Sonntag, 12. August 2018

Wirf die Gnade nicht weg!

Predigt zu Galater 2,16-21

(mit Dank an Birgit Mattausch, Esther Philipps, Michael Greßler und Sebastian Wolfrum für Anregungen und Korrekturen)

I.
Petrus: Fischer von Beruf,
aus dem Norden, Galiläer,
was kann da Gutes herkommen?
Keine Schulbildung. Netze knüpfen, das hat er gelernt,
Und: die Angst aushalten,
wenn draußen auf dem tückischen See die Wellen über einen zusammen schlagen.
Ohne Jesus wäre er nie von dort weg gekommen.
Mit ihm hat er eine andere Welt gesehen.
Und Jesus hat Leidenschaft in ihm geweckt.
So muss man den Glauben an Gott leben. So wie Jesus das getan hat.
Und er stellt sich in den Jerusalemer Tempel und redet in den Synagogen.
Von diesem Jesus:
Der nimmt den Gescheiterten an
und liebt und beauftragt selbst Menschen wie ihn.
Gnade pur.

Paulus der Studierte.
Aus der Oberschicht.
Im Ausland aufgewachsen.
Jude und Römer.
Schon immer einer zwischen den Welten.
Belesen, vertraut mit den Philosophen seiner Zeit.
Jude mit leidenschaftlichem Herz.
So leidenschaftlich, dass er bereit war, Menschen sterben zu lassen.
Bis sich Jesus ihm in den Weg gestellt hatte,
damals, vor Damaskus.
Als er nichts mehr sehen konnte und ihm endlich die Augen aufgingen.
Die Leidenschaft blieb.
Und so geht er in die Welt.
Predigt auch denen, die nicht zum Volk Gottes gehören.
Erzählt von einem Gott, der dich mit liebenden Augen ansieht.
Und diesem Gott musst du nichts beweisen.
Gnade pur.

II.

Gnadenlos
haben sie, Petrus und Paulus,
vor ein paar Wochen beim Treffen aller Apostel gestritten.
Dass alle an Christus glauben, darauf konnten sie sich noch einigen.
Und ja, die Neuen, die Heidenchristen, gehören genauso zur christlichen Gemeinde
wie die, die von Anfang an dabei waren, die Judenchristen.
Ob sie nun schon immer dabei waren und zum Volk Israel gehören
oder ob sie neu dazu gekommen sind, weil sie keine Juden waren -
in der Gemeinde sind sie alle eins. Und alle gleichwertig.

Doch was auf dem Papier so gut aussieht, ist in der Praxis schwierig:
Beide Gruppen folgen Jesus nach.
Aber ist es für die Judenchristen zumutbar, mit den Neuen Abendmahl zu feiern,
obwohl diese sich nicht an die Regeln halten, die für sie lebenswichtig sind?

Petrus bekommt nun Muffensausen.
Er will die besonders Frommen und Wichtigen, die schon immer Da-Gewesenen nicht verärgern
und darum kommt es zum Skandal:
Er feiert plötzlich nicht mehr mit den Neuen.
Einfach so gehört man eben doch nicht zu Gott.

Paulus ist sauer.
Und sagt: Wirf die Gnade nicht weg.
Du, Petrus, baust Schranken auf, die für Gott nicht gelten.
Gott hat alle Schranken, die wir Menschen brauchen, abmontiert.
Da braucht es nichts mehr, was uns aufhält und abhält von einander.
Und von ihm.
Und das gilt für Neue und Die-schon-immer-dabei-gewesenen gleichermaßen.

III.
Im Brief an die Gemeinde in Galatien schreibt Paulus*:

Wir wissen: Kein Mensch gilt vor Gott als gerecht, weil er das Gesetz befolgt.
Als gerecht gilt man nur, wenn man an Jesus Christus glaubt.
Deshalb kamen auch wir zum Glauben an Jesus Christus.
Denn durch diesen Glauben an Christus werden wir vor Gott als gerecht gelten –
und nicht, weil wir tun, was das Gesetz vorschreibt.
Schließlich spricht Gott keinen Menschen von seiner Schuld frei,
weil er das Gesetz befolgt.

Nun wollen wir ja durch Christus vor Gott als gerecht gelten.
Wenn sich nun aber zeigt, dass wir trotzdem mit Schuld beladen sind –
was bedeutet das dann?
Etwa, dass Christus die Schuld auch noch fördert?
Auf gar keinen Fall!
Wenn ich nämlich das Gesetz wieder einführe, das ich vorher abgeschafft habe,
dann heißt das:
Ich selbst stelle mich als jemand hin, der es übertritt.
Das Gesetz hat mir den Tod gebracht.
Deshalb gelte ich für das Gesetz als gestorben, damit ich für Gott leben kann.

Mit Christus zusammen wurde ich gekreuzigt.
Deshalb lebe ich nicht mehr selbst – sondern Christus lebt in mir.
Mein jetziges Leben in diesem Körper lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes.
Er hat mir seine Liebe geschenkt und sein Leben für mich hergegeben.
Ich werfe die Gnade Gottes nicht weg.
Denn wenn wir durch das Gesetz vor Gott als gerecht gelten,
dann ist Christus ohne Grund gestorben.


Instrumental: Amazing grace - bis „like me“

IV.
Wirf die Gnade nicht weg. 
Schau dich mit den Augen Gottes an. Es sind Augen der Liebe.
Petrus hat das vergessen.
Oder nicht mehr gespürt.
Aber auch du hast das verlernt, oder?

Sie ernährt sich gesund und trainiert ihre Bauchmuskeln für die Bikinifigur.
Und doch traut sie sich nicht ins Schwimmbad, weil sie sich für ihre Figur schämt.
Und sie will „normal“ sein - so wie die anderen alle.
Und doch merkt sie, dass sie auf Mädchen steht.
Sie traut sich nicht, offen zu sein.
Die anderen könnten blöde Sprüche klopfen. Und Schlimmeres.
Und sagt nicht auch die Bibel, dass das falsch ist?
Darf sie so sein?

Er sieht die Bilder von den Flüchtlingen in den libyschen Lagern.
Ihre Augen lassen ihn nicht los.
Und er erträgt es kaum, dass er so wenig tun kann.
Dass die NGOs nicht mehr aufs Meer fahren dürfen, um die Flüchtlinge zu retten.
Und selbst seine Regierung will diese Ärmsten der Armen ihrem Schicksal überlassen.
So scheint es ihm.
Und dann noch die Sprüche derer, die ständig rufen „Wir sind das Volk“.
Ist es so?
Gehört er nicht mehr zu diesem Volk,
weil er den Fliehenden ein Dach über dem Kopf geben will
und weil er sein Land für reich und stabil genug hält, es doch zu tun?
Und ja, er wird immer kleiner und mutloser.

V.
Wirf die Gnade nicht weg.
Schau dich mit den Augen Gottes an.

Dieser Gott sieht diese Frau mit dem Salböl (Lukas 7,36-50).
Alle verachten sie.
Keine will so sein wie sie mit ihrem Lebenswandel.
Man zerreißt sich das Maul über sie.
Aber Gott sieht:
Diese Frau ist eine Suchende und Fragende
und sie will ein anderes Leben führen,
doch weiß noch nicht, wie.
Aber sie weiß, dass sie voller Liebe ist
und sie brauchte jemanden, der sie liebt.

Gott sieht, dass Petrus nicht nur der Feigling ist,
der die neuen Christen versetzt, weil er mit ihnen kein Abendmahl feiern will.
Er sieht die Sorge von Petrus, dass die Gemeinde auseinanderbrechen könnte.
Und er sieht in ihm den Menschenfischer.
Und dieser Menschenfischer steht immer wieder neu auf.

Wirf die Gnade nicht weg.
Gott hat sich in dich verliebt von Anbeginn an.
Du gehörst zu ihm, egal was du tust.
Und wirf nicht weg, dass er dir viel mehr zutraut als du dir selbst.
Vielleicht ist das was ganz anderes, als du denkst.

Instrumental: Amazing grace - ganz

VI.
Gottes Gnade lebt in dir.
Selbst dann, wenn du dich für was Besseres hältst oder für besonders fromm.
Er riskiert dabei sehr viel. Sein ganzes Leben. Seine ganze Liebe.
Er hat selbst die Schranke abgebaut, damit du ganz zu ihm gehörst.
Und vielleicht denkst du: dir fehlt diese Schranke.
Sie hat dir Halt gegeben. Nun ist sie nicht mehr da.
Und du schaust anders auf dich. Und das macht dir manchmal Angst.
Aber Gott schaut dich liebevoll an.
Und traut dir zu, dass du die Welt mit seinen Augen sehen wirst.


Wirf die Gnade nicht weg.
Sie wohnt in dir. Lebt in dir.
Gott ist so verliebt in dich, dass er dich ganz ausfüllt.

Und dann fragst du nicht mehr, ob du schön genug bist.
Du bist schön. Und das darfst du zeigen.
Und wenn du dein Spiegelbild nicht magst, lächelt er dir zu.

Du bist feige und mutlos?
Gottes Gnade lebt in dir!

Du bist verzweifelt und denkst: Ich bin eine Versagerin?
Gottes Gnade lebt in dir!

Und dann stehst du auf und tust dich mit anderen zusammen.
Du betest und singst und protestierst und lädst ein.
Das, wozu du gerade die Kraft hast, das tust du.
Weil Gott es dir zutraut.

Gnade pur..
Gottes verliebte Augen.
Sie schauen dich an.
Und du lächelst zurück.

Amen

*Michael Greßler hat übrigens diesen sehr schweren Text von Paulus "übersetzt". Das gebe ich gerne hier wieder:
16
Wir haben etwas gemerkt:
Wir tun viel. Wir geben uns Mühe. Wir wollen gut sein.
Aber vor Gott stehen wir deshalb noch lange nicht gut da.
Darum haben wir angefangen, an Jesus zu glauben.

Wir haben gemerkt:
Wer an Jesus glaubt, steht vor Gott gut da.
Das genügt.
Gutes tun ist wichtig.
Aber das bringt uns nicht ins Reine mit Gott.

17
So versuchen wir, bei Jesus Christus zu stehen,
damit wir vor Gott gut dastehen.

Trotzdem machen wir viel falsch.
Wir verlassen uns aber darauf,
daß Jesus es für uns gut macht.
Er nimmt uns mit zu Gott.
Auch, wenn wir Sünde tun.

Aber ist dann Jesus vielleicht selbst ein Diener der Sünde?
Niemals!

18
Wir wollen nicht mehr alles allein schaffen.
Wir wollen uns auf Jesus verlassen.
Er stellt uns gut vor Gott hin.

Wir haben es aufgegeben:
Wir wollen nicht mehr ohne Jesus zu Gott gehen.
Wenn wir das wieder versuchen,
dann wir alles wie früher.
Wir sind ja nur Menschen und schaffen es nicht allein.

19
Ich habe gemerkt:
Jesus hat schon alles gemacht.
Meine Schuld ist mit Jesus am Kreuz gestorben.
Jetzt kann ich für Gott leben.

20
Ich lebe!
Und das kann ich, weil Christus in mir lebt.
Ich lebe!
Und jeder Tag auf dieser Welt kann gut sein
Denn ich glaube ich an den Sohn Gottes.
Der hat mich schon immer geliebt
und gibt alles für mich.
Sogar sein Leben.

21
Darum muß ich nichts mehr alleine schaffen.
Ich kann mich mühen.
Und ich werde schuldig.
Aber darauf kommt es nicht an.
Es kommt auf Jesus an.
Er hat alles für mich gemacht.
Nichts davon war umsonst.
Da spüre ich Gottes Gnade.
Und die werfe ich nicht weg.

Sonntag, 15. Juli 2018

Töne der Hoffnung gegen Töne der Angst

Predigt zum Ökumenischen Gottesdienst anlässlich des Fests "Grüntöne" (1) 
(ein Fest der Kulturen im Stadtgarten in Pforzheim)

I.
Töne der Hoffnung
Die Bibel ist voll davon.
Die schwangere Maria singt ein Lied
mit brausenden Tönen.
Ihr Magnificat - von einer umstürzenden Hoffnung,
die selbst vor dieser verzweifelten jungen Frau keinen Halt macht. (2)
Bei Abraham waren es vielleicht eher die stillen Töne.
Als er in den Sternenhimmel blickt,
macht Gott ihm Mut aufzubrechen.
Und er zieht in ein fremdes Land. (3)
Jona singt die Töne der Hoffnung im Bauch des Fisches. (4)
Er wollte vor Gott fliehen.
Die Töne der Angst in ihm waren zunächst viel stärker.
Und sie sind selbst im Bauch nicht verstummt.
Doch dann kommen neue Töne hervor
und er kann tun, was nötig ist.

II.
Das Volk Israel hat immer die Töne der Hoffnung gesungen, 
selbst unter Tränen im Exil.
Sie klammerten sich förmlich daran,
dass Gott sie nicht im Stich lassen würde:
Er hat das Volk einst aus der Sklaverei gerettet.
Er wird es nun auch aus dem Exil führen.

Die Christen und Christinnen der ersten Stunde sangen dieselben Lieder.
Teilten dieselbe Hoffnung:
Ja, Gott lässt uns nicht in Stich.
Egal, was passiert: er ist bei uns.
Für sie ist aber ein weiterer Grund hinzugekommen,
diese Töne der Hoffnung anzustimmen:
Jesus ist auferstanden.

Ja, er ist auferstanden.
Das ist der Grund jeder christlichen Hoffnung:
Es gibt keinen Ort und keinen Zustand, wo wir ohne Gott sind.
Selbst im Tod sind wir nicht ohne Gott.
Und nichts, gar nichts kann uns von diesem Gott trennen.

III.
Paulus, den wir eben hörten, sagt das so:
Wir stehen in der Gnade.

Wir stehen in der Gnade. wie in einem Raum,
Oder unter einem Himmel - mit Gott.
Paulus sagt das zu seinen Schwestern und Brüdern in Rom.
Die mussten mal aufbrechen und wieder neu anfangen.
Wurden vertrieben und kamen wieder zurück.
Sie kennen Angst und Verzweiflung und Mut und Hoffnung.
Und ihnen schreibt er:
Wir stehen in der Gnade.
Und von dort erklingen die Töne der Hoffnung.

Wir stehen in der Gnade.
Das heißt nicht:
wir kennen die Töne der Angst nicht mehr.
Wir hören sie ja noch.
Und stimmen sie vielleicht auch selber an.
So ging das den Christen und Christinnen in Rom.
Und dem Volk Israel im Exil auch.
Jede von uns kennt sie, diese schrillen oder verzweifelten Töne.
Und Jesus kennt sie auch.
Sie schwingen in uns
und machen uns ganz klein und mutlos.
Sie reden uns ein, dass das Leben immer gefährlicher wird.
Oder  lassen uns Europa abschotten.
Die Töne der Angst lassen uns unmenschlich werden
und Menschen ertrinken ihretwegn.
Und sie sorgen dafür,
dass wir Menschen selbst in Länder abschieben, wo ihr Leben in Gefahr ist.
Die Töne der Angst lassen uns klammern
an vermeintliche Sicherheiten, die keine sind.
Und an eine Vergangenheit, die nie so gut war,
wie wir sie erinnern.

IV.
Aber wir stehen doch in der Gnade!
Sagt Paulus.
Eine neue Zeit ist mit Jesus angebrochen.
Mit offenen Türen zu Gott, der uns losschickt wie einst Abraham.
Wir stehen in der Gnade.,
unter einem Himmel, voller Töne der Hoffnung.
Die Töne der Angst hören wir auch hier.
Aber sie sind leiser.
Denn wir wissen,
dass sie keine Macht mehr über uns haben..
Darum hören wir auf die Töne der Hoffnung.
Die Töne der Liebe und des Lebens.
Grün sind sie - wie die Bäume hier im Stadtgarten.
Grün und voll mit buntem Leben.

Diese Töne sagen uns:
Fürchte dich nicht. Du gehörst zu Gott.
Und von ihm kann dich nichts trennen.
Noch nicht mal deine Angst.

Diese Töne sagen uns:
Öffne dein Herz für die Menschen, die dir begegnen.
Denn für sie und für dich ist Jesus seinen Weg gegangen.
Fang gleich heute damit an.
Und setze dich an den Tisch und iss und rede mit ihnen.

Die Töne der Hoffnung sagen:
Hör auf die Töne, die du mit Gott fröhlich singen kannst
oder unter Tränen.
Und stelle dich an der Seite derer,
die deinen Mut brauchen:
Hier in Pforzheim und auf dem Mittelmeer.
In den Rathäusern und in den Seenotschiffen.

V.
Wir stehen in der Gnade., sagt Paulus.
Und die Liebe Gottes ist ausgegossen in unseren Herzen.
Das sagt er auch.
Und diese Liebe wird überfließen
und unseren Gesang erfüllen.
Wie bei Maria und Abraham und Jona.
Die Töne der Hoffnung schallen aus diesem Atrium hier heraus.
Und schwingen weiter in die Stadt,
die diese Hoffnung braucht.
Und aufs offene Meer hinaus.
Und nach Berlin und Brüssel und Rom und Wien.
Wer weiß, was die Töne der Hoffnung dort in Gang setzen?

Töne der Hoffnung.
Die Bibel ist voll davon.
Und unser Leben auch.
Unsere Stadt füllen wir mit ihnen.
Hören wir genau hin.
Amen.

(1)
Lesungstext und Grundlage für die Predigt: Römer 5,1-5 (Einheitsübersetzung)
Gerecht gemacht aus Glauben,
haben wir Frieden mit Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn.
Durch ihn haben wir auch den Zugang zu der Gnade erhalten, in der wir stehen,
und rühmen uns unserer Hoffnung auf die Herrlichkeit Gottes.
Mehr noch, wir rühmen uns ebenso unserer Bedrängnis;
denn wir wissen:
Bedrängnis bewirkt Geduld,
Geduld aber Bewährung,
Bewährung Hoffnung.
Die Hoffnung aber lässt nicht zugrunde gehen;
denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen
durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.

(2) Lukas 1,46-55
(3) Genesis 12
(4) Jona 2

Sonntag, 24. Juni 2018

Wilder Honig und wilde Worte - zurück ins Leben

Predigt zu Johannes, dem Täufer 

(Textgrundlage: Matthäus 3,1-12 und 11,1-15 sowie Johannes 3,22-30 (siehe unten))

- mit Dank an Michael Greßler, Michaela Jecht und Bettina Schlauraff für ein paar Formulierungsideen!

I.
Wilder Honig.
Süß ist er.
Und schmeckt nach Wald und Gestrüpp.
Nach Lavendel und Löwenzahn.
Wilder Honig ist nicht einfach da.
Er wird gemacht - von Bienen.
Er ist ihr Futter in der Blumenlosen Zeit.
Im Winter. Oder wenn es trocken ist.

Wilder Honig, geröstete Heuschrecken und kühles Wasser.
Mehr scheinst du nicht zu brauchen, Johannes.
Wilder Mann mit den wilden Worten.
Du brauchst kein festes Dach über den Kopf,
keine Altersversorgung und keinen Arzt.
Noch nicht mal Anerkennung brauchst du.
Es scheint dir egal zu sein, was die Leute von dir denken.
Und das macht dich unheimlich.

II.
War es dir wirklich egal, was die anderen denken, Johannes?
Ich finde das sehr schwer.
Und mache mir zu oft Gedanken darüber,
ob die anderen mich mögen.
Ob man mich versteht.
Oder gut findet, was ich sage oder tu.
Weil ich unsicher bin.
Und dann ist die Gefahr groß,
dass ich es ihnen recht machen will.
Und ihnen nach dem Mund rede.
Oder meinen Mund halte.

Du machst es anders.
Der wilde Mann mit den wilden Worten.
Du sprichst laut und klar.
Und du schonst niemanden.
Noch nicht mal den König.
Du scheust kein Feuer, kein scharfes Wort, keinen Streit.
Denn es geht dir um das, was wirklich zählt.
Klar und eindeutig.
Es geht dir um Gott.

Zimperlich bist du nicht.
Wilde deftige Worte kommen aus deinem Mund.
Otterngezücht, Schlangenbrut, Ehebrecher
und eine Axt, die schon angelegt ist.
Deine Worte sind hart. Vielleicht sogar zu hart.
Nicht süß wie der wilde Honig.
Eher wie die Heuschrecken.

III.
Aber du bleibst ein Suchender, Johannes.
Selbstbewusste Worte und Demut.
Eindeutig und fragend.
Beides ist da.
Du fragst nach Jesus.
Nach dem, der die Liebe lebt.
Du machst dich nicht klein,
aber du weißt, wer größer ist als du.
Denn es geht dir nie um dich, sondern um Gott.
Gott braucht dich, um den Weg zu bahnen.
Und du lässt es zu.

IV.
Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen. (Johannes 3,30)
So sprichst du von dir und Jesus.
Es ist Wendezeit.
Der Punkt, wo eine neue Richtung eingeschlagen wird.
Die Nächte werden wieder länger.
Aber der Sommer kommt.
Spargel und Rhabarber werden nicht mehr geerntet.
Die Pflanzen wachsen nicht mehr in die Höhe,
sondern in die Frucht.
Auf der Mitte zwischen Weihnachten und Weihnachten.
Zwischen Saat und Ernte.
Zwischen Gericht und himmlischem Jerusalem.

Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen.
Wendezeit.
Du lässt die Menschen in den Jordan steigen.
An der Mündung zum Toten Meer.
Dort, wo das Wasser anfängt nach Salz zu schmecken.
Die Fische kehren dort um,
denn im Toten Meer würden sie sterben.
Und du schickst uns zurück ins Leben.
Ihr wisst doch, worauf es ankommt, sagst du.
Lebt den Himmel - schon jetzt.

V.
Wilde Worte statt wilder Honig.
Du gibst uns deine Worte als Nahrung für den Winter.
Für die Wendezeit.
Jetzt, wenn die Nächte wieder länger werden.
Mit ihnen springen wir über das Johannisfeuer in die Nacht.
Sie sind nicht süß, aber sie nähren.
Sie machen uns Mut.
Mut zu klaren Worten.
Eindeutig, scharf.
Wer Ohren hat, der höre…. (Matthäus 11,15)

„Bist du es, der da kommen soll?
Oder sollen wir auf einen anderen warten?“ (Matthäus 11,3)

Das fragst du Jesus.
Mitten aus dem Gefängnis heraus.
Und Jesus antwortet:
„Blinde sehen und Lahme gehen,
Aussätzige werden rein und Taube hören,
Tote stehen auf
und Armen wird das Evangelium gepredigt;
und selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.“ (Matthäus 11, 5-6)


Und ich stelle mir vor,
wie du dich an diese Worte klammerst.
Worte - klar und eindeutig und voller Feuer.
Deine Nächte sind so lang geworden,
dass du gar nicht mehr weißt, was Licht ist.
Aber deine Sehnsucht nach diesem Licht ist genauso groß wie vorher.
Die Glut in dir ist noch nicht verloschen,
auch wenn andere sie austreten wollen.
Du hältst sie wach.
Und hörst, was passiert.
Blinde sehen. Lahme gehen. Taube hören.
Tote stehen auf.

Da wächst, was wachsen soll, auch wenn du abnimmst.

VI.
Deine Sehnsucht nach dem Licht, Johannes, ist meine.
Sie ist wie eine Glut, die in mir ist
und mich manchmal verzweifeln lässt.
Weil so vieles gegen sie spricht.

Ein Ministerpräsident spricht von Asyltourismus
und macht damit Menschen, die vor Krieg, Armut und Terror fliehen, lächerlich.
Zur Zeit irrt ein Rettungsschiff im Mittelmeer umher.
Auf der Suche nach einem europäischen Hafen -
mit 220 geflüchteten Männern und Frauen und Kindern an Bord.
Hier in Deutschland sollen Ankerzentren eingerichtet werden -
ohne Zugang zur Schule oder zur Arbeit.
Aufnahmelager für Flüchtlinge wie einst in Gurs 1939.
Und ein neuer Nationalismus macht sich breit .

Wendezeit?
Auf jeden Fall eine Zeit, wo es auf uns ankommt.
Auf Menschen, die sich nähren und stärken lassen von Worten wie
„Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium gepredigt“

Deine Sehnsucht, Johannes, ist meine.
Ich will den Himmel leben. Jetzt.
Und wenn die Nächte länger werden,
brauche ich Worte, die mir Mut machen.
Und Zeichen, die für diese Sehnsucht sprechen.
Es gibt sie, auch wenn ich sie so leicht übersehe.

Dass es nun einen Rat der Religionen in Pforzheim gibt.
Das ist so ein Zeichen.
Oder dass am letzten Mittwoch auf dem Waisenhausplatz
ein deutsch-russischer Chor mit einem iranischen Flüchtling
gemeinsam auf der Bühne stand.
Und wir feierten gemeinsam Gottesdienst.
Oder dass der landesweite Protest
gegen die Trennung von Familien an der mexikanischen Grenze
etwas bewegen kann, auch wenn es noch nicht genug ist.
Alles das sind Zeichen, die für meine Sehnsucht sprechen.
Sie sind klein.
Aber sie funkeln und strahlen und machen Lust auf mehr.

VII.
Wilder Honig, geröstete Heuschrecken und kühles Wasser.
Mehr scheinst du nicht zu brauchen, Johannes.
Wilder Mann mit den wilden Worten.
Aber so ganz stimmt das nicht.
Du brauchst zwar keine Anerkennung,
aber Worte, die dir Mut machen.
Und Zeichen, die für deine Sehnsucht sprechen.
Da geht es dir wir mir.

Und ich stelle mir vor, wo du heute stehen würdest.
Am Jordan und am Potomac River in Washington
und an der Moskwa.
An der Donau und am Tiber
und an der Enz.
Und du würdest klare und eindeutige Worte finden:
„Seht zu, bringt rechtschaffene Frucht der Buße!“ (Matthäus 3,8)

Und dann zeigst du auf den,
der größer ist als jeder Präsident und jeder Minister.
Auf ihn kommt es an.
Und auf seine Worte.
„Blinde sehen und Lahme gehen,
Aussätzige werden rein und Taube hören,
Tote stehen auf
und Armen wird das Evangelium gepredigt;
und selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.“


Und dann würdet ihr beide zusammen die Kinder aus den Lagern zu ihren Eltern bringen.
Ihr setzt euch zu ihnen und esst mit ihnen
und hört ihre Geschichten an.
Ihr hättet einen Rat für die Väter und Mütter hier in Pforzheim,
die Angst um ihre Kitaplätze haben.
Danach setzt ihr euch an den Kabinettstisch in Berlin
und legt unseren Ministerinnen und Ministern neuen Mut ins Herz.
Und die besorgten Wutbürger nehmt ihr in den Arm
und ihr macht ihr Herz leichter.

VIII.
Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen.
Deine Worte, Johannes.
Wendezeit. Jetzt.
Die Nächte werden länger.
Die Tage nehmen ab, aber der Sommer kommt.
Mit ihm essen wir Johannisbeeren und süßen Honig.
Und auf den Dächern trinken wir kühlen Weißwein.
Wir nähren unsere Sehnsucht nach dem Himmel
und halten das Feuer in uns wach.
Du, Johannes, bist dabei.
Wilder Mann mit wilden Worten.
Und du schickst uns zurück ins Leben.

Amen.




Textgrundlage:

Matthäus 3, 1-12
 

Zu der Zeit kam Johannes der Täufer und predigte in der Wüste von Judäa
und sprach: Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!
Denn dieser ist's, von dem der Prophet Jesaja gesprochen und gesagt hat: »Es ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Bereitet dem Herrn den Weg und macht eben seine Steige!«
Er aber, Johannes, hatte ein Gewand aus Kamelhaaren an und einen ledernen Gürtel um seine Lenden; seine Speise aber waren Heuschrecken und wilder Honig.
Da ging zu ihm hinaus Jerusalem und ganz Judäa und das ganze Land am Jordan
und ließen sich taufen von ihm im Jordan und bekannten ihre Sünden.

Als er nun viele Pharisäer und Sadduzäer sah zu seiner Taufe kommen, sprach er zu ihnen: Ihr Otterngezücht, wer hat euch gewiss gemacht, dass ihr dem künftigen Zorn entrinnen werdet? Seht zu, bringt rechtschaffene Frucht der Buße!
Denkt nur nicht, dass ihr bei euch sagen könntet: Wir haben Abraham zum Vater. Denn ich sage euch: Gott vermag dem Abraham aus diesen Steinen Kinder zu erwecken.
Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt. Darum: Jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.
Ich taufe euch mit Wasser zur Buße; der aber nach mir kommt, ist stärker als ich, und ich bin nicht wert, ihm die Schuhe zu tragen; der wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen. Er hat die Worfschaufel in seiner Hand und wird die Spreu vom Weizen trennen und seinen Weizen in die Scheune sammeln; aber die Spreu wird er verbrennen mit unauslöschlichem Feuer.

Matthäus 11,1-15


Und es begab sich, als Jesus diese Gebote an seine zwölf Jünger beendet hatte, ging er von dort weiter, zu lehren und zu predigen in ihren Städten. Da aber Johannes im Gefängnis von den Werken Christi hörte, sandte er seine Jünger und ließ ihn fragen: Bist du, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten?
Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Geht hin und sagt Johannes wieder, was ihr hört und seht:  Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium gepredigt; und selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.

Als sie fortgingen, fing Jesus an, zu dem Volk über Johannes zu reden: Was zu sehen seid ihr hinausgegangen in die Wüste? Ein Schilfrohr, das vom Wind bewegt wird?
Oder was zu sehen seid ihr hinausgegangen? Einen Menschen in weichen Kleidern? Siehe, die weiche Kleider tragen, sind in den Häusern der Könige.
Oder was zu sehen seid ihr hinausgegangen? Einen Propheten? Ja, ich sage euch: Er ist mehr als ein Prophet. Dieser ist's, von dem geschrieben steht: »Siehe, ich sende meinen Boten vor dir her, der deinen Weg vor dir bereiten soll.«
Wahrlich, ich sage euch: Unter allen, die von einer Frau geboren sind, ist keiner aufgetreten, der größer ist als Johannes der Täufer; der aber der Kleinste ist im Himmelreich, ist größer als er.
Aber von den Tagen Johannes des Täufers bis heute leidet das Himmelreich Gewalt, und die Gewalt tun, reißen es an sich. Denn alle Propheten und das Gesetz haben geweissagt bis hin zu Johannes; und wenn ihr's annehmen wollt: Er ist Elia, der da kommen soll. Wer Ohren hat, der höre!

Johannes 3,22-28.30
 

Danach kam Jesus mit seinen Jüngern in das Land Judäa und blieb dort eine Weile mit ihnen und taufte.
Aber auch Johannes taufte in Änon, nahe bei Salim, denn es war da viel Wasser; und sie kamen und ließen sich taufen.  Johannes war ja noch nicht ins Gefängnis geworfen.
Da erhob sich ein Streit zwischen den Jüngern des Johannes und einem Juden über die Reinigung. Und sie kamen zu Johannes und sprachen zu ihm: Rabbi, der bei dir war jenseits des Jordans, von dem du Zeugnis gegeben hast, siehe, der tauft, und alle kommen zu ihm.
Johannes antwortete und sprach: Ein Mensch kann nichts nehmen, wenn es ihm nicht vom Himmel gegeben ist. Ihr selbst seid meine Zeugen, dass ich gesagt habe: Ich bin nicht der Christus, sondern ich bin vor ihm her gesandt. (…)
Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen.

Sonntag, 25. Februar 2018

Wie konnte ich nur?

Predigt zu Matthäus 26, 36-46
zum Gedenktag der Zerstörung Pforzheims und der Nagelkreuzübergabe an die Partnergemeinde

Text (bereits vorher gelesen):
Da kam Jesus mit ihnen zu einem Garten, der hieß Gethsemane, 
und sprach zu den Jüngern: 
Setzt euch hierher, solange ich dorthin gehe und bete.
Und er nahm mit sich Petrus und die zwei Söhne des Zebedäus 
und fing an zu trauern und zu zagen.
Da sprach Jesus zu ihnen: 
Meine Seele ist betrübt bis an den Tod; 
bleibt hier und wachet mit mir!
Und er ging ein wenig weiter, fiel nieder auf sein Angesicht 
und betete und sprach: 
Mein Vater, ist's möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; 
doch nicht, wie ich will, sondern wie du willst!
Und er kam zu seinen Jüngern und fand sie schlafend 
und sprach zu Petrus: 
Konntet ihr denn nicht eine Stunde mit mir wachen?
Wachet und betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt! 
Der Geist ist willig; aber das Fleisch ist schwach.
Zum zweiten Mal ging er wieder hin, betete und sprach: 
Mein Vater, ist's nicht möglich, 
dass dieser Kelch vorübergehe, ohne dass ich ihn trinke, 
so geschehe dein Wille!
Und er kam und fand sie abermals schlafend, 
und ihre Augen waren voller Schlaf.
Und er ließ sie und ging wieder hin 
und betete zum dritten Mal und redete abermals dieselben Worte.
Dann kam er zu den Jüngern und sprach zu ihnen: 
Ach, wollt ihr weiter schlafen und ruhen? 
Siehe, die Stunde ist da, 
dass der Menschensohn in die Hände der Sünder überantwortet wird.
Steht auf, lasst uns gehen! 
Siehe, er ist da, der mich verrät.

I.
Wie konnte ich nur?

Simon, der Petrus, ist müde.
Der Kopf ist leer. Und doch voller Gedanken.
Und Bilder.
Die vielen Menschen vor ein paar Tagen
bei dem Eingangstor.
Ihre Mäntel, die sie auf den Boden legten,
wie einen Teppich für Jesus.
Die Eselin, die sich nicht aus der Ruhe bringen ließ, in der Menschenmenge.
Augen voller Hoffnung.
Dann der Tempel mit den wunderbaren Mauern und Säulen.
Und die vielen Tiere im Vorhof.
Der wütende Jesus.
Wirft die Tische um. Geldmünzen tanzen auf den Steinen.
Zornige Augen.
Und Blicke, die Warum fragen.

Und eben der dunkle Raum.
Die Kerzen.
Das Brot und das dampfende Fleisch.
Der Wein im Krug und in dem Kelch.
Die Hand von Jesus, die den Kelch segnet, wie zu Beginn das Brot.
Tränen in den Augen der anderen.
Arme, die dich umschließen.
Und alles riecht nach Abschied.

II.
Und nun sind sie hier. In Gethsemane.
Es ist dunkel und ruhig. Und es riecht nach Zeder.
In den Ohren hallen noch die Worte nach.
Du wirst mich verleugnen, sagte Jesus auf dem Weg.
Zu ihm. Ausgerechnet zu ihm.

Simon ist müde.
Bleibt hier und wacht mit mir.
Ja, Jesus, das will ich.
Und doch fallen die Augen zu.
Nur mal kurz.

Wie konnte ich nur?
Denn da steht er, der Freund.
Schaut ihn traurig an.
Konntet ihr denn nicht eine Stunde mit mir wachen?
Simon wird es heiß und kalt zugleich.
Er schämt sich.
Möchte im Boden versinken.
Er sieht doch, wie dreckig es Jesus geht.
Er, der Starke, der Sichere, der Mutige.
Ganz zusammengefallen ist er.
Angst flackert in seinen Augen.
Und unruhig läuft er hin und her.
Und ich schlafe hier einfach ein, denkt Simon.
Dabei braucht er mich doch.
Wie konnte ich nur?

III.
Wie konnte ich nur?

Viele Deutsche haben sich das vor 73 Jahren gefragt.
Wie konnte ich nur diesem Hitler auf den Leim gehen?
Wie konnte ich die Augen davor verschließen,
dass meine jüdische Nachbarin plötzlich nicht mehr da war?
Hätte ich nicht auf die Warnungen von klugen Menschen hören können?
Wieso dachte ich, dass es mich und meine Stadt schon nicht treffen würde?
Wie konnte ich nur?

Ja, sie konnten.
Und ich werde mir diese Frage in 20 Jahren genauso stellen.
Es treibt mich um, dass ich schwach bin und nicht genug tun kann.
Ich weiß, ich müsste wach bleiben. Und beten.
Und doch schaffe ich es nicht.
Mir fallen die Augen zu.

IV.
Auch das brauche ich manchmal.
Manchmal möchte ich einfach nur schlafen
und vergessen, was um mich herum ist.
Einen Trump, der Lehrer mit Waffen ausstatten will.
Das Giftgas in Ost-Ghouta.
Das Plastik im Meer.
Die eingeschlagenen Fensterscheiben in der Huchenfelder Flüchtlingsunterkunft.
Oder die Fackelträger auf dem Wartberg.
Bilder, die nicht aus dem Kopf gehen.
Ich möchte sie wegschlafen.

Manchmal möchte ich einfach nur schlafen
und wenn ich aufwache, ist die Welt anders als jetzt.
Dann haben Mitbürger und Mitbürgerinnen der Stadt politisch was zu sagen,
auch die mit ausländischen Wurzeln
und nicht nur die, die schon immer hier waren.
Und wir wissen, dass die eigentliche Gefahr von denen ausgeht,
die zwischen wertem und unwertem Leben unterscheiden wollen.

Dann haben wir in Pforzheim genügend Kita-Plätze.
Und die Kinder leben nicht mehr in Armut wie jetzt jedes 5. Kind.
Manchmal möchte ich einfach nur schlafen
und danach soll die Welt so sein:
Bunt und fröhlich,
und die Tränen werden gemeinsam geweint.

V.
Aber wenn ich aufwache, dann ist die Welt nicht so.
Simon wacht auf und Jesus steht vor ihm.
Und hat seinen schwersten Weg noch vor sich.
Verraten und verkauft.

Aber er verurteilt nicht.
Sondern spürt dasselbe wie Simon und wie ich.
Schuld und Reue.
Angst und Zweifel,
Erschöpfung und Verrat,
Einsamkeit und dann auch Vertrauen.
Alles das macht müde
Und alles das braucht meine Wachsamkeit und mein Gebet.

VI.
Wie konnte ich nur?
Diese Frage ist die Anfechtung,
in die mich meine Lebensmüdigkeit führt.
Ich muss mich ihr stellen. Ihr ins Gesicht sehen.
Sonst holt sie mich immer wieder ein.
Und darum brauche ich einen, der mich aufweckt.

Wacht und betet.
Gott sei dank gibt es die Menschen, die wachen und beten.

VII.
Probst Howard in Coventry war so einer.
Er wachte in und bei seiner Kathedrale, als die Bomben auf sie fielen.
Und die Engel hielten den Atem an.
Und Howard legte die Zimmermannsnägel übereinander
und machte sie so zum Zeichen der Versöhnung.
Lasst uns auf Rache verzichten, rief er seinen Leuten zu.
Wacht und betet.
Betet füreinander und für die Feinde auch.

Sophie und Hans Scholl und Christoph Probst waren solche.
Selber hellwach versuchten sie alles,
damit das Land nicht in den Abgrund versank.
Ihre Flugblätter sollten aufwecken.
Sie forderten zur Sabotage auf gegen alles,
was den Krieg verlängert.
Und sie schrieben an gegen den Krieg
und gegen den Mord an die Juden.
Ihr Gebet sollte sie bewahren.
Es ist ihnen nicht gelungen.
Aber heute halten sie uns wach - 75 Jahre nach ihrem Tod.
Wacht und betet.

Unsere Nagelkreuzgemeinschaft ist so eine.
Wacht und betet.
Baut Brücken.
Und machte aus Feinden Freunde.
Die Witwe des ermordeten Soldaten John Frost kam an den Ort des Grauens,
nach Huchenfeld.
Weil sie erfuhr, dass für ihren Mann eine Gedenktafel errichtet wird,
konnte sie dem ehemaligen Hitlerjungen vergeben,
als er weinend beim Abendmahl gestand, dass er dabei war und ihren Mann tötete.
Tom Tate, der dem Mord in Huchenfeld entfliehen konnte,
fing an, mit 80 Jahren noch Deutsch zu lernen.
John Wynne, der Pilot der abgeschossenen Maschine,
schickt jedes Jahr zum 23.Februar einen Kranz mit Narzissen.

Und jeden letzten Freitag im Monat
versammeln sich hier vorne Menschen
und nehmen die Welt ins Gebet.
Gemeinsam mit allen,
die weltweit zur Nagelkreuzgemeinschaft gehören.
Wacht und betet.

VIII.
Wacht und betet. Steht auf und lasst uns gehen.
Simon hört es und tut es.
Und wird wieder versagen.
Wird Jesus verleugnen
und wird nicht unter dem Kreuz stehen.
Er wird nicht glauben können,
dass er, sein Freund, von Gott aufgeweckt wurde.
Und er wird sich fragen: wie konnte ich nur?

Die Frage begleitet sein Leben.
Er wird sie nicht los.
Und doch geht er weiter.
Und wacht und betet.
Weil Jesus ihm nicht von der Seite weicht.

Ja, da ist viel Schuld und es bleibt viel Schuld.
Diese Frage: Wie konnte ich nur?
Sie bleibt.
Aber ich kann sie nicht wegschlafen.
Und ich muss es auch nicht.
Denn da ist einer an meiner Seite.
Der trägt die Frage mit mir.
Der kommt aus der Angst
und geht den ganzen Weg, den ich gehe.
Wacht mit mir und betet mit mir und lässt mich nicht los.
Und er weckt mich auf, wenn ich eingeschlafen bin.

IX.
Wacht und betet. Steht auf und lasst uns gehen.
Lasst euch wecken von Jesus und seinen Mitstreitern und Mitstreiterinnen,

Sie fügen Zimmermannsnägel zusammen,
Werfen Flugblätter und machen Feinde zu Freunden.
Sie reparieren die zerschlagenen Fenster in der Unterkunft
Und beten gemeinsam auf dem Marktplatz für den Frieden der Stadt -
Über alle Religionsgrenzen hinweg.

Gut, dass sie da sind.
Sie wachen.
Beten.
Und stehen auf.
Mit ihm.
Und mit euch.

Amen.

Freitag, 23. Februar 2018

Wir wissen nicht, wohin wir fliehen sollen

Beitrag zur Gedenkfeier zum Tag der Bombardierung von Pforzheim 23.2.2018 (Hauptfriedhof)

I.
Wir wissen nicht, wohin wir fliehen sollen!
Als die Bomben fallen, gibt es keinen sicheren Ort mehr.
Kein Keller ist sicher. Kein Haus. Keine Straße. Kein Fluss.
Was bleibt, ist die nackte Angst
Um sich selbst. Um die Lieben. Um die Nachbarn. Um die Stadt.

Wir wissen nicht, wohin wir fliehen sollen!
Und danach bleibt den Überlebenden nur noch das Grauen.
Keine Worte können das fassen.
Keine Tränen können es wegspülen.
Nichts bleibt.

Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab. (Jesaja 63,19)
Reiß den Himmel auf. Komm herab.
Der Himmel wurde aufgerissen - aber herab fallen die Bomben.
Der Tod. Das Grauen, vor dem man nicht fliehen kann.

II.
Es gibt nicht mehr viele Zeitzeugen von damals.
Hören wir ihnen zu. Trauern wir mit ihnen.
Lassen wir sie erzählen.

Lassen wir sie erzählen
von der Hitze in den Kellern und von der Decke, die herabfiel.
Davon, wie die Luft immer enger wurde.
Und wie sie versuchten, sich die Ohren zuzuhalten, aber es half nicht.
Hören wir von ihrer lähmenden Angst
Und von dem Schweigen, das sich ausbreitete.
Von dem Schutt, den sie beiseite räumen mussten,
damit sie aus dem Keller klettern konnten.
Und von denen, die sie nie wiedersehen konnten.
Hören wir ihre Klage gegen einen Himmel, der Bomben regnen ließ
Und von einem Gott, der für die einen ganz weit weg war
und für die anderen tröstlich nahe.
Lassen wir sie erzählen.
Hören wir ihnen zu.

III.
Menschen, die Leid erfahren, müssen gehört werden.
Und gesehen.
Zu viele haben damals weggehört und weggesehen.
Vor dieser Grauennacht von Pforzheim und danach.

Als die jüdischen Mitmenschen ausgeraubt und deportiert wurden.
Als die Kommunisten ins KZ kamen und Christen ins Gefängnis.
Als die Geschwister Scholl hingerichtet wurden.

Aber es gab auch die anderen.
Die haben hingesehen und hingehört und ihren Mund aufgemacht.
Karl Dürr und Adolf Merkel -
Pfarrer, die hier in Pforzheim gegen die deutschen Christen protestierten.
Dietrich Bonhoeffer, der dem Rad in die Speichen gegriffen hat
und in den Widerstand ging.
Bischof Bell, der im britischen Unterhaus laut die Flächenbombardierung von deutschen Städten anprangerte.
Die Weiße Rose, die den Abgrund sah, in den das deutsche Volk geführt wurde.
Sie alle und noch viel mehr haben gesehen und gehört
und das laut und sichtbar gemacht.
Aber zu wenige haben hingehört.

Wir dürfen nicht weghören.
Wir dürfen nicht wegsehen.
Damals nicht und heute nicht.

IV.
Wir wissen nicht, wohin wir fliehen sollen!
Das hören wir aus Ost-Ghouta in Syrien.
"Wo sollen wir hin mit den Kindern?
Der Lärm der Flugzeuge und der Drohnen am Himmel macht uns allen Angst.
Wir gehen nicht mehr raus.
Wir trauen uns nicht mal mehr, die Kinder zu irgendeinem Schutzraum zu bringen.“
Fassungslos hören und sehen wir, was dort geschieht.
Und wir wissen, dass wir nur sehr wenig tun können.
Aber wir können Schutz bieten.
Für die wenigen, die es bis zu uns schaffen.
Wir haben einen Ort, wohin sie fliehen können.
Wo sie sicher sind.
Aber wir lassen noch nicht mal die Familienangehörigen hierher kommen.

Wir wissen nicht, wohin wir fliehen sollen!
Das sagt mir Herr S., der nach Afghanistan abgeschoben werden soll.
Dort ist sein Bruder ermordet worden.
Dort können keine Felder bestellt werden, weil sie vermint sind.
Dort fallen die Bomben auf Schulen und Krankenhäuser und Botschaften.
Wir wissen nicht, wohin wir fliehen sollen!
Aber wir schicken sie dorthin zurück.

V.
Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab!
Wir sind es den Opfern des 23. Februars schuldig:
Dass wir hinhören und hinsehen.
Das, was damals geschehen ist, darf nie wieder passieren.
Nirgendwo auf der Welt.
Und wo es wieder geschieht, dürfen wir unser Herz nicht verschließen.
Um unserer Toten willen.

Wir sind es den Toten des 23. Februars und des Nationalsozialismus schuldig:
Dass wir den Ungeist einer menschenverachtenden Ideologie erkennen.
Dass wir ihr nicht auf den Leim gehen,
wenn sie vom christlichen Abendland spricht, aber eine Kultur der Ausgrenzung meint.
Und wenn sie Angst schürt gegen Andersgläubige und Andersdenkende.
Dieser Ungeist hat die Menschen schon einmal in den Abgrund geführt.
Er hat Hass gesät und Tod geerntet.
Und sie wussten nicht mehr, wohin sie fliehen sollten.

Wir sind es  Toten des 23. Februars und des Nationalsozialismus schuldig:
Dass keine Bomben mehr aus dem aufgerissenen Himmel fallen,
Sondern dass wir im anderen die Schwester und den Bruder erkennen.
Dass wir "den Mantel der Gleichgültigkeit zerreißen" (Weiße Rose).
Lasst uns dafür zu Gott beten.
Und Frieden und Versöhnung in die Stadt tragen.
(Dafür steht auch das Nagelkreuz, dass wir heute weitergeben.)

VI.
Gestern traf ich die 18jährige Lena (Name geändert).
Ihre portugiesische Großmutter durfte ihren italienischen Freund nicht heiraten.
Sie hat es trotzdem gemacht. Die Familie lebt nun hier.
Lena ist hier geboren.
Lena hört hin und sieht hin
und setzt sich dafür ein, dass Menschen gehört und gesehen werden.
Sie zerreißt den Mantel der Gleichgültigkeit.
Und sie will einen Beruf ergreifen,
in dem sie sich für die Rechte von Benachteiligten einsetzen kann.
Solange es junge Menschen wie Lena gibt,
weiß ich, dass wir allen Grund zur Hoffnung haben.

Wir wissen nicht, wohin wir fliehen sollen.
Das soll kein Mensch mehr sagen müssen.
Nicht in Pforzheim, nicht in Ost-Ghouta, nirgendwo.
Darum stehen wir hier.
Dass wir hinsehen und zuhören.
Die Welt braucht uns.
Mehr denn je.

Sonntag, 4. Februar 2018

Ich will das Leben schmecken

Text zum Predigt-Slam in Heidelberg "Maria, ihm schmeckt's" am 3.2.2018

I.
Ich will das Leben schmecken, Maria.
Mit Thymian und Rotwein und gutem Brot.
Ich will die Schneeflocken mit der Zunge fangen
(heute sind welche gefallen!)
Und Ingwertee trinken will ich.
Mag nicht jeder.
Ich aber liebe seine Schärfe,
auch wenn Schärfe kein Geschmack ist, sondern ein Schmerz.
Ja, ich will auch Schmerz schmecken.

Den Schmerz der verlorenen Momente, die ich nicht mehr zurückholen kann.
Den Schmerz, wenn der Sohn in den Flieger steigt und weit weit weg geht.
Und wenn ich mich schäme für Worte, die ich gesagt habe.
Auch der Schmerz der Wut, wenn Menschen abgeschoben werden
- ist gerade wieder passiert.

Ich will diese Schmerzen schmecken, Maria.
Wut wie Chilis, die überall brennen.
Ohnmacht wie versalzene Kartoffeln oder angebrannter Milchreis.
Und Sehnsucht. Wie Schokolade mit Salz-Kristallen.
Widersprüche, die ich kaum aushalte.
Aber was wäre das Leben ohne sie?

II.
Ich will das Leben schmecken, Maria.
Mit dir.

Komm raus aus der Küche.
Wir trinken den besten Capuccino der Stadt im Casa del Caffe.
Wir setzen uns den Pussy-Hat auf
und verweigern das Recht auf Belästigung.
Und wir predigen - predigen, was das Zeug hält.
Du und ich und die anderen Frauen hier.

Lass uns neue Worte erfinden, Maria.
Worte, die nach Thymian und Rotwein und Brot schmecken.
Und nach Schokolade.
Worte, die den Schmerz nachfühlen.
Und raus wollen. Raus müssen.
Ja, und wir lassen uns den Mund nicht verbieten.

Komm, Maria, komm raus aus der Küche.
Lass uns auf die alte Brücke gehen und ins Wasser spucken.
Lass uns Erdbeeren in flüssige Schokolade tauchen.
Lass uns mit Kübra Liebe organisieren
und mit Birgit geistvolle Papierflieger vom Hochhaus werfen.
Mit Nadja gehören wir zu den Sinners and Saints
Mit Antje wehren wir uns gegen jede Vereinnahmung
und schmecken zusammen den Streit.
Scharf wie Ingwer.

Denn da sind ja auch noch die,
die uns nur in der Küche sehen wollen,
Oder auf der Kühlerhaube.
Und mit schwarz-rot-goldenen Machoträumen von Bikinis faseln.
Komm, wir stören ihre Träume.
Und versalzen ihnen die Suppe.

III.
Ich will das Leben schmecken, Maria.
Und mir die Zunge dabei verbrennen, wenn es sein muss.

Ich will das Leben riechen und tasten
und sehen und hören.
Trinken, essen,
tätowieren, lackieren, markieren.
Kneifen, kitzeln und fest zu packen.

Ich will einen riesigen Schluck Leben trinken
und ihn laut schlürfen.
Gott hat mir voll eingeschenkt.
Und dann will ich im Gras liegen.
Im Neckar schwimmen
Im Schnee einen Engel zaubern.
Will mit dem Enkel auf dem Marktplatz tanzen.
Und die Falten der Alten nachzeichnen.

IV.
Ja, ich will das Leben schmecken, Maria.
Mit dir und den anderen Frauen.
Und mit den Männern auch.

Ich will es salzig wie den Schweiß auf der Haut.
Und wie die Tränen.

Das Bittere will ich schmecken, weil das Leben so kostbar ist.
Ich will es nicht einfach nur herunterschlucken.

Des Lebens Säure -
Sie zieht mir alles zusammen.
Bis in die Fingerspitzen will ich sie spüren.

Und ich will die Süße des Lebens:
Den Kuss.
Den zarten Kuss.
Will die Hand, die mich streichelt.
Den Blick, der mich rot werden lässt.
Und meinen Mund trocken macht.

V.
Ich will das Leben schmecken, Maria,
Und schützen.
Vor denen, die es klein machen.
Und ihm die Würde rauben.

Ich will mit dir die Niedrigen erheben
und wir machen das Leben so groß,
dass niemand mehr dran vorbei kommt.
Oder sich sonst daran verschluckt.

Komm, Maria, komm raus aus der Küche.
Und nimm die Löffel mit.
Die mit Honig und Thymian.
Nimm das Brot mit und den Wein.
Und die Schokolade auch.

Wir gehen raus damit.
Auf die Straße.
Wir schmecken das Leben dort, wo es ist.
Und wo die anderen sind. Und Jesus auch.
Und auch die, die es noch nicht schmecken,
das Leben.

Wir organisieren Liebe,
zeichnen die Falten der Alten nach.
Und tanzen mit unseren Enkeln.
Wir fangen Schneeflocken mit der Zunge
Und wir trinken Ingwertee.
Ich liebe seine Schärfe,
(auch wenn sie kein Geschmack ist, sondern ein Schmerz.)

VI.
Ich will das Leben schmecken, Maria.
Jetzt.

Sonntag, 28. Januar 2018

Ellenbogen ablegen

Predigt zu Jeremia 9, 22 -23

So spricht der Herr:
Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit,
ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke,
ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums.
Sondern wer sich rühmen will,
der rühme sich dessen, dass er klug sei
und mich kenne, dass ich der Herr bin,
der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden;
denn solches gefällt mir, spricht der Herr.


I. (1)
Klug. Klüger.
Stark. Stärker. Sein.
Reich. Reicher.
Weise. Weiser sein.

Wie ist das?
Hältst Du Dich für klug?
Oder stark? Reich? Oder Weise?
Vielleicht bist du es.
Mühelos durch die Schule und das Leben gegangen bisher.
Oder bei Sportfesten immer Ehrenurkunden. 
Oder bist Du weise?
Naja, denkst du, vielleicht ein bisschen,
aber das würdest du nicht laut sagen vielleicht.
Aber irgendwie sollen die anderen das doch auch merken.
Auf jedenfall sollen die das Gute sehen.
Nicht das, was dir das Leben schwer macht.

Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit,
ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke,
ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums.

II.
Die Zeitgenossen Jeremias halten sich für stark und weise.
Und für reich genug, um eine Belagerung ihrer Stadt zu überstehen.
Jeremia ist deswegen sauer.
Sie kapieren es immer noch nicht, denkt er.
Sie, die Weisen und Starken und Reichen von Jerusalem.
Gott steht auf unserer Seite, rufen sie.
Wir sind klüger als unsere Gegner.
Besser. Stärker. Du wirst sehen.
Ihr irrt - ruft ihnen Jeremia zu.
Und er packt sich ein Joch um den Hals und läuft damit durch die Straßen.
Seht, ruft er. So sieht es doch schon längst aus.
Ihr haltet euch für was Besseres.
Dabei liegt ihr doch schon längst am Boden.
Und ihr überseht, wo ihr das Recht mit Füßen tretet
Und nur noch das Recht des Stärkeren gilt.
Und darauf seid ihr auch noch stolz.

Aber wer nur noch daran denkt, wie er Profit aus der Not schlagen kann,
wie er am besten da steht und eine gute Figur macht,
wer sich mit Säbelrasseln aufplustert,
der ist nicht weise und stark,
sondern macht sich und den anderen was vor.
Und das könnte nach hinten los gehen…

III.
Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit,
ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke,
ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums.


Heute verkauft man Panzer an Kriegstreiber, und hält sich für klug und stark.
Prahlt mit Nuklearraketen
oder ist stolz auf den großen roten Knopf, auf den man jederzeit drücken könnte.
Aber das ist nicht weise und stark.
Heute weiß man schon bei der ersten Schlagzeile,
wer der Messerstecher ist und dass der gar nicht hierher gehört.
Aber das ist nicht weise und stark.
Heute fühlt man sich stark und unantastbar,
wenn man einen gutbezahlten Job hat,
Eine gute Versicherung.
Und man treibt viel Sport und isst gesund und so.
Und dann kann einem nichts mehr passieren.
Klug. Klüger.
Stark. Stärker. Sein.
Reich. Reicher.
Weise. Weiser sein.

IV.
Aber das ist nicht weise und stark.
Weise und stark ist:
Ich weiß um meine Grenzen.
Weise und stark ist zu wissen:
ich mach Fehler.
Ich kann nicht alles.
Und weiß nicht alles.
Ich enttäusche jemanden.
Oder sage etwas Verletztendes.
Alles das passiert. Dir und mir.

Aber das macht mich nicht weniger wertvoll.
Es macht mich auch nicht weniger weise und stark und reich.

Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit,
ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke,
ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums.


 V.
Uns ist viel zu wichtig, wie wir vor den anderen da stehen.
Sicher, auch ich will, dass man mich wahrnimmt und nicht übersieht.
Anerkennung. Wertschätzung.
Das ist wichtig. Lebenswichtig sogar.
Schon der erste Blick der Mutter oder des Vaters, der sagt:
Du bist wunderschön. Du bist großartig. Ich liebe dich.
Aber für diesen Blick musste ich nichts tun,
Weder besonders stark noch weise sein noch reich.
Einfach ich.

Aber weil der liebende Blick da ist, da war,
Konnte ich wachsen und mich entfalten.
Durfte ich klüger werden und stärker
und besondere Fähigkeiten entdecken.
Vieles habe ich mir erarbeitet. Klar.
Aber die Anlage dazu kommt nicht von mir.
Die ist mir geschenkt. In die Wiege gelegt von Gott.
Es genügt, dass ich das sehe, was mir geschenkt ist. Und Gott.
Und die Menschen, die mich lieb haben, die sehen das auch.
Darum muss ich nicht mehr dazu tun.
Und muss nicht perfekt sein.
Und mich dessen schon gar nicht rühmen.
Als ob ich das alles alleine gemacht hätte.

VI.
Wer sich rühmen will,
der rühme sich dessen, dass er klug sei
und mich kenne, dass ich der Herr bin,
der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden;
denn solches gefällt mir, spricht der Herr.


Es könnte so entlastend sein.
Der Herr, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden,
der weiß, wie ich bin und was ich kann und was ich nicht kann.
Er schaut mich mit liebenden Augen an,
Und vor ihm muss ich nicht so tun als ob.

Matthäus, der Zöllner, von dem wir vorhin hörten, (2)
Der hat vielleicht gedacht,
dass er nur mit viel Geld und Gerissenheit einen Platz an der Sonne bekommt.
Er hat den Ellenbogenkampf der Gesellschaft perfekt beherrscht.
Doch dann kommt Jesus.
Sieht ihn an. Und nimmt ihn mit.
Einfach so. Ohne zu fragen, ob er auch gut genug ist.
Oder klug genug.
Und dieser Jesus sitzt mit ihm am Tisch und isst und trinkt mit ihm,
Und Matthäus gehört einfach dazu.
Muss sich nicht verstellen.
Kann die Ellenbogen ablegen.
Und der sein, wie ihn Gott geschaffen hat.
Ein wertvoller Mensch.
Der seine Begabungen nicht mehr für sein Prestige braucht
oder für seine Stellung.
Sondern sie für die einsetzt, die ihn brauchen.

VII.
Es könnte so entlastend sein.
Wenn wir einfach ehrlich miteinander sind.
Wenn wir uns nichts mehr vormachen.
Und auch Fehler und Schwächen zeigen.
In der Gemeinde können wir das üben.
Und uns zeigen, wie wir sind.
Weil wir so, wie wir sind, geliebt sind
Vom Herrn, der Barmherzigkeit und Recht und Gerechtigkeit übt.

Und auch da "draußen", in der Welt, brauchen wir das nicht mehr,
Das sich-zur-Schau-stellen und das So-als-ob.
In unseren Partnerschaften und in den Familien.
Auf der Straße. Und am Arbeitsplatz. Und im Supermarkt.

Ja, ich wünsche mir eine fehlerfreundliche Welt.
Dass wir zu unseren Schattenseiten stehen, auch in der Geschichte.
Dass wir keine Schlussstrich-Diskussion brauchen,
sondern dazu stehen, was unsere Vorfahren getan haben.
Ich wünsche mir, dass wir unseren Politikern auch zugestehen,
dass sie Fehler machen dürfen.
Barmherzigkeit auch ihnen gegenüber.
Und allen, die Verantwortung tragen.
Aber ich wünsche mir auch, dass sie nicht so tun,
als ob sie keine Fehler machen würden.
Dass sie zugeben, nicht weiser und stärker und besser zu sein als die anderen.

VIII.
Der Herr, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt,
der weiß, wie ich bin und was ich kann und was ich nicht kann.
Er macht mich klug und stark und reich an allem, was ich weitergeben kann.
Säbelrasseln,
Gut da stehen,
Andere in Schubladen stecken,
Besser und klüger und stärker sein als die anderen.
Das alles hab ich nicht nötig. Und du nicht.
Denn da ist einer, der schaut mich an. Und dich.
Mit Liebe und Barmherzigkeit.

(1) Danke, Elisabeth Rabe-Winnen, für die Worte zu diesem Abschnitt
(2) Matthäus 9, 9 - 13

Sonntag, 24. Dezember 2017

Risse heilen und zuhause sein

Predigt zu Heiligabend 2017 
(zu Hesekiel 37,24-28)

I.
Wohnen will ich bei dir.
Spricht der Ewige.
Und er steht vor meiner Tür.
Ich will bei dir einziehen, sagt er.
Ein Dach über den Kopf.
Ein Bett wäre gut. Mit einer Decke und einem Kissen.
Ich weiß, ich hab dich nicht gefragt.
Und ich sehe dir an, dass du noch nicht weißt, was du davon halten sollst.

Du hast noch das Geschirrtuch in der Hand.
Und schaust etwas überrascht.
Dein Blick schweift durch deine Wohnung.
Aufgeräumt hast du auch nicht.
Aber glaube mir. Das macht nichts.

Ja, ich will bei dir wohnen, sagt er. Heute nacht.
Und nicht nur für ein paar Tage.
Dein ganzes Leben lang und mehr.
Und ich weiß, dass bei dir Platz genug ist.
In deinem Herzen.

II.
Wohnen will ich bei dir.
Ich setze mich an deinen Tisch.
Du holst 2 Gläser und schaust mal eben, was du da hast.
Tee oder Wein. Ach, einfach Wasser tut es auch.
Komm, setz dich und erzähl von dir.

Erzähl mir davon, wie du jeden Tag auf das Geräusch vom Schlüssel gewartet hast.
Früh am Abend.
Dann bist du zur Tür gerannt und hast dich in die Arme von deiner Mutter geworfen.
Endlich war sie wieder zuhause. Nach einen langen Arbeitstag.
Müde sah sie aus. Aber auch glücklich dich zu sehen.
Ich war übrigens dabei. Aber ich glaube, du hast das nicht wirklich gemerkt.

Erzähl mir, wie ihr Sonntags in Barmbek zum Bahnhof gerannt seid,
um zum Onkel nach Othmarschen zu fahren - ans andere Ende der Stadt.
Lachend und außer Atem habt ihr euch in Sitze geschmissen.
Dann die Skatkarten rausgeholt und die 45 Minuten Skat gespielt.
Du, dein Bruder und deine Mutter.
Du hast dich darauf gefreut, viel mehr als auf das Essen beim Onkel.
Fast wie ein Zuhause, diese Bummelstrecke quer durch Hamburg
Ich bin immer mitgefahren. Und bin da übrigens auch gerne.

Erzähl mir davon, dass es dir nicht schnell genug gehen konnte,
von Zuhause wegzuziehen.
Und du hast dich so geschämt deswegen.
Denn es ist doch dein Zuhause gewesen.
Aber irgendwann war es an der Zeit, dass du gehen musstest.
Trotzdem bleibt da dieses „Ich habe etwas verloren-Gefühl“.
Ein haarfeiner Riss in der Seele.

Erzähle mir davon, dass du keine Lust hattest,
wieder in das alte Zuhause in Barmbek zu fahren.
Selbst an Weihnachten nicht.
Es war dir zu eng geworden.
Und in die alte Rolle wolltest du auch nicht mehr schlüpfen.
Und doch:
der Geruch in der Küche, der nach Zimt und Rotkohl und Kaffee,
der machte auch dein Herz wieder warm.

Und ja, erzähle mir davon,
wie du 8 Stunden mit dem Zug durch die Bundesrepublik gefahren bist,
um dich von deiner Mutter zu verabschieden.
Vom Bodensee nach Hamburg.
Die längsten 8 Stunden deines Lebens.
Du wusstest nicht, ob sie noch so lange warten konnte.
Und dann warst du bei ihr. Bruder und Schwester auch.
Und ich war auch da.
Und sie atmete noch
und war doch schon längst auf dem Weg in ein ganz anderes Zuhause.
Ja, sie durfte gehen.
Aber doch ist da was verloren für dich.
Ein Zuhause weniger.
Ein Riss in der Seele mehr.

III.
(Hesekiel 37, 24 - 28:
Mein Knecht David soll ihr König sein
und der einzige Hirte für sie alle.
Und sie sollen wandeln in meinen Rechten
und meine Gebote halten und danach tun.
Und sie sollen wieder in dem Lande wohnen,
das ich meinem Knecht Jakob gegeben habe,
in dem eure Väter gewohnt haben.
Sie und ihre Kinder und Kindeskinder sollen darin wohnen für immer,
und mein Knecht David soll für immer ihr Fürst sein.
Und ich will mit ihnen einen Bund des Friedens schließen,
der soll ein ewiger Bund mit ihnen sein.
Und ich will sie erhalten und mehren,
und mein Heiligtum soll unter ihnen sein für immer.
Meine Wohnung soll unter ihnen sein,
und ich will ihr Gott sein,
und sie sollen mein Volk sein,
damit auch die Völker erfahren,
dass ich der Herr bin, der Israel heilig macht,
wenn mein Heiligtum für immer unter ihnen sein wird.


IV.
Wohnen will ich bei dir,
du mit deinen Rissen in der Seele und der Wärme im Herzen.
Ich komme zu dir und bin einfach da, sagt er.
Da, wo du lebst und liebst, weinst und lachst.
Du bist mein Zuhause. Ein anderes will ich nicht.
Und ich zeichne die Risse in deiner Seele nach und füge sie zusammen.
Sie werden immer sichtbar sein. Sie gehören ja zu dir.
Aber sie tun nur noch manchmal weh.

V.
Meine Wohnung bist du.
Ich wohne dort, wo es Risse gibt und Kratzer.
Und auch wo ein Mensch nicht weiter weiß.
Ich wohne in einem Stall mit lauter Tieren.
Dort komme ich zur Welt.
Bei einer jungen Frau und einem Mann, die im Niemandsland gelandet sind.
Und die flüchten müssen in ein anderes Niemandsland.
Und da sind noch andere dabei, die nichts zu sagen haben.
Die machen einfach nur ihre Arbeit auf dem Feld.
Und die Risse in ihrer Seele haben sie mitgebracht.
Ja, und hier im Stall mit dem Paar und dem Kind und den Tieren,
da spüren sie:
Sie sind mir so wichtig und so lieb, dass ich hier bin und hier wohne.
In diesem Stückchen Leben bin ich.
Im Atem der Tiere, die das Kind wärmen.
Und in der Liebe, die dieses Kind geschaffen hat.

VI.
Wohnen will ich bei dir.
Und dir erzählen von den anderen, wo ich auch wohne.
Von deiner Freundin, die sich von ihrem Mann getrennt hat, weil es nicht mehr ging.
Die Risse in ihrer Seele sind sehr groß.
Von Shawkat, der seine Familie nun kommen lassen kann,
aber dringend eine Wohnung sucht, damit sie auch alle Platz haben.
Und von den verzweifelten Flüchtlingen,
die in Libyen festsitzen und wie Sklaven gehalten werden.
Und wie sie Wärme deines Herzens brauchen.

VII.
Es sind zu viele Risse in der Welt.
Sie gehören geheilt.
Und danach sehnst du dich.
Nach Frieden und Geheilt sein.
Danach, dass alle ein Zuhause haben.
Und dass niemand heimatlos ist, auch nicht im Herzen.
Dieses Kind im Stall macht einen Anfang.
Es bringt die zusammen, die zerrissen sind:
Die Hirten und die Knechte und die Könige. Die Frau und den Mann.
Die Heimatlosen und die Angekommenen.
Ja, in diesem Anfang ist alles da.
Der Frieden, das Heilsein, alles das ist ganz klein da und ganz schwach.
Aber es ist da. Und es geht nicht wieder weg.
Es bleibt. Selbst der Tod kann es nicht vertreiben.

VIII.
Mein Kind.
Ich sitze an deinem Tisch, du hast das Geschirrtuch immer noch in der Hand.
Die Risse in deiner Seele - die betrachten wir beide liebevoll.
Wir zünden für sie eine Kerze an.
Sie feiern mit uns.
Das Heilwerden.
Das Wohnen in der Welt.
Wir sind beide daheim. Gott und Kind Gottes.
In dir sind wir zuhause.
Wir horchen auf den Schlüssel im Schloss,
wir spielen Skat in der Bummelbahn,
wir trauern zusammen.
Und wir wissen, dass das Zuhause da ist, wo die Risse wieder geheilt werden.
Auch heute abend.
Amen.

Mittwoch, 29. November 2017

Kirche muss unterbrechen

Rede im Haus der Begegnung, Ulm (27.11.2017)


(auf Einladung der Verantwortlichen für dieses Haus habe ich diesen Vortrag gehalten im Rahmen eines Symposions, das die Überlegungen zum Umbau des Hauses begleiten soll. Für mich war das ein willkommener Anlass über die Aufgabe des Unterbrechens nachzudenken. Ich bin damit noch lange nicht fertig...)

1.
Unterbrechen - das ist die Aufgabe der Kirche.
Unterbrechen.
Mehr nicht?
Ich finde das schon sehr viel.
Wenn wir es ernstnehmen. Und damit ernst machen.

Unterbrechen als Aufgabe der Kirche -
auf diese Idee hat mich mein Landesbischof gebracht.
Mit einer Bibelarbeit zu einer Szene, von der nicht ganz klar ist,
ob sie ursprünglich zum Johannesevangelium gehörte oder nicht,
die dennoch aber nicht mehr wegzudenken ist.
Es geht um Jesus und die Ehebrecherin.

Sie befindet sich im 8.Kapitel:
Jesus befindet sich im Tempel und lehrt.
Aufgebracht bringt eine Gruppe von Schriftgelehrten und Pharisäern eine Frau mit,
ich vermute mal, dass sie nicht freiwillig mitgekommen ist.
Sie bauen sich vor Jesus auf und sagen:
diese Frau hat Ehebruch begangen.
Nach dem Gesetz muss sie gesteinigt werden. Was sagst du?

Jesus bückt sich und schreibt mit dem Finger auf die Erde.
Die zornigen Männer reden weiter auf ihn ein.
Er richtet sich auf und spricht dann den berühmten Satz:
Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie. 

Dann bückt er sich wieder, schreibt weiter auf die Erde.
Die aufgebrachte Menge geht weg.
Zurück bleiben Jesus und die Frau.
Er richtet sich wieder auf,
fragt, wo die anderen sind und ob einer sie verdammt habe.
Sie verneint.
Und Jesus sagt: dann verdamme ich dich auch nicht.
Geh und sündige nicht mehr.

2.
Jesus unterbricht.
Mitten in der sehr aufgeheizten Stimmung
bückt er sich nieder und schreibt und schweigt.
Eigentlich kann Jesus gar keine richtige Antwort geben.
Er kann nur falsch antworten.
Sagt er: nein, die Frau soll nicht gesteinigt werden,
stellt er sich auf die Seite von Gesetzesbrechern.
Sagt er: ja, sie soll gesteinigt werden,
widerspricht er allem, was er bis dahin gepredigt und gelebt hat.
Jesus sitzt zwischen allen Stühlen.

Und unterbricht.
Er geht nicht einfach weg, taucht nicht einfach ab.
Aber er gibt die Mitte frei, indem er sich bückt.
Dadurch sehen sich die Aufgebrachten auf einmal in die Augen.
Und eine Pause entsteht.
Eine Pause zum Nachdenken.
Durchdenken. Atmen. Und weiterdenken.

Tun die Aufgebrachten das? Nachdenken?
Vielleicht noch nicht sofort.
Vermutlich sind sie erstmal nur perplex. Und überrascht.
Doch Jesus nutzt die entstandene Pause für einen einzigen Satz.
Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.

Er spielt den Ball zurück.
Die Umstehenden sollen sich nicht nur gegenseitig sehen,
sondern auch auf sich selbst.
Die berühmten 3 Finger, die zurückweisen,
wenn ich mit dem Finger auf andere zeige.
Jesus nötigt die Aufgebrachten zum Wechsel der Perspektive.
Ihr seid aufgebracht.
Ihr seht nur noch schwarz oder weiß
und merkt zugleich, dass das der Wirklichkeit nicht gerecht wird.
Nun sucht ihr eine einfache Antwort.
Schaut einmal mit anderen Augen auf die Sache.
Und dann merkt ihr: es gibt keine einfache Antwort.

Und dann unterbricht Jesus nochmal.
Bückt sich wieder herunter und schreibt und schweigt weiter.
Die Mitte ist wieder frei.
Raum zum Nachdenken und Weiterdenken.

Doch diesmal kommt Bewegung in die Sache.
Die aufgebrachten Männer merken,
dass sie gefangen waren im Schwarz-oder-Weiß,
im Richtig-oder-Falsch -
und Hauptsache, wir machen alles richtig
und lassen uns nichts zu schulden kommen.
In diesem ganzen waren sie so gefangen,
dass sie das Mensch sein vergessen hatten.
Auch ihr eigenes Mensch sein.
Das ist nämlich genauso wenig sündenfrei wie das der Ehebrecherin.

Ja, Jesus hat Raum geschaffen durch seine Unterbrechung.
Und es kam Bewegung in die Sache.
Heilsame Bewegung.
Denn auch die Ehebrecherin kann einen neuen Weg gehen.

3.
Unterbrechung - die brauchen wir.
Nötiger denn je.

Arbeiten, Termine, Besprechungen.
Nachrichten rund um die Uhr und aus allen Ecken der Welt.
Terroranschläge. Vulkanausbrüche. Überschwemmungen.
Dax-Kurs. Aktien. Flüchtlinge im Mittelmeer. Scheiternde Koalitionsverhandlngen.
An Sonntagen besondere Verkaufsaktionen. Black Friday auch in Deutschland.
Mails und WhatsApp und ein dringender Gesprächstermin.

Perfekt wollen wir sein. Keine Fehler machen.
Und wir als Kirche machen da mit.
Ich auch.
Die Verwaltung meines Kirchenbezirks ist hoffnungslos überlastet.
Die Pfarrer und Pfarrerinnen
und Gemeindediakone und -diakoninnen
wissen nicht mehr, wie sie ihre Arbeit bewältigen sollen.
Und wir spiegeln damit nur wieder,
wie es den meisten Menschen in Deutschland geht.
Ich kenne eigentlich kaum jemanden,
der - wenn er eine Arbeit hat - nicht mehr hinterher kommt.
Die einzigen Unterbrechungen, die wir uns erlauben, sind Urlaub
oder Krankheit.

Wir brauchen die Unterbrechung.

Populismus ist das Schüren von Ängsten.
Ein Horrorszenario wird ans andere gereiht.
So bleibt die Luft weg.
Und man meint, einfachen Parolen hinterherrennen zu können.
Fake-News nähren die Angst.
Die Like-Klicks und Clickbaits feuern noch zusätzlich an.
Das Karussell des Populismus dreht sich immer schneller.
Und die, die nicht mitmachen, stehen hilflos vor diesem Karussell
und wissen nicht, wie sie es stoppen können.

Wer weiß es schon wirklich?
Auslachen? Ein Mahnmal im Nachbargarten eines Höcke aufbauen?
Mit Rechten reden? Ignorieren? Ernstnehmen?
Alles das kursiert in den Köpfen derer,
die dem Populismus, besonders dem Rechtspopulismus nicht auf den Leim gehen.
Sie möchten dem Rad in die Speichen greifen (Bonhoeffer),
das Karussell anhalten.
Aber es macht auch sie schwindlig.

Wir brauchen die Unterbrechung.

Pforzheim, wo ich lebe, hat ein enormes Haushaltsdefizit.
Die Gemeinderäte wissen nicht, wie sie es bewältigen können.
Es gibt einen neuen Oberbürgermeister.
Gewählt von vielen, die Pforzheim vor allem als bürgerliche Stadt sehen.
Und so sind die ersten Maßnahmen für Ordnung und Sicherheit da
und für 30 Minuten freies Parken in der Innenstadt.
Dafür wurde er gewählt.
Aber was ist mit den Kindern, die unter Armut leiden?
Über 20% sollen es in Pforzheim sein.
Ja, und der Gedenktag für die Zerstörung der Stadt am Ende des 2.Weltkriegs
soll wieder still werden.
Kein Protest gegen die Instrumentalisierung,
die durch Rechtsextreme auf dem Wartberg stattfindet,
soll die Ruhe  stören.

Wir brauchen die Unterbrechung.
Nötiger denn je.

.... (Jazz-Musik)

4.
Wir brauchen die Unterbrechung.
Den Raum zum Nachdenken und Weiterdenken.
Den Blickwechsel zwischen denen auf der anderen Seite und mir.
Wir brauchen einen Freiraum,
der entsteht, weil einer in den Sand schreibt.
Der uns eine Pause verschafft
und uns irritiert
und fragend stehen lässt.
Ja, stehen und mal nicht rennen.
Oder meinetwegen auch mal aufs Sofa setzen.
Auf jeden Fall Halt machen.
Stopp. Still sein. Nachdenken.
Steine weglegen.
Neue Wege denken. Neues schmecken. Neues malen.
Neues schreiben.
Oder sogar das Neue unterbrechen.

Gott ist die Unterbrechung.
Er unterbricht die Woche am 7.Tag
und hält das Meer auf, damit es die Israeliten in Ruhe lässt.
Er zieht dem Mose die Schuhe aus
und hält ihn eine halbe Ewigkeit auf dem Sinai fest,
damit er die 10 Gebote in Stein hauen kann.

Gott begegnet dem Elia als sanftes Säuseln
und durchbricht damit den Lärm.

Gott kommt als ein Kind in den Stall
und unterbricht die Nacht.

Ein junges lediges schwangeres Mädchen singt von der großen Unterbrechung des Lebens.
Und ihr Sohn wird die Barmherzigen und Traurigen und Sanftmütigen selig preisen -
ausgerechnet die.
Ja, ein leidender, mitleidender Gott...
Er -
Tritt an die Seite der Gebrochenen.
Und lässt seine Liebe gewinnen.

Gott ist die Unterbrechung.
Er unterbricht alles, was Menschen bricht,
und schafft neue Räume und Dimensionen und Wege.

5.
Ich will, dass wir uns davon inspirieren lassen.
Dass wir es wie Jesus machen und -

- unterbrechen.

Was könnte dann geschehen?
Wenn wir uns und andere unterbrechen und uns unterbrechen lassen?
Das sind keine rhetorischen Fragen, auf die ich schon längst eine Antwort habe.
Diese Fragen unterbrechen mich selber in meinen Selbstverständlichkeiten
und ich würde gerne darüber mit Ihnen nachdenken.
Und nicht sofort daran denken müssen,
ob das vernünftig, effektiv, zukunftsweisend oder theologisch richtig ist.
Und ob es gut für Ihre Überlegungen für das Haus der Begegnung ist.

6.
Denken wir doch gemeinsam darüber nach:
Was könnte geschehen, wenn wir unterbrechen?
Und uns unterbrechen lassen?
Wenn wir also tun, was Jesus tut.

Vielleicht wären wir dann nicht mehr so perfekt, aber menschlicher.
Wir würden auch unseren Schwächen und Fehlern ihren Raum geben,
weil sie zu uns gehören und uns so unverwechselbar machen.
Und wir würden endlich Gottes Gnade ernstnehmen.

Vielleicht würden wir uns mehr und ernsthafter mit Modellen beschäftigen,
die die Arbeit menschenfreundlicher gestalten
und in denen niemand sich verbiegen muss, um anderen zu gefallen.
Und wir könnten diese Modelle ausprobieren - gerade in der Kirche.
Und davon dürfen auch einige scheitern.

Oder wir würden einfach nur nichts tun.
Einen Raum mit Sand befüllen, uns hinhocken und in diesen Sand schreiben.
Worte, die mit einer Handbewegung weggewischt werden
und dennoch wichtig sind.

....

Was könnte geschehen, wenn wir unterbrechen?

Vielleicht würden wir Räume schaffen für die Opfer von Populismus und Gewalt.
Die Fremden, die Aufrechten, die Widerständigen, die Andersgläubigen.
Für sie.
Wir würden sie beherbergen, ihnen zuhören
und sie ins Zentrum rücken und nicht die Täter.

Und wir würden eine sehr bunte Gegenwelt erdenken -
eine Gegenwelt zu den ganzen Horrorszenarien,
säkulare Zukunftsforscher einladen
und darüber nachdenken,
wie wir diese Gegenwelt Wirklichkeit werden lassen.
In dieser Welt wäre Platz für all die Sinners and Saints (Nadia Bolz-Weber),
die wir sonst so leicht ausschließen und mit Steinen bewerfen.

....

Was könnte geschehen, wenn wir unterbrechen?

Vielleicht würden wir aufhören, uns in unserer bürgerlichen Nische wohlzufühlen.
Vielleicht wären Sicherheit und Ordnung nicht mehr so wichtig,
aber stattdessen Kreativität und Phantasie und durchaus auch mal etwas Chaos.
Die Steine aus der Hand legen.
Und dafür bunte Papierflieger in die Hand nehmen oder Graffitispraydosen.
Mal Rapper und Punker zu Wort kommen lassen, auch hier.
Und statt eines entweder-oder ein Und proklamieren -
und wenigstens in unseren kirchlichen Räumen das auch leben.

Kann sein, dass wir dann noch lauter und unbequemer werden
für die, die sich nicht stören lassen wollen.
Und wir nennen das, was unrecht ist und den Frieden kaputt macht, beim Namen.
Wahrscheinlich würden wir damit auch einige verärgern, bestimmt sogar viele.
Aber vielleicht muss das dann so sein?
Vielleicht?

....

7.
Vielleicht ist das alles auch gar nicht so neu.
Nein, ist es nicht.
Mir fallen viele heilsame Unterbrechungen ein, die es schon gibt:
die Atelierkirchen zum Beispiel.
Oder das House of One in Berlin
oder in Pforzheim das Sonntagscafé mit Flüchtlingen und Studierenden,
die jetzt anfangen, zusammen Musik zu machen.

Das ist nicht alles neu.
Aber bisher sind es nur (nur?) Nischen der Unterbrechung.
Wichtig, ermutigend, inspirierend.
Wie können wir diese Nischen öffnen?
Oder muss vielleicht noch nicht mal das sein?

Jede Unterbrechung ordnet die Wirklichkeit neu.
Wenn der Raum zum Nachdenken und Weiterdenken größer wird
und den Blick freigibt auf die anderen und auf mich.
Und das möchte ich ermöglichen -
und ich möchte, dass meine Kirche das ermöglicht.
Ich möchte, dass meine Kirche unterbricht.
Mich. Die Aufgebrachten. Die Bequemen. Die Ängstlichen.
Und ganz besonders die, die glauben, die Wahrheit gepachtet zu haben
und damit andere klein machen.
Ja, auch die soll meine Kirche unterbrechen.

8.
Ich will, dass wir unterbrechen.
Ordnen wir die Wirklichkeit neu.
Unterbrechen wir, wo es nur noch schwarz oder weiß gibt.
Ja oder nein. Oder gut und böse.

Unterbrechen wir,
wo unterschieden wird zwischen „die gehören dazu“ und „die nicht“.
Greifen wir dem Rad in die Speichen, wo Menschen ausgeschlossen werden.

Fragen wir, wo die Antworten allzu schnell kommen
und keine Rücksicht auf Minderheiten nehmen.
Fragen wir - denn auch das ist Unterbrechung.

Unterbrechen wir, indem wir auch mal unhöflich sind
und bei allzu geschliffenen Sätzen lachen.
Sagen wir laut, dass der Kaiser nackt ist und keine Kleider anhat,
auch wenn er es behauptet.

Und unterbrechen wir die Spirale des „Das ist nun mal so“
oder des „Das geht nicht anders“.
Es geht fast immer anders.
(und dieses Anders darf auch Spaß machen)

Wir brauchen die Unterbrechung.
Wir brauchen den freien Raum.
Und wir brauchen einen, der sich bückt
und in den Sand schreibt.
Der unseren Blick auf die Welt verändert,
uns mit in die Welt nimmt
und die Steine aus der Hand.

Und darum unterbreche ich nun zum letzten Mal meine Rede.
Sie hat genug Worte und ist noch lange nicht zu Ende.

Aber denken wir doch nun gemeinsam darüber nach:
Was könnte geschehen, wenn wir es wie Jesus machen:
Wir unterbrechen und wir lassen uns unterbrechen. Was dann?




Sonntag, 19. November 2017

Ausbrechen aus dem "Ich kann nicht anders"

Von einem mutigen Mädchen, einem ehrlichen Wissenschaftler und einem klugen Verwalter
Predigt zu Lukas 16,1-8 - gehalten am 19.11.2017 in Mühlhausen

Es war ein reicher Mann, der hatte einen Verwalter;
der wurde bei ihm beschuldigt, er verschleudere ihm seinen Besitz.
Und er ließ ihn rufen und sprach zu ihm:
Was höre ich da von dir?
Gib Rechenschaft über deine Verwaltung;
denn du kannst hinfort nicht Verwalter sein.
Da sprach der Verwalter bei sich selbst:
Was soll ich tun?
Mein Herr nimmt mir das Amt;
graben kann ich nicht,
auch schäme ich mich zu betteln.
Ich weiß, was ich tun will,
damit sie mich in ihre Häuser aufnehmen,
wenn ich von dem Amt abgesetzt werde.
Und er rief zu sich die Schuldner seines Herrn, einen jeden für sich,
und sprach zu dem ersten: 

Wie viel bist du meinem Herrn schuldig?
Der sprach: Hundert Fass Öl.
Und er sprach zu ihm:
Nimm deinen Schuldschein, setz dich hin und schreib flugs fünfzig.
Danach sprach er zu dem zweiten:
Du aber, wie viel bist du schuldig?
Der sprach: Hundert Sack Weizen.
Er sprach zu ihm: Nimm deinen Schuldschein und schreib achtzig.
Und der Herr lobte den ungerechten Verwalter, 

weil er klug gehandelt hatte.
Denn die Kinder dieser Welt sind unter ihresgleichen klüger 

als die Kinder des Lichts.

I.
Ich hatte keine Wahl. Ich konnte nicht anders.
Der dumme Spruch in der Whatsapp-Gruppe war schnell geschrieben.
Diese fette Kuh, wer will die schon anfassen? Eklig.
Nadja hatte sofort ein schlechtes Gewissen.
Aber wenn ich nicht mitmache, bin ich draußen.
Und bevor es noch mich erwischt?
Am nächsten Tag konnte sie ihrer Tischnachbarin nicht in die Augen sehen.

Ich hatte keine Wahl. Ich konnte nicht anders.
Der junge Soldat bekam die Waffe in die Hand gedrückt und schoss.
Alte. Kinder. Frauen. Männer. Juden und Jüdinnen im tiefen Osten Europas.
Und in der Nacht dann die Albträume. Das Gewissen plagte.
Aber bloß nicht darüber reden.
Am nächsten Tag ging es weiter.
Schnell noch einen Brief an die Familie zuhause schreiben.
Er vermisste seine kleine Tochter sehr.

II.
Ich hatte keine Wahl. Ich konnte nicht anders.
Eine 15jährige Dresdnerin sah das nicht so.
Emilia heißt sie. Kind dieser Welt.
Ich KANN anders. Und HABE die Wahl.
Emilia ertrug es nicht mehr, dass ihre Klassenkameraden antisemitische Sprüche klopften.
Über den Tod von Millionen ermordeten Juden machten die sich lustig.
Hört auf, schrieb sie in der Whatsapp-Gruppe.
Aber keiner hörte auf. Und die Lehrer schritten nicht ein.
Also nutzte sie ihre gesetzlichen Möglichkeiten.
Sie zeigte ihre Mitschüler an.
Ich KANN anders. Es ist noch nicht zu spät.
Ich will mir noch in die Augen schauen können.

Doch sie zahlt ihren Preis. Der Shitstorm ist unbeschreiblich.
Denunziantin! Petze! Das sind noch die harmlosesten Beschimpfungen.
Und ich bin sicher, dass sie auch in der Klasse nun einen schlechten Stand hat.
War es das wert?
Haben sich ihr dennoch Häuser geöffnet? Und Herzen?

III.
Du HAST eine Wahl. Du KANNST anders.
Und es gibt kein Zuspät.
Jedenfalls nicht bei Jesus.

Jesus sitzt im im Haus eines Pharisäers.
Seine Freunde und Freundinnen sind bei ihm.
Vom Verlorenen erzählt er,
von einem entlaufenen Schaf;
von einem Sohn, den es in die Ferne zog;
von ein paar Groschen, die eine Witwe verlegt hatte.
Ja, sie sind Kinder dieser Welt, machen Fehler und bauen Mist.
Aber sie machen auch viel gut. Und das ist viel wichtiger.

Und dann erzählt er von einem Verwalter, auch einem Kind dieser Welt.
Auch er hat Mist gebaut und wird deswegen von seinem Chef einbestellt.
Alles ist vorbei. Denkt er.
Das weiß ich genau.
Was mach’ ich denn jetzt?

IV.
Normalerweise würde ein Mann in seiner Lage die Fehler noch schnell ausmerzen.
Bilanzen fälschen. Aus dem Minus ein Plus machen.
Oder die Schuld auf andere schieben.
Auf die Schuldner, die ihn angeblich übers Ohr gehauen hätten.
Oder die Untergebenen, die falsch rechneten.
Oder die Regierung, die mit ihren hohen Steuern zum Betrug zwingt.
Ja, normal ist es, am Ende doch selbst noch gut da zu stehen.
Ich konnte nicht anders.
Die anderen sind schuld.
Ich bin nur mitgelaufen.
Diese Sätze kenne ich von mir nur zu gut.
Auch aus der Geschichte.

V.
Gott sei Dank hält sich Jesus nicht daran, was normal ist.
Du kannst nicht anders, gibt es nicht bei ihm.
Doch, du kannst. Und du darfst.
Das Verlorene musst du nicht verloren geben.
Du bist nicht festgelegt auf deine Vergangenheit.
Und auf das, was die anderen von dir erwarten, auch nicht.
Du kannst ausbrechen.
Und wenn es erst im letzten Moment ist.
Oder im vorletzten.

VI.
Soll ich weitermachen, fragte Rainer Moormann seine Frau.
Vor 10 Jahren war das,
da wies Moormann schon ein Jahr lang auf ein schwerwiegendes Sicherheitsproblem im Forschungszentrum Jülich hin.
Die Kugelhaufenreaktoren sind nicht sicher genug:
Ein Leck im Reaktor würde ausreichen,
damit der radioaktive Staub im Innenraum des Reaktors austritt.
Moormanns Kollegen und Vorgesetzte hielten seine Warnungen für Quatsch.
Doch er stocherte weiter und erneuerte seine Vorwürfe
Dafür zahlte er einen hohen Preis:
Kollegen bezeichneten Moormann als verrückt,
seine Arbeitsgruppe wurde aufgelöst,
im Büro saß er plötzlich allein.
Der promovierte Chemiker wurde von einer Stelle auf die andere geschoben.
Als sein Arbeitgeber ihn schließlich fallen ließ,
informierte er die Öffentlichkeit.

Drei Jahre später gab das Forschungszentrum Jülich schließlich bekannt,
die Forschung an den Kugelhaufenreaktoren einzustellen.
Zu dem Zeitpunkt arbeitete Moormann schon nicht mehr in Jülich,
Er war im vorgezogenen Ruhestand.
Durch den vorzeitigen Ruhestand habe er einige Hundert Euro weniger an Rente.
"Aber das ist der Preis, den ich dafür zahlen muss", sagt Moormann.
Er kann sich wieder in die Augen schauen.

VII.
Du KANNST noch anders. Du hast die Wahl.
Du kannst deiner Tischnachbarin sagen, dass es dir Leid tut,
was du geschrieben hast.
Und in der Whatsappgruppe,
dass es nicht in Ordnung ist, sowas zu schreiben.
Es kostet Überwindung.
Ja. Und wie.
Vielleicht zahlst du auch den Preis wie Emilia.
Aber du kannst dir wieder in die Augen schauen,
wenn du in den Spiegel blickst.
Und deiner Nachbarin auch.

Und es GAB die Soldaten im 2.Weltkrieg,
die nicht auf Zivilisten geschossen haben.
Ja, es gab sie.
Es gab die Befehlsverweigerer, die nicht alles mitgemacht haben.
Sie haben alles riskiert und wurden beschimpft.
Oder degradiert. Oder schlimmer.
Und wenn heute immer noch behauptet wird,
dass man ja nicht anders konnte,
dann schlägt man gerade diesen Soldaten, die anders konnten,
nochmal mitten ins Gesicht.

VIII.
Du KANNST auch anders. Du hast die Wahl.
Du, Kind des Lichts. Lerne von den Kindern der Welt.
Lerne vom klugen Verwalter.
Denn der macht im entscheidenden Moment nicht das,
was man so normalerweise macht.
Er tilgt nicht die eigenen Schuldscheine, sondern die der anderen.
Er nutzt seine Möglichkeiten, um den Spieß umzudrehen.
Er zahlt den Preis und trägt die Konsequenzen
Seine Weste ist auf einmal nicht weiß geworden.
Die Schmutzspuren sind noch da.
Aber er ist ausgebrochen aus der Logik des „Ich kann nicht anders“.
Er hält sich nicht an das „Normalerweise“.
Das eine Schaf wird gesucht.
Der verlorene Sohn wird mit offenen Armen empfangen.
Und der skrupellose Verwalter halbiert die Schulden der anderen.

IX.
Du KANNST anders. Du Kind des Lichts.
Denn Jesus ist anders.
Er sucht das Verlorene.
Jesus wirft die Schuldscheine sogar weg.
Und wird dafür dann beschuldigt:
Das ist viel zu freigiebig und viel zu „für alle“!*

Ja, Jesus ist anders.
Kommt aus dem Licht und stellt alles auf den Kopf.
Und plötzlich stehst du vor ihm.
Er nimmt dich in den Arm, auch wenn du nach Schweinemist und Schweiß stinkst.
Und er öffnet die Tür für dich zur Hütte bei Gott.*
Du setzt dich mit ihm an den Tisch.
Emilia und die Soldaten, die nicht geschossen haben, sitzen auch schon da.
Die Kinder dieser Welt.

Und die, die nicht anders konnten
Oder meinten, nicht anders zu können,
die holt ihr dann noch an den Tisch.
Du willst vielleicht nicht, dass sie auch da sind.
Denn normalerweise gehören sie nicht mehr dazu.

Aber Jesus ist anders.
Jesus hält sich nicht an das Normale.
Jesus nimmt sie in seine Arme.
So wie dich.
Amen.

*) diese Formulierung habe ich von Andrea Kuhla