergang.
Eine Gemeinde mit kleiner Kraft.

Ich habe mal ein kleines Mädchen getauft.
6 Wochen nach der Geburt wurde es auf einmal ganz blau.
Ein unentdeckter Herzfehler. Eine Not-OP konnte das Mädchen retten.
Seitdem trägt es einen Herzschrittmacher.
Als es 12 Monate später getauft werden sollte, suchten sich seine Eltern dieses Wort aus:
Ich habe vor dir eine Tür geöffnet, die niemand wieder schließen kann.
Die kleine Kraft des Mädchens war groß genug für das Leben.
Und heute studiert sie Medizin.

Du hast nur eine kleine Kraft, aber dennoch hast du an meinem Wort festgehalten.
Du hast nur eine kleine Kraft, aber dennoch hast du überlebt.
Du hast nur eine kleine Kraft,
aber dennoch machst du jeden Morgen deinem Kind ein Frühstück.
Dennoch schreibst du den Gefangenen in Weißrussland jeden Tag einen Brief.
Dennoch besuchst du jede Woche deine kranke Nachbarin.
Dennoch stehst du jeden Morgen auf.

Es gibt viele, die sagen: das ist zu wenig. Das ist doch nichts.
Aber du weißt: wenn die Kraft klein ist, ist das viel.
Schon das Aufstehen kann viel sein.
Den Tag durchzustehen kann viel sein.
Und du klammerst dich an den, der dir die Tür offen hält, den Himmel aufreißt
Der im Stall zur Welt kommt. Der sein Brot mit dir teilt. Der in den Tod geht. Der aufersteht.

Die Tür bleibt offen. Vielleicht nur einen Spalt breit.
Die Stalltür, die Haustür, die Grabestür, die Tür zum Paradies.
Und der Himmel ist offen. Für dich.
Für dich mit deiner kleinen Kraft. Groß genug für das Leben.

2 Verschlossene Türen

Ich schicke nun einige Leute zu dir, die zur Versammlung des Satans gehören.
Sie bezeichnen sich selbst als Juden. Aber das sind sie nicht, vielmehr lügen sie.
Ich werde sie dazu bringen, dass sie zu dir kommen und sich vor deinen Füßen niederwerfen.
Sie sollen erkennen, dass ich dich geliebt habe.


Türen wurden zugeschlagen.
In Philadelphia rund um die erste Jahrhundertwende war es gefährlich für Jesus-Anhänger*innen.
Für die römischen Behörden waren sie Unruhestifter, die ständig für Aufruhr sorgten.
Sie galten sogar als Staatsfeinde, die die religiöse Verehrung der römischen Macht verweigerten.
Und damit waren nicht nur die Jesus-Anhänger*innen in Gefahr,
sondern auch ihre jüdischen Geschwister.
Sie waren ja Teil der jüdischen Gemeinde,
die weitgehend in Ruhe gelassen wurde, solange sie einigermaßen still hielten -
so wie es von den Juden und Jüdinnen Jahrtausendelang erwartet wurde.
Sogar noch mehr: es wurde erwartet, dass sie mit den römischen Behörden zusammenarbeiteten -
das beinhaltete sogar, Jesus-Anhänger anzuzeigen.
Was für ein Druck.
Dem konnten viele nicht standhalten.
Für den Seher Johannes geht das aber nicht:
Ihr dürft nicht still halten, ruft er.
Das Römische Reich ist ein Imperium des Satans.
Mit dem dürft ihr nicht paktieren! Wenn ihr das tut, seid ihr keine Juden!

Wie wurden diese Sätze in den letzten 2000 Jahren missbraucht!
Die Juden wurden zur Synagoge des Satans, zu welchen, die im Pakt mit dem Teufel standen.
Dafür wurden sie gedemütigt, verfolgt, gequält, ermordet.
Welche Schuld haben wir Christen und Christinnen auf uns geladen, indem wir das zugelassen haben.
Und in den letzten Wochen wieder ließen wir zu,
dass den Juden und Jüdinnen ihr Existenzrecht mit einem eigenen Staat abgesprochen wurde.
Auch Christen beteiligten sich daran,
dass die Ermordung von jüdischen Menschen verharmlost wurde.
Denn eigentlich seien ja sie die "Bösen". "Synagoge des Satans" hat Luther übersetzt.
Der alte Vorwurf. Mehr als 2000 Jahre alt.

Dabei versteht sich Johannes, der Seher, doch selber als Jude.
Die Jesus-Anhängerinnen damals waren auch Jüdinnen.
Nur hatten sie ein anderes Verständnis davon, was das Jüdisch-Sein bedeutet,
als die meisten anderen in der jüdischen Gemeinde.
Darum war die jüdische Gemeinde in Philadelphia am Zerreißen.
Sie war bedroht - von innen und besonders von außen, vom römischen Staat.
Und da ging es ums nackte Überleben.
Wie lange können wir uns gegenseitig unterstützen und schützen?
Wen ziehen wir mit hinein, fragten sich die Jesus-Anhänger?
Wie weit müssen oder können wir gehen mit der Abgrenzung vom römischen Machtsystem?
Oder sind wir schon Teil des satanischen Imperiums?

3 Standhaft bleiben

Johannes, der Seher, lobt die kleine, aufrechte Schar der Jesus-Anhänger*innen.
Ihr habt euch nicht einschüchtern lassen. Ihr geht keine falschen Kompromisse ein.
Gerade ihr mit eurer kleinen Kraft und eurer großen Treue: gerade euch liebt Gott.
Mögen die Türen durch die anderen zugeschlagen sein, zu Gott bleiben sie offen.
Er hält zu euch.

Du hast dich an mein Wort gehalten, standhaft zu bleiben.
Deshalb halte ich auch in der Stunde zu dir, wenn alles auf die Probe gestellt wird.
Sie wird über die ganze Welt hereinbrechen, um die Bewohner der Erde zu prüfen.


Standhaft bleiben - wenn das so einfach wäre.
Es geht ja hier nicht um Verzicht auf zu frühen Verzehr von Plätzchen.
Sondern um die tiefe Überzeugung, dass Gott alle Menschen lieb hat.
Und dass alle Menschen eine Würde haben:
groß und klein, arm und reich, dick und dünn, schwarz, braun oder rosa, männlich, weiblich, queer.

Halte ich an dieser Überzeugung auch fest, wenn es unbequem wird?
Wie sehr bewundere ich den Mut, den unsere christlichen Geschwister in der DDR hatten!
Hätte ich diesen Mut auch gehabt?

Aber auch jetzt, da ich als Christin alle Freiheiten habe:
Halte ich an der Liebe Gottes für alle fest, wenn mich diese Liebe was kostet:
meine Ehre, meinen Ruf, mein Geld?
Halte ich an der Menschenwürde fest, wenn die Wohnungen knapp werden oder der Strom?
Wenn die politische Mehrheit auf einmal umkippt
und selbst die Ampel-Regierung die Migrantinnen zu Menschen zweiter Klasse macht?
Wenn Politik auf Kosten der Ärmsten gemacht wird? Und gnadenlos ist?

Halte ich auch dann daran fest, wenn mich andere als Träumerin beschimpfen
oder als eine, die man aus dem Verkehr ziehen müsste?
Würde ich für meine Überzeugung von der Menschenwürde sogar ins Gefängnis gehen
wie Narges Mohammadi, die Friedensnobelpreisträgerin aus dem Iran?
Würde ich es tun? Hätte ich den Mut?

4 Aufrecht gehen

Ich komme bald.
Halte an dem fest, was du hast, damit dir niemand deine Krone nehme.


Du mit deiner kleinen Kraft, lass sie dir nicht klein reden.
Du mit deinem weiten Herzen, verschließe es nicht.
Du mit deiner Sehnsucht, halte sie wach.
Denn die Welt ist nicht zu Ende. Und Gott ist nicht am Ende.
Sondern kommt. Kommt ins Leben. In die Tränen. In das Lachen. In diese Welt.

Halte an dem fest, was du hast, damit dir niemand deine Krone nehme.
Meine Mutter war nie verheiratet.
Und als ich auf die Welt kam - in den 60ern - war das noch eine Schande.
Ein uneheliches Kind. Da lag von Anfang an ein Makel auf mir.
Der Pfarrer, der mich taufte, suchte genau diesen Satz für mich aus:
Halte an dem fest, was du hast, damit dir niemand deine Krone nehme.

Ich habe diesen Satz lange lange nicht verstanden.
Aber irgendwann wurde mir klar, warum der Pfarrer diese Worte für mich gewählt hatte:
Gott hat mir die Krone der Menschenwürde aufgesetzt.
Für ihn gilt nicht, was die Menschen der 60er Jahre über mich und meine Mutter sagten.
Für Gott gilt:
ich bin wertvoll. Ich bin geliebt.
Und meine Würde darf mir niemand absprechen oder rauben.

Seitdem ich das begriffen habe, gebe ich diesen Satz weiter:
Diese Botschaft von der Würde, die niemand rauben darf.
Von der Krone, die uns alle zu Königskindern macht - auch die mit kleiner Kraft.
Die Tür zum Palast Gottes bleibt immer offen.
Und das gilt - auch wenn die politischen Verhältnisse was anderes sagen.

5 Durch offene Türen gehen


»Schreib an den Engel der Gemeinde in Philadelphia:›

Das sagt Christus zu Johannes, dem Seher.
Und zu dir sagt Christus es auch.
Schreib an deinen Engel.
Setz dich und schau dich um -
so wie Johannes, der Seher, als er Gottes Stimme hört.

Lege dein Herz in den Brief. Das schwere Herz und das leichte auch.
Du darfst das. Johannes hat das auch gemacht.
Schreib von deinen Sorgen um die Armen dieser Stadt -
ob sie alles bezahlen können, das Essen, die Heizung, den Strom.
Deine Gedanken um die jüdischen Freunde und Freundinnen, die jetzt auch Kerzen anzünden.
Gottes Königskinder.
Schreib an deinen Engel von deinem Enkel und den Zauberhut, den du ihm schenken willst.
Seine ganz eigene Krone.
Schreib deinem Engel, dass vor 4 Tagen hier in der Stadtkirche Fatih Aygün erzählt hat,
wie heilig ihm, dem Muslim, der heilige Nikolaus ist.

Schreib deinem Engel von deinen Tränen und von deinem Lachen.
Schreib ihm von deiner Suche und deinen Fragen, deinen Zweifeln und deiner kleinen Kraft.
Und von den vielen offenen Türen.
Es gibt sie auch. Gott sei Dank.

Ja, schreib deinem Engel von deiner Hoffnung.
Denn Christus kommt. Und Christus wird dich aufrichten.
Und alle anderen Königskinder auch.
Er reißt die Türen weit auf.
Und du mit deiner kleinen Kraft wirst aufstehen, deine Krone zurechtrücken,
und durch die offene Tür gehen.
Ins Leben.



Dienstag, 24. Oktober 2023

Let it be - Loslassen, woran dein Herz hängt

Predigt im Rahmen der Predigtreihe "Was bleibt"
zu Mt 6, 19 - 34

I. Let it be

1968 ist für Paul McCartney ein unruhiges Jahr:
Die Konflikte innerhalb der Beatles nehmen immer mehr zu.
Wird es bald vorbei sein mit der Band?
Das Herzensprojekt seines Lebens. Die vielen großartigen Songs.
Die unglaublichen Konzerte. Der Riesenerfolg. Das alles soll bald nicht mehr sein?
Der Druck ist jedenfalls riesig.

Doch dann erscheint McCartney seine verstorbene Mutter Mary im Traum.
Paul hatte sie verloren, als er 14 Jahre alt war.
Später erzählt er: Mit sanfter und beruhigender Stimme sagte sie zu mir:
„Let it be!“. Lass es geschehen! Lass es los.
„Als ich aufgewacht bin, habe mich an das Klavier gesetzt und einen Song daraus gemacht“.

Es dauerte noch fast zwei Jahre, bis Let it be von den Beatles veröffentlicht wurde.
Es wurde zum Titellied ihres letzten Albums, sozusagen ihr Abschiedsgruß an die Welt.
Diese zwei Jahren waren kein gutes Ende einer phantastischen Band.
Aber der Song bleibt. Bis heute.
Mit seiner Botschaft: Es gibt schwierige Zeiten. Mit viel Streit und gebrochenen Herzen.
Aber damit bis du nicht allein. Es gibt ein Licht, das auch morgen noch scheint.
Was auch immer passiert. Words of wisdom. Let it be.

Let it be - Refrain instrumental

II. Widerspruch

Let it be - sind es wirklich „weise Worte“?
Words of wisdom in jeder Lebenslage?
Sind es Worte, die wir gerade jetzt brauchen?
Auf israelische Städte fallen Bomben, Zivilisten wurden ermordet.
Die Hamas missbraucht die palästinensische Bevölkerung.
Jüdische Freunde und Freundinnen leben in Angst - auch in Pforzheim.
Und im Netz tobt der Hass.
 Let it be?
Flüchtlinge gelten in Europa nur noch als Bedrohung. Die Rechten gewinnen Oberhand.
Der Golfstrom versiegt und die Gletscher schmelzen unaufhaltsam.
Let it be?

Manche machen das so. Let it be.
Lass mich in Ruhe damit. Hauptsache, mir geht es gut.
Ja, so lebt es sich "gut", bis es einen selber trifft.  

Und ja, diese Art von Let it be kennen wir auch aus unserer christlichen Tradition.
Du kannst ja sowieso nichts ändern. Gib dich zufrieden und sei still.

Und ja, einige, die das so sagen und sagten, berufen sich  sogar auf Jesus, wenn er sagt:

Macht euch keine Sorgen! Fragt euch nicht:
Was sollen wir essen? Was sollen wir trinken? Was sollen wir anziehen?
Um all diese Dinge dreht sich das Leben der Heiden.
Euer Vater im Himmel weiß doch, dass ihr das alles braucht.


Keine Panik. Immer mit der Ruhe. Nichts überstürzen.
So wurden und werden diese Worte zum Vertrösten benutzt.
Oder dafür, dass man ja, nichts ändern muss.
Let it be - heißt dann: Lass uns in Ruhe. Lass uns bloß nichts ändern.
Lass uns so weitermachen wie bisher.

Mich treibt das um. Dich auch?

Let it be - Refrain melancholisch anstimmen

III. Loslassen ist sinnvoll

Jesus will nicht vertrösten.
Jesus macht auch die Sorgenvollen nicht lächerlich.
Es geht gar nicht um die Sorgen, die ich mir um andere mache.
Es geht um die Sorgen, die ich mir um mich mache.
Um mein Hab und Gut. Um meine Gesundheit. Meine Privilegien.
Diese Sorgen kann man groß machen und politisch instrumentalisieren.
Grenzen zu. Mauern hoch. Mit dem Neid spielen.

Lasst es. Sagt Jesus.
Denn dieses Sorgen ist aus Irrtümern geboren.
Es gibt in diesem Leben keine letzte absolute Sicherheit. Punkt.

Es gibt aber auch das andere Sorgen.
Das, das keine Veränderung will. Das Angst davor hat.
Sorge um das, was mir Sicherheit verschafft.
Diese Sorge lässt mich festhalten, was ich kenne und was ich mir erarbeitet habe.
Sie lässt mich an Ideen und Werten und Gedanken klammern.
An Bildern und Normen und Meinungen.
Aber die Welt dreht sich. Die Welt verändert sich.
Und das macht auch mir manchmal Angst.
Wenn ich nicht mehr weiß, wo oben und unten ist
und die Nachrichten sich überschlagen,
wenn ich meine eigenen Kinder nicht mehr verstehe,
weil sie vieles anders leben und anders ausdrücken.
Was bleibt von dem, was mir wirklich wichtig ist?
Ja, diese Frage kenne ich nur zu gut.

Als die Zeit der Beatles zu Ende ging, fiel es Paul McCarthy sehr schwer, das zu akzeptieren. 
Sein Lebenswerk löste sich auf. Das tat weh.

Loslassen ist kein Wellness-Programm a la simplify your life -
jedenfalls nicht, wenn ich loslassen MUSS.
Wenn ich aufgeben muss, was mir lieb und wichtig ist, dann ist das nun mal verdammt schwer. 
In der Kirche erleben wir es gerade.
So vieles, was wir loslassen müssen: womit wir großgeworden sind, was uns vertraut ist.
Und ja, wir haben Sorge, ob die Kirche auch in Zukunft noch für uns da ist. 


Loslassen ist schwer. Gerade viele ältere Menschen wissen davon ein Lied zu singen.
Zu viele Menschen, die man verloren hat.
Und wenn der vertraute Partner stirbt, tut das besonders weh.
Diese riesengroße Lücke.
Die Gedanken: hätte ich ihm doch noch dies gesagt.
Oder warum hab ich damals so viel mit ihm geschimpft?
Loslassen - ja, irgendwann, aber doch noch nicht jetzt. Noch zu vieles, was ungeklärt ist.

Oder wenn der Abschied vom eigenen Haus ansteht.
Wenn klar ist, es geht nicht mehr alleine.
Meine Mutter hat damals Jahre gebraucht,
um sich mit dem Schritt anzufreunden, ins Pflegeheim zu gehen.
Sehr lange konnte sie es nicht akzeptieren, dass sie sich nicht mehr selber versorgen kann.
Irgendwann war dann der Punkt da.
Als sie merkte, wir, ihre Kinder, lassen sie dann nicht allein.
Als sie es spürte, dass wir ihre Angst ernst nahmen.
Wir sind da, Mutti. Wir sind auch dann da.
Aber wir haben dann dort weniger Angst um dich. Verstehst du das?
Ja, das verstehe ich.
Und dann, ja, dann mussten auch wir sie gehen lassen. Ganz gehen lassen.
Sie ließ uns los und wir ließen sie los. Let it be. Lass es geschehen.

Was fällt dir schwer loszulassen, obwohl du merkst: es ist dran?

    Let it be, let it be, let it be, let it be
    There will be an answer, let it be
    Let it be, let it be, let it be, let it be
    Whisper words of wisdom, let it be


IV. Loslassen macht frei

Ach, wenn es doch leichter wäre: das Loslassen.
Wenn mir doch auch meine Mutter im Traum erscheinen würde. Let it be.
Aber Jesus zeigt auf die Vögel unter dem Himmel. Schau hin. Sieh ihre schwerelose Leichtigkeit.
Und sieh die Wiesenblumen auf dem Felde. Ihre verschwenderische Farbenpracht.
Schau dir das an, sagt Jesus. Und lerne: Du bist eingebettet in ein viel Größeres.
Eingebettet in Gott.
Diese Vögel dort - diese Raben. Die werden so oft übersehen. Aber sie sind Gott wichtig.
Diese Blumen da - wie oft lauft ihr achtlos vorbei. Aber sie sind Gott wichtig.
Lerne von ihnen und von Gott:
ihnen traut keiner was zu, aber ihnen wachsen Flügel und bunte Blüten.

Und ich lerne, dass ich fliegen und blühen kann.

Ich lerne, dass es mich freier macht,  wenn ich meine Sorgen um mich loslasse.
Und ich weiß, dass Jesus sie für mich trägt
Es macht mich freier, wenn ich nicht mehr festhalten muss, was mir Sicherheit gibt.
Wenn ich festhalte, sind meine Hände nicht frei.
Wenn ich loslasse, können meine Hände aber Neues empfangen.
Und ich frage mich, was wirklich wichtig ist für mich.

Woran hängt dein Herz, fragt mich Jesus?
An der Sicherheit, am Vertrauten?
An der Fernsehserie, am Kirchengebäude,
an deinem Haus, an deinem Geld?
Oder an denen, die dir ans Herz gewachsen sind?
An Worten, die dir gut tun?
An Worten voller Weisheit? An Musik? Am Frieden?

Luisa Neubauer von Fridays for future hat mal Words of Wisdom gefunden:
„Die großen Schätze der Welt gilt es nicht zu sammeln.
Es gilt sie zu beschützen.
Es ist der Planet, die Schöpfung, die alles bereitstellt, was wir brauchen.
Wir müssen uns, wie die Vögel nicht sorgen - eigentlich - denn es ist alles da,
vorausgesetzt, wir gehen achtsam damit um. Es ist alles da.“ (1)


Es ist alles da. Sagt auch Jesus.
Gott ist da.
Euer Vater im Himmel weiß doch, dass ihr das alles braucht.

Let it be - ganz leichtfüßig….

VI. Woran mein Herz hängt

Ja, das will ich dir glauben, Jesus:
Alles ist da. Und die Ewige ist da.
Ihr überlasse ich meine Sorgen.
Von ihr lerne ich, dass mir die Welt dennoch am Herzen liegen kann.
Dass meine Sorge um sie Ausdruck meiner Liebe ist.
Und auch diese Liebe teile ich mit Gott.
Ich will glauben, dass Gott bei mir ist und mit mir ist,
und egal, was ich loslassen muss: ich bin nicht allein.
Ich sehe die Vögel und die Blumen und höre und sehe mich um in der Welt
und ich entdecke immer mehr Zeichen, dass Gott da ist:

Ein Abschiedssong, der auch nach über 50 Jahren noch tröstet.
Meine Mutter, die in Frieden sterben durfte - und wir waren da.
Ich höre die Geschichten von Geflüchteten, die hier in Sicherheit leben:
Warvan aus dem Irak und Fatima aus Syrien und Olga aus der Ukraine.
Und ich erlebe, dass wir mit unserem Rat der Religionen
an der Seite unserer jüdischen Freunde und Freundinnen stehen.
Gestern waren wir in der Synagoge, haben zusammen geredet und zusammen gebetet.
Ihre Sorgen sind unsere Sorgen.
Das ist nicht viel. Aber es gibt meiner Sehnsucht Flügel.
Weil wir nicht alleine sind.
Und weil unsere jüdischen Freund*innen erfahren, dass sie nicht alleine sind.
Und ich sehe, dass wir beieinander stehen gegen den Hass, der unsere Welt kaputt machen will.

Und ja, bei alledem, was ich auf einmal wieder sehe, spüre ich mein Herz schlagen.
Bei den Menschen, die für mich da sind, und für die ich da bin.
Hörst du mein Herz schlagen, Jesus?

Strebt vor allem anderen nach seinem Reich und nach seiner Gerechtigkeit –
dann wird Gott euch auch das alles schenken.


Ja, ich will dir glauben, Jesus. Trotz alledem, das mir Sorgen macht.
Will Licht für diese Welt sein. Will fliegen und blühen. Zusammen mit den anderen.
Ich lege dir meine Sorgen hin. Und meine Sehnsucht nach Frieden.
Nach Heilung für die Menschen in Israel und in der Ukraine.
Ich lege dir mein Herz hin.
Du hörst es schlagen.  Ich lege es in deine Hände.
Let it be!
Amen.

(1) https://www.berlinerdom.de/fileadmin/user_upload/01_Startseite-Home/Mediathek/Predigten/Predigten_zum_Nachlesen/2021/2021-02-28_Fastenpredigtreihe_Neubauer.pdf?v=1614595629


Danke an Sina Kaiser für die Idee, die Predigt mit dem Song "Let it be" zu gestalen!




Sonntag, 27. August 2023

Siehst du diese Frau?

Von großzügiger Gastfreundschaft und tränenreichen Begegnungen

Predigt zu Lukas 7, 36 - 50
(mit Dank an Anneke Ihlenfeld und Jonathan Overlach für Inspirationen!)

 
Einer der Pharisäer lud Jesus zum Essen ein.
Jesus ging in das Haus des Pharisäers und legte sich zu Tisch.
In der Stadt lebte eine Frau, die als Sünderin bekannt war.
Sie erfuhr, dass Jesus im Haus des Pharisäers zu Gast war.
Mit einem Fläschchen voll kostbarem Salböl ging sie dorthin.
Die Frau trat von hinten an das Fußende des Polsters heran, auf dem Jesus lag.
Sie weinte so sehr, dass seine Füße von ihren Tränen nass wurden.
Mit ihrem Haar trocknete sie ihm die Füße, küsste sie und salbte sie mit dem Öl.
Der Pharisäer, der Jesus eingeladen hatte, beobachtete das alles und sagte sich:
»Wenn Jesus ein Prophet wäre, müsste er doch wissen,
was für eine Frau ihn da berührt – dass sie eine Sünderin ist.«
Da wandte sich Jesus an ihn und sagte: »Simon, ich habe dir etwas zu sagen.«
Er antwortete: »Lehrer, sprich!«
Jesus sagte: »Zwei Männer hatten Schulden bei einem Geldverleiher:
Der eine schuldete ihm fünfhundert Silberstücke, der andere fünfzig.
Da sie es nicht zurückzahlen konnten, schenkte er beiden das Geld.
Welcher von den beiden wird den Geldverleiher dafür wohl mehr lieben?«
Simon antwortete: »Ich nehme an der, dem der Geldverleiher mehr geschenkt hat.“
Da sagte Jesus zu ihm: »Du hast recht.«
Dann drehte er sich zu der Frau um und sagte zu Simon: »Siehst du diese Frau?
Ich kam in dein Haus, und du hast mir kein Wasser für die Füße gebracht.
Aber sie hat meine Füße mit ihren Tränen nass gemacht und mit ihren Haaren getrocknet.
Du hast mir keinen Kuss zur Begrüßung gegeben.
Aber sie hat nicht aufgehört, mir die Füße zu küssen, seit ich hier bin.
Du hast meinen Kopf nicht mit Öl gesalbt. Aber sie hat meine Füße mit kostbarem Öl gesalbt.
Deshalb sage ich dir: Ihre vielen Sünden sind ihr vergeben. Darum hat sie so viel Liebe gezeigt.
Wem aber wenig vergeben wird, der zeigt auch nur wenig Liebe.«
Dann sagte Jesus zu der Frau: »Deine Sünden sind dir vergeben.«
Die anderen Gäste fragten sich: »Wer ist dieser Mann, der sogar Sünden vergibt?«
Aber Jesus sagte zu der Frau: »Dein Glaube hat dich gerettet. Geh in Frieden.«


1.
Siehst du diese Frau? (3)

Du meinst du kennst sie.
Als "Sünderin" ist sie bekannt im Ort.
Die Leute zerreißen sich das Maul über sie.
"Hast du schon gehört, sie soll…."
"Ach ja, und letztens hat man über sie erzählt, dass…"
"Und der Cousin meines Freundes sagt, dass sie…."
Aber was weißt du wirklich?

Ja, auch wir meinen zu wissen, wer sie ist.
Die Ausleger der letzten 2000 Jahre haben aus ihr eine Prostituierte gemacht.
Bei Sünde und Frau denkt man sofort an Sex. An unerlaubten Sex.
Aber vielleicht hat sie ja auch Geld unterschlagen?
Oder ein Kind geschlagen? Oder ein böses Gerücht verbreitet?
Lukas schreibt nichts darüber. Nur "Sünderin".

„Sünderin“ -
Vielleicht ist sie nur eine Frau, die kein Mann absichert;
und die dadurch am Rande der Gesellschaft steht.
„Sünderin“, sagt man über sie und zeigt mit dem Finger auf sie,
so dass sie ihr Gesicht verliert und ihren Namen.
„Sünderin“, so redet man über sie, nicht mit ihr.
Mit jedem Mal gewinnt dieses Wort mehr Gewicht,
es wird immer "richtiger,"
bis niemand mehr hinterfragt, was eigentlich dahintersteckt.
So funktioniert Ausgrenzung, Abgrenzung.
Das Prinzip dahinter ist immer das Gleiche.
Eine „Sünderin“ war es zu Jesu Zeiten, später „die Saujuden“,
die „dreckigen Flüchtlinge“, die „Roten“, die „Schwulen“.
Die Bezeichnungen haben gewechselt,
das Prinzip ist über die Jahrtausende das gleiche geblieben. (1)

2.
Siehst du diese Frau? Du meinst du kennst sie.
Aber das stimmt vielleicht nicht.
Darum sieh hin. Sieh, was sie tut.

Sie kommt in dein Haus. Die Gäste sind schon da und fühlen sich wohl.
Jesus ist auch da. Und auch ihm geht es gut.
Darauf achtest du als guter Gastgeber.
Deinen Gästen soll es an nichts fehlen.
Aber plötzlich ist sie da. Mit einem Fläschchen mit kostbaren Salböl.
Sie geht zu den Füßen von Jesus, fängt an zu weinen,
küsst die Füße von Jesus und dann öffnet dann die Flasche und salbt diese Füße.

Das hast du beobachtet. Mehr nicht. Aber es regt dich auf.
Denn sie gehört ja nicht hierher. Sie nicht. Auf keinen Fall eine wie sie.
Und sie stört die Abläufe. Die Stimmung ist plötzlich umgeschlagen.
Was soll das, denkst du?

3.
Aber du fragst sie nicht. Du sprichst nicht mit ihr. Was hätte sie dir geantwortet?

Ich konnte nicht anders, hätte sie vielleicht gesagt.
Als ich hörte, dass Jesus hier ist, musste ich kommen. 
All meine Ersparnisse hab ich für das Salböl aufgebraucht. 
Die Tür war offen. Mein Herz hat geklopft vor Aufregung.
Jesus zu finden war einfach: Er war der Einzige hier, den ich nicht kannte. 
Aber ehrlich, ich konnte ihn nicht ansprechen.
Wer bin ich schon? Ich konnte mich nur zu seinen Füßen setzen, bloß nicht den Kopf heben.
Und plötzlich kamen die Tränen. Sie schossen mir in die Augen und liefen mein Gesicht hinab.
Sie tropften auf seine Füße. 
„Was tue ich hier eigentlich?“ Fragte ich mich.  (2)
Aber es hat sich was in mir gelöst. Ich fühlte mich besser.
Denn er schickte mich nicht weg. Er sah mich einfach nur an.

Und als ich dann die Flasche öffnete, war da dieser betörende Duft nach Lavendel und Rosmarin.
„Das tut ihm bestimmt gut!“ Dachte ich.
Ich musste die Füße damit einreiben, die mit denen er hierher gekommen ist -
ganz schön dreckig waren sie noch.
Aber das machte nichts. Und als Jesus lächelte, wusste ich, dass es richtig war.
Ich habe ihm einfach alles gegeben, was ich hatte. Mehr hatte ich nicht.

Ich habe nicht so ein großes vornehmes Haus wie du.
Ich habe keinen guten Ruf wie du. Man spricht über mich, das weißt du.
Aber Jesus ist anders. Der schaut mich anders an als ihr.

4.
Siehst du diese Frau?
Rede nicht über sie, sondern mit ihr.
Frag sie nach ihrem Namen. Und wie du ihr vielleicht helfen kannst. 
Was sie von dir braucht. Oder den anderen. Oder von der Gesellschaft.
Ja, sie stört deine Männergesellschaft.
Und sie verstört dich. Aber sieh genau hin.
Sieh auf ihre grenzenlose, verschwenderische Liebe.
Sieh ihre Einsamkeit, ihre Trauer. Ihre Tränen. Ihre Dankbarkeit.
Und erkenne, dass sie zur wahren Gastgeberin wird: Sie, diese Sünderin.
Denn sie tut mehr als die damalige Sitte von einem Gastgeber verlangt:
nicht nur Wasser für die Füße,
sondern Salböl, das eigentlich für die Kopf bestimmt ist.

5.
Und dann schau auf Jesus. Was tut er?
Er kommt in dein Haus. Ist dein Gast.
Aber dann schaut er auf diese namenlose Frau, die ihr alle verurteilt.
Anstandsregeln spielen für ihn keine Rolle.
Was ganz und gar ungehörig daherkommt, bleibt bei Jesus nicht unerhört. (3)
Und auf einmal wird auch er zum Gastgeber. In deinem Haus.
Jesus sieht nur die Liebe dieser Frau, ihr übervolles Herz, und das genügt.
Jesus sieht ihre Einsamkeit, ihre Trauer, ihre Tränen.
Und wie sie sogar seine schmutzigen Füße salbt und küsst.

Und dann gibt ihr seine Liebesgabe:
Er erklärt all die Urteile, auch ihre eigenen über sich selber, für Null und Nichtig.
Befreit sie und macht sie groß.
Mit einem Wort schenkt er ihr den so lang ersehnten Frieden. (1)

6.
Und dann nimmt Jesus auch dich in den Blick.
Spricht dich an. Jetzt bist du dran.
Jesus spricht in deiner Sprache zu dir.
Sodass du erkennst: Liebe ist verschwenderisch.
Gott ist viel großzügiger als du denkst.
Gnädiger als du es gewohnt bist.
Die namenlose Frau hat es erkannt. Und deshalb ist sie selber großzügig.
Sprengt alle Grenzen. Weil Gott sich auch nicht an die Grenzen hält.

7.
So sieh diese Frau, du geliebtes Kind Gottes.
Lerne von ihr. Und von Jesus.
Sei großzügig mit deiner Liebe.
Sei ein noch besserer Gastgeber.
Sei noch gastfreundlicher als du es sowieso schon bist.
Du schaffst das, weil Gott dich liebt.
So wie du bist. Du musst nicht perfekt sein.
Aber genau zu dir ist Jesus gekommen und hat sich an deinen Tisch gesetzt.

Darum öffne dein Haus. Öffne dich.
Lass dich überraschen von diesem Jesus.
Öffne dein Herz für ihn und für die, die wir ausgrenzen und abstempeln.
Und es wird dich aus aller Enge frei machen.
Hole auch die an deinen Tisch, die da nicht hinpassen. Und salbe den Staub auf ihren Füßen.
Es wird dich weiter machen. Und groß.
Sage nicht: Lass mich in Frieden. Sondern: Friede sei mit dir. (1)

Und dann, ja, dann er wird zurück kommen.
Der Friede, welcher höher ist als all unsere Vernunft.
Er bewahre dein Herz und deine Sinne in Christus Jesus. Amen.


Anmerkungen:
(1) diese Passagen habe ich im Wesentlichen von Anneke Ihlenfeld
(2) Das habe ich von Jonathan Overlach
(3) Die Grundidee haben ich von Magdalene Frettlöh (Göttinger Predigtmeditation)



Freitag, 23. Juni 2023

Safe spaces für queere Menschen!


Meine Rede zum 1. Pforzheimer Christopher Street Day (Motto: Pforzheim ist queer)

gehalten am 17.6.2023 auf dem Marktplatz in Pforzheim

Hallo Pforzheim!

Es ist mir eine große Ehre, hier auf der Bühne zu stehen und zum ersten CSD Pforzheims zu sprechen! Als Schirmfrau. Dieses Amt, das ich mir mit Stephanie Aeffner teile.

Es ist mir eine große Ehre, gerade auch als Kirchenfrau hier zu stehen.
Als Dekanin, als Pfarrerin, als Christin. Eine Ehre und eine Verpflichtung.

Eine Ehre ist es, weil ich davon überzeugt bin, dass Jesus auch hier ist. Und weil es von großem Vertrauen des Organisationsteams zeugt.
Eine Verpflichtung ist es, weil wir als Kirche ein safe space werden müssen. Ein safe space für alle, die diskriminiert werden - wegen ihrer Hautfarbe, ihrer Herkunft, ihres Geschlechts oder ihrer queeren Identität.

Ich will, dass unsere Kirchen safe spaces sind. Ich will, dass Pforzheim ein safe space ist.
Aber so weit sind wir noch nicht und darum brauchen wir einen CSD auch in Pforzheim!

Du bist wunderbar gemacht -
Diesen Satz haben wir dort auf den Beachflags stehen.
Er kommt aus der Bibel.
Dort dankt im 139. Psalm ein Mensch und sagt:
Ich danke dir, Gott, dass du mich so wunderbar gemacht hast.

Ich weiß, dass viele von euch das nicht glauben.
Entweder weil es für euch Gott nicht gibt.
Oder auch weil es immer noch zu viele Menschen gibt, die euch verurteilen, die euch sagen, dass ihr nicht wunderbar seid. Auch viele Christ*innen können oder wollen nicht glauben, das jeder Mensch  wunderbar gemacht ist. Dass jeder Mensch ein geliebtes Kind Gottes ist, ob Mann oder Frau oder Non-binär, ob trans oder intersexuell oder asexuell oder a-gender, ob lesbisch oder schwul oder hetero oder bi.

Aber genau das glaube ich: jeder Mensch ist wunderbar gemacht.
Und darum sprechen wir euch diesen Satz heute zu.
Euch allen, die ihr hier seid. In der ganzen Vielfalt des Lebens.
Du bist wunderbar gemacht!

Ich möchte euch aber als Dekanin auch um Verzeihung bitten.
Um Verzeihung für all das Unrecht, dass meine Kirche und die vielen Christ*innen den queeren Menschen angetan haben.
Lesben, Schwule, Trans- und Intersexuelle wurden und werden in unseren Gemeinden und Einrichtungen diskriminiert. Es gibt Menschen, die dadurch ihre geistliche Heimat verloren haben. Ihnen wurden schwere Verletzungen zugefü
gt, sie durften und dürfen nicht mitarbeiten. Viele andere haben sich versteckt. Viel zu lange sah auch meine Kirche in der Vielfalt der Geschlechter, unterschiedlicher sexueller Orientierungen, Lebensweisen und Familienmodelle nicht den großen Reichtum von Gottes Schöpfung, die sie ja ist.
Dafür bitte ich Gott und euch alle um Vergebung!

Du bist wunderbar gemacht - das gilt für jeden Menschen unabhängig vom Geschlecht oder der sexuellen Identität. Die Vielfalt der Menschen ist ein großes Geschenk Gottes an die Welt. Darum feiern wir diese Vielfalt. Auch heute!

Du bist wunderbar gemacht - das darf euch auch niemand absprechen. Darum stellen wir uns an die Seite aller, die wegen ihrer sexuellen Identität diskriminiert, unterdrückt oder gar verfolgt werden. Und darum sind wir hier.

Letzten Sonntag hat in Nürnberg auf dem Kirchentag der Schwarze Pastor Quinton Ceasar eine wichtige und notwendige Zeitansage gemacht: Bisher waren die Kirchen keine sicheren Orte für queere Menschen und People of Colour. Aber jetzt ist die Zeit zu sagen: Gott ist queer!

Darf man das sagen: Gott ist queer?
Ja! Aus 2 Gründen:
1. Gott ist immer größer als wir denken. Gott ist weder Mann noch Frau, sondern immer anders und entzieht sich jeder Norm. Genau das bedeutet queer, schräg zu unseren Normen.

2. Jesus stellt sich an die Seite aller, die verfolgt und unterdrückt werden. Gott identifiziert sich mit ihnen sogar! „Was ihr einem meiner geringsten Geschwister angetan habt, das habt ihr mir angetan,“ sagt Jesus im Matthäusevangelium.
Darum stimmt der Satz: Jetzt ist die Zeit zu sagen: Gott ist queer!

Seitdem Quinton diesen Satz gesagt hat, geht eine Welle der Empörung durch das Land. Quinton wird mit Hass und Morddrohungen überschüttet. Menschen treten deswegen aus der Kirche aus.
Aber es gibt auch die anderen: die, die vor Glück geweint haben, weil sie sich endlich gesehen fühlen. Deren Not endlich beim Namen genannt wurden.
Und die, die froh sind, dass ihnen der Spiegel vorgehalten wird, so wie ich.

 Es werden sich auch hier in Pforzheim Menschen empören, weil ich hier stehe. Weil ich euch zurufe, dass ihr wunderbar gemacht seid, dass wir alle wunderbar gemacht sind. Sie werden sich empören, weil ich glaube, dass Jesus mitfeiert. Weil auch ich sage: Gott ist queer.

Empörung halte ich aus. Wenn Menschen deshalb meine Kirche verlassen, tut mir das weh. Aber meine christliche Überzeugung lässt für mich nichts anderes zu, als hier zu stehen und alles dafür zu tun, dass Pforzheim ein sicherer Ort für alle Menschen wird. Und auch unsere Kirche soll zu einem sicheren Ort, zu einem safe space für alle werden.

Darum stehe ich hier. Darum sind auch meine Kolleg*innen hier.
Pforzheim ist queer.
Gott ist queer.
Und gemeinsam feiern wir die Vielfalt des Lebens.
Gut, dass ihr da seid!